Die Große und Heilige Woche-Karwoche

 

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O siehe, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht und selig der Diener, den er wachend findet, unwürdig dagegen, den er träge findet. Sieh’ nun, o du Seele mein, dass du nicht dem Schlaf verfällst, damit du dem Tod nicht übergeben wirst und ausgeschlossen aus dem Reich, sondern sei nüchtern und rufe: Heilig, heilig, heilig bist Du, unser Gott, um der Gottesgebärerin willen, erbarme Dich unser.

 

Troparion der Großen und Heiligen Woche im 8. Ton 

 

 

O siehe, der Bräutigam kommt...“ - Über die ersten drei Tage in der Großen und Heiligen Woche

 

von Diakon Dr. John Chryssavgis

Holy Cross School of Theology Boston

 

Am Abend des Palm-Sonntags haben wir den Orthros vom Großen Montag gefeiert und damit haben wir die Reise durch die Große Woche begonnen. Die drei Tage, die die „Große Woche“ eröffnen, werden „Heiliger“ oder „Großer“ Montag, Dienstag und Mittwoch genannt; und sie sind genau deswegen „groß“, weil jeder Tag uns etwas über uns selbst und über Gott in unserem Leben in Symbolen lehrt. Die meisten Leute wissen was am Großen Donnerstag, Freitag und Samstag geschieht, aber die ersten drei Tage sind die am wenigsten bekannten – ich meine es ist schon schwer genug drei Tage hintereinander in die Kirche zu gehen. Und doch sind sie theologisch bedeutsam.

 

Strukturell oder liturgisch haben wir immer noch „Fastenzeitstimmung“ – die Melodien gehören noch zu ihr: zu Beginn singen wir „Alliluja“, und während dieser Tage hören wir das Gebet des Heiligen Ephraim, „Herr und Gebieter meines Lebens ...“, welches das Gebet der Fastenzeit ist.

 

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Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßigganges, des Kleinmuts, der Herrschsucht und unnützer Worte gib mir nicht! 


Gib hingegen mir, Deinem Knecht, den Geist der Keuschheit, Demut, Geduld und Liebe! 


Ja, Herr, mein König, lass mich meine Fehler erkennen und nicht richten meinen Bruder und meine Schwestert, Denn gesegnet bist Du von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

Also sind diese Tage, oberflächlich betrachtet, wie eine Fortführung der Großen Fastenzeit. Wir sind noch in Fastenstimmung. Aber das ist nicht alles; diese Tage bilden einen selbstständigen Zyklus mit der Offenbarung des Eschaton (ἔσχᾰτον =  Anbruch der mit der Wiederkunft Christi verbundenen Ewigkeit) als gemeinsames Thema. Das Christentum ist die Religion des Endes – nicht des Endes als Katastrophe. Über die Zeit der Wiederkehr Christi wissen wir nichts! Es ist ein Ende, dessen Inhalt nicht zeitlich zu sehen ist, sondern qualitativ. Man ist sich einig, dass die Menschwerdung Christi, sein Tod und seine Auferstehung entscheidende Ereignisse für unser Heil sind und dass unser Leben nun eine Erwartung des bereits begonnenen Endes, des schon verwirklichten Reiches Gottes ist. Obwohl wir das als selbstständig denkende Menschen vielleicht ablehnen, verkündet die Kirche, dass Christus uns erlöst hat. Und obwohl wir vielleicht unseren Tod beklagen, verkündet die Kirche den Tod des Todes. Deshalb ist der Große Freitag, für uns, keine Trauerfeier, noch ist Ostern ein ästhetischer Ausdruck von Freude: wir leben täglich die Tragödie vom Großen Freitag und den Ostersonntag, von Leben und Tod, Christi Sieg über den Tod und unsere Erwartung Seines „Reiches, das kein Ende hat“

 

Die Kirche lebt in dieser geheimnisvollen Zeit zwischen Schöpfung und dem Ende. Der gemeinsame Hymnus dieser drei Tage: „O sieh’, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht...“, fasst das Hauptthema der Feier zusammen. Für uns ist „mitten in der Nacht“ symbolisch – deshalb feiern wir den Orthros am Abend; in der frühen Kirche hielten sie eine Vigil – d.h. sie blieben die ganze Nacht wach. „O sieh’, der Bräutigam kommt mitten in der Nacht...“ – wir wissen nicht, wann Christus kommen wird, aber Er wird um Mitternacht kommen; wo das Leben zu Ende geht, um null Uhr. Das liturgische Leben der Kirche ist genau dieses „Warten“ auf Christus. Dieses „Warten“ ist die neue Dimension des Christentums! Unser Leben ist ein Warten, eine Erwartung und fortwährende Wachsamkeit. Denkt an die Worte des Hl. Andreas von Kreta, die während der Fastenzeit (am Ende der 6. Ode) gelesen werden: „Meine Seele, meine Seele, steh’ auf, warum schläfst du? Das Ende nahet und du wirst betrübt werden; erwache daher, auf dass deiner schone Christus, Gott, der Allgegenwärtige und Alleserfüllende.“

 

 

Das ist der freudvolle Aspekt des Christentums. „Ich schlafe, aber meine Seele wacht“. Diese Sicht ist wichtig für das Verständnis des Mönchtums und der langen Gottesdienste unserer Kirche. Unser fortwährendes Gebet sind ... die letzten Worte der Offenbarung des Johannes: „Komm, Herr Jesus“. Unsere nieendende Anrufung ist: „Dein Reich komme“.

 

Deshalb benützt unsere Kirche auch so oft das Bild der Braut und des Hochzeitsmahls. Christus als der Bräutigam kommt und nimmt uns in Sein Brautgemach; der inkarnierte Gott nimmt uns in Sein Grab ... So wird am Ostersonntag um Mitternacht, wenn sich die Königlichen Türen öffnen, das Wesen des Reiches Gottes offenkundig und wir singen. „Heute ist alles mit Licht erfüllt...“

 

Quelle: : www.goarch.org/en/special/lent/lenten_2002, deutsch: Andreasbote 2004

 

Die Gottesdienst während der Großen und Heiligen Woche

 

Erzpriester George Mastrantonis

 

 

Lazarus-Samstag

 

Samstag vor dem Palm-Sonntag morgens: Orthros und Göttliche Liturgie.

 

Heute wird die Auferweckung des Lazarus, des gerechten Freundes Christi von den Toten gefeiert. Die Heilige Woche beginnt mit dem Satz: „Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien“ (Johannes 12: 1). Seine Ankunft fiel mit dem jüdischen Paschafest zusammen. Es begann am 15. des Monats Nissan im Gedenken an die Befreiung des jüdischen Volkes aus der ägyptischen Sklaverei unter der Leitung des Propheten Mose durch ein Wunder Gottes. Die Kirche zählt Vorbereitung und Befreiung zu den Ereignissen dieser Woche. Sechs Tage vor dem Paschafest wurde in Betanien in Judäa, wo Christus auf Seinem Weg nach Jerusalem angehalten hatte, ein Fest für Christus veranstaltet. Lazarus, Sein Freund, und seine Schwestern waren da. Kurz davor hatte Christus Lazarus von den Toten auferweckt und dadurch die Achtung und den Glauben des Volkes erworben, aber auch den Hass der Fanatiker auf sich gezogen. Die Kirche heißt diesen Tag den „Lazarus-Samstag“ im Gedenken an die Auferweckung des Lazarus und das damit verbundene Versprechen der allgemeinen Auferstehung aller Menschen. Die Kirche verbindet diese Feier, in Vorwegnahme, mit dem Einzug Christi in Jerusalem: „Wir tragen die Siegeszeichen und rufen Hosanna in der Höhe“.

 

 

Palmsonntag (Johannes 12: 12-18)

 

Dieser Sonntag gedenkt des triumphalen Einzugs Jesu Christi in Jerusalem. Das Volk von Jerusalem empfing Christus wie einen König und nahm deshalb Palmzweige und ging Ihm entgegen, um die Zweige auf Seinen Weg zu legen. Das Volk rief im Gedenken an die prophetischen Worte des Zacharias: „Hosanna! Gepriesen sei der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels!“ (s. Sach 9,9). Die Feier des jüdischen Paschafestes brachte viele Juden und zum Judentum konvertierte Heiden nach Jerusalem. Sie hatten von den Werken und Worten Christi gehört, besonders von der Auferweckung des Lazarus. Alle diese mit Christus zusammenhängenden Ereignisse hatten für die Juden dieser Zeit einen messianischen Charakter. Das irritierte die Hohenpriester und Pharisäer. Wie gewöhnlich ging Christus zum Tempel um zu beten und zu lehren. Am Abend ging er weg nach Bethanien. Die Tradition der Kirche an diesem Sonntag Palmzweige zu verteilen wiederholt, was das Volk von Jerusalem getan hat, als es Christus die Zweige auf den Weg legte und symbolisiert seitdem für den Christen den Sieg Christi über die Macht des Bösen und des Todes.

 

 

Große und Heilige Woche

 

An die Periode der Großen Fastenzeit schließt sich die Große und Heilige Woche an. Jetzt nähern sich die gläubigen Christen, die durch die Große Fastenzeit mit Gebet und Fasten hindurchgegangen sind, dem Fest der Feste, um die Passion Christi und Seine Auferstehung zu feiern. Während der ganzen Fastenzeit versuchen die Gläubigen die Ideale und Gebote dieser Zeit im Lichte der Auferstehung zu leben. Deshalb beziehen sich auch die Hymnen der ganzen Fastenzeit und besonders auch der Großen Woche auf die Auferstehung Christi als dem Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Jeder Tag der Großen Woche ist den Geschehnissen und Lehren Christi in Seiner letzten Woche auf Erden gewidmet. Die Gläubigen, die die Gottesdienste dieser Woche besuchen sind sich bewusster ihrer Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber ihren Nachbarn, bewusster durch Fasten, Beten, Almosengeben und der Vergebung der Vergehen anderer. Mit anderen Worten, sie nehmen Tag für Tag am Geist des Evangeliums Christi teil. 

 

 

 

 

Montag: „Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht ...“

 

Gottesdienst am Palm-Sonntag Abend: Orthros.

 

Der Orthros vom Montag der Hl. Woche (gefeiert am Abend des Palm-Sonntags) gedenkt des gesegneten und edlen Josef und des vom Herrn verfluchten Feigenbaums, der verdorrte. Das Verdorren des Feigenbaums war ein Wunder mit besonderem symbolischem Inhalt, denn der Baum hatte Blätter, trug aber keine Früchte. Das ist symbolisch für Leute, die sich für ethisch und religiös halten, aber in Wirklichkeit ein inhaltsloses Leben führen, das keine Frucht bringt. So war es auch bei einigen Pharisäern jener Zeit. Jesus verfluchte den Baum: “In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen!“ (Matthäus 21: 19). Der Bezug der Geschichte zum tugendhaften Josef des Alten Testamentes (Genesis 37-41) dient nur dem Kontrast, denn das Leben Josefs war ein Vorbild an Anstand und aufrichtiger Beachtung ethischer Grundsätze. 

 

An diesem Abend beginnen wir mit dem Hymnus des Bräutigams: „Siehe, der Bräutigam kommt in der Mitte der Nacht. ... Sieh zu, meine Seele, daß du dem Schlaf nicht verfällst, ... und nicht ausgeschlossen wirst vom Reich ...“. Das Exaposteilarion enthält ebenso eine symbolische Ermahnung: „Dein Brautgemach schau ich, mein Heiland, geschmückt. Ich habe kein Festgewand, .... Lichtspender, mach leuchtend meiner Seele Gewand und sei mein Erretter.“ Zugleich findet die Prozession um die Kirche mit der Ikone des Christus als Bräutigam statt. Das Volk singt das Kathisma in Vorausahnung des Leidens Christi: „Deine erhabenen Leiden läßt der heutige Tag der Welt wie rettende Lichter aufleuchten.“ 

 

Die Evangeliumsperikope ist aus Matthäus 21: 18-43. Sie erwähnt, dass die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm [kamen] und fragten: Mit welchem Recht tust du das alles? Wer hat dir dazu die Vollmacht gegeben? (Vers 23). Sie versuchten Christus zu veranlassen sich durch die Beantwortung der Frage selbst anzuklagen. 

 

Dienstag: „Wachet und betet ...“

 

Der Orthros vom Dienstag wird am Montag Abend gesungen. Der Dienstag der Großen Woche mahnt durch das Gleichnis der Zehn Jungfrauen (Matthäus 25: 1-13). Moralische Vorbereitung und Wachsamkeit sind die Grundlagen für einen lebendigen Glauben. Das Gleichnis von den Zehn Jungfrauen wird um das Thema des Bräutigams entwickelt: „Was bist du sorglos, meine arme Seele? ... Arbeite sorgfältig mit den Gaben, die dir anvertraut sind; wache und bete.“ Der Dichter mahnt uns: „Ich besitze nicht das von Tugenden brennende Licht. Den törichten Jungfrauen ward ich gleich und habe mich in der Zeit des Wirkens umhergetrieben“ und „Verschließe, Herr, mir Deines Mitleids Güte nicht.“ Die Mahnung folgt: „Wohlan, Gläubige, lasset willig uns mühen im Dienste des Herrn. ... Denn so werden wir das Darlehen vervielfachen ... mit guten Werken die Weisheit zieren.“

 

Mittwoch: „Als Er zu Sich kam ... kam Er zum Vater ...“

 

Der Orthros vom Mittwoch wird am Dienstag Abend gesungen. Für den Mittwoch der Großen Woche haben die heiligen Väter der Kirche verfügt, dass der Salbung Christi mit Nardenöl oder Myron durch eine Frau im Hause Simons des Aussätzigen in Betanien gedacht werden solle. Umkehr war die Predigt der Propheten. Es wäre eine geeignete Überschrift für die Bibel, denn „Umkehr“ war auch die Rede unseres Herrn. Diese Frau, die ihre Umkehr, ihre Reue und Buße, und ihren tiefen Glauben an den Herrn offenbarte, ist uns heute immer noch Vorbild. 

 

Am Abend wird das wunderschöne „Idiomelon der Kassia(ni)“ gesungen. Es beginnt mit: „Herr, das Weib, das in viele Sünden gefallen, hat Deine Gottheit erkannt ... weh mir, spricht sie ... nimm an meiner Träne Bäche, Du, Der das Wasser des Meeres in Wolken emporzieht ... meiner Sünden Menge und die Abgründe Deiner Gerichte, wer wird sie erforschen, Seelenretter ... verachte mich, Deine Magd, nicht. Denn maßlos ist Dein großes Erbarmen.“ 

 

Die Liturgie der Vorgeweihten Gaben wird am Mittwoch Morgen zum letzten Mal in der Großen Fastenzeit gefeiert. Diese sehr alte Liturgieform ist eine Vesper mit den Heiligen Gaben, die am vorhergehenden Sonntag geweiht wurden. Diese Liturgie wird während der Großen Fastenzeit jeden Mittwoch und Freitag gefeiert, damit die Gläubigen die Heilige Kommunion empfangen können. Die Liturgie ist feierlich und spiegelt die Großartigkeit und Einfachheit der Frühen Kirche wider. Während der Großen Fastenzeit wird die Göttliche Liturgie nur an Samstagen und am 25. März (Chrysostomos-Liturgie) und Sonntagen (Basilius-Liturgie) gefeiert.

 

Quelle: http://www.goarch.org/en/ourfaith

 

 

Die Tage der Großen und Heiligen Woche

- Die Karwoche

 

Der Lazarus-Samstag

 

„Nachdem wir die der Seele nützlichen 40 Tage der Fasten vollendet haben, bitten wir auch die heilige Woche Deines Leidens schauen zu dürfen.“ Mit diesem Worten der Vesper vom Freitag wird die Große Fastenzeit beendet und das jährliche Gedenken des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung Christi beginnt. Es beginnt am Lazarus-Samstag. Das doppelte Fest der Erweckung des Lazarus und des Einzugs des Herrn in Jerusalem (Palm-Sonntag) wird in den liturgischen Texten als der „Anfang des Kreuzes“ bezeichnet und sollte deshalb im Kontext der Großen Woche verstanden werden. Das Troparion dieser Tage beteuert ausdrücklich, dass durch die Erweckung des Lazarus von den Toten, Christus die Wahrheit der allgemeinen Auferstehung bestätigt hat. Es ist bedeutsam, dass wir in das Dunkel des Kreuzes durch eines der 12 Hochfeste der Kirche eingeführt werden. Licht und Freude scheinen nicht nur am Ende der Großen Woche auf, sondern auch an ihrem Beginn. Alle, die sich im orthodoxen Kultus auskennen, wissen, wie eigenartig, ja paradox der Charakter der Gottesdienste des Lazarus-Samstags ist. Es ist eine Sonntags- das heißt eine Auferstehungsliturgie am Samstag, einem Tag, der normalerweise dem liturgischen Totengedenken geweiht ist. Und die Freude, die diese Gottesdienste durchzieht, betont das zentrale Thema: den kommenden Sieg Christi über den Hades. 'Hades' ist der biblische Terminus für das unentrinnbare Dunkel und die Zerstörung, die alles Leben aufsaugt und mit seinem Schatten die ganze Welt vergiftet. Aber nun – mit der Erweckung des Lazarus - „ beginnt der Tod zu zittern.“ Denn hier beginnt das entscheidende Duell zwischen dem Leben und dem Tod, das uns den Schlüssel zum gesamten liturgischen Mysterium von Ostern liefert. In der Frühen Kirche wurde der Lazarus-Samstag 'Ankündigung von Ostern' genannt, denn es lässt tatsächlich das wundervolle Licht und den Frieden des nächsten Samstags vorausahnen – des Großen Samstags, des Tags des Lebenspendenden Grabes. 

 

 

Palm-Sonntag- Der Einzug des Herrn in Jerusalem

(Вход Господень в Иерусалим (Вербное Воскресенье))

 

 

Der Lazarus-Samstag ist aus liturgischer Sicht das Vorfest des Palm-Sonntags – des Einzugs unseres Herrn in Jerusalem. Beide Feste haben ein gemeinsames Thema, Triumph und Sieg. Der Samstag offenbart den Feind: den Tod. Der Palm-Sonntag verkündet die Bedeutung des Sieges als Triumph des Reiches Gottes. Der PalmSonntag besagt, dass die Welt Jesus Christus als ihren einzigen König annimmt. Im Leben Jesu war der Einzug in die heilige Stadt der einzige sichtbare Triumph. Bis zu diesem Tag hatte Er immer alle Versuche Ihn zu verherrlichen zurückgewiesen. Aber sechs Tage vor Pessach/Pascha war er nicht nur einverstanden damit geehrt zu werden, Er Selbst provozierte und arrangierte diese Verherrlichung, indem Er tat, was der Prophet Zacharias verkündet hatte: „Siehe, dein König kommt zu dir … sanftmütig und reitend auf einem Esel ...“ (Zach 9,9). Er machte klar, dass Er bejubelt und als Messias, als König und Erlöser Israels anerkannt werden wollte. Die Erzählungen der Evangelien betonen alle die messianischen Merkmale: die Palmen, die HosannaRufe der Menge, Anerkennung Jesu als Sohn Davids und König von Israel. Die Ge - schichte Israels ist hiermit zu Ende – das ist die Bedeutung dieses Ereignisses – denn der Zweck der Geschichte ist, das Reich Gottes zu verkünden und vorzubereiten, die Ankunft des Messias. Und nun hat es sich erfüllt. Denn der König betritt Seine Heilige Stadt und in Ihm sind alle Prophetien und alle Erwartungen erfüllt. Er gründet Sein Reich. Die Liturgie des Palm-Sonntags gedenkt dieses Ereignisses. Mit Palmzweigen in unseren Händen identifizieren wir uns mit dem Volk von Jerusalem, begrüßen mit ihm den sanftmütigen König, und singen Ihm „Hosanna“.

 

Aber was bedeutet der Tag für uns? Erstens ist es unser Bekenntnis zu Christus als unserem König und Herrn. Wir vergessen so oft, dass das Reich Gottes schon gegründet ist und dass wir am Tag unserer Taufe seine Bürger wurden und versprochen haben, Ihm vor allem anderen treu zu sein. Wir müssen daran denken, dass Christus für wenige Stunden tatsächlich der König auf Erden in unserer Welt war, nur einige Stunden und in einer Stadt. Aber wie wir in Lazarus das Abbild eines jeden Menschen erkannt haben, anerkennen wir in dieser einen Stadt das mystische Zentrum der Welt und der ganzen Schöpfung. Denn das ist die biblische Bedeutung von Jerusalem, der Brennpunkt der ganzen Heils- und Erlösungsgeschichte, die heilige Stadt der Ankunft Gottes. Also ist das in Jerusalem gegründete Reich ein universales Reich, das alle Menschen und die gesamte Schöpfung umfasst. Der Einzug Jesu in Jerusalem kam am Ende eines langen Weges der Vorbereitung, der in der Bibel offenbart wurde: es war der Abschluss alles dessen, was Gott für die Menschen getan hatte. Und dadurch erhält die kurze Stunde Christi irdischen Triumphs ewige Bedeutung. Es bringt die Wirklichkeit des Reiches in unsere Zeit, in alle Stunden, macht das Reich zum Sinn der Zeit und zu seinem endgültigen Ziel. Das Reich wurde dieser Welt offenbart – ab dieser Stunde – seine Gegenwart richtet und verwandelt die Geschichte der Menschheit. Im feierlichsten Moment unserer Liturgie, wenn wir vom Priester einen Palmzweig erhalten, erneuern wir unseren Treueid zum König und bekennen Sein Reich als den endgültigen Sinn und Inhalt unseres Lebens. Wir bekennen, dass alles in unserem Leben und in dieser Welt Christus gehört, nichts kann seinem einzigen wirklichen Eigentümer weggenommen werden, denn es gibt keinen Bereich des Lebens, in dem Er nicht Macht hat, heilt und erlöst. Wir verkünden die weltweite und totale Verantwortung der Kirche für die Menschheitseschichte und halten ihre universale Mission aufrecht.

 

Wir wissen aber, dass der König, dem die Juden damals zujubelten und dem wir heute zujubeln, auf dem Weg nach Golgotha ist, zum Kreuz und zum Grab. Wir wissen, dass dieser kurze Triumph nur ein Prolog zu Seinem Opfer ist. Die Zweige in unseren Händen zeigen deshalb unsere Bereitschaft und unseren Willen Ihm auf Seinem Weg des Opfers zu folgen und unsere Akzeptanz des Opfers und der Selbst - hingabe als den einzigen königlichen Weg in das Reich. Und schließlich besagen diese Zweige, diese Feier, unseren Glauben an den endgültigen Sieg Christi. Sein Reich ist noch nicht sichtbar und die Welt kennt es nicht. Es lebt, als ob der entscheidende Moment noch nicht gekommen wäre, als ob Christus nicht am Kreuz gestorben und der Mensch noch nicht mit Ihm von den Toten auferstanden wäre. Aber wir orthodoxe Christen glauben an das Kommen des Reiches, in dem Gott alles in allen sein wird und Christus der einzige König.

 

 

Die Karwoche- Großer und Heiliger Montag, Dienstag und Mittwoch

 

Diese drei Tage, die die Kirche groß und heilig nennt, haben in der liturgischen Entwicklung der Großen Woche einen ganz bestimmten Zweck. Sie richten alle ihre Feiern im Hinblick auf das Ende aus. Sie erinnern uns an die eschatologische Bedeutung des Osterfestes. Zu oft wird die Große Woche als eine der wunderschönen „Traditionen“ oder „Gebräuche“ gesehen, als selbstverständlicher Teil unseres Kalenders. Wir nehmen sie als selbstverständlich hin und freuen uns an ihr als geschätztes jährliches Ereignis, das wir seit unserer Kindheit kennen. Wir bewundern die Schönheit der Gottesdienste, das Gepränge ihrer Riten, und nicht zuletzt mögen wir das Getue um das Osterfrühstück. Wenn alles vorbei ist, kehren wir wieder zum normalen Leben zurück. Aber verstehen wir, dass, als die Welt den Erlöser verwarf, „Jesus begann traurig zu werden … und Seine Seele äußerst traurig war, bis zum Tod sogar“. Als Er am Kreuz starb, war 'das normale Leben' zu Ende.

 

Denn es waren 'normale' Leute, die schrien „Kreuziget Ihn!“, die Ihn bespuckten und Ihn als Kreuz nagelten. Sie hassten und töteten Ihn, eben weil er ihr normales Leben beeinträchtigte. Es war ja gerade eine völlig 'normale' Welt, die lieber im Dunkel und im Tode lebte als in Licht und Leben. Durch den Tod Jesu war diese 'normale' Welt, dieses 'normale' Leben unwiderruflich verdammt, oder besser, sie offenbarten ihre wahre und abnorme Natur in ihrer Unfähigkeit, das „jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt“ (Johannes 12: 31) anzuerkennen. Das Pascha Jesu gab 'dieser Welt' sein Ende zu verstehen und es ist seitdem zu Ende. Dieses Ende kann Jahrtausende dauern; es ändert nicht die Natur der Zeit in der wir leben als Zeitenende. „Die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1. Korinther 7: 31)

 

 

Großer und Heiliger Donnerstag - Das letzte Abendmahl

 

(Великий Четверг)

 

Zwei Ereignisse formen die Liturgie des Großen Donnerstags: Das Letzte Abendmahl und des Verrat Judas' an Jesus. Das Letzte Abendmahl ist die endgültige Offenbarung der erlösenden Liebe Gottes zum Menschen. Der Verrat durch Judas offenbart, dass Sünde, Tod und Selbstzerstörung auch durch Liebe verursacht sind, aber durch Liebe, die auf etwas gerichtet ist, das Liebe nicht verdient. Das Mysterium dieses einzigartigen Tages und seiner Liturgie, in der Licht und Dunkel, Freude und Trauer so eigenartig vermischt sind, fordert von uns eine Wahl, von der das ewige Schicksal eines jeden von uns abhängt. „Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Johannes 13: 1). Um den Sinn des Letzten Abendmahls zu verstehen, müssen wir es als das Ende der großen Bewegung der Göttlichen Liebe sehen, die mit der Schöpfung der Welt begann und nun im Tod und der Auferstehung Christi vollendet wird. „ Gott ist die Liebe“ (1. Johannes 4: 8). Und die erste Liebesgabe war Leben. Der Sinn, der Inhalt des Lebens, war Gemeinschaft  Aber auch durch die Sünde hindurch, als der Mensch Verrat übte, blieb Gott dem Menschen treu. „Denn Du hast Dich von Deinem Geschöpf, das Du gemacht hast, nicht für immer abgekehrt, Gütiger, auch hast Du das Werk Deiner Hände nicht vergessen, sondern es durch Deine barmherzige Liebe auf viele Weisen heimgesucht“ (Basiliusliturgie). Ein neues göttliches Werk begann, das Werk der Erlösung. Und es wurde vollendet in Christus, dem Sohn Gottes, der Mensch wurde, um dem Menschen seine ursprüngliche Schönheit zurückzugeben und das Leben wieder als Gemeinschaft mit Gott einzusetzen. Er nahm unsere Natur auf sich, mit Hunger und Durst, mit ihrem Verlangen nach Leben und ihrer Liebe zum Leben. In Ihm wurde das Leben offenbart, geschenkt, angenommen und vollendet als völlige und vollkommene Danksagung, als völlige und vollkom - mene Gemeinschaft mit Gott. Er wies die allzu menschliche Versuchung ab, „nur vom Brot allein“ zu leben. Er offenbarte, dass Gott und Sein Reich die wahre Speise sind, das wirkliche Leben des Menschen. Dieses vollkommene eucharistische Leben, von Gott erfüllt und deshalb göttlich und unsterblich, schenkte Er allen, die an Ihn glauben, das heißt in ihm Sinn und Inhalt ihres Lebens finden. Das ist der wunderbare Sinn des Letzten Abendmahls. Er bot Sich an als die wahre Speise des Menschen, denn das in Ihm offenbarte Leben ist das wahre Leben. Die Bewegung der Göttlichen Liebe, die im Paradies begann mit einem göttlichen „nehmt, esst ...“ (denn essen ist Leben für den Menschen), kommt nun zu ihrem Ende mit dem göttlichen „nehmt, esst, dies ist Mein Leib ...“ (denn Gott ist das Leben des Menschen). Das Letzte Abendmahl ist die Wiederherstellung des Paradieses der Freude, des Lebens als Danksagung (Eucharistie) und Gemeinschaft (Kommunion). Aber diese Stunde der äußersten Liebe ist auch die des äußersten Verrats. Judas verlässt das Licht des Raumes im Obergeschoß und geht in die Finsternis. „Es war aber Nacht“ (Joh 13,30). Warum geht er? Denn er liebt, wie das Evangelium sagt, das Silber mehr als den Herrn. Jedes Jahr, wenn wir in das unergründliche Licht und in die Tiefe des Großen Donnerstags eintauchen, wird die immer gleiche Frage an einen jeden von uns gestellt: antworte ich auf Christi Liebe und nehme ich sie als mein Leben, oder folge ich Judas in das Dunkel der Nacht?

 

 

Großer und Heiliger Freitag

 

Aus dem Licht des Großen und Heiligen Donnerstags betreten wir das Dunkel des Freitags, den Tag der Passion, des Todes und des Begräbnisses Christi. In der Frühen Kirche wurde dieser Tag „Pascha des Kreuzes“ genannt, denn es ist tatsächlich der Anfang des Durchgangs, dessen Sinn uns allmählich offenbart wird, zuerst im ruhigen Großen gesegneten Sabbat und dann in der Freude des Auferstehungstages.

 

Wenn wir nur begreifen könnten, dass am Großen Freitag das Dunkel nicht nur symbolisch und im Gedenken ist. So oft folgen wir der schönen und feierlichen Traurigkeit dieser Gottesdienste im Geiste der Selbstgerechtigkeit und Selbstrechtfertigung. Vor 2.000 Jahren töteten schlechte Menschen Christus, heute aber errichten wir – die guten Christen – prächtige Heilige Gräber in unseren Kirchen – ist das nicht ein Zeichen für unser Gut-sein? Doch der Große Freitag berichtet nicht nur von der Vergangenheit. Er ist der Tag der Sünde, der Tag des Bösen, der Tag an dem uns die Kirche dazu einlädt, deren Wirklichkeit und Macht 'in dieser Welt' zu begreifen. Denn die Sünde und das Böse sind nicht verschwunden, sondern im Gegenteil, stellen das Grundgesetz der Welt und unseres Lebens dar.

 

 

Wir, die wir uns Christen nennen, machen wir uns nicht auch oft die gleiche Logik des Bösen zu eigen, die den jüdischen Sanhedrin und Pontius Pilatus, die römischen Soldaten und die ganze Volksmenge dazu führte Christus zu foltern und zu töten? Auf welcher Seite, mit wem wären wir gewesen, hätten wir in Jerusalem unter Pilatus gelebt? Dies ist die Frage, die uns mit jedem Wort des Freitagsgottes - dienstes gestellt wird. Es ist die Offenbarung der wahren Natur der Welt, die damals wie noch heute die Finsternis lieber hatte als das Licht, das Böse lieber als das Gute, den Tod lieber als das Leben. Als sie Christus zum Tode verurteilte, verurteilte sich 'diese Welt' selbst zum Tode und insoweit wir ihren Geist, ihre Sünde und ihren Verrat an Gott, uns zu eigen machen – sind wir selbst auch verurteilt. Das ist der erste und furchtbar realistische Sinn des Großen Freitags: ein Todesurteil.

 

 

Großer und Heiliger Samstag

 

Dies ist der gesegnete Sabbat. Der Große Samstag ist der Tag, der den Großen Freitag, das Gedenken des Kreuzes, mit dem Auferstehungstag verbindet. Für viele bleibt die wahre Natur und der Sinn dieser 'Verbindung', dieser 'Brückentag' unverständlich. Für die Mehrheit der Kirchgänger sind die 'wichtigen' Tage der Großen Woche der Freitag und der Sonntag, das Kreuz und die Auferstehung. Diese beiden Tage bleiben aber irgendwie 'unverbunden'. Da ist erst der Tag der Trauer und dann der Tag der Freude. In dieser Reihenfolge wird Trauer einfach ersetzt durch Freude, aber nach der Lehre der Orthodoxen Kirche, die in ihrer liturgischen Tradition ausgedrückt wird, ist diese Folge nicht die eines einfachen Ersatzes. Die Kirche verkündet, dass Christus „den Tod durch den Tod zertreten“ hat. Das heißt, dass vor der Auferstehung ein Ereignis stattfindet, in der die Trauer nicht einfach durch Freude ersetzt wird, sondern sie selbst in Freude verwandelt wird. Der Große Samstag ist genau dieser Tag der Umwandlung, der Tag, an dem der Sieg aus dem Inneren der Niederlage erwächst, wenn wir vor der Auferstehung über den Tod des Todes selbst nachdenken. Alles das wird ausgedrückt, und sogar mehr, all das findet statt jedes Jahr in diesem wunderbaren Morgengottesdienst, in diesem liturgischen Gedenken, das für uns zu einem rettenden und uns verwandelnden Geschenk wird. 

 

Wenn man am Großen Samstag Morgen in die Kirche kommt, ist der Freitag gerade beendet. Die Trauer des Freitags ist also das anfängliche Thema, der Ausgangspunkt des Orthros vom Samstag. Er beginnt mit einem Begräbnisgottes - dienst, als Trauergesang am Leib eines Toten. Nach dem Begräbnistroparien und der langsamen Beweihräucherung der Kirche, gehen die Zelebranten zum Epitaphion. Wir stehen am Grab unseres Herrn, wir gedenken Seines Todes. Es wird der Psalm 119 gesungen und nach jedem Vers ein besonderer „Lobpreis“, der das ganze Grauen der Menschen, ja der ganzen Schöpfung über den Tod Jesu ausdrückt. 

 

Ihr Berge und Täler und ihr, die Schar der Menschen:

Weinet und wehklaget alle mit mir, der Mutter eures Gottes.“ 

 

Und doch macht sich, von Anfang an, zusammen mit dem anfänglichen Thema der Trauer und der Wehklage, ein neues Thema bemerkbar, das immer deutlicher wird. Wir finden es zuerst in Psalm 119: 1 – „Selig die, die auf ihrem Weg untadelig sind, die im Gesetz des Herrn wandeln.“

 

Der Tod Christi ist der endgültige Beweis Seiner Liebe zum Willen Gottes und für Seinen Gehorsam zu Seinem Vater. Es ist eine Tat des reinen Gehorsams, in vollem Vertrauen auf des Vaters Willen. Für die Kirche ist es genau dieser Gehorsam bis zum Ende, diese vollkommene Demut des Sohns, der den Grundstein, den Anfang Seines Sieges darstellt. Der Vater wünscht diesen Tod, der Sohn nimmt ihn an und zeigt darin eine unbedingte Treue zur Vollendung des Vaterwillens, zur Notwendigkeit dieses Opfers des Sohnes durch den Vater. Psalm 119 ist der Psalm dieses Gehorsams und daher die Verkündung, dass der Triumph gehorsam begonnen hat.

 

Aber warum wollte der Vater diesen Tod? Warum ist er nötig? Der Tod Christi wird in Seinem „Abstieg in den Hades“ beschrieben. „Hades“ bedeutet in der konkreten Bibelsprache das Reich des Todes, das Gott nicht geschaffen hat und das Er nicht wollte. Es heißt auch, dass der Herrscher dieser Welt in der Welt allmächtig ist. Satan, Sünde und Tod – sind die drei 'Dimensionen' des Hades, sein Inhalt. Denn Sünde kommt vom Satan, und Tod ist das Ergebnis der Sünde - „die Sünde kam in die Welt und durch die Sünde der Tod“ (Römer 5: 12).

 

Nach dem Sündenfall wurde das ganze Universum zu einem kosmischen Friedhof, verurteilt zu Zerstörung und Verzweiflung. Darum ist der Tod „der letzte Feind“ (1. Korinther 15: 26), seine Zerstörung ist das endgültige Ziel der Inkarnation. Diese Begegnung mit dem Tod ist die „Stunde“ Christi, von der Er sagte, „deshalb bin ich in diese Stunde gekommen“ (Johannes 12: 27). Nun ist die Stunde gekommen und der Sohn Gottes geht in den Tod. Die Kirchenväter beschreiben diesen Augenblick gewöhnlich als Duell zwischen Christus und dem Tod, zwischen Christus und Satan. Denn dieser Tod sollte entweder Satans letzter Triumph sein oder seine entscheidende Niederlage. Das Duell entwickelt sich in mehreren Szenen. Zuerst scheinen die Mächte des Bösen zu siegen. Der Gerechte wird, von allen verlassen, gekreuzigt und erleidet einen schändlichen Tod. Er wird auch einer des Hades, dieses Orts der Finsternis und der Hoffnungslosigkeit. Aber gerade in diesem Augenblick wird der wahre Sinn dieses Todes offenbart. Der am Kreuze stirbt, hat Leben in Sich, das heißt Er hat das Leben nicht als Geschenk von außen erhalten, ein Geschenk, das auch wieder genommen werden kann, sondern es ist eigener Wesensbestandteil. Denn Er ist Leben und die Quelle allen Lebens. „In Ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes  1: 4). Der Mensch Jesus stirbt, aber dieser Menschensohn ist Gottessohn. Als Mensch kann Er wirklich sterben, aber in Ihm betritt Gott Selbst das Reich des Todes. Dies ist der einzigartige, der unvergleichliche Sinn von Christi Tod. In ihm ist der Mensch, der stirbt Gott, oder genauer, der Gottmensch. Gott ist der Heilige Unsterbliche, und nur „unvermischt, unverwandelt, ungeteilt, ungetrennt“ in der Einheit von Gott und Mensch in Christus, kann der menschliche Tod durch Gott angenommen, überwunden und von innen zerstört, „durch den Tod zertreten“ werden. 

 

Der Tod ist durch das Leben überwunden. Jetzt verstehen wir, warum Gott diesen Tod wollte, warum der Vater Seinen Einziggeborenen Sohn ihm übergeben hat. Er wollte die Erlösung des Menschen. Daher also die Notwendigkeit der Inkarnation und die Notwendigkeit dieses göttlichen Todes. Der Tod wurde nicht nur durch Gott zerstört, sondern wurde durch den Menschen selbst in der Natur des Menschen überwunden und zertreten.

 

"Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten“ (1. Korinther 15: 21). Der Sabbat, der siebte Tag, erlangt und vollendet die Heilsgeschichte, deren letzter Akt die Überwindung des Todes ist. Aber nach dem Sabbat kommt der erste Tag einer neuen Schöpfung, eines neuen Lebens aus dem Grabe.

 

Wir sind aber noch am Großen Samstag vor dem Grab Christi und wir müssen noch einen langen Tag durchleben, bevor wir um Mitternacht das „Christus ist auferstanden“ hören, bevor wir mit der Feier Seiner Auferstehung beginnen. Deshalb erzählt uns auch die dritte Lesung Mt 27,62-66 – die den Gottesdienst schließt, noch einmal vom Grab – „Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort“ (Matthäus 27: 66). Wahrscheinlich wird hier, am Schluss des Morgengottesdienstes, der wahre Sinn dieses „Brückentages“ klar. Christus ist wieder von den Toten auferstanden. Seine Auferstehung werden wir am nächsten Tag am Paschafest (Ostern) feiern. Diese Feier aber gedenkt eines einzigartigen Ereignisses der Vergangenheit und ahnt voraus das Mysterium der Zukunft. Es ist schon Seine Auferstehung, aber noch nicht die unsere. Wir müssen sterben, das Sterben, die Trennung, die Zerstörung annehmen. Unsere Wirklichkeit ist in dieser Welt, sie ist die Wirklichkeit des Großen Samstags. Dieser Tag ist das reale Abbild unserer menschlichen Beschaffenheit. Wir glauben an die Auferstehung, weil Christus von den Toten auferstanden ist. Wir erwarten die Auferstehung. Wir wissen, dass Christi Tod nicht mehr das hoffnungslose endgültige Ende ist. Auf Seinen Tod getauft, haben wir schon teil an Seinem Leben, das aus dem Grabe kam. Wir empfangen Seinen Leib und Sein Blut als Speise der Unsterblichkeit. Wir haben in uns das Zeichen, die Vorahnung des ewigen Lebens. Unsere ganze christliche Existenz wird gemessen an diesem Werk der Gemeinschaft mit den Leben des „Neuen Äons“ des Reiches, aber noch sind wir hier und können dem Tod nicht entrinnen. Aber ist dieses Leben zwischen der Auferstehung Christi und dem Tag der allgemeinen Auferstehung nicht genau das Leben am Großen Samstag? Ist nicht die Erwartung die grundlegende und wesentliche Kategorie der christlichen Erfahrung? Wir warten mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Wir erwarten „die Auferstehung und das Leben der zukünftigen Welt“ ( Orthodoxes Glaubensbekenntnis). 

 

Jedes Jahr warten wir am Großen Samstag nach dem Morgengottesdienst auf die Osternacht und die Fülle der Osterfreude. Wir wissen, dass sie kommen – doch wie langsam, wie lang ist doch dieser Tag! Aber ist nicht die wundervolle Ruhe der Großen Samstags ein Symbol für unser Leben in dieser Welt? Sind wir nicht immer in diesem „Brückentag“, in der Erwartung des Pascha Christi und bereiten uns vor auf den abendlosen Tag Seines Reiches?

 

Quelle: The Orthodox Messenger, 1993