Dialog & Ökumene

 

 Die Orthodoxe Kirche und die orientalischen Kirchen

 

Eine Verstehenshilfe aus orthodoxer Sicht

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Aus der urchristlichen Mission erwuchsen im Osten und Westen des römischen Reiches - aber auch im persischen Sassanidenreich - Kirchen, die sich als die jeweils um ihren Bischof versammelte eine, heilige, katholische (=allumfassende) und apostolische Kirche Jesu Christi verstanden.

 

Im 4. und 5. Jahrhundert trennten sich dann während der christologischen Streitigkeiten immer wieder Gruppen von der bis dahin einen christlichen Kirche ab. Nach orthodoxer Auffassung wird die Einheit der Kirche durch den gemeinsamen orthodoxen Glauben gestiftet. Sie drückt sich sichtbar in der Zelebrationsgemeinschaft ihrer rechtgläubigen Bischöfe und davon ausgehend in der Eucharistiegemeinschaft der einzelnen orthodoxen Kirchen aus.

 

Als erste legte sich eine Mehrheit unter den Christen im sassanidischen Perserreich auf das "nestorianische" Glaubensbekenntnis fest, das die göttliche und menschliche Natur Christi in besonders radikaler Weise trennt, fest. Dabei folgte die dortige Apostolische Kirche des Ostens weniger dem Konstantiopolitaner Patriarchen Nestorius selbst, als dass sie die Christologie der Exegetenschule von Antiocheia, vor alle die Theologie des Theodor von Mopsuestia, übernahm. Theodor war einer der bekanntesten Bibelausleger seiner Zeit und seine Auslegung der Heiligen Schrift war zunächst in allen Kirchen des Ostens hoch geachtet.  Im Laufe der Zeit wurde jedoch deutlich, dass er als Lehrer des Häretikers Nestorius den Weg für dessen falsche Lehren bereitet hatte. Schließlich wurde seine Lehre dann auf dem zweite Konzil von Konstantinopel (den Heiligen Fünften Ökumenische Konzil) im Jahre 553 als mit dem orthodoxen Glauben nicht vereinbar verurteilt.

 

In der Folge der Festlegung der Apostolischen Kirche des Ostens auf die Christologie des Theodor von Mopsuestia trennte sich die Mehrheit der Christen in Mesopotamien (dem heutigen Irak) von der Kommuniongemeinschaft mit den übrigen apostolischen Kirchen. Im Laufe der nun folgenden Jahrhunderte entfaltete die Apostolische Kirche des Ostens dann eine intensive Missionstätigkeit in ganz Asien. Entlang der Seidenstrasse entstanden Gemeinden und Bistümer, die bis nach China, Indien, Tibet und Ceylon reichten. Diese Gemeinden und Bistümer wurden dann im Mongolensturms des 13. Jahrhunderts (vor allem durch Khan Timur Lenk) bis auf einige Reste im heute kurdisch dominierten Bergland des Irak und an der indischen Malabarküste wieder vernichtet. So sind die heutigen assyrischen und chaldäischen Christengemeinden im Irak und die Thomaschristen im indischen Bundesstaat Kerala Erben und Zeugen dieser ersten großen christlichen Missionsbewegung in ganz Asien.

 

Im 5. Jahrhundert trennten sich dann die Christen im Vorderen Orient von der orthodoxen Kirche, die ein miaphysitisches Glaubensbekenntnis vertraten. Durch die arianische und später dann die nestorianische Häresie war die wahre und vollkommene Göttlichkeit Christi in Frage gestellt worden. Während die orthodoxe Kirche sich auf dem Konzil von Chalzedon im Jahre 451 sich in Ausgewogener und rechtgläubiger Weise zur vollkommenen menschlichen und vollkommenen göttlichen Natur in Jesus Christus bekannte, meinten die Miaphysiten zur Abwehr nestorianischer ´Sichtweisen einseitig die göttliche Natur Christi betonen zu müssen. Sie bekannten sich deshalb infolge dessen zur nach der Inkarnation vereinigten einen gottmenschlichen Natur in Christus. 

 

Für die abendländisch-westliche Christenheit sind die christologischen und trinitätstheologischen Auseinandersetzungen, die die orthodoxe Kirche vor allem im Osten zu bestehen hatte meist nur schwer zu verstehen und sogar streckenweise unverständlich.  Dies resultiert daher, dass durch die Gnadenlehre des Augustinus von Hippo und die Hinwendung der abendländischen Theologie zur Scholastik ab dem 11. Jahrhundert der Fokus in der Erlösungslehre der abendländischen Theologie sich auf die Rechtfertigung des Sünders vor Gott ausrichtete. Die östliche Christenheit blieb dagegen der bisherigen christlichen Tradition der Kirchenväter verpflichtet. Deshalb fragt sie bei der Betrachtung der Erlösung weniger nach der Rechtfertigung des Sünders vor Gott als nach der Teilhabe des Menschen an der Oikonomia des innergöttlichen Lebens. Aus diesem Grunde aber bedeutet die miaphysitische Position nicht einfach ein anders formuliertes mögliches Theologumenon, sondern ein ernstes Abweichen von der Soteriologie (Erlösungslehre) der rechtgläubigen Kirche. Denn schon vor Ausbruch der miaphysitischen Kontroverse hatte der heilige Athanasius von Alexandrien das rechtgläubige Erlösungsverständnis mit den beiden Sätzen umschrieben: „Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde“  und „Nur was (an unserer menschlichen Natur in Christus) angenommen wurde, ist auch erlöst worden.“ Diese Formulierung finden wir schon in der Heiligen Schrift grundgelegt und von den Heiligen Vätern, beginnend beim Heiligen Irenaus von Lyon, der ein Schüler des Heiligen Apostel und Evangelisten Johannes des Theologen war, und dann bei den Heiligen Athanasius von Alexandrien, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa ausgelegt und entfaltet. Die Heiligen Väter und die orthodoxen Theologen aller Generationen wiederholen sie von Jahrhundert zu Jahrhundert mit demselben Nachdruck. Jedoch bedeutet die miaphysitische Lehre nach orthodoxer Auffassung ein nicht zu vereinbarendes oder harmonisierbares Moment mit der orthodoxen Vorstellung der Erlösung des Menschen, da wir Menschen nun einmal nur eine menschliche und keine gottmenschliche Natur besitzen.

 

Hierin lag und liegt für die orthodoxe Kirche immer ein ernsthaftes theologisches Problem, bei dem im Kern um nicht mehr und nicht weniger als um die Frage nach dem rechten christlichen Heilsverständnis geht. Im 20. Jahrhundert haben dann orthodoxe und miaphysitische Theologen mit einer Reihe von Dialogtreffen versucht, eine für beide Seiten tragbare Formulierung der christologischen Glaubensformel zu finden, die Wiedererlangung der kirchliche Einheit ermöglichen würde. Leider ist, bei aller theologischen Annäherung und besonderen Nähe zwischen orthodoxen und alt-orientalischen Christen in Bezug auf ihre Frömmigkeit, die Wiedererlangung der kirchlichen Einheit bis heute nicht geglückt. Dabei halten vor allem die Väter auf den Heiligen Berg Athos an den traditionellen Vorbehalten gegen die miaphysitische Formulierungen fest, während auf der anderen Seite verschiedene orthodoxe Theologen eine theologische Verständigung und kirchliche Versöhnung aufgrund der geführten Dialoge für durchaus möglich halten, da sie in den theologischen und liturgischen Formulierungen beider Traditionen den gleichen orthodoxen Glauben in unterschiedlichen erkenntnistheoretisch-philosophischen Formulierungen ausgedrückt zu erkennen dürfen glauben.

 

Nach dem Konzil von Chalzedon im 5. Jahrhundert sind die miaphystitischen Christen einen von der orthodoxen Kirche getrennten Weg gegangen. Die vom miapysitischen christologischen Bekenntnis geprägten heutigen Kirchen der Kopten, Armenier, Syrer, Äthiopier, Eriträer, und Inder (syrischen Thomaschristen) werden heute korrekt nicht als "monophysitische", sondern „vorchalzedonensische" oder „alt-orientalische“ Kirchen bezeichnet. Im gesamten Orient und in der westlichen Diaspora gibt es heute neben der orthodoxen Kirche, die aus den christlichen Gemeinden, die der rhomäisch- byzantinischen Reichskirche verbunden blieben, erwuchs (und deshalb im Vorderen Orient auch als „rum-orthodox“ bezeichnet wird) auch Gemeinden und Bistümer der alt-orientalischen Kirchen der Kirchenfamilie. Sie vertreten heute keine monophystitische Christologie (von griechisch μόνος "monos" = einzig und φύσις "physis" = Wesenheit, Natur) wie sie der Häretiker Eutyches mit seiner Formulierung von der „einen Physis des fleischgewordenen Logos“ verkündet hatte. Eutyches beschrieb das Verhältnis der menschlichen Natur in Christus zu Seiner Göttlichkeit mit dem Satz, dass die Menschheit Christi von der Gottheit aufgesogen worden sei wie ein Honigtropfen im Meer. Dies steht im krassen Gegensatz zur orthodoxen Zweinaturenlehre, die die wahre und vollkommene göttliche und zugleich wahre und vollkommene menschliche Natur in Christus unvermischt und ungetrennt bekennt. Die vorchalkedonensischen miaphysitischen Kirchen betonten im Dialog mit den Orthodoxen, dass sie die Vorstellungen des Eutyches ebenfalls verurteilen. Deshalb wenden sie sich auch gegen die Bezeichnung als „Monophysiten“ und bevorzugen die Bezeichnung "Miaphysiten". Die griechische Wortwurzel "mia" bedeutet eins. Dieses Wort betont eher die Einheit als die Einzahl und reflektiert besser die theologische Position der vorchalkedonensischen Kirchen, dass in Christus das Göttliche und das Menschliche nach der Inkarnation eine Natur bilden würde. In den theologischen Gesprächen wurde damals deutlich, dass auch die miaphystischen Theologen die orthodox verstandene Zweinaturenlehre nicht prinzipiell ablehnen, sondern nur anders formulieren möchten, da auch sie die vollkommene Menschheit und vollkommene Gottheit Jesu Christi bekennen wollen. Die Theologen beider Kirchenfamilien sind sich einig in der Ablehnung der nestorianischen Trennungschristologie und im Bekenntnis zur asymmetrischen Christologie (vgl.: hierzu Diakon Vasilij (Christian) Felmy; Einführung in die orthodoxe Theologie, 3. ergänzte Auflage, Seite 64 ff.).

 

Obwohl es im Laufe der Jahrhunderte zwischen den verschiedenen miaphysitischen Kirchen durchaus zu Streitigkeiten und Schismen über die chistologischen Glaubensformulierungen kam, vertreten heute alle vorchalkedonensischen Kirchen eine gemeinsame miaphysitische Christologie und stehen untereinander in Zelebrations- und Kommuniongemeinschaft. Trotz der theologisch durchaus vielversprechend verlaufenen bisherigen Dialoge zwischen den Orthodoxen und den Alt-Orientalen ist es, da es bis heute keine Kircheneinheit zwischen ihnen und der orthodoxen Kirche gibt, eher verwirrend, wenn im alltäglichen Sprachgebrauch von einer „koptisch-orthodoxen“, „armenisch-orthodoxen“ oder „äthiopisch-orthodoxen“ Kirche gesprochen wird.

 

Der Begriff „orthodox" bedeutet „rechtgläubig" im Sinne von  „den recht Lobpreis darbringend" oder „recht verherrlichend“. Diese Charakterisierung der wahren Kirche Christi haben erstmals die Gegner der arianischen Häresie im 4. Jahrhundert gebraucht, um die Fülle des rechten Glaubens gegen die den christlichen Glauben verkürzende Missdeutung, dass Jesus Christus ein Geschöpf und damit nicht Gott sei, zu verteidigen.

 

Was die orthodoxe Kirche mit den alt-orientalischen Kirchen verbindet, ist die von den Aposteln herkommende und seither treu bewahrte urchristliche Kirchenstruktur. So sind die einzelnen Ortskirchen in beiden Kirchenfamilien von gleicher Würde und  organisatorisch gleichrangig. In der Kirchenverwaltung sind die Ortskirchen in beiden Kirchenfamilien eigenständig. Jedoch auf Grund der besonderen historischen Entwicklung beruht das alltagspraktische ekklesiologische Selbstverständnis der alt-orientalischen Kirchen auf einer fast durchgängigen Identifikation der Kirche mit einem bestimmten christlichen Volk, so dass Kirchenvolk (Laos) und Nation (Armenier, Kopten, Aramäer) als nahezu identisch betrachtet werden. 

 

Zwar gibt es auch bei den orthodoxen Lokalkirchen eine besonders enge Bindung an die kulturelle und sprachliche Gemeinschaft des betreffenden Landes, jedoch umfasst das Kirchenvolk (Laos) prinzipiell immer alle dort lebenden Orthodoxen und die Göttliche Liturgie wird deshalb immer auch in weiteren Sprachen als nur in der vorherrschenden Landessprache zelebriert. So gibt es zum Beispiel in Griechenland und der Türkei russischsprachige Kirchengemeinden, die ihre Liturgie auf kirchenslawisch feiern, jurisdiktionell aber zur orthodoxen Kirche von Griechenland beziehungsweise zum Ökumenischen Patriarchat gehören. 

 

An der Spitze einer orthodoxen und alt-orientalischen Kirche steht der Patriarch bzw. Katholikos und die Synode der Bischöfe, die über alle Belange der Kirche entscheidet. Der Patriarch von Konstantinopel ist der erste Bischof der orthodoxen Kirchengemeinschaft und hat der Ehrenvorrang unter allen orthodoxen Bischöfen auf Weltebene inne. In der orientalischen Kirchenfamilie übt kein Patriarch bzw. Katholikos eine derartige Vorrangstellung aus. Deshalb standen die alt-orientalischen Kirchen während vieler Jahrhunderte über die jeweiligen Patriarchatsgrenzen hinweg nur in sehr unregelmäßigem Kontakt miteinander. Nur die Kopten und die Äthiopier hatten eine relativ regelmäßige und enge Verbindung, da die Metropoliten von Äthiopien bis ins 20. Jahrhundert stets vom koptischen Patriarchen entsandt wurde. Ein Gemeinschaftsbewußtsein im Selbstverständnis der miaphysitischen Kirchen entwickelte sich größtenteils erst im 20. Jahrhundert. So trafen sich 1965 trafen die Oberhäupter aller alt-orientalischen Kirchen auf Einladung des äthiopischen Kaisers Haile Selassie I. in Addis Abeba zu einer Synaxis. Dies war für die Miaphysiten das erste Treffen dieser Art seit dem Konzil von Ephesos. In Addis Abeba bekräftigten die miaphysitischen Kirchen ihre theologische Zusammenarbeit und bildeten auch Strukturen dafür. Von dort ausgehend gab es dann 1989 und 1990 theologische Dialoge mit der orthodoxen Kirche. Seit 1998 treten die koptische Kirche, die armenische apostolische Kirche und die syrische Kirche von Antiochien in ökumenischen Dialogen auch theologisch gemeinsam auf.

 

In der Orthodoxen Kirche sind alle Bischöfe rechtlich und geistlich, das heißt nach Rang und Würde, gleichgestellt. Der Patriarch, Metropolit oder Erzbischof hat gegenüber dem Diözesanbischof keine höhere Autorität und deshalb aus seiner Würde heraus auch keine Jurisdiktionsgewalt im Gebiet eines anderen Bischofs. Im Gegensatz zum römischen Papst fungiert er nicht als ein "Bischof der Bischöfe", so dass  innerhalb Seines Diözesangebietes jeder orthodoxe Bischof allein die geistliche Jurisdiktionsgewalt hat.

 

So gibt es deshalöb auch in der orthodoxen Ekklesiologie weder einen historischen, noch einen theologisch begründbaren Jurisdikionsprimat des römischen Bischofs gegenüber den übrigen Bischöfen in der Gesamtkirche. Aber auch nach orthodoxer Auffassung kommt dem Bischof von (Alt-) Rom ein Ehrenvorrang des „Ersten (Bischofs) unter Gleichen (Bischöfen)“ (Primus inter pares) zu. Den Zweiten Vorrang besitzt der Bischof von Konstantinopel des Neuen Rom. Solang sich der Bischof von (Alt-) Rom mit dem abendländischen Patriarchat im Schisma zur orthodoxen Kirche befindet, hat der Ökumenische Patriarch in Konstantinopel der ersten Ehrenvorrang in der Kirche Christi inne.

 

Wir Orthodoxen können auch in der Heiligen Schrift keine über die Berufung aller übrigen Apostel hinausgehende herausgehobene Sonderberufung des heiligen Apostels Petrus zu rinem jurisdiktionellen Petrusamt erkennen. Deshalb steht der Patriarch als „Ersten unter gleichen“ der Synaxis und der Synode der orthodoxen Bischöfe seines Gebietes vor und vertritt die jeweilige autokephale Kirche in der Synaxis der übrigen autokephalen Kirchen. Für die ganze Kirche bindende Entschlüsse können nur von der versammelten Gemeinschaft der orthodoxen Bischöfe auf einem Konzil oder einer Synode getroffen werden. Zum orthodox verbindlichen Beschluss wird die Entscheidung eines Konzils oder einer Synode aber nicht durch rein formalrechtliche Kriterien, sondern vor allem dadurch, dass  sie durch das Glaubensbewusstsein des gesamten orthodoxen Kirchenvolkes rezipiert, das heißt, von der Fülle der orthodoxen Gläubigen gutgeheißen und die Beschlüsse damit auch in die kirchliche Lebenswirklichkeit übernommen werden.

 

Die orthodoxe Kirchenfamilie

 

Zur orthodoxen Kirchenfamilie gehören heute durchwegs Kirchen, die in der Gottesdienst- und Frömmigkeitspraxis von der byzantinischen Form, also vom Brauch der Großen Kirche von Konstantinopel, geprägt sind. In der Zeit vom 8. bis 14. Jahrhundert haben die orthodoxen Patriarchate Alexandrien, Antiochien und Jerusalem ihre eigenen liturgischen Überlieferungen durch die Übernahme des Gebrauchs der Großen Kirche von Konstantinopel schrittweise aufgegeben.

 

Zur Orthodoxen Kirchenfamilie gehören:

 

- das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel

- das Griechische Orthodoxe Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika 

- das Rum-Orthodoxe Patriarchat von Antiochien und ganz Asien

- das Griechische Orthodoxe Patriarchat von Jerusalem 

- die Russische Orthodoxe Kirche

- die Georgische Orthodoxe Kirche

- die Serbische Orthodoxe Kirche

- die Rumänische Orthodoxe Kirche

- die Bulgarische Orthodoxe Kirche

- die Orthodoxe Kirche von Zypern

- die Orthodoxe Kirche von Griechenland

- die Autokephale Orthodoxe Kirche Polens 

- die Orthodoxe Kirche in Tschechien und der Slowakei

- die Albanisch Orthodoxe Kirche

 

All diese Kirche bekennen dieselbe orthodoxe Glaubenslehre und ihre Gottesdienste und Frömmigkeit haben die gleiche Entwicklung hinter sich. Zwar bedienen sich verschiedener Sprachen, jedoch folgen sie alle der gleichen orthodoxen Frömmigkeit und Spiritualität. So handelt es sich bei den orthodoxen Kirchen um eine Gemeinschaft von Lokalkirchen, die in ihrem Kirchenverständnis, ihrer Lehre, Frömmigkeit und Gottesdienstgestaltung weitgehend übereinstimmen und so ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl haben. Sie betrachten sich nicht jeweils als Teil einer einzigen Kirche (Teilkirche wie im Sinne des römisch-katholischen theologischen Denkens), sondern als unmittelbaren Ausdruck der Einen Kirche, die in der Gemeinde vor Ort (in deren Feier der Göttlichen Liturgie) gegenwärtig wird. Außer der von der griechischen Kultur geprägten orthodoxen Kirchen sind vor allem die slawisch geprägten orthodoxen Kirchen bedeutend. Diese slawische Gebiete haben im frühen Mittelalter das Christentum in seiner byzantinischen Ausprägung von Konstantinopel her übernommen. Eine weitere bedeutende Kulturgruppe in der Orthodoxie bilden bis heute die arabischen Christen. Zunehmend entwickelt sich aber auch in der westlichen Diaspora eine Orthodoxie mit ganz eigenen Bewusstseinselementen.

 

Kanonische Kirchen 

 

Nicht alle byzantinisch geprägten Kirchen gehören zur orthodoxen Kirche. Neben den wegen ihrer theologischen Ausrichtung heute eindeutig zur römischen Kirche gehörenden unierten katholischen Ostkirchen, gibt es auch andere, von der Orthodoxie deutlich zu unterscheidende Gruppierungen, die im Schisma zur rechtgläubigen Kirchenfamilie stehen. Hier sind vor allem die „Alt-Kalendarier“ in Griechenland und Rumänien und die „Altgläubigen“ oder "Altritualisten" in Russland zu nennen. 

 

Aus diesem Grunde unterscheidet die orthodoxe Kirchengemeinschaft klar zwischen ihren kanonischen orthodoxen Ortskirchen und den nicht-kanonischen Gemeinschaften. Die kanonischen orthodoxen Kirchen sind autokephale und autonome Kirchen, die in voller Kommunion mit dem Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel und den anderen kanonischen orthodoxen Kirchen stehen. Die nicht-kanonischen „Kirchen“ haben sich irgendwann aus theologischen oder politischen Gründen von der Kommunion mit dem Ökumenischen Patriarchat oder einer anderen kanonischen orthodoxen Kirche getrennt. Gemäß dem Inhalt des orthodoxen Glaubensbekenntnis (Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel) stehen im theologischen Selbstverständnis der Orthodoxen nur die kanonischen orthodoxen Kirchen in der vollen apostolischen Nachfolge. Daher sind nur ihre Mysterien (Sakramente) im vollsten Sinn wirksam. Jedoch vermeidet die Orthodoxie theologische Aussagen über andere Kirchen und den Heils- oder Unheilsstatus ihrer Mitglieder, da nach orthodoxer Auffassung nur Gott allein darüber ein Urteil zusteht.

 

Autokephale und autonome Kirchen 

 

In der Orthodoxen Kirche wird unterschieden zwischen den autokephalen Kirchen, die rechtlich und geistlich vollständig selbst-regierend sind, das heißt, die ihr eigenes Oberhaupt  mit dem Ehrentitel eines Patriarchen, Erzbischofs oder Metropoliten wählen und oft noch für weitere orthodoxe Kirchen zuständig sind und den autonomen Kirchen, die bezüglich interner Angelegenheiten bis zu einem gewissen Grad selbständig sind, aber in mancher Entscheidungen noch weiter von ihrer autokephalen Mutterkirche abhängen.

 

Eine autokephale Kirche kann, je nach Größe und historischer Bedeutung, den Titel Patriarchat, Erzbistum oder Metropolie tragen und wird entsprechend von einem Patriarchen, Erzbischof oder Metropoliten geleitet. An der Spitze einer autonomen Kirche steht meist ein Erzbischof. 

 

Die zahlreichen orthodoxen Gemeinden im deutschen Sprachraum sind zur Zeit jeweils in auf Deutschland oder Westeuropa zugeschnittenen Bistümern der autokephalen Kirche ihrer Ursprungsländer oder dem Ökumenischen Patriarchat unterstellt. Über die kirchliche Verwaltung der orthodoxen Diaspora gibt es in der Orthodoxie leider bis heute keine übereinstimmende Auffassung. Während sich das Ökumenische Patriarchat in Übereinstimmung mit den Entscheidungen des Konzils von Chalkedon für die Sorge um alle orthodoxen Christen in der Diaspora zuständig sieht, wollen sich andere orthodoxe Kirchen, vor allem die russische, rumänische und serbische Kirche weiterhin eigenständig um die kirchliche Betreuung ihrer ehemaligen Landsleute kümmern dürfen. Deshalb widerspricht die orthodoxe kirchliche Struktur in der gesamten Diaspora heute dem orthodoxen Kirchenrecht, nach dem in jedem Gebiet nur eine orthodoxe Kirche existieren soll. Aber wegen der besonderen Gegebenheiten bei der Ausbildung der orthodoxen Diaspora im Westen während des 20. und 21. Jahrhunderts  mit seiner große Zahlen von  Migranten und deren starken Rückbindung an die jeweiligen Heimatkirchen mit der Möglichkeit zur kulturell sensiblen und muttersprachlicher Seelsorge wird dieser Zustand vorübergehend geduldet.

 

Um das Zusammenwachsen der Orthodoxen in den verschiedenen Ländern der Diaspora zu fördern und gemeinsam mit einer Stimme sprechen zu können, wurden in vielen europäischen Regionen inzwischen orthodoxe Bischofskonferenzen errichtet, ohne dass die einzelnen Bistümer aus der Jurisdiktion ihrer Mutterkirchen herausgelöst wurden. So wurde in Deutschland im Jahre 2010 die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland als Zusammenschluss der orthodoxen Bischöfe aller Diözesen in Deutschland gegründet. Sie umfasst zehn Diözesan- und neun Weihbischöfe. Und ist zuständig für heute etwa 1,6 Millionen orthodoxe Christen verschiedenster Herkunft. 

 

Das orthodoxe Kirchenverständnis 

 

Die orthodoxe Kirche versteht sich als die ursprüngliche christliche Kirche von der sich alle übrigen Kirchen zuerst entfernt und dann abgespalten haben. Von daher betrachtet sich jede orthodoxe Kirche als die vorrangig gegebene geistliche Heimat aller Christen in ihrem Gebiet. Insofern ist das orthodoxe Kirchenverständnis grundsätzlich „vor-konfessionell“, das heißt sie betrachtet die kirchlichen Spaltungen in der einen Christenheit nicht als einen besonderen gegebenen Reichtum, sondern als einen die Gebote Christi verletzenden Skandal. Insofern blickt die orthodoxe Kirche auch mit Befremden auf die Aktivitäten westlicher Konfessionen, wenn sie auf dem Gebiet einer orthodoxen Kirche Parallelstrukturen zu errichten suchen. Dieses Vorgehen wird als „Prosyletismus“ abgelehnt. Auch für die Errichtung von papsttreuen ostkirchlichen Parallelstrukturen (Unierte Kirchen) und neuerdings von (lateinischen) katholischen Bistümern in orthodoxen Ländern herrscht auf Seiten der Orthodoxen nur wenig Verständnis. Dabei bestreitet die orthodoxe Kirche den westlichen Kirchen nicht das Recht, Seelsorgestrukturen und Auslandsgemeinden für ihre dort lebenden Gläubigen in orthodoxen Ländern zu unterhalten, solange diese die besondere historische und religiöse Verbindung der orthodoxen Bevölkerung dieser Länder zu respektieren bereit ist.

 

Im ökumenischen Miteinander in den Ländern Ost- und Südosteuropas sind einige theologische, metalitätsmässige und zwischenmenschliche  Problemstellungen bis heute ungelöst geblieben. Dazu gehört der in der westlichen Theologie weithin missionarisch verstandene Auftrag der christlichen Botschaft, die Wahrung der religiösen Freiheit in der Glaubensentscheidung des Einzelnen und auch die unbestrittene Attraktivität westlicher Christentumsformen für einzelne oder auch bestimmte Gruppen in traditionell orthodox geprägten Gesellschaften. Dabei kommen auch die deutlich unterschiedliche theologische Gewichtungen und anders gelagerten geistes- und mentalitätsgeschichtliche Prägungen der orthodoxen und westlichen Christen zum Tragen. Während die westlichen Konfessionen ihren Fokus aufgrund ihrer historischen missionsgeschichtlichen Vorprägung eher auf den Aspekt einer aktiven Mission richten, sprechen wir Orthodoxen in diesem Zusammenhang mehr über kirchliche Präsenz und das davon ausgehende christliche Zeugnis (Martyria). Und während die abendländische Tradition mehr auf die zu wahrende Religionsfreiheit des Einzelnen blickt, begreifen wir Orthodoxen die Glaubensentscheidung des Einzelnen eher von seiner Einbettung in das kirchliche Leben her. Hier kommt auch der besondere Gemeinschaftscharakter orthodoxer Frömmigkeit und Kirchlichkeit besonders zu tragen. Nicht umsonst verwendet die slawische Sprache einen Begriff, der die Gemeinsamkeit (Sobornost) betont, um die Katholizität der Kirche auszudrücken.

 

Den orthodoxen Kirchen liegt die Einheit der Christen sehr am Herzen. Fast alle von ihnen haben sich aus diesem Grund dem ökumenischen Rat der Kirchen angeschlossen und führen ökumenische Dialoge zwecks einer Annäherung und Verständigung mit der katholischen, den anglikanischen, den evangelischen und den alt-orientalischen Kirchen. Die orthodoxen Kirchen sind jedoch nicht bereit, sich durch allein auf die schiere Vielzahl protestantischer Glaubensgemeinschaften im Ökumenischen Rat der Kirchen gründende Mehrheitsbeschlüsse zur Annahme von mit dem orthodoxen Verständnis des christlichen Glauben nicht vereinbaren Wertvorstellungen oder Praktiken zwingen zu lassen.

 

Weihe und Amt

 

Das Mysterion (Sakrament) der Handauflegung (Chirotonia) ist in der orthodoxen Kirche in drei Weihegrade gegliedert. Die erste Stufe ist das Diakonat, die zweite das Priestertum und die dritte ist die Weihe zum Bischof. Diese drei Weihestufen können nach dem übereinstimmenden Zeugnis der Heiligen Tradition und der Heiligen Schrift nur von Männern empfangen werden. Dabei werden nur die Bischöfe generell aus dem Mönchstand genommen. Sowohl verheiratete Männer als auch Mönche werden in der orthodoxen Kirche zu Diakonen und Priestern geweiht. Deshalb dürfen die orthodoxen Priester und Diakone verheiratet sein, jedoch ist eine Heirat nach dem Empfang der Subdiakonatsweihe nicht mehr möglich. Wenn sie verwitwen oder sich von ihrer Frau trennen, müssen sie dann ebenfalls unverheiratet bleiben. Auch verwitwete Priester können zum Bischof geweiht werden.

 

Neben dem Weihesakrament kennen die orthodoxen Kirchen auch die sogenannten Niederen Weihen zum Lektorat und Subdiakonat (Hypodiakon).

 

Die Ämter sind in eine kirchliche Hierarchie eingebunden: An der Spitze steht der Patriarch, Erzbischof oder Metropolit als primus inter pares unter den Bischöfen, dann kommen Bischof (griech. επίσκοπος „Episkopos“ = Aufseher), Priester (griech. πρεσβύτερος „Presbyteros“ = Ältester), und Diakon (griech. διάκονος „Diakonos“ = Helfer).

 

Subdiakon, Leser, Altardiener und  Sänger sind weitere Ämter ohne sakramentale Weihe, die ihren Ursprung in der frühchristlichen Liturgie haben. Generell gilt in der orthodoxen Kirche, das jedes Amt mit einer Beauftragung durch den Bischof und einer Handauflegung, die aber im Gegensatz zu den Weihen als Segnung verstanden wird, verbunden ist. Außer den niederen Weihen des Subdiakons, Lesers, Altardieners und  Sängers können auch Frauen zur Chorleiterin, Religionslehrerin oder Küsterin/Messnerin beauftragt und gesegnet werden. 

 

Eine besondere Stellung nimmt die Weihe zur Diakonisse ein. Die Diakonisse wird am Altar geweiht und empfängt auch die Heilige Kommunion am Altar. In der alten Kirche hatte sie besondere Funktionen für die Vorbereitung und Assistenz bei der Taufe der weiblichen Katechumenen. Die Bedeutung des Diakonissenamtes wurde aber mit der Abnahme der Erwachsenentaufen immer unbedeutender, so dass es bis zum Ende des byzantinischen Reiches schließlich komplett verschwand. Heute wird in einigen orthodoxen Kirchen an die Wiederbelebung der Weihe zur Diakonisse nachgedacht. So hat infolge des Panorthodoxen Konzils auf Kreta das Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika inzwischen zwei Diakonissen geweiht. Jedoch in wieweit die Diakonissen auch liturgische Dienste am Altar leisten dürfen (Gebrauch der Rhipidien etc.) und ob am Ende auch alle orthodoxen Kirchen dieses Amt wiederbeleben werden, lässt sich heute noch nicht abschließend entschieden. 

 

Orthodoxe Theologie

 

Im Gegensatz zu den westlichen Kirchen sind in den orthodoxen Kirche die meisten Theologen, in deren Hand auch ein großer Teil der Lehre liegt, traditionell Laien und nicht Priester. Umgekehrt hat die Mehrzahl der Priester zwar ein Priesterseminar besucht, jedoch haben sie in der Regel kein theologisches Hochschulstudium absolviert. Die orthodoxe Priesterausbildung ist meist kurz und praxisorientiert und findet in der Regel nicht an Universitäten oder geistlichen Akademien statt. 

 

Diakonie und Caritas

 

Das Feld der Caritas und Diakonie, die sozialen Dienste sind in der Orthodoxie ein Aufgabenfeld der Laien. Oft kümmern sich fromme Bruderschaften um bestimmte caritative Tätigkeitsfelder. In vielen mehrheitlich orthodoxen Ländern wird die Sozialarbeit infolge der langen kommunistischen Diktatur, aber auch westlichen Sozialstaatsvorstellungen folgend, zunehmend als eine Aufgabe des Staates und nicht nur als Tätigkeitsfeld tätiger christlicher Nächstenliebe begriffen. Die Aufgabe der Priester aber auch der Klöster wird nicht primär als aktiv innerweltlich, sondern vor allem als kontemplativ und auf den Gottesdienst und das Gebet konzentriert begriffen. Jedoch zeigen viele hervorragende Beispiele in Rumänien und Russland, dass es auch Beispiele einer gelungenen Synergeia von priesterlichem Amt und caritativem Engagement gibt. Auch fördern die orthodoxen Bischöfe das caritative Engagement christlich orthodoxer Initiativen und Bruderschaften und das Mönchtum, vor allem die Frauenklöster haben ganz bewusst das caritative und diakonische Engagement vorbildlicher Konvente aus der Zeit vor der kommunistischen Machtergreifung erneut mit Leben erfüllt. 

 

Der Dienst der Frauen in der orthodoxen Kirche

 

In der orthodoxen Kirche gibt es weder die Frauenordination noch weibliche Altardiener (Ministranten). Aus dieser Tatsache eine prinzipielle Missachtung der Frauen in der orthodoxen Kirche ableiten zu wollen, fusst jedoch in der Regel auf zeitgeistigen oder neoprotestantisch orientierten Denkgewohnheiten. 

 

In den orthodoxen Frauenklöstern blüht seit fast 2000 Jahren eine reiche, von Frauen gelebte und getragene orthodoxe Spiritualität. Zwar ist der Beichtvater der Nonnen sicherlich ein Priester, jedoch prägen in hohem Maße die geistliche Leitung der Igumenija (Äbtissin) und die spirituelle Führung durch die einzelne Staritza, die spirituell langjährig erfahrenen geistlichen Mütter der Nonnenkonvente das geistliche Klima und religiöse Leben der orthodoxen Frauenklöster. 

 

Beginnend beim alles überragenden Vorbild der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria haben auch unzähligen weitere weibliche Heilige, sowohl im Mönchstand als auch im Ehestand lebend, eine Vielzahl typisch weiblich orthodoxer Vorbilder gesetzt. Wer sich zum Beispiel einmal mit den Viten der heiligen apostelgleichen Thekla, der heiligen apostelgleichen Nino von Georgien, der heiligen apostelgleichen Maria Magdalena, der heiligen Fevronija von Murom, der heiligen Xenia von Petersburg, der heiligen Matrona von Moskau oder den heiligen Neomartyerin-Nonnen Elisabeth und Barbara eingehender beschäftigt, erkennt sehr schnell, das eine zugleich überzeugend christlich-orthodoxe und weibliche Lebensgestaltung die „ganze Frau“ erfordern wird. 

 

Auch hat die Ehefrau eines orthodoxen Gemeindepriesters in der Pfarrgemeinde eine besondere Vertrauensstellung inne, die sich schon in der besonderen Anrede (arabisch Khouria, griechisch Presbytera (= Älteste), oder russisch Matuschka (Mütterchen)) wiederspiegelt. Gerade für die Frauen der Gemeinde ist sie in frauenspezifischen Lebensfragen oft die erste Ratgeberin. Das gesamte Leben der Pfarrei wird durch sie maßgeblich mitgeprägt. Oft ist sie auch die kenntnisreiche Chorleiterin und die geduldige Sozialarbeiterin in der Gemeinde.  

 

Vom Altardienst abgesehen können orthodoxe Frauen prinzipiell sämtliche Funktionen in der orthodoxen Kirche ausüben. Orthodoxe Frauen sind in der Regel im Gemeinde- und Kirchenrat vertreten, sie leiten Kirchenchöre, sie versehen teilweise auch den Lektorendienst, erteilen Erwachsenenkatechese und Religionsunterricht oder schreiben Ikonen. Dabei gilt, dass die Beteiligung der orthodoxen Frauen am kirchlichen Leben sowohl im Laufe der Zeit, als auch nach nach der lokalen Gegebenheiten in den einzelnen orthodoxen Ländern unterschiedlich war.

 

Die Verwendung einer "heiligen" Sprache in der orthodoxen Kirche

 

Sowohl in der orthodoxen Kirchenfamilie, als auch in den alt-orientalischen Kirchengemeinschaft feiern einige Kirchen die Göttliche Liturgie bis heute in alt-ehrwürdigen Kirchensprachen: Byzantinisches Griechisch, Altgeorgisch und Kirchenslawisch bei den Orthodoxen, Koptisch, Armenisch, Syro-Aramäisch und Alt-Äthiopisch (Geez) bei den Altorientalen. Diese liturgischen Sprachen werden zwar heute in der Regel nicht mehr gesprochen, haben aber für die Gläubigen dieser Kirchen oft eine hohe identitätsstiftende Bedeutung. Grundsätzlich aber gilt sowohl in der orthodoxen, wie auch in der alt-orientalischen Kirchenfamilie, dass im Laufe der Zeit moderne Sprachen an ihre Seite dürfen oder sogar an ihre Stelle treten können. Ihre Verwendung hat eher einen in der Pietät wurzelnden Grund, als eine weitreichende theologische Begründung.

 

 

Die orthodoxen Diözesen in Deutschland

 

bilden gemeinsam seit dem 27. Februar 2010

die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland

 

Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel

 

Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland

(Bischofssitz: Bonn): 450.000 Gläubige, 70 Gemeinden und über 150 Gottesdienststätten, 1 Metropolit und 3 Bischöfe, 65 Priester

 

Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa

(Bischofssitz: Paris): 500 Gläubige, 4 Gemeinden, 4 Kirchen, 4 Priester

 

Ukrainische Orthodoxe Eparchie von Westeuropa

(Bischofssitz: London): Die Eparchie hat 3.600 Angehörige, 6 Priester

 

Rum- orthodoxe Kirche von Antiochien

 

Rum-Orthodoxe Metropolie von West- und Mitteleuropa

(Bischofssitz: Paris): 20.000 Angehörige, 13 Gemeinden, 9 Priester

 

Russische Orthodoxe Kirche

 

Berliner Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche - Moskauer Patriarchat

(Bischofssitz: Berlin): 250.000 Angehörige, 42 Gemeinden, 2 Erzbischöfe, 33 Priester

 

Russische Orthodoxe Kirche im Ausland

die Russische Orthodoxe Diözese des orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland

(mit Sitz in München): geschätzt ca. 30 000 bis 50 000 Gläubige, 1 Erzbischof, 1 Bischof, Die Diözese der Russischen Auslandskirche in Deutschland umfasst ca. 40 Gemeinden (2011).

 

Serbische Orthodoxe Kirche

 

Serbische Orthodoxe Diözese für Mitteleuropa

(Bischofssitz: München bzw. Himmelsthür b. Hildesheim): 300.000 Gläubige, 33 Gemeinden, 1 Bischof, 36 Priester

 

Rumänische Orthodoxe Kirche

 

Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

(Bischofssitz: Nürnberg): 300.000 Gläubige, 33 Gemeinden, 1 Metropolit, 1 Bischof, 28 Priester

 

Bulgarische Orthodoxe Kirche

 

Bulgarische Diözese von West- und Mitteleuropa

(Bischofssitz: Berlin): 60.000 Gläubige, 4 Gemeinden, 1 Metropolit, 5 Priester

 

Georgische Orthodoxe Kirche

 

Westeuropäische Diözese der Georgischen Orthodoxen Kirche

(Bischofssitz: Tiflis / Georgien): 30.000 Gläubige, 3 Gemeinden, 1 Priester

 

Ökumene

 

Einige orthodoxe Kirchen arbeiten bereits seit 1974 in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) mit, andere traten ihr später bei. Die kanonischen orthodoxen Kirchen sind seit einigen Jahren in einer gemeinsamen Delegation mit fünf Mitgliedern (und fünf Stellvertretern) über die KOKiD vertreten, die altorientalischen Kirchen sind jede für sich Vollmitglied. Ebenso sind die orthodoxen Kirchen an den meisten regionalen und lokalen Arbeitsgemeinschaften der ACK beteiligt.

 

Lehreinrichtungen

 

Seit 1995 wurde das ehemalige „Institut für orthodoxe Theologie“ an der Universität München zur Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie der Universität München ausgebaut und ein entsprechender Diplom-Studiengang eingerichtet. Damit existiert nun im deutschen Sprachraum die erste und bisher einzige Möglichkeit eines orthodoxen Universitätsstudiums (einschließlich der Möglichkeit einer Promotion in der Orthodoxen Theologie). Außerdem existiert - mit dem vorrangigen Ziel einer Ausbildung orthodoxer Religionslehrer - ein Lehrstuhl für orthodoxe Theologie im Rahmen des Zentrums für Religiöse Studien an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ferner gibt es an der Universität Erfurt einen religionswissenschaftlich ausgerichteten Lehrstuhl für orthodoxes Christentum.

 

 

 

Die Antwort der Christen auf die Gewalt in dieser Welt:

 

Die geistliche Waffenrüstung Gottes

 

 zum 14. Lukas-Sonntag

 

In der Apostellesung für diesen Sonntag (Epheser 6: 10-17) ermahnt der Hl. Paulus die Christen „zieht die Rüstung Gottes an“. Er zieht einen langen Vergleich zwischen den Gegenständen, aus denen die Rüstung eines römischen Soldaten bestand – Harnisch, Schild, Helm, Schwert – und den Gaben, aus denen sich das geistliche Rüstzeug eines Christen zusammensetzt. Diese Perikope ist oft falsch verstanden worden. Paulus will nicht, dass wir uns von einer militärischen Rüstung inspirieren lassen oder sie als Modell nehmen. Seine Botschaft ist nicht: Soldaten haben Harnisch und Schild, deshalb rüste dich mit einem geistigen Harnisch und Schild. Im Gegenteil, weit entfernt davon eine Analogie zwischen der Rüstung eines Soldaten und der Rüstung Gottes herzustellen, will er den Gegensatz unterstreichen. Anstatt (und nicht: in der Weise, oder in Nachahmung) eines Gürtels, nimm die Wahrheit. Statt Schuhe, nimm die Bereitschaft für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen; statt des Harnisches, die Gerechtigkeit; statt des Helms, das Heil.

 

Der tiefere Grund auf diesem Gegensatz zu bestehen ist, dass wir nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen“ haben, sondern „gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs“. Kommentatoren anerkennen hier im allgemeinen, dass Paulus sich auf die Geister oder den Geist des Bösen bezieht. Deshalb ist die wesentliche Waffe des Christen das „Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes“. Nichts im Wesen des Geistes ist weich oder trä- ge. Er dringt ein, er schneidet, er trennt. Es wäre ein Fehler, anstatt dieser rein geistigen Waffen, die die Verneinung und das Gegenteil der weltlichen Waffen sind, nun Mittel zu suchen, die mehr oder weniger analog zur weltlichen Art zu kämpfen wären: das Ergebnis wäre ein heiliger Krieg, oder die Unterdrückung der Häresie mit Gewalt, oder, auf anderer Ebene, die Art kirchlicher Diplomatie, die Intrige und Lüge mit einbezieht. All das können wir zurückweisen. Wir haben keine andere Waffe als den Geist.

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church,

The Year of Grace of the Lord,

A Spiritual and Liturgical Commentary

on the Calender of the Orthodox Church.

 

  

Glaubensfreiheit – mit und gegen Luther

 

Gedanken anlässlich des Reformationsgedenkens 2017

 

(Impuls beim Ökumenischen Gesprächskreis in Nürnberg)

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

2017- An vielen Orten in Deutschland gedenken evangelische und katholische Christen (heutzutage gemeinsam) an den Beginn der Reformation. Vielfach wird die reformatorische Bewegung dabei als Keimzelle der Gewissensfreiheit und damit als Beginn der Freiheit des Glaubens gewürdigt. Den Glauben als eine persönliche Herzensangelegenheit zu begreifen, wird vielfach als typisch evangelisch betrachtet, einem Evangelisch-sein, den heute auch die meisten römischen Katholiken ihre Respekt, wenn gar ihre offene Sympatie ausdrücken. Doch ganz so schön, wie es die vom ökumenischen Reformationsgedenken geprägte Rückschau unserer Tage haben möchte, war die historische Wirklichkeit damals leider nicht. Als sich im Jahr 1525 die lutherische Reformation in der freien Reichsstadt Nürnberg durchsetzte, war es die humanistisch gebildete Äbtissin des Clarissenklosters, die ihren römisch-katholischen Glauben und ihre monastische Lebensform gegen den damaligen lutherischen Zeitgeist verteidigte. Denn  entgegen der Mehrheit in ihrer evangelisch gewordenen Vaterstadt hielt Caritas Pirkheimer am Althergebrachten fest und forderte deshalb unbeirrt Glaubens- und Gewissensfreiheit – auch für die "Altgläubigen".

 

Rechtfertigung allein durch Christus. Glauben als Gnade von Gott. Stichworte, die wir heute so mühelos und beinahe reflexartig dem Reformator Martin Luther zuschreiben möchten, sie sind keineswegs Monopol des evangelischen Theologen aus Wittenberg. Sie finden sich genau so selbstverständlich in den Schriften der Äbtissin Caritas Pirckheimer, eine der vielleicht außergewöhnlichsten Frauen der Reformationsepoche,  an deren 550. Geburtstag in diesem Jahr 2017 ebenfalls zu erinnern ist.

 

Geboren wird die spätere Äbtissin am 21. März 1467 als Barbara Pirckheimer. Sie ist die älteste Tochter des angesehenen Juristen Hans Pirkheimer, der, aus aus einem angesehenen Nürnberger Patriziergeschlecht stammend, Berater des Bischofs von Eichstätt ist. So wird denn auch seine Tochter Barbara nicht in der Reichstadt Nürnberg, sondern im fürstbischöflichen Residenzstädtchen Eichstätt geboren. Als überzeugtem Humanisten liegt Hans Pirckheimer die fundierte, humanistisch geprägte Bildung aller seiner Kinder besonders am Herzen. Auch darin unterscheidet sich sein römisch-katholisches Menschenbild vom durch die Reformation geprägten Frauenbild, das die Rolle evangelischer Mädchen und Frauen eng an Haus und Familie band. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts veränderte sich mit den ersten Diakonissen diese Engführung des evangelischen Frauenbildes. Jedenfalls machte Hans Pirckheimer keinen Unterschied in der Bildung zwischen seinen Söhnen und Töchtern. Barbara, seine älteste Tochter, schickt er deshalb mit etwa sieben Jahren nach Nürnberg ins Haus des Großvaters. Dort wird sie von ihrer Großtante Katharina unterrichtet, deren außergewöhnliche Gelehrsamkeit in Nürnberg stadtbekannt war. Unter ihrer Anleitung entwickelte Barbara eine lebenslange Leidenschaft für das Lernen.

 

Im Alter von 12 Jahren vertraute sie die Familie der Mädchenschule am Nürnberger Clarissenklosters an. Dort erlernte sie schnell und vollkommen die lateinische Sprache. Für Barbaras Bildungseifer ist das Nürnberger Clarissenkloster der rechte Ort. Hier konnte sie die lateinische Sprache, die im Abendland den Weg zu den Schriften der Kirchenväter und zur Theologie, aber auch zum Wissen der klassischen Antike eröffnete, perfekt erlernen. In der Nachfolge des heiligen Benedikt und seines Typikons (Regel) waren die abendländischen Klöster immer auch ein idealer Lernort. Aber für das junge Nürnberger Mädchen wurde es auch der Ort, an dem sie die für sie ideale Lebensform, das Mönchtum fand. Barbara Pirckheimer entscheidet sich aus freien Stücken für den franziskanischen Weg der monastischen Frömmigkeit. Der heilige Franziskus von Assisi hat mit seiner bedingungslosen Christus- und Nächstenliebe, aber auch mit seiner liebenden Zuwendung zu aller Kreatur, ja der gesamten Schöpfung, nicht nur die Christen im Abendland beeindruckt. Sogar in einigen orthodoxen Kirchen in Griechenland finden sich Ikonenfresken dieses Heiligen, die, obwohl er erst nach dem Schisma lebte, von seiner Verehrung durch die orthodoxen Gläubigen in Griechenland zeugen. Der genaue Zeitpunkt wann sie Entscheidung für das Mönchtum traf, ist heute nicht mehr bekannt: Mit 16 oder womöglich erst mit 18 Jahren wird sie Clarissen-Nonne. Mit dem Eintritt in das Mönchtum lässt sie nicht nur ihr bisheriges Leben, sondern auch alle Reste weltlicher Identität zurück. Sie legt ihren alten Namen Barbara ab und wählt mit Bedacht den namen der frühchristlichen römischen Märtyrerin Caritas. Zu deutsch: Die barmherzige Liebe. Auch wir Orthodoxen verehren diese Heilige (Lubov/ Apgapi). Caritas wird sich den Rest ihres monastischen Lebens bemühen, diese barmherzige Liebe zum bestimmenden Grundzug ihres Lebens zu machen. So spielt, als sie im Jahre 1502 einmütig zur Äbtissin gewählt wird, spielt nicht allein ihre hervorragende Bildung, sondern auch ihr gesamtes Wesen eine entscheidende Rolle.

 

Doch Caritas ist am Ende weit mehr als eine ideale Franziskaner-Nonne und liebevolle Äbtissin. In den folgenden Jahren, als nur noch die durch die reformatorischen Ideen geprägte Form des Christentum in Nürnberg bestehen soll, wird die Bekennerin in Caritas gefordert sein, die ihrer Martyria für den römisch-katholischen Glauben mit Standhaftigkeit und Selbstbewusstsein auch in harten Erprobungssituationen unbeirrt treu bleibt. Denn die freie Reichsstadt Nürnberg ist einer der ersten Orte in Deutschland, die mit den kirchlichen Konsequenzen aus Luthers Theologie ernst machen. Im März des Jahres 1525 veranstaltet der Nürnberger Rat ein Religionsgespräch, eine "freundliche christliche Unterred", zwischen den römisch-katholischen Altgläubigen und Luther-Anhängern. Im Sinne der behaupteten Schriftgemässheit fordern die überlegenen evangelischen Kräfte von der altgläubigen Gegenseite, Gebräuche, Gewohnheit, alt Hergekommenes aber auch die bischöfliche Autorität, Konzilien, Väter und kirchlichen Tradition ruhen zu lassen. Zuerst trifft dieses Verdikt die im Abendland übliche Form der Feier der Göttlichen Liturgie, die römisch-katholische Messe. Als nächstes trifft das Verdikt dann die monastische Lebensform in den Klöstern der Stadt. Die unmittelbaren Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Bereits wenige Tage nach dem Religionsgespräch werden den Klarissen die Franziskanerpatres entzogen. Ein weitreichender spiritueller Einschnitt im Leben der Nonnen. Sie verlieren mit ihren Seelsorgern zugleich den Zugang zu den Sakramenten. Keine Heilige Kommunion, keine Beichte, keine Krankensalbung für die Schwestern im Nürnberger Clarissenkloster. In dieser Situation trifft die Äbtissin Caritas eine klare Entscheidung. Mögen auch alle anderen Klöster in der Stadt dem Nürnberger Rat gehorchen und den überkommenen Gottesdienst und das Mönchtum aufgeben, sie ist gewillt, entschieden Widerstand zu leisten. Zuviel steht für ihre Schwestern und sie selbst auf dem Spiel: Ihre Freiheit in Glaubensdingen, also: Ihre Gewissensfreiheit.

 

Denn nur in allen weltlichen, äußeren Belangen sei man dem Rat als der weltlichen Obrigkeit Gehorsam schuldig, jedoch in den Fragen, die das Gewissen und den rechten Glauben betreffen, dürfe es keinen politischen Zwang geben. Hier sei der Christ allein seinem Gewissen und damit deren Erzieherin, der Kirche verpflichtet.

 

Der Entzug der franziskanischen Priester ist jedoch nur der erste Schritt. Bald schon fordern die Nürnberger Familien ihre Töchter auf, das Kloster zu verlassen. Diese verwehren sich dagegen. Doch ihre Weigerung nimmt niemand ernst. Es wird von den nunmehr protestantischen Familien gegen jede "evangelische Freiheit" blanke physische Gewalt angewendet. Die Äbtissin Caritas Pirckheimer jedoch hört auf ihre Schwestern. Und sie gibt nicht auf. Sie wehrt sich: gegen die Vorurteile und Klischees, die den Nonnen entgegengebracht werden. Das tut sie bisweilen mit sanfter Ironie, bisweilen mit scharfzüngigem Sarkasmus, zu dem ihre Klugheit und Bildung sie ermächtigen. Diese Standhaftigkeit in Glaubensdingen der Schwestern begreift der Nürnberger Rat als blanken ignoranten Starrsinn, als undankbaren Ungehorsam der eigenen Töchter und Schwestern. Denn die alternative Lebensform des Klosters lässt sich mit dem damaligen Zeitgeist und dem von Luther propagierten neuen Frauenbild offenbar nicht mehr zur Deckung bringen. Der lutherische Zeitgeist droht Caritas’ Bitte um ihre eigene römisch-katholische Gewissens- und Glaubensfreiheit zu übertönen. Insofern ist das Zeitalter der Reformation noch kein Zeitpunkt für den Anbruch der Freiheit des einzelnen Gewissens. Ein theologischer Dialog auf Augenhöhe war zur Zeit Luthers noch nicht gewollt, vielleicht aber auch noch nicht möglich.

 

Und dennoch kommt es im Jahre 1525 zu einem besonderen Gespräch, zu einem Diskurs, der eher schon auf das ökumenische Miteinander des Heute verweist, als dass er dem damaligen unduldsamen Zeitgeist beider Konfessionsparteien gerecht wird. Schon im Frühjahr 1525 hatte ihr jüngerer Bruder Willibald einen Hilferuf verfasst, in dem er die Not des Klosters schildert. Der Adressat seines Briefes war der Reformator Philipp Melanchthon in Wittenberg. Als dieser im Spätherbst nach Nürnberg reist, erklärt er sich zu einem Gespräch mit der Äbtissin Caritas bereit. Es ist ein denkwürdiges, im Zeitalter der Reformation vielleicht einzigartiges, echt ökumenisches Gespräch, das im November 1525 im Beichthaus des Clarissenklosters stattfindet. Der gerade erst 25-jährige Wittenberger Griechisch-Professor Philipp Melanchthon, Luthers wichtigster Mitstreiter, trifft die beinah 60-jährige, überzeugte römisch-katholische Äbtissin Catitas. Und das damals scheinbar unmögliche geschieht: Hier finden sich zwei Christen, die respektvoll miteinander umgehen; die den Konsens suchen – und sich über ihn freuen. Aber auch, wo sie sich wegen ihrer Glaubensvorstellungen nicht übereinkommen können, lehnen sie sich gegenseitig nicht ab.

 

Wenn es für mich anläßlich des Reformationsgedenkens 2017 wirklich etwas zu feiern gibt, dann dies, dass der evangelische Reformator Philipp Melachton sich in einer Zeit des erbitterten Glaubenskonfliktes als unerwarteter Freund der römisch-katholischen Äbtissin Caritas Pirckheimer erwiesen hat. Denn er wird sich nach diesem Gespräch vehement dafür einsetzen, dass die Angriffe gegen das Kloster aufhören. Ebenso wie für die Katholikin Caritas stehen für ihn zwei Dinge im Zentrum des christlichen Glaubenslebens: Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit. Auch wenn die beiden sich in der Frage nach dem Mönchtum als christlicher Lebensform uneins bleiben, bedeutet dies nicht das Ende ihres ökumenischen Dialoges. Beide sind zu einem echten Gespräch unter den Christgläubigen bereit, das die Gewissensfreiheit des anderen auszuhalten vermag. Und dies beinhaltet bis heute auch immer die Freiheit des anderen, sich nicht für den neuen Weg der Reformation zu entscheiden.

 

Als orthodoxer Christ und Theologe, der die abendländische Theologie und Kirchengeschichte und die durch die Reformation angestoßenen geistigen und geistlichen Entwicklungen kennt, erkenne ich sowohl, was uns mit unseren evangelischen und katholischen Brüdern und Schwestern verbindet, aber auch das, was uns wohl auch nach dem Jahr 2017 noch immer voneinander trennen wird. Trotzdem bin ich mit meinem Patriarchen Bartholomäus und meinem Erzbischof Jean absolut einig darin, dass es zum Miteinander der Christen und zum geduldigen ökumenischen Dialog keine wirkliche Alternative gibt; nicht weil die Option zum Dialog an sich "alternativlos" wäre, sondern weil unser gemeinsamer Herr und Erlöser Jesus Christus uns in Geduld und mit Liebe dazu aufruft (vgl.: Johannes 17:1-26).

 

Deshalb vermag ich auch den Fundamentalismus und seine Unduldsamkeiten nicht als wirklich rechtgläubig zu begreifen, sondern nur die Formen des orthodoxen kirchlichen Lebens,  die  vom   Licht   der  Liebe  des Pas´cha-Geheimnisses zutiefst durchdrungen sind. Denn wenn unsere Herzen von der Liebe Christus zutiefst erfüllt sind, können wir die Heilige Rechtgläubigkeit auch so bekennen, dass unser Glaubensgespräch mit unseren evangelischen und katholischen Brüdern und Schwestern zu dem angstfreien Raum der Wahrheit wird, den unser Herr Jesus Christus allen Menschen guten Willen zugedacht hat.