Katechesen in leicht verständlicher Sprache

Die orthodoxe Gebetsregel - unsere Chance zur Disziplin beim Beten

Orthodoxe Christen beten außer in den Gottesdiensten auch täglich morgens sie sich von der Ruhe der Nacht erhoben haben, vor und nach dem Essen und bevor sie sich wieder zum Schlafen hinlegen.  Dabei halten sie sich an eine persönliche Gebetsregel. Das sind keine Vorschriften, wie oder wie lange man zu beten hat, sondern so werden zusammengefasst die Gebete bezeichnet, die ein Christ am Tag in der Regel betet. Üblicherweise bestehen die Gebetsregeln aus einer bestimmten Reihe von Morgen- und Abendgebeten, die im orthodoxen Gebetbuch zusammengefasst sind und jeweils etwa eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Manche Christen nutzen aus Zeitgründen auch kürzere  Gebetsregeln wie zum Beispiel die des Heiligen Serafim von Sarov, während Priester und besonders Mönche oft viel umfangreichere Gebetsregeln haben. 

 

Viele der im Gebetbuch zusammengestellten Gebete wurden von großen Heiligen verfasst. Diese Gebete drücken auch sehr gut aus, was wir manchmal nur schwer in Worte fassen können. Außerdem haben viele Christen persönlich feststellen können, dass eine solche Gebetsregel uns dabei hilf, uns selbst zu einer gewissen Disziplin beim Beten zu erziehen – man hat eine Regel, an die man sich hält, auch wenn man eigentlich keine besonders große Lust zum Beten hat. Dann ist unser Gebetsleben nicht so sehr von den Schwankungen unseres Gefühls abhängig.

 

“Die Gebetsregel ist sind vor allem in Zeiten wichtig, wo das Herz kalt ist. Eigentlich hat man dann keine große Lust mit Gott zu sprechen. Und dann betet man trotzdem anhand der Gebetsregel – nicht aus Liebe zu Gott, die man gerade in dem Moment nicht empfindet, aber aus der Überzeugung heraus , dass die Worte, die man spricht, wahr sind. Wenn dagegen das Herz für Gott brennt, braucht man keine Regeln, dann fließen Herz und Mund von allein über.”

Von einem russischen Priester

 

Dabei muss man aufpassen, dass man die Gebete nicht nur automatisch runterleiert, aber immerhin schläft das Gespräch mit Gott nicht gänzlich für Tage und Wochen ein. Auch fällt einem beim Gebet immer irgendwo  einen Satz auf, den Gott einem zeigen möchte, an dem man hängenbleibt und der Anlass zum Nachdenken und Weiterbeten mit eigenen Worten ist.

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Über das orthodoxe Kreuz

 

 

Wer schon einmal eine russische orthodoxe Kirche gesehen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass das orthodoxe Kreuz auf den Kuppeln ein wenig anders aussieht, als man das in Westeuropa kennt. Traditionell hat das orthodoxe Kreuz nämlich nicht nur einen Querbalken, sondern drei.

  

 

Wenn man sich nun einmal eine typische Darstellung der Kreuzigung Christi auf einer orthodoxen Ikone anschaut, sieht man auch, was es mit den Querbalken auf sich hat.

 

 

Der große Querbalken ist der, an den Christi Hände festgenagelt wurden – soweit ist alles bekannt. Der ober kleine Querbalken stellt das Schild dar, auf den Pilatus den Urteilsspruch “INRI” (Jesus von Nazareth, König der Juden) schreiben ließ, und der untere, etwas schief hängende Querbalken ist die Fußstütze, an der Christi Füße befestigt waren. Ob die Kreuzigung nun tatsächlich so und nicht anders aussah, sei einmal dahingestellt, jedenfalls wird sie in der orthodoxen Kirche so dargestellt.

 

 

Der große Querbalken ist der, an den Christi Hände festgenagelt wurden – soweit ist alles bekannt. Der ober kleine Querbalken stellt das Schild dar, auf den Pilatus den Urteilsspruch “INRI” (Jesus von Nazareth, König der Juden) schreiben ließ, und der untere, etwas schief hängende Querbalken ist die Fußstütze, an der Christi Füße befestigt waren. Gleichzeitig stellt er den "Wage der Gerechtigkeit" dar, wie es im Troparion heißt: "Inmitten zweier Räuber hat sich Dein Kreuz als Wagbalken der Gerechtigkeit erwiesen; dessen eine Seite sich senkte unter dem Gewicht der Gotteslästerung bis in Totenreich; während die andere, der Sünden ledig, sich erhob zur Gotteserkenntnis..." Das heilige Kreuz weist den guten Schächer, der sich zu Christus bekannte, den Weg ins Paradies. Dem Lästerer aber weist es den Weg in das Totenreich, also in die Gottesferne.

 

 

Einige Kirchen haben statt des unteren schrägen Querbalkens so etwas wie einen nach oben offenen Halbkreis in ihrem Kreuz – und wer darin eine Parallele zur islamischen Mondsichel sieht, liegt damit ganz richtig:

 

Diese Form des Kreuzes auf orthodoxen Kirchen tauchte nach der Befreiung von der mongolisch-tatarischen Zwangsherrschaft auf, die seit etwa 1240 auf Russland lastete und nach der Schlacht vom Kulikovo-Feld im Jahre 1380 nach und nach zurückgedrängt wurde. Da die Leute in "Goldene Horde", wie sich die Tataren nannten, größtenteils Muslime waren, wurde der Sieg über die ehemaligen Eroberer gleichzeitig als ein Sieg der Christen über die "Hagarener", so werden die Muslime in den gottesdienstlichen Texten nach der arabischen Magd des Abraham genannt. Dies wird durch das auf dem islamischen Mond stehende Kreuz symbolisiert. Auch die türkischen Muslime ersetzten nach der Eroberung von Konstantinopel das Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia durch einen muslimischen Halbmond.

 

Heute leben in vielen Gebieten Russland orthodoxe Christen und Muslime friedlich zusammen. Es gibt jedoch bis heute einige Gebiete in Russland, die vorwiegend islamisch geprägt sind (Tatarstan, Baschkirien un der Nordkaukasus).

 

 

Das orthodoxe Verständnis von Inkarnation und Kreuzigung

 

Thomas Zmija von Gojan

 

Im alten Orient und in der Antike war die Kreuzigung eine sehr weit verbreitete Hinrichtungsart. Sie entwickelte sich aus dem Erhängen, sollte aber anders als dieses die Todesqual möglichst in die Länge ziehen. Dazu wurde die betreffend Person an einen aufrechten Pfahl - mit oder ohne Querbalken - gefesselt oder genagelt. Im Römischen Reich wurden vor allem Nichtrömer und entlaufene oder aufständische Sklaven gekreuzigt.

Das alte Testament und das darin enthaltene jüdische Religionsgesetz, die Torah, sah nicht die Kreuzigung, sondern die Steinigung als Todesstrafe für besonders schwere Verbrechen vor. Das "Aufhängen" galt, wo es dennoch geschah, als Zeichen für den Ausschluss aus dem Volke Gottes: "Verflucht ist, wer am Holz hängt" (5. Mose 21:22). Darin spiegelte sich die Absicht diese Hinrichtungsart wieder, den Delinquenten zu entwürdigen.

Das Judentum übernahm das Aufhängen - nicht jedoch das Annageln - als Todesart bei extremen religiösen Vergehen wie Gotteslästerung. Man ließ den Verendeten aber nur bis zum Abend nach seinem Tod zur Abschreckung hängen und begrub ihn danach, um das Land (ארץ ישראל) kultisch nicht zu verunreinigen. (vgl.: 1. Mose 40:18; Esra 6:11; Esther 9:13 und Josua 8:29).

Die jüdisch-hellenistische Dynastie der Hasmonäer übernahm die Strafe derKreuzigung von den Römern. Die alttestamentlichen Textfunde aus den Höhlen aus den Höhlen bei Qumran (200-100 vor Christus) passten den Text in 5. Mose 21:22 der neuen Praxis an und deuteten es als "Verflucht ist, wer gekreuzigt" wird. Das Kreuzesholz selber, nicht das Aufgehängt-Werden daran, war den damaligen Juden zum Zeichen des Gottesfluches geworden.

 

 

Die Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus wird sowohl in den heiligen Evangelien als auch in frühen außerbiblischen Dokumenten belegt. Über das heilige und lebensspendende Kreuz Christi hat unser heiliger Vater Maximus der Bekenner gesagt: "Wer das Geheimnis des Kreuzes und des Grabes (Christi) erfahren hat, kennt den wahren Grund aller Dinge." Denn im Kreuz Christi sehen wir das unaussprechliche Geheimnis der ganzen Heilstaten unseres Herrn und Erlösers, die mit seinen freiwilligen Tod auf Golgatha ihren Abschluss, ja ihre Bekrönung gefunden haben. Deshalb gehören Christus und das Kreuz nach den Worten unserer Heiligen Väter untrennbar zusammen.

Das Kreuz ist ein Ärgernis (σκάνδαλον), es ist anstößig für die menschliche Weisheit, weil es die Weisheit Gottes geoffenbart hat, die unsere menschliche Weisheit nach den Worten des Apostel Paulus (1 Korinther 1: 24) in Frage stellt. Denn das Kreuz war nicht das Ende, sondern der Anfang eines neuen Lebens, weil Christus nicht nur der Gekreuzigte beziehungsweise der am Kreuz Gestorbene ist, sondern auch der Auferstandene, der den Tod durch Seinen Kreuzestod besiegt hat.

Mit Recht also ergänzt der heilige Maximus das bisher Gesagte mit den Worten: "Wer über das Kreuz und das Grab vordringt und in das Mysterium der Auferstehung eingeweiht wird, erkennt das Ziel, um dessentwillen Gott alle Dinge geschaffen hat" Man kann also im christlichen Sinne nicht vom Kreuz sprechen, ohne die mit ihm in alle Ewigkeit verbundene Auferstehung Christi und die damit für uns gewirkte Erlösung mit ein zu ­schließen. Deshalb ist das heilige und lebensschaffende Kreuz Christi der geistliche Schlüssel, um die Tiefe des Mysteriums auch unser eigenen Erlösung zu verstehen.

So ist das Kreuz auch der Schlüssel zu einem echten Verständnis der Person und der Heilstaten des Sohnes Gottes Jesus Christus und Seines Verhältnisses zu uns Menschen. Das Kreuz ist mit der Selbst-Erniedrigung (κένωσις = griechisch "Leerwerden, Entäußerung" ist das Substantiv zu dem von Paulus im Brief an die Philipper gebrauchten Verb ἐκένωσεν = "er entäußerte sich“ (Philipper 2: 7) des Wortes Gottes verbunden und wird als ihr Höhepunkt verstanden. Die Heilswirksamkeit des Opfertodes auf Golgatha fließt ganz und gar aus der Hingabe des Gottessohnes. Unsere Erlösung bleibt also an Christus gebunden, der sich für uns zum Opfer hingegeben hat. Wir dürfen aber nach unseren Vätern nicht einzelne Phasen des Erlösungswerkes Christi isolieren, um ihnen dann eine bevorzugte Funktion zu zusprechen, wie es die Lateiner in ihrer Messopferlehre oder die Protestanten in ihrer juridisch verstandenen Rechtfertigungslehre getan haben. 

 

 

Der Tod Christi kann nicht aus der Ganz­heitlichkeit des göttlichen Heilsgeschehen, also von Christi ganzem Leben und Wirken auf Erden losgelöst werden. Die Selbsterniedrigung des göttlichen Logos (Judas 53: 3) bezieht sich auf Sein ganzes ir­disches Leben, das als eine unaufhörliche Selbsterniedrigung verstanden werden muss. Mit der Annahme der menschlichen Natur vom Himmlischen Wort, dem Logos, vollzieht sich der grundlegende Schritt zur Heimholung des Menschen und der Schöpfung. Die Menschwerdung und damit die vollkommene Annahme der menschlichen Natur bildet die Grundbedingung unserer Erlösung. Der Kreuzestod, die Auferstehung und die Himmelfahrt des Herrn vervollständigen das Geschehen der Inkarnation. Die Tatsache, das Gott Mensch geworden ist, überrascht am meisten. Alles übrige, was danach geschah, ist nur die  fast selbstverständliche Folge dieses Ereignisses. Wir müssen die Menschwerdung Christi nicht nur statisch, sondern in ihrer ganzen dynamischen, den Verlauf der Geschichte verändernden Dimension betrachten, so dass wir zu einer echten theologischen Bewertung seiner Passion gelangen können. Dazu sagt der russische Theologe Vladimir Lossky: "Die Kenosis ist die Seinsweise der in die Welt gesandten Göttlichen Person, in der sich der gemeinsame Wille der Dreieinheit erfüllt, deren Quelle der Vater ist". Durch Seine Menschwerdung nahm Gott, der Sohn, eine individuelle menschliche Natur an. Da Er aber nicht, wie die anderen Menschen, mit der Erblast Adams geboren wurde, besaß Seine Menschheit, wie es der heilige Maximus ausdrückt: " die Unsterblichkeit und Unverweslichkeit der Natur Adams vor der Sünde". 

 

Hier erhebt sich nun aber die Frage: Weshalb ist Er dann gestorben und zwar den schmählichen Tod am Kreuz? (vgl.: Philipper 2:8). Die Antwort gibt uns wiederum der heilige Maximus: "Christus unterwarf sich freiwillig den Bedingungen unserer gefallenen Natur". Und Vladimir Lossky: "Von Christus wurden nicht nur die menschliche Natur, sondern auch das, was widernatürlich ist, angenommen, nämlich die Folgen der Sünde". Jedoch blieb er dank der jungfräulichen Geburt frei von den Folgen der Sünde, also dem Erbtod von Adam her. Christus unterwarf sich also freiwillig allen Folgen unserer Sünde, obwohl Er selbst völlig sündlos blieb, um die Tragödie der menschlichen Freiheit (die Verhaftung an die Sünde und, daraus folgend, an den Tod) zu beenden und den Bruch zwischen Gott und den Menschen zu heilen. Der Logos stieg auf diese Weise bis zu den äußersten Grenzen der durch die Sünde verdorbenen Menschheit hinab, also bis in den Tod und sogar in das Reich des Todes. "Er, der Vollkommene Gott, ist nicht nur zum vollkommenen Menschen geworden, sondern Er hat auch alle aus der Sünde stammenden Unvollkommenheiten und Beschränkungen mit auf sich genommen» (Vladimir Lossky). Christus nahm in Seiner gott-menschliche Person die ganze Erniedrigung der durch die Sünde deformierten menschlichen Natur an. So gibt es ein Zusammengehören und Auf-einander-bezogen-sein von Inkarnation und Passion Jesu Christi, wenn wir das Mysterium Seines Erlösungshandelns in rechter Weise verstehen wollen. Durch Seine Menschwerdung nimmt unser Herr und Erlöser Jesus Christus die ganze geschaffene Welt, den Kosmos, in sich auf und vereinigt sie mit Seiner gott-menschlichen Natur, damit die Welt in Seinem Leib (das ist die Kirche) eingegliedert und so geheilt und errettet, geheiligt und vergöttlicht wird. Durch Seinen Kreuzestod befreit Er die Welt aus der Tyrannei der Sünde und des Todes, weil Er die Sünden der ganzen Welt auf sich nahm und "zum Fluch für uns ward" (Galater 3:13), damit die Welt in Ihm neu geschaffen wird. "Der letzte Schrei Christi am Kreuze war eine Offenbarung Seiner wahren Menschheit, die den Tod freiwillig, als Endpunkt Seiner göttlichen Kenosis für uns erlitt" (Vladimir Lossky). Und dieses Erlösungshandeln Christi ist in seiner Zielrichtung nicht metaphorisch, nicht allgemein oder gar unverbindlich, sondern wendet sich stehts an mich, den konkreten, erlösungsbedürftigen einzelnen Menschen. Deshalb singen wir in der Großen und Heiligen Woche auch den folgenden Hymnus:

 

Um meinetwillen wurdest Du gekreuzigt,

um mir die Vergebung zu spenden.

Deine Seite wurde durchbohrt,

daß Du mir Ströme des Lebens sprudeln lässt.

Angeheftet wurdest Du mit Nägeln,

damit ich glaube an die Größe Deiner Kraft

un der Tiefe in deiner Leiden zu Dir riefe:

Lebenspender, Christus, Ehre sei Deinem Kreuze,

 

Deinem Leiden, oh Erlöser!