Den orthodoxen Glauben denkerisch bezeugen - Apologetische Katechesen

 

Apologetik - den orthodoxen Glauben denkerisch bezeugen

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort (ἀπολογίαν) zu stehen, der nach der Vernünftigkeit ("λόγος") der Hoffnung fragt, die euch erfüllt. und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen."

 

1.Petrus 3,15 f

 

Die Apologetik ist eine auf Argumente gestützte Darlegung unserer christlichen Glaubensinhalte. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort "Apologia" (ἀπολογία) ab und bedeutet "Verteidigung oder auch Verteidigungsrede". Schon im zweiten Jahrhundert sahen sich Christen wie die der heilige Justin der Märtyrer oder der heilige Athenagoras von Athen veranlaßt, den christlichen Glauben mit logisch nachvollziehbaren Beweisführungen gegenüber Anklägern und Andersdenkenden zu verteidigen. Dabei erwuchs aus einer Verteidigungsrede oftmals auch eine Predigt der christlichen Glaubenswahrheiten (vgl.: 2 Timotheus 4:16-17; Apostelgeschichte 22:1 ff; Philemon 1:7).  Der römische christliche Philosophen Boethius rät uns: "Verknüpfe, wenn du kannst, den Glauben mit der Vernunft."

  

Der heilige Justin der Märtyrer - Άγιος Ιουστίνος ο Απολογητής και φιλόσοφος.
Der heilige Justin der Märtyrer - Άγιος Ιουστίνος ο Απολογητής και φιλόσοφος.

 

Der große Lehrmeister der christlichen Apologetik ist der heilige Apostel Paulus. Während Paulus die Einsprüche der Juden weitgehend mit Schriftworten aus dem Alten Testament beantwortete (z. B. Apostelgeschichte 13:26-41; Römer 2), griff er bei der Missionierung der griechischen und römischen Heiden oft auf die menschliche Vernunft ansprechende Zitate aus dem philosophischen Denken der antiken Griechen sowie deren Argumentationsverfahren zurück. Er konnte so an das Urteilsvermögen seiner Zuhörer appellieren (1. Korinther 10:15), sich an Gedankengänge der antiken Philosophie anschließen (Apostelgeschichte 17:16-34), an antike, römische Vorstellungen über Gott anknüpfen (Apostelgeschichte 14:8-18) oder auch von der Schöpfung abgeleitete Schlussfolgerungen benutzen (Römer 1:18-32). Jedoch stellt der in jüdischer Theologie und hellenistisch-antikem Wissen hochgebildete Völkerapostel eindeutig klar, daß die Weisheit dieser Welt Gott nicht zu erkennen vermag (1 Korinther 1:21). Grundlage aller christlichen Verkündigung (θεολογία) ist und bleibt ihm deshalb das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Dieses wird für uns wiederum durch die schriftliche Überlieferung der heiligen Apostel (die Briefe und Apostelgeschichte) sowie deren ungeschriebenen Überlieferungen (Heilige Tradition) ausgelegt. Deshalb kann die Heilige Schrift in angemessener Weise nur durch die Heilige Tradition, wie sie von der Orthodoxen Kirche treu bewahrt und durch die heiligen Väter gütig ausgelegt worden ist, verstanden werden.

 

Der heilige Apostel Paulus verkündet in seiner berühmten apologetischen Rede auf dem Athener Areopag den Hellenen das heilige Evangelium.
Der heilige Apostel Paulus verkündet in seiner berühmten apologetischen Rede auf dem Athener Areopag den Hellenen das heilige Evangelium.

 

Wie zu allen Zeiten steht die orthodoxe Kirche und der christliche Glaube auch heutzutage vor großen Herausforderungen. In unserer westlich geprägten Gesellschaft wird einerseits der immer weiter um sich greifende Agnostizismus, der damit einhergehende hedonistische Materialismus und der immer wieder aufflammende Atheismus, anderseits die Subjektivierung jeder religösen und spirituellen Erfahrung zu einer Bedrohung für den kirchlich orientierten Glaubens im Herzen vieler Menschen. Im übrigen hat der materielle Hedonismus mit seinem Tanz um Macht, Geld und Konsum längst auch bisher traditionell orthodox geprägte Länder wie Russland, Serbien, Bulgarien oder Griechenland erreicht. Als praktizierende orthodoxe Christen können wir in dieser Situation bei der Darlegung und Verteidigung unseres Glaubens - und das meint "Apologetik" - auf einen reichen Erfahrungsschatz der Heiligen und viele hilfreiche kirchliche Texte aus den vergangenen Jahrhunderten zurückgreifen. Die gilt auch in Bezug auf den Proselytismus neo-protestantischer und pentekostaler Sekten und die verstärkt missionierend hervortretende Wirksamkeit hiesiger islamischer Gemeinden.

 

Wir sollten deshalb die orthodoxe Apologetik als eine Funktion der kirchlichen Katechese verstehen, die ihren besonderen Charakter dadurch gewinnt, dass sie die Fragen der Andersdenkenden aufgreift, für diese nachvollziehbar zu beantworten versucht und ihnen damit die kirchlich erfahrbare Wahrheit bezeugt.

 

Über die allheilige Gottesgebärerin

und Immerjungfrau Maria –

Eine Gesprächshilfe für den Dialog

mit protestantischen und freikirchlichen Mitchristen.

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Im großen Glaubensbekenntnis von Konstantinopel (381), im Übrigen dem einzigen „ökumenischen Glaubensbekenntnis“, das allen Christen gemeinsam ist, heißt es: 

 

”Den (das ist Jesus Christus) für uns Menschen und zu unserem Heile von Himmel Herabgestiegenen, Der Fleisch angenommen hat aus dem Heiligen Geist und Maria, der Jungfrau, und Mensch geworden ist.” 

 

Dieses Bekenntnis ist die Grundlage für alle Aussagen der Orthodoxen Kirche über die aalheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Für uns Orthodoxe ist die heilige Jungfrau Maria, die allheilige Gottesgebärerin, deshalb, die Mutter Gottes, unsere innige Fürsprecherin beim HERRN. In der gesamten orthodoxen Tradition und Frömmigkeit spielt die Verehrung der Gottesmutter eine besonders wichtige Rolle. Es gibt keine Gebetsfolge, die sich nicht auch um Hilfe und Beistand an die Allheilige wendet. Deshalb wir Orthodoxe uns von Kindesbeinen an in einer innigen, persönlich geprägten und geradezu familiären Beziehung zur allheiligen Gottesgebärerin.

 

In Glaubensgesprächen mit westlichen Christen ruft diese Haltung der Orthodoxen leider oft Skepsis und Unverständnis  hervor. Gerade Mitchristen, deren Verständnis des Glaubens in kirchlichen  Gemeinschaften, die von der reformatorischen Kritik an der Verehrung der Gottesgebärerin geformt wurde, geprägt sind, reicht es oft nicht aus, einfach auf unsere Erfahrung mit der Hilfe, der Fürsprache, dem Beistand und dem Schutz der allheiligen Gottesmutter Maria zu verweisen. Ihre   Reserven gegenüber der kirchlichen Tradition und Frömmigkeit sehen sie in einer angeblich fehlenden Christus-Zentrierung und einer ebensolchen fehlenden Grundlegung im heiligen Evangelium begründet. Da aber nach orthodoxen Verständnis die Heilige Tradition der einzig angemessene Verständnisschlüssel ist, mit dem die Heiligen Schriften, die ja als Bibel zusammengefasst, ein Buch der Kirche ist, gelesen werden können und dieses rechte Verständnis der Heiligen Schriften im Orthodoxen Glaubensbekenntnis auf die angemessen Weise ausgedrückt wird, sollen  hier nun zehn „Gesprächs-Bausteine“, zehn biblische und kirchliche Belege für die Verehrung der Allheiligen genannt werden:

 

l. Gott selbst hat Maria geehrt und auswählt, damit sie unseren Gott und Herrn Jesus Christus, unseren Heiland und Erretter, in diese Welt bringen sollte. Kein anderes Wesen der Welt hat eine ähnliche ehrwürdige Aufgabe gehabt. Dieser Aufgabe, die allheilige Gottesmutter bei der Botschaft des Erzengels Gabriel freiwillig angenommen hat, war eine Gabe Gottes, ein Privileg. Sie nahm dieses als ein Geschenk an, das aber seinen Ursprung nicht in ihrem persönlichen Willen, sondern in der Gnade Gottes hatte. Wiederum aber war es ihr eigenes Bemühen, dass sie das Wort Gottes, das an sie durch das Wort des Erzengels Gabriel erging, hörte und in ihrem Herzen treu bewahrte. So wurde sie zur Ersten der durch Christi Heiltaten Erlösten. Denn unsere Erlösung geschieht durch die freiwillige Annahme und Hinwendung zur gnadenhaft von Gott zu uns kommenden Vergöttlichung (Theosis). Gott zwingt niemanden, gerettet zu werden, sondern bietet uns unsere Errettung in Liebe an. Der Mensch muss diesem Rettungsangebot mit freiem Willen zustimmen. Dies hat die allheilige Jungfrau Maria in besonders vorbildlicher Weise getan. 

 

2. Schon in der Offenbarung der alttestamentlichen Heiligen Schriften finden wir die Vorhersage, dass die heilige Jungfrau Maria die Vermittlerin für die Ankunft Jesu Christi, des Messias, sein wird (vgl.: Genesis 3:15; Jesaja 7:14). Der heilige Prophet und König David, der Psalmist prophezeite über sie: „Königstöchter gehen Dir entgegen, die Braut steht Dir zur Rechten geschmückt mit Gold aus Ophir“ (Psalm 45:11).

 

3. Der heilige Erzengel Gabriel – der Bote und Überbringer der himmlischen Botschaft der Menschwerdung des Gottessohnes – hat die heilige Jungfrau Maria begrüßt und ihr gesagt: „Gegrüßet seist du Maria; du bist voll der Gnade, der Herr sei mit dir“ (Lukas 1:28).

 

4. Die heilige Elisabeth, die Mutter des heiligen Johannes, des Vorläufers und Täufers des Herrn, hat die Mutter Gottes, die heilige Jungfrau Maria, in besonderer Weise geehrt und hat zu ihr gesagt: „Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen... wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt“ (Lukas 1:42).

 

5. Die heilige Gottesmutter hat unseren Erlöser Jesus Christus durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen: Sie wurde dadurch übernatürlich und in besonderer einzigartiger Weise geweiht, denn sie hat Christus, den Erretter, den Heiland aller Menschen geboren. „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebräer 13:8), das heißt: Er war, ist und wird das Heilige Kind des Höchsten und der Sohn Gottes sein (Lukas 1:35).

 

6. Maria hat mit prophetischem Bewusstsein in Demut gesagt: „Siehe ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort“ (Lukas 1:38) und ebenfalls:“ Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter. Denn Großes hat der Allmächtige an mir getan“ (Lukas 1:48-49).

 

7. Selbst unser Herr Jesus Christus hat seine Mutter geehrt. Er war ihr gehorsam (Lukas 2:51) und hat auf sie gehört, zum Beispiel in Kana hat Er auf ihre die Bitte das erste Wunder geschehen lassen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Christus auch heute nicht die inständigen Bitten Seiner allheiligen Mutter für uns ungehört sein lassen wird. Als Christus gekreuzigt wurde, hat Er Seine Mutter dem heiligen Apostel und Evangelisten Johannes zur Obhut anvertraut (Johannes 19:26-27) und sie damit auch zur Mutter aller Christgläubigen gemacht.

 

8. Die Zeitgenossen Christi haben auch die Gottesmutter besonders verehrt, weil ihr Sohn die „Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6:68) verkündigt hat. Eine Frau aus der Menge rief zu Christus: „Selig die Frau, deren Leib Dich getragen und deren Brust Dich genährt hat“ (Lukas 11:27-28). Und Christus sagte zu Ihr: „Ja selig die, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lukas 11:28), was die allheilige Gottesgebärerin Zeit ihres Lebens und darüber hinaus getan hat.

 

9. Selbst der Name der Jungfrau Maria, bedeutet auf Griechisch „Herrin“ oder „Kaiserin“ (= „Despoina“ oder „Basilissa“).

 

10. Schon in der apostolischen Zeit der Kirche wurde die allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria in besonderer Weise verehrt. Die ersten Christen hatten für die Jungfrau Maria spezielle Gebete und Hymnen. Eines der ältesten dieser Gebete ist:

 

„Unter deine Barmhezigkeit flüchten wir uns, Gottesgebärerin; sieh nicht hinweg über unsere flehendlichen Bitten in der Not, vielmehr aus Gefahren befreie uns, Du einzig Reine, einzig Gesegnete!“

 

Die heilige Jungfrau Maria wurde vom heiligen Kyrill von Alexandrien das „Zepter der rechten Lehre“  genannt. Nach dem dritten ökumenischen Konzil wird in der Kirche Christi die allheilige Immerjungfrau Maria „Gottesgebärerin“ genannt, denn Der, „Den sie geboren hat, ist Gott über alles, Er ist gepriesen in alle Ewigkeit“ (Römer 9:5). Durch die Geburt des Heilandes aus ihrem immerjungfräulichen Schoß verbindet die allheilige Gottesgebärerin die Himmel und die Erde; Sie ist die lebendige, leibhaftige Brücke geworden, auf der der Schöpfer zu Seine Schöpfung herniederstieg. Durch die Geburt Christi verbindet die allheilige Jungfrau das Ewige mit dem Vergänglichen, die unsichtbare mit der sichtbaren Welt. Diese Mittlerrolle der Immerjungfrau Maria wird in der ikonographie des orthodoxen Gotteshauses klar zum Ausdruck gebracht denn die Mutter Gottes mit dem kleinen Christusknaben auf dem Schoß oder im Arm thront in der Apsis des Kirchenraums oberhalb des Altars.

 

Mit dem Heiligen Johannes von Damaskus können wir bekennen: „Maria schau gütig auf uns herab, gute Herrin, Gebärerin des guten Herrn. Lenke und leite unsere Geschicke, wohin du willst; die Wogen unserer bösen Leidenschaften stille und geleite uns in den ruhigen Hafen des göttlichen Willens. Mache uns würdig der künftigen Seligkeit, die darin besteht, dass Gott das WORT, das aus dir Fleisch angenommen hat, uns liebevoll und von Angesicht zu Angesicht anschaut“ (1. Predigt auf die Entschlafung Marias).

 

Allheilige Gottesgebärerin, rette uns!

 

 

Über die philosophische Grundlagen unserer heutigen  säkular geprägten Gesellschaft

 

Der Relativismus, gelegentlich auch Relationismus (entsprechend von lateinisch relatio, „Verhältnis“, „Beziehung“), ist eine philosophische Denkrichtung, welche die Wahrheit von Aussagen, Forderungen und Prinzipien als immer von etwas anderem bedingt ansieht und deshalb die Verbindlichkeit allgemeingültige Wahrheiten verneint. Für den Relativismus ist alle Wahrheit veränderlich. 

 

Ethische Relativisten verwerfen die Idee absoluter ethischer Werte. Einige ethische Relativisten gehen davon aus, dass in letzter Konsequenz alle ethischen Werte und Aussagen über die Welt gleichermaßen wahr sind. Andere vertreten die Position, dass einige Aussagen wahrer oder richtiger als andere sind. Dieser Unterschied wird im zweiten Modell über eine Kette von Verweisen qualifiziert und ist nicht in den Aussagen als solchen zu finden. Die wahreren Aussagen sind durch ihre Verweise bedingt.

 

Insbesondere der ethische Relativismus ist nicht nur eine Grundüberzeugung der Freimaurer, sondern heute sicherlich, in unterschiedlicher Schärfe, der breiten Mehrheit der westlichen Intelligenz. 

 

Auch in der „Alltagsvernunft“ der großen Bevölkerungsmehrheit der westlichen Gesellschaften wird schon das Reden über Wahrheit als Quelle von Streitigkeiten und Zerwürfnissen angesehen. Deshalb wird dieses Thema der Privatsphäre zugewiesen. So setzt der Relativismus sich selbst in intoleranter Weise an die Stelle objektiver Wahrheit (oder besser: ihrer Abwesenheit). 

 

Der Pragmatismus oder Utilitarismus bemisst die Wahrheit und Falschheit unserer Aussagen nach dem Nutzen oder Schaden, Erfolg oder Misserfolg, den sie für unser Handeln haben. 

 

Der Wahrheitsrelativismus (ontologischer Relativismus) wiederum vertritt die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern die Wahrheit vom Standpunkt des Beobachter abhängt. Jede Überzeugung (Religionen, Ideologien, Wissenschaften, Weltbilder etc.) baue auf Dogmen und Axiomen auf. Da diese Dogmen und Axiome hinsichtlich ihres Absolutheitsanspruches von Relativisten angezweifelt werden, gibt es für den Relativisten keine absolute Wahrheit mehr. 

 

Deshalb sucht der Relativist auch keine absoluten Wahrheiten, sondern nur Begründungsendpunkte, von deren Geltung er zwar persönlich überzeugt ist, für die er aber grundsätzlich keinen Absolutheitsanspruch mehr stellen kann und will.

 

Ausgesprochene Relativisten und Evolutionisten sind auch die führenden Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus: Karl Marx (1818-1833), Friedrich Engels (1820-1895) und August Bebel (1840-1913). Nach diesen liegt das Maßgebende für die sittlichen, rechtlichen und religiösen Auffassungen in den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen der jeweiligen Zeitepoche und Gesellschaft (ökonomischer Determinismus). Mit noch mehr Nachdruck hat Friedrich Nietzsche (1844-1900) diese Ansicht verbreitet. Er meint, der Mensch müsse sich zum «Übermenschen» entwickeln, für den es keine Moral mehr gebe; er sei sich selber Gesetz. Es ist der Gewaltmensch, der jenseits von Gut und Böse stehe. 

 

Der Säkularismus besteht in einer Sicht des Menschen in der Welt, die seine "Autonomie" behauptet, also von der Dimension des Göttlichen absieht, sie vernachlässigt oder gar leugnet. Dieser Immanentismus ist eine Verkürzung der ganzheitlichen Sicht vom Menschen, die nicht zu seiner wahren Befreiung, sondern zu einem neuen Götzendienst führt bzw. zur Versklavung an die neuzeitlichen Ideologien (Sozialismus, Kommunismus, Faschismus, Kapitalismus etc) führt, wie sie gerade für das 20. Jahrhundert kennzeichnend gewesen ist. 

 

Der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats Seine Eminenz  Metropolit Hilarion Alfeyev betont, im Einsatz gegen den militanten Säkularismus der Schulterschluss der einer traditionellen Kirchlichkeit verpflichteten Christen (Orthodoxe und Katholiken) angestreben werden sollte. Die Entwicklungs-Prozesse, zu denen es am Anfang des 21. Jahrhunderts in Europa kommt, erinnern in vielem an die Entwicklungen in der Sojvetunion. Für die Religionsfreiheit ist der militante Säkularismus ebenso gefährlich wie der militante Atheismus

 

Die Forderung nach vollkommener

gesellschaftlicher Laizität durch den Neo-Atheismus

– Eine Analyse aus christlich- orthodoxer Perspektive

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

In jüngster Zeit ist eine neue Generation materialistischer Philosophen mit großem missionarischem Elan aufgebrochen, die Welt vom religiösen Glauben zu „befreien“, oder sich zumindest der Rückkehr der Religionen in die Mitte von Politik und Gesellschaft aktiv in den Weg zu stellen. Ihren besonderen Einfluss gerade auf gewisse Kreise des intellektuellen Milieus der westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften verdanken sie vor allem ihrem Renommee, das sie ihrer Stellung als Inhaber naturwissenschaftlich umschriebener Lehrstühle an führenden angelsächsischen Universitäten verdanken.

 

Geradezu als Wortführer dieser neuen atheistischen Geistesströmung, die als „Neuer Atheismus“ oder „säkularer Humanismus“ bezeichnet wird, ist der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, dessen Buch „Der Gotteswahn“ nach seinem, mit hohen Verkaufszahlen einhergehenden, Auftritt in den USA und in Großbritannien nun auch in Deutschland erschienen ist und hat auch hierzulande für Furore gesorgt hat.

 

Kennzeichnend für die neue atheistische Bewegung ist es, im Gegensatz zum früheren, in Westeuropa und Nordamerika eher passiv auftretenden Atheismus, dass sie keinerlei Toleranz gegenüber der Religion zeigt und sie auf diese Weise ganz aus der Öffentlichkeit zu eliminieren sucht. Auf den Punkt gebracht wird diese Haltung in der Aussage von Dawkins, dass Religion nichts sei als „eine riesige Verschwendung von Zeit und Menschenleben“ und ein „Witz mit kosmischen Ausmaß“, der letztlich „zu rein gar nichts“ gut ist. (zitiert nach: Richard Dawkins: Im Anfang war (k)ein Gott., Hrsg. T. D. Wabbel, Patmos Verlag 2004, Seite 138)  Der „Neue Atheismus“ hält also jede Form von Religion für ein unsinniges Konstrukt, das durch die Angst vor dem Tod motiviert sei und durch gezielte Beeinflussungen aus der Kindheit (= Erziehung) aufrechterhalten werde. Als intellektuell- philosophische Modeerscheinung werden die Gedanken des "Neue Atheismus" in Ländern und Gesellschaften zum Thema, die in ihrem Werden überwiegend von den abendländisch protestantischen Formen des Christentum geprägt waren. Seine Vertreter finden momentan viel mediale Aufmerksamkeit, auch wenn die Zahl bekennender militanter Atheisten kaum zunimmt. Vielmehr wird die vorherrschende Geistes- und Lebenshaltung in unseren westlichen Gesellschaften eher von einem „Mainstream- Agnostizismus“, also einer Lebenspraxis, die so tut, als ob es Gott nicht gebe, oder ER zumindest keine wirkliche Bedeutung für das Leben und den Lauf der Welt habe geprägt. Der „Neue Atheismus“ verbreitete sich zunächst unter den intellektuellen und akademischen Eliten in der angelsächsischen Welt, wo diese vor allem in Großbritannien heute kontinuierlich daran arbeiten, den in der Öffentlichkeit bekannten und praktizierten Glauben, aber auch die religiöse Kindererziehung soweit als möglich zu behindern und zurückzudrängen. Inzwischen sind die Ideen des „Neuen Atheismus“, vor allem durch die Initiative der „säkularen Humanisten“ auch nach Deutschland herüber geschwappt. Als Ideologie lebt der „Neue Atheismus“ vor allem vom Protest und Widerspruch gegen die verbliebenen Reste christlicher Kultur und von der Vision einer Welt ohne Religion.

 

So erfuhren atheistische Weltdeutungen in den letzten Jahrzehnten eine zunehmende öffentliche Resonanz durch westliche Intellektuelle. Dadurch wurden sie medial und publizistisch sichtbarer, obgleich die Zahl bekennender Atheisten, die sich durch die Organisationen und Vereine der „säkularen Humanisten“ organisieren, kaum merklich zugenommen hat. Gerade die säkularisierten Reste der kirchlichen Festkultur eignen sich offensichtlich besonders gut dafür, mit atheistischen Provokationen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu erlangen. 

 

Auch die Beschneidungsdebatte war ein willkommener Anlass, sich mit eindeutigem Sendungsbewusstsein zu Wort zu melden. Atheistische und humanistische Organisationen nutzten sie, um auf die „latente Gefährlichkeit“ religiöser Praxis hinzuweisen. Es wurde ein "Fundamentalismusverdacht" gegenüber offen geäußerten religiösen Überzeugungen überhaupt erhoben. Den Religionsgemeinschaften, so wurde aus atheistischer Perspektive gesagt, dürfe nicht das Recht eingeräumt werden, sich unter Berufung auf religiöse Vorschriften oder Rituale ein eigenes – göttliches – Recht zu schaffen und zugleich gegen fundamentale „Grundrechtsvorschriften“ wie die körperliche Unversehrtheit zu verstoßen. Überhaupt wurde die grundsätzliche Forderung erhoben, Kinder vor religiöser Prägung (= Beeinflussung) zu schützen.

 

Auffällig ist, dass der Diskurs über den „Neuen Atheismus“ und die herausgehobene Wahrnehmung seiner Protagonisten (Richard Dawkins, Sam Harris, Christopher Hitchens, Daniel C. Dennett …) durch die, die öffentliche Meinung prägenden Medien (Fernsehen, Rundfunk, Tageszeitungen und Wochenmagazine) vor allem in jenen Ländern und Gesellschaften stattfindet (d.h. überhaupt erst zu einem Thema wird), die mehrheitlich durch die abendländisch-protestantische Form des Christentum geprägt gewesen waren. Somit ist der neo-atheistische Diskurs bisher ein Phänomen mit einer klar umrissenen geographisch-kulturellen Eingrenzung. Seine Rezeption im Kontext des südost- und osteuropäischen orthodoxen Kulturkreises, im Rahmen der katholisch geprägten Welt Mitteleuropas, sowie in den durch nichtchristliche Religionen geprägten Kulturkreisen bedarf noch einer näheren, differenzierten Betrachtung.

 

Auffällig erscheint zunächst, dass siebzig Jahre des sowjetischen Staatskommunismus, der in immer wiederkehrenden Wellen versuchte, auch mit massiven Repressionen das Konzept seine atheistischen Weltsicht durchzusetzen weder in Russland, noch in Weißrussland oder geschweige denn in der Ukraine die Bindung gewichtiger Teile der Bevölkerung an die angestammte orthodoxe Kirche ausrotten konnte. Noch weit weniger gelang dies dem kommunistischen Staatsapparat in Rumänien oder in den katholisch geprägten Gesellschaften Polens und der Slowakei. Auch wenn in Russland heute nur noch ein sehr geringer Teil der Bevölkerung als wirklich praktizierend orthodox im Sinne einer regelmäßigen Teilnahme am gottesdienstlich-kirchlichen Leben betrachtet werden kann, so haben sich doch breitere Teile der Bevölkerung eine emotionale Bindung an die russische orthodoxe Kultur bewahrt, an der die russische orthodoxe Kirche bei der Re-Evangelisation Russlands anzusetzen gedenkt. Etwas Vergleichbares gibt es weder in den weitgehend protestantisch geprägten neuen Bundesländern Deutschlands, noch in den traditionell protestantisch geprägten Gesellschaften Estlands und Lettlands. Hier ist der überwiegende Teil der Bevölkerung heute religionslos. Davon unterscheidet sich im Baltikum wiederum auffällig das traditionell katholisch geprägte Litauen. Betrachtet man in Estland und Lettland die Zusammensetzung des etwa 7 bis 10 % ausmachenden Anteils der Bevölkerung, der sich zu einer christlichen Kirche oder anderen Religionsgemeinschaft bekennt, so fällt auf, dass sich davon in beiden Ländern 40 bis 60 % zur orthodoxen Kirche bekennen, obwohl diese mehrheitlich die nationale Minderheit der autochthonen oder in der Sowjetzeit zugewanderten Russen etc. umfasst.

 

Die Diagnose, dass die Reformation und die Etablierung evangelischer Weltsicht, vor allem die Betonung des Individuums und seiner Eigenverantwortlichkeit Ausgangspunkt, beziehungsweise der Grund für eine weit fortgeschrittene und weiter fortschreitende Säkularisierung des westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaftsmodells sei ist oft zu hören. Genauso wie die These verschiedener moderner, der neopatristischen Denkschule verpflichteten orthodoxen Denker und Theologen, die "Einführung des Filioques", beziehungsweise die "scholastische Philosophie als Denkmuster der abendländischen Theologie" seien Grund bzw. Ausgangspunkt für die Entchristlichung des Westens.  Doch sind diese Hypothesen bei weitem nicht so eindeutig klar und unabweisbar evident, wie sie im ersten Augenblick für unsere orthodoxen Ohren klingen mögen. Denn schon der Begriff der Säkularisierung steckt voller Ambivalenzen. Sein Gebrauch ist so weit gespannt, dass es ihm oft an klar umrissenen Konturen fehlt.

 

Im „Westphälischen Frieden“ von 1648 ging es beim Begriff Säkularisation einerseits um die Aufhebung geistlicher Fürstentümer und die Einziehung von Kirchengut durch protestantische Reichsstände, anderseits um die endgültige Anerkennung der lutherischen und reformierten Konfession neben dem „altgläubigen“ römischen Katholizismus im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ähnlich war es bei der Säkularisation der Jahre 1802/03. Dabei bezeichnete mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 „Säkularisation“ nicht nur die Überführung von Gütern, sondern auch von Herrschaftsfunktionen in weltliche Hände. Beides betraf vor allem die katholischen Stände und Bistümer. Die durch den Reichsdeputationshauptschluss vollzogene Säkularisierung führte folgerichtig das Ende des Heiligen Römischen Reiches herbei, das im Jahr 1806 besiegelt wurde.

 

„Säkularisierung“ meint im Gefolge dieser Vorgänge zunächst einmal eine Veränderung der politischen Ordnung. Geistliche Fürstentümer gehören seitdem in Deutschland der Vergangenheit an. Die Staatsangehörigkeit wird von da an nicht mehr durch die Konfessionszugehörigkeit bestimmt. Mit zunehmender Durchsetzungskraft gilt die Religionsfreiheit von da an für alle in gleicher Weise. Diese Veränderung der politischen Ordnung hat zu der sogenannten „aufgeklärten Säkularität“ geführt, von der auch das kirchlich-religiösen Leben der orthodoxen Diasporagemeinden, also ihre Religionsfreiheit im Rahmen einer sogar „privilegierten Partnerschaft“, wie sie das Grundgesetz für die beiden Großkirchen (Evangelisch & katholisch), aber auch für die als „Körperschaften des Öffentlichen Rechtes“ anerkannten Religionsgemeinschaften in der Bundesrepublik Deutschland vorsieht. Insofern gibt es auch für die Orthodoxen in Deutschland gute Gründe, das in Deutschland herrschende System auch aus Gründen des christlichen Glaubens aktiv zu vertreten und zu verfechten. Die aufgeklärte Säkularität und die mit ihr verbundene kategoriale Unterscheidung zwischen Staat und Religion hat sich als unumgängliche Voraussetzung für die Achtung der gleichen Würde jedes Menschen wie für die Wahrung seiner Religionsfreiheit erwiesen. Ein aktives Eintreten für die „aufgeklärte Säkularität“ ist heute gegenüber muslimischen Gesprächspartnern genauso notwendig wie gegenüber den Verfechtern eines „staatlichen Laizismus“ wie er z.B. in Frankreich herrscht und dort das religiöse Leben eher behindert als fördert, da er sich sehr gut mit Dominanz- oder Bestimmungsansprüchen über Bereiche, die in Deutschland durch die Regionsfreiheitsgarantie des Grundgesetzes und die Staatskirchenartikel der Weimarer Reichsverfassung, die ebenfalls Bestandteil des Grundgesetzes geworden sind, verbinden kann. 

 

Der Begriff der „Säkularisierung“ läßt sich also wie folgt genauer bestimmen und präzisieren: Die „Säkularisierung der politischen Ordnung“ als eine Grundbedingung der Freiheit, auch der Religionsfreiheit, im freiheitlich modernen Rechtsstaat. Diese Form der Säkularisierung entspricht einem Grundmotiv des christlichen Glaubens selbst: dem Respekt vor der Freiheit des menschlichen Gewissens. Die Säkularisierung im Sinn einer Transformation von Gehalten des Glaubens in Themen weltlicher Verständigung entzieht dem Glauben keineswegs seine Wahrheitskraft, sondern bezeugt sie im Gegenteil. Sie sollte zum Anlass genommen werden, das für die Entschlüsselung solcher Vorgänge nötige Glaubenswissen wieder ins allgemeine Bewusstsein zu verankern . Diese Art der „Säkularisierung“ stellt auch eine große Herausforderung wie eine große Chance jeder christlichen Bildungsanstrengung dar. 

 

In diesem Zusammenhang bleibt jedoch aus orthodoxer Sicht festzuhalten, dass Gott Selbst, Seine von Ihm gestiftete Orthodoxe, Apostolische und Katholische Kirche und der Inhalt des wahren und rechten Glaubens, also die orthodoxen Glaubenswahrheiten, sich generell nicht säkularisieren, lassen, ohne dass allein schon der Versuch in die Apostasie führen muss.

 

Viele westliche Christen neigen heute zu einer Haltung der „Selbst-Säkularisation“, die an die Stelle der Verklärung (=Verwandlung)  der Welt, vermittels der Vergöttlichung der an Christus Glaubenden tritt. Eine Verklärung der Welt, die in der Menschwerdung des Sohnes Gottes ihren Anfang genommen hat und sich immer wieder von neuem verwirklicht  in der Feier jeder Göttlichen Liturgie und im Empfang der Heiligen Kommunion.  Sie war die alles verwandelnde Glaubenserfahrung, die die orthodoxen Christen in Südost-und Osteuropas befähigte, gleich einem schwachen, doch niemals verlöschendem Licht in das diabolische Dunkel der kommunistischen Radikal-Säkularisation hinein das Taborlicht der alles verwandelnden Gegenwart Gottes zu bezeugen. Die taten die dortigen orthodoxen Christen trotz einer sich radikal diesseitig verstehenden Umwelt unbeirrbar, treu und unverbrüchlich. Deshalb ist es für uns Orthodoxe - gerade in den traditionell orthodox geprägten Ländern - bis heute kein theologisches und kirchliches vertretbares Modell, auf die noch fortschreitende Säkularisierung der uns umgebenden Gesellschaft, mit einer "Selbst-Säkularisierung" der uns anvertrauten Glaubensinhalte zu antworten wie es aber erhebliche Teile der abendländisch geprägten Christenheit in den Ländern der nördlichen Hemisphäre heute versuchen.

 

In diesem Sinne findet die Transformation von Gehalten des Glaubens in Themen weltlicher Verständigung, wie sie der deutsche Verfassungsrechtler Böckenförde für die inhaltlich- ethische Begründung der Verfassungswerte vertritt, dort ihre vom christlichen Glauben gegebene Grenze, wo die Themen weltlicher Verständigung über die in einer Gesellschaft geltenden Werte zu einer vom herrschenden Zeitgeist in der Mehrheit der Gesellschaft erwartend postulierten Transformation von Gehalten des christlichen Glaubens führen soll.