Im Memoriam Erzpriester Dr. med. Ambrosius Backhaus

 

In  memoriam

 

Vater Ambrosius

(Dr. med. A. Backhaus),

 

Mitra tragender Erzpriester

in Lübeck und Hamburg

 

23.8.1923 – 3.4.2005

 

 

Den meisten von uns wird das Bild der letzten Jahre in Erinnerung bleiben: immer mühsamer, schließlich an Krücken, aber in ungebrochener Verkündigungs-Freude den Gottesdienst vollziehend, vor neun Monaten nach den Knie-Operationen wie neugeboren seinen vielfältigen Tätigkeiten nachgehend und wie eh und je technik-begeistert  mit den stets aktuellsten Aufnahmegeräten hantierend und noch am Vorabend seines Todes – besorgte Nachfragen beschwichtigte er wie immer, wenn es um seine Person ging – in großer Schwäche nach dem Beichte-Hören zelebrierend: sitzend, die Ektenien fast hauchend , bis er nach dem Hexapsalm die Kirche verlassen musste – viele ahnten mit Tränen in den Augen, dass es sein letzter Gottesdienst auf Erden gewesen war.

 

Manchen bewegte nach der Todes-Nachricht der Gedanke, dass fast genau zehn Jahre zuvor, am 09. 04. 1995,  als Vater Benedikt ebenfalls am Sonntagmorgen gestorben war, uns Vater Ambrosius mit Blick auf die Kuppelmalerei getröstet hatte in der Zuversicht, dass er nun die Göttliche Liturgie im Himmel feiern dürfe und dies ein Grund zur Freude und Dankbarkeit sei.

 

Als Vermächtnis hinterließ Vater Ambrosius die schon formulierten Ostergrüße, die wie die Ansprache zu seiner eigenen Beerdigung klangen:  

 

„...Ich muss abnehmen,

DU, Christe, wirst wachsen.

CHRIST IST ERSTANDEN!

KEIN TOTER MEHR IM GRABE!...“

 

Die freudige Erwartung, im Tod Christus zu begegnen, war das bestimmende Thema , je älter er wurde. Unvergesslich sind seine begeisternden Worte am Sarg seiner Matuschka Kira vor fünf Jahren. Hier bezeugte er, dass es ihm ernst war mit der Verkündigung der Auferstehung – nicht nur, wenn er andere trösten wollte, sondern gerade auch, wenn er selbst ganz persönlich betroffen war.

 

Seine geistige Gestalt

 

Dazu gehörte die schlichte, einfache, ansteckende Herzensfrömmigkeit, mit der er die Zuhörer begeistern und wärmen konnte, ebenso wie die große in der „Freiheit  eines Christenmenschen“ (Luther) gegründete Weite, mit der er den verschiedensten Menschen über die Religions- und Konfessionsgrenzen hinweg ohne Berührungsängste begegnete, z.B.  als Schiffsarzt auf den Weltmeeren wie in der amtsärztlichen Randgruppen-Betreuung vertraut mit der Kehrseite der Seefahrt. (Welcher Priester kann schon von sich behaupten, zeitweilig in sämtlichen Bordellen Hamburgs bekannt gewesen zu sein?!) Seine Doktorarbeit 1968 galt „sozialhygienischen Erhebungen zur Problematik der Freizeit der Seeleute“.  Menschen nicht be- oder gar verurteilen, sondern verstehen – gerade auch in ihrer Unvollkommenheit – war seine Vertrauen weckende Devise.

 

(Seine durchaus eigenwillige Großzügigkeit bei der  Gottesdienstgestaltung erforderte von den Altardienern Geistesgegenwart und Reaktionsschnelligkeit; der „ambrosianische Ritus“  - eine Anspielung auf liturgische Privilegien, die die römische Kirche traditionell der Mailänder Diözese gewährte – war unter den kundigen Betroffenen augenzwinkernd-.gefürchtet.)

 

Diese Weltläufigkeit war Vater Ambrosius wohl schon in die Wiege gelegt worden, wuchs er doch in einem liberal-bildungsbürgerlichen Elternhaus auf, kultiviert, allerdings ohne gelebte Religiosität.  Gern berichtete er von seiner Mutter, die in Rom Kunstgeschichte studiert hatte; aber auch von seinem Großvater, der in Bremen Pastor gewesen war und sich allwöchentlich mit dem katholischen Kollegen und dem Rabbiner zum freundschaftlichen Weinabend getroffen hatte.

 

Die Gegenwelt von Tod und Verzweiflung lernte er lebensprägend ab 1942 als Soldat und 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft kennen.

 

„Das Evangelium und auch das Alte Testament erschienen mir als Kind, als Jugendlicher im Krieg und in Gefangenschaft und bis heute als die vernünftigste Gebrauchsanweisung zum Leben und die realistischste Darstellung der Welt. Die sich streitenden Jünger sind sehr viel wirklichkeitsnäher als die ergreifende Szene des Todes des Sokrates, wie sie Platon beschreibt.“

 

Obwohl beruflich sehr erfolgreich (immerhin hat er es  - beginnend mit dem Staatsexamen 1952 – bis zum Medizinaldirektor im Hafen- und Flughafenärztlichen Dienst und zum Betriebsarzt bei Hapag-Lloyd gebracht),  blieb er stets seinem bescheidenen Lebensstil in der Einzimmerwohnung treu, was seiner Genießerfreude beim Essen, Trinken und Feiern aber keinerlei Abbruch tat. (Aber freitags versagte er sich die geliebte Pfeife und erläuterte darob verwunderten Mitarbeitern den Sinn jeglicher Askese: ein Zeichen zu setzen, dass letztlich Christus alles im Leben ist, ohne die Welt und ihre Freuden verachten zu müssen.)

 

Sein Lebens-Motiv

 

Will man die vielen Facetten seiner Erscheinung zu einem Motiv zusammenführen, so drängt sich als das Thema seines Lebens und seiner leidenschaftlichen Verkündigung das des  Liebenden in farbiger Fülle auf. Den Schlüssel dazu stellt die in so vielen Vorträgen und spontanen Statements – wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über – beschworene Bedeutung der Ehe –  als Lebensbund und als  Metapher -  bereit. (Der theologische Aspekt der Einheit Christi und der Kirche als Urbild der sakramentalen  Ehe war als Hintergrund gegenwärtig; vordergründig knüpfte Vater Ambrosius  jedoch eher psychologisch an die Alltagserfahrung von Liebenden – oder doch wenigstens deren Ideal – an.) Besonders deutlich wird dieser Zugang in dem Bereich, in dem Vater Ambrosius sich jahrzehntelang im Bewusstsein  der orthodoxen „Verantwortung in der Diaspora“  (G. Seide) profilierte und sich dabei auch manchem Befremden und Unverständnis aussetzte: seinem Engagement in der Ökumene.

 

Zwei Jahre habe er versucht  seine „Frau zu finden“  -  und damit meinte er nicht nur seine Ehepartnerin Matuschka Kira, die er im Philosophie- und Sinologie-Studium kennen gelernt hatte und mit der er bis zu ihrem Tod 2000 über fünfzig Jahre verheiratet gewesen ist;  sondern auch seine  Suche nach der religiösen Heimat 1948 – 1950. Habe er in der evangelischen Kirche die Gemeinschaft mit den Engeln und den Entschlafenen vermisst, und sei die römische Kirche ihm „zu klug“ (zu ausgefeilt systematisch-rational) erschienen, so sei ihm in der Orthodoxie schließlich die „Theologie als heilige Hoffnung“, für die nur das gelebte Glaubensbekenntnis verbindlich sei, begegnet.

 

„Diese Kirche passte in besonderer Weise zu mir. Sie war von der Fülle des Mithandelns des Menschen erfüllt. Gott lädt uns ein, vor allen Dingen im Gottesdienst, aber auch im Alltag, mithandelnd  mit ihm an seinem Werk teilzuhaben und durch diese Teilhabe gleichzeitig mit ihm vereinigt zu werden.“

 

Bischof Afanasij (damals für Hamburg zuständig, neben sieben weiteren Bischöfen, die unter Metropolit Anastasij Zigtausende russischer Emigranten in Deutschland betreuten, bis zu deren Weiterreise in die USA) weihte ihn am seltenen Doppelfest des Karfreitags und Mariä Verkündigung am 7.4.1950 zum Priester.

 

„Ich war auf diese Frage des Bischofs nicht vorbereitet, und es ist in gewisser Hinsicht bezeichnend für die einzelnen Etappen meines Lebens, dass sie durch eine solche Anrede bestimmt wurden, niemals – soweit ich das übersehen kann – durch irgendwelche Pläne oder Gedanken, die ich selbst gefasst hätte.“

 

Eines seiner Anliegen war die Etablierung der monatlichen deutschsprachigen  Gottesdienste, zunächst für die des Russischen kaum mehr mächtigen Nachkommen der ersten Emigranten-Generation, später auch für die angeheirateten Konvertiten, wovon die Familien Diklic und Gerassimez noch heute dankbar berichten. Zusammen mit Matuschka Kira, seiner sprach- und sachkundigen Mitarbeiterin, u.a. als Gottesdienst-Leserin, hat er dem Chor die Übersetzungen der slawischen Texte geschenkt.

 

Seine Weisheits-Regeln

 

für den besonnenen Umgang mit Menschen (nicht nur in der Ökumene) hat Vater Ambrosius aus der Ehe-Erfahrung abgeleitet und unbeirrt vertreten (nicht systematisch, aber als Grundmelodie seiner zahlreichen Vorträge, die teils als Cassetten, teils als Transkripte existieren):

 

1.    „Im Glauben  wie in der Liebe gibt es keine Relativität.“

 

So wie die Freude des „nicht-exklusiven Superlativs“  keine Minderung  durch den Vergleich mit anderen Ehepartnern dulde, ohne ihnen doch das Recht auf ihre jeweils gleiche Erfahrung zu bestreiten, so sei auch das ungebrochene Bekenntnis zum eigenen Glauben  geboten, ohne die anderen Konfessionen herabzuwürdigen. Leidenschaftliche Liebe bedürfe keiner Verurteilung anderer. (Als Vorbeugung und Heilmittel gegen die Vergötzung der eigenen Erfahrungen und wertgeschätzten Besonderheiten empfahl Vater Ambrosius stets das Ephräm-Gebet aus der Großen Fastenzeit. ) Als seine Neigung zur kirchlich umstrittenen  Lehre der gnädigen Allversöhnung am Ende der Zeiten von einem Hörer mit der Frage nach dem Schicksal von Tätern wie Hitler auf die Probe gestellt wurde, erklärte er sie als „uninteressant“  für unser Leben, weil unsere Aufgabe allein das Gebet und das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit sei; offen blieb allerdings der Stellenwert der Opferperspektive...)

 

2. „Wenn es dir wichtig ist, soll es auch mir wichtig sein.“

 

Wie ein Liebender seiner Frau z.B. den häufigen Besuch beim Friseur auch dann ermögliche, wenn ihm selbst die Wichtigkeit nicht einleuchte, so sei im Umgang z.B. mit Andersgläubigen   nicht der Streit angemessen, sondern das geduldige Gespräch und das glaubwürdige Bekenntnis mit dem eigenen Leben. (Jene haben – nicht erst nach seinem Tod – das überzeugende Beispiel von Vater Ambrosius stets respektiert.) Nach einem Vortrag im Rahmen des „Interreligiösen Dialogs“  an der Hamburger Universität zum Semester-Thema „Sterben und Tod in den Weltreligionen“  antwortete Vater Ambrosius auf die faszinierte Bemerkung eines  Studenten, über ein so begeistert-leidenschaftliches Bekenntnis zur Auferstehung könne man doch nicht diskutieren, eben das sei auch überhaupt nicht seine Absicht  gewesen... Die Originalität und Ausstrahlungskraft seiner Vorträge wurde von den Dialogpartnern stets sehr geschätzt.

 

3.    „Die Botschaft Christi ist radikal und steht quer zu aller Ausgewogenheit menschlicher

       Erklärungen“,

 

die – etwa im ökumenischen Dialog – niemandem auf die Füße treten dürften  und deshalb stets halbherzig seien. Nicht Arrangement mit der modernen Welt (und erst recht nicht mit sich selbst!) sei das Gebot der Verkündigung, sondern die beständige Umkehr – so wie im Alltag der Ehe. (Auch das demütig-geduldige Hinhören beim Lesen der Hl. Schrift – im Vertrauen  auf die absolute Wahrheit des fleischgewordenen Wortes (Logos), die sich oft erst im langen vertrauten Umgang mit ihm erschließe – ist ein Ausdruck dieser vorbehaltlosen Liebe, die Vater Ambrosius verkörperte.)

 

Nicht um der Wohligkeit willen gebe es die ökumenische Begegnung, sondern „dass die Welt glaube“  ( vgl. Joh 1,7 ). Und in diesem Geist nahm Vater Ambrosius z.B. jahrzehntelang an der ökumenischen  St.Ansgar-Vesper zum Fest des „Apostels des Nordens“  und ersten Bischofs von Hamburg und Bremen am 3.2. teil, grenzte sich aber unmissverständlich vom immer drängender artikulierten „Konfessions- und Kommunion-Tourismus“  um oberflächlicher Gemeinschafts-Erlebnisse willen ab.

 

Wenn er dagegen unermüdlich die Kirche als die durch Christus versöhnte Gemeinschaft der Sünder beschwor – seit seiner „Verheiratung“  mit der russischen Orthodoxie -  und als deren Medium das zur Lebenshaltung (zum Habitus) gewordene Gebet als „zielloses Ziergespräch“ (Th. Mann) in personaler Offenheit bezeugte, konnte er sich wiederum auf die Alltagserfahrung der Ehe berufen, speise sie sich doch von der jeder Liebe eigentümlichen Wiederholung der vertrauten Vollzüge. Gerade bei „spirituellen“ Gesprächspartnern wie Muslimen und Buddhisten fand er damit bisweilen mehr Resonanz als bei westlichen Christen, die ein eher aktionistisches Gottesdienst-Verständnis pflegen und dabei die Vereinigung mit Christus in der hl. Kommunion – der christlichen Weise der „unio mystica“, zu der Beten, Fasten und Versenkung nur Wege sind – immer geringer achten. Insofern war die  eucharistische Frömmigkeit  ständiger Inhalt seiner Predigten in der Göttlichen Liturgie.

 

Am Himmelfahrts-Fest hören wir den Appell des hl. Propheten Jesaja: „Stellt ein Zeichen auf für die Völker!“ (Jesaja 62: 10 c) Zum Zeichen des Lebenszeugnisses von Vater Ambrosius gehören:  die ansteckende  Glaubensfreude, die herzliche  Ausstrahlung auch auf Ferner-Stehende, der unaufdringlich-liebevolle  Verkündigungseifer, die geduldige  versöhnliche  Friedensarbeit, die kraftvolle Demut im Ertragen des eigenen  Leidens.

 

                                                                     „Ewiges Gedenken!“

 

 

Priester Nikolai Wolper

 

 

Lebensbeschreibung

von Erzpriester Ambrosius Backhaus

 

Erzpriester Dr. med. Ambrosius (Arnold) Backhaus

geboren 23.August 1923

gestorben am 3.April 2005

 

 

 

Ich möchte Ihnen zunächst eine ganz einfache Geschichte erzählen. Ich war ja, wie Sie wissen, Priester der russisch orthodoxen Kirche seit 1950 und Arzt seit 1952 und war viele Jahrzehnte Hafenarzt – und da war ein Hafenarbeiter, und der sollte getauft werden. Der wollte eine Griechin heiraten, und die konnte er nur heiraten, wenn er getauft war. Und dann haben sie ihn zu mir geschickt, wir hatten da so Nachtdienst, das war ein schönes kleines, winziges Zimmerchen über der Elbe, man sah die Schiffe vorbei fahren, und da haben wir uns dann unterhalten. Und ich habe ihm von der Kirche und von der Taufe erzählt, und wir waren beide müde natürlich, und er hat mir immer freundlich zugeschaut und hat gesagt: Herr Doktor, sie geben sich so viel Mühe – aber so richtig wurde das nichts. Aber da habe ich gesagt: „Aber der Herr Jesus Christus“ – „Ja!“ sagt er „den kenne ich – wissen Sie Herr Doktor, jeden Morgen, wenn ich aus meinem Bett aufstehe, dann knie ich mich nieder, rede mit meinem Herrn Jesus Christus, und dann ist der Tag gelaufen.“

 

Ja, so irrt man sich manchmal, der wußte natürlich weder, dass der Herr Jesus Christus Gottes Sohn ist, der wußte auch nichts von der Heiligen Dreifaltigkeit, als Kirche hatte er nur den Hamburger Michel gesehen, aber den Herrn Jesus Christus kannte er. Und mein jüngerer Bruder, der immer so ganz kritisch war, dann hat er zu mir gesagt: „Warum hast Du den denn noch getauft – der war doch schon getauft.“ – Nein, er war natürlich nicht getauft, der wurde dann auch getauft. Aber es ist eben ganz erstaunlich, und so habe ich immer wieder erlebt, was wir gerade in dem Evangelium gehört haben, dass es da Leute gibt, die sagen: Nein, Herr, mit Dir habe ich nichts zu tun, und dann gehen sie doch hin – so wie dieser Hamburger Hafenarbeiter, der besser Platt- als Hochdeutsch sprach.

 

Ja, geboren bin ich in Bayern, am Starnberger See, in einem ganz kleinen Ort, Söcking, und das war 1923. Das war ja eine auch sehr seltsame Zeit. Man muss sich vorstellen, kurz nach dem ersten Weltkrieg, nach der Inflation, langsam ordnete sich wieder die Welt, da an den großen Villen am Starnberger See wohnten bedeutende Leute, zum Beispiel Elly Ney, und die Kinder sollten nicht in so eine primitive Schule gehen, die kamen dann zu meinem Vater, der war Volksschullehrer. Eine kleine Privatschule in einem kleinen Haus, oben auf dem Berg.

 

Und damals habe ich von der Kirche eben auch nichts gesehen, wie der Hafenarbeiter – ich bin getauft worden, mit dem Wasser des Starnberger Sees in einer kleinen Dorfkirche, aber bei uns wurde immer jeden Morgen gesungen, so wie Sie das auch getan haben, meine Mutter setzte sich ans Klavier und dann sangen wir zusammen, damals war ich ja noch ganz klein, und wuchs so langsam heran. Und dann wurde erzählt, und meine Mutter hat sehr viel vorgelesen. Ich habe bis zum Abitur praktisch eigentlich die ganze Literatur durch das Vorlesen meiner Mutter kennen gelernt, erst Märchen, dann Sagen, dann auch unserem Alter angemessen, wir waren fünf Kinder, dann wurde zum Beispiel Kolbenheyer Paracelsus gelesen, ich weiß nicht, ob Sie das noch erinnern – und Dramen las meine Mutter vor, sie war auch Schauspielerin und hat in München da am Theater gespielt, sie hat dann auch mit ihrem damaligen früheren Mann diese alten Spiele – Oberuferer Paradeisspiel, die hat sie also wieder zum Leben gerufen, die haben sie aus den Akten herausgefunden, und dann zog meine Mutter mit einer kleinen Gruppe junger Leute, zog sie praktisch durch die ganze Welt, in die Tschechei, nach Polen, nach Juist, und dort spielten sie dann das Oberuferer Paradeisspiel und eine Reihe anderer dieser alten Spiele, und wir Kinder wurden dann auch daran beteiligt, wir mussten dann auch mal mitspielen, und etwas mitmachen, einen Engel darstellen, oder irgend so etwas schönes. Und ja, eben, so habe ich eben viel in mich aufgenommen, ohne dass mit der Kirche irgendwie in Beziehung zu bringen.

 

Dann war das damals die Zeit, wie Hitler auf die Feldherrnhalle zumarschierte, und wie Rudolf Steiner seinen kleinen Kreis bildete, meine Mutter war fünfzehn Jahr lang eine der Allernächsten von Rudolf Steiner. Nur eine Geschichte erzählen, die hat sie so beeindruckt, die habe ich nicht selbst erlebt – der Rudolf Steiner hat einen Vortrag gehalten von drei Stunden, und hat immer das Wort Christus weggelassen. Hat eine Pause gemacht – nicht, jetzt sprechen wir über den Herrn, und der hat uns erlöst, und dieser Herr ist geboren in Bethlehem – und so weiter – und meine Mutter hat das also sehr bewundert – das ist ja auch sehr seltsam, nicht, ist Ihnen vielleicht auch so gegangen, in dem Augenblick klingt plötzlich in Ihnen der Name Jesu Christi, obwohl der nicht ausgesprochen wird. Das ist ja mit unseren Aspekten oder Blickrichtungen – ich habe gerade einen kleinen 12 Minuten Film gemacht, die Menschen mit Gottes Augen sehen – auch gerade für Jugendliche – besteht aus nichts anderem, als zuerst aus schöner Landschaft, ich erinnere an die Schöpfung Gottes, und dann sieht man Menschen, ich war da gerade in Würzburg vor der Residenz, und ganz seltsam, wenn man dann davon spricht und Gott hat uns alle geschaffen, und ER sieht uns liebend an. Dann geht es einem beinah so wie mit dem Namen Jesu Christi – gerade junge Leute sehen dann diesen Film mit großer Begeisterung und sagen, ja, die sind alle nach Gottes Bilde geschaffen, da kommen erst ein paar kleine Kinder vor, und dann ist da in der Mitte dieser Brunnen mit Riemenschneider, und mit anderen Künstlern, und der eine hat eine Statue in der Hand, und da habe ich gesagt, wie eben der Künstler aus dem Material, was er hat, einen Menschen schafft, der dann schön ist, einen schönen Menschen schafft, so schafft Gott eben aus dem Material dieser Welt, aus der Erde, aus der ganzen irdischen Wirklichkeit, den Menschen nach Seinem Bilde.

 

Mit Rudolf Steiner war das dann – (für meine Mutter) – auf die Dauer nichts, für mich also auch nicht, weil mir das alles zu rational und zu klug war.

 

Das ist eine meiner ersten Erlebnisse eigentlich mit der heiligen Schrift, es wurde immer die heilige Schrift bei uns gelesen, das war das Buch für mich, damals war ich vielleicht sieben, acht Jahre, aber das kann ich heute ganz genau so sagen, das Buch ist, was mir die Wahrheit sagt – oder kein großartiges Wort – die Wahrheit ist eine Person: Jesu Christi, die ist nicht in Worte zu fassen, aber die Wirklichkeit darstellt. Die Jünger nehmen das Abendmahl und streiten sich – so habe ich die Welt erlebt, und so erlebe ich sie eben auch heute noch – das war für mich unmittelbare, unbezweifelbare – ich habe gar nicht angefangen, zu zweifeln – unbezweifelbare Wirklichkeit – und dieses Wort Gottes ist ja ganz erstaunlich. Wenn Sie heute an das Evangelium denken, der Herr Jesus Christus redet doch in einer ganz seltsamen Weise und ich finde diese Weise, wie ER redet in dieser einfachen Übersetzung von Luther, die ist, für mich, wenn ich das so sage – viel besser als alles, was dann an wissenschaftlichen Apparaten und Kommentaren dazu gegeben wird. Dieses Wort berühret mich. Wie redet der Herr die Menschen dort an, Er erzählt ihnen eine Geschichte, und dann redet er von den Huren und Zöllnern, Er ist in diese Welt gekommen, um die Kranken als Arzt gesund zu machen – nicht die Gerechten – mich hat das immer von Anfang an so berühret, dann muss es doch Gerechte geben – wir sind doch alle Sünder, aber wenn der Herr sagt, ich gehe dann lieber zu den Huren und Zöllnern und rede mit denen, weil die wirklich mein Wort brauchen, ihr seid ja schon ganz in Ordnung – nein, so sagt Er das zwar nicht, aber das klingt irgendwie mit – der Herr geht mit uns in einer sehr seltsamen Weise um, und mit mir auch.

 

Naja, dann kam ich, mein Vater wieder in einen richtigen Schuldienst in einer kleinen Dorfschule in Krusemark in der Nähe von der Elbe, dann später in Thielbeer, und da habe ich eben die Kirche deshalb erlebt, weil ich was zu tun hatte, ich musste nämlich die Bälge treten auf der Orgel, an der mein Vater spielte. Und Sie können sich mal vorstellen, versuchen Sie sich mal vorzustellen – damals war ich vielleicht acht oder neun – der geht in die Kirche, aber nicht da rein, wo die ganzen Leute reingehen, und wo man den Pastor erst mal mit tiefer Verbeugung begrüßt, sondern der geht die Treppe hinauf, und dann wird vorne die Kirche Gottesdienst gefeiert – aber er ist ja hinter der Orgel und tritt die Bälge und hört dann, wann der Vater wieder frische Luft braucht, damit er Orgel spielen kann. Das heißt also, ich habe überhaupt keine Verkündigung in der Kirche gehört – ich mache niemand einen Vorwurf dafür, das war eben einfach so selbstverständlich gegeben.

 

 

Naja, 1936 kamen wir dann nach Hamburg, weil ich auf die Oberschule sollte, die Walddörferschule, eine ganz originelle Schule damals schon, in Volksdorf in den Walddörfern, mein Vater war dann in Ahrensburg dort Lehrer, und da war das Erstaunliche, dass unsere Lehrer uns in einer ganz seltsamen Weise das Evangelium beigebracht hatten – das war ja verboten, es gab keinen Religionsunterricht – es gab politischen Unterricht, und man musste lernen, dass man Arier war und ähnliche Dinge, wenn man Glück hatte, war man eben Arier, und – aber unser Lehrer, der brachte uns dann eines Tages einen langen Zettel mit, und da hatte er lauter Stellen aus der Bibel, aus dem Neuen Testament aufgeschrieben, und hat gesagt, Ihr habt doch alle eine Bibel zu Hause, nun lest das mal durch, und dann wollen wir mal darüber sprechen – im Rahmen sozusagen des Literaturstudiums; und dann saßen wir zu Hause und haben, so wie er das gesagt hatte, gelesen – ich kann mich überhaupt an keine Begegnung mit Gott oder Christus in diesen ganzen ausgewählten Texten erinnern, ich kann mich nur an die Tatsache erinnern, die uns Jungs, wir wußten ja, wie gefährlich das war, das wir den Lehrer einfach bewundert haben, dass er diesen Mut hatte, uns in dieser Zeit das Evangelium zu verkünden im Rahmen der Siegfried Sage und des Hildebrandliedes und Goethe und ähnliche Dinge und eben auch die Heilige Schrift.

 

Auch wieder sehr seltsam, ich habe eigentlich die Heilige Schrift erlebt als ein herrliches Buch, ich kann mich an diese Stellen, die er damals rausgeschrieben hatte, überhaupt nicht erinnern.

 

Ja, und waren ja die Gebote Gottes für mich immer die Gebrauchsanweisung zum Leben – ich weiß nicht, wer mir das gesagt hat, das gibt es sowohl in der evangelischen, katholischen, orthodoxen Theologie solche Aussagen, aber mir war das eigentlich selbstverständlich. Gott, der die Welt geschaffen hat, hat uns freundlicherweise die Gebrauchsanweisung dieser Welt in seinen Geboten mitgeteilt. Und das ist ja deshalb auch so wichtig, weil jeder junge Mensch erlebt, das er belogen wird: wenn du die Gebote Gottes übertrittst, dann geht es dir schlecht! – Überhaupt nicht der Fall, jedes vernünftige Kind übertritt kräftig ein Gebot, und dann wartet es, wann es einem schlecht geht, und es geht ihm überhaupt nicht schlecht, – ja, weil Gott uns liebt. Gott ist kein strafender und grausamer Gott, der uns mit der Peitsche erzieht.

 

Aber, wenn wir anfangen, nach den Geboten zu leben, nur mal versuchen – man kann es mal so bisschen versuchen: du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten – dann merkt man plötzlich, wie schön die Welt ist. Die Gebote Gottes waren für mich eigentlich immer der Weg, eben die Leuchte auf dem Weg, auf dem ich gehe – ein Weg, den man gehen kann, die dann noch gewissermassen herrlicher wurden, in den Seligpreisungen und dem Leben Jesu Christi, aber doch auch in diesen Geboten. Und wenn man versuchte, sie ein ganz bisschen in aller Demut und aller Unvollkommenheit mal zu erfüllen, dann merkte man: Der Herr hat recht. Eine herrliche Welt – wenn man sie befolgt – aber das ist ja schwierig.

 

Naja, dann hatte ich ja nicht so furchtbar viel Zeit, ich habe 1942 Abitur gemacht, auch eine Geschichte, die ich sehr behalten habe. Dann sagte unser Studiendirektor: „Jetzt entlasse ich Euch in die Freiheit“. Was heißt Freiheit, ich hatte ja schon den Einberufungsbefehl in der Tasche.

 

Und ich war fest entschlossen, keine Gewalt anzuwenden – so ist man eben als junger Mensch manchmal, so begeistert von einer solchen Sache – aber das war ja völlig undenkbar. Dann hatten wir auch Ärger, meine Mutter und ich mit der Gestapo. Ich weiß nicht, ob sie sich an Mölders erinnern? Mölders war ein ganz berühmter Jagdflieger, mit vielen Abschüssen, sehr berühmter Mann, und dieser Mölders war gleichzeitig der Leiter sozusagen der katholischen Jugendbewegung. Das war den Regierenden sehr unangenehm. Wahrscheinlich ist er bei einem Flug mit einer Ju52 abgestürzt, und alle glaubten, er ist umgebracht, weil es unerträglich war, dass ein gläubiger Christ als ganz erfolgreicher Flieger in der Armee des großen Führers Adolf Hitler seinen Dienst tat, und das Evangelium verkündete, und da gab es einen Möldersbrief, und er schrieb an seine Freunde, als der Krieg anfing. Da war das große Geschrei und die große Begeisterung der Ungläubigen, die Gott verspotteten, aber als dann die ersten Toten da waren, und die ersten Verwundeten, und es wirklich Ernst wurde, da erwies sich, dass die Christen die wahren Helden sind. Den haben wir abgeschrieben mit der Hand, meine Mutter und ich, und verteilt – das ging natürlich nicht gut – wir wurden infolgedessen bei der Gestapo verhört, und das Ergebnis für mich, ich stand ja damals kurz vorm Abitur, das Ergebnis war für mich ein sehr witziges – in meinem Soldbuch stand drin: nur an der russischen Front zu verwenden.

 

Auch eine ganz faire, das ist immer das Schreckliche mit diesen diktatorischen Systemen, die haben auch irgendwo etwas ganz Menschliches, nicht, die haben gesagt: dieser blöde Kerl, umbringen wollen wir ihn nicht, intelligent ist er auch, gutes Abitur hat er gemacht, vielleicht kann er uns noch nützlich sein, aber – und so kam ich dann erst nach Schleswig zur Ausbildung und dann an die russische Front. Und ich hatte Glück, gerade mit meinem Vorsatz, niemand zu töten, hatte ich wirklich Glück. Wenn sie da oben, wie die armen Kanadier, die Dresden zerstört im Dunkeln in ihren Flugzeugen sitzen, und nur diese Markierungen sehen, und auf den Knopf drücken, die sehen doch überhaupt niemand. Oder wenn sie an den großen Geschützen stehen, die schießen über 30 km, da sehen sie gar nicht, was passiert – aber wenn sie an der Front sind, sehen sie natürlich immer ihren Gegner Auge in Auge. Dafür bekam man dann auch eine Nahkampfspange – habe ich dann immer wieder erlebt, erstaunlicherweise. 24.12.1943 waren die Russen eingebrochen bei uns, war tiefer Schnee, und wir sollten den Einbruch wieder freikämpfen. Ja, und dann schoß die 8,8, das war die große Flak, die schoss dann Sicherheitsfeuer, erst zu kurz, und ich war einer der wenigen Überlebenden der Kompanie, alles andere waren junge Leute, die hatten überhaupt keine Ahnung. Und dann kamen wir in den Graben, und dann komme ich auf einen Russen zu, der steht mir gegenüber, und dann schaue ich ihn an, und rede ihn an – mit meinem ganz schlechten Russisch, war nicht doll, und dann haben wir uns vertragen, dann war der Krieg für uns zu Ende, dann kriegte ich den ersten Punkt für die Nahkampfspange. Dann später noch einmal in einem Nachtgefecht in lauter kleinen Birken, stehe ich plötzlich auch vor einem Russen mit einer Maschinenpistole, schaue ihn an und sage: Towaritsch – der Krieg ist zu Ende – habe ich ihn gefangen genommen – zweiter Punkt – aber das ging doch nur, ich sage das nur, weil ich niemand schlecht machen will, der diese Möglichkeit nicht hatte – das geht nur, was ja immer heute in den modernen Kriegen und Kämpfen immer weniger wird, wann sehen sie denn noch ihren Gegner Auge und Auge und können mit ihm reden, und können den Frieden auch dort verkünden, wo Krieg ist.

 

Das ging also gut, und ich war überzeugt, dass der Herr Jesus Christus der ist, auf den man sich absolut verlassen kann. Dann kam ich in Gefangenschaft, will ich nicht viel erzählen, bin ich von der NKWD verhört worden, ein halbes Jahr, aber das war ganz witzig, die merkten offenbar, dass ich deutsch konnte, dass ich russisch konnte, italienisch und englisch, infolgedessen haben die mir nicht geglaubt, dass ich Obergefreiter war, und dachten, ich sei sicher irgend so ein geheimer hoher Offizier, der ihnen was Wichtiges sagen konnte – und dann bestanden die Verhöre darin, dass ich Nachts aus dem Bett geholt wurde, und dann kam man in einen kleinen Raum, da gab es zwar elektrisches Licht, das war aber aus, da stand so eine kleine Kerze, und dann musste ich meine Lebensgeschichte erzählen, immer wieder. Und das ist schon erstaunlich, wenn sie da also zwei russischen höheren NKWD Leuten gegenübersitzen – nun erzählen Sie mal – der sprach gut Deutsch – nun erzählen Sie, und dann wird, wie Sie das hier auch erleben, Ihr Leben eben ja, es wird auch verfremdet, wenn Sie das mehrmals erzählen, und das immer wieder bringen, da gibt es gewisse Dinge, die haben schon ihre Gestalt bekommen, auch wenn Sie nachher einsehen, dass es eigentlich gar nicht so stimmen kann. Und der große Unterschied zwischen NKWD und Gestapo war der, die Gestapo war eben hart und grausam, und wenn die Verhöre fertig waren, dann wurden Sie abgeführt. Und bei den Russen war das ganz witzig, dann war die Nacht da, und ich habe meine Lebensgeschichte erzählt, und dann ging die Sonne langsam auf, und dann sagten die Russen: nun ist fertig, rauchen wir mal eine. Die hatten, das war immer noch, das war schrecklich, das war in der Taiga, fast am Polarkreis ganz im Norden Rußlands – die hatten dann immer noch einen Rest von, ja, Kameradschaftlichkeit, auch diesem Deutschen gegenüber. Da habe ich überall, ich könnte noch viele Geschichten erzählen, immer wieder erlebt, wie in den – das ist eben das Problem, – wie in der Katastrophe, in der Gefangenschaft, im Krieg, ich habe auch später noch Überschwemmungen in Hamburg und ähnliches erlebt, wie in der Katastrophe – da braucht man keine Kirche, und da braucht man gar nichts, da braucht man einfach nur den Glauben an Jesus Christus, und das Gebet und das Gespräch mit dem Herrn.

 

Aber wenn keine Katastrophe ist – sehr seltsam, dass also schon der gelbe Kaiser, der etwas mythologische chinesische Kaiser eben gesagt hat, als man ihn gefragt hat, warum lieben die Menschen den Krieg so, da hat er gesagt: weil sie wissen, was sie tun müssen, da ist alles klar und eindeutig – und da ist man – ja, eben: wohlauf Kameraden aufs Pferd aufs Pferd, im Felde das ist der Mann noch was wert, da wird das Herz noch gewogen.

 

 

Und dann kam ich zufällig relativ früh nach Hause, weil ich mit „B“ anfange. Die hatten einen Zug geschickt zum Rücktransport von Gefangenen nach Deutschland, das waren vor allem Juden, die auch mitgefangen genommen waren, die wurden also zuerst, und dann wurden noch einige, und dann waren zwei Waggons zu viel, und was sollte der arme Kommandant machen, der hatte nach dem Alphabet diese beiden Waggons noch gefüllt, er konnte den Zug ja nicht leer zurückschicken – und so bin ich schon im 9.November 1945, mein neuer Geburtstag, nach Hause gekommen mit der Überzeugung, dass man mit Christus leben kann, das einfach das Gebet, Gemeinschaft mit Christus alles regelt – das man sich ganz darauf verlassen kann, man kann dabei sterben – das ist für einen jungen Menschen nicht so schlimm – das hört sich sehr seltsam an, ein junger Mensch ist letzten Endes, das sehen sie ja beim Autofahren, der hat keine Angst vorm Tode, der geht gern mal ein Lebensrisiko ein – älter wird das schwierig, im Altersheim wollen die Leute immer nicht mehr sterben.

 

Infolgedessen – und dann ging alles schief – mein schöner klarer einfacher Glaube an Jesus Christus führte überall zu Mißverständnissen und zu Ärger und ich habe Leuten weh getan, was ich gar nicht wollte, ich habe einfach so, wie ich das im Kriege und in Gefangenschaft gelebt hatte, das ging alles nicht.

 

Und dann habe ich angefangen, nachzudenken, ich bin eben ein neugieriger Mensch, und bei diesem Nachdenken war eigentlich das erste Ergebnis mein ganz großer Zweifel an dem Absolutheitsanspruch des Christentums. Ich war in russicher Gefangenschaft mit vielen Mongolen zusammen, habe viele Menschen einfach erlebt, nicht so sehr Religionen, ich habe die orthodoxe Kirche in Rußland nie gesehen, und auch die Mongolen natürlich, aber hatte ich eben diese Erfahrung oder diese Begegnung mit Menschen, die von Christus nichts wußten, und die auch aus ganz anderen Kulturkreisen kamen, und die eben auch Menschen waren. Und dann habe ich angefangen zu studieren, habe Philosophie studiert, nicht zu Ende, und habe mich dann eben, Upanisad, Iging, Kungfutse, Montse – habe so ein bißchen Chinesisch gelernt, weil ich dachte, das muß doch eigentlich etwas viel Großartigeres sein, tibetanisches Totenbuch, das sind ja ungeheure Welten, die sich da einem auftun, auch von einer Einfachheit und Klarheit, das ist ganz erstaunlich; und auch eben von so schönen Geschichten. Ein moderner junger Chinese, 2000 vor Christi, geht da den Weg entlang und da ist ein Gatter, und da sieht er einen alten Mann, der züchtet Rosen, und da sieht er, wie der alte Mann in den Brunnen hinabsteigt, mit dem Eimer, und wieder mit dem Eimer in der einen Hand hinaufsteigt. Da sagt er: „Opa komm mal her, bist ja nicht mehr zu retten, mußt ein Rad machen und einen Strick, dann läßt Du das runter, und dann rauchst du ganz friedlich dein Pfeifchen dabei, und dann läßt du es runter, und dann ziehst Du es wieder hoch, und dann gießt Du“ – „Nein,“ sagt der Alte, „wenn ich meine Rose mit einer Maschine begieße, dann riechen sie nicht mehr so gut.“ usw. Sie kennen ja auch alle solche chinesischen Geschichten.

 

Es war ein langer Weg, eine lange Überlegung. Warum das so lange gedauert hat, weiß ich nicht, der Herr wollte das wahrscheinlich. Die Antwort ist ganz einfach: in keiner (anderen) Religion und keiner Philosophie der Welt kennt Gott mich beim Vornamen, ob Er meinen Familiennamen kennt, weiß ich nicht, aber Er kennt mich bei meinem Vornamen, denn auf den bin ich getauft, da hat Er mich angeredet. Mit diesem Namen wird Er mich anreden, wenn ich vor Ihm im Jüngsten Gericht stehe. Das fand ich einfach hinreißend. Ich bin nicht der erste, der das hinreißend fand, der erste, den ich in der Literatur kenne, ist Pascal, in dem Argument der Wette schreibt er davon: „Und wenn diese Aussage des Christentums auch so unwahrscheinlich wie möglich wäre, eins zu zwei Millionen – ich würde darauf wetten, darauf gründe ich mein Leben.“ – Ja, damit bin ich dann eigentlich zum ersten Mal bewußt Christ geworden. Ich habe viele Vorträge gehalten über Glauben und Verstand – ich will mich jetzt nicht wiederholen, aber das ist ja eben immer wieder immer ein Problem, diese Arbeiter von dem ich zu Anfang erzählt habe, der seinen Verstand dazu nicht gebraucht – der kannte den Namen Christi und damit war die Sache für ihn in Ordnung. Der Tag ist gelaufen, aber es gibt eben andere Menschen, wie Sie und wie ich, die müssen, dürfen – wollen mal so sagen – die dürfen denken. Und so habe ich dann eben gedacht.

 

Ja, und dann gab es die Kirche – die Kirche war für mich etwas nicht so recht zu verknusen, wie der Hamburger sagt, da waren so viele Dinge, die mir nicht paßten, aber dann habe ich einfach begriffen, dass wir ja Menschen sind, eben Gerechte und Sünder, und dass in der Kirche die Gerechten, die gerechten Sünder zusammengerufen werden und gerade in ihrer Kläglichkeit eine Gemeinschaft bilden, eine heilige Gemeinschaft. Das war für mich zunächst mal einfach Theorie. Habe ich dann theoretisch begriffen – ich war ja damals schon Arzt und war Hafenarzt und dazu gehört doch auch sehr vieles, vom Trinkwasser auf den Schiffen, Lärm, Vibration, Alkohol, Geschlechtskrankheiten, Einsamkeit und was es da so alles gibt. Sehr seltsam, nicht, die Seeleute soffen, weil sie in der Vorpeaks mit 10 Leuten zusammen in einem winzigen stickigen Raum lebten, und wenn sie mal nach draußen kamen, dann pfiff ihnen der kalte Wind um die Nase, und dann wurde die Schiffe immer besser, und dann hatte auch der Moses schon ein Appartement mit Naßzelle, schalldicht natürlich, fast vibrationsdicht, auf den großen modernen, ich denke zum Beispiel an die Hamburg Süd-Schiffe, an die Kapschiffe, und was passierte – die sassen da alleine in ihrer Luxuskammer – früher haben wir zusammen draußen auf dem Deck gesessen, einer hat Schifferklavier gespielt, wir haben unser Bierchen getrunken, der Wind pfiff uns um die Nase, wir waren zusammen, wir waren ne Gemeinschaft, jetzt war die Gemeinschaft kaputt, jeder saß, schon die Tür zu wegen der Klimaanlage, alleine – hatte seinen Rekorder und Musik gehört oder so etwas, einsam, da ging das Saufen wieder los.

 

Und dann hat ja die Hamburg Süd zu Anfang Schiffe gebaut, bei denen die Gänge so angelegt waren, dass die Leute sich treffen mussten, das ist ja fast unheimlich. Auf großen Schiffen sind zum Teil noch zwei Leute auf der Brücke, aber auf kleinen Schiffen ist nur einer auf der Brücke, er muß alle zehn oder zwanzig Minuten auf einen Knopf drücken, damit er zeigt, dass er noch aufmerksam ist, sonst gibt es Alarm für das ganze Schiff. Und so fährt der alleine, und macht seine Wache, dann kommt der andere gerade aus dem Bett heraus, sagt „Hallo“ – „Hallo“ sagt der andere, und geht weg. Was ich da so an Einsamkeit auf den Schiffen erlebt habe, und das war auch wieder, nicht. Für mich ist immer Naturwissenschaft, Arzt und Priester wirklich eins – das ist eben die Kirche, die uns zur Gemeinschaft ruft, das ist ja immer das Seltsame bei den Russen, habe ich das von Anfang an gehört – wenn man zusammen ist, dann heißt es zum Schluß: Spasiva, … „Vielen Dank für die Gemeinschaft!“ das habe ich zu Anfang nicht so richtig begriffen, aber nun ist es mir so richtig klar geworden. Wir sind ein zoon politicon – ein Gemeinschaftswesen, wir sind aufeinander angewiesen, auch wenn wir als Einsiedler einsam in der … Wüste leben, irgendwo gehören wir zusammen.

 

Und dann hat mich in der Kirche nicht mehr die ganze Bürokratie und die ganze Ordnung und die Sitzordnung und so weiter gestört, dann habe ich es eigentlich begriffen – und dann war für mich die Frage – es gibt verschiedene Kirchen – ich bin evangelisch getauft, aber sie können sich nach meiner Geschichte vorstellen, dass ich nicht konfirmiert bin, das war alles nicht nach meiner Mütze.

 

Ja, was nun, welche Kirche? Das ist 1948, 1949 gewesen, da gab es doch für mich nur die evangelische und die katholische Kirche – muß ich beinah fragen, wie dumm man eigentlich sein kann, allein die anglikanischen Kirche ist überhaupt nicht in mein Bewußtsein gekommen, und die Freikirchen waren damals Sekten, die hat man nicht so ernst genommen, und ich habe mich dem angepaßt, und dann habe ich mich mit der Kirche, dann habe ich evangelische Theologie ein bisschen studiert – was mich sehr beeindruckt hat, war der Kommentar zum Römerbrief, der noch vor 1521 geschrieben worden ist – Karl Barth war für mich eben auch irgend jemand. Dann habe ich Schütz noch erlebt. Schütz war der Pastor von St.Nikolai in Hamburg – und katholische Theologie, da kann ich eigentlich nur sagen: Romano Guardini vor allen Dingen, Odo Casel und dann: Thomas von Aquin – das hat meinen Verstand sehr begeistert – diese summa theologica, ein ganz großartiges Buch. Ich sage heute immer noch dasselbe, was ich damals empfunden habe, obwohl das wissenschaftlich vielleicht nicht richtig ist – der Thomas schreibt: „Der hat gesagt“, – und dann zitiert er die Kirchenväter und die Araber und alle, über das Problem, und dann kommt die Summa, und da sagt er dann: „Dann sage ich“. Und ich habe das damals schon empfunden, empfinde das heute noch, da ist kein logischer Zusammenhang – Thomas betrachtet, was die Weisheit der Menschheit gesagt hat, und anstatt daraus ein Integral zu machen, das sozusagen zusammenzufassen, bekennt er seinen Glauben. Großartige Geschichte, aber nicht so richtig wissenschaftlich. Aber dieses grundsätzliche Buch hat mein Denken und mein Leben mit den Glaubensgütern, mit dem Glaubensinhalt eben doch sehr geprägt, aber ich habe wirklich gesehen und auch das, was mir dann mein Bischof immer wieder gesagt hat: Predige nie über etwas, was du nicht glaubst.

 

Damals war ich gerade ein Jahr Priester – da war ich noch ein bisschen beleidigt – heute bin ich nicht mehr beleidigt, ich glaube immer noch nicht alles; aber das, was ich glaube, das glaube ich.

 

Das hat Gott mir auch geschenkt, das habe ich in meinem Herzen, darüber kann ich auch reden, und dann kommt es auch an, und so macht Thomas (von Aquin)das auch – er beweist, ich tue das ja auch gerne, um zu zeigen, wie klug ich bin, das ist ja sehr schön – er beweist, was er alles gelesen hat, und …. , und dann bekennt er also seinen großartigen Glauben.

 

Ja, und dann habe ich noch gedacht, es gibt ja noch die orthodoxe Kirche, damals gab es ja kaum Literatur auf Deutsch, da gab es die Malzew Übersetzungen, von der Jahrhundertwende her, dann gab es von Ehrenberg zwei Bücher über die Religionsphilosophie, die Philosophie der Russen, und dann gab es später das Buch vom Metropoliten Serafim in Berlin über die Orthodoxie; und Russisch konnte ich damals mittlerweile schon ganz gut, aber auch nicht so richtig, dass ich alles hätte lesen können. Griechisch konnte ich immer noch ganz mäßig, französisch gab es damals schon sehr viel, und dann habe ich …

 

Ja, das muß man sehen, das war also 1950, dann bin ich orthodox geworden, und zwar aus ganz klaren Motiven – in der evangelischen Kirche fehlte mir völlig die Welt der Segnung des Wassers, des Hauses, des Tisches, die Welt der Gemeinschaft mit den Entschlafenen. Christus sagt doch eindeutig: „Wer mein Wort hört, der ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen“. – und Er sagt eben auch ganz eindeutig: „Die, die Toten, die hören mein Wort und leben“. Das ist die Auferstehung Jesu Christi. Diese Auferstehung Jesu Christi verwirklicht sich – würde ich heute noch genau so sagen, und das war damals für mich mein wesentliches Motiv: verwirklicht sich letzten Endes darin, dass ich mit den Entschlafenen im Gebet und in der Liebe verbunden bin. Da realisiert sich die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu Christi. Man kann sie auch anders realisieren, ich rede jetzt von mir.

 

Infolgedessen war die evangelische Kirche damals – 1949 – für mich nicht der richtige Ort, sie war nicht meine Braut.

 

Und die Katholische Kirche war mir zu klug. Es ist immer das Seltsame. Als Arzt, als Naturwissenschaftler, denken die Menschen immer, das man alles logisch denkt – und gerade der Arzt weiß eben sehr genau, dass das nicht funktioniert – natürlich muß ich ordentlich untersuchen, was manche Ärzte nicht so ordentlich machen. Es gibt gewisse Dinge, die gehören einfach dazu: Blutdruckmessen, Blut untersuchen, Urin untersuchen, auch mal den Patienten anschauen, das Herz abhören und ähnliche Dinge machen. Das ist alles schon sehr wichtig, aber das, was daraus hervorgeht, das ist, das ist einmal ganz groß, das ist eine schöpferische Leistung, das kann der Computer nicht, das ist eben das Seltsame. Ich bin auch heute geneigt, ein EKG mir selber anzusehen. Wenn Sie ein EKG schreiben lassen, brauchen Sie gar nichts mehr zu machen. Der Computer, der stellt schon alles fest, wo Fehler sind, druckt er Ihnen alles aus zum EKG: so und so, das ist in Ordnung, da ist ein Fehler und so weiter. Aber ich habe immer, wenn ich mir diese EKG’s angesehen habe, irgend etwas erlebt; oder beim Puls fühlen oder ähnlichen Dingen, so dass mir also völlig klar war, im Grunde genommen, dass all unser Denken die Vorbereitung dazu ist, unsern, ja – zu glauben – und zwar wird das nicht unsicherer, sondern mit dem Glauben wird die Sache ja erst sicher. Da schließt sich alles das, was an meinem Wissen vorhanden ist, das schließt sich dann zur Gewißheit zusammen, das ist ein ganz seltsamer Vorgang.

 

Und die katholische – damals, war auch damals anders vorm 2. ökumenischen Konzil, muß man sagen – hatte damals, denken Sie an den Delfinger, dieses Buch, in dem die ganzen Konzilsentscheidungen aufgezeichnet sind, hatte ganz klare Dinge, und ich kann noch erinnern, einen Jesuiten, ein guter Freund von mir, und wenn ich den was fragte, ich war so klein, er war so groß. Dann hatte ich immer das Gefühl, er faßt hinter sich, und zieht eine Schublade heraus, und liest mir das vor, was in dieser Schublade aufgeschrieben ist. Das heißt also die Kirche, so mein Erlebnis damals. Die Kirche hatte eine unendliche Fülle richtiger Sätze, und diese richtigen Sätze und richtigen Erkenntnisse, die werden dann auf die Wirklichkeit angewandt, und das funktionierte bei mir nicht mehr. Denn der Mensch ist eben immer wieder anders. Das geht ja bis heute noch so in die Praxis – wir sind ja eigentlich immer noch ganz konsequent keine Leute zu beerdigen, die sich verbrennen lassen. Herr Jesus Christus ist in das Grab gelegt worden, und so auch wir. Aber wenn jetzt der Bulgare in Hamburg stirbt, und gerne in bulgarischer Erde beerdigt wird, dann kosten der Transport immerhin so mit sämtlichen Nebenkosten 15 bis 20 Tausend Euro. Und dann hat mal einer von unseren alten Priestern sehr schön dem Bischof gesagt: „Herr Bischof, wollen Sie das bezahlen.!“ Der sagt: „Nein, wieso?“ – „Naja, der kann das nicht bezahlen, aber dass er in seiner heimatlichen Erde …“ – „Naja, dann laß ihn verbrennen.“

 

Und so – wie gehen wir mit den Regeln, ich denke immer noch an diese Schubladen – mit diesen Regeln um, und dann habe ich die Orthodoxe Kirche, und dann bin ich in die Orthodoxe Kirche gegangen, weil nach meiner Erfahrung natürlich auch die Praxis eine große Rolle spielt – das war meine Welt und ist sie heute auch noch.

 

 

Das ist ja etwas sehr Seltsames, es gibt einen nicht exclusiven Superlativ – das ist Grundlage der Liebe und das Glaubens – wenn ich meine Frau nicht liebe über alles, wenn sie nicht die einzige, schöne Frau, die es überhaupt gibt, ist – dann soll ich sie nicht heiraten – so hat meine Mutter mir schon gesagt. Aber wenn ich das dadurch mache, dass ich sage: „Du bist – wenn ich Dich so ansehe, so schön, und die Haare und die Figur – aber schau doch mal die da an, ist ja unmöglich, und die da, ist ja entsetzlich“ – das ist töricht, das ist wirklich töricht, aber so machen wir das doch, so gehen wir doch damit um – so – ja, eben – so preisen wir unsere Geliebte, indem wir die anderen schlecht machen – nicht exclusiver Superlativ – ohne Superlativ geht es nicht – und genau so ist es im Glauben, und das hat mich auch im Glauben so beeindruckt – und das war seltsamerweise, die Orthodoxen sind ja außerordentlich streng, kann man sagen, andererseits von einer ganz großen selbstverständlichen Offenheit. Nicht das sehen Sie ja immer wieder, dann gibt es große Erklärungen und dicke lange Schreiben: „Wir nehmen an diesen ökumenischen Tagungen nicht mehr teil – weil, weil, weil…“ – brauche ich gar nicht zu sagen – und dann kommen sie auf die nächste Tagung, und wer sitzt in der ersten Reihe? Die orthodoxen Bischöfe. Ja, das ist eigentlich schlimm, nein, das ist unmöglich, wie kann jemand also sich so verhalten? Habe ich auch im Hafen erlebt; war so ne Nebentätigkeit, habe ich ne Arbeit gemacht über Läuse und ähnliche Geschichten mit einer Firma zusammen, und dann bekam ich einen bitterbösen Brief vom obersten Senat: „Sie haben ohne Nebentätigkeitsgenehmigung Nebentätigkeit gemacht. Nehmen Sie dazu Stellung.“ – Und dann habe ich den angerufen und habe dem gesagt: „Wissen Sie, ich habe eine Nebentätigkeitsgenehmigung“ – „Was?“ hat der gesagt, „Sie haben eine?“ – „Ja“, – sage ich, – „ich habe eine, haben Sie nicht nachgesehen? – „Nein, ich dachte, sie hätten keine“ – „Und was nun?“ – „Ach“, – sagt er, – „schmeißen sie den Brief in den Papierkorb.“

 

Und diesen Umgang habe ich auch, entschuldigen Sie, habe ich auch mit vielen kirchlichen Dokumenten gelernt. Wie viele unsinnige unfreundliche Dokumente sind in der Kirche immer wieder geschrieben worden, auch von den Orthodoxen, von einer Unkenntnis und Überheblichkeit, dass ist geradezu unwahrscheinlich. Viele Russen in Rußland, die kennen keine Katholiken und Evangelische – da gibt es ein paar, die haben sie gar nicht gesehen. Und völlig anders verhalten sich orthodoxe Kirchen in Frankreich, wo sie schon sehr lange sind, und auch in Amerika und auch in Deutschland, wo sie einfach diesen persönlichen Kontakt haben, wo sie sehen, die anderen sind eben doch keine Bestien, sondern scheinen auch Menschen zu sein. Aber wer diese Erfahrung nicht gemacht hat – nicht exclusiver Superlativ. Das ist mir also auch im Glauben so außerordentlich wichtig. Wenn ich meine Kirche nicht von ganzem Herzen liebe, wenn sie nicht einfach – eben – das ist ja auch diese persönliche Entscheidung, das ist ja etwas, was gerade der Papst, ist jetzt ja ein Buch erschienen über die ganzen Äußerungen, die der Papst über die anderen Religionen und anderen Konfessionen, über die Juden und Mohammedaner gemacht hat. Und da schreibt er, der jetzige Papst, finde ich ganz erstaunlicherweise immer wieder, das er ein ehrliches Leben führt seines Glaubens ist viel wichtiger, als dass er katholisch ist. Das ist ganz neu für die Katholiken, für die Orthodoxen eigentlich auch, aber das bedeutet für uns alle einfach eine Wirklichkeit.

 

Naja, und dann wurde ich orthodox, Priester wollte ich nie werden, wäre nie auf die Idee gekommen, was für eine komische Idee, und eines Tages war ich in der Kirche, ich war dann einer der jungen Leute, und der Bischof Aphanassij, wir haben uns gut vertragen, ich war Ministrant würde man eben sagen – und eines Tages sagt er zu mir: „Willst Du nicht Priester werden?“ – Ich sage: „Weiß ich nicht.“ – Da sagt er: „Aber du bist ganz geeignet.“ – „Also Herr Bischof, wenn Sie das sagen“ – „Aber dann mußt du heiraten – oder nicht – besser nicht!“. Ich war da mit einer Berlinerin zusammen, die auch orthodox war und besser russisch sprach wie ich, ein richtiges Berliner Mädchen, wir waren sehr glücklich zusammen, aber nicht verheiratet – das war 1948, 49 – geheiratet haben wir 1950. Das sehe ich immer bei den jungen Leuten, bei meinen Freunden, wenn man nicht rechtzeitig in der ersten Liebe heiratet, dann ist das ganz schwierig, sich später noch dafür zu entscheiden. Darum ist das eben mit der Enthaltsamkeit gar nicht so dusslig, sondern das ist eine ganz vernünftige Sache. Aber darüber will ich jetzt nicht reden. Aber als ich meiner Frau das gesagt habe, – „Ach ja, ich glaube – wir wollen dann auch heiraten“ – und dann haben wir also geheiratet. Ich bin sehr zufrieden, habe gar nichts dagegen, wir waren fünfzig Jahre verheiratet. Kurz nach der fünfzigjährigen Wiederholung unseres Hochzeitstages ist meine Frau dann gestorben. Also so schön konnte es eigentlich gar nicht sein, aber da habe ich eben auch etwas in der Ehe gelernt, um das vielleicht doch noch mal zu sagen: Ehe hat Geduld und was ich so Vorschußvertrauen nenne – wir haben also wirklich – aber natürlich hat das Schwierigkeiten, nicht, denken Sie. Ich erinnere, meine Frau war ein Morgenmuffel, Sie wissen, was das ist, nicht? Wenn sie morgens aus dem Bett kam, war sie eine Hexe, und wenn sie ihren Kaffee getrunken hatte, ihre Zigarette geraucht hatte, dann war sie eine ganz liebenswerte Frau. Das hätte ich, damals war ich schon Arzt, das hätte ich ja wissen können. Es gibt also Leute, die haben einen sehr stabilen Blutzucker, wie ich also komischerweise. Ich brauche den ganzen Tag nichts zu essen, und es passiert gar nichts, aber bei vielen sinkt dann der Blutzucker ab, und dann werden sie also, unter Umständen, sogar zitterig, aber zunächst mal missmutig, und das reflektieren sie natürlich nicht, sie reagieren nur so. Und nachdem ich das begriffen hatte, hat lange gedauert. Ich habe mich also viele Monate darüber geärgert über dieses Weib, was so nett und so liebevoll ist, und was morgens immer so unerträglich ist. Als ich das dann wirklich begriffen habe – und da bin ich wieder bei einem seltsamen Phänomen. Es dreht sich doch um den Verstand, dass man manche Dinge auch durchdenkt, da fand ich das ganz lustig. Meine Frau aufgestanden und ich geguckt, na, was macht denn die alte Hexe – und dann ihr Kaffee, Zigarette und man sah richtig, wie sie aufblühte und eine schöne Frau wurde. Ich könnte noch viele solche Geschichten erzählen, aber eben, es hängt eben an zwei Dingen – es hängt an dem, was ich Vorschussvertrauen nenne: das ich von Anfang an annehme, dass der andere recht hat, und ich würde sagen, in 99,99999 Prozent trifft das auch zu, nur ich merke das gar nicht, weil ich mich schon habe scheiden lassen, ehe ich das begriffen habe. Und so ist die Ehe für mich eine herrliche Zeit natürlich, aber letzten Endes natürlich auch eine große Schule gewesen. Das Zusammenleben mit einem Menschen ist ein Geschenk, ein unbegreifliches Geschenk, aber auch eine Aufgabe.

 

Ja, das übertrage ich jetzt wieder auf die Kirche. Ich habe mich eigentlich in der orthodoxen Kirche also wirklich ganz wohl gefühlt. Ja, was habe ich an Theologie gelernt? Gar nicht. Durch das Gebet, wirklich nur – aber in den orthodoxen Gesängen und Gebeten ist wirklich die ganze Theologie vorhanden, wenn ich irgend einen Vortrag halte, dann sehe ich natürlich auch die klugen Bücher nach, aber das brauche ich eigentlich nicht, sondern ich brauche nur die Liturgie und die ist unendlich, das sind immerhin so viele Bände, in denen die ganzen Gottesdienste des Jahres aufgezeichnet sind, – da ist immer wieder – wenn sie an die Verklärung denken – die schöne Tropar, wo es heißt: Und der Herr offenbarte den Jüngern seine Herrlichkeit auf dem Berge Tabor, damit sie, wenn er am Kreuze stürbe, erkennen würden, dass es ein freiwilliges Leiden war. Und so könnte ich dutzende von solchen Dingen, in denen in ganz kurzen Merksätzen beinahe – Troparien, Kondaktien, eben die ganze Weisheit der Theologie zusammengeflossen ist, gebetet wird – und davon habe ich eigentlich erst spät, so seit zehn Jahren, habe ich gelernt auch das evangelische und katholische Gesangbuch, gestern war ich in einer Baptistischen Kirche, das baptistische Gesangbuch darauf hin anzugucken, und da bin ich auch immer wieder ganz erstaunt, was in diesen Kirchenliedern an klarer, deutlicher Theologie drinsteht, an Verkündigung des Glaubens in einer singbaren Form, aber gleichzeitig auch in einer rational ganz präzise durchdachten Form – und eben durch das Beten.

 

Und dann natürlich durch das Gespräch – ich war damals einer der ganz wenigen orthodoxen Geistlichen, der also gut Deutsch sprach, infolgedessen wurde ich überall eingeladen, und dann sollte ich etwas sagen. Erst hatte ich dann so Muffensausen, wie man sagt, weil ich dann so hochkarätigen Professoren gegenüberstand, dann habe ich sicherlich anschließend beim Wein festgestellt, dass die das auch nur aus der Enzyklopädie Britannica hatten, was die da gesagt hatten, und dann bin ich etwas mutiger geworden. Und damals gab es ja alles noch nicht, Internet und diese Dinge, wo man sich ja wirklich leichter informieren konnte, sondern man musste das schon lesen oder eben – beten.

 

Und dann habe ich unendlich viel gelernt durch die Beichte – nicht so sehr durch meine eigene Beichte, die ist auch gut – sondern bei uns beichten die Leute vorm Empfang des Abendmahls, und das Seltsame ist ja, dass, als ich Priester wurde, die Leute drei – viermal im Jahr zum Abendmahl gingen, obwohl wir ja bei jedem Gottesdienst das heilige Abendmahl feiern, also jeden Sonntag jedenfalls, und heute kommen sie praktisch alle. Das hat ihnen niemand beigebracht, das ist ja in allen Kirchen so, das eine die Kirchen durchziehende Begeisterung für das Abendmahl, und das bedeutet, dass wir dann also zwanzig, dreißig, vierzig Leute zur Beichte haben. Und dann habe ich eben in der Beichte das gelernt, was sozusagen Moraltheologie ist. Das ist manchmal, manche Leute haben alles aufgeschrieben, ich krieg da schon einen Schreck, wenn ich sehe, sie haben da drei große Zettel mit, die sie dann vorlesen, damit sie nichts vergessen. Ich sage immer, es kommt nicht darauf an. Wenn du zum Arzt gehst, dann ist wichtig, dass du dem Arzt sagst, woran du leidest, da brauchst du nicht sämtliche Einzelheiten deines Lebens aufzuführen, aber es gibt immer noch, auch Orthodoxe, die eben glauben, nur die Sünden werden vergeben, die man bekannt hat – ganz großer Irrtum, Irrlehre, aber weitgehend verbreitet.

 

Naja, und wenn man dann sieht, woran die Menschen leiden, und dann auch das Seltsame, wenn jemand immer wieder kommt, und immer wieder die selben Geschichten erzählt. Dann denkt man doch mal so als Seelsorger – eigentlich mal: Mein lieber Freund, muß das sein? Eine ganz harmlose Geschichte: „Vater Ambrosius, ich bin wieder bei Rot über die Strasse gegangen“ – und das hören Sie dann nächste Woche wieder, und so weiter und dann sagen Sie irgendwann: „Sag mal, mußt du denn bei Rot über die Strasse gehen?“ – „Ja, mir ist dann so ums Herz, wissen sie, aber das ist ja auch nicht so schlimm“. – „Nein“, – sage ich, – „Schlimm ist das nicht, wenn keine Kinder daneben stehen“. Aber wenn es dir wehtut, und da habe ich also erlebt, dass natürlich die Gebote und die Seligpreisungen und all das, was die Kirche sagt, für den Menschen wichtig ist, und dass jeder auf seine eigene Moralstruktur in sich trägt, und das ist genau wie für den Arzt eben auch wichtig ist, mit ihm über diese Moralstruktur zu sprechen.

 

Ja, ich habe schon sehr lange geredet, ich höre auch gleich auf.

 

Ich will eigentlich nur noch über – geordnetes Gebetsleben und Fasten reden.

 

 

Solche Art fährt nur aus durch Beten und Fasten. Man muß nicht unbedingt Fasten, in dem man nicht ißt, man kann auch mal nur 50 in der Stadt fahren, oder man kann alles mögliche machen, oder die Pfeife gerade mal weglegen, und mal eine Stunde nicht rauchen, aber das ist, irgendsolche Dinge in dem Leben geschehen, die ich nicht aus vernünftigen Gründen mache, sondern um Gottes willen, oder weil ich mich vorbereite. Meine Mutter hat ja immer sehr viel, war Rezitatorin und hat viele Vorträge gehalten, noch wie sie 92 war, und die hat immer bis zum Vortrag den ganzen Tag gefastet, und erst hinterher etwas gegessen.

 

So ordentlich bin ich nicht, aber ich habe das auch begriffen, unser Leben muß eben doch von meiner Liebe Gott so geprägt sein, dass auch ganz praktische Dinge meines Lebens sich darin auswirken. Am einfachsten ist natürlich, wenn man die Fastengebote einhält, das ist ganz praktisch, aber es geht eben auch auf sehr viel andere Weise.

 

Und eben das Gebet. Ich hatte jetzt gerade eine Tagung in Kirchberg, und da habe ich dann über die Versuchungsgeschichte gesprochen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, – ist das nicht an uns eine Frage: brauchst Du mehr Zeit zum Essen oder mehr Zeit zum Beten? Sie brauchen sie nicht zu beantworten, aber das ist doch eine fast unheimliche Frage. Ich rede jetzt nicht vom ständigen Gebet der orthodoxen Kirche, sondern einfach auch von klarer Gebetspraxis. Ich habe mir, je älter ich wurde, immer mehr ganz angewöhnt, doch viele Stunden des Tages wirklich zu beten, auch wenn ich etwas anderes zu tun habe, weil ich einfach das Gefühl habe, das gehört zu unserem Sein, dies Gespräch mit Gott, dieses mit Ihm reden, mit Jesus Christus, sich ihm zuwenden, ihm zuhören, auch mal im Gebet darauf achten, sich immer wieder darüber wundern, und auch den Mut zu fassen, zu beten: Dein Wille geschehe – wem gebe ich denn sonst eine blanko Vollmacht für mein Leben, außer Gott, wenn ich sage: Dein Wille geschehe, weil dieses Gebet so wichtig ist.

 

Und eines dieser orthodoxen Gebete, und damit will ich dann auch schließen, ist etwas, was so mein Leben geprägt hat. Das wird in der Fastenzeit mehrmals am Tage von allen gebetet, aber das kann man immer beten:

 

Herr und Gebieter meines Lebens den Geist des Müßigganges, der Herrschsucht, der Schwatzhaftigkeit und der Verzagtheit nimm von mir, den Geist aber der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe gib mir, Deinem Kinde.

 

Herr, König, laß mich meine Sünden erkennen und nicht meinen Bruder richten, denn hochgelobt bist Du in allen Ewigkeiten. Amen.

 

Vielen Dank.

 

Die orthodoxe Kirche des Heiligen Prokopius in Lübeck. Die Kirche befindet sich in einer kleinen Kapelle an der Katherinenkirche. In dieser russischen orthodoxen Gemeinde hat Vater Ambrosius viele Jahrzehnte lang aufopferungsvoll als Priester gedient.
Die orthodoxe Kirche des Heiligen Prokopius in Lübeck. Die Kirche befindet sich in einer kleinen Kapelle an der Katherinenkirche. In dieser russischen orthodoxen Gemeinde hat Vater Ambrosius viele Jahrzehnte lang aufopferungsvoll als Priester gedient.

 

BETRACHTUNGEN ÜBER DIE GÖTTLICHE TRADITION

 

Erzpriester Ambrosius Backhaus 

 

In drei Begriffen des theologischen Denkens will ich zusammenfassend von der Eigentümlichkeit des Inhalts sprechen, den uns die Tradition übergibt: - "pleroma" = Fülle; "sobornostj" = etwa Katholizität; "kerygma" = Heroldsruf , Verkündigung.- Nur das "pleroma", die Fülle, die Reife, vermag der Inhalt der Heiligen Tradition zu sein. 

 

Tradition der Kirche ist Fülle, die Gegenwart göttIichen Lebens. Traditionen der Kirchen sind die Gewohnheiten der Menschen In der Kirche. Je stärker wir in der Tradition leben, um so näher werden wir einander sein. Das griechische Wort "pleroma" können wir mit Fülle, Reichtum, Reife, Gefülltheit übersetzen. Es meint die Fülle der Qualität und die Gefülltheit in der Quantität. Das Leben, das in der Kirche weitergegeben wird, (1. Korinther 4: 14: fortgezeugt wird), ist nicht ein reduziertes, nicht ein armseliges, nicht ein stückweises Leben! Es ist Leben, das von der ganzen Fülle des Daseins geprägt ist. 

 

Die Krippe des Herrn im Stall zu Bethlehem war umgeben von der Fülle der himmlischen Heerscharen. Die Sonne verfinsterte sich, die Erde bebte, die Gräber taten sich auf, als der Herr am Kreuze starb. Die Fülle des Lichtes blendete die Jünger auf dem Berge Tabor. Johannes berichtet uns von einer unbeschreibbaren Fülle der Schöpfung in der Weite des Neuen Jerusalem (Lukas 2: 13; Matthäus 17: 51-54; Markus 9: 3; Offenbarung 21: 11 & 26). 

 

Diese Fülle, diese vollständige Reife, auf die die Kirche hindrängt, dieser überströmende Reichtum, in dem uns die Wirklichkeit Gottes immer neu begegnet, ist das "pleroma". Jede Verkürzung dieser Fülle verengt die Weite der Möglichkelten, in denen uns der Herr begegnen will. Darum mühen wir uns alle in unserem Leben und die Theologen im Denken, daß wir nicht ärmliche Christen sind, sondern die ganze Fülle der Frohen Botschaft in die Welt tragen, daß keiner verloren gehe, weil wir die Weite der Gnade und des Lebens in Christo nach unserem Geschmack und unseren persönlichen Möglichkeiten eingeengt haben. Reformation ist die Buße des sündigen Christen vor dem Herrn. Aber wie oft ist aus einer Reformation eine Reduktion, eine Einengung und Verkürzung des Evangeliums geworden, das nicht neue Menschen zu Christus gerufen, sondern Vielen Zugang zu dem Herrn der Auferstehung versperrt hat.

 

"Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr verzehntet Minze, Dill und Kümmel und lasset hinten das Schwerste am Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Dies sollte man tun  und jenes nicht lassen. Ihr verblendeten Leiter, die ihr Mücken seihet und Kamele verschluckt!" (Matthäus 23: 23-24)

 

Jeder von uns ist immer wieder in Gefahr, im Stil der Kirchenmusik, in der Form der Kircheneinrichtung, in der Ordnung des täglichen Lebens seinen Geschmack zum Maßstab der Kirche zu machen und derer zu vergessen, die eben an dieser Form, an diesem Gesang, an dieser Gewohnheit mit ihrem Herzen hängen - vielleicht, weil es dem Herrn gefallen hat, durch diese Form der Kirche, die vor unserem Stilempfinden nicht bestehen kann, diesen Menschen zu sich zu rufen.  

 

Wer die Herrlichkeit der Gemeinschaft mit Christus erfahren hat, wer den Schimmer des Unvergänglichen erschaut hat, der verläßt wie Petrus und die Apostel alles und folgt dem Herrn nach. Auf diesem Wege erkennen wir die Welt, die Schöpfung erst in ihrer ganzen Herrlichkeit, so daß der Herr sagts hundertfältig werdet ihr wieder empfangen, was ihr verlassen habt ... 

 

Da wir mit dem Herrn leben, da Er bei uns ist, da wir mit unserem ganzen Leben und Sein auf Ihn zugehen, da wir eingefügt sind in die Kirche, Sein Volk und Seinen Leib, da gerät die ganze Schöpfung in Bewegung auf Christus hin. Die Wirklichkeit der Schöpfung, die wahren Konturen des Seins brechen auf, denn alles ist auf Ihn hin geschaffen und findet die Fülle seinen eigenen Seins erst, wenn sich der erste und letzte Maßstab dieses Seins zu verwirklichen beginnt: auf Ihn hin. Das ist das Geheimnis unseres eigenen Lebens: je mehr wir abnehmen und uns von Ihm erfüllen lassen, je mehr wir sterben, um mit Ihm zu leben, um so stärker werden wir selbst, reift und entfaltet sich die ganze eigene Gestalt unseres Daseins. Was an uns geschieht, das geschieht auch an der Schöpfung, an Haus und Hof, an Acker und Wald, an Sonne und Mond, wenn sie von uns in den großen Lobpreis vor den Herrn gerufen werden: alles leuchtet nun erst in der ganzen Fülle, in der ganzen Herrlichkeit seines Daseins. 

 

Der zweite theologische Begriff gibt eine andere Eigentümlichkeit der Tradition wieder. In dem russischen Wort, соборность "sobornostj" ist die ursprüngliche Bedeutung noch am lebendigsten gegenwärtig. Es wurde vor allen Dingen im vorigen Jahrhundert von den orthodoxen Theologen für jene Wirklichkeit der Kirche gebraucht, die mit dem griechischen Wort καθολικός katholikos und mit dem lateinischen Wort universalis gemeint ist. Sobornostj kommt von dem russischen Wort sobiratj, das etwa zusammensammeln oder zusammenführen bedeutet. Das griechische Wort katholikos geht auf das altgriechische Wort katholos zurück, das etwa bedeutet: auf das Ganze bezogen, vom ganzen her zu verstehen. Eine ähnliche Aussage macht auch das lateinische universalis, das wörtlich übersetzt werden kann: auf das Eine gerichtet. 

 

Der heilige Johannes schreibt in seinem ersten Brief: "... Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir euch, auf daß auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit Seinem Sohn Jesus Christus". (1. Johannes 1: 3). Das, was in der Tradition weitergegeben wird, wirkt die Gemeinschaft untereinander. Unsere Gemeinschaft untereinander aber ist begründet in der Gemeinschaft mit dem Vater und mit Seinem Sohn, Jesus Christus. Die Tradition der Kirche wird nur in der Gemeinschaft weitergegeben, sie kann nicht durch ein Lexikon oder durch eine Bibliothek übermittelt werden. Nur in der lebendigen Gemeinschaft derer, die um den Herrn versammelt sind, geschieht die Tradition, die von einem zum anderen weitergegeben wird. Die Tradition kann beschrieben werden als die lebendige Kette, die von dem Herrn Jesus Christus durch die Apostel auf uns gekommen ist und durch uns, durch unsere Versammlung und Gemeinschaft weitergegeben wird in die Weit und in die Zukunft hinein.

 

Der Herr selbst beschreibt den Ort Seiner Gegenwart, indem Er sagt; "Wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, da bin Ich mitten unter ihnen". Die Gemeinschaft der Menschen im Namen und in der Gegenwart des Herrn ist die Sobornostj der Kirche, ist die Einheit, auf die alles gerichtet ist.  

 

Das griechische Wort "kerygma" bezeichnet den Heroldsruf. Es kommt von dem griechischen Wort für Herold und ist die Botschaft, die der Herold verkündet. Wenn in einer griechischen Stadt ein Beschluß gefaßt wurde, so bekam derselbe erst Gültigkeit, wenn er vom Herold in den Straßen der Stadt verkündet wurde.  

 

Die Wahrheit und Wirklichkeit der Kirche gewinnt ihre Kraft, wenn sie verkündet, weitergesagt wird. Es ist schon eine Erfahrung des persönlichen Lebens, daß uns das Wort Gottes erst dann wesentlich wird, wenn es uns von einem anderen zugesprochen wird.  

 

In der Verkündigung der Inhalte der Tradition werden dieselben für mich gegenwärtig und lebendig. Nicht das, was in der Bibliothek aufbewahrt und in der Kartei zusammengestellt ist, macht die Tradition der Kirche aus, sondern das, was in der Verkündigung durch lebendige Menschen in die Welt hineintönt und wirkt. 

 

Die Schöpfung der Welt beginnt durch das Wort Gottes, das die Welt aus dem Nicht-Sein ins Sein ruft. Der Herr ruft Lazarus, den Toten und Begrabenen, durch Sein Wort aus dem Grabe heraus. So ruft Er die Tochter des Jairus und den Jüngling zu Naim aus dem Schlafe des Todes in das Leben zurück (Johannes 11: 40-44; Lukas 8: 52-55; Lukas 7: 13-15; Apostelgeschichte 3: 4-7).  

 

Das Wort des Herrn weckt in denen, die es hören, Leben. Dieses Leben-schaffende Wort hat der Herr Seiner Kirche übergeben. in der konkreten Situation an der Tür des Tempels, die man "die Schöne" nennt, geben die Apostel dieses Wort des Herrn weiter. 

 

Es lassen sich noch viele Linien ausziehen von dem Ruf der Buße bis zur Verkündigung der Vergebung, von den Segensworten Gottes bis zu den Einsetzungsworten, in deren Vollmacht das Heilige Blut und der Heilige Leib des Herrn in Seiner Kirche dargebracht und ausgeteilt wird (1. Mose 3: 9).

 

Die Tradition ist lebendig, indem sie von einem zum anderen weitergegeben wird; sie geschieht im Kerygma der Kirche.

 

Wje geschieht die Weitergabe des Traditionsgutes ? Auch Paulus sagt: "Du nun werde stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist, und was du von mir unter Bestätigung vieler Zeugen gehört hast, das übergib zuverlässigen Menschen, die geeignet sein werden, auch andere zu lehren" (2. Timotheus 2: 1-2). Und wieder sei eifrig bemüht, vor Gott hinzutreten als ein untadeliger Arbeiter, der das Wort der Wahrheit richtig verwaltet (2. Timotheus 2: 15)· Wenn nun beide das Wort verkünden, der eine mit der Schrift, der andere mit der Rede, wie sollten da nicht beide Lob verdienen, da sie den Glauben durch die Liebe wirksam machen" (so schreibt Clemens von Alexandrien in "Teppiche" 1,3 ff.).

 

Das Leben der Kirche wird weitergegeben in schriftlichem und mündlichem Bericht sowie in der Überlieferung der Formen des  Lebens und der Liturgie, in denen die Gegenwart Christi Gestalt angenommen hat. 

 

Das Zeugnis der Apostel und Evangelisten ist aufgezeichnet in den Heiligen Schriften des Neuen Testamentes. Dieses niedergeschriebene Wort Gottes, dieser schriftliche Bericht gibt uns von den Evangelisten und Aposteln her bis zu unserer Gegenwart den Inhalt der Tradition weiter. Mit diesem schriftlichen Bericht zusammen hören wir das mündliche Zeugnis derer, die in dem geschriebenen und gedruckten Wort die Gegenwart des Herrn gespürt und erfahren haben. Nicht allein im Wort der Heiligen Schriften, sondern auch im Leben des Gebetes, im Leben der Liturgie der Kirche, ja, nicht zuletzt in unserem alltäglichen Leben begegnen wir dem Herrn. Wie die Bibel von diesen Begegnungen berichtet, so hören wir den gleichen Bericht aus dem Leben und der Geschichte der Kirche, Aber wir vernehmen das gleiche Zeugnis auch aus der unmittelbaren Gegenwart unserer Welt und Zeit. Mündliches und schriftliches Zeugnis ist in der Kirche allezeit unlösbar miteinander verbunden.  

 

"Dies ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und das ge-schrieben hat, und wir wissen, daß sein Zeugnis wahrhaftig ist. Es sind auch viele andere Dinge, die Jesus getan hat, so sie aber eins nach dem anderen sollten geschrieben werden, achte ich, die Welt würde die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären" (Johannes 21: 24-25).

 

Gelesen wird das Evangelium, gesagt wird das Wort der Predigt, wir hören die Lehre der Kirche, wir singen und sprechen das Bekenntnis unseres Glaubens, wir tragen das Zeichen des Kreuzes, wir empfangen die heiligen Geheimnisse Christi im Abendmahl. Wir treten in den Raum der Kirche, in ihr Gebäude und in ihre Liturgie. Wir bringen Kerzen und Blumen, Wein und Öl, das Brot des hochzeitlichen Mahles und den Weihrauch zum Gottesdienst der Kirche. Wir sind hinein genommen in das Leben der Gemeinde des Herrn, wir sind aufgenommen in die Gemeinschaft derer, die handeln miteinander vor dem Herrn. "Der Du uns dieser gemeinsamen heiligen Handlung gewürdigt hast", betet die Kirche. Die Weitergabe der Tradition geschieht im Handeln und Hören der Gemeinde, im Leben der Kirche.

 

Die Kirche verkündet an jedem Tag die Worte der Heiligen Schrift, die durch die Ordnung der Perikopen diesem Tag zugehören. Perikopen-Abschnitte - aus dem Alten und Neuen Testament bestimmen den Tag. In der Auswahl und Anordnung dieser Lesungen wird die Heilige Schrift der Gemeinde lebendig. Das Wort Gottes ist mitten hineingestellt in unser tägliches Leben. Die Feste des Kirchenjahres - Ostern, Pfingsten, die Geburt des Herrn und die Tau-fe, bestimmen die Lesungen des Tages. Der Tag nach dem Kalender gibt durch die Heiligen, deren wir an diesem Datum gedenken, eine andere Auswahl der Texte. Am Tage des Todes gedenken wir der hei-ligen Apostel und Kirchenlehrer, der ehrwürdigen Männer und Frauen, der Märtyrer und Märtyrinnen, weil sie an diesem Tag zu dem Herrn geführt worden sind und nun bei Ihm leben, wie auch wir mit Ihm im Leben des Gebetes verbunden sind. Die Ereignisse unseres Lebens selbst bringen uns eine neue Auswahl von Lesungen.

 

Bei Taufe und Hochzeit, in Krankheit und in der Dankbarkeit großer Freude, bei der Abreise und der Ankunft, bei allen täglichen Geschehnissen, verkündet uns die Kirche und das Wort Gottes aus den Heiligen Schriften in der Lesung, die des Herrn Evangelium konkret und einfach in unser Leben hineinstellt.

 

Das Glaubensbekenntnis redet von der Bibel mit den Worten: "Auferstanden am Dritten Tage nach den Schriften". Das Wort Gottes ist die vielfältige Fülle, die in den Schriften des Alten und Neuen Testamentes zu einem Band zusammengebunden ist. Die lebendige Verkündigung der Heiligen Schriften in den Lesungen des Tages ist eingebettet in das persönliche Bekenntnis, das in der Predigt, im Gespräch, in dem Wort der Hilfe und des Trostes weitergegeben wird, aber auch in der Art und Klarheit unseres Lebens verkündet wird.

 

Das Buch der Bibel wie die mit Farben gemalten Ikonen gewinnen ihr Leben erst, wenn sie durch unser Herz hindurch uns selbst und einander zur kraftvollen Verkündigung werden. Die Kraft aber dieser Verkündigung ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, der in der Gemeinschaft der Kirche uns zugesagt ist. Aus unserem Leben und aus der Geschichte der Kirche wissen wir (Apostelgeschichte 8: 26-39)· wie das geschriebene und gedruckte Wort wieder und wieder auf erstaunliche Weise unmittelbare Kraft gewinnt.

 

Für die Kirche des Morgenlandes bleibt es eigentümlich, das Wort des Herrn in der Versammlung der Gemeinde als die Verkündigung des heiligen Evangeliums zu hören, die eingefügt ist in die Feier der Göttlichen Liturgie, die uns herbeiruft zum Wort und zugleich zum Sakrament des Heiligen Leibes und Blutes des Herrn.

 

In besonderer Weise erleben wir die Tradition der Kirche in dem geprägten Wort des Bekenntnisses, besonders des großen Glaubensbekenntnisses, wie es in jedem Gottesdienst der Kirche vor der Feier der heiligen Eucharistie gebetet wird.

 

 

Die Worte "Ich glaube an den einen Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde" bis zu dem Schluß: "warte auf die Auferstehung der Toten und das Leben der künftigen Welt. Amen!" spricht oder singt die Gemeinde, nachdem Brot und Wein auf den Altar getragen sind. Oder einer aus der Gemeinde, der Bischof oder älteste Liturg, ein Mann oder eine Frau aus der Gemeinde oder ein Kind sprechen die Worte, in denen wir uns zu der Wirklichkeit Gottes bekennen, die uns in Christus offenbart ist. Die Diener am Altar und die ganze Gemeinde umstehen den, der das Glaubensbekenntnis betet, sie stehen ihm zur Seite und stehen für ihn ein, daß im Bekennen des Glaubens an die eine, heilige Kirche, die apostolische und allumfassende, die Gemeinde bewahre und der Welt die Botschaft der Erlösung bringe.

 

Erst in dieser Verkündigung wird der Inhalt des Glaubensbekenntnisses der Gemeinde gegenwärtig. Das Glaubensbekenntnis enthält die Worte der Heiligen Schriften. Es ist durchformt von dem tiefen und geduldigen philosophischen und theologischen Denken der Kirche. Es ist gestaltet aus der großen künstlerischen Kraft der heiligen Väter. Es ist vertieft durch die Melodien, nach denen es in der Kirche gesungen wird. Es wird von bestimmten Menschen, von einer konkreten Gemeinde gesungen und gesprochen. Aber all diese Beschreibungen bleiben an äußeren menschlichen Dingen hängen. In dem gebeteten Bekenntnis ist die Wirklichkeit Gottes, die unvollkommen in den Worten beschrieben wird, unter uns gegenwärtig. In dem wir die Sätze sprechen, die uns die Kirche überliefert hat, öffnen wir unser Herz Gott dem Herrn, der in der Dreifaltigkeit sich uns offenbart hat und uns zu der Gemeinschaft ruft, die Er durch Seinen Heiligen Leib und Sein Heiliges Blut uns schenkt.

 

Schon im alltäglichen Leben hat das gesprochene Wort des Bekenntnisses große Wirkung- und Kraft. Am deutlichsten ist es im Bekenntnis der Liebe. Die Menschen, die zueinander gefunden haben und sich von Herzen lieben, erfahren in dem ausgesprochenen Bekenntnis der Liebe, die Fülle, die Kraft, die Vergegenwärtigung dieser Liebe, die in ihrem Herzen schon vorhanden, aber verborgen war. Wie der Liebende in dem Bekenntnis zu der Geliebten viel mehr aussagt, als er zu erfassen vermag, so sagt auch der Glaubende in den Worten des Glaubensbekenntnisses mehr aus, als er mit seinem Verstande erkennen und analysieren kann.

 

Nicht anders tritt die Gemeinde in dem Bekenntnis ihres Glaubens dem Herrn Jesus Christus gegenüber und bekennt ihre Liebe zu Ihm. So beginnt der Weg mit dem Herrn Jesus Christus, ohne daß der Bekennende fähig wäre, die ganze Fülle und Weite dieses gemeinsamen Weges, die ganze unendliche Wirklichkeit Gottes auch nur von Ferne zu erblicken. Die Voraussetzung des gemeinsamen Bekenntnisses der Kirche ist nicht die rationale Einsicht in alle Einzelheiten, sondern die Liebe zu dem Herrn Jesus Christus. Er begegnet uns in den großen Taten, von denen das Bekenntnis berichtet. Er hat uns gewählt. Um der Liebe willen sind wir bereit, in das gemeinsame Leben in der Kirche mit Ihm einzutreten.

 

In dem gemeinsamen Bekenntnis handeln wir miteinander in der Kirche . Das gemeinsame Tun ist die wesentliche Form, in der die Tradition weitergegeben wird. In dem Gleichnis vom königlichen Abendmahl lad der Hausvater die Gäste ein, mit ihm zusammen das Freudenmahl zu halten. In dem Angebot zum gemeinsamen Handeln werden wir in das Leben der Tradition aufgenommen. So ist das gemeinsame Glaubensbekenntnis nicht nur eine Erinnerung an den Glaubensinhalt, sondern zugleich eine Verwirklichung des Glaubens, der Gemeinschaft mit Christus und die Gemeinschaft untereinander.

 

Das Eigentümliche in der Heiligen Kirche liegt darin, daß der Herr uns Sein Handeln anvertraut hat und zugleich immer Selbst der eigentliche Handelnde bleibt.

 

 

" ... würdige mich, daß durch mich sündigen und unnützen Knecht Dir diese Gäbe dargebracht wird. Denn Du bist der Darbringende und der Dargebrachte, der Empfangende und der Ausgeteilte, Christus, unser Gott ..."(Gebet der Liturgie vor dem Großen Einzug). "Lasset uns einander lieben, auf daß wir einmütig bekennen!" (Ruf des Diakons zur Vorbereitung des Glaubensbekenntnisses in der Göttlichen Liturgie).

 

"Tretet hinzu in Gottesfurcht, Glauben und Liebe!" (Vor dem Empfang der Heiligen Gaben).

 

In dem objektiven Zeugnis der Heiligen Schrift und des Glaubensbekenntnisses empfangen wir das Glaubensgut der Kirche. Das  persönliche Zeugnis, das den schriftlichen und mündlichen Bericht begleitet, gehört ebenso zur Fülle der Kirche wie die Lesungen und Gebete. Zu dem persönlichen Zeugnis gehört auch die Prüfung und die Reflexion des Denkens. Es gehört zu den Gestalten der Tradition, zu ihrem Weg durch die Geschichte, das sie ständig begleitet ist von dem Denken der Kirche, von der Reflexion der Theologen und von dem Nachsinnen der Gläubigen. Wie es zum Leben des Erwachsenen gehört, das, was wir erlebt, in der Reflexion und in der Überlegung zu prüfen, so ist die Kirche erfüllt von dem sorgfältigen und leidenschaftlichen Denken derer, die von der Wirklichkeit Gottes immer wieder neu überwältigt werden.

 

 

Am Ostermorgen erwarten die Jünger und die Frauen, den Leichnam des Herrn im Grabe zu finden. Nachdem sie aber dem Auferstandenen begegnet sind und die Wirklichkeit der Auferstehung erfahren haben, vermögen sie nun in klaren Gedankengängen menschlichen Verstandes zu erkennen, wie die Auferstehung des Herrn die Mitte der Zeit und die Wende der Geschichte geworden ist. Auf dem Wege nach Emmaus führt der Herr die verstörten Jünger diesen Weg des Denkens . "Und Er sprach zu ihnen: Oh ihr Toren und trägen Herzens zu glauben alle dem, was die Propheten geredet haben. Mußte nicht Christus solches leiden und zu Seiner Herrlichkeit eingehen? Und fing an von Mose und allen Propheten und legte ihnen alle Schrif-ten aus, die von Ihm gesagt waren" (Lukas 24: 25-27).

 

Im ersten Kapitel des ersten Korintherbriefes gibt Paulus eine ausführliche Darlegung der möglichen Begründungen. Er argumentiert von der Wirklichkeit Gottes her, er verweist auf die Eigentümlichkeiten menschlichen Lebens, er greift auf die Natur zurück, und er sagt: "... um der Engel willen" (1 Korinther 11: 1-16). Es gibt kein Ereignis in der Heiligen Schrift und in der Geschichte der Apostel, das nicht vom Zweifel angegriffen worden wäre und zu dessen Verteidigung nicht die Möglichkeiten des menschlichen Verstandes herangezogen worden sind.

 

Der Herr öffnet uns die Schrift und zeigt uns, wie sie von allem Anfang an auf Ihn hinweist und Er öffnet uns die Wirklichkeit der Natur und zeigt uns, wie die wahren Strukturen der Schöpfung uns in Seiner Offenbarung erkennbar werden.

 

Das Tun Gottes deutet die dunkle Stelle des Propheten Jesajas von der Jungfrau, die einen Sohn gebären wird (Jesaja 7: 14). Aber das unerwartete Ereignis in der Wirklichkeit der Geschichte wird für Joseph verständlich und annehmbar, indem ihn der Engel auf die Heilige Schrift, auf das Wort Gottes hinweist. Es gehört zum Wesen der Tradition der Kirche, daß in ihr immer wieder das Wort Gottes und die Wirklichkeit der Geschichte durch menschliches Denken und Nachsinnen zueinander in Beziehung gebracht werden. Dieses Nachsinnen aber geschieht unter dem Beistand der heiligen Engel und in der Kraft des Heiligen Geistes.

 

Läßt sich das Wandelbare und Beständige in der Tradition voneinander abgrenzen ?

 

In dem Drama "Peer Gynt" schildert Ibsen, wie der Held des Stückes vor einer Zwiebel sitzt. Er sucht nach dem eigentlichen Mittelpunkt und Inhalt seiner eigenen Person. Wie er die Schalen der Zwiebel, die er in der Hand hält, löst, bedenkt er die Schalen, die sein Leben ausgemacht haben. Je mehr Schalen er abgelöst hat, umso kleiner wird der Kern, bis schließlich keiner mehr vorhanden ist. So zerfällt ihm unter den Händen sein eigenes Leben - an der Stelle eines Mittelpunktes seines Seins findet er nichts.

 

Eine ähnliche negative Methode wird auch der lebendigen Gestalt der Kirche gegenüber angewandt. Immer wieder werden Schichten von der Kirche abgelöst, weil diese Schichten bestimmt seien durch die historische Gestalt der Vergangenheit. Aber überall ist im Leben der Kirche Vergangenheit und Gegenwart unlösbar verknüpft . Wer alles historisch Gewordene von der Kirche ablösenwill, der wird wie Peer Gynt vor seiner Zwiebel keinen Mittelpunkt finden.

 

Je intensiver der Christ aber die Begegnung mit dem Herrn Jesus Christus in der Geschichtlichkeit und Menschlichkeit Seiner Kirche erfährt, umso deutlicher spürt er, wie auch die historischen Hüllen von dem lebendigen Zeugnis des Herrn Jesus Christus erfüllt sind. Die Mitte der Kirche ist das Leben mit dem Herrn Jesus Christus. In diesem Leben, das das Denken umfaßt, ist ein  Maßstab, der das Unwandelbare von dem Veränderlichen zu unterscheiden vermag.

 

In der Orthodoxen Kirche ist die Erfahrung besonders lebendig, daß der Herr, der in Seine Welt gekommen ist, die ganze Schöpfung durchdrungen und verklärt hat. Als der Herr im Jordan von Johannes getauft wurde, offenbart sich uns nicht nur die Herrlichkeit der heiligen Dreifaltigkeit. Auch die Wasser des Jordan werden von Seiner heiligen Gegenwart durchdrungen, die Engel dienen dem Herrn und Johannes wird Zeuge der Herabkunft des Heiligen Geistes und der Stimme des Vaters. Es gibt nichts, das nicht von der Gegenwart des Herrn berührt ist.

 

In dem Gleichnis von dem Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13: 24-30 und 36-42) schildert uns der Herr die Geschichte der Welt. Mit dem Samen des Wortes Gottes geht der Same des vom Teufel gesäten Unkrautes auf. Beides wächst miteinander. Weder die Menschen noch auch die Engel sind fähig, innerhalb der Geschichte Unkraut und Weizen voneinander zu trennen. Da sprachen die Knechte: "Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein! Auf daß ihr nicht zugleich den Weizen mit ausraufet, so ihr das Unkraut ausjätet. Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte ..." (Matthäus 13: 28-30). Darin liegt die Demut und Bescheidenheit der Theologie, das sie sich müht, in den reifenden Formen der Kirche die Wahrheit des Herrn zu finden. So gewiß in den .Formen der Kirche Ewiges und Zeitliches miteinander verbunden ist, so ist es uns doch verwehrt, hier eine voreilige Trennung durchzuführen. So bewahrt die Orthodoxe Kirche vor allem in ihrer Liturgie die Gestalt, die ihr von den Vätern überliefert ist. Wir halten nicht an der Liturgie fest, weil wir alles auch mit dem Verstande ganz durchschauen können, sondern weil wir dieses Gut überliefern, in dem mehr gegenwärtig ist, als unser Verstand zu erfassen vermag. Die Liturgie ist nicht der Maßstab der Unfehlbarkeit der Kirche, sondern sie ist der Raum, wo im Handeln der Kirche der Herr in Seiner Wahrheit gegenwärtig ist.

 

Diese Gewißheit und zugleich Demut wird ausgesprochen in dem Gesang der Gemeinde gegen das Ende der Liturgie: "Wir haben das wahre Licht gesehen, wir haben den himmlischen Geist empfangen, wir haben den wahren Glauben gefunden, wir beten die unteilbare Dreieinigkeit an, denn sie hat uns errettet".

 

Das Moderne, wie es uns am heutigen Tage angemessen zu sein scheint, ist nicht der Maßstab für die Gültigkeit dessen, was in der Kirche gelebt, bekannt und gelehrt wird. Aber auch das Alte bietet in seinem Altertum keine Gewißheit, die Wahrheit vollkommen in sich zu tragen. Die Wahrheit wird uns in der Geschichte der Kirche immer deutlicher offenbar. Die Kirche wächst in ihrem Leben zu der Vollreife des Mannesalters heran. Keineswegs überall, wohl aber an einzelnen Gestaltungen können wir diesen Reifeprozeß erfahren.

 

Die großen Beispiele der Reife der Kirche sind für den orthodoxen Christen der Kanon der Heiligen Schriften, das große Nicänische Glaubensbekenntnis, und die vielgestaltige Form der Liturgie.

 

Im Neuen Testament hören wir zum ersten Mal von diesem Vorgang in dem Bericht vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2: 52). Paulus wird nicht müde, immer neu von diesem Heranwachsen und Reifen der Kirche zu sprechen (1. Korinther 14: 10;Epheser 4: 14-16; Hebräer 5: 11-14.

 

Der Gedanke der Reife im Leben der Kirche hat noch einen anderen Hintergrund. In ihrem Leben mit dem Herrn Jesus Christus steht die Kirche nicht nur in der Geschichte, sondern gleichzeitig auch in der Ewigkeit, die durch des Herrn Gegenwart heute und hier die Zeitlichkeit und Vergänglichkeit überwindet.

 

Im "Vater unser" lehrt uns der Herr, Gott "Vater" zu nennen. Dieses Wort "Vater" wird nicht deshalb von dem Herrn gewählt, weil die irdischen Väter der Familien ein gutes Beispiel für Gott, den Herrn, wären. Umgekehrt - die Vaterschaft in Gottes Wesen ist die eigentliche Quelle und der eigentliche Ursprung aller väterlichen Kraft und Vollmacht irdischer Väter. So erschien es unwichtig ob in einer historischen Epoche die soziologische Struktur des Vaterbildes geeignet ist, auf Gott als den Vater hinzuweisen. Gott, der Vater, ist der Maßstab für alle veränderlichen Vatergestalten unserer alltäglichen Erfahrung.

 

Meliton von Sardes weist in seiner ersten Osterpredigt darauf hin, wie das Unvergängliche Maßstab des Vergänglichen wird. 

 

"So findet auch das Mysterium des Herrn, da es seit langem vorbereitet geschaut wird, heute, wo es vollbracht ist, Glauben, obschon es von den Menschen für neu gehalten wird. Denn alt ist es und neu, das Mysterium im Herrn, alt nach dem Vorbild, neu nach der Gnade. Wenn du aber auf dieses Vorbild blickst, siehst du die Wahrheit durch die Erfüllung ". (58)

 

Meliton erinnert an den Würgeengel, der bei dem Auszug Israels durch die ägyptischen Häuser ging, die Erstgeburt der Israeliten aber verschonte (2. Mose 12. Kap). "Sage mir Engel, wovor schrakst du zurück? Vor der Schlachtung des Schafes oder vor dem Vorbild des Herrn? Vor dem Blut des Schafes oder vor dem Geist des Herrn. Offensichtlich warst du erschrocken, weil du das Mysterium des Herrn in dem Schaf gesehen hast, das Leben des Herrn in der Schlachtung des Schafes, das Vorbild des Herrn in dem Tod des Schafes, darum schlugst du Israel nicht, sondern machtest nur Ägypten kinderlos" (32-33). (Meliton von Sardes: Vom Passa - die älteste christliche Osterpredigt, Lambertus-Verlag 1963. Abschnitt: 58,32 u. 33).

 

Nicht Vergangenheit, auch nicht menschliche Zukunft ist der Maßstab unserer Tradition, sondern allein der Herr Jesus Christus selbst, der Seiner Kirche in einzelnen Zügen ihres Lebens und ihres Bekenntnisses jene Reife geschenkt hat, aus der heraus wir in der Liturgie die heilige Dreifaltigkeit recht verehren.

 

Die Wandelbarkeit ist eine Eigentümlichkeit des Menschen, die Unwandelbarkeit die Eigentümlichkeit Gottes. So ist das Leben der Kirche vom Gebet erfüllt, daß uns der Herr die Fülle unwandelbarer Reife schenke. " ... Gib ihnen für das Irdische das Himmlische, für das Zeitliche das Ewige, für das Vergängliche das Unvergängliche". (Gebet der Basilius-Liturgie). Damit nimmt die Liturgie die Worte des heiligen Apostels Paulus an die Korinther auf: "Denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn, was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig" (2. Korinther 4: 17-18).

 

Immer wieder kommen wir in Gefahr, aus der Freude über den Schatz dieser Herrlichkeit, der uns anvertraut ist, unseren Bruder zu verurteilen. Und so ist die Frage nach dem Wandelbaren und Beständigen in der Kirche eine Frage, die uns immer neu zu dem Gebet ruft, das die Kirche in der Großen Fastenzeit täglich betet: "0 Herr, laß mich sehen meine Übertretungen und laß mich nicht meinen Bruder richten, denn Du bist hochgelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen".

 

Die Tradition in der Liturgie der Kirche

 

Für den orthodoxen Christen ist die Liturgie vornehmlich der Weg, auf dem das Leben der Kirche von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wird. Der Herr Jesus Christus ist nicht in den Büchern der Liturgie, sondern im Geschehen des Gottesdienstes gegenwärtig. Handelnd werden wir in die Liturgie hinein genommen. In der Gemeinsamkeit des Hörens und Bekennens, des Schweigens und Handelns, leben wir mit dem Herrn. Unser ganzer Mensch hat teil am Handeln der Liturgie. Wir hören das Wort, wir sehen die Ikonen, wie riechen den Weihrauch, wir werden benetzt im Wasser der Taufe, wir empfangen das heilige Abendmahl. In dem Gottesdienst am Grabe der Entschlafenen bekennt die Kirche: Herr, wende das stöhnende Klagen am Grabe zum Liede Halleluja. "Die Unbegreiflichkeit des Todes wird hinübergeführt in das Lied des Lobpreises: Der Herr, Der den Entschlafenen in Sein Reich aufgenommen hat, ist mitten unter uns gegenwärtig und in Ihm sind wir, Lebende und Entschlafene, zur Gemeinschaft der Kirche zusammengefügt. Diese Gemeinschaft ruft uns aus der Klage am Grabe zum gemeinsamen Lobpreis des Herrn.

 

Der Ton und die Melodie, der Rhythmus und der Gesang öffnen unsere Seele dem Wort der Verkündigung. Wie in den Perikopen der täglichen Lesungen die Heilige Schrift von klaren Linien durch-zogen wird, so verbinden die Melodien des Gottesdienstes die einzelnen Aussagen des Bekenntnisses. Die Melodien am Grabe hören wir wieder in den Gesängen der Buße. Und die Gesänge der Buße - wie etwa den großen Bußkanon der Fastenzeit - lassen uns erfahren, wie die Buße ein Sterben ist. Das Sterben unseres alten Menschen geschieht in der Buße, auf daß der Neue wiedergeboren werde.

 

In der Liturgie der Kirche ist das Bekenntnis in dichterischen stalten geformt. Manchmal kennen wir die Namen derer, die die Gesänge und Texte verfaßt haben: Johannes von Damaskus, .Romanos der Melode, Ephraim der Syrer, Andreas von Kreta, Johannes Chrysostomos und viele andere. Oft sind uns aber auch die Gebete und Gesänge der Liturgie überliefert, ohne daß wir einen persönlichen Verfasser kennen.

 

Die dichterische Formung der liturgischen Texte ist aber nur die Gestalt und der Raum, der erst durch die Gemeinschaft der Betenden mit Leben erfüllt wird.

 

Das Handeln unseres ganzen Menschen findet seinen besonderen Ausdruck im Bekenntnis des Glaubens. Der Diakon ruft: "Die Türen, die Türen! Lasset uns aufmerken in Weisheit!" Der Chor mit der Gemeinde singt das Glaubensbekenntnis, der Priester bewegt den Aer - die Decke, die über Kelch und Patene gelegt ist - auf und ab. In dieser schweigenden Handlung bittet der Liturg, daß der Heilige Geist die Herzen der Gläubigen erfüllen möge, auf daß sie mit den Worten der heiligen Väter in ihrem Glauben, den sie bekennen, hineinwachsen.

 

Die russische orthodoxe Kirche des heiligen Prokopius in Hamburg. In dieser Kirche findet an jedem ersten Sonntag im Monat  der Gottesdienst in deutscher Sprache statt. Hier diente Vater Ambrosius als Seelsorger der deutschsprachigen Orthodoxen.
Die russische orthodoxe Kirche des heiligen Prokopius in Hamburg. In dieser Kirche findet an jedem ersten Sonntag im Monat der Gottesdienst in deutscher Sprache statt. Hier diente Vater Ambrosius als Seelsorger der deutschsprachigen Orthodoxen.