Gemeinde-Katechesen in Albstadt und Balingen

Die vier Neu-Märtyrer von Paris: Märtyrerin-Nonne Maria (Skobtsova); Hiero-Neumärtyrer Dimitrij (Klepenin); Neu-Märtyrer Ilya (Fondaminsky); und Neu-Märtyrer Lektor Georgij (Skobtsov).
Die vier Neu-Märtyrer von Paris: Märtyrerin-Nonne Maria (Skobtsova); Hiero-Neumärtyrer Dimitrij (Klepenin); Neu-Märtyrer Ilya (Fondaminsky); und Neu-Märtyrer Lektor Georgij (Skobtsov).

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander

und seine Gefährten von der weißen Rose

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija v. Gojan

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander (Schmorell) von der weißen Rose war in der Zeit des Zweiten Weltkriegs Medizinstudent und Mitbegründer der studentischen Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ gegen das Nazi-Regime in Deutschland. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern dieser Gruppe versuchte er die Deutschen mittels Flugblättern zum Widerstand gegen Hitler und sein Unrechts-Regime aufzurütteln. Im Februar 1943 wurde er schließlich verhaftet und am 13. Juli des gleichen Jahres  im Gefängnis Stadelheim in München  hingerichtet. Im Jahre 2012 erfolgte seine Heiligsprechung als Lokalheiliger des deutschen Bistums in der russischen Auslandskirche.

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander war im Jahre 1917 in einer deutschen Familie im russischen Orenburg geboren worden. Sein Vater, der Arzt Hugo Schmorell, stammte aus einer deutschen Pelzhändler und Kaufmannsfamilie, die bereits seit rund 100 Jahren in Russland lebte. Seine Mutter Natalia Vvedensky war Russin und Tochter eines orthodoxen Priesters. So wurde Alexander nach seiner Geburt nicht evangelisch, wie es in der Familie seines Vaters üblich war, sondern orthodox getauft. Sein orthodoxer Glaube sollte Zeit seines Lebens, genau wie seine mütterlich-russischen Wurzeln, eine wichtiger Bezugspunkt seiner Identiät bleiben. Als Alexander ungefähr ein Jahr alt war, verstarb seine Mutter während der Zeit des russischen Bürgerkriegs an Typhus. Im Jahre 1920 heiratete sein Vater Elisabeth Hoffmann, eine Deutsche, die ebenfalls wie er selbst in  Russland aufgewachsen war. Im Jahre 1921 floh Hugo Schmorell mit seiner Familie vor der Terrorherrschaft der Bolschewiki aus Russland. Begleitet wurden sie von Alexanders russischer Amme und Kinderfrau Feodosija Lapschin, die sich dazu als Witwe von Hugo Schmorells Bruder ausgab. Diese Legende ermöglichte ihr die Einreise nach Deutschland. Deshalb wurde sie später als "Franziska Schmorell" in München begraben.

 

Alexanders russischer Amme und Kinderfrau Feodosija. Ihr verdankt Alexander seine Liebe zu Russland, seinen Menschen, ihrer Sprache und Kultur und seine feste Verwurzelung im orthodoxen Glauben.
Alexanders russischer Amme und Kinderfrau Feodosija. Ihr verdankt Alexander seine Liebe zu Russland, seinen Menschen, ihrer Sprache und Kultur und seine feste Verwurzelung im orthodoxen Glauben.
Alexander Schmorell und seiner Kinderfrau Feodosija.
Alexander Schmorell und seiner Kinderfrau Feodosija.

 

Die Familie ließ sich in München-Harlaching nieder, wo der Vater bald wieder als Arzt zu praktizieren begann. Alexander wuchs in einem großbürgerlichen und kosmopolitischen Milieu auf, dass sich aber deutlich von der damaligen deutschnationalen Norm im deutschen Bürgertums abhob. Neben deutsch wurde im Hause Schmorell weiterhin russisch gesprochen. Deutsche Künstler und russische Emigranten verkehrten im Hause.

 

 

Einen prägenden Einfluss auf Alexanders Entwicklung hatte seine russische Amme und Kinderfrau Feodosija, die trotz ihres langen Aufenthalts in Deutschland praktisch nie deutsch lernte. Ihrem prägenden Einflusses ist es zu verdanken, dass auch Alexander zu einem praktizierenden und überzeugten orthodoxen Christen heranwuchs. In der Familie Schmorell herrschte konfessionell ein offenes und tolerantes Klima. Alexanders Vater stammte aus einer ursprünglich ostpreußischen Familie und war deshalb selbst evangelisch. Alexanders Stiefmutter Elisabeth Schmorell und ihre beiden leiblichen Kinder Erich und Natascha aus der zweiten Ehe von Hugo Schmorell waren römisch-katholisch. Elisabeth Schmorell fühlte sich jedoch dem Erbe von Alexanders leiblicher Mutter dahingehend verpflichtet, dass sie den Jungen zusammen mit seiner Kinderfrau Feodosija im orthodoxen Glauben erzog. So besuchte Alexander mit seiner Kinderfrau die Gottesdienste in der russischen Kirche in München. Auch ließ seine Stiefmutter ihn den dortigen orthodoxen Religionsunterricht besuchen.

 

In München gibt es heute München 14 orthodoxe Gemeinden. Seit den 1990-er Jahren besitzt die russische Gemeinde mit ihrer Kathedralkirche in der Lincolnstrasse eines der größten und repräsentativsten orthodoxen Gotteshäuser der Stadt. Jedoch blickt die russische orthodoxe Gemeinde in München bereits auf eine über 200-jährige Tradition zurück. Schon im Jahre 1798 wurde in der Russisch Kaiserlichen Gesandtschaft in der Ottostraße eine Kapelle für den orthodoxen Gottesdienst eröffnet. Ab dem Jahre 1832 besuchten die russischen Diplomaten und ihre Angehörigen die Gottesdienste in der Salvatorkirche, die vom griechischen Klerus betreut wurde. Von 1867-1881 gab es zusätzlich eine Hauskirche im Palais der Grafen Adlerberg, die jedoch beim Umzug der Familie an den Tegernsee verlegt wurde. Diese Hauskirche war dem Heiligen Nikolaus, dem Wundertäter von Myra in Lykien geweiht. Der Ikonostas dieser Hauskirche war ein Geschenk des mit der Familie befreundeten Zaren Alexander II. 

Die nach der Oktoberrevolution im Jahre 1921 von Emigranten gebildete Münchner Gemeinde zu Ehren des Heiligen Nikolaus erhielt diesen Ikonostas zunächst als Leihgabe. Im Jahre 1942 wurde der Ikonostas zusammen mit den liturgischen Geräten und Priestergewändern der Gemeinde von den zu diesem Zeitpunkt nicht mehr orthodoxen Nachkommen der Grafen Adlerberg geschenkt. Die noch erhaltenen Teile dieses Ikonostas befinden sich heute im Altarraum des orthodoxen Frauenklosters in Buchendorf. Ab dem Jahre 1922 hielt die Münchener Gemeinde dann 14-tägig Gottesdienste im Saal des Mathildenstifts.  Ab der Mitte des Jahres 1941 wurden die Gottesdienste in einer Barackenkirche in der Denningerstraße gefeiert, die der Gemeinde von der evangelischen Kirche zur Nutzung überlassen worden war. Wurde die Gemeinde bis dahin seelsorgerlich von für die Gottesdienste anreisenden Priestern betreut, so erhielt die Gemeinde dann ab August 1942 einen eigenen Pfarrer, so dass alle Sonn- und Feiertage gottesdienstlich begangen werden konnten.

Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden, so weit dies möglich war, auch orthodoxe Kriegsgefangene und Fremdarbeiter seelsorgerlich betreut. Als nach der deutschen Besetzung Griechenlands die griechische Salvatorkirche geschlossen worden war, wurde dieses Gotteshaus ab Mai 1943  von der Russischen Auslandskirche mit betreut. Im Februar 1946, als es wieder möglich wurde einen griechischen Pfarrer nach München zu entsenden, wurde die Salvatorkirche dann wieder dem griechischen Klerus übergeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich im München 15 russische Kirchengemeinden, die meist aus "Displaced Persons" bestanden und ihre Gottesdienste in verschiedenen Barackenkirchen in den Flüchtlingslagern der Stadt feierten.

Die russische orthodoxe Gemeinde zu Ehren des Heiligen Nikolaus im Februar 1946 die ehemalige Markthalle neben der Salvatorkirche als Gotteshaus überlassen. Diese hatte den Amerikanern vor dem Krieg als Kirchenraum und Bibliothek gedient, war dann zu Beginn des Krieges jedoch geschlossen und auch durch Bombenangriffe beschädigt worden. Die Gemeinde begann nun mit umfänglichen Umbau- und Renovierungsarbeiten, so dass vom Mai 1947 an dort die Gottesdienste der Nikolaus-Gemeinde stattfinden konnten.

Seit den 1950-er Jahren wanderten viele der "Displaced Persons" nach Übersee aus, so dass sich nach und nach die Lagergemeinden aufzulösen begannen. In dem Maße, wie sich diese Gemeinden durch den Weggang ihrer Pfarrangehörigen aufzulösen begannen, gewann die Sankt-Nikolaus-Kirche am Salvatorplatz im Zentrum Münchens mehr und mehr an Bedeutung.

Schon seit den 1960-er Jahren wurde klar, dass die Stadt den Mietvertrag für die Räumlichkeiten am Salvatorplatz gern kündigen wollte. Stadt und Kirchengemeinde kam aber überein, dass zuvor gemeinsam eine Alternative gefunden werden sollte, und die Stadt verpflichtete sich, die Kosten des Umzugs zu übernehmen. 

Jedoch erst, als mit der Wiedervereinigung Deutschlands die Amerikaner ihre Truppenstärke in Deutschland radikal zu verkürzen begannen, konnte mit dem Kauf der amerikanischen Garisonskirche in der Lincolnstrasse ein passendes Gebäude gefunden werden. Im Dezember 1993 wurden der Kaufvertrag für das Grundstück und die Kirche unterzeichnet. Es erfolgte nun ein  Umbau, um das Gebäude dem orthodoxen Sakralempfinden anzupassen. Zum Pfingstfest im  Juni 1994 zog die Gemeinde dann in die neue Kirche in der Lincolnstrasse um. Die Kirche erhielt das Patrozinium der Heiligen Neomärtyrer und Bekenner Russlands, während mit einem kleinen Kapellenanbau im nordrussischen (Pskover) Stil des ursprünglichen Patrons der Gemeinde, der Heiligen Nikolaus gedacht wird. In dieser kleinen Kirche finden die schwächer besuchten Gottesdienste unter der Woche und die Liturgiefeiern in deutscher Sprache statt.

 

Zu den sonntäglichen Gottesdiensten versammeln sich heute ca. 250 Gläubige, während an Ostern die Zahl der Gottesdienstbesucher bei über 1000 liegen kann. Die Hauptsprache der Gottesdienste ist bis heute das Altkirchenslawische geblieben, aber der Apostel und das Evangelium werden jeweils auch in deutscher Sprache gelesen. Jeden Mittwoch findet darüber hinaus eine Vecernja ( Abendgottesdienst) in deutscher Sprache statt. An jedem 2. Sonntag im Monat findet in der kleinen Nikolaus-Kirche  eine Liturgiefeier in deutscher Sprache statt.

 

 

Alexander Schmorell als Jugendlicher.
Alexander Schmorell als Jugendlicher.

 

Im Hause Schmorell herrschte ein groß- und bildungsbürgerlicher Geist, dem sich die kultur- und völkerverbindende Lebensweise der Deutschen und Deutschbalten im Russischen Kaiserreich, ihr "Cross over" aus den besten Bestandteilen beider Volkskulturen beimengte. So wuchs Alexander zu einem künstlerisch begabten, vielseitig interessierten, kosmopolitischen und gesellschaftlich gewandten jungen Mann heran. Sein orthodoxer Glaube eine bestimmende, jedoch nicht die einzige prägende Komponente seiner vielschichtigen Persönlichkeit, zu der ebenfalls eine starke Bindung an Russland, seine Sprache und Kultur gehörten. Damit hob sich Alexander, wie auch seine gesamte Familie deutlich von den deutschnationalen Prägungen und Überzeugung des übrigen deutschen Bürgertums ab, wie sie sich besonders seit der Gründung des wilhelminischen Kaiserreiches herausgebildet hatten. Insofern konnte Alexander Schmorell auch niemals die NS-Ideologie vom „slawischen Untermenschen“ akzeptieren. 

 

Alexander Schmorell als Münchner Student.
Alexander Schmorell als Münchner Student.

 

Wie alle seine Altersgenossen wurde auch Alexander Schmorell Soldat der Deutschen Wehrmacht. Angesichts der bevorstehenden Ablegung des Fahneneides auf Hitler zeigte sich Alexanders Prinzipientreue, denn er bat seinen kommandierenden Offizier, vom Militärdienst befreit zu werden, da er Hitler nicht absolute Treue geloben könne. Zwar wurde er nicht aus der Wehrmacht entlassen, hatte aber trotz seiner Verweigerung der Eidesleistung keine weiteren Konsequenzen zu gewärtigen.

 

Im Rahmen seines Wehrdienstes nahm er am Anschluss Österreichs und an der Besetzung der Tschechoslowakei teil. Im Jahre 1939 begann er dann in Hamburg sein Medizinstudium, das er – unterbrochen durch die Teilnahme am Frankreichfeldzug – ab Herbst 1940 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fortsetzte. Dort lernte er dann Hans Scholl kennen, mit dem er die "Weiße Rose" gründen sollte.

 

In dieser Zeit kontrollierten die Nazis fast vollständig das gesamte öffentliche Leben in Deutschland sowie das Denken und Fühlen der meisten Deutschen. Die Wehrmacht hatte den Großteil Europas bereits besetzt und stand im Jahre 1942 schon tief im sowjetischen Territorium. Jeder der es wagte, sich ideologisch oder anderweitig der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu entziehen, stand als vermeintlicher oder wirklicher Gegner Hitlers immer in der akuten Gefahr, verhaftet und in ein Konzentrationslager verbracht zu werden. 

 

Christian Probst-neben Professor Huber das älteste Mitglied der Weißen Rose. Probst war als Student bereit Familienvater. Kurz vor seiner Hinrichtung ließ sich Christian Probst vom katholischen Gefängnisgeistlichen taufen.
Christian Probst-neben Professor Huber das älteste Mitglied der Weißen Rose. Probst war als Student bereit Familienvater. Kurz vor seiner Hinrichtung ließ sich Christian Probst vom katholischen Gefängnisgeistlichen taufen.
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst.
Hans Scholl, Sophie Scholl und Christoph Probst.
Der Münchner  Professor für Philosophie und Musikpsychologie Kurt Huber. Hubers Bindungen zum Katholizismus und seine  ausgesprochen parteifeindliche Haltung waren den herrschenden Nazis immer ein Dorn im Auge gewesen.
Der Münchner Professor für Philosophie und Musikpsychologie Kurt Huber. Hubers Bindungen zum Katholizismus und seine ausgesprochen parteifeindliche Haltung waren den herrschenden Nazis immer ein Dorn im Auge gewesen.

 

Die Studenten der „Weiße Rose“, die sich um den Münchner Professor Kurt Huber sammelten, gehörten zu den wenigen Deutschen, die den allgemeinen chauvinistischen Zeitgeist, Rassenwahn und Führerkult  in Frage stellten.

 

Im Sommer 1942 erwarben Hans Scholl und Alexander Schmorell eine  Vervielfältigungsmaschine und stellten unter dem Pseudonym „Die Weiße Rose“ vier Flugblätter her die sie in München verteilten. Darin riefen sie den Deutschen ihre Mitverantwortung durch ihr Wegsehen angesichts der nationalsozialistischen Verbrechen vor Augen. Auch riefen sie ihre Mitbürger dazu auf, sich endlich zum Widerstand gegen Hitler durchzuringen. Die Verteilung der Flugschriften geschah in einem sehr begrenzten Rahmen und konzentrierte sich hauptsächlich auf die Stadt München. Bereits zuvor war andere Flugblätter, vor allem aus christlich-katholischen Widerstandskreisen (die Mitschriften der Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens Graf von Galen, in denen Hitlers Euthanasieprogramm angeprangert wurde) in Deutschland verbreitet worden. Die Flugschriften der "Weißen Rose" gingen allerdings einen wichtigen Schritt weiter, indem sie die Bevölkerung dazu aufriefen, sich auf jede erdenkliche Weise dem Unrecht zu widersetzen. 

 

Alexander Schmorell mit seinen fast "unverichtbaren" Accessoire  - der Herrenpfeife.
Alexander Schmorell mit seinen fast "unverichtbaren" Accessoire - der Herrenpfeife.

 

Zu solch weitreichenden Schritten waren damals vor allem die evangelischen Kritiker des NS-Regimes, wie die Mitglieder der Bekennenden Kirche, aus Jahrhunderte alten obrigkeitskonformen evangelisch-theologischen Traditionen grundsätzlich nicht in der Lage, während die katholische Kirche sehr wohl den „Tyrannenmord“ unter bestimmten Voraussetzungen für theologisch gerechtfertigt hielt, um dem weiteren Fortschreiten des Bösen widerstehen zu können. Nicht von ungefähr stammt der Hitlerattentäter des 20. Juli Claus Schenk Graf von Stauffenberg aus einen schwäbischen katholischen Adelsgeschlecht.

 

Das zweite Flugblatt der Serie ist vor allem deshalb von herausragender Bedeutung, weil es in einem von Alexander Schmorell verfassten Abschnitt den einzigen bekannten öffentlichen Aufschrei einer deutschen Widerstandsgruppe gegen den Judenmord enthält.

 

In vielen deutschen Ortschaften und Städten erinnern heute solche Stolpersteine auf den Gehwegen vor den Häusern an die von dort verschleppten und ermordeten jüdischen Mitbürger.
In vielen deutschen Ortschaften und Städten erinnern heute solche Stolpersteine auf den Gehwegen vor den Häusern an die von dort verschleppten und ermordeten jüdischen Mitbürger.

 

Im Sommer 1942 wurden Hans Scholl, Alexander Schmorell und Willi Graf als Sanitäter nach Russland geschickt. Für Alexander Schmorell war dies eine Art Heimkehr, denn es war das erste Mal in seinem Leben, dass er Russland, das weite Land und seine Menschen bewusst selbst erleben konnte. Damals bekannte sich Alexander auch zu seinem persönlichen Pazifismus, der sowohl in seiner Verbindung zu den russischen Menschen, aber auch in seinen orthodoxen Glaubensüberzeugungen wurzelte. Er sprach Hans Scholl und Willi Graf gegenüber davon, auf keinen Fall einen Russen erschießen,  aber auch auf keinen Deutschen schießen zu wollen. In einer, den Krieg mit seinem vielfachen Töten als schicksalhaft und zugleich mann- und ehrenhaft begreifenden Generation eine bemerkswert andersartige Einstellung. 

 

Alexander Schmorell stellte in jenen Wochen in Russland sowohl ein wichtiges Bindeglied des Verstehens zwischen seinen Freunden und den russischen Menschen dar, anderseits suchte Alexander auch selbst ganz bewußt den Kontakt zu den einfachen russischen Menschen, zu russischen Arztkollegen und orthodoxen Priestern. Gemeinsam mit Hans Scholl und Willi Graf nahm er, sooft er konnte, an orthodoxen Gottesdienste. Für Schmorell war dieser Russlandaufenthalt die ganz bewußt wahrgenommene Gelegenheit, das Russland in seinem Herzen mit dem wirklich erlebten Russland zusammentreffen zu lassen, was bis heute sehr typisch für alle Emigranten und ihre Nachkommen ist.

 

Alexander Schmorell in Russaland.
Alexander Schmorell in Russaland.

 

Nach der Rückkehr nach München im Oktober 1942 wurden die Aktivitäten der „Weißen Rose“ immer mehr ausgeweitet. Weiter Personen wurden von Hans Scholl und Alexander Schmorell ins Vertrauen gezogen, so dass die „Weiße Rose“ aus einem Zweierteam zur Gruppe heran wuchs. Nun waren auch Hans Scholls Schwester Sophie, Professor Kurt Huber und Traute Lafrenz Mitglieder der Gruppe. Durch eine Freundin Schmorells, Lilo Ramdohr, wurde der Kontakt zu Falk Harnack, dem jüngeren Bruder des in Verbindung mit der Roten Kapelle verhafteten Arvid Harnack, geknüpft. Dadurch kam es zur Vernetzung der „Weißen Rose“ mit anderen Widerstandsgruppen in ganz Deutschland, so dass im Januar 1943 nach der Fertigstellung des fünften Flugblatts tausende Exemplare der Flugschrift in ganz Deutschland verteilt wurden. Dazu reiste Alexander Schmorell persönlich nach Linz, Wien und Salzburg.

 

Nach dem Fall Stalingrads und der Vernichtung einer ganzen deutschen Armee wurde ein sechstes Flugblatt produziert, bei dessen Verteilung an der Münchner Universität am 18. Februar 1943 Hans und Sophie Scholl vom Hausmeister überrascht wurden. Die Geschwister Scholl wurden daraufhin von der Gestapo verhaftet, und eine Fahndung nach Alexander Schmorell begann. Mit Hilfe Lilo Ramdohrs und seines bulgarischen Freundes Nikolai Hamazaspian versuchte Alexander mit einem gefälschten Pass in die Schweiz zu entkommen. Jedoch erwies sich der Plan als undurchführbar, so dass er nach München zurückkehrte. Am 24. Februar 1943 wurde er dort verhaftet, nachdem ihn ein Bekannter in einem Luftschutzkeller erkannt und denunziert hatte. Alexander Schmorell wurde am 19. April 1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 13. Juli des Jahres durch das Fallbeil in München-Stadelheim hingerichtet.

 

Familengrab der Schmorells auf dem Perlacher Friedhof in der Nähe der russischen Kathedral-Kirche in München.
Familengrab der Schmorells auf dem Perlacher Friedhof in der Nähe der russischen Kathedral-Kirche in München.

 

Obwohl es sich bei der „Weißen Rose“ nicht um eine dezidiert christliche Widerstandsgruppe handelte, spielte ihr christlicher Glaube und dessen ethische Verpflichtungen für das Handeln dieser jungen Menschen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ihr evangelische, katholischer oder orthodoxer Glaube war nicht einfach nur ererbte Konvention, sondern wichtige Antriebsquelle für die Entschlossenheit und den persönlichen Mut, mit dem diese jungen Leute handelten und für ihre Überzeugungen eintraten. 

 

Alexander Schmorell war ein überzeugter orthodoxer Christ, auch wenn verschiedene Autoren, die sich mit seiner Person und der „Weißen Rose“ auseinandergesetzt haben, dies nicht verstehen wollen oder können. Sie wollen die orthodoxe Verwurzelung Schmorells als ein bloßes Mittel, mit dem er dem russischen Teil seiner Identität stärker verbunden sein zu können, verstehen. Auch sein regelmäßiger Gottesdienstbesuch wird in eine Faszination am russisch-orthodoxen Ritual interpretiert und nicht als gelebter Ausdruck eines echten orthodoxen Glaubens. Das eigentliche Problem hierbei ist aber nicht die Frage nach der Echtheit der christlich-orthodoxen Verortung Schmorells, sondern die Voreingenommenheit und das grundsätzlich säkulare Wirklichkeitsverständnis dieser Autoren.

 

Seine langjährige Freundin Lilo Ramdohr berichtete, dass Alexander Schmorell immer eine kleine Bibel und ein kleines orthodoxes Segenskreuz aus Messing bei sich trug.

 

Nach dem Zeugnis seines Bruders Erich trug er ebenfalls immer sein orthodoxes Gebetbuch bei sich. Dieses Gebetbuch wurde den Eltern nach der Hinrichtung mit Schmorells anderen Sachen wieder zurückgegeben. Charakteristisch für das ökumenische Klima in der Familie Schmorell ist, dass seine Stiefmutter Elisabeth dieses Gebetbuch zeitlebens aufbewahrte und auch festlegte, zusammen mit diesem Gebetbuch beerdigt zu werden. Da die Familie Schmorell in einem gemeinsamen Familiengrab beigesetzt wurde, kehrte so das Gebetbuch zu heiligen Alexander zurück. 

 

 

Seitdem er ein Kind gewesen war, hatte Alexander Schmorell regelmäßig die orthodoxen Gottesdienste in der russischen Kirche in München besucht. Als Folge des Frankreichfeldzuges kamen damals eine große Zahl russischer Menschen nach München. Es waren russische Emigranten, die Russland bereits nach der russischen Oktoberrevolution verlassen hatten und die nun in Frankreich lebten. Nach der Besetzung Frankreichs bekamen die französischen Bürgermeister von den Deutschen den Befehl, Arbeitskräfte für den Dienst in Deutschland bereit zu stellen. Die französischen Behörden trugen nun vor allem russische Emigranten in die geforderten Entsendungslisten ein. So kamen diese russischen Emigranten, die bereits einmal alles verloren hatten, als Fremdarbeiter nach Deutschland. Alexander traf diese Menschen in der Kirche bei den Gottesdiensten und war von der Tiefe ihres Glaubens, vor allem bei ihren Kindern, tief beeindruckt. Diese Erfahrung prägte zutiefst sein eigenes christlich-orthodoxes Bewusstsein, was aus seinen Tagebuchaufzeichnungen klar hervorgeht.

 

Aus einer Passage im vierten Flugblatt geht die christliche Grundmotivation der Mitglieder der weißen Rose, vor allen die der beiden zentralen Persönlichkeiten in der Gruppe, des evangelischen Christen Hans Scholl und des orthodoxen Christen Alexander Schmorell klar hervor:

 

 „Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er den Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan. Sein Mund ist der stinkende Rachen der Hölle, und seine Macht ist im Grunde verworfen. Wohl muss man mit rationalen Mitteln den Kampf wider den nationalsozialistischen Terrorstaat führen; wer aber heute noch an der realen Existenz der dämonischen Mächte zweifelt, hat den metaphysischen Hintergrund dieses Krieges bei weitem nicht begriffen. Hinter dem Konkreten, hinter dem sinnlich Wahrnehmbaren, hinter allen sachlichen, logischen Überlegungen steht das Irrationale, das ist der Kampf wider den Dämon, wider den Boten des Antichrists. 

 

Überall und zu allen Zeiten haben die Dämonen im Dunkeln gelauert auf die Stunde, da der Mensch schwach wird, da er seine ihm von Gott auf Freiheit gegründete Stellung im ordo eigenmächtig verlässt, da er dem Druck des Bösen nachgibt, sich von den Mächten höherer Ordnung loslöst und so, nachdem er den ersten Schritt freiwillig getan, zum zweiten und dritten und immer mehr getrieben wird mit rasend steigender Geschwindigkeit - überall und zu allen Zeiten der höchsten Not sind Menschen aufgestanden, Propheten, Heilige, die ihre Freiheit gewahrt hatten, die auf den Einzigen Gott hinwiesen und mit seiner Hilfe das Volk zur Umkehr mahnten. Wohl ist der Mensch frei, aber er ist wehrlos wider das Böse ohne den wahren Gott, er ist wie ein Schiff ohne Ruder, dem Sturme preisgegeben, wie ein Säugling ohne Mutter, wie eine Wolke, die sich auflöst. 

 

Gibt es, so frage ich Dich, der Du ein Christ bist, gibt es in diesem Ringen um die Erhaltung Deiner höchsten Güter ein Zögern, ein Spiel mit Intrigen, ein Hinausschieben der Entscheidung in der Hoffnung, dass ein anderer die Waffen erhebt, um Dich zu verteidigen? Hat Dir nicht Gott selbst die Kraft und den Mut gegeben zu kämpfen? Wir müssen das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist, und es ist am mächtigsten in der Macht Hitlers. 

 

’Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten...’ (Sprüche 4, 1-2)…“

 

 

Hier spiegelt sich deutlich der gemeinsame christliche Beweggrund für das Handeln aller Mitglieder der „Weißen Rose“ wieder, der Evangelischen, der Katholiken und eben auch des orthodoxen Christen Alexander Schmorell. Insofern sollten ihre christlichen Überzeugungen als Kraftquelle ihres Mutes und der daraus erwachsende Bereitschaft zum entschlossenen Widerstand, immer als ein gemeinsames christliches Glaubenszeugnis verstanden werden. Alexander Schmorell war nicht trotz seines orthodoxen Glaubens, sondern gerade wegen seiner orthodoxen Überzeugungen Teil der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Sein Glaubenszeugnis war aber nicht ein vereinzelt konfessionelles, auch war er nicht "der Russe" unter "den Deutschen", sondern Alexander Schmorell war innerhalb der Weißen Rose der Freund und Kamerad, zudem sein orthodoxer Glaube und seine russischen Wurzel einfach ganz selbstverständlich dazugehörten.

 

Und Alexander Schmorell ist den Weg des Handelns und Bekennens aus seinem orthodoxen Glauben heraus bis zur Konsequenz des Blutzeugnisses für Christus gegangen. Er ist, um es mit den Worten evangelischen Märtyrers Dietrich Bonhoeffer zu sagen, dem „Rad Bösen“ mit dem Einsatz seines Lebens „in die Speichen gefallen“. Am Ende dieses Weges ist er mit sich selbst ganz im Reinen. In seinen Briefen an seine Familie aus dem Gefängnis Stadelheim schreibt er über die Vertiefung seines Glaubens, die er in den Tagen der Haft erfahren durfte. Die hier geschilderten Christuserlebnisse sind im übrigen ein wichtiger Beweggrund für die russische Auslandskirche, ihn unter die orthodoxen Heiligen zu zählen, denn Alexander Schmorell entspricht nicht der üblichen Norm orthodoxer Heiligkeit. Doch gerade seine beiden Seiten, sein bewußter orthodoxer Glaube und seine gleichzeitige starke Zugewandtheit zu den Freuden des diesseitigen Lebens lassen ihnen aus jedem hagiographischen Rahmen fallen.

 

Alexander Schmorell hat trotz des Todesurteils seinen inneren Frieden gefunden in der inneren Gewissheit, durch sein Zeugnis für die Wahrheit Christus gedient zu haben. In seinem letzten Schreiben unmittelbar vor der Hinrichtung ermahnte er seine Familie ausdrücklich, Gott niemals zu vergessen.

 

Der heilige Neo-Märtyrer Alexander Schmorell wurde auf dem Friedhof im Perlacher Forst, der hinter dem Gefängnis Stadelheim liegt, im Familiengrab der Familie Schmorell begraben. 

 

Das Andenken an sein außergewöhnliches Leben wurde jedoch in der Nachkriegszeit nur von Wenigen, vor allem seiner Familie wachgehalten. Damit teilte er das Schicksal der meisten anderen Mitglieder der „Weißen Rose“, deren Andenken oft auf die Personen von Hans und Sophie Scholl reduziert wurde. So geriet Alexander Schmorell zunächst auch in der russischen orthodoxen Gemeinde in München in Vergessenheit.

 

 

Heraustragen der Ikone während des Gottesdienstes zur Verherrlichung des heiligen Neomärtyrers Alexander von der weißen Rose in der Münchener russischen orthodoxen Kathedrale.
Heraustragen der Ikone während des Gottesdienstes zur Verherrlichung des heiligen Neomärtyrers Alexander von der weißen Rose in der Münchener russischen orthodoxen Kathedrale.

 

Als aber in den 1990-er Jahren die Amerikaner aus Deutschland abzogen, wurde mit ihrer Militärbasis das Areal und alle Gebäude verkauft. Die russische Kirchengemeinde, die ihre bisherige Gottesdienststätte in der Münchner Innenstadt hatte, erwarb damals die ehemalige Garnisonskirche der Amerikaner. So entstand neben der letzten Ruhestätte des Heiligen Alexander auf dem Perlacher Friedhof die neue russische Kathedralkirche von München. Gleichzeitig wurden auch die Gläubigen der russischen orthodoxen Gemeinde, vor allem die vielen ihrer russlanddeutschen Neueinwanderer, auf das Schicksal ihres in direkter Nachbarschaft beigesetzten ehemaligen Gemeindemitglieds Alexander Schmorell aufmerksam. Langsam entwickelte sich so in der Münchner russischen orthodoxen Gemeinde die Verehrung des Heiligen. Zunächst wurde der heilige Alexander den heiligen Neomärtyrern und Bekennern unserer Tage zugezählt. Im Februar 2012 wurde seine Verehrung als besonderer Lokalheiliger der Diözese mit der Feier seiner Verherrlichung anerkannt. Die Reliquien des heiligen Neomärtyrers Alexander von der weißen Rose befinden sich jedoch auf Wunsch seiner Familie weiterhin im Familiengrab auf dem Perlacher Friedhof. Sein kirchlicher Gedenktag ist der 13. Juli.