Gemeinde-Katechesen in Albstadt und Balingen

 

Das Gebet für die zu Gott Entschlafenen

 

Vortrag für die Gemeinde-Katechese

in Balingen am 22. Oktober 2017

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

In unserer säkular und diesseitig orientierten Gesellschaft wird der Tod gemeinhin nur als ein biologisches Verlöschen des Zellorganismus, vor allem des menschlichen Zentralorgans, des Gehirns (Hirntod) verstanden. Insofern kann man aus dieser rein innerweltlichen Perspektive vom Tod als einem natürlichen biologischen Phänomen, das in der Endlichkeit der Reproduktionsfähigkeit menschlicher Zellen begründet liegt, sprechen. Insofern wäre der Tod das Verlöschen des Lebens und Auflösung des Leibes durch seine Rückkehr in die Erde. Viele der Agnostiker sowie die Atheisten verstehen den Tod gar in einer metaphysisch-materialistischen Form der Daseinsdeutung als eine Rückkehr in das „Nicht-Sein“.

 

Für gläubige Menschen ist der Tod, unabhängig von dem Glauben, den sie bekennen, niemals das „Verlöschen des Lebens“, ein „Ende der Existenz“ oder gar der „Übergang in das Nicht-Sein“. Alle drei großen monotheistischen Weltreligionen sind sich darin einig, dass durch die Loslösung der Seele vom Leib das Leben des Menschen nicht ausgelöscht und seine Existenz beendet wird. Vielmehr setzt sich die Existenz des Menschen auf einer anderen Ebene fort, die nicht unserer innerweltlich determinierten Erfahrung unterworfen ist.

 

 

Als orthodoxen Christen teilt uns die Göttliche Offenbarung, die gleichermaßen in der Heiligen Schrift sowie in der Heiligen Tradition enthalten ist mit, dass durch den Tod der Leib zur Erde zurückkehrt, aus der er von Gott erschaffen worden ist, die Seele aber zu Gott, der sie einst dem Leibe eingehaucht hat. Darüber hinaus sagt uns vor allem der heilige Apostel Paulus in seinen Briefen, dass der leibliche Tod eine Folge des geistlichen Todes, also der Tod eine Konsequenz der Sünde ist (vgl. Römer 6: 23).

 

Nach christlichem Verständnis ist der Tod nicht schöpfungsbedingt, sondern er ist als Folge der ersten Sünde in die Schöpfung eingedrungen. Insofern gehört der Tod nicht zur Schöpfungsnatur (griechisch οσία = ousia) des für das ewige Leben erschaffenen Menschen. Auch wurde der Mensch nach dem Zeugnis der heiligen Väter nicht als sündiges, egoistisches Individuum, sondern als zur Liebe und Gemeinschaft mit Gott (Theosis) und zur Liebe und Gemeinschaft mit seinem Mitmenschen (Nächstenliebe) befähigte Person erschaffen. Der Tod ist nach christlichem Verständnis des Kosmos eine Zerstörung der Schöpfungsordnung und nicht der innere Antrieb des Lebens (wie im „Darvinismus“, wo sich aus dem tödlichen Konkurenzkampf die Vielfalt der Arten erst entwickelt haben soll). Der Tod ist nach christlichem Verständnis ein Unfall, der durch die Ursünde der ersten Menschen in das Leben der Menschheit hineingedrungen ist. So wurde der Mensch sterblich und mit ihm die gesamte Schöpfung, die er als Mikrokosmos, wie die heiligen Väter sagen, also als lebendige Ikone der gesamten Schöpfung, in sich einschließt (vgl. Römer 8:22).

 

Christus hat in Seinem Erlösungshandeln unsere menschliche Natur aus dem Schoße der allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria angenommen. Er ist uns deshalb in allem gleich bis auf die Sünde, wie Er es Seiner Gottheit nach mit Gott, dem Vater, und Gott, dem Heiligen Geist, in dreipersönlicher vollkommener Einheit in der Allheiligen Dreiheit, dem Einen Gott, ist. Da Seine vollkommene menschliche Natur sündlos ist, konnten Ihn Tod und Grab auch nicht festhalten. Deshalb erstand Er siegreich vom Tode nach drei Tagen und bahnte damit aller menschlichen Natur den Weg vom Tode zu Leben. Christus, unser Erlöser, sagt deshalb über Sich, dass Er das Leben ist und dass Er in die Welt gekommen ist, damit die Welt das Leben habe und es im Überfluss habe (vgl. Johannes 14:6; 10:10). Dieser uns von Christus eröffnete Heilsweg ist aber zunächst einmal der Weg vom ewigen geistlichen Tode zum ewigen Leben. Da alle Menschen sei Adam bisher ohne Ausnahme gesündigt haben, sind sie auch alle ohne Ausnahme sterblich. Erst wenn mit der Wiederkunft Christi der Teufel überwunden und gestürzt sein wird, werden auch das Böse und die Sünde überwunden und aus der Schöpfung verschwunden sein. Denn werden auch der geistliche sowie der leibliche Tod ein für allemal überwunden sein.

 

 

Also auch nach der Auferstehung Christi leben und sterben die Menschen weiterhin. Nach dem Glauben der orthodoxen Kirche gelangen sie danach ins Jenseits, einen vorläufigen geistlichen Zustand, der je nachdem, was für ein Art Leben der betreffende Mensch geführt hat, als einen paradiesischer oder aber als höllischen Zustand erfahren wird.

 

Hierbei können wir nur aus dem Glauben und der geistlichen Erfahrung der orthodoxen Kirche sprechen, das heißt, wir können nicht über das jenseitige Schicksal aller Menschen - also auch der Nichtchristen oder zu anderen christlichen Glaubensgemeinschaften Gehörigen, sondern nur über das jenseitige Schicksal der Kinder der Kirche Christi sprechen. Das Los der übrigen Menschen, die nicht der orthodoxen Kirche angehört haben, ist ein Geheimnis, ein Mysterion, das die orthodoxe Kirche dem Erbarmen und der grenzenlosen Liebe Gottes, sowie dem persönlichen Gebet jedes Einzelnen, dessen Herz nicht verhärtet ist, anvertraut. Dies betrifft sowohl die Entschlafenen des alttestamentlichen Gottesvolkes, die noch nicht voraussehen konnten, dass ihre Seelen durch die Menschwerdung des Erlösers und Seinen Herabstieg in den Hades gerettet werden sollten; dies betrifft aber auch die Errettung all jener Menschen, die die Botschaft des Heiligen Evangeliums entweder gar nicht vernommen, oder die aber in einem von der Heiligen Kirche abgetrennten Teil der Christenheit gelebt haben.

 

Die Orthodoxe Kirche ist die eine und wahre Kirche Christi. So bekennen wir es im Bekenntnis des Orthodoxen Glaubens, das wir sowohl täglich in unseren privaten Gebeten, als auch zu Beginn der eucharistischen Darbringung in der Feier der Göttlichen Liturgie beten. Die Orthodoxe Kirche ist die von Christus Selbst gestiftete Kirche, die Kirche der heiligen Apostel und der gesamten Fülle ihrer apostolischen Verkündigung, die durch die Heiligen Väter seit urchristlichen Zeit und  die Heiligen Ökumenischen Konzilien treu bewahrt und verkündet wurde. Sie ist die ungeteilte Arche des Heiles, die unmittelbare Erbin und die treue Hüterin der von ihrem Herrn Jesus Christus verkündeten Wahrheit durch das Wirken des Heiligen Geistes in Ihr vom heiligen Pfingsttag bis heute an. Doch bereits seit apostolischer Zeit hat die Kirche Christi viele Herausforderungen zu bewältigen. Denn der Teufel und seine Dämonen versuchen beständig, die christliche Wahrheit zu verfälschen und zu verdrehen und Laster und Sünden in die Herzen der Christgläubigen hineinzutragen. Dadurch musste die heilige Kirche von Anbeginn an gegen Irrlehren und Häresien, Sekten und Parteiungen, die sie von innen und außen bedrohen ankämpfen. Dies tut die heilige Kirche Christi seit dem Apostelkonzil in Jerusalem (vgl.: Apostelgeschichte 15:1-35), indem sie durch Zusammenkünfte ihrer Bischöfe, die sich unter dem Beistand des Heiligen Geistes versammeln, die falschen Lehren und Irrwege widerlegt und so den orthodoxen Glauben klarstellt, auslegt und vertieft. Doch immer wieder haben Gruppen von Christen sich dem Glauben der Kirche verweigert und sich als Häretiker, also als Glaubensgemeinschaften, die nur Teile der apostolischen Glaubensfülle zu bewahren bereit waren, von der heiligen Kirche abgetrennt und eigene Gemeinschaften gebildet. So traten im Laufe der Geschichte neben die Heilige Orthodoxe Kirche Christi weitere Gemeinschaften, die den christlichen Glauben, das geistliche Leben und Wesen der Kirche anders auffassten. Aber sie waren nicht Teil der heiligen Kirche, sondern von ihr abgetrennte Sondergemeinschaften. Hingegen bezeichnet sich die Kirche Christi als die orthodoxe und katholische(= allumfassende) Kirche. Das griechische Wort Ορθόδοξος = „Orthodox“ kommt von  „Orthos“, was „richtig“ heißt und „Doxa“, was vom griechischen Verb „doxazein“ herkommt und „lobpreisen“ bedeutet. In diesem Sinne ist die Heilige Orthodoxe Kirche die Kirche der rechten Lobpreisung Gottes. Wenn sich die orthodoxe Kirche als die alleinige Arche des Heiles versteht außerhalb derer es kein Heil gibt (so der Heilige Irenäus von Lyon), so meint dies also immer in erster Linie eine Kategorie des Glaubens und nicht des Kirchenrechtes. Es geht also bei der Erlangung des Heils in der Kirche, um die lebendige rechte Verehrung Gottes, also um ein den gesamten Menschen erfassendes Lebensbekenntnis zur Gemeinschaft mit Gott. „Somit ist der Glaube nicht nur ein Für-wahr-halten der von der Kirche gelehrten Glaubensinhalte, vielmehr ein vertrauensvolles Sich-von-Gott-erfassen-Lassen“ (Pavel Evdokimow). Nach orthodoxem Glaubensverständnis geht es also beim Mysterion der Teilhabe an der geistlichen Wirklichkeit der Kirche darum, dass der Mensch  sich vom geheimnisvollen Wirken Gottes erfasst lässt, um an ihm real teilzuhaben. Deshalb hält die orthodoxe Kirche und ihre Theologie unverbrüchlich daran fest, dass sie die gesamte Fülle der christlichen Wahrheit verkündet und lebt und sich in ihr deshalb auch die gesamte Fülle des kirchlichen Heils verwirklicht. Zugleich behauptet sie aber gerade nicht, über das gnadenhafte Heilshandeln Gottes in ihr verfügen oder es gar limitieren zu dürfen. „Die Grenzen der Kirche reichen nicht bis zum Himmel“ (Heiliger Neo- Märtyrer Platon von Reval in der Nacht vor ihrem gemeinsamen Martyrium zum evangelischen Pastor Traugott Hahn). Insofern geht die orthodoxe Kirche gerade nicht von einem ebenfalls-Kirche-sein anderer christlicher Glaubensgemeinschaften aus, sondern von einer geheimnisvollen Gegenwart des orthodoxen kirchlichen Heilshandelns auch in den von ihr getrennten Glaubensgemeinschaften. Orthodoxe Theologen verweisen aber deutlich darauf, dass dieses Heilshandeln Gottes sich nicht vermittels, sondern trotz der häretischen Abtrennung vom Leib der Heiligen Orthodoxen Kirche vollzieht. Insofern bestreitet die orthodoxe Kirche nicht die Möglichkeit, dass auch nicht-orthodoxe Christen zum Heil gelangen können, jedoch gehen orthodoxe Theologen zugleich eindeutig davon aus, dass dies umso schwieriger ist, je weiter das geistliche Leben und die Lehre einer christlichen Sondergemeinschaft von der Fülle der orthodoxen Kirche entfernt hat. Wie diese Teilhabe der nicht-orthodoxen Christen am der Heilsfülle der Kirche geschieht, vermag die orthodoxe Kirche jedoch nicht zu sagen, weil sich das geistliche Leben dieser Christen sich nicht in, sondern außerhalb der Gemeinschaft der heiligen Kirche vollzieht. Die kirchliche Erfahrung vermag aber nur über das geistliche Leben in der Gemeinschaft der Kirche und nicht außerhalb von ihr zu sprechen. So bleibt für die orthodoxe Theologie die Erlösung der Nicht-Christen und der Nicht-Orthodoxen auf immer ein Mysterion der göttlichen Barmherzigkeit.

 

 

Nur in der vollkommenen Gemeinschaft mit Christus, die allein im sakramentalen Gnadenleben der orthodoxen Kirche, der einzigen und wahren  Arche des Heiles, ganz verwirklicht ist, lebt der Mensch auch jenes wahre geistliche Leben, das übereinstimmt mit seiner Natur als Geschöpf und Ebenbild des unsterblichen Gottes. Nur in Christus, dem wahren Gott und wahren Menschen, sind wir wahrhaftig unsterblich. Der freiwillig erlittene Tod des Erlösers und Seine Auferstehung von den Toten haben das Prinzip des Todes als einer Trennung von Gott aufgelöst und den Tod in ein Pas´cha verwandelt, also in einen Übergang zur Fülle des Lebens. Wer an Jesus Christus glaubt und mit Ihm vereint bleibt, der wird nicht sterben, sondern geht vom Tod zum ewigen Leben hinüber.

 

Deshalb sprechen wir auch in der kirchlichen Sprache nicht von „Toten“, sondern vielmehr in rechter Weise von den „Entschlafen im Herrn“. Denn für die Christen gibt es keinen Tod, sondern nur das „Entschlafen im Herrn“. Aber weil alle Menschen durch ihre Abstammung von Adam und Eva auch Anteil an Ursünde der ersten Menschen erhalten haben, haben sie auch alle dadurch Anteil am Erbtod erhalten.

 

Die orthodoxe Theologie spricht in Übereinstimmung mit den Heiligen Vätern des Ostens nicht von der „Erbsünde“, sondern von der „Ursünde“, als dessen Folge alle Menschen sterblich wurden. Deshalb reden die Heiligen Väter in diesem Zusammenhang vom „Erbtod“. Der nordafrikanische Bischof Augustinus von Hippo formulierte in Verbindung mit seiner Gnadenlehre auch die, die abendländische Theologie maßgeblich prägende, Erbsündenlehre. In unterschiedlichen theologischen Rezeptionstraditionen entwickelte sich hieraus am Ende auch die abendländische Rechtfertigungslehre. Der selige Augustinus, dessen theologische Lehre sich in verschiedenen Punkten von der Theologie der anderen, vor allem der östlichen Heiligen Väter unterscheidet, kam auf die Erbsündenlehre, weil der griechische Begriff ἐφ’ ᾧ (eph' hô) aus Römer 5:12 in der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, als in quo wiedergegeben wurde, also: „In ihm (Adam) haben alle gesündigt“. Demgegenüber betrachten die Heiligen Väter des Ostens und mit ihnen die Orthodoxe Kirche aus einem anderen Blickwinkel: Nicht die Sünde Adams als solche, sondern nur die Folge der Sünde Adams, der Tod, wurde auf seine Nachkommen vererbt und versklavte damit die gesamte Schöpfung, die dabei von ihrer eigentlich guten Natur in einen widernatürlichen schlechten Zustand überging. Die menschliche Angst vor dem Tod bringen Hedonismus und Egoismus und die übrigen Leidenschaften (Laster) hervor. Sie sind Hauptursachen der weiteren Sünden. Der Mensch hat aber auch nach dem Sündenfall noch seinen freien Willen. Dadurch ist er innerlich immer noch fähig, wenn er seinen freien Willen zum Guten gebraucht, gute und Gott wohlgefällige Taten zu vollbringen. Dann entspricht er auch seiner eigentlichen, gottgewollten Natur. In der durch die Sünde versklavten Schöpfung sind aber gute Taten nur sehr schwer auszuüben. Da der Mensch deshalb nach dem Sündenfall nicht mehr zu Gott kommen konnte, kam Gott in der Menschwerdung des Sohnes Gottes zu den Menschen und versöhnte die Menschen und die ganze Schöpfung so wieder mit sich. Im Empfang des Mysterions der heiligen Taufe tritt der Mensch in die durch Christi Heilshandeln Realität gewordene Erlösungsdimension ein, das heißt, der Mensch wird erneut befähigt, das gnadenhafte Heilshandeln Gottes anzunehmen und erneut in die Liebensgemeinschaft mit Gott (Theosis) einzutreten, die die erste Sünde einst zerstört hat. So verlässt der versöhnte Mensch allmählich den widernatürlichen Zustand und wird frei, seine Fesselung an den Tod und die von diesem unterjochte Welt wird gelockert. Durch das geistliche Leben und die damit verbundene Askese wendet sich der Auferstehungswirklichkeit mehr und mehr zu. Der Mensch wird durch die Gnade Gottes, mit der er aus freiem Willen zusammenwirkt (Synergeia), befähigt sich mehr und mehr wieder in die lebendige Ikone Gottes umgestalten zu lassen, als die er ursprünglich erschaffen wurde. So wird auch die Überwindung der Fessel der Leidenschaften und aus ihnen hervorgehenden Sünden mehr und mehr möglich. Jetzt wird für den Menschen durch die Askese und die damit verbundenen Überwindung der Leidenschaften (Laster)  das Vollbringen guter und gottgefälliger Taten mehr und mehr selbstverständlich. Hierbei betonen die Heiligen Väter, dass der Mensch mit Gott wieder versöhnt wurde und nicht Gott mit dem Menschen. Der griechische Begriff ἐφ’ ᾧ (eph' hô) aus Römer 5:12 wird von den Heiligen Vätern der Orthodoxie anders verstanden. Nach orthodoxem Verständnis lautet eine gute Übersetzung dieser Stelle des Römerbriefes: „…deshalb (also wegen des Todes) haben alle gesündigt“.

 

 

Der Glaube an Jesus Christus hebt den physischen Tod vor Seiner glorreichen Wiederkunft nicht auf, sondern die Sünden werden uns dann im Empfang der heiligen Taufe vergeben. Insofern erhalten wir jetzt schon durch den Empfang der Taufgnade Anteil am ewigen geistlichen Leben. Insofern hebt die heilige Taufe die Folge der Sünde (den leiblichen Tod) zwar nicht auf, jedoch die Unheilsfolge der Sünde, den seelisch-geistigen Tod wird vernichtet. Insofern ist der Empfang der heiligen Taufe ein geistlich-sakramentales Anteilbekommen am Tod und der Auferstehung Christi. Diese ganz reale sakramentale Anteilhabe am Mysterion der Auferstehung verwandelt auch unseren leiblichen Tod in eine geistliche Passage in das ewige Leben. Diese besondere sakramentale Verbindung zwischen Christi Tod und der Gabe des ewigen Leben, die wir durch dem Empfang der heiligen Taufe an unserer gesamten Person mit Seele, Geist (griechisch νος = „nous“) und Leib empfangen, hat der heilige Apostel Paulus im Römerbrief deutlich angesprochen: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Christus getauft sind, die sind in Seinen Tod getauft? So sind wir nun mit Ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Laben wandeln“ (Römer 6:3-34). Dieses „Mit-Christus-Sterben“ im Mysterion der heiligen Taufe wird liturgisch real gegenwärtig durch das rückwärtige Hinsinken des Täuflings in und unter das Wasser im Taufbecken. Der Eintritt in das neue Leben mit dem Auferstandenen Herrn Jesus Christus wird im Mysterion der heiligen Taufe ebenfalls in dem Augenblick gegenwärtig, wenn der Täufling aus dem Taufbecken nach Osten hin aufgerichtet wird, sich also gleichsam vom geistlichen Sündenschlaf erhebt, um nun in einem neuen Leben in Jesus Christus zu wandeln.

 

In dieser liturgisch-sakramentalen Realität des liturgischen Vollzugs und eben nicht in einer vordergründigen, konfessionalistisch-kulturellen Kritik an den offensichtlichen liturgischen Abweichungen der Taufpraxis in den westlichen christlichen Glaubensgemeinschaften von der Praxis der apostolischen Kirche liegt die immer wieder mit Ernst und Nachdruck vorgetragene Kritik der Orthodoxie, vor allem der Väter der heiligen Berges Athos, am bloßen Begießen des Täuflings  theologisch begründet.

 

Im liturgischen Vollzug des Sakramentes vollzieht sich durch das ganz real heiligende und heilgmachende Zeichen an unser gesamten Person die gnadenhafte Anteilnahme am in Christi Heilshandeln für uns gegenwärtig gewordenen Heil. Im Mysterion werden die Menschwerdung Gottes, das Jordanwunder, das Opfer von Golgotha und die siegreiche Auferstehung an uns gegenwärtig, denn wir steigen mit Christus in den Tod und bekommen in der Taufe gleichzeitig Anteil an der Kraft Seiner Auferstehung. In der heiligen Taufe wird deshalb auch bereits der sakramentale Keim für unsre eigene leibliche Auferstehung in uns gelegt, das heißt, so wie der Hades, das Reich des Todes, den in ihn eingegangenen wahren Gott und wahren Menschen Jesus Christus nicht festhalten konnte, so muss es auch uns am Jüngsten Tag wieder freilassen. Dem Tod bleibt dann nicht einmal unser Leib. Deshalb sagt auch der heilige Johannes Chrysostomos: „Der Tod ist nichts als ein Ruhen, eine Reise, ein Übergang von einem unvollkommenen Zustand in einen vollkommenen Zustand.“ So ist auch unser physische Tod nur zeitlich bis zur zweiten Wiederkehr des Herrn, wenn unser Leib auferweckt und sich mit unserer Seele wieder vereinen wird zu einer besonderen Form der Existenz, der wir hier auf Erden nur im Glauben begegnen können.

 

 

So stirbt der Christ, und seine Seele, die „beim Austritt aus dem Körper wegen der Todesfurcht” bis zu einem gewissen Grade “gereinigt” wurde – wie der heilige Mark von Ephesus sagt –, verlässt den leblosen Körper. Aber während der Körper und der Geist des Menschen sterblich und vergänglich sind, so ist seine Seele unsterblich. Sie ist und bleibt lebendig. Jedoch unterscheidet sich nun ihr jetziges Leben von ihrem Leben in der vorangegangenen Zeit, als sie noch mit dem Körper und dem Geist vereinigt war. Die Seele lebt nach dem leiblichen Tod des Menschen genau jenes Leben weiterlebt, das sie vor dem Tode des Geistes und Leibes auf der Erde begonnen hat: mit all ihren Gedanken und Gefühlen, mit ihren Tugenden und Lastern. Das Leben der Seele nach dem Tode ist also eine natürliche Fortsetzung und Folge des irdischen Lebens der damals noch mit Geist und Körper vereinigten Person.

 

Wenn der verstorbene Christ fromm war, zu Gott betete, auf Ihn hoffte, sich Seinem Willen unterordnete, Reue vor Ihm übte und sich bemühte, nach Seinen Geboten zu leben, dann fühlt seine Seele nach dem Tode mit Freude die göttliche Gegenwart und hat sofort in größerem oder kleinerem Maße je nach der während des Erdenlebens mit Gottes Gnade verwirklichten Heiligkeit Anteil an dem innergöttlichen Leben der Allheiligen Dreiheit, was die heiligen Väter die Theosis nennen.

 

Aber aus Sicht der christlich-orthodoxen Kirche lebt jeder Mensch auf Erden im Zustand des „geistlichen Todes“, solange er durch den Unglauben von Gott getrennt ist. Wenn dieser geistliche Tod aber bis zum Ende des irdischen Lebens andauert, dann kann der irdische Tod zum ewigen Tod werden, also zur endgültigen Trennung von Gott. Wenn also der Verstorbene im Laufe seines irdischen Leben die Gemeinschaft mit Gott, dem uns liebenden himmlischen Vater verloren hat, Ihn nicht suchte, nicht zu Ihm betete, durch die Selbstauslieferung an die Leidenschaften (Laster) frevelte und so den Sünden hörig war, dann findet seine Seele auch nach dem Tode nicht den Weg zu Gott. Sie wird eben dann auch nicht fähig sein, die allgegenwärtige göttliche Liebe zu fühlen, denn Gott respektiert im Leben wie im Tode die Integrität der menschlichen Freiheit und damit die schöpfungsgemäße Persönlichkeitswürde des Menschen (so der heilige Justin von Celije). Da die Seele jedoch nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, beginnt die unbefriedigte, ja fehlgeleitete Seele dann, beraubt der Gemeinschaft mit jenem innergöttlichen Leben (der Theosis), für das der gottähnliche Mensch seiner wahren Natur nach erschaffen wurde, zu leiden und sich quälen. Diese selbstgewählte Gottesferne ist die Hölle und die Sehnsucht nach der göttlichen Gemeinschaft ist ihr verzehrendes Feuer.

 

Da die Seele des Verstorbenen sich in der jenseitigen Welt nicht von alleine wandeln noch das erwerben, kann, was sie wegen ihres mangelhaften geistlichen Strebens nach der Liebesgemeinschaft mit Gott während des irdischen Leben nicht durch die Mitwirkung mit der göttlichen Gnade erworben hat, braucht sie jetzt in ganz besonderer Weise Hilfe.

 

 

Deshalb besitzt das Gebet für die Verstorbenen in der orthodoxen Kirche diesen besonderen geistlichen Stellenwert. Es ist unsere geistliche Hilfe für die Seelen der Entschlafenen, wenn sie sich selbst nicht mehr helfen können. Wir vertrauen als Christgläubige einerseits fest auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit, mit der Gott die Seele eines jeden von uns umfangen wird, wenn wir uns nach dem Ende unseres Erdensleben auf jene große Reise begeben, die uns heim in Sein Vaterhaus führen wird. Anderseits wissen wir uns dann aber auch Seinem vorläufigen Gericht überantwortet. Deshalb wird sich unsere Seele mit Furcht und Zittern wegen unserer eigenen, so offensichtlichen Unwürdigkeit und Sündhaftigkeit jener Begegnung dem lebendigen, allheiligen Gott nähern. Diese ernsthafte und furchtbare Wägung unseres Lebens, die damit beginnen wird, dass wir nach unserem Tode in Begleitung unseres Schutzengels die Zollschranken durchschreiten müssen, an denen der Teufel und seine Dämonen uns vor Gottes Gerechtigkeit verklagen werden, findet ihren vorläufigen Abschluss vor Gottes Angesicht, wo wir vor dem allsehenden Auge des lebendigen Gottes dann werden erscheinen müssen. Zwar wissen wir, dass Gottes Gericht, dem wir dort dann überantwortet werden, vollkommen anders sein wird, als die hartherzige Gerechtigkeit dieser Welt. Zugleich aber werden wir unser gesamtes Leben, Sein Wollen, Seine Antriebe und Handeln überblicken und über unser Unterlassen, unsere geistliche Lauheit und mangelhafte Heiligkeit in Furcht erschaudern.

 

Deshalb betet die orthodoxe Kirche unablässig in jeder eucharistischen Liturgie für alle Entschlafenen. In allen unseren orthodoxen Gottesdiensten erbitten wir von Gott „ein christliches Ende unseres Lebens, ohne Qual und Schande und in Frieden und eine gute Rechtfertigung vor dem ehrfurchtgebietenden Richterstuhl Christi“. Ein „christliches Ende“ freilich kann nur der haben, der sich sein ganzes Leben darum bemüht hat, Christus nachzufolgen oder der durch Reue und Buße zu Christus umgekehrt ist. Wir beten auch um ein „gute Rechtfertigung vor dem ehrfurchtgebietenden Richterstuhl Christi“, weil nach dem Tod das vorläufige Gericht für einen jeden von uns folgen wird.

 

 

Als orthodoxe Christen versuchen wir die tiefe Ernsthaftigkeit dieser Begegnung mit Gottes Gericht, die mit unserem letzten Atemzug beginnen wird, nicht kleinzureden oder zu psychologisieren. Aber als orthodoxe Christen sind wir auf dem Weg zu dieser Begegnung mit Gott, vor dessen Allheiligkeit wir in unserer Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit zutiefst erschrecken werden, nicht allein. Bereits in unserer Todessstunde steht unser heiliger Schutzengel bei uns, um uns zu begleiten. Auch die übrigen Engel und Heiligen, vor allem die Allheilige Gottesgebärerin, versammeln sich zur Fürbitte für uns. Mit ihnen treten auch die noch im Erdenleben stehenden Gläubigen betend für uns zusammen, um für die jetzt zu Gottes sichtbarer Gegenwart eingehende Seele Gebet und Fürbitte zu halten. Was der orthodoxe Gläubige in den vergangenen Tagen seinem Erdenleben in jeder Feier der Göttlichen Liturgie liturgisch mit vollzogen hat, das wird nun für Ihn ganz sichtbar. Die ganze Gemeinschaft der Heiligen Kirche, die Allheilige Gottesmutter, alle Engel und Heiligen, aber auch die Gläubigen auf Erden versammeln sich, um mit ihren Gebeten gleichsam eine Arche des Heiles zu erbauen, auf der die Seele vor Gottes erbarmendes Angesicht getragen wird. Das Gebet für die zu Gott Entschlafenen ist deshalb nach orthodoxem Verständnis ein geistliches Werk der gegenseitigen Nächstenliebe. Wie das uns durch Christi Auferstehung geschenkte ewige Leben, das wir im Sakrament der heiligen Taufe empfangen und durch dem Empfang der übrigen Sakramente gestärkt und in einem christlich orientierten Leben auferbaut haben, mit dem Ende dieses zeitlichen Lebens nicht aufhört, sondern sich vielmehr dort geistlich vollendet, so hören auch die Entschlafenen nicht auf zum mystischen Leib Christi zu gehören.

 

Denn unser aller Heiland Jesus Christus, der Erretter des Menschengeschlechtes, ist und bleibt bis zum Jüngsten Tage in Seiner Heiligen Kirche gegenwärtig. Er ist das Haupt der Kirche und wir sind Glieder seines mystischen Leibes, in den wir durch den Empfang der heiligen Taufe eingegliedert wurden. Im mystisch-sakramentalen Leib der Kirche ist die von der Sünde verdorbene Einheit der menschlichen Natur in der Einheit mit Gott durch die Fleischwerdung des Sohnes Gottes wiederhergestellt. In dieser kirchlich-sakramentalen Einheit, die ähnlich der Einheit der Personen der Allheiligen Dreiheit ist, vollendet sich das Mysterion unserer Erlösung nicht nur zu unseren Lebzeiten, sondern durch Gottes Gnade vollzieht sich das Geheimnis der Veredelung und der Erneuerung der verstorbenen Seele durch Christus unseren barmherzigen Herrn und Erlöser.

 

 

In menschlich-vereinfachender Weise meinen einige, dass die Gebete für die Verstorbenen das Ziel verfolgen würden, Gott barmherziger zu stimmen und Ihn zum Vergeben unserer Sünden geneigter zu machen. Dabei vergessen wir dann, dass Gott seinem Wesen nach vollkommen unwandelbar ist. Seinem Wesen nach ist Gott grenzenlose, unendliche und allumfassende Liebe. Er liebt uns, sowohl die Guten also auch die Schlechten, mehr als wir uns selber lieben können. Deshalb hat Er auch Seinen Eingeborenen Sohn zu unserer Erlösung in Welt gesandt.

 

Die zu Gott entschlafenen Christgläubigen, die unserem Herzen nahe stehen, werden durch unser Gebet nicht aus einem „Fegefeuer“ gerettet, sondern wir vertrauen als orthodoxe Christen vielmehr fest darauf, dass wenn wir uns mit unserer zwar unvollkommenen, aber dennoch aus der Tiefe unserer gläubigen Herzen kommenden Nächstenliebe mit jener vollkommenen, unüberbietbaren und bedingungsloser Menschenliebe Gottes in liebender Synergeia vereinen dürfen, dass dann Gottes nicht zu besiegende und errettende Liebe alles das, was im Leben des einzelnen verewigten Gläubigen noch unvollkommen war, vollkommen machen wird. Nicht unser Gebet errettet, sondern es appelliert mit unserer demütigen Fürbitte an Gottes Liebe, die sich in Christi Heilshandeln offenbart hat. Auch machen unsere Gebete für die Entschlafenen Gott nicht barmherziger, aber sie bringen in den Seelen derer, für die wir beten, einen Wandel zum Besseren hervor, den sie allein nicht mehr vollziehen können. Und nicht das liturgisch-kirchliche Gebet allein, sondern sogar ebenfalls das persönliche Gebet hat diese erneuernde Wirkung und bringt die Seelen der Entschlafenen näher zu Gott. Deshalb gehört das Gebet für die Sterbenden und für die bereits zu Gott entschlafenen Christgläubigen zu den heiligen Werken der christlichen Barmherzigkeit.

 

Zugleich aber ist sich die orthodoxe Kirche mit großer Ernsthaftigkeit darüber bewusst, dass mit dem Ende des Erdenlebens auch der geistliche Glaubensweg zu einem Endpunkt gekommen ist. Während wir auf Erden leben, haben wir jederzeit die Möglichkeit, unserem Leben eine Wendung zur Gemeinschaft mit Gott zu geben, indem wir unsere Sünden bereuen, sie im Sakrament der heiligen Beichte aufrichtig bekennen und durch den Priester die Lossprechung erhalten, durch den Empfang der übrigen heiligen Sakramente, vor allem durch die heilige Kommunion mit der Göttlichen Eucharistie, auf unserem geistlichen Lebensweg gestärkt werden und durch ein ernsthaftes geistliches Leben die empfangenen Gnadenwirkungen der heiligen Sakramente mehr und mehr zur Entfaltung gelangen lassen, damit wir dadurch mehr und mehr in der gnadenhaften Liebensgemeinschaft mit Gott zur Theosis heranwachsen. Mit dem Ende unseres irdischen Lebens endet auch unsere Möglichkeit, Einfluss auf unser endgültiges Los nehmen. Nur die Gläubigen, die weiterhin auf der Erde leben, können den Entschlafenen dann mit ihrem Gebet helfen.

 

 

Hierbei ist es aber wichtig zu bedenken, dass die Kirche aufgrund der Erfahrungen des geistlich-kirchlichen Lebens weiß, welche entschlafenen Christgläubigen bereits währen ihres irdischen Lebens eine so großes Maß der innigen Gemeinschaft mit Gott erlagt haben, dass sie als Heilige vor Gottes Thron stehen, um für uns zu beten. Jedoch maßt sich die Kirche kein Urteil darüber an, wer zu den Verlorenen gehört und sich in der Hölle befindet. Ein jeder Mensch kann noch einen kurzen Augenblick vor seinem Lebensende bereuen und dadurch Gottes Barmherzigkeit erlangen. Hierfür ist der heilige Dismas, der gute Räuber, der an der Seite Christi gekreuzigt wurde, das leuchtende Beispiel. In jeder Feier der Göttlichen Liturgie beginnen wir den Gesang der Seligpreisungen, die uns den Weg zum Heil aufzeigen, mit seiner demütigen Bitte an Christus: «Herr, gedenke meiner, wenn Du kommst in dein Reich». Die Zwischenverse zu den Seligpreisungen aus dem Buch des Oktoich legen uns dann diese Geisteshaltung noch weiter aus, die Christus mit Seinem erlösenden Versprechen beantwortet hat: «Wahrlich ich sage dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein».

 

So geben auch wir mit unseren Gebeten für die Entschlafenen unserer Hoffnung auf die unendliche Liebe und das grenzenlose Erbarmen Gottes einen tiefen geistlichen Ausdruck. Zugleich sind sie auch ein gelebter Hinweis in unserer so diesseitsorientierten Umwelt auf unseren unverbrüchlichen orthodoxen Glauben an die Realität des ewigen Lebens. All unsere privaten und liturgischen Gebete, unsere Almosen und frommen Gaben, unsere gute Taten, die wir um dieses oder jenes Toten willen tun, bringen den Seelen der entschlafenen orthodoxen Christen in der jenseitigen Welt Erquickung, Ruhe und Freude. Vergessen wir deshalb nicht, täglich für sie zu beten!

 

Ewiges Gedenken - Вечная память!

 

Die vier Neu-Märtyrer von Paris: Märtyrerin-Nonne Maria (Skobtsova); Hiero-Neumärtyrer Dimitrij (Klepenin); Neu-Märtyrer Ilya (Fondaminsky); und Neu-Märtyrer Lektor Georgij (Skobtsov).
Die vier Neu-Märtyrer von Paris: Märtyrerin-Nonne Maria (Skobtsova); Hiero-Neumärtyrer Dimitrij (Klepenin); Neu-Märtyrer Ilya (Fondaminsky); und Neu-Märtyrer Lektor Georgij (Skobtsov).

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander

und seine Gefährten von der weißen Rose

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija v. Gojan

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander (Schmorell) von der weißen Rose war in der Zeit des Zweiten Weltkriegs Medizinstudent und Mitbegründer der studentischen Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ gegen das Nazi-Regime in Deutschland. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern dieser Gruppe versuchte er die Deutschen mittels Flugblättern zum Widerstand gegen Hitler und sein Unrechts-Regime aufzurütteln. Im Februar 1943 wurde er schließlich verhaftet und am 13. Juli des gleichen Jahres  im Gefängnis Stadelheim in München  hingerichtet. Im Jahre 2012 erfolgte seine Heiligsprechung als Lokalheiliger des deutschen Bistums in der russischen Auslandskirche.

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander war im Jahre 1917 in einer deutschen Familie im russischen Orenburg geboren worden. Sein Vater, der Arzt Hugo Schmorell, stammte aus einer deutschen Pelzhändler und Kaufmannsfamilie, die bereits seit rund 100 Jahren in Russland lebte. Seine Mutter Natalia Vvedensky war Russin und Tochter eines orthodoxen Priesters. So wurde Alexander nach seiner Geburt nicht evangelisch, wie es in der Familie seines Vaters üblich war, sondern orthodox getauft. Sein orthodoxer Glaube sollte Zeit seines Lebens, genau wie seine mütterlich-russischen Wurzeln, eine wichtiger Bezugspunkt seiner Identiät bleiben. Als Alexander ungefähr ein Jahr alt war, verstarb seine Mutter während der Zeit des russischen Bürgerkriegs an Typhus. Im Jahre 1920 heiratete sein Vater Elisabeth Hoffmann, eine Deutsche, die ebenfalls wie er selbst in  Russland aufgewachsen war. Im Jahre 1921 floh Hugo Schmorell mit seiner Familie vor der Terrorherrschaft der Bolschewiki aus Russland. Begleitet wurden sie von Alexanders russischer Amme und Kinderfrau Feodosija Lapschin, die sich dazu als Witwe von Hugo Schmorells Bruder ausgab. Diese Legende ermöglichte ihr die Einreise nach Deutschland. Deshalb wurde sie später als "Franziska Schmorell" in München begraben.

 

Alexanders russischer Amme und Kinderfrau Feodosija. Ihr verdankt Alexander seine Liebe zu Russland, seinen Menschen, ihrer Sprache und Kultur und seine feste Verwurzelung im orthodoxen Glauben.
Alexanders russischer Amme und Kinderfrau Feodosija. Ihr verdankt Alexander seine Liebe zu Russland, seinen Menschen, ihrer Sprache und Kultur und seine feste Verwurzelung im orthodoxen Glauben.
Alexander Schmorell und seiner Kinderfrau Feodosija.
Alexander Schmorell und seiner Kinderfrau Feodosija.

 

Die Familie ließ sich in München-Harlaching nieder, wo der Vater bald wieder als Arzt zu praktizieren begann. Alexander wuchs in einem großbürgerlichen und kosmopolitischen Milieu auf, dass sich aber deutlich von der damaligen deutschnationalen Norm im deutschen Bürgertums abhob. Neben deutsch wurde im Hause Schmorell weiterhin russisch gesprochen. Deutsche Künstler und russische Emigranten verkehrten im Hause.

 

 

Einen prägenden Einfluss auf Alexanders Entwicklung hatte seine russische Amme und Kinderfrau Feodosija, die trotz ihres langen Aufenthalts in Deutschland praktisch nie deutsch lernte. Ihrem prägenden Einflusses ist es zu verdanken, dass auch Alexander zu einem praktizierenden und überzeugten orthodoxen Christen heranwuchs. In der Familie Schmorell herrschte konfessionell ein offenes und tolerantes Klima. Alexanders Vater stammte aus einer ursprünglich ostpreußischen Familie und war deshalb selbst evangelisch. Alexanders Stiefmutter Elisabeth Schmorell und ihre beiden leiblichen Kinder Erich und Natascha aus der zweiten Ehe von Hugo Schmorell waren römisch-katholisch. Elisabeth Schmorell fühlte sich jedoch dem Erbe von Alexanders leiblicher Mutter dahingehend verpflichtet, dass sie den Jungen zusammen mit seiner Kinderfrau Feodosija im orthodoxen Glauben erzog. So besuchte Alexander mit seiner Kinderfrau die Gottesdienste in der russischen Kirche in München. Auch ließ seine Stiefmutter ihn den dortigen orthodoxen Religionsunterricht besuchen.

 

In München gibt es heute München 14 orthodoxe Gemeinden. Seit den 1990-er Jahren besitzt die russische Gemeinde mit ihrer Kathedralkirche in der Lincolnstrasse eines der größten und repräsentativsten orthodoxen Gotteshäuser der Stadt. Jedoch blickt die russische orthodoxe Gemeinde in München bereits auf eine über 200-jährige Tradition zurück. Schon im Jahre 1798 wurde in der Russisch Kaiserlichen Gesandtschaft in der Ottostraße eine Kapelle für den orthodoxen Gottesdienst eröffnet. Ab dem Jahre 1832 besuchten die russischen Diplomaten und ihre Angehörigen die Gottesdienste in der Salvatorkirche, die vom griechischen Klerus betreut wurde. Von 1867-1881 gab es zusätzlich eine Hauskirche im Palais der Grafen Adlerberg, die jedoch beim Umzug der Familie an den Tegernsee verlegt wurde. Diese Hauskirche war dem Heiligen Nikolaus, dem Wundertäter von Myra in Lykien geweiht. Der Ikonostas dieser Hauskirche war ein Geschenk des mit der Familie befreundeten Zaren Alexander II. 

Die nach der Oktoberrevolution im Jahre 1921 von Emigranten gebildete Münchner Gemeinde zu Ehren des Heiligen Nikolaus erhielt diesen Ikonostas zunächst als Leihgabe. Im Jahre 1942 wurde der Ikonostas zusammen mit den liturgischen Geräten und Priestergewändern der Gemeinde von den zu diesem Zeitpunkt nicht mehr orthodoxen Nachkommen der Grafen Adlerberg geschenkt. Die noch erhaltenen Teile dieses Ikonostas befinden sich heute im Altarraum des orthodoxen Frauenklosters in Buchendorf. Ab dem Jahre 1922 hielt die Münchener Gemeinde dann 14-tägig Gottesdienste im Saal des Mathildenstifts.  Ab der Mitte des Jahres 1941 wurden die Gottesdienste in einer Barackenkirche in der Denningerstraße gefeiert, die der Gemeinde von der evangelischen Kirche zur Nutzung überlassen worden war. Wurde die Gemeinde bis dahin seelsorgerlich von für die Gottesdienste anreisenden Priestern betreut, so erhielt die Gemeinde dann ab August 1942 einen eigenen Pfarrer, so dass alle Sonn- und Feiertage gottesdienstlich begangen werden konnten.

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden, so weit dies möglich war, auch orthodoxe Kriegsgefangene und Fremdarbeiter seelsorgerlich betreut. Als nach der deutschen Besetzung Griechenlands die griechische Salvatorkirche geschlossen worden war, wurde dieses Gotteshaus ab Mai 1943  von der Russischen Auslandskirche mit betreut. Im Februar 1946, als es wieder möglich wurde einen griechischen Pfarrer nach München zu entsenden, wurde die Salvatorkirche dann wieder dem griechischen Klerus übergeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich im München 15 russische Kirchengemeinden, die meist aus "Displaced Persons" bestanden und ihre Gottesdienste in verschiedenen Barackenkirchen in den Flüchtlingslagern der Stadt feierten.

Die russische orthodoxe Gemeinde zu Ehren des Heiligen Nikolaus im Februar 1946 die ehemalige Markthalle neben der Salvatorkirche als Gotteshaus überlassen. Diese hatte den Amerikanern vor dem Krieg als Kirchenraum und Bibliothek gedient, war dann zu Beginn des Krieges jedoch geschlossen und auch durch Bombenangriffe beschädigt worden. Die Gemeinde begann nun mit umfänglichen Umbau- und Renovierungsarbeiten, so dass vom Mai 1947 an dort die Gottesdienste der Nikolaus-Gemeinde stattfinden konnten.

Seit den 1950-er Jahren wanderten viele der "Displaced Persons" nach Übersee aus, so dass sich nach und nach die Lagergemeinden aufzulösen begannen. In dem Maße, wie sich diese Gemeinden durch den Weggang ihrer Pfarrangehörigen aufzulösen begannen, gewann die Sankt-Nikolaus-Kirche am Salvatorplatz im Zentrum Münchens mehr und mehr an Bedeutung.

Schon seit den 1960-er Jahren wurde klar, dass die Stadt den Mietvertrag für die Räumlichkeiten am Salvatorplatz gern kündigen wollte. Stadt und Kirchengemeinde kam aber überein, dass zuvor gemeinsam eine Alternative gefunden werden sollte, und die Stadt verpflichtete sich, die Kosten des Umzugs zu übernehmen. 

Jedoch erst, als mit der Wiedervereinigung Deutschlands die Amerikaner ihre Truppenstärke in Deutschland radikal zu verkürzen begannen, konnte mit dem Kauf der amerikanischen Garisonskirche in der Lincolnstrasse ein passendes Gebäude gefunden werden. Im Dezember 1993 wurden der Kaufvertrag für das Grundstück und die Kirche unterzeichnet. Es erfolgte nun ein  Umbau, um das Gebäude dem orthodoxen Sakralempfinden anzupassen. Zum Pfingstfest im  Juni 1994 zog die Gemeinde dann in die neue Kirche in der Lincolnstrasse um. Die Kirche erhielt das Patrozinium der Heiligen Neomärtyrer und Bekenner Russlands, während mit einem kleinen Kapellenanbau im nordrussischen (Pskover) Stil des ursprünglichen Patrons der Gemeinde, der Heiligen Nikolaus gedacht wird. In dieser kleinen Kirche finden die schwächer besuchten Gottesdienste unter der Woche und die Liturgiefeiern in deutscher Sprache statt.

 

Zu den sonntäglichen Gottesdiensten versammeln sich heute ca. 250 Gläubige, während an Ostern die Zahl der Gottesdienstbesucher bei über 1000 liegen kann. Die Hauptsprache der Gottesdienste ist bis heute das Altkirchenslawische geblieben, aber der Apostel und das Evangelium werden jeweils auch in deutscher Sprache gelesen. Jeden Mittwoch findet darüber hinaus eine Vecernja ( Abendgottesdienst) in deutscher Sprache statt. An jedem 2. Sonntag im Monat findet in der kleinen Nikolaus-Kirche  eine Liturgiefeier in deutscher Sprache statt.

 

 

Alexander Schmorell als Jugendlicher.
Alexander Schmorell als Jugendlicher.

 

Im Hause Schmorell herrschte ein groß- und bildungsbürgerlicher Geist, dem sich die kultur- und völkerverbindende Lebensweise der Deutschen und Deutschbalten im Russischen Kaiserreich, ihr "Cross over" aus den besten Bestandteilen beider Volkskulturen beimengte. So wuchs Alexander zu einem künstlerisch begabten, vielseitig interessierten, kosmopolitischen und gesellschaftlich gewandten jungen Mann heran. Sein orthodoxer Glaube eine bestimmende, jedoch nicht die einzige prägende Komponente seiner vielschichtigen Persönlichkeit, zu der ebenfalls eine starke Bindung an Russland, seine Sprache und Kultur gehörten. Damit hob sich Alexander, wie auch seine gesamte Familie deutlich von den deutschnationalen Prägungen und Überzeugung des übrigen deutschen Bürgertums ab, wie sie sich besonders seit der Gründung des wilhelminischen Kaiserreiches herausgebildet hatten. Insofern konnte Alexander Schmorell auch niemals die NS-Ideologie vom „slawischen Untermenschen“ akzeptieren. 

 

Alexander Schmorell als Münchner Student.
Alexander Schmorell als Münchner Student.

 

Wie alle seine Altersgenossen wurde auch Alexander Schmorell Soldat der Deutschen Wehrmacht. Angesichts der bevorstehenden Ablegung des Fahneneides auf Hitler zeigte sich Alexanders Prinzipientreue, denn er bat seinen kommandierenden Offizier, vom Militärdienst befreit zu werden, da er Hitler nicht absolute Treue geloben könne. Zwar wurde er nicht aus der Wehrmacht entlassen, hatte aber trotz seiner Verweigerung der Eidesleistung keine weiteren Konsequenzen zu gewärtigen.

 

Im Rahmen seines Wehrdienstes nahm er am Anschluss Österreichs und an der Besetzung der Tschechoslowakei teil. Im Jahre 1939 begann er dann in Hamburg sein Medizinstudium, das er – unterbrochen durch die Teilnahme am Frankreichfeldzug – ab Herbst 1940 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fortsetzte. Dort lernte er dann Hans Scholl kennen, mit dem er die "Weiße Rose" gründen sollte.

 

In dieser Zeit kontrollierten die Nazis fast vollständig das gesamte öffentliche Leben in Deutschland sowie das Denken und Fühlen der meisten Deutschen. Die Wehrmacht hatte den Großteil Europas bereits besetzt und stand im Jahre 1942 schon tief im sowjetischen Territorium. Jeder der es wagte, sich ideologisch oder anderweitig der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu entziehen, stand als vermeintlicher oder wirklicher Gegner Hitlers immer in der akuten Gefahr, verhaftet und in ein Konzentrationslager verbracht zu werden. 

 

Christian Probst-neben Professor Huber das älteste Mitglied der Weißen Rose. Probst war als Student bereit Familienvater. Kurz vor seiner Hinrichtung ließ sich Christian Probst vom katholischen Gefängnisgeistlichen taufen.
Christian Probst-neben Professor Huber das älteste Mitglied der Weißen Rose. Probst war als Student bereit Familienvater. Kurz vor seiner Hinrichtung ließ sich Christian Probst vom katholischen Gefängnisgeistlichen taufen.
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst.
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst.
Der Münchner  Professor für Philosophie und Musikpsychologie Kurt Huber. Hubers Bindungen zum Katholizismus und seine  ausgesprochen parteifeindliche Haltung waren den herrschenden Nazis immer ein Dorn im Auge gewesen.
Der Münchner Professor für Philosophie und Musikpsychologie Kurt Huber. Hubers Bindungen zum Katholizismus und seine ausgesprochen parteifeindliche Haltung waren den herrschenden Nazis immer ein Dorn im Auge gewesen.

 

Die Studenten der „Weiße Rose“, die sich um den Münchner Professor Kurt Huber sammelten, gehörten zu den wenigen Deutschen, die den allgemeinen chauvinistischen Zeitgeist, Rassenwahn und Führerkult  in Frage stellten.

 

Im Sommer 1942 erwarben Hans Scholl und Alexander Schmorell eine  Vervielfältigungsmaschine und stellten unter dem Pseudonym „Die Weiße Rose“ vier Flugblätter her die sie in München verteilten. Darin riefen sie den Deutschen ihre Mitverantwortung durch ihr Wegsehen angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen vor Augen. Auch riefen sie ihre Mitbürger dazu auf, sich endlich zum Widerstand gegen Hitler durchzuringen. Die Verteilung der Flugschriften geschah in einem sehr begrenzten Rahmen und konzentrierte sich hauptsächlich auf die Stadt München. Bereits zuvor war andere Flugblätter, vor allem aus christlich-katholischen Widerstandskreisen (die Mitschriften der Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens Graf von Galen, in denen Hitlers Euthanasieprogramm angeprangert wurde) in Deutschland verbreitet worden. Die Flugschriften der "Weißen Rose" gingen allerdings einen wichtigen Schritt weiter, indem sie die Bevölkerung dazu aufriefen, sich auf jede erdenkliche Weise dem Unrecht zu widersetzen. 

 

Alexander Schmorell mit seinen fast "unverichtbaren" Accessoire  - der Herrenpfeife.
Alexander Schmorell mit seinen fast "unverichtbaren" Accessoire - der Herrenpfeife.

 

Zu solch weitreichenden Schritten waren damals vor allem die evangelischen Kritiker des NS-Regimes, wie die Mitglieder der Bekennenden Kirche, aus Jahrhunderte alten obrigkeitskonformen evangelisch-theologischen Traditionen grundsätzlich nicht in der Lage, während die katholische Kirche sehr wohl den „Tyrannenmord“ unter bestimmten Voraussetzungen für theologisch gerechtfertigt hielt, um dem weiteren Fortschreiten des Bösen widerstehen zu können. Nicht von ungefähr stammt der Hitlerattentäter des 20. Juli Claus Schenk Graf von Stauffenberg aus einen schwäbischen katholischen Adelsgeschlecht.

 

Das zweite Flugblatt der Serie ist vor allem deshalb von herausragender Bedeutung, weil es in einem von Alexander Schmorell verfassten Abschnitt den einzigen bekannten öffentlichen Aufschrei einer deutschen Widerstandsgruppe gegen den Judenmord enthält.

 

In vielen deutschen Ortschaften und Städten erinnern heute solche Stolpersteine auf den Gehwegen vor den Häusern an die von dort verschleppten und ermordeten jüdischen Mitbürger.
In vielen deutschen Ortschaften und Städten erinnern heute solche Stolpersteine auf den Gehwegen vor den Häusern an die von dort verschleppten und ermordeten jüdischen Mitbürger.

 

Im Sommer 1942 wurden Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf als Sanitäter nach Russland geschickt. Für Alexander Schmorell war dies eine Art Heimkehr, denn es war das erste Mal in seinem Leben, dass er Russland, das weite Land und seine Menschen bewusst selbst erleben konnte. Damals bekannte sich Alexander auch zu seinem persönlichen Pazifismus, der sowohl in seiner Verbindung zu den russischen Menschen, aber auch in seinen orthodoxen Glaubensüberzeugungen wurzelte. Er sprach Hans Scholl und Willi Graf gegenüber davon, auf keinen Fall einen Russen erschießen,  aber auch auf keinen Deutschen schießen zu wollen. In einer, den Krieg mit seinem vielfachen Töten als schicksalhaft und zugleich mann- und ehrenhaft begreifenden Generation eine bemerkswert andersartige Einstellung. 

 

Alexander Schmorell stellte in jenen Wochen in Russland sowohl ein wichtiges Bindeglied des Verstehens zwischen seinen Freunden und den russischen Menschen dar, anderseits suchte Alexander auch selbst ganz bewußt den Kontakt zu den einfachen russischen Menschen, zu russischen Arztkollegen und orthodoxen Priestern. Gemeinsam mit Hans Scholl und Willi Graf nahm er, sooft er konnte, an orthodoxen Gottesdienste. Für Schmorell war dieser Russlandaufenthalt die ganz bewußt wahrgenommene Gelegenheit, das Russland in seinem Herzen mit dem wirklich erlebten Russland zusammentreffen zu lassen, was bis heute sehr typisch für alle Emigranten und ihre Nachkommen ist.

 

Alexander Schmorell in Russaland.
Alexander Schmorell in Russaland.

 

Nach der Rückkehr nach München im Oktober 1942 wurden die Aktivitäten der „Weißen Rose“ immer mehr ausgeweitet. Weiter Personen wurden von Hans Scholl und Alexander Schmorell ins Vertrauen gezogen, so dass die „Weiße Rose“ aus einem Zweierteam zur Gruppe heran wuchs. Nun waren auch Hans Scholls Schwester Sophie, Professor Kurt Huber und Traute Lafrenz Mitglieder der Gruppe. Durch eine Freundin Schmorells, Lilo Ramdohr, wurde der Kontakt zu Falk Harnack, dem jüngeren Bruder des in Verbindung mit der Roten Kapelle verhafteten Arvid Harnack, geknüpft. Dadurch kam es zur Vernetzung der „Weißen Rose“ mit anderen Widerstandsgruppen in ganz Deutschland, so dass im Januar 1943 nach der Fertigstellung des fünften Flugblatts tausende Exemplare der Flugschrift in ganz Deutschland verteilt wurden. Dazu reiste Alexander Schmorell persönlich nach Linz, Wien und Salzburg.

 

Nach dem Fall Stalingrads und der Vernichtung einer ganzen deutschen Armee wurde ein sechstes Flugblatt produziert, bei dessen Verteilung an der Münchner Universität am 18. Februar 1943 Hans und Sophie Scholl vom Hausmeister überrascht wurden. Die Geschwister Scholl wurden daraufhin von der Gestapo verhaftet, und eine Fahndung nach Alexander Schmorell begann. Mit Hilfe Lilo Ramdohrs und seines bulgarischen Freundes Nikolai Hamazaspian versuchte Alexander mit einem gefälschten Pass in die Schweiz zu entkommen. Jedoch erwies sich der Plan als undurchführbar, so dass er nach München zurückkehrte. Am 24. Februar 1943 wurde er dort verhaftet, nachdem ihn ein Bekannter in einem Luftschutzkeller erkannt und denunziert hatte. Alexander Schmorell wurde am 19. April 1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 13. Juli des Jahres durch das Fallbeil in München-Stadelheim hingerichtet.

 

Familengrab der Schmorells auf dem Perlacher Friedhof in der Nähe der russischen Kathedral-Kirche in München.
Familengrab der Schmorells auf dem Perlacher Friedhof in der Nähe der russischen Kathedral-Kirche in München.

 

Obwohl es sich bei der „Weißen Rose“ nicht um eine dezidiert christliche Widerstandsgruppe handelte, spielte ihr christlicher Glaube und dessen ethische Verpflichtungen für das Handeln dieser jungen Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ihr evangelische, katholischer oder orthodoxer Glaube war nicht einfach nur ererbte Konvention, sondern wichtige Antriebsquelle für die Entschlossenheit und den persönlichen Mut, mit dem diese jungen Leute handelten und für ihre Überzeugungen eintraten. 

 

Alexander Schmorell war ein überzeugter orthodoxer Christ, auch wenn verschiedene Autoren, die sich mit seiner Person und der „Weißen Rose“ auseinandergesetzt haben, dies nicht verstehen wollen oder können. Sie wollen die orthodoxe Verwurzelung Schmorells als ein bloßes Mittel, mit dem er dem russischen Teil seiner Identität stärker verbunden sein zu können, verstehen. Auch sein regelmäßiger Gottesdienstbesuch wird in eine Faszination am russisch-orthodoxen Ritual interpretiert und nicht als gelebter Ausdruck eines echten orthodoxen Glaubens. Das eigentliche Problem hierbei ist aber nicht die Frage nach der Echtheit der christlich-orthodoxen Verortung Schmorells, sondern die Voreingenommenheit und das grundsätzlich säkulare Wirklichkeitsverständnis dieser Autoren.

 

Seine langjährige Freundin Lilo Ramdohr berichtete, dass Alexander Schmorell immer eine kleine Bibel und ein kleines orthodoxes Segenskreuz aus Messing bei sich trug.

 

Nach dem Zeugnis seines Bruders Erich trug er ebenfalls immer sein orthodoxes Gebetbuch bei sich. Dieses Gebetbuch wurde den Eltern nach der Hinrichtung mit Schmorells anderen Sachen wieder zurückgegeben. Charakteristisch für das ökumenische Klima in der Familie Schmorell ist, dass seine Stiefmutter Elisabeth dieses Gebetbuch zeitlebens aufbewahrte und auch festlegte, zusammen mit diesem Gebetbuch beerdigt zu werden. Da die Familie Schmorell in einem gemeinsamen Familiengrab beigesetzt wurde, kehrte so das Gebetbuch zu heiligen Alexander zurück. 

 

 

Seitdem er ein Kind gewesen war, hatte Alexander Schmorell regelmäßig die orthodoxen Gottesdienste in der russischen Kirche in München besucht. Als Folge des Frankreichfeldzuges kamen damals eine große Zahl russischer Menschen nach München. Es waren russische Emigranten, die Russland bereits nach der russischen Oktoberrevolution verlassen hatten und die nun in Frankreich lebten. Nach der Besetzung Frankreichs bekamen die französischen Bürgermeister von den Deutschen den Befehl, Arbeitskräfte für den Dienst in Deutschland bereit zu stellen. Die französischen Behörden trugen nun vor allem russische Emigranten in die geforderten Entsendungslisten ein. So kamen diese russischen Emigranten, die bereits einmal alles verloren hatten, als Fremdarbeiter nach Deutschland. Alexander traf diese Menschen in der Kirche bei den Gottesdiensten und war von der Tiefe ihres Glaubens, vor allem bei ihren Kindern, tief beeindruckt. Diese Erfahrung prägte zutiefst sein eigenes christlich-orthodoxes Bewusstsein, was aus seinen Tagebuchaufzeichnungen klar hervorgeht.

 

Aus einer Passage im vierten Flugblatt geht die christliche Grundmotivation der Mitglieder der weißen Rose, vor allen die der beiden zentralen Persönlichkeiten in der Gruppe, des evangelischen Christen Hans Scholl und des orthodoxen Christen Alexander Schmorell klar hervor:

 

 „Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. Sein Mund ist der stinkende Rachen der Hölle, und seine Macht ist im Grunde verworfen. Wohl muss man mit rationalen Mitteln den Kampf wider den nationalsozialistischen Terrorstaat führen; wer aber heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund dieses Krieges bei weitem nicht begriffen. Hinter dem Konkreten, hinter dem sinnlich Wahrnehmbaren, hinter allen sachlichen, logischen Überlegungen steht das Irrationale, das ist der Kampf wider den Dämon, wider den Boten des Antichrists. 

 

Überall und zu allen Zeiten haben die Dämonen im Dunkeln gelauert auf die Stunde, da der Mensch schwach wird, da er seine ihm von Gott auf Freiheit gegründete Stellung im ordo eigenmächtig verlässt, da er dem Druck des Bösen nachgibt, sich von den Mächten höherer Ordnung loslöst und so, nachdem er den ersten Schritt freiwillig getan, zum zweiten und dritten und immer mehr getrieben wird mit rasend steigender Geschwindigkeit - überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den Einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten. Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben, wie ein Säugling ohne Mutter, wie eine Wolke, die sich auflöst. 

 

Gibt es, so frage ich Dich, der Du ein Christ bist, gibt es in diesem Ringen um die Erhaltung Deiner höchsten Güter ein Zögern, ein Spiel mit Intrigen, ein Hinausschieben der Entscheidung in der Hoffnung, dass ein anderer die Waffen erhebt, um Dich zu verteidigen? Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers. 

 

’Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten...’ (Sprüche 4, 1-2)…“

 

 

Hier spiegelt sich deutlich der gemeinsame christliche Beweggrund für das Handeln aller Mitglieder der „Weißen Rose“ wieder, der Evangelischen, der Katholiken und eben auch des orthodoxen Christen Alexander Schmorell. Insofern sollten ihre christlichen Überzeugungen als Kraftquelle ihres Mutes und der daraus erwachsende Bereitschaft zum entschlossenen Widerstand, immer als ein gemeinsames christliches Glaubenszeugnis verstanden werden. Alexander Schmorell war nicht trotz seines orthodoxen Glaubens, sondern gerade wegen seiner orthodoxen Überzeugungen Teil der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Sein Glaubenszeugnis war aber nicht ein vereinzelt konfessionelles, auch war er nicht "der Russe" unter "den Deutschen", sondern Alexander Schmorell war innerhalb der Weißen Rose der Freund und Kamerad, zudem sein orthodoxer Glaube und seine russischen Wurzel einfach ganz selbstverständlich dazugehörten.

 

Und Alexander Schmorell ist den Weg des Handelns und Bekennens aus seinem orthodoxen Glauben heraus bis zur Konsequenz des Blutzeugnisses für Christus gegangen. Er ist, um es mit den Worten evangelischen Märtyrers Dietrich Bonhoeffer zu sagen, dem „Rad Bösen“ mit dem Einsatz seines Lebens „in die Speichen gefallen“. Am Ende dieses Weges ist er mit sich selbst ganz im Reinen. In seinen Briefen an seine Familie aus dem Gefängnis Stadelheim schreibt er über die Vertiefung seines Glaubens, die er in den Tagen der Haft erfahren durfte. Die hier geschilderten Christuserlebnisse sind im übrigen ein wichtiger Beweggrund für die russische Auslandskirche, ihn unter die orthodoxen Heiligen zu zählen, denn Alexander Schmorell entspricht nicht der üblichen Norm orthodoxer Heiligkeit. Doch gerade seine beiden Seiten, sein bewußter orthodoxer Glaube und seine gleichzeitige starke Zugewandtheit zu den Freuden des diesseitigen Lebens lassen ihnen aus jedem hagiographischen Rahmen fallen.

 

Alexander Schmorell hat trotz des Todesurteils seinen inneren Frieden gefunden in der inneren Gewissheit, durch sein Zeugnis für die Wahrheit Christus gedient zu haben. In seinem letzten Schreiben unmittelbar vor der Hinrichtung ermahnte er seine Familie ausdrücklich, Gott niemals zu vergessen.

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander Schmorell wurde auf dem Friedhof im Perlacher Forst, der hinter dem Gefängnis Stadelheim liegt, im Familiengrab der Familie Schmorell begraben. 

 

Das Andenken an sein außergewöhnliches Leben wurde jedoch in der Nachkriegszeit nur von Wenigen, vor allem seiner Familie wachgehalten. Damit teilte er das Schicksal der meisten anderen Mitglieder der „Weißen Rose“, deren Andenken oft auf die Personen von Hans und Sophie Scholl reduziert wurde. So geriet Alexander Schmorell zunächst auch in der russischen orthodoxen Gemeinde in München in Vergessenheit.

 

 

Heraustragen der Ikone während des Gottesdienstes zur Verherrlichung des heiligen Neomärtyrers Alexander von der weißen Rose in der Münchener russischen orthodoxen Kathedrale.
Heraustragen der Ikone während des Gottesdienstes zur Verherrlichung des heiligen Neomärtyrers Alexander von der weißen Rose in der Münchener russischen orthodoxen Kathedrale.

 

Als aber in den 1990-er Jahren die Amerikaner aus Deutschland abzogen, wurde mit ihrer Militärbasis das Areal und alle Gebäude verkauft. Die russische Kirchengemeinde, die ihre bisherige Gottesdienststätte in der Münchner Innenstadt hatte, erwarb damals die ehemalige Garnisonskirche der Amerikaner. So entstand neben der letzten Ruhestätte des Heiligen Alexander auf dem Perlacher Friedhof die neue russische Kathedralkirche von München. Gleichzeitig wurden auch die Gläubigen der russischen orthodoxen Gemeinde, vor allem die vielen ihrer russlanddeutschen Neueinwanderer, auf das Schicksal ihres in direkter Nachbarschaft beigesetzten ehemaligen Gemeindemitglieds Alexander Schmorell aufmerksam. Langsam entwickelte sich so in der Münchner russischen orthodoxen Gemeinde die Verehrung des Heiligen. Zunächst wurde der heilige Alexander den heiligen Neomärtyrern und Bekennern unserer Tage zugezählt. Im Februar 2012 wurde seine Verehrung als besonderer Lokalheiliger der Diözese mit der Feier seiner Verherrlichung anerkannt. Die Reliquien des heiligen Neomärtyrers Alexander von der weißen Rose befinden sich jedoch auf Wunsch seiner Familie weiterhin im Familiengrab auf dem Perlacher Friedhof. Sein kirchlicher Gedenktag ist der 13. Juli.