Das Frauenkloster ›Schutz der Allheiligen Gottesgebärerin‹ in Bussy-en-Othe

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Frauenkloster ›Schutz der Allheiligen Gottesgebärerin‹ in Bussy- en- Othe in der nördlichen Bourgogne ist ein Frauenkloster im Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa. Als stauropigales Kloster untersteht es direkt der geistlichen Obhut Seiner Allheiligkeit des Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel.

 

Das Kloster ist das älteste orthodoxe Kloster in Frankreich. Es wurde im Jahre 1946 von vier Schwestern gegründet. Damals haben mit dem Segen des Metropoliten Evlogij die Schwestern Evdokija, Blandina, Feodosija und Glafira das Kloster gegründet. Zur ersten Äbtissin wurde Mutter  Evdokija gewählt. Als erster Priester diente der jungen Schwesterschaft der serbischen Priestermönch Mitrophan. Als Kloster bezogen die Schwestern einen ehemaligen Gutshof im Dorf Bussy-en-Othe. Waren die Anfänge des Konventes am Ende des Zweiten Weltkrieges noch sehr von materiellem Mangel, ja von Armut gekennzeichnet, so wurde die geistliche Ausstrahlung der Schwesternschaft für die orthodoxen Gläubigen in Frankreich sehr schnell bedeutend. Sowohl bei den Orthodoxen, als auch bei der katholischen Dorfbevölkerung in Bussy- en- Othe waren die Schwestern des Klosters als glaubensstarke Beterinnen bekannt. Aber auch ihre gute Bildung und andere irdische Begabungen setzten sie zum Wohle des Dorfes ein. Damals entstand das feste und vertrauensvolle zwischenmenschliche Band zwischen dem russischen Nonnenkloster und den Familien des Dorfes.

 

Die neue Klosterkirche zu Ehren der Verklärung Christi.
Die neue Klosterkirche zu Ehren der Verklärung Christi.

 

So haben sich die Schwestern intensiv um die Förderung der Bildung der Dorfkinder verdient gemacht. Unter der verstorbenen Äbtissin Mutter Olga, die im ihrem weltlichen Leben Rektorin eines Mädchen-Lyzeums gewesen war, haben die Schwestern eine Hausaufgabenbetreuung für die Kinder des Dorfes organisiert. Wegen der konsequenten menschlichen Zugewandtheit der Schwestern zur örtlichen Bevölkerung ist das Verhältnis des Dorfes zu „seinem“ Kloster bis heute eng und herzlich geblieben. Auch das vorbildliche monastische Leben des Konventes lies die Schwesterschaft im Laufe der Jahre auf heute 22 Schwestern anwachsen.

 

Die Schwesternschaft vor dem Gebäude des Konventes
Die Schwesternschaft vor dem Gebäude des Konventes
Die Schwestern beim Gottesdienst in der neuen Klosterkirche zu Ehren der Verklärung Christi
Die Schwestern beim Gottesdienst in der neuen Klosterkirche zu Ehren der Verklärung Christi

 

Obwohl heute die Mehrheit der französischen Kirchengemeinden im Pariser Exarchat heute französisch als liturgische Sprache verwendet, werden die Gottesdienste im Kloster bis heute in altkirchenslawisch zelebriert. Gleichzeitig aber kommen viele der Schwestern nicht mehr aus russischem oder russischstämmigem Milieu. Auch der Bildungshorizont der Nonnen ist weit gefächert. Die Art und Weise, wie die traditionelle russische orthodoxe Spiritualität in diesem Kloster in die monastische Lebenswirklichkeit übersetzt wird, lässt an den Sonn- und Feiertagen viele Pilger aus Frankreich, dem übrigen Westeuropa und sogar aus Russland in das Kloster in die ländliche nördlichen Bourgogne kommen. Schnell wurde deshalb die ursprüngliche Kapelle, die im ehemaligen Schweinestall des Gutshofes eingerichtet worden war und dem Schutz der Gottesmutter geweiht ist für die Schwesternschaft und die Pilger zu klein. Diese erste Kapelle war im Jahre 1948 geweiht worden.

 

Mere Olga
Mere Olga
Mutter Olga war die Äbtissin des Klostes von 1992 bis 2013. Seit ihrem Entschlafen zum Herrn ist Mutter Columba Igumenja des Klosters
Mutter Olga war die Äbtissin des Klostes von 1992 bis 2013. Seit ihrem Entschlafen zum Herrn ist Mutter Columba Igumenja des Klosters
Die alte Kirche des Klosters.
Die alte Kirche des Klosters.

 

So entschloss sich die damalige Äbtissin Mutter Olga mit unerschütterlichem Gottvertrauen an Planung und Errichtung einer neuen Klosterkirche zu gehen. Viele Orthodoxe in Frankreich hielten ihre Idee für viel zu ambitioniert und für praktisch nicht realisierbar. Ursprünglich dachten die Schwestern daran, ein Gebäude im typischen Moskauer Stil des 16. Jahrhunderts zu bauen. Aber schnell erkannten die Schwestern im Dialog mit der Dorfbevölkerung, dass eine sich harmonischer in das gewachsene Erscheinungsbild des französischen Dorfes einpassende Lösung gefunden werden musste. So entschieden sich die Schwestern am Ende, den Bau an den traditionellen Formen des byzantinischen Kirchenbaus auszurichten.

 

Blick über das Dorf Bussy-en Othe mit Blick auf katholische Pfarrkirche und orthodoxe Klosterkirche
Blick über das Dorf Bussy-en Othe mit Blick auf katholische Pfarrkirche und orthodoxe Klosterkirche

 

Inzwischen hatten die Äbtissin Mutter Olga und ihre Mitschwestern in vielen Gesprächen eine Vielzahl großherziger kleiner und großer Spender gewinnen können, so dass im März 2001 der Baugrund für das Fundament vorbereitet und gesegnet werden konnte. Die neue Klosterkirche sollte ihren Platz im Zentrum des bisherigen Klostergartens erhalten. Im April vollzog Erzbischof Sergej das Weihegebet und die Aufrichtung des heiligen Kreuzes am späteren Standort des Altars. Am 19. August wurde das Patronatsfest der Kirche (Verklärung Christi) mit der Festliturgie, die schon im Rohbau des Altarraumes gefeiert werden konnte, feierlich begangen.  Im November des gleichen Jahres war dann der Rohbau der Kirche mit Gottes Hilfe vollendet.

 

Schrein mit den Reliquien des heiligen gerechten Alexej von Ugine in der Klosterkirche. An jedem Dienstagabend findet nach der Vesper ein Moleben mit Akathistos vor den Reliquien des Heiligen statt.
Schrein mit den Reliquien des heiligen gerechten Alexej von Ugine in der Klosterkirche. An jedem Dienstagabend findet nach der Vesper ein Moleben mit Akathistos vor den Reliquien des Heiligen statt.

 

 

Das Leben unseres Vaters unter den Heiligen,

des heiligen gerechten Priesters Alexej von Ugine

 

Eine deutschsprachige Darstellung des Lebens des heiligen Alexej von Ugine fehlt leider bis heute. Um diesem Umstand abzuhelfen, wurde von mir im Gemeindebrief der orthodoxen Gemeinde in Albstadt und Balimngen eine Serie von vier Artikeln veröffentlicht, die hier nun zusammen abgedruckt werden. Für Leser, die russisch verstehen, sei hier auf die kleine SchriftСвятой праведный отец Алексей Южинский (1867-1934) - Bussy-en-Othe 2004 hingewiesen.

 

Der heilige, gerechte Alexej Ivanovič Medvedkov wurde am 01. Juli 1867 in der Familie des jungen Priesters Joann geboren, der im Dorf Fomichevo bei Vjasma als Gemeindepriester diente. Das Dorf Fomichevo liegt im Westen Russlands, etwa auf dem halben Weg zwischen Smolensk und Moskau. 

 

Nachdem sein Vater kurz nach seiner Geburt verstarb, begann für den jungen Alexej ein Leben in Beschränkung und Armut. Gleichzeitig war für ihn als Sohn eines Priesters, wie für die Mehrheit der damaligen russischen Landbevölkerung, sein weiterer Lebensweg schon von Geburt an vorbestimmt. Den damaligen gesellschaftlichen Vorstellungen in Russland entsprechend, sollte auch Alexej, wie schon sein Vater, ebenfalls Kleriker, wenn möglich Priester werden. Denn von der Zeit Peters des Großen an bildete der Klerus in Russland bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine in sich abgeschlossene, gesellschaftliche Klasse. Die Söhne der Priester, Diakone oder Psalmleser wurden ebenfalls wieder Geistliche und heirateten auch wieder die Töchter von Geistlichen. So bestimmte oft das Herkommen aus einer Priesterfamilie maßgeblich Werdegang der angehenden Priester.

 

So besuchte auch Alexej zuerst die Kirchenschule und dann das geistliche Seminar in Sankt  Petersburg, das er im Jahre 1889 abschloss. Trotz seines glänzenden Examens hielt sich der spätere Heilige, entgegen den Ansichten seiner Studienfreunde für unwürdig, sich sofort nach Abschluss des geistlichen Seminars zum Priester Weihen zu lassen. So entschloss er sich zunächst, eine Stelle als Kirchensänger und Lektor anzunehmen, auch um den Lebensunterhalt für sich und seine mittellose Mutter bestreiten zu können. Mit seiner wohlklingenden Bassstimme wurde er zum Chorleiter und Dirigenten an der Kirche zu Ehren der heiligen Großmärtyrerin Katherina auf der  Vasilevsky-Insel bei Sankt Petersburg berufen. Hier heiratete der zukünftige Heilige. Der Name und Herkommen seiner Matuschka sind uns nicht überliefert.

 

 

Die folgenden fünf Jahre verbrachte der später Heilige dort und diente der Kirche als Lektor und Dirigent des Kirchenchores. In seiner Petersburger Zeit pflegte der zukünftige Heilige regelmäßig beim heiligen Joann von Kronstadt zu beichten. Die geistliche Begleitung durch diesen großen Prediger, Beichtvater und Seelsorger fiel vor den Zeitraum, in dem dieser dann an der Kronstädter Kathedrale von den ratsuchenden Massen aus ganz Petersburg und weit darüber hinaus aufgesucht wurde. Mit sicherem Blick erkannte der heilige Joann schon bald den tiefen Glauben, sowie die aufrichtige Frömmigkeit und Gottesfurcht, von der der heilige Alexej erfüllte war und erteilte ihm seinen Segen für den Weg zum Priestertum. Am Weihnachtsfest des Jahres 1895 wurde Alexej durch den Metropoliten Palladij von Sankt Petersburg zum Diakon und zwei Tage später zum Priester geweiht. Der neugeweihte Priester Vater Alexej wurde zum Gemeindepriester an der Mariae- Entschlafens- Kirche im Dorf Vruda im Bezirk Jamburg im Gouvernement Sankt Petersburg ernannt. Das Dorf Vruda liegt etwa 95 km südwestlich von Sankt Petersburg und rund 25 km östlich der heutigen Grenze zu Estland. Vater Alexej wurde hier zum Seelsorger einer auch für russische Verhältnisse besonders armen Dorfgemeinde. Dort verbrachte Vater Alexej die nächsten 23 Jahre seines Lebens.

 

Schnell gewann Vater Alexej zuerst das Vertrauen und dann die innige Zuneigung und Liebe seiner 1500 ihm anvertrauten bäuerlichen Pfarrkinder. Mit großer Innigkeit und Frömmigkeit vollzog er die Gottesdienste an der von Ihm betreuten Mariae-Entschlafens-Kirche, einem Bau in den klassizistischen Bauformen seiner Entstehungszeit in Jahre 1840. Vater Alexej versah neben seinem eigentlichen priesterlichen Dienst auch die Aufsicht über die lokalen Dorfschulen der umliegenden Dörfer und Weiler und über das Waisenhaus in Vruda.  Auch seine verwitwete Mutter Leonilla lebte bei ihrem Sohn. In der Kirchengemeinde übernahm sie das verantwortungsvolle Amt einer Prosphorenbäckerin. In dieser Zeit wurden Vater Alexej und seiner Matuschka auch zwei Töchter geboren.

 

Voll Eifer versah Vater Alexej seinen seelsorgerlichen Dienst und wurde dafür von seinen Pfarrkindern heiß und innig geliebt. Immer wieder besuchte er die Häuser der Gläubigen und ermutigte sie, in der Zeit einer oft nur formal zur Schau getragenen Zugehörigkeit zur Orthodoxie nicht nur mit ihren Lippen und in der Beachtung äußerer Rituale, sondern aus der Tiefe ihrer Herzen  in der orthodoxen Glaubenspraxis und Frömmigkeit zu leben. Für den heiligen Alexej war der Heilige Orthodoxe Glaube immer eine alle Bereiche der menschlichen Existenz prägende Lebensform und nicht ein ideologisch nutzbares, religiöses Versatzstück. Um das religiöse Wissen seiner Pfarrkinder zu heben und ihr Gewissen zu schärfen verbrachte er ganze Nächte damit, die Werke der heiligen Väter zu studieren und aus ihnen Gedanken herauszuschreiben, die er in der Predigt verwenden konnte. So verwandte er große Teile seines bescheidenen Gehaltes dafür, die Werke der heiligen Väter anzuschaffen, um sie für seine Pfarrkinder geistlich nutzbar zu machen. Da die Pfarrgemeinde sehr arm war, war Vater Alexej gezwungen wie seine Pfarrkinder das Kirchenland wie ein Bauer zu bestellen. Dies verschaffte ihm aber auch eine besondere Nähe und Vertrautheit zu seinen Pfarrkindern, was sich für die Möglichkeiten zu Seelsorge und Glaubensvermittlung sehr positiv auswirkte. Auch sein Bischof erkannte sehr schnell seinen, aus inniger Verbundenheit und Mitgefühl entspringenden, großen priesterlichen Eifer und seine persönliche Demut und erhob ihm im Jahre 1916 in den Rang eines Erzpriesters.

 

Sein großer priesterlicher Eifer und das daraus resultierende lebendige kirchliche Leben lässt es nicht verwunderlich erscheinen, dass Vater Alexej sofort nach der Machtübernahme der Bolschewiken im Jahre 1917 von der Čeka, der sowjetischen politischen Polizei, verhaftet wurde. Damals war Vater Alexej fünfzig Jahre alt. In kommunistischer Gefangenschaft wurde er schwer gefoltert, seine Arme und Beine wurden gebrochen, er wurde derart mit Peitschen geschlagen, dass ein Gesichtsnerv zerriss und schließlich wurde er zum Tode verurteilt. Nur wegen des außergewöhnlichen Mutes seiner ältesten Tochter, die sich selbst den kommunistischen Machthabern als Geisel für ihren geschundenen Vater anbot, verhinderte, dass Vater Alexej wie so viele andere Bischöfe, Priester, Mönche, Nonnen und gläubige Laien von den Gottlosen um seines gelebten orthodoxen Glaubens willen einfach umgebracht wurde. Jedoch blieb der Leib des heiligen Bekenners Alexej Zeit seines Lebens von den Folgen der schweren Folterungen gezeichnet. So war sein Gesicht teilweise gelähmt und seine Mimik war deshalb stark eingeschränkt. Auch war sein rechtes Auge weiter geöffnet als sein linkes.

 

Im Jahre 1919 gelang es dann der gesamten Familie ins benachbarte Estland zu entkommen. Dort ließen sie sich in einem Ort namens KochtlaIarve nieder. Das Leben als mittellose Flüchtlinge war für Vater Alexej und seine Familie schwer und bitter. Zum Verlust der Heimat und mit ihr der vertrauten Sprache den gewohnten Sitten der Menschen kamen noch die schweren materiellen Existenzbedingungen. Um seine Familie zu ernähren nahm Vater Alexej schwerste körperliche Arbeit in Kauf. So verdingte er sich an der Seite estnischer Sträflinge in einem Ölschiefersteinbruch. Mit Mitte Fünfzig konnte er die körperlichen Belastungen kaum ertragen. Am Ende gelang es ihm eine Beschäftigung als Nachtwächter zu bekommen. Im Jahre 1923 wurde Vater Alexej von der Orthodoxen Kirche in Estland zum zweiten Priester der Kirche in Levve ernannt. Er feierte dort die Göttliche Liturgie an jedem Sonntag und war als Hilfslehrer an der Pfarrschule tätig. Seine wirtschaftlichen Lebensumstände blieben jedoch weiterhin von großer Armut geprägt. Im Jahre 1926 erkrankte seine Matuschka schwer und verstarb im Jahre 1929. Von schwerer körperlicher und seelischer Erschöpfung gekennzeichnet, wandte sich Vater Alexej an S. E. Metropolit Evlogj in Frankreich und bat ihn um Aufnahme in den Klerus seines Bistums. 

 

Nach der Überwindung vieler Schwierigkeiten und Hürden, die ein staaten- und mittelloser russischer Emigrant in den 1920-er und 1930-er Jahren bei der Einreise nach Frankreich hatte, erreichten Vater Alexej, seine zwei Töchter und ein inzwischen geborener Enkelsohn endlich im Jahre 1930 französischen Boden. Hier ernannte ihn Metropolit Evlogij zum Pfarrer (Recteur) der Kirche zu Ehren des heiligen Wundertäters Nikolaus von Myra in Ugine in den Französischen Alpen nahe bei Grenoble. In Ugine hatte eine Gruppe von Kuban- Kosaken im dortigen metallverarbeitenden Industriewerk eine Beschäftigung gefunden. Neben dieser Gruppe aus dem Kubangebiet gab es in Ugine auch Flüchtlinge aus Nordrussland, aus Moskau, Sankt Petersburg und Pskov. Zwischen 1923 und 1931 erreichten rund 2000 russische Emigranten Ugine in den savoyischen Alpen. 600 von ihnen fanden Lohn und Brot im metallverarbeitenden Werk des Ortes, ungeachtet ihrer Vorbildung und bisherigen beruflichen Werdegänge. Im Dezember 1926 richtete die Werksleitung in einer Baracke eine Behelfskirche für die orthodoxen russische Flüchtlinge ein, die von diesen im Laufe der folgenden Zeit (seit 1927) mit Ikonen und Kirchengeräten als  orthodoxe Kapelle eingerichtet wurde.

Vater Alexej wurde in Ugine nun Priester von aufgrund traumatischer Erlebnisse oft neurotischer und desillusionierter Menschen. Und er begegnete ihnen mit seinem tiefen Glauben und seiner intensiven Frömmigkeit. Vater Alexej blieb immer der einfache russische Landpfarrer, der er im Grunde seines Herzen stets gewesen war. Weiterhin trug er seinen alten, abgetragenen Podrasnik. Darüber war sein von Entbehrungen und Leiden gezeichnetes Gesicht zu sehen. Dahinter aber strahlte noch immer das Antlitz jenes engagierten Priesters und Seelsorgers, der er seit seiner Priesterweihe immer  gewesen war. Die Jahre der Not hatten sein tiefes Gottvertrauen nicht erschüttern können, vielmehr hatten sie ihn zu einem wahren Mann des Gebetes geformt. Er war ein Priester, der die Göttliche Liturgie mit größter Achtsamkeit und Ehrfurcht vollzog. Oft feierte er die Liturgie auch an den auf Werktage fallenden Festtagen der Heiligen. An den Sonn- und Festtagen vollzog er sie jedoch mit besonders großer Feierlichkeit. Als Zelebrant wurde Vater Alexej selbst zum Gebet, das aus seinem vom Glauben erfüllten Herzen zu Gott aufstieg. Bei der Feier der Göttlichen Liturgie wurde er von einem Chor frommer Sänger begleitet, die die kirchlichen Gesänge in großer Qualität darboten und die Gläubigen damit im Gebet unterstützten. Schon lange vor Beginn des Gottesdienstes kam Vater Alexej in die Kirche, um zu beten und sich damit auf die Feier der allheiligen Mysterien vorzubereiten. Bei der Zelebration sang er jedes Wort sehr klar und deutlich und machte auch keine Kürzungen oder Auslassungen. Oft predigte er an der entsprechenden Stelle und seine Homilien waren lang und gut strukturiert. Nach Ende der Liturgie blieb Vater Alexej in der Kirche, um zu beten und auf Bitten der Gläubigen Panychiden (Totengedenkgottesdienste) und Moleben (Bittgottesdienste) abzuhalten. Grundsätzlich nahm Vater Alexej für diese Gedenkgottesdienste kein Geld von den Gläubigen an.

Obwohl sich Vater Alexej´s materielle Situation seit seiner Übersiedlung nach Frankreich deutlich verbessert hatte, sandte ihm der Herr neue Prüfungen. Unter seinen Pfarrkindern, deren Lebensumstände durch den harten Arbeitstag als Industriearbeiter und dessen oft unabweisbaren Notwendigkeiten geprägt war, brachten nur geringes Verständnis für seine von Demut und echt christlichem Mitleiden geprägte Haltung auf. Stets sprach Vater Alexej nur Gutes über jedermann und nie ließ er sich in Intrigen und Streitigkeiten zur Partei einer Seite machen. Wenn er beschuldigt oder angeklagt wurde, antwortete er mit demütigem Schweigen. Auch hörte er mehr zu als dass er selber sprach. Wenn die Gespräche sich politischen Themen zu wandten oder jemand beschuldigt oder angegriffen wurde, wurde Vater Alexej zunehmend still und begann zu beten.

 

Eine besondere Gabe hatte Vater Alexej beim Umgang mit Kindern, die er auch in der Sonntagsschule unterrichtete. Viele seiner Pfarrkinder erinnern sich an ihn als einen frommen und ehrhaften Mann, sehr höflich, eher würdevoll zurückhaltend als scheu. Stets dankte er Gott für Alles was ihm wiederfuhr,  auch wenn der Herr ihm große Nöte schickte. Vater Alexej war ein großer Fürbitter, still und freundlich; bis in die Tiefen seine Seele geprägt von gebetserfüllter Demut und innigstem Mitleid. Er verweigerte sich nur, wenn man von ihm erwartete, dass er andere verurteile oder verleumde. Da Vater Alexej auch in Ugine die meisten materiellen Gaben, die er erhielt wieder wegschenkte, blieb sein Leben auch in Ugine von wirtschaftlicher Armut geprägt.

 

Für Vater Alexej war es schwierig, sich in unter den Fraktionen und Parteiungen der meist stark politisierten Exilrussen zurechtzufinden. Leider teilten auch seine Kinder nicht seinen vom tiefen christlichen Glauben erfüllten Standpunkt. Einige Pfarrangehörige stießen sich den langen Gottesdiensten oder rümpften die Nase über seine ärmliche Kleidung. Nach weltlichen Maßstäben urteilende Menschen mit militärischer Vergangenheit, die es gewohnt waren zu befehlen, bestimmten zunehmend im Pfarrgemeinderat. Ihr Hauptaugenmerk galt nicht dem Glauben und den kirchlichen Belangen, sondern der Durchsetzung politischer Doktrinen und Ideen. Ihr Ziel war es - zumindest im Milieu der Emigranten - wieder herrschen zu können. Diese Cliquen versuchten beständig Vater Alexej auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Jedoch ließ er sich weder instrumentalisieren, noch griff er sie an, sondern zog sich einfach ins stille Gebet zurück. Als diese Kreise sahen, dass Vater Alexej sich nicht von ihnen benutzen ließ, versuchten sie ihn als Priester unmöglich zu machen. Falsche Anschuldigungen wurden erhoben, Tatsachen wurden verdreht und die böse Saat der Lügen wurde ausgestreut. Und die ganze Intrige wurde als geschickt verpackte Verleumdung dem Metropoliten Evlogij in Paris zugetragen. Einige Pfarrmitglieder gingen sogar so weit, Vater Alexej während der Gottesdienste zu schikanieren. Schließlich lud der Metropolit Vater Alexej nach Paris vor, um den Fall genau untersuchen zu können. Nun trat eine andere Gruppe von Pfarrgemeindemitgliedern auf den Plan, die es bei derartigen Fällen auch immer gibt, nämlich die schweigende Mehrheit. Sie erkannten, dass dieser demütige und arglose Priester, den sie als ihren Seelsorger und Priester schätzten, und den sie gern behalten mochten, nicht in der Lage sein würde, sich selbst hinreichend zu verteidigen. Voller Furcht fuhr Vater Alexej nach Paris. Dort erkannte Metropolit Evlogij sofort, was für ein abgekartetes Spiel In Ugine gespielt werden sollte. So verteidigte Vladika Evlogij  selbst vor dem kirchlichen Gericht seinen frommen und demütigen Priester. Ein neuer Pfarrgemeinderat wurde gewählt. Jedoch hatten die Auseinandersetzungen und Intrigen Vater Alexej´s Gesundheit erheblich angegriffen. Schon seit seiner Folterung durch die Kommunisten stand es damit nicht mehr zum Besten. Auch die folgenden, entbehrungsreichen Jahre des Exils hatten ihr Übriges getan. Nun wurde Krebs bei Vater Alexej diagnostiziert. Sein Dickdarm war betroffen. Im Juli 1934 wurde er in das Krankenhaus von Annecy am Genfer See gebracht. Hierher kamen nun seine treusten Pfarrkinder um ihrem einsamen Hirten beizustehen.

 

 

In seiner Krankheit und Einsamkeit fand Vater Alexej Trost und Zuflucht im Gebet. Schon immer liebte er das Gebet der Akathistos- und Kanonhymnen. Nun betete er oft den Akathistos zum heiligen Großmärtyrer Panteleimon, dem großen heiligen Arzt, Heiler und Uneigennützigen. So kamen nach Gottes Tatschluss die letzten Tage im irdischen Leben des heiligen Alexej. Er spürte seinen Tod kommen und sah ihn voraus. Auch eine Operation brachte ihm keine Linderung. Im August 1934 besuchte ihn eine größere Gruppe seiner Pfarrkinder. Bei ihrem Besuch ermunterte Vater Alexej sie ein christliches Leben mit Gebet und Fasten zu führen. Vater Alexej litt große Schmerzen, da man in der damaligen Zeit noch keine Versorgung sterbender Patienten mit schmerzstillender Behandlung, wie sie heute in der Krebsmedizin Standard sind kannte. Trotz allem verzweifelte Vater Alexej nicht und auch sein Verstand und das Bewusstsein blieben ungetrübt. Da Vater Alexej einen plötzlichen Tod fürchtete wollte er sich auf seinen Heimgang zum Herrn vorbereiten. Der einzige Priester, den er im Umkreis von Annecy rufen konnte, gehörte zur russischen Auslandskirche. Später besuchte ihn auch sein Beichtvater, der ihm auch die Heiligen Gaben reichte. Im Anschluss bat er jedermann um Vergebung, besonders jene, die ihn verfolgt hatten. Unter Gebet und Tränen erbat er die Gnade Gottes. Seine Zimmernachbarn im Krankenhaus berichteten, dass der heilige Alexej am Abend seines Todes kirchliche Hymnen sang. Am frühen Morgen des 22. August 1934 entschlief der heilige Alexej im Herrn. Am Tage vor seinem Heimgang hatte er gebeichtet, die heiligen Gaben und das Sakrament der Ölsalbung empfangen. Nach seinem Tode stellten die Ärzte fest, dass sich die Tumore im ganzen Körper ausgebreitet hatten. Alle russischen Emigranten, egal zu welcher Jurisdiktion sie sich kirchlich hielten, nahmen an der Beerdigung des heiligen Alexej in Ugine teil. Zunächst wurde der Leib des Heiligen im ersten Grab, das zu bekommen war, beigesetzt. Später erwarb der neue Pfarrer der Gemeinde eine Grabstelle für die nächsten 25 Jahre. So wurden die Reliquien damals erstmals umgebettet, wobei der Sarg drei Tage außerhalb der Erde stand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wechselte die Kirchengemeinde in Ugine aus der Jurisdiktion unseres Exarchats in die des Bistums des Moskauer Patriarchates in Frankreich. Im Jahre 1953 beschloss der Gemeinderat der Stadt Ugine den Friedhof aufzulassen, um das Gelände zur Bebauung frei zu geben. Die Angehörigen der auf dem Friedhof Bestatteten konnten jedoch eine Umbettung ihrer verstorbenen Verwandten vornehmen lassen. Die orthodoxe Gemeinde hielt jedoch die Kosten für eine Umbettung des heiligen Alexej für zu hoch. Darauf lieh sich der Gemeindepriester, Vater Philip Športak, die benötigte Summe. Am 22 August des Jahres 1956 genau 22 Jahre nach dem Entschlafen des Heiligen wurden die Reliquien erneut exhumiert. Als die Arbeiter das Grab öffneten, erwarteten sie nur Restes des Sarges und Knochen vorzufinden. Zwar war der Sarg bis auf einige Reste zerfallen, doch der Leib des heiligen Priesters war vollkommen unversehrt, als ob er erst vor kurzem beerdigt worden sei. Seine Hände und das Antlitz sahen aus, als ob sie aus Wachs geformt wären. Auch die priesterlichen Gewänder und das heilige Evangelienbuch waren vollkommen unversehrt. Nur der versilberte Oklad des Evangeliums war vor Alter und wegen der Feuchtigkeit der Erde schwarz geworden. Da der Körper des Heiligen durch die Krebsmetastasen vollkommen zerfressen worden war, hatten die Ärzte in Annecy diagnostiziert, dass der Körper in kürzester Zeit zerfallen würde. Da man vor der Exhumierung nur noch Knochenreste zu finden erwartete, hatte man nur einen kleinen Sarg bereitgestellt. Dieser konnte nun aber die unversehrt gebliebenen Reliquien des Heiligen nicht fassen. So wurden seine Arme und Beine angewinkelt. Die Reliquien wiesen, obwohl sie in der Augusthitze drei Tage außerhalb der Erde standen, keine Zerfallserscheinungen auf und sonderten auch keinen Verwesungsgeruch ab. Russen und Franzosen kamen, um sich das für sie ungewohnte Phänomen anzusehen. Die Ungläubigen sagten voraus, dass der Körper bei Kontakt mit Luft bald anfangen würde, zu zerfallen. Doch dies geschah jedoch nicht, sondern die Reliquien des Heiligen blieben unversehrt. Schließlich hielt Vater Philip bei strömenden Regen den erneuten Beerdigungsgottesdienst. Viele Gläubige knieten und beteten. Auch aus der katholischen Gemeinde waren viele Franzosen, Polen und Italiener gekommen. Die Ungläubigen unter den Anwesenden zuckten mit den Schultern und schüttelten den Kopf, denn sie konnten das Phänomen nicht recht deuten. Auf Bitte von Vater Philip kam S. E. Metropolit Nikolaj, der Bischof des Moskauer Patriarchates in Frankreich, um am noch offenen Grab eine Panychida (Totengedenkgottesdienst) zu halten. Unser Exarchat entsandte am 02. Oktober 1957 als Vertreter des amtierenden Metropoliten Vladimir Vater Paul Poulmalsky, sowie den Sekretär des Diözesanrates Herrn C. M. Kniazeff. Zusammen mit Ihnen war auch die Nonne Mutter Théodosia aus dem Kloster zu Ehren des Schutzes der Allheiligen Gottesgebärerin in Bussy- en- Othe anwesend. Sie sprachen mit den Augenzeugen und verfassten einen Bericht für S. E. Metropolit Vladimir. Vater Paul schlug vor, den Leib des heiligen Alexej auf den Friedhof bei der Mariae-Entschlafenkirche in Sainte-Genevieve-des-Bois bei Paris zu überführen. Diesem Vorschlag stimmte S. E. Metropolit Vladimir zu. So wurde schließlich der 03. Oktober 1957 für die Überführung der Reliquien nach Paris bestimmt.

 

Am Tage der Überführung fand eine Panychida in der Kirche von Ugine statt. Obwohl es ein Werktag war, war die kleine Kirche voller Beter, so dass man wegen der Enge kaum einen Platz zu finden vermochte. Die Überführung der Reliquien wurde im Nonnenkloster zu Ehren des Schutzes der Allheiligen Gottesgebärerin in Bussy- en- Othe unterbrochen. Dort feierte Vater Paul Poulmalskij eine weitere Panychida. Bei diesem Gebetsgottesdienst konnten alle Anwesenden und die Nonnen des Klosters die Reliquien des Heiligen verehren.

 

Der Leib des heiligen Alexej kam am Abend desselben Tages, dem 03. Oktober 1957, in Sainte- Genevieve-des-Bois bei Paris an. Inzwischen war bekannt geworden, dass zwei Personen auf die von ihnen erbetene Fürbitte des heiligen Alexej hin wundersam von ihren ernsten Erkrankungen geheilt worden waren. Die Reliquien wurden in die Krypta der Mariae- Entschlafen-Kirche gebracht und es wurde vor ihnen eine weitere Panychida zelebriert. 

 

Am nächsten Tag vollzog S. E. Bischof Methodius aus unserem Erzbistum die Göttliche Liturgie. Der Liturgie folgte eine Panychida, an der auch verschiedene Priester der anderen russischen Jurisdiktionen dem Moskauer Patriarchat und der russischen Auslandkirche teilnahmen, obwohl es zu dieser Zeit noch keine Kommunionsgemeinschaft mit der Auslandskirche gab. In seiner Predigt sagte Vater Philip Športak, dass durch den unversehrten Leib seines demütigen Dieners des guten Priesters Alexej unser Herr und Gott uns daran gemahne, stets treue Kinder der einen orthodoxen Kirche zu sein. 

 

Von 1957 bis 2004 blieben die Reliquien des Heiligen in der Krypta der Mariae-Entschlafen-Kirche in Sainte-Geneviève-des-Bois. Am 16. Januar 2004 wurde der Heilige und Gerechte Priester Alexej von Ugine zusammen mit den vier Pariser Neomärtyrern, die das Märtyrium unter der Nazi-Okkupation erlitten hatten, durch den Heilige Synod des Ökumenischen Patriarchates in Konstantinopel kanonisiert. Am 02. Mai 2004 vollzog S. E. Erzbischof Gabriel von Comana die feierliche Proklamation dieser neuverherrlichten orthodoxen Heiligen in der Alexander- Nevsky- Kathedrale in Paris. Am 13. Oktober 2004 wurden dann die Reliquien des Heiligen und Gerechten Alexej in das Nonnenkloster Mariae-Schutz in Bussy-en-Othe überführt. Seit dieser Zeit ruhen sie in der dortigen Klosterkirche.

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija v. Gojan