Orthodoxe Welt

 

Kurzgefasste Geschichte der

 

 

Orthodoxen Kirche in Deutschland

 

 

Zur Familie der Orthodoxen Kirche in Deutschland gehören derzeit neun Bistümer, die ihren Sitz entweder in der Bundesrepublik Deutschland selbst haben oder wenigstens mit einigen Gemeinden dort vertreten sind. Gemeinsam repräsentieren sie die Gesamtheit der orthodoxen Christen in diesem Lande.

 

Ihre Existenz ist nicht die Folge einer einheitlichen Planung, sondern das Ergebnis eines mehrhundertjährigen dynamischen Prozesses der Zuwanderung und Ansiedlung von Orthodoxen in Deutschland, auf Grund dessen die Orthodoxie heute mit gut 1,2 Millionen Gläubigen die drittstärkste christliche Konfession des Landes ist.

 

Erste Kontakte zwischen den Christen Deutschlands und der Orthodoxie ergaben sich schon am Ende des Mittelalters, allerdings sehr sporadisch, vor allem, wenn Gesandtschaften aus orthodoxen Ländern, zumeist aus Russland, deutschen Reichstagen beiwohnten und dort auch ihre Gottesdienste feierten. Vereinzelt kamen auch Geistliche aus dem Orient, die Unterstützung für ihre Gemeinden und Klöster unter osmanischer Herrschaft erbaten.

Erste orthodoxe Gemeindebildungen gehören erst dem ausgehenden 17. bzw. dem 18. Jahrhundert an und tragen zumeist noch einen temporären Charakter. Selbst noch im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert trägt die Mehrzahl der orthodoxen Gottesdienststätten in Deutschland einen eher temporären Charakter, auch wenn inzwischen an die Stelle der provisorischen Einrichtungen teils architektonisch sehr gelungene Bauten getreten sind. Oft wurden hier nur während der Sommermonate oder zu besonderen Gedenktagen Gottesdienste gefeiert. Allerdings gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts Pläne zur Errichtung repräsentativer Kirchen in einigen Großstädten, wie sie dann z. B. in Dresden verwirklicht wurden.

 

Hatte der Ausbruch des I. Weltkrieges das orthodoxe Leben kurzfristig fast zum Erliegen gebracht, so bedeutete sein Ende, vor allem die bolschewistische Machtübernahme in Russland, dass binnen kurzer Zeit zahlreiche Flüchtlinge aus dem ehemaligen Russischen Reich nach Deutschland strömten. Zu Beginn der 20er Jahre lebten zeitweilig mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge russischer Staatsangehörigkeit in Deutschland.

 

Wenn auch die meisten von ihnen bald in andere Länder abwanderten, blieben doch genug, um einige neue orthodoxe Gemeinden zu gründen und die alten Kirchen mit einem bis dahin ungekannten Leben zu erfüllen. Der russischen Emigration ist auch die Gründung des ersten orthodoxen Bistums in Deutschland zu verdanken, das 1927 unter der „Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland" entstand, der aber selbst in Deutschland nur einen Teil der Emigranten unterstand.

 

Allerdings erfreute sich seit 1933 die russische Auslandskirche eines besonderen Wohlwollens der Reichsregierung, die ihrer deutschen Diözese 1936 als erster orthodoxer Einrichtung den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes verlieh und durch ein Gesetz aus dem Jahre 1938 den russischen Kirchenbesitz in Deutschland übertrug.

 

Dadurch waren die Mehrzahl der russischen Gemeinden in Deutschland, die dem Ökumenischen Patriarchat unterstanden, seit sich 1931 Metropolit Evlogij (Georgievskij) und das von ihm geleitete Erzbistum der russischen orthodoxen Gemeinden in Westeuropa dem Ökumenischen Patriarchen unterstellt hatte, gezwungen, sich der Auslandskirche anzuschließen.

 

Zahlreiche sogenannte "Ostarbeiter" aus der Ukraine, Weißrussland und Russland und die aus den deutschen Lagern befreiten Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlinge ließen die Zahl der orthodoxen Christen in den alliierten Besatzungszonen gegen Kriegsende und kurz danach erneut sprunghaft ansteigen. Auch jetzt versuchten zwar die meisten dieser "displaced people", so rasch als möglich Deutschland zu verlassen und nach Möglichkeit in die USA einzuwandern, aber es blieb doch eine genügend große Zahl in diesem Land, nunmehr nicht nur aus den Gebieten der UdSSR, sondern auch aus Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien, so dass nun rasch vor allem serbische Gemeinden an verschiedenen Orten entstanden, so zuerst in München, dann bis 1969 noch in Hannover, Düsseldorf und Osnabrück.

 

Das Moskauer Patriarchat konnte auf Grund der geänderten politischen Verhältnisse 1945 ein Bistum von Berlin und Mitteleuropa errichten, das zuerst das Territorium ganz Deutschlands umfasste. Eine erste Gemeinde konnte 1958 gegründet werden.

 

Zu Beginn der 60er Jahre hatte sich das orthodoxe Gemeindeleben in Deutschland einerseits konsolidiert, andererseits trat ein gewisser Schwund der Gläubigen durch Überalterung und Abwanderung der Emigranten ein.

 

Doch begann Ende der 50-er Jahre des 20. Jahrhunderts ein neues Kapitel der Migration orthodoxer Christen nach Deutschland. Denn ab jetzt erfolgte eine neue Zuwanderungswelle durch die als sogenannte "Gastarbeiter" nach Deutschland kommenden ausländischen Arbeitnehmer aus Griechenland und dann wenig später auch aus Jugoslawien. Während man in diesem Zusammenhang zunächst an eine zeitlich begrenzte Anwesenheit von Arbeitskräften dachte, erwies sich die Anwerbung einer so großen Anzahl von Arbeitnehmern orthodoxen Glaubens als die Grundlegung einer bleibenden Orthodoxen Kirche in Deutschland.

 

Insbesondere die bislang wenig zahlreichen griechischen orthodoxen Gemeinden nahmen binnen weniger Jahre so zu, dass das Ökumenische Patriarchat seine bislang für ganz West- und Mitteleuropa zuständige Erzdiözese von Thyateira mit Sitz in London auf mehrere Metropolien aufteilte. So wurde 1963 auch die Griechisch-Orthodoxe Metropolie von Deutschland / Exarchat von Zentraleuropa (zunächst: Exarchat von Dänemark und Holland) gegründet, die sich bald zum größten und bestorganisiertesten orthodoxen Bistum des Landes entwickelte, was sie mit 58 Kirchengemeinden und über 150 Gottesdienststätten sowie knapp einer halbem Million Mitgliedern insbesondere griechischer, aber auch rumänischer Herkunft bis heute geblieben ist. 1974 wurde sie als Körperschaft des öffentlichen Rechts zunächst in Nordrhein-Westfalen, später in allen alten Bundesländern anerkannt.

 

Auch die bis dahin fast ausschließlich aus Emigranten bzw. "Displaced People" des II. Weltkrieges bestehenden serbischen Gemeinden nahmen in Folge der Gastarbeiterzuwanderung aus Jugoslawien zahlenmäßig rasch zu: Am 12. März 1969 wurde eine eigene Diözese für Westeuropa gegründet, die zuerst ihren Sitz in London hatte. Ab Frühjahr 1972 begann eine verstärkte missionarische Seelsorgearbeit unter den in Deutschland lebenden serbischen Gastarbeitern. Aus diesem Grunde wurde der Bischofssitz zuerst nach Düsseldorf, dann 1979 nach Hildesheim bei Hannover verlegt, von wo er im August 2000 nach München transferiert werden soll.

 

Teils ebenfalls als Gastarbeiter, teils aber auch als Asylanten aus der Türkei und Flüchtlinge vor dem Bürgerkrieg im Libanon kamen wenig später die meisten der derzeit gut 10.000 arabischsprachigen Gläubigen des Patriarchats von Antiochien nach Deutschland.

 

Seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa durchläuft auch die Orthodoxe Kirche in Deutschland eine noch keineswegs abgeschlossene Entwicklung, die man wohl ohne Übertreibung als umbruchartig kennzeichnen kann - einmal im Hinblick auf die bedeutende Zunahme der Anzahl orthodoxer Christen in diesem Lande, vor allem aber wegen deren immer tieferen Verwurzelung in Deutschland: Während die vorstehend beschriebenen ersten großen Wellen orthodoxer Zuwanderung nach Deutschland aus Personen bestanden, die gewillt waren, dieses Land so rasch als nur möglich wieder zu verlassen und sich ihren Aufenthalt hier nur als zeitweilige Gäste vorstellen wollten und konnten, kommen nun immer mehr orthodoxe Christen nach Deutschland, die hier eine neue Heimat suchen und finden - anders als die Emigranten, die nach der bolschewistischen Machtergreifung im Russischen Reiche 1917 bzw. auf Grund des nachfolgenden Bürgerkrieges in Deutschland Zuflucht fanden, oder die "displaced people", die am Ende des II. Weltkrieges aus Osteuropa und vom Balkan in dieses Land verschlagen worden waren, anders auch als die griechischen und dann die serbischen Arbeitnehmer, deren Bezeichnung als "Gastarbeiter" zwar nie unproblematisch war, aber doch erkennen lässt, dass weder sie selbst noch ihre deutschen "Gast-", oder richtiger Arbeitgeber an einen langfristigen Aufenthalt gedacht haben.

 

Zwar ist in vielen dieser Fällen - wenn auch aus sehr unterschiedlichen Gründen! - oft aus dem geplanten kurzen "Gastaufenthalt" ein langfristiger Wohnsitz geworden, hat eine Reihe dieser Menschen in Deutschland de facto, sogar gegen ihre eigene ursprüngliche Intention eine neue Heimstatt gefunden, aber nichtsdestoweniger blieben ihre psychologischen Bindungen an die alte Heimat dominierend, was sich nicht zuletzt auch in ihren Erwartungen an die Kirchengemeinden ausdrückte und teils noch immer ausdrückt: Diese sichern einen wesentlichen Teil ihrer nationalen und ethnischen Identität, stellen gleichsam heimische Inseln in der deutschen Alltagswelt dar, in die diese Menschen ansonsten mehr und mehr integriert wurden.

 

Für viele der in den letzten Jahren neu aus Ost- und auch aus Südosteuropa nach Deutschland gekommenen Menschen stellt sich jedoch die Situation anders dar: Sie sind - mit Ausnahme der Flüchtlinge vor dem postjugoslawischen Bürgerkrieg - nicht einer unerträglichen politischen Verfolgungssituation entkommen, sondern haben sich, teils unter Benutzung ihrer deutschstämmigen oder jüdischen Wurzeln, bewusst nach Deutschland begeben, um hier unter besseren Lebensbedingungen eine neue Heimat zu finden, in die sie sich auch weitgehend integrieren wollen, ohne deswegen allerdings ihre Herkunft und ihre heimischen Traditionen zu vergessen und ihre religiöse Bindung, ihren orthodoxen Glauben zu verleugnen.

 

 

Dies veranlasste in den letzten Jahren die Gründung zweier neuer orthodoxer Bistümer, die ihre Gemeinden in Deutschland betreuen: einmal der Rumänischen Metropolie für Deutschland und Zentraleuropa, sodann der Bulgarischen Diözese von West- und Mitteleuropa. Erstere wurde aus dem 1949 gegründeten und 1974 zum Erzbistum erhobenen Bistum für die in West- und Zentraleuropa lebenden Rumänen ausgegliedert und 1993 als Metropolie mit Gemeinden in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Dänemark, Schweden und Norwegen organisiert. Die Bulgarische Diözese existierte schon länger, allerdings mit Sitz in Budapest, der jedoch 1994 nach Berlin verlegt wurde. Auch sie umfasst außer den Gemeinden in Deutschland jene in Ungarn, Österreich, Belgien, Frankreich, England, Schweden und Norwegen.

 

Seit ihrer Unterstellung unter das Ökumenische Patriarchat und deren Bestätigung durch den Ökumenischen Patriarchen am 12.März 1995 gehört auch die Ukrainische Orthodoxe Kirche im Ausland zur Familie der kanonischen orthodoxen Bistümer. Auch die russische Auslandskirche gehört seit der Wiederherstellung kanonischer Beziehungen zur ihrer russischen Mutterkirche im Jahre 2007 zu dieser Kirchenfamilie.

 

Heute ist dadurch die Bundesrepublik Deutschland - abgesehen von den traditionellen Heimatländern in Osteuropa und auf dem Balkan - das europäische Land mit der größten Zahl orthodoxer Christen. Damit ist die Orthodoxe Kirche nicht nur - wenn auch mit markantem Abstand zu den beiden traditionellen Konfessionen des Landes - die drittgrößte christliche Kirche. Von daher kommt der Festigung der Orthodoxie auf deutschem Boden für die Gesamtorthodoxie eine eminente zukunftsweisende Bedeutung zu, zumal - wie schon gesagt - die derzeitige Präsenz der orthodoxen Christen in Deutschland nach aller Wahrscheinlichkeit keine kurzfristige, vorübergehende Erscheinung ist, sondern auf Dauer angelegt sein dürfte.

 

Aus diesem Grunde bemühte sich die Orthodoxe Kirche in Deutschland auch um die Einrichtung des orthodoxen Religionsunterrichtes als ordentlichem Lehrfach an staatlichen Schulen. Dies konnte bislang in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen sowie für Bayern im Raum München realisiert werden. Ebenso gilt das Engagement der Präsenz orthodoxer Theologie im akademischen Bereich: Seit 1979 gibt es an der Universität Münster einen Lehrstuhl für orthodoxe Theologie und seit 1984 einen solchen in München, der inzwischen zu einer Ausbildungseinrichtung mit derzeit vier Lehrstühlen ausgebaut werden konnte.

 

Aus der Überlegung heraus, dass die verschiedenen national strukturierten orthodoxen Bistümer in Deutschland Glieder der einen Orthodoxen Kirche sind und somit entsprechende organische Strukturen finden sollen, wurde nach entsprechender Vorbereitung am 1. Mai 1994 ein Organ geschaffen, das die orthodoxen Bistümer, die untereinander in kanonischer Gemeinschaft stehen, zusammenführt und - unbeschadet ihrer weiterbestehenden Bindung an die jeweiligen autokephalen Mutterkirchen - zu intensiverem gemeinsamen Handeln befähigt: die Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland (KOKiD). Nach den Vorgaben der IV. Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz, die im Juni 2009 in Chambesy getagt hatte, wurde dann am 27 Februar 2010 in der Rumänischen Metropolie in Nürnberg durch die orthodoxen Bischöfe für Deutschland die „Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland“ konstituiert. Sie ist nun das Zentralorgan der Orthodoxen Kirche in Deutschland, mit dem diese mit einer Stimme spricht.

 

Zusammengefasst und ergänzt von Thomas Zmija v. Gojan nach Nikolaus Thon: Der historische Weg der orthodoxen Kirche in Deutschland.

 

 

 

 

Das orthodoxe Männerkloster in Suprasl.
Das orthodoxe Männerkloster in Suprasl.

 

Die Orthodoxe Kirche in Polen

Ein kurzer Einblick in Geschichte und Gegenwart

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

In unserem Nachbarland Polen ist die orthodoxe Kirche mit etwa 600.000 bis 800.000 Gläubigen nach der römisch-katholischen Kirche die größte Glaubensgemeinschaft. Sie wird durch den Metropoliten von Warschau und ganz Polen geleitet. Die Kirche ist in sieben Diözesen gegliedert: Die Erzdiözese von Warschau und Bielsk wird vom Metropoliten direkt verwaltet. Ihm stehen die Diözesanbischöfe von Białystok and Danzig, von Łódź und Posen, von Breslau und Stettin, von Lublin und Chełm, von Przemyśl und Nowy Sącz, sowie - für die Gläubigen in Brasilien - der Bischof von Rio de Janeiro and Olinda-Recife zur Seite. Zu diesen kommt noch eine weitere Diözese für die Militärseelsorge. Neben den acht Bischöfen unter dem Vorsitz des Metropoliten von Warschau und ganz Polen versehen etwa 400 Priester ihren Dienst in 300 Gemeinden. Außerdem gehören zu ihr mehrere Auslandsdiözesen und -pfarreien in Portugal, Spanien, Brasilien und Italien. Zur Kirche gehören fünf Männerklöster und drei Frauenklöster mit ungefähr hundert Mönchen und Nonnen. Zur Ausbildung des Priesternachwuchses finanziert sie je einen Lehrstuhl an der Universität Białystok und an der Christlich-Theologischen Akademie in Warschau. Darüber hinaus unterhält sie ein eigenes Seminar in Warschau, eine Schule für Ikonenmalerei in Bielsk Podlaski und eine Kirchenmusikerschule in Hajnówka.

 

Die orthodoxen Gläubigen in Polen gehören ursprünglich unterschiedlichen Ethnien an, wobei Menschen ukrainischer und belorussischer Abstammung die Mehrheit bilden. Aber heute ist das verbindende und prägende Element ihrer Identität der gemeinsame orthodoxe Glaube. National empfinden sich die meisten Gläubigen als orthodoxe Polen mit kulturellen Besonderheiten, die sich aus ihren ukrainischen oder belorussischen Wurzeln ergeben. Obwohl orthodoxe Gemeinden heute in ganz Polen zu finden sind, gibt es nach wie vor besondere Schwerpunkte der Orthodoxen im Osten und Südosten des Landes, vor allem in der Wojewodschaft Białystok. Hier liegen auch die wichtigen Klöster des heiligen Onufrius in Jabłeczina, des heiligen Johannes des Theologen in Suprasl und der heiligen Martha und Maria in Grabarka. 

 

Bis zu den polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert war der Südwesten und Westen des Landes mehrheitlich römisch-katholisch geprägt, während im Norden, Südosten und Osten das orthodoxe und später auch, das damit konkurierende griechisch-katholische Element stärker waren. Im Jahre 1386 war der litauische Großfürst Jagiełło polnischer König geworden. Durch seine damit verbundene Taufe nach römisch-katholischem Ritus nahm die Bildung eines katholisch dominierten, polnisch-litauischen Großreiches seinen Anfang. Im östlichen Teil dieses Staates waren aber nach dem Mongolensturm große Gebiete der Kiewer Rus mit mehrheitlich orthodoxer Bevölkerung inkorporiert worden. So entwickelt sich bis zum 16. Jahrhundert das polnisch-litauische Großreich zu einem Vielvölkerstaat, dessen heterogene Bevölkerungsethnien den unterschiedlichsten Glaubensbekenntnissen angehörten und deshalb von einer für die damalige Zeit besonderen religiösen Toleranz geprägt war.

 

Diese Situation änderte sich grundlegend mit dem Einsetzen der Gegenreformation seit 1575. Diese wurde durch die Könige Stephan Bathory und Sigismund III. maßgeblich gefördert und hauptsächlich durch den Jesuitenorden getragen. In den kirchengeschichtlichen Kontext der Gegenreformation gehört auch die im Jahre 1596 in Brest geschlossene Kirchenunion zwischen einigen orthodoxen Bischöfen im polnisch-litauischen Staat, die bis dahin dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel unterstanden und der römischkatholischen Kirche. Ihr ursprüngliches Ziel war es, die pastorale, sowie die staats- und kirchenpolitische Situation der Orthodoxen in der Rzeczpospolita zu verbessern, da es im Rahmen der Gegenreformation zu einer wachsenden rechtlichen und sozialen Diskriminierung der orthodoxen Kirche im polnisch-litauischen Staat gekommen war. Jedoch war ein großer Teil der ostkirchlichen Gläubigen nicht bereit, den uniatischen Weg mitzugehen. Es formierte sich schon bald ein breiter Widerstand; und zwar nicht nur unter weiten Teilen des Klerus, sondern auch in der Bevölkerung und vor allem im orthodoxen Adel. Besonders die massiven Latinisierungsbestrebungen des orthodoxen Glaubens und Gottesdienstes wurden von den Orthodoxen entschieden als unerlaubte Neuerungen abgelehnt. 

 

Politisch fand der orthodoxe Widerstand gegen die Union eine starke Stütze in den Kosaken der Saporoscher Sitsch und den orthodoxen Bruderschaften in den Städten. Infolge der Brester Union spaltete sich die Kiewer Metropolie in einen orthodoxen und in einen griechischkatholischen uniatischen Teil. Schon im Jahre 1620 konnte der Jerusalemer Patriarch Theophanes III eine neue orthodoxe Hierarchie unter einem eigenen Metropoliten von Kiew (Jov Boretskyj) weihen. Als der Abt des Kiewer Höhlenklosters, der heilige Pjotr Mohyla, im Jahre 1632 orthodoxer Metropolit von Kiew wurde, konnte er wegen seiner guten Verbindungen zum polnischen König Władysław IV die Aufhebung der seit der Union von Brest bestehenden repressiven Gesetze gegen die Orthodoxen und die offizielle Anerkennung der orthodoxen Hierarchie in der Rzeczpospolita erwirken. 

 

In Zeit zwischen 1795 und 1918 verschwand Polen als souveräner Staat von der Landkarte Europas. Nach den polnischen Teilungen kamen die römisch-katholischen Gebiete im Wesentlichen an Preußen und Österreich-Ungarn, während der von Orthodoxen und griechisch-katholischen Uniaten bewohnte Landesteil im Osten an Russland und im Süden an Östereich-Ungarn fiel. Damit kamen die polnischen Orthodoxen zum ersten Mal unter die Jurisdiktion des Patriarchen von Moskau. Seit 1453 hatte eine getrennte russische Metropolie zunächst in Vladimir und später in Moskau und eine ruthenische Metropolie in Kiew existiert. Während die Moskauer Metropolie 1590 mit der Anerkennung der Patriarchenwürde durch eine ökumenische Synode in Konstantinopel autokephal wurde, verblieb jedoch die Kiewer Metropolie weiterhin im Metropolitanverband des Ökumenischen Patriarchates. Zwar hatte der Moskauer Patriarch schon im Jahre 1686 für die seit 1651 russisch beherrschte, links des Flusses Dnipro liegende, Ostukraine die Unterordnung unter die russische Kirchenhoheit erreichen können, aber die westlichen Teile der Ukraine blieben als Metropolie von Kiew und Halyc (Galizien) bis zu den polnischen Teilungen unter der Oberhoheit von des Ökumenischen Patriarchates in Konstantinopel.  

 

Die Gläubigen der unierten Kirche fanden sich nun mehrheitlich auf österreichischen und russischen Teilungsgebiet wieder. Anfangs war die russische Verwaltung gegenüber der griechisch-katholischen Kirche sehr tolerant eingestellt und behinderten in keiner Weise ihr kirchliches Leben. Da die Mehrheit des unierten Klerus aber während der polnischen Aufstände in den Jahren 1830, 1848 und 1863 eine pro-polnisch orientierte Haltung eingenommen hatte, änderte sich nach der erfolgreichen Niederschlagung des ersten polnischen Aufstandes im Jahre 1831 die russische Politik gegenüber der unierten Kirche grundsätzlich. Zunächst wurden die Anhänger einer weitgehenden Latinisierung des byzantinischen Ritus aus der unierten Synode entfernt. In Jahre 1833 wurde dann die griechisch-katholische Hierarchie in Wolhynien aufgehoben und die Lawra von Pochyiv (russisch: Potschaev) wurde an orthodoxe Mönche übergeben. 1839 widerrief eine belorussische unierte Synode in Polotsk die Union von Brest und trat mit den verbliebenen unierten Gemeinden und Klöstern in Weißrussland zur Orthodoxie über. Den Abschluss dieser Entwicklung bildete im Jahre 1875 die Aufhebung des letzten unierten Bistums in Chełm, mit dem die griechisch-katholische Kirche auch in den Gouvernements Siedlce und Lublin aufgelöst wurde. Die letzten verbliebenen Pfarreien der Unierten wurden der orthodoxen Kirche eingegliedert. Jedoch nicht alle unierten Gläubigen wollten diesen Schritt mitvollziehen und es kam zur Gegenwehr überzeugt griechisch-katholischer Gläubiger im Chełmer Land. Diese traten ab 1905, als der Übertritt von ehemals unierten Gläubigen zur römisch-katholischen Kirche erlaubt wurde, zum katholischen Glauben über. Diese Vorgänge sollten im Polen der Zwischenkriegszeit zum Anlass für viele große Probleme zwischen der Orthodoxen Kirche Polens einerseits und der römischkatholischen Kirche und der polnischen Staatsmacht anderseits werden. Denn im stark national geprägten Bewusstsein der Polen wurde die orthodoxe Kirche von da ab als Teil des russischen Okkupations-und Unterdrückungsapparates wahrgenommen.

 

Im österreichischen Teilungsgebiet der alten Rzeczpospolita, dem Königreich Galizien und Lodomerien, bestand die unierte Kirche unter der dortigen ukrainischsprachigen Bevölkerung fort. Dort waren die orthodoxen Bistümer von Lemberg (im Jahre 1700) und Przemyśl (im Jahre 1693) zur Union übergegangen. In der Zeit zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert, vor allem aber in der Zeit der Zweiten Polnischen Republik (1918 -1939) wurde die griechisch-katholische Kirche in der Westukraine zur Hauptstütze des nationalen und kulturellen Erwachen der dortigen Westukrainer. Die enge Verbindung zwischen dem westukrainischen Volk und der unierten Kirche, die sich durchaus mit der Bedeutung der römischkatholischen Kirche für die polnische Nation vergleichen lässt, ermöglichte es der ukrainisch-katholischen Kirche nicht nur die Zeit der sowjetkommunistischen Verfolgungen erfolgreich zu überstehen, sondern sogar noch gestärkt aus diesen hervor zu gehen. 

 

Nach dem Ersten Weltkrieg waren im wiedererstandenen unabhängigen polnischen Staat plötzlich vier Millionen Orthodoxe eine gewichtige Minderheit. Nach dem Zensus des Jahres 1931 machten sie 11,8% der Gesamtbevölkerung aus. Da die polnische Regierung ihnen nahelegte, sich von Moskau zu trennen, wurde 1922 eine Synode in Warschau einberufen, die die Autokephalie erklärte. Eine Gruppe orthodoxer Bischöfe um Bischof Jerzy Jaroszewki von Warschau befürwortete die Autokephalie, während aber eine andere Gruppe der Bischöfe die inzwischen gewachsenen historischen Verbindungen zur russischen Kirche aufrecht erhalten wollte. Als Antwort auf die Synode des Jahres 1922 gewährte Patriarch Tichon der polnischen Kirche die Autonomie und erhob Bischof Jerzy in den Rang eines Metropoliten, weigerte sich aber strikt, eine Autokephalie der polnischen Kirche anzuerkennen. Der Streit nahm bittere Züge an, als Metropolit Jerzy von einem russischen Mönch, der seinen kirchenpolitischen Kurs ablehnte, ermordet wurde. Am 13. November 1924 gewährte der Ökumenische Patriarch Konstantinos VI. der polnischen Kirche die erbetene Autokephalie. 1927 verlieh Konstantinopel Metropolit Dionizy (Waledynski), dem Nachfolger von Metropolit Jerzy, den Ehrentitel „Eure Seligkeit“. Das Moskauer Patriarchat legte Protest in Konstantinopel ein und betrachtete den ganzen Vorgang als Einmischung in seine Angelegenheiten und weigerte sich deshalb, die Selbständigkeit der polnischen Kirche anzuerkennen.

 

Innerkirchliche und interkonfessionelle Konflikte prägten das Leben der Polnisch-Orthodoxen Kirche während der Zwischenkriegszeit. Innerhalb der Kirche gab es einen deutlichen Gegensatz zwischen den Bischöfen, die fast alle Russen waren, und den Gläubigen, die zu zwei Dritteln Ukrainer waren. Die Bischöfe weigerten sich, ukrainische Bischöfe zu ernennen, und untersagten die Verwendung der ukrainischen Sprache im Gottesdienst. In dieser Zeit hatte die Polnische Orthodoxe Kirche 5 Diözesen, 1624 Pfarrgemeinden und 16 Klöster. Der Priesternachwuchs wurde an zwei Seminarien mit insgesamt 500 Seminaristen in Wilna und Krzemieniec, sowie an der orthodoxen theologischen Fakultät an der Universität Warschau mit 150 Studenten ausgebildet.

 

Im Jahre 1919 stellte die polnische Bevölkerung in den Ostgebieten des wiedererstandenen Polens nur 25% der dortigen Bevölkerung. So waren in diesem Gebiet von 13,5 Millionen Einwohnern insgesamt nur etwa 3,5 Millionen Polen. Es lag also im nationalstaatlichen Interesse Polens, die im Gegensatz zu den Ukrainern im benachbarten Ost-Galizien national noch indifferente orthodoxe Bevölkerung im Chelmer Land und Podlasie für das Polentum zu gewinnen. So verbanden sich chauvinistische Ressentiments der politischen Eliten gegen die ukrainischen und belorussischen Minderheiten mit theologischen, nationalreligiösen und materiellen Ansprüchen der römisch-katholischen Kirche zu einem unheilvollen Zusammenspiel, deren leidtragende Opfer die orthodoxen Gläubigen in Ostpolen wurden. Ausdrückliches und auch offen erklärtes Ziel dieser Allianz war es, so viele orthodoxe Kirchen wie nur irgend möglich zu zerstören, um, wenn nicht gar eine polnisch-katholische Hegemonie, so doch und zumindest eine Dominanz des römisch-katholischen und damit auch des polnischen Elementes in den östlichen Region für alle Zukunft sicher zu stellen. Seitens der orthodoxen Christen in Polen wirkten diese Vorgänge bis in jüngste Zeit nach und belasteten das orthodox-katholische Verhältnis auf das Schwerste. Denn die römisch-katholische Kirche Polens wurde von den orthodoxen Gläubigen für lange Zeit als eine bösartige Macht angesehen, die ihre Kirchen gewaltsam schließen und zerstören, und orthodoxe Christen mit, bis zur physischen Gewalt reichenden Mitteln, zur Konversion zwingen wollte. Metropolit Dionizy protestierte offiziell gegen die antiorthodoxen Ausschreitungen, die sich oft im Zusammenspiel von polnischen Gendarmerie- und Milizeinheiten und lokaler katholischer Geistlichkeit abspielten. Oft wurden die Kirchen entweder verwüstet oder niedergebrannt und so überhaupt gar nicht erst in den Gebrauch der römisch-katholischen Gemeinden überführt. Die heiligen Ikonen und andere orthodoxe Sakralgegenstände wurden dabei von polnischer Seite oft bewusst geschändet. Auch der unierte Metropolit Andryj Scheptytskyj verteidigte in einem Hirtenbrief an seine Gläubigen die Rechte der orthodoxen Ukrainer in Wolhynien gegen diese „Revindikationen“ genannten Übergriffe. Erst im November 1938 stellt der polnische Staat die Verfolgungen ein und erließ ein Dekret, in dem er die Existenz der orthodoxen Landeskirche auch offiziell anerkannte und das Verhältnis der staatlichen Autoritäten zu ihr regelte. Bis dahin waren in den Verfolgungen im Chełmer Land und Podlasie nahezu die Hälfte der orthodoxen Kirchen und nahezu alle Klöster vernichtet worden. 

 

Als im Zweiten Weltkrieg der Osten Polens durch die Sowjetunion besetzt wurde, kamen die meisten bisherigen Angehörigen der orthodoxen Kirche Polens wieder unter die Jurisdikition des Moskauer Patriarchats, während der kleinere Teil der Kirche im von Deutschen besetzten „Generalgouvernement“ selbständig blieb. Auch die chauvinistischen Ausschließlichkeitsansprüche auf die jahrhundertelang gemeinsam bewohnte Heimat lösten während und nach dem Zweiten Weltkrieg blutige Vertreibungen der jeweiligen Minderheiten beiderseits der neuen Grenze aus, die das Verhältnis zwischen Polen und Ukrainern bis in die jüngste Vergangenheit auf das Schwerste belasteten. 

 

Die Bevölkerungsverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg beeinflussten auch die Gemeindestruktur der orthodoxen Kirche in Polen. Denn im Rahmen der sogenannten „Operation Weichsel“ wurde der überwiegende Teil der vormals im heutigen Ostpolen ansässigen – häufig orthodoxen – Ukrainer in die im Westen und Norden an Polen angegliederten Regionen zwangsumgesiedelt, wo sich neue Gemeinden bildeten. Ein weiterer Teil der Ukrainer wurde jedoch auch in die Sowjet-Ukraine, der auch ein Teil des ehemaligen Ostpolens angegliedert wurde, zwangsumgesiedelt. Im Rahmen dieser Maßnahmen kamen viele Alte, Schwache und Kinder ums Leben. Die alte ukrainische Kulturregion in den Waldkarpaten am Fluss San wurde so gut wie vollständig entvölkert und die meist aus Holz gebauten Dörfer der ukrainischen Lemken und Bojken wurden vernichtet. Noch heute gehören die Waldkarpaten zu den am dünnsten besiedelten Gegenden Polens und gehören als Biosphärenreservat zum Weltnaturerbe der UNESCO.

 

Erst in der Zeit nach 1970 konnten Teile der verschleppten Ukrainer in ihre alte Heimat in den Karpaten und im Chełmer Land zurückkehren. Als im Jahre 1989 das demokratische Polen wiedererstanden war, konnte auch die orthodoxe Kirche wieder damit beginnen, das kirchliche Leben in der angestammten Heimat neu aufzubauen. 

 

Mit den Grenzziehungen am Ende des Zweiten Weltkrieges umfasste die orthodoxe Kirche in Polen nur noch ein Zehntel ihrer Vorkriegsgröße. Nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahre 1948 wurde der Metropolit Dionizy der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt und wegen seiner antikommunistischen Haltung auf Betreiben der Regierung abgesetzt. Die Regierung wies die orthodoxe Kirche ebenfalls an, sich wieder dem Moskauer Patriarchat zu unterstellen. Im gleichen Jahr erklärte das Moskauer Patriarchat auf Bitte des Heiligen Synods der Polnischen Orthodoxen Kirche die vom Ökumenischen Patriarchen im Jahre 1924 erteilte Autokephalie für null und nichtig und veröffentlichte ein eigenes Autokephalie-Statut für die polnische Kirche. Der Stuhl des polnischen Metropoliten blieb aber bis zum Jahre 1951 vakant, als die orthodoxen Bischöfe Polens die russisch-orthodoxe Kirche baten, einen neuen Kandidaten für den Stuhl des Warschauer Metropoliten zu benennen. Die Wahl fiel auf Erzbischof Makaryj (Oksaniuk) von Lemberg. Seit dieser Zeit unterhält die orthodoxe Kirche Polens brüderliche Beziehungen zum Moskauer Patriarchat. Die Autokephalie der polnischen Kirche wird jedoch auch von allen griechisch geprägten orthodoxen Schwesterkirchen anerkannt.

 

Seit der demokratischen Wende hat Polen sein Verhältnis zu den östlichen Nachbarn nachhaltig verbessern können. Insbesondere das Verhältnis Polens zur Ukraine hat - vor allem seit der „Orangenen Revolution“ - eine positive Wendung genommen. Auch die Orthodoxe Kirche Polens konnte in den vergangenen Jahren ihr kirchliches Leben entsprechend der Bedürfnisse ihrer Gläubigen frei entfalten. Damit einher ging eine immer stärkere werdende Verwurzelung - gerade der jüngeren Gläubigen - in der polnischen Kultur und der damit einhergehende Wunsch nach einer stärkeren Verwendung des Polnischen im Gottesdienst, denn bisher ist Kirchenslawisch immer noch die hauptsächlich im Gottesdienst verwendete Sprache. Die strittigen Fragen um kirchlichen Besitz mit der katholischen und unierten Kirche konnten inzwischen einvernehmlich gelöst werden, so dass das Kloster in Suprasl und viele, kulturhistorisch wertvolle, orthodoxe Holzkirchen im Südosten des Landes inzwischen restauriert werden konnten. An den Schulen wird orthodoxer Religionsunterricht erteilt und der polnische Staat bezahlt die Gehälter der Religionslehrer. Auch wird orthodoxe Seelsorge durch Kapläne und Priester in den Krankenhäusern, Strafanstalten, bei dem Militär und der Polizei, sowie in verschiedenen anderen öffentlichen Institutionen sichergestellt. 

 

Ein wichtiges verbindendes Element im Leben der Orthodoxen bilden die alljährlich stattfindenden Wallfahrten. Eine der Wichtigsten stellt die Wallfahrt auf den Heiligen Berg in Grabarka rund 10 km östlich von Siemiatycze am Fest der Verklärung Christi (polnisch: Przemienienia Panskiego Spasa) dar. Jedes Jahr pilgern Tausende orthodoxe Gläubige aus Polen, der Ukraine und Belorus nach Grabarka, um mit der Wallfahrt ein deutliches Bekenntnis zu ihren orthodoxen Glauben abzulegen. Sie bringen kleine und große Kreuze mit, in sie ihre Fürbitten geschnitzt haben und lassen diese am Ende der Wallfahrt rund um die Klosterkirche auf dem heiligen Berg zurück. Bevor sie in der Nacht vor dem Fest den heiligen Berg besteigen, waschen sie mit einem weißen Tuch in der heiligen Quelle des Ortes. Das heilige Wasser schützt die Gläubigen vor Krankheiten, denn im 18. Jahrhundert wurden die Menschen durch das Wasser der heiligen Quelle vor der Cholera bewahrt. Die weißen Tücher, die das Kranke aufgenommen haben, lassen sie an der Quelle liegen oder hängen sie in die umstehenden Bäume. Später verbrennen sie die Nonnen. Nach dieser rituellen Reinigung besteigen die Pilger - zum Teil auf Knien - den Heiligen Berg. Die ganze Nacht vom 18. auf den 19. August beten sie dort und nehmen am frühen Morgen an der Göttlichen Liturgie teil. Vielleicht ist gerade die Wallfahrt auf den heiligen Berg in Grabarka für orthodoxe Gläubige aus Deutschland eine gute Gelegenheit, das orthodoxe Leben in unserem Nachbarland Polen auch einmal aus persönlicher Anschauung näher kennen zu lernen?

 

S.E. Metropolit Sawa von Polen empfängt S.H. Patriarch Theophilus von Jerusalem.
S.E. Metropolit Sawa von Polen empfängt S.H. Patriarch Theophilus von Jerusalem.
Zeichen wachsender Ökumene: Orthodoxer Gottesdienst im oberschlesischen Opppeln in einer katholischen Kirche.
Zeichen wachsender Ökumene: Orthodoxer Gottesdienst im oberschlesischen Opppeln in einer katholischen Kirche.
Neuerbaute orthodoxe Kirche in Bielanka bei Gorlice  in Wojewodschaft Kleinpolen (Photo 2015)
Neuerbaute orthodoxe Kirche in Bielanka bei Gorlice in Wojewodschaft Kleinpolen (Photo 2015)
Neuerbaute orthodoxe Kirche in Bielanka bei Gorlice  in Wojewodschaft Kleinpolen (Photo 2015)
Neuerbaute orthodoxe Kirche in Bielanka bei Gorlice in Wojewodschaft Kleinpolen (Photo 2015)
Neuerbaute orthodoxe Kirche in Stettin.
Neuerbaute orthodoxe Kirche in Stettin.
Blick in die neuerichtete Kapelle der orthodoxen Schule der Heiligen Kyrill und Method in Białystok (Беласток).
Blick in die neuerichtete Kapelle der orthodoxen Schule der Heiligen Kyrill und Method in Białystok (Беласток).
Orthodoxe Filialkirche in Holi, Pfarrei  Horostyca, im Dekanat Chełm, Diözese Lublin-Chełm.
Orthodoxe Filialkirche in Holi, Pfarrei Horostyca, im Dekanat Chełm, Diözese Lublin-Chełm.
S.E. Erzbischof Abel von Lublin und Chełm.
S.E. Erzbischof Abel von Lublin und Chełm.

 

Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. ((Matthäus 25:40)

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Stammtischparolen verbreiten sich im Internet derzeit am schnellsten, vor allem in den sozialen Netzwerken. Danach leben die Flüchtlinge in Deutschland in Sternehotels und kriegen vom Staat alles bezahlt. Je plakativer und unrealistischer die Aussagen sind, je mehr fremdenfeindliche Klischees bedient werden, desto höher ist erschreckenderweise die Zahl der "Likes". Kein orthodoxes Problem? Ich denke schon, denn wir leben in diesem Lande und sind damit ein Teil dieser Gesellschaft. Und auch unser Herr Jesus Christus macht uns im Gleichnis vom armen Lazarus unmissverständlich klar, dass das Schicksal unserer Nächsten uns sehr wohl angeht ((Lukas 16:19-31). 

 

Aus dieser Evangelienperikope könnte man zunächst schließen, dass das Gericht Gottes den Reichen allein deshalb bestraft, weil er reich war und sich auf der Erde seines Lebens und der ihm zugefallenen materiellen Güter erfreute und dass Lazarus nur allein zum Trost für all das Leid, das er auf der Erde erfahren hatte, Freude und Ruhe im Schoße Abrahams gewährt wurde. Doch so einfach ist es am Ende nicht. Es ist nicht die Schuld eines Menschen, dass er reich ist und kein Verdienst für einen Menschen, wenn er arm ist. Im Evangelium treffen wir eine ganze Reihe von materiell gut gestellten Menschen, die ihr Herz vom Schicksal ihres Nächsten berühren ließen. Auch aus der Geschichte der Kirche kennen wir solche Beispiele, wie den heiligen Philaret den Mildtätigen. Diese Menschen waren aufgrund ihres Überflusses eine Freude und ein Segen für viele ihrer Mitmenschen, weil sie barmherzig waren, weil ihr Herz erfüllt war von Güte, Mitleid und Milde. Davon spricht auch der heilige Johannes Chrysostomus, wenn er sagt, dass Gott uns unsere materiellen Güter und geistigen Talente gegeben hat, damit wir unseren Mitmenschen helfen können.

 

Doch es kommt auch auf unsere Motivation, also darauf wie wir denken an. So wurde der Altvater Thaddej von Vitovnica, einer der großen Mönchsväter des 20. Jahrhunderts in Serbien nicht müde, seine geistlichen Kinder darauf hinzuweisen, dass unser Denken sehr wohl Einfluss auf unser ganzes Sein, auf den Wesenskern unserer Existenz hat. Es dreht sich eben nicht nur darum zu helfen, sondern vor allem auch mit welchen Gedanken im Herzen wir helfen. Dies sagte auch Vater Dimitrios, ein orthodoxer Priester aus Thesaloniki. Er meinte zu mir, wenn wir das "Axion Estin", das "Wahrhaft würdig" zur allheiligen Gottesgebärerin singen würden, so sollten wir die Würde jetzt Mittellosen nicht vergessen. Er meinte, es sei schon schlimm genug auf Hilfe angewiesen zu sein und werde noch schlimmer, wenn sie dann als Letztes noch ihre Würde verlieren würden, weil ihre Nachbarn sie mit Geringschätzung behandelten, da sie nun offensichtlich ganz unten angekommen sind. So verteilt Vater Dimitrios mit Hilfe seiner Kirchengemeinde täglich hunderte von Essensrationen. Zu den Bedürftigen kommen diese aber per neutalem Lieferservice der Gemeinde. " Keiner soll  sehen dass unsere Klienten bedürftig sind. Alle sollen denken, dass es ist ein Restaurant, das das Essen liefert. Denn ihre Würde ist oft das Einzige, was ihnen jetzt noch geblieben ist", so Vater Dimitrios.

 

Deutschland ist noch immer ein materiell reiches Land. Gleichzeitig jedoch wird die Debatte bei uns, sowohl bei Flüchtlingen, als auch bei der Griechenland- Nothilfe, meist von finanziellen Argumenten beherrscht. Wir leben im materiellen Wohlstand, nehmen diesen aber oft nicht mehr als ein Geschenk Gottes, sondern als von uns selbst geschaffen wahr. Als Kinder eines selbstsüchtigen Zeitalters und einer westlichen Konsumgesellschaft, in der die Güter der materielle Welt allein unserer Unterhaltungs- und Zerstreuungssucht zu dienen haben, neigen wir alle dazu, die Schöpfung und ihre guten Gaben nicht als Geschenke Gottes zu begreifen, in der wir nur die Verwalter sind, sondern wir streben selbstsüchtig danach, die materiellen Güter zu unserem alleinigen Wohlergehen für uns bewahren zu wollen. Dabei sind wir dann auch oft nicht mehr bereit oder auch in der Lage zu erkennen, wie zerstörerisch dieser Materialismus vor allem für uns selbst und für das Heil unserer Seelen ist.

 

Wie gehen wir als orthodoxe Christen also mit unseren, uns von Gott geschenkten materiellen, geistigen und geistlichen Mitteln um? Dies zu entscheiden, ist letztendlich der Bereitschaft eines jeden einzelnen von uns, auf den Anruf Gottes in uns (unser Gewissen) überlassen. Denn unser mögliches persönliches Engagement wird einerseits von unseren individuellen Fähig- und Möglichkeiten, anderseits aber auch entscheidend von unserer Bereitschaft abhängen, dieser leisen Stimme Gottes in unserem Inneren auch Gehör zu schenken. Insofern geht es nicht um kategorisch vorgetragene Forderungen, sondern darum, dass wir uns in unseren Herzen von den  Nöten unserer leidenden Mitmenschen anrühren lassen.

 

Bei aller gegebenen und auch angemessenen Wertschätzung organisierter staatlicher Hilfe und kirchlich getragener Caritas halten wir orthodoxen Christen auch an der Verpflichtung jeden einzelnen Christen zum Gebet für unseren in Not geratenen Nächsten und der daraus erwachsenden, tätigen Hilfe in seiner konkreten Notsituation fest. Die christlich orthodoxe Caritas wird sowohl als kirchliche Diakonie - in den traditionell orthodoxen geprägten Ländern meist getragen durch kirchliche Laienbruderschaften und die Klostergemeinschaften - aber auch als konkrete helfende Privatinitiative einzelner engagierter Christen, oftmals getragen von den frommen Christen in den örtlichen Pfarrgemeinden verstanden.

 

Christlich orthodoxe Caritas kann nicht als bloße Sozialhilfe in kirchlicher Trägerschaft verstanden werden, sondern sie erwächst immer aus dem Gebet und dem Hören auf das heilige Evangelium. Hieraus erwächst nach orthdoxem Verständnis überhaupt erst unsere Fähigkeit, den Fremde von Herzen willkommen heißen, den in Not Geratenen unsere Hilfe und Unterstützung selbstlos anzubieten und sie als Teil der Gemeinschaft in Christus willkommen zu heißen und sie so zu unseren Freunden zu machen.

 

Auch wenn es einen spezifisch orthodoxen Ausgangspunkt in der Feier der Göttlichen Liturgie und im Gebet als der unverzichtbarer Quelle allem caritativen Handelns gibt, so haben sich der gemeinsamen caritativen Aufgabe überall in Deutschland orthodoxe, katholische und evangelische Christen in ihren Gemeinden und Bistümern, caritativen Verbänden, sozialen Diensten und individuellen und gemeinsamen Aktionen einzelner, engagierter Christen gestellt.

 

Hier bräuchte es wirklich ein ganzes Buch, um ein annähernd umfassendes Bild der Vielfalt christlicher Hilfsprogramme und Projekte für Flüchtlinge und Asylsuchende zu beschreiben. Denn so viele Menschen bringen sich haupt- und ehrenamtlich ein, mit ihren Ideen, ihrer Zeit und ihrer Arbeitskraft. Unter ihnen gibt es viele, die selbst oder deren Vorfahren einmal als Fremde oder Flüchtlinge hier in Deutschland angekommen sind und nun ihre Erfahrung und die daraus erwachsenden Kompetenzen nutzen, um Neuankömmlinge auf ihren ersten Schritten hilfreich zu begleiten.

 

Die rum- orthodoxe Diözese in Deutschland und Mitteleuropa unter Metropolit Isaak koordiniert Hilfen für die orthodoxen und anderen orientalischen Christen unter den Flüchtlingen aus Syrien und dem Iraq. Die griechisch orthodoxe Metropolie in Deutschland vermittelt Spenden und Hilfsangebote nach Griechenland und unter anderen hilft Priester Artemij Bondarenko und die russische  orthodoxe Gemeinde in Coburg den Binnenflüchtlingen und vom Bürgerkrieg betroffenen Menschen im  Osten der Ukraine.

 

Neben vielen praktischen Hilfen und materieller Unterstützung für die  Flüchtlinge, ist auch die seelsorgliche Begleitung der Migranten ein großes aktuelles Thema für die orthodoxe Kirche in Deutschland. Die orthodoxen Priester sprechen mit den Flüchtlingen und Migranten über deren Sorgen und Nöte und vermittelt, wo es möglich ist, konkrete kirchliche und caritative Hilfen, oft in ökumenischer Zusammenarbeit und Vernetzung. Denn es gilt, dass uns in jedem Flüchtling Christus selbst begegnet.

 

Leider aber endet für christliche Flüchtlinge aus dem Orient die Verfolgung hin und wieder nicht, wenn sie als Asylsuchende in Deutschland ankommen sind. Gerade die rum- orthodoxen Priester in Deutschland müssen immer wieder von solchen Vorfällen berichten. Auch Max Klingenberg von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), der seit 14 Jahren in der Flüchtlingsarbeit aktiv ist, nennt solche religös motivierte Aggression zwar kein Massenphänomen, aber auch keine Seltenheit. Die latente Ausgrenzung der Christen in den Asylbewerberunterkünften bis hin zu tätlichen Übergriffen ist bedauerlicher Weise sehr wohl eine Tatsache. Dies geschehe vor allem, wenn die Christen ihren Glauben nach außen nicht verbergen, sondern öffentlich machen, was viele allerdings deshalb auch bewusst unterließen. So kann schon das sichtbare Tragen eines Taufkreuzes, das Begehen der christlichen Festtage oder der Besuch eines Priesters in der Asylbewerberunterkunft eine Diskriminierung oder Aggression gegen christliche Flüchtlinge auslösen. Für die zuständigen Verantwortlichen der Ausländerbehörden ist ein Eingreifen dann oft schon deshalb schwierig, da viele Formen des Mobbing gegen Andersgläubige subtil und auf fremdsprachiger Ebene geschehen. Auch wenn derartiges Vorgehen natürlich nur von einer kleinen extremistischen Minderheit unter muslimischen Asylbewerbern ausgeht und auch wenn die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen in der Asylbetreuung für das Problem inzwischen sensibilisiert und diese durchaus bereit sind, in erwiesenen Fällen entschieden zu reagieren, erschweren latente Konflikte mit antichristlichem Hintergrund unter den Asylbewerbern eindeutig die Seelsorge an den christlichen Flüchtlingen aus Syrien und dem Iraq.

 

In Griechenland hat die Orthodoxe Kirche seit dem Ausbruch der Finanzkrise ihr caritatives Engagement erheblich intensiviert. Da ein staatliches soziales Netz, wie wir es in Deutschland kennen, praktisch nicht existent ist, sind es heute die Griechische Orthodoxe Kirche und in ihr viele Initiativen einzelner engagierter orthodoxer Christen, oftmals organisiert auf der Ebene der Pfarrgemeinden, auf denen heute der Großteil der philanthropischen Aktivitäten in Griechenland ruht. So verteilt in  Athen die Erzdiözese täglich über 10 000 Mahlzeiten an Bedürftige und weitere 3000 Lebensmittelpakete werden monatlich über die Pfarreien verteilt. 

Aus den Reihen der Gemeinde gespendete Lebensmittel in einer orthodoxen Kirche in Griechenland.
Aus den Reihen der Gemeinde gespendete Lebensmittel in einer orthodoxen Kirche in Griechenland.

 

Im Jahre 2010 wurde die Hilfsorganisation Αποστολή (= Apostoli = Mission) gegründet. Diese betreibt Wohneinrichtungen unter anderem für Alzheimer-Patienten und Menschen mit geistigen Behinderungen. Zusammen mit der Athener Ärztekammer unterhält Apostoli ein Gesundheitszentrum, in dem über 230 Ärzte unentgeltlich arbeiten. Wer sich dort umschaut, trifft auf Menschen die am Rande der Gesellschaft leben und auf Hilfe angewiesen sind. Dies sind aber in vermehrtem Maße nicht nur die traditionell sozial Schwachen oder Migranten ohne gültige Papiere, sondern vermehrt Griechen, die nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes trotz jahrelangen Beitragszahlungen nun auch ihrer Krankenversicherung verloren haben. Über ein Drittel der Griechen hat heute schon keinen Zugang mehr zu einer in Deutschland auch für Harz IV Empfänger selbstverständlichen Versorgung im Krankheitsfall. Kostis Dimtsas, der Leiter von Apostoli, berichtet, dass Touristen oft sagen, dass sie in Athen nichts von der Krise sähen. Er antworte dann, dass Griechenland noch nicht auf das Niveau eines Dritte-Welt-Landes abgesunken sei. Aber für eine Familie, in der keiner mehr Arbeit hat, ist die Situation wirklich dramatisch. Diese Familien können keine Miete mehr bezahlen, keine Kredite tilgen und oft nur schwer ihre Kinder ernähren. Viele haben keine Krankenversicherung mehr und lassen deshalb die Kinder nicht mehr impfen. Apostoli führt deshalb auch kostenlose Impfprogramme durch. 

 

Als Folge der Finanzkrise hat rund die Hälfte aller griechischen Privathaushalte laut einer Umfrage Schwierigkeiten, ihre Gas-, Wasser- und Stromrechnung zu bezahlen. Probleme gibt es auch bei der Bedienung von Hypothekendarlehen und der Begleichung von Steuerschulden, wie aus einer Studie des Kleinunternehmerverbandes und des Meinungsforschungsinstituts Marc hervorgeht. Mehr als 90 Prozent der Privathaushalte in Griechenland haben seit dem Beginn der Krise einen Einkommensverlust von 38 Prozent hinnehmen müssen. Bei den Renten und Pension sind Kürzungen um mehr als die Hälfte die Regel. 

 

So setzt die orthodoxe Kirche in Griechenland durch ihre caritativen Initiativen wie Suppenküchen, die allen notleidenden Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Religion offenstehen, ein deutliches Zeichen tätiger christlicher Nächstenliebe.

 

Ähnliches läßt sich auch aus der Ukraine, wo wegen es wegen des Bürgerkriegs und der damit weitgehend verbundenen Zerstörung der Wohnungen und Infrastruktur im Osten des Landes mehre hunderttausend Binnenflüchtlinge versorgt werden müssen, berichten. Auch hier sind es vor allem die verschiedenen Kirchen mit ihren caritativen Einrichtungen, aber auch das engagierte Handeln einzelner Christen, die sich der Not der Flüchtlinge stellen und sie zu lindern suchen.

 

In Griechenland.
In Griechenland.

 

Wenn wir von Herzen unserer materiellen und geistigen Gaben mit unserer Mitmenschen teilen, wenn wir in Liebe zu Gott SEIN ANLITZ in unserem Nächsten erblicken und mit dem Notleidenden die uns geschenkten Güter teilen, dann erfahren  wir, dass Gott uns nicht als selbstsüchtige Egoisten, sondern zur Gemeinschaft mit IHM SELBST und unseren Mitmenschen erschaffen hat.

Die Sorge für die Armen, die Alten und alle benachteiligen Menschen ist das gelebte Herz des Evangeliums.

   

 

In der Ukraine.
In der Ukraine.

 

Die Orthodoxie in Italien

 

von Thomas Zmija von Gojan

 

Eines der beliebtesten Urlaubsländer vieler Deutscher ist Italien. Auch die orthodoxen Christen unter ihnen nehmen Italien aber als fast ausschließlich römisch katholisches Land wahr. Vielleicht werden gerade noch die Gemeinden der evangelischen Waldenser wahrgenommen, doch dass auch die orthodoxe Kirche durch die Jahrhunderte in Italien immer präsent war, ist den meisten so gut wie unbekannt. Aber im Süden der italienischen Halbinsel - vor allem in Kalabrien, Sizilien, Appulien und der Basilicata - lagen orthodoxe Diözesen und Klöster, die dem Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel unterstanden. Beginnend mit der normannischen Herrschaft über Süditalien verschwanden aber bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts diese orthodoxen Gemeinden allmählich. Nur die vielen alten byzantinischen Kirchen in Süditalien und auf Sizilien legen noch heute von der reichen orthodoxen Kultur während des Frühmittelalters in dieser Region beredtes Zeugnis ab.

 

Während der ikonoklastischen Wirren kam eine große Zahl von Christen aus dem byzantinischen Reich nach Rom. Noch heute verweist die römische Basilika „Santa Maria in Cosmedin“, die ursprünglich „Santa Maria in Schola Graeca“ hieß und im 6. Jahrhundert von der griechischsprachigen Gemeinde in Rom erbaut wurde, auf ihre Präsenz in der ewigen Stadt. Bis heute werden die Gottesdienste in ihr nach byzantinischem Ritus vollzogen. Auch die 20 Kilometer südlich von Rom bei Frascati gelegene italo- byzantinische Abtei Santa Maria in Grottaferrata, die zum Orden der Basilianer gehört, belegt die lange Gegenwart griechischer Mönche in Italien. Im Jahre 1004 bekam der griechische Mönch Nilus von Markgraf Theophylakt II. von Tusculum eine ehemalige römische Villa in seinem Herrschaftsbereich geschenkt. Nilus und sein Nachfolger Bartholomäus erbauten dort das Kloster Santa Maria di Grottaferrata. Nach dem Schisma zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche verblieb dieses bis zum heutigen Tag beim byzantinischen Gottesdienst in griechischer Sprache, aber unterstand weiterhin dem römischen Papst.

 

Seit dem 14. Jahrhundert emigrierten orthodoxe Albaner nach Kalabrien und Sizilien, wo sie eigene Gemeinden und Ortschaften bildeten. Da im damals spanisch beherrschten Süditalien ausschließlich der katholische Gottesdienst zugelassen war, nahmen die nach Italien eingewanderten Albaner die Communio mit dem römischen Papst auf, ohne dass es jemals zum förmlichen Abschluss einer Union gekommen ist. Bis heute konnten sie in ihren, in zwei eigenen griechisch- katholischen Diözesen organisierten, Gemeinden den byzantischen Gottesdienst bewahren. In Italien gibt es heute 98.000 Katholiken des byzantinischen Ritus. Sie folgen dem gregorianischen Kalender, und neben Griechisch sind heute auch Albanisch und Italienisch Liturgiesprachen. Das bedeutendste Zentrum der Italo- Albaner ist die sizilianischen Stadt Piana degli Albanesi, wo bis heute die albanische Sprache gesprochen wird.

 

Nach der Eroberung Griechenlands durch die Osmanen, vor allem nach dem Fall von Konstantinopel 1453, bildeten sich erneut griechisch- orthodoxe Gemeinden in Calabrien, Sizilien, Appulien und Venedig. Vor allem in Venedig trugen die Griechen Wesentliches zur kulturellen und ökonomischen Entwicklung ihrer neuen Heimat bei. Trotzdem bewahrten sie auch in den folgenden Generationen ihren orthodoxen Glauben und die aus der alten Heimat überkommenen Sitten. Sie stifteten orthodoxe Bruderschaften zur Bewältigung caritativer Aufgaben und bauten eigene Kirchen, Schulen und Hospitäler. Das Ökumenische Patriarchat entsandte über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Priester für die orthodoxen Kirchen und ebenso Lehrer an die griechischen Schulen in Italien, an denen auch viele Studenten aus dem osmanisch besetzten Griechenland ihre Ausbildung erhielten. Aber mit Beginn des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Dinge grundlegend, denn es kam in Folge der Zunahme gemischter Eheschließungen zu einer immer weiter fortschreitenden Konversion der Orthodoxen zur römisch- katholischen Kirche. Auch emigrierten immer mehr Italo- Griechen in die neu entstehenden, wirtschaftlich prosperierenden Zentren auslandsgriechischer Emigration in Übersee.

 

1896 heiratete Prinz Vittorio Emanuele Prinzessin Elena Petrovic, die Tochter von König Nikolaus I. von Montenegro. Sie war die erste italienische Königin, die sich aktiv um die Verbesserung der Lebensverhältnisse der einfachen Menschen kümmerte. Obwohl persönlich eine fromme orthodoxe Christin, konvertierte Königin Elena zum Katholizismus, damit ihr Mann den italienischen Thron besteigen konnte. Nichts desto trotz richtete sie im römischen Qurinalpalast eine orthodoxe Kapelle ein.

 

 

Nach dem zweiten Weltkrieg stieg die Zahl griechischer Zuwanderer nach Italien wieder an und ab den 1960-er Jahren wanderten tausende Griechen nach Italien ein. Für sie gründete im Jahre 1991 das Ökumenische Patriarchat die Griechische Orthodoxe Erzdiözese von Italien. Es umfasst die griechisch orthodoxen Gemeinschaften, Bruderschaften und Pfarrgemeinden auf dem Gebiet der Republik Italien. Die Heilige Synode des Ökumenischen Patriarchates ernannte auch einen Metropoliten für die neu errichtete Erzdiözese, der seinen Sitz an der alten Kathedrale San Giorgio dei Greci in Venedig nahm. Der Metropolit der italienischen Diözese ist gleichzeitig Exarch des Ökumenischen Patriarchen in Südeuropa. Zum Zeitpunkt der Errichtung der Griechischen Orthodoxen Erzdiözese gab es 8 griechisch- orthodoxe Pfarrgemeinden in Venedig, Neapel, Triest, Barletta, Brindisi, Genua, Mailand und Rom. In den ersten vier Jahren nach der Errichtung der Erzdiözese wurden neue Gemeinden in Udine, Padua, Ferrara, Turin, Pisa, Livorno, Parma, Perugia, Aquila, Catania, Messina, Quartu Sant' Elena, Cagliari- Pirri, sowie eine rumänisch- sprachige Gemeinde in Rom gegründet. Auch wurde das alte byzantinische Kloster des Heiligen Johannes Theristis in der Nähe des Dorfes Bivongi in Kalabrien von einer Bruderschaft orthodoxer Mönche neu besiedelt.

 

Momentan befinden sich griechisch- orthodoxe Gemeinden in den Städten Verona, Pavia, Varese, Florenz, Ancona, Bari und Lecce im Aufbau. Zum augenblicklichen Zeitpunkt gibt es insgesamt 22 Pfarrgemeinden in der italienischen Erzdiözese, von denen 19 die Göttliche Liturgie in griechischer Sprache, 2 in italienischer Sprache und 1 in rumänischer Sprache vollziehen. In der Diözese gibt es 11 orthodoxe Kirchen und 8 Kapellen an denen 18 Priester Dienst tun, von denen 12 griechischer 5 italienischer und einer rumänischer Nationalität sind. Unter den 7 Gemeinden, die im Entstehen begriffen sind, befindet sich auch eine italienisch- sprachige Gemeinde. Es wird von Seiten der Erzdiözese geschätzt, dass sich die Zahl der Gläubigen in Italien - zusammen genommen mit den griechischen Studenten an italienischen Hochschulen - auf ca. 180.000 Gläubige beläuft.

 

Neben der Griechischen Orthodoxen Erzdiözese von Italien hat die auch die Rumänische Orthodoxe Kirche für ihre Gläubigen eine eigene Diözese in Italien errichtet. Diese gehört zur rumänischen Metropolie von West- und Südeuropa mit Sitz in Paris. Die italienische Diözese wird von Bischof SiluanŞpan geleitet. Seit Ende der kommunistischen Herrschaft sind etwa 1,6 Millionen Rumänen nach Italien eingewandert. Sie stellen heute die größte Einwanderergruppe im Land. Beschäftigung finden sie vor allem als Wanderarbeiter in der Landwirtschaft, als Haushaltshilfen und in Hilfstätigkeiten als Ungelernte. Wegen der besonders hohen Kriminalitätsrate unter den rumänischen Staatsbürgern - insbesondere unter den Roma und Sinti - werden die rumänischen Einwanderer von den Italienern vielfach ausgegrenzt und diskriminiert. Es ist inzwischen auch zu rassistisch motivierten Gewalttaten gegen Rumänen in Italien gekommen. In dieser nicht einfachen Situation bemüht sich rumänische Kirche, ihre Landsleute auch in der Fremde pastoral und spirituell zu betreuen. In den meisten größeren italienischen Städten werden inzwischen orthodoxe Gottesdienste in rumänischer Sprache gehalten.

 

Mit dem Beginn der Arbeitsmigration in den 1970er Jahren wanderten auch rund tausende Serben nach Italien ein. Kirchlich betreut werden sie durch die Serbische Orthodoxe Metropolie von Zagreb, Ljubljana und Italien, einer der 5 Metropolien der Serbischen Orthodoxen Kirche. Die Metropolie umfasst den Norden des heutigen Staates Kroatien, Slovenien und Italien. Der Sitz des Metropoliten ist Zagreb. Momentan wird die Metropolie von Vladika Jovan geleitet. Von den 70.000 italienischen Serben leben heute ca. 40.000 im Norden des Landes. Das traditionelle Zentrum der italienschen Serben ist die istrische Stadt Triest. Die dortige Gemeinde umfasst 12.000 Menschen. Seit 1782 ist die dortige Kirche des heiligen Spyridon, die größte orthodoxe Kirche Italiens, ihr geistig- spirituelle Zentrum. Neben Triest ist Arzignano, eine Industriestadt in Venentien, heute das wichtigste Zentrum der Serben in Italien.

 

Als in Folge der Romantik eine Italienbegeisterung die Gebildeten Europas ergriff und die Medizin die günstigen Auswirkungen des mediteranen Klimas auf den Genesungsprozess von an Tuberkulose Erkrankten erkannte, nahm auch unter der russischen Oberschicht die Zahl der Italienreisenden merklich zu. Der oft lange Aufenthalt fern der russischen Heimat weckte bei vielen von Ihnen den Wunsch nach einem regelmäßigen Besuch orthodoxer Gottesdienste. So wurden in den Sommermonaten zunächst in angemieteten Sälen der Hotels und Kurhäuser provisorische orthodoxe Kirchen, in denen regelmäßig Gottesdienste von aus Russland angereisten Priestern zelebriert wurden, eingerichtet. Später wurden, wie an vielen anderen Kur- und Erholungsorten in Europa, auch im Italien representative russische Kirchen erbaut, um dem religiösen Bedürfnis der russischen Gäste entsprechen zu können. So wurden im Jahre 1903 die russische Christi-Geburts- Kirche in Florenz und die, am Baustil der Moskauer Basilius-Kathedrale orientierte, Christus-Erlöser-Kirche in San Remo fertiggestellt. Ab 1897 stand auch der russischen Kolonie in Meran eine eigene, dem heiligen Nikolaus dem Wundertäter geweihte, Kirche zur Verfügung.

 

Von besonderer Bedeutung für alle Orthodoxen ist die russische Kirche in Bari. Bari ist seit dem Jahre 1087 der Aufbewahrungsort der Reliquien des heiligen Nikolaus des Wundertäters. Die Idee, einen Kirchenkomplex für Pilger aus Russland und Griechenland zu errichten, die nach Bari reisen, um die Reliquien des Heiligen Nikolaus zu verehren, stammt von der heiligen Neomärtyrerin Großfürstin Elisabeth. Die Kirche und die anliegenden Bauten wurden aus Spenden der einfachen russischen Gläubigen errichtet. Aber der erste Weltkrieg und die Revolution verhinderten den Abschluss der Bauarbeiten und im Jahre 1937 ging das Gotteshaus und die anliegenden Pilgergebäude in den Besitz der Stadt Bari über, die das angegliederte Pilgerhospiz zu einem Waisenhaus umwidmete. Einen Teil der Bauten hat die Stadtregierung von Bari Ende der 1990-er Jahre dem Moskauer Patriarchat zur Nutzung übergeben. Der Baukomplex blieb jedoch nach wie vor im Besitz der Stadtverwaltung. Da seit der Öffnung der Grenzen jährlich Tausende russischer Pilger in die süditalienische Hafenstadt kommen, wurde der gesamte Kirchenkomplex im Jahr 2009 an den russischen Staat übergeben, der ihn seinerseits der russischen Kirche zur Nutzung überlässt.

 

An den russischen Kirchen in Italien wurden vor dem ersten Weltkrieg nur während der Sommermonate orthodoxe Gottesdienste gehalten. Mit dem Ausbruch des I. Weltkrieges kam auch das russische kirchliche Leben dort zum erliegen. Infolge der Oktoberrevolution kamen russische Emigranten und ihre Priester auch nach Italien. Seit den 1920-er Jahren gehören ihre Gemeinden mehrheitlich zum Erzbistum der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa. Sie bilden dort ein eigenes italienisches Dekanat (Internetseite in italienisch:http://www.esarcato.it/index.html).

 

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der Ukraine kamen auch tausende von ukrainischen Arbeitsmigranten ins Land. Neben einer deutlich geringeren Zahl von ethnischen Russen werden sie seelsorgerlich von den Geistlichen des Moskauer Patriarchates in Italien betreut. Die Errichtung einer eigenen Diözese für die italienischen Gemeinden des Moskauer Patriarchates ist geplant. Im Dezember 2007 wurde die russische orthodoxe Kirche der heiligen Katherina und Helena, das größte orthodoxe Gotteshaus in Rom, geweiht.

 

Bildimpressionen der Orthodoxie in Italien

Das Kloster des Heiligen Johannes Theristis in Kalabrien

Die Christi-Geburts-Kirche in Florenz

Die Christi-Erlöser-Kirche in Florenz

Die Kirche der Heiligen Katherina und Helena in Rom (russische Gemeinde)

Die Mariae-Schutz Kirche in Ravenna

Die Kirche der heiligen Agatha in Catania

Die Kirche der Heiligen Petrus und Paulus in Neapel (griechische Gemeinde)

Die Kirche der Heiligen Andreas des Erstberufenen in Neapel (russische Gemeinde)

Die Kirche der Heiligen Anastasia in Siena

Die Kirche der Heiligen Theodor im Paladin in Rom (griechische Gemeinde)

Orthodoxe Gemeinde in Mailand (griechische Gemeinde)

 

Für Italienreisende:

 

Kleiner Tipp der Redaktion: Die einfachste Art der Kontaktaufnahme dürfte eine italienisch- oder englischsprachige e-mail sein. Bitte bedenken sie, dass alle Priester noch einem Zivilberuf nachgehen und deshalb einige Zeit für die Rückantwort veranschlagt werden muss.

 

Rom:

Florenz:

San Remo:

Pfarrgemeinde des Heiligen Nikolaus von Myra des Wundertäters.

Russische Orthodoxe Kirche der Geburt Christi in Florenz

Russische Orthodoxe Kirche Christus Erlöser

Via Saleria 275 D

Roma

Via Leone X, 12

Fierenze

 

Corso Nuvoloni 2

San Remo

Priester Alexej Baikov

Tel.: 320- 889- 4105

e- Mail:a.baykov@sannicolaroma.org

Erzpriester Georgij Blatinskij

Tel.: 055- 490148

e- Mail:consiglioparrocchialechi@tin.it

 

Telefon Gemeindebüro:

0184- 531807

Erzpriester Sergio Mainoldi

Telefon Priester:

320 – 5607132

e- Mail:padre.sergio@libero.it

 

 

Gottesdienste in Florenz:

Vesper: Samstags um 18.00 h.

Göttliche Liturgie: Sonntags um 10.30h sowie an den Feiertagen des orthodoxen Kalenders. 

 

Heiliger König Stephan, Erleuchter der Ungarn, Ikone aus der orthodoxen Hauskapelle der griechischen Metropolie von Austria und Ungarn in Budapest
Heiliger König Stephan, Erleuchter der Ungarn, Ikone aus der orthodoxen Hauskapelle der griechischen Metropolie von Austria und Ungarn in Budapest

 

 

Die orthodoxen Christen in Ungarn

 

 Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Über die älteste Geschichte der orthodoxen Christen in Ungarn liegen uns nur spärliche Nachrichten vor. Aber schon in römischer Zeit hatte es auf dem Gebiet Pannoniens Christen gegeben. Spuren dieses frühen christlichen Gemeindelebens findet man heute noch u. a. in Pécs, Szombathely, Sopron, Óbuda oder Györ. Auch in der Zeit der Besiedlung durch Goten, Hunnen, Awaren und Franken hielt sich eine, wenn auch unbedeutende, christliche Tradition. Später siedelten hier slawische Stämme, die im 9. Jahrhundert durch die heiligen Kyrill und Method und deren Schüler christianisiert wurden. Erst Ende des 9. Jahrhunderts kamen im Zuge der Völkerwanderung magyarischen Stämme, die Ungarn, ins Karpatenbecken. Sie fanden eine Bevölkerung vor, die schon mit dem Christentum in Berührung gekommen und für die der Bischof von Sirmium (heute Sremska Mitrovica in Serbien) zuständig war

 

Durch ihre langen Wanderungen von jenseits des Urals war den Magyaren das Christentum in seiner byzantinischen Form schon bekannt. Zwei ihrer Fürsten, Bulcsú und Gyula, hatten sich in Konstantinopel taufen lassen. Am Beginn der Christianisierung Ungarns steht die gemeinsame Taufe des ungarischen Grossfürsten Géza und seines Sohn Vajk im Jahre 985 durch Prager Erzbischof Adalbert. Vajk hatte in der Taufe den Namen Stephan erhalten. Mit dem heiligen König Stephan (ungarisch: Szent István) (969 bis 1038) ist die Taufe und Christianisierung des ungarischen Volkes verbunden. Diese war zunächst maßgeblich mit der orthodoxen Kirche verbunden, denn der Ökumenischen Patriarch Theophilakt hatte zur Christianisierung der Ungarn den griechischen Bischof Hierotheos nach Ungarn entsandt. Sowohl König Stephan als auch Bischof Hierotheos werden heute von unserer orthodoxen Kirche als Heilige verehrt.

 

Aber vor allem durch die Heirat König Stephans mit der bayerischen Herzogstochter Giesela wandten sich die Ungarn am Ende dem Einfluss des christlichen Westens zu. Das ungarische Königtum und die ungarische Christenheit wurden nun endgültig in die westliche Christenheit eingebunden und die ungarische Kirche etablierte sich als eine vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation unabhängige Nationalkirche, ähnlich wie die Kirche in Polen. In seiner lateinischen Form wurde das Christentum Staatsreligion.

 

Die Beziehungen zur orthodoxen Kirche blieben trotzdem bestehen, wenn sie auch im 14. Jahrhundert in der Folge des Schismas stark zurückgedrängt wurden. Aber bis heute gibt es im modernen Ungarischen zahlreiche sprachliche Hinweise, die auf eine intensive Berührung mit dem byzantinischen Christentum hinweisen. Nicht zuletzt zeigen die beliebten griechischen Taufnamen aus den ersten Jahrhunderten des christlichen Ungarns, welchen Einfluss das Oströmische Kaiserreich mit seiner Kultur und Glaubenspraxis auf die Ungarn ausübte. Namen wie Alexius, Basilius, Demetrius, Elias, Nikifor und andere weisen auf diese Verbindung hin. Dieser frühe Einfluss des byzantinischen Christentums blieb nicht auf die bäuerliche Unterschicht beschränkt, sondern fand auch bei der adeligen Oberschicht Eingang.

 

Auch nach der endgültigen Annahme des Christentums in seiner lateinischkatholischen Form durch König Stephan blieb das byzantinisch geprägte Christentum im Lande präsent. Noch bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts gab es in Ungarn 7 orthodoxe Männerklöster und 2 orthodoxe Frauenklöster. Am Ufer des Plattensees und der Donau zeugen noch heute Überreste von Einsiedeleien mit byzantinischen Malereien von der weiten Verbreitung des Christentums in seiner griechischen Form. 

 

Eine Zeit lang wurde die orthodoxe Kirche, die an der Christianisierung der Magyaren teilgenommen hatte, noch weithin toleriert. Am Anfang des 12. Jahrhunderts aber wurden die griechischen Klöster auf Betreiben des Papstes aufgelöst und ihre Mönche durch Ordensleute lateinischen Ritus ersetzt. Die orthodoxe Kirchenstruktur blieb zwar weiterhin erhalten, aber die Zehnten und andere Dienste mussten auch die orthodoxen Christen der römischen Kirche leisten. So verschwand dann in der Zeit zwischen dem 13. und dem 14. Jahrhunderts das orthodoxe Christentum völlig aus Ungarn. Die russische Nestorchronik schrieb diese Verdrängung des orthodoxen Christentums aus Ungarn teils politischen Umständen zu, teils der Tatsache, dass die ungarischen Orthodoxen „keine Bücher in ihrer Sprache hatten." (vgl.: PATACSI, Gabriel: Die ungarische Orthodoxie, in: Orthodoxe Stimmen 18 (1967) Seite 21 bis 26) Nach dem 14. Jahrhundert hielt sich das orthodoxe Christentum nur noch bei nationalen Minderheiten wie den Serben und Rumänen. Bei den ungarisch sprechenden Bewohnern des Landes verschwand das byzantinische Christentum in den folgenden Jahrhunderten vollständig. Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts begannen sich in Ostungarn ungarische Bewohner mit ursprünglich kalvinischem Bekenntnis der Orthodoxie zuzuwenden und Eheverbindungen mit ihren serbischen, rumänischen und russinischen Nachbarn einzugehen, die am orthodoxen Glauben festhielten. So entstand, lange vor der Epoche des Nationalismus, durch natürliche Assimilation eine ungarisch sprechende orthodoxe Gruppe, die meist auf den Dörfern verstreut lebte. Diese orthodoxe Bevölkerung lebte vor allem in den Komitaten Hajdú und Szabolcs. Durch die im Jahre 1646 mit Rom geschlossene Union kamen diese ursprünglich orthodoxen Bewohner unter die kirchliche Oberhoheit des römischen Papstes. Diese Volksgruppe bildet heute die griechischkatholische unierte Kirche in Ungarn mit etwa 270 000 bis 300 000 Gläubigen. Sie fühlte sich immer stark zu Russland hingezogen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein kommemorierten ihre Priester die orthodoxen Bischöfe der Rus-Ukraine und noch im 19. Jahrhundert wurden ihre Gläubigen als „ungarländische Russen" (vgl.: PATACSI, GABRIEL: Die ungarischen Ostchristen, in: Ostkirchliche Studien 11 (1962) Seite 273 bis 305) bezeichnet, da sie sich zur Feier der Göttlichen Liturgie meist der kirchenslawischen Sprache bedienten. 

 

Die heutige ungarische orthodoxe Kirche geht hingegen auf eine andere Volksgruppe zurück. Schon im 17. Jahrhundert waren Griechen auf der Flucht vor den Türken nach Ungarn gekommen. Größere griechische Einwanderungswellen folgten dann im Laufe des 18. Jahrhunderts. Die ersten Griechen, die noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts nach Ungarn gekommen waren, waren Wanderhändler, die erst Jahrzehnte später sesshaft wurden. Überraschend schnell erlangten diese griechischen Einwanderer große Bedeutung im ungarischen Wirtschaftsleben, vor allem in der Handelstätigkeit. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden ihnen von der ungarisch-habsburgischen Krone wirtschaftliche und religiöse Privilegien eingeräumt. So begannen sie ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ihr Vermögen in Ungarn anzulegen und erwarben in vielen ungarischen Städten Haus und Grundbesitz. Ihre hauptsächlichen Niederlassungen befanden sich im Theissgebiet und in Siebenbürgen. Bis heute sind 125 Städte und Dörfer nachgewiesen, in denen Griechen ansässig waren. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und im beginnenden 19. Jahrhundert gab es in Ungarn 26 griechische Kirchen, 8 Kapellen, 33 eigene Kirchengemeinden, 23 griechische Schulen und 21 Handelsgesellschaften. Die bedeutendsten Kolonien bestanden in folgenden Städten, in denen auch gleichzeitig griechisch-orthodoxe Kirchengemeinden existierten: Békés, Eger, Gyöngyös, Győr, Gyula, Hódmezővársáhely, Karcag, Kecskemét, Miskolc, Pest, Szentes, Tokaj und Vác. Ein Vergleich dieser bedeutendsten griechischen Siedlungen des 18. und 19. Jahrhunderts mit den heutigen ungarisch-orthodoxen Gemeinden legt den Schluss nahe, dass die heutige ungarisch-orthodoxe Kirche meist griechische Ursprünge hat, denn in neun der oben aufgeführten Städte befinden sich auch heute noch die ungarisch-orthodoxen Gemeinden, nämlich in: Gyöngyös, Karcag, Kecskemét, Miskolc, (Buda-), Pest, Nyíregyháza, Szeged und Szentes. 

 

Die eigentliche Blütezeit der griechischen Kolonien in Ungarn fällt in die Zeit von ca. 1720 bis 1820. Die reichen griechischen Großkaufleute stifteten in den ungarischen Städten und Dörfern, in den sie lebten, große Geldsummen zum Bau und für den Unterhaltung der griechischorthodoxen Kirchen und Kapellen und taten viel zur Unterstützung ihrer in Ungarn ansässigen Landsleute. Die prächtigen und reich ausgestatteten Kirchen zogen die Aufmerksamkeit und Bewunderung der anderen Landesbewohner auf sich, von denen besonders unter den Unierten viele dem orthodoxen Gottesdienst in den griechischen Kirchen beiwohnten. Bereits aus dem Jahre 1748 finden sich Klagen an den Kaiser in Wien darüber, dass unierte Priester des „Schismas" verdächtig seien, das heisst, dass sie zum orthodoxen Glaubensbekenntnis hin tendierten. Um 1750 klagten staatliche Stellen darüber, daß in Tokaj zwei orthodoxe Priester — ein russischer Militärgeistlicher und ein Priester der griechischen Handelsgesellschaft — eine expansive seelsorgerische Tätigkeit unter den Unierten entwickelt hätten. Der römisch-katholische Bischof von Eger beschwerte sich darüber, dass die Unierten liturgische Bücher aus Moskau benützten und in ihren Gottesdiensten die Zarin Elisabeth und den russischen Metropoliten kommemorierten. Der Grund für die Teilnahme der Unierten an den Gottesdiensten der Orthodoxen lag vor allem in der naturgemäss gegebenen Nähe des orthodoxen zum unierten Gottesdienst. Beide benutzen zur Feier der Göttlichen Mysterien die Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus. Zwar wurde bei den Orthodoxen zur Feier der Göttlichen Liturgie die griechische Sprache benutzt, doch hatten die Gläubigen vielfach die Möglichkeit, in ungarischer Sprache zu beten und zu singen, so zum Beispiel in der griechischen Kirche in Tokaj, wo der Priester in griechischer Sprache zelebrierte, die Gläubigen hingegen ungarisch singen ließ. Zu diesem orthodoxen Priester gingen daher auch viele Frauen aus der unierten Gemeinde von Hajdúdorog zur Beichte, was zu Klagen und Streitigkeiten mit den katholischen Autoritäten Anlass gab.

 

Das reiche orthodoxe Gottesdienstleben der Griechen und die Klagen staatlicher wie kirchlicher Stellen ließen die Wiener Behörden auf die Tätigkeit der orthodoxen Griechen aufmerksam werden. Im Jahre 1774 traf Kaiserin Maria Theresia eine Anordnung, der zufolge alle in Ungarn lebenden Griechen, vor allem jene, die sich nur zeitweise in Ungarn aufhielten, durch einen Treueid an die Kaiserin gebunden wurden. Von nun an mussten sie ihre Verbindungen mit der alten Heimat abbrechen, wurden ungarische Untertanen und verloren so alle Zollbegünstigungen, die sie als türkische Untertanen besessen hatten. Dieser Treueid vom Jahre 1774 änderte das Leben der griechischen Bewohner grundlegend, denn von nun an mussten sie sich entscheiden, ob sie sich in Ungarn niederlassen oder in ihre alte Heimat zurückkehren wollten.

 

Viele Griechen vor allen die Wohlhabenden unter ihnen, verließen daraufhin das Land. Jene aber, die blieben, fügten sich in die ungarische Gesellschaft ein und begannen sich rasch zu assimilieren. Dieser Assimilierungsprozess hatte freilich bereits vorher begonnen. Schon durch ihre Handelstätigkeit waren die griechischen Kaufleute veranlasst, die ungarische Sprache zu verwenden. Ferner waren durch Eheschließungen gemischtsprachige Familien entstanden, in denen sowohl griechisch, als auch ungarisch gesprochen wurde. Meist sprachen bereits die Kinder aus diesen Eheverbindungen nicht mehr griechisch, wie Nikolaus Miskolczi, der Herausgeber des Katechismus des Kiewer Metropoliten Pjotr Mogila in ungarischer Sprache in seinem Vorwort vermerkt: „Selbst wir, die wir von griechischen Eltern stammen, haben nicht das Glück, in dieser unserer Sprache mit Verständnis lesen zu können —um so weniger unsere Kinder, die unter Ungarn erzogen, in ungarischen Schulen unterrichtet wurden". Ein Zeichen der fortschreitenden sprachlichen Assimilation war auch die beginnende Verwendung der ungarischen Sprache in den griechischorthodoxen Kirchen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entstanden daher in zahlreichen Städten mit griechischen Kolonien doppelsprachige orthodoxe (griechisch-ungarische) Kirchengemeinden. 

 

Die Notwendigkeit der Herausgabe liturgischen Bücher und der Gebetsbücher in ungarischer Sprache war bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts deutlich geworden, als auf private Initiative hin erste Teilübersetzungen erschienen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann dann eine Übertragung in größerem Umfang, allerdings immer noch auf private Initiative hin. Folgende Übersetzungen lagen bis zur Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert vor: 

 

1. Eine Übersetzung des orthodoxen Katechismus des Kiewer Mdetropoliten Pjotr Mogila (nach dem griechisch-sprachigen Textcorpus), übersetzt von dem Griechen Stephan Miskolczi und nach seinem Tode von seinem Sohn Nikolaus Miskolczi. Pest 1791. 

 

2. Ein Gebetbuch mit liturgischen Texten, übersetzt Demetrius Karapács Pest 1795. Weitere Auflagen Pest 1815, Nagyvárad 1832 und 1854, Debrecen 1859.

 

3. Die Katechismusübersetzung des griechischen Pfarrers von Győr, Aaron Georgievits („Kleiner Katechismus"), zweisprachige griechisch-ungarische Ausgabe, Győr 1801

 

4.Sowie schließlich noch eine zweibändige Sammlung liturgischer Schriftperikopen und Heiligenlegenden: „Evangelien und Episteln" Vác 1802, die der griechische Kaufmann Theodor Steriady herausbrachte.

 

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erschienen dann zahlreiche weitere Übersetzungen der Evangelien, sowie der Gebets- und Liturgiebücher.

 

Alle diese Übersetzungen gingen auf Privatinitiative zurück, umso erstaunlicher ist es, welche Verbreitung sie zum Teil fanden. Die meisten von ihnen erlebten innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Neuauflagen, was nicht immer ohne finanzielle Schwierigkeiten erreicht wurde. In dem Vorwort einer Ausgabe der Synopsis mit einem kurzen Katechismus wird auf diesen finanziellen Aspekt hingewiesen. So konnte die Übersetzung nur erscheinen, weil ihre Finanzierung durch Vorbestellungen gesichert worden war. 

 

Von Seiten des Patriarchates in Konstantinopel fanden diese Übersetzungen keine Unterstützung. Zahlreiche Gläubige der noch im Entstehen begriffenen ungarischen orthodoxen Kirche hatten auch längst das Bewusstsein verloren, griechischer Abstammung zu sein, da viele der griechischen Gemeinden inzwischen nicht mehr existierten, wenn man auch am orthodoxen Glauben noch festhielt. Der Grund hierfür lag in einer Massenabwanderung zahlreicher reicher Griechen in das von den Türken befreite Griechenland (nach 1830), wodurch viele Gemeinden ihre Existenzgrundlage verloren, da ihnen die finanzielle Unterstützung der reichen Oberschicht fehlte. Organisierte griechische Gemeinden hielten sich seitdem nur noch in den größeren Städten. Sie waren es auch, die das Bewusstsein ihrer griechischen Abstammung wach hielten und die Forderung nach einer eigenen kirchlichen Hierarchie erhoben, vor allem aber die Verwendung der ungarischen Sprache im Gottesdienst forderten. Im Gegensatz zu den nationalen Minderheiten wie Serben, Rumänen und Ruthenen, erhoben diese ungarisch- griechischen Gemeinden nicht die Forderung nach Anerkennung als nationale Minderheit, sondern verwiesen geradezu darauf, dass sie echte Ungarn seien. In ihren Manifesten bezeichneten sie sich deshalb auch als geborene Ungarn. Ihr Streben richtete sich einzig auf Anerkennung als religiöse ungarische Minderheit.

 

Auf der anderen Seite verblasste allerdings auch bei den im Lande verstreut lebenden Nachfahren dieser Griechen, die in ihrer Nähe keine eigene Gemeinde hatten, die Bindung an ihre griechische Abstammung. Sie schlossen sich deshalb als Orthodoxe den anderen orthodoxen Kirchen der nationalen Minderheiten an. Von den nicht-orthodoxen Bewohnern wie auch den anerkannten nationalen Minderheiten wurden die orthodoxen, ungarisch sprechenden Gläubigen als „ungarische Russen" bezeichnet, wobei die Zuordnung „Russe" sich allein auf den Glauben bezog, da man sie infolge der von ihnen selbst betonten sprachlichen Unterscheidung nicht den nationalen Minderheiten zurechnen konnte. So verwundert es nicht, wenn in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein „Gebetbüchlein zum geistigen Nutzen der ungarischen Russen" erschien, womit die ehemaligen Griechen gemeint waren. 

 

Infolge der bürgerlichen Revolution von 1848 wurde die katholische Staatsreligion in Ungarn abgeschafft und die Gleichheit der katholischen, lutherischen, calvinistischen, unitarischen und griechisch-orientalischen (das heißt orthodoxen) Religion anerkannt, sowie ihre Finanzierung aus dem Staatsbudget gesetzlich verankert. Bis zum Jahre 1868 unterstanden die griechisch-ungarischen Gemeinden infolge ihres griechischen Ursprungs dem Patriarchat von Konstantinopel. Erst nach dem österreichischungarischen Ausgleich vom Jahre 1867 wurden sie, mit alle anderen Orthodoxen der Habsburgermonarchie, dem orthodoxen Bistum im südungarischen Karlovać unterstellt.

 

Um die neuere Geschichte der Orthodoxen in Ungarn und die zu Teil heftigen Auseinandersetzungen der verschiedenen orthodoxen Jurisdiktionen um den kirchlichen Besitz und die daraus hervorgegangenen Verwerfungen und Ressentiments der Gläubigen untereinander, die einerseits ihr Bewusstsein für die Heiligkeit der Kirche und ihre ecclesiologische Einheit verletzt und anderseits das Ansehen der orthodoxen Kirche in der ungarischen Öffentlichkeit nachhaltig geschädigt haben, verstehen zu können, ist ein Exkurs in die gemeinsame Geschichte der Orthodoxie in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn bis zu deren Untergang nach dem 1. Weltkrieg notwendig.

 

Am Anfang des 20. Jahrhunderts wies die recht große Orthodoxe Kirche der Donaumonarchie verschiedene nach Sprachgruppen gegliederte autonome Kirchen auf. 

 

In der cisleithanischen Reichshälfte, die alle nicht zur ungarischen Stephanskrone gehörenden Teile der Österreich-Ungarn umfasste, gab es den autokephalen (rumänisch orientierten) Metropoliten von Czernowitz samt seinen (serbo-kroatischen) Suffraganbischöfen in Dalmatien, in Transleithanien gleich zwei autokephale Metropoliten, einen serbischen in Karlovać und einen rumänischen in Hermannstadt (,rumänisch Sibiu, ungarisch Nagyszeben) mit einem je eigenen Episkopat, sowie die orthodoxen Bischöfe Bosniens, die auch unter Österreich-Ungarn beim Patriarchat von Konstantinopel verblieben waren. 

 

Die Entwicklung orthodoxer Bistümer hatte bereits Ende des 17. Jahrhunderts begonnen, als Österreich nach der Belagerung Wiens durch die Osmanen nach Südosten expandierte. So gewährte Kaiser Leopold I. den auf die österreichische Seite übergetretenen Christen, welche die Rache der Türken zu fürchten hatten, Asyl in den von seinen Heeren eroberten Gebieten. Dieses Angebot wurde 1690 von vielen Serben mit ihrem Patriarch Arsenije III. (Crnojević) angenommen. Den Serben wurde mit dem Asylversprechen in einem kaiserlichen Privileg vom 21. August 1690 und einem kaiserliche Patent vom 20. August 1691 Glaubensfreiheit und Autonomie als Volksgruppe zugesichert. Zudem sicherte das kaiserliche Privileg vom 21. August 1690 dem Metropoliten, der seinen Sitz in der südungarischen Kraina in der Stadt Karlovać genommen hatte, die Jurisdiktionsgewalt über alle Orthodoxen in Serbien, Bulgarien, Dalmatien, Bosnien, Herzegowina, Ungarn und Kroatien zu. 

 

Nach der Angliederung der Bukowina an das Habsburgerreich wurde zunächst auch das dortige orthodoxe Bistum dem serbischen Metropoliten in Karlovać zugeordnet. Dadurch wurde dieser Metropolit zum Oberhaupt aller orthodoxen Christen im Habsburgerreich und hatte deshalb in vielen Belangen des öffentlichen Lebens ein gewichtiges Wort mitzureden. Nach heutiger orthodoxer Kirchenrechtsterminologie stellte er ein quasi autokephales Kirchenoberhaupt dar und war vom Staat und von den übrigen orthodoxen Kirchen als solches respektiert. 

 

Als im 19. Jahrhundert der sogenannte "nationale Gedanke" zündete und die Orthodoxen nach einer nationalkirchlichen Neugliederung ihrer Kirchen verlangten, gewährte die Habsburgermonarchie als einziges von den drei damaligen großen multinationalen Reichen ihren orthodoxen Christen die volle Freiheit, ihren orthodoxen Kirchen in friedlicher Weise jene nationale Struktur zu geben, die sie selbst für angemessen hielten. Nach dem Ausgleich mit Ungarn wurden aus der bisher einzigen autokephalen orthodoxen Kirche des Reichs, die in Karlovać ihren Sitz hatte, drei autokephale Kirchen gebildet. In den Ländern der ungarischen Stephanskrone richtete man damals für das rumänisch besiedelte Gebiet eine selbständige Metropolie von Siebenbürgen mit rumänisch-nationalem Charakter ein. Auch die Orthodoxie Cisleithaniens trennte man von der serbisch dominierten Kirche von Karlovać ab und schuf für sie eine eigene Metropolie mit Sitz in Czernowitz. Diese war nicht nationalkirchlich strukturiert, vielmehr gehörten ihr ohne Unterschied hinsichtlich der Muttersprache die orthodoxen Gläubigen der Bukowina (rumänisch, ukrainisch bzw. russinisch sprachig) und Dalmatiens (serbo-kroatisch sprachig) an, sowie die orthodoxen Gemeinden in Wien und in jenen größeren Städten Cisleithaniens, in denen sich inzwischen orthodoxe Kolonien gebildet hatten. Die Karlovaćer Metropolie, der nach dieser Änderung fast nur mehr serbische Gläubige verblieben, wurde wieder zu der nationalen Größe, die sie schon zur Zeit der serbischen Einwanderung gewesen war. 

 

Im Unterschied zu den Vorgängen in den jungen südosteuropäischen Nationalstaaten, in denen die Gründung der orthodoxen Nationalkirchen jeweils durch eine Phase gegen die kanonische Kirchenordnung gerichteter Wirren eingeleitet wurde, die Abbrüche der eucharistischen Gemeinschaft zur Folge hatten, ging das Einrichten der „Autokephalien“ in der Habsburgermonarchie einvernehmlich vor sich. Denn Kaiser Franz Joseph II., der die neuen Ordnungen in Kraft zu setzen hatte, forderte als Vorbedingung für seine Zustimmung den Konsens aller beteiligten Orthodoxen. In den jungen südosteuropäischen Nationalstaaten wurden hingegen die nationalkirchlichen Autokephalien zunächst usurpatorisch gegenüber dem Ökumenischen Stuhl in Konstantinopel in Anspruch genommen, ehe man ihretwegen den Konsens untereinander suchte und ihn schließlich auch fand.

 

Als Österreich-Ungarn 1878 Bosnien und die Herzegowina besetzte und diese Gebiete 1908 annektierte, wurden die dortigen orthodoxen Diözesen keiner der autokephalen Kirchen der Donaumonarchie eingegliedert, sondern verblieben wie vorher im Verband des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. 

 

Das Ökumenische Patriarchat in Konstantinopel hatte aber keineswegs auf seine Jurisdiktionsrechte in Ungarn verzichtet, sondern die staatskirchlich motivierte Regelung in Österreich-Ungarn nur als gegebenen Status Quo hingenommen. Nach dem Ende der Donaumonarchie am Ende des Ersten Weltkriegs kam es dann auch im Jahre 1924 zur Gründung einer Metropolie für Ungarn und des Exarchates von Mitteleuropa mit dem Sitz in Budapest durch das Ökumenische Patriarchat. Der erste Bischof von Ungarn, mit dem Titel Metropolit von Amassia, war, bis zu seinem Tod im Jahre 1935, Bischof Germanos (Karavanggelis). Nach seinem Tode wurde die Metropolie von Ungarn und das Exarchat von Mitteleuropa unter die Verwaltung der Metropolie von Thyateira und Großbritannien, welcher die damaligen Metropoliten Athenagoras (Kabadas) und Germanos (Strinopoulos) vorstanden, gestellt. Im Jahre 1963 erneuerte das Ökumenische Patriarchat das Exarchat von Ungarn, welches bis heute in der Administration der Metropolie von Austria (Österreich) fortbesteht. Am 19. September 1995 wurden vom das ungarische Exarchat des Ökumenischen Stuhls offiziell vom ungarischen Staat anerkannt.

 

1867 verblieben, im Zuge der Neuregelung der kirchlichen Verhältnisse für die Orthodoxen der Donaumonarchie, die Orthodoxen Ungarns beim Metropoliten von Karlovać. Der Metropolit von Karlovać, der selbst serbischer Nationalität war, hatte keinerlei Interesse daran, dieser kleinen ungarisch sprechenden Gemeinschaft, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch über 23 Gemeinden verfügte, aber bis dahin nicht als eigene sprachliche Gruppe registriert worden war, einen eigenen Status einzuräumen und eine eigene Kirchenverwaltung für die ungarischen Gemeinden aufzubauen oder die ungarische Sprache im Gottesdienst zu fördern. Während bis zum Jahre 1868 vielfach Griechisch im Gottesdienst verwandt wurde, trat nun oft Kirchenslawisch in serbischer Aussprache an dessen Stelle. Dazu kamen finanzielle Schwierigkeiten. Da die finanziellen Unterstützungen nicht mehr so reichlich wie früher flossen, konnten zahlreiche Gemeinden keine eigenen Kirchen und Priester mehr unterhalten. Auch mussten die verbliebenen Gemeinden um die Anerkennung des Ungarischen als Kirchensprache ringen. Dass die ungarische Sprache in den betroffenen Gemeinden überhaupt erhalten blieb und nicht durch das Serbische ersetzt wurde, ist jenen Übersetzungen zu danken, die auf private Initiative im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert entstanden waren.

 

Erst nach langwierigen Verhandlungen, die sich seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts hinzogen, gelang es den ungarischen Orthodoxen schließlich im Jahre 1912, die Errichtung eines eigenen Bistums in Budapest zu erreichen, das als Sufragan der Metropolie in Karlovać zugeordnet wurde. 

 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde mit der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (später: Königreich Jugoslawien) eine Vereinigung der verschiedenen serbisch-orientierten orthodoxen Kirchtümer möglich. So gelangte das ungarische orthodoxe Bistum in Budapest als Sufraganbistum der Metropolie von Karlovać im Jahre 1920 unter die Jurisdiktion der serbisch-orthodoxen Kirche. Auch die neuentstandene orthodoxe Kirche in der Tschechoslovakei und in der Karpatho-Ukraine ordnete sich der Oberhoheit des Patriarchen in Belgrad ein. Insofern läßt sich zu diesem Zeitpunkt von einer orthodoxen Kirchenhoheit der serbischen Kirche über den gesamten südlichen Bereich Mitteleuropas sprechen, obwohl im Jahre 1924 der Ökumenische Stuhl seine Vorrechte zur Verwaltung der orthodoxen Diaspora außerhalb der umschriebenen kanonischen Grenzen der autokephalen Kirchen gemäß Kanon 28 des vierten Ökumenischen Konzils von Chalcedon durch die Errichtung seines ungarischen Exarchates geltend machte. Zum ungarischen Exarchat des Ökumenischen Patriarchates hielten sich in der Zwischenkriegszeit 5 Gemeinden, die als griechische Gründungen auch in der Zeit vor 1868 der konstantinopolitanischen Jurisdiktion unterstanden hatten.

 

Zum ersten orthodoxen Bischof von Budapest wurde 1912 ein Serbe, Vladika Georg (Zubković), ernannt. Auch jetzt noch wurde vom Patriarchat in Belgrad der Wunsch der ungarischen Orthodoxen nach Verwendung der ungarischen Sprache im Gottesdienst nicht erfüllt. Verständlich also, dass die Gläubigen weiterhin um die Durchsetzung dieser Forderungen bemüht waren. 

 

Die Zwischenkriegszeit war von einer Reihe von Lösungsversuchen gekennzeichnet, die jedoch alle nicht den Vorstellungen der Betroffenen orthodoxen Ungarn entsprachen und oft genug ohne Rückfrage nach Ihren Wünschen zustande gekommen waren. 

 

Die im Jahre 1930 durchgeführte Volkszählung brachte genauere Aufschlüsse über die orthodoxen Gemeinden in Ungarn: Insgesamt lebten im Zwischenkriegs-Ungarn 39 839 Orthodoxe, von denen sich 15 554 zur ungarisch-orthodoxen Kirche mit dem Bistum Budapest bekannten, 13 043 bekannten sich zur rumänisch-orthodoxen, 6 286 zur serbisch-orthodoxen, 2 286 zur bulgarisch-orthodoxen und 1 687 zur russisch-orthodoxen Kirche (meist Emigranten) sowie 983 zu verschiedenen anderen orthodoxen Jurisdiktionen. Die serbisch-orthodoxe Gemeinde war mit 24 Pfarreien die bedeutendste. Durch die serbischen Priester wurden auch die ungarisch-orthodoxen Gemeinden betreut.

 

Nach 1943 beugte sich die ungarische Regierung den Wünschen der deutschen Regierung, alle Orthodoxen im mitteleuropäischen Bereich der Synode der russischen Auslandsbischofe zu unterstellen. Gestützt auf das Vertrauen der deutschen Reichsregierung übernahm der in Berlin residierende russisch-orthodoxe Metropolit Seraphim Lade, der der Jurisdiktion der russischen Auslandskirche unterstand, zeitweise die Leitung der ungarisch-orthodoxen Gemeinden. Metropolit Seraphim betraute wiederum den russischen Priester Sergej Samsonievskij, der für die russinischen Gemeinden in der Bačka zuständig war, mit der Administration der ungarischen Gemeinden. Nach dem Tode von Samsonievskij übernahm der russische Priester Koljubakin die administrativen Aufgaben. Die Unterstellung der ungarisch-orthodoxen Gemeinden in den Jahren 1943 bis 1945 unter die Jurisdiktion der russischorthodoxen Auslandskirche wurde sowohl in den ungarischen orthodoxen Gemeinden, als auch in der Weltorthodoxie nicht akzeptiert. So beanspruchte das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel weiterhin die Oberhoheit über ihre 5 ungarn-griechischen Gemeinden und das serbische Patriarchat die Oberhoheit über alle Gemeinden unter der Jurisdiktion von Vladika Georg (Zubković) in Budapest. Gleichzeitig war die Situation von Metropolit Seraphim und der russischen Auslandssynode sehr delikat, denn einerseits musste man den ordnungspolitischen Wünschen der Deutschen Reichsregierung Rechnung tragen, anderseits hatte die russische Emigrantenkirche auf Einladung der serbischen Kirche ihren Sitz in der Sommerresidenz des serbischen Patriarchen in Karlovać genommen und war von der serbischen Kirche sowohl finanziell, als auch bei der Ausbildung ihres Priesternachwuchses abhängig. 

 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der sowjetischen Machtverschiebung nach Westen in den mitteleuropäischen Raum kam es zur Neuregelung der kirchlichen Verhältnisse in Mitteleuropa. Die russische Auslandssynode verlor ihre gesamten Besitzungen und ihren Einfluss im genannten Raum und schied damit als Jurisdiktion aus. Die kleineren orthodoxen Landeskirchen, wie etwa die polnische orthodoxe Kirche oder die orthodoxe Kirche in der Tschechoslowakei, kamen unter den Einfluss des Moskauer Patriarchats. 

 

So wurde der Bischof der karpato-ukrainischen Eparchie von Mukačevo und Prešov, Vladika Nestor, durch das Moskauer Patriarchat mit der Neuregelung der ungarischen orthodoxen Eparchie betraut, zumal diese zeitweise mit dem Bistum von Mukačevo zusammen verwaltet worden war. 

 

Der Widerstand gegen eine jurisdiktionelle Unterstellung unter das Moskauer Patriarchat scheint bei den ungarischen Orthodoxen jedoch stark gewesen zu sein, denn es dauerte über ein Jahr, bis weitere Verhandlungen in Moskau stattfanden, auf denen sich die ungarische Kirchendelegation davon „überzeugen“ liess, dass die russische Kirche „frei und glücklich lebt“ und dann noch einmal weitere zwei Jahre, bis sich einige Geistliche der ungarisch-orthodoxen Kirche im Jahre 1949 an das Moskauer Patriarchat mit der Bitte wandten, sie in die Jurisdiktion der russischorthodoxen Kirche aufzunehmen. Im Jahre 1950 wurden die Gemeinde der Mariae-Entschlafens-Kathedrale in Budapest und die ungarischOrthodoxen Gemeinden in verschiedenen anderen Städten in das Moskauer Patriarchat aufgenommen. Der Heilige Synod des Moskauer Patriarchates bildete aus ihnen zunächst ein orthodoxes Dekanat für Ungarn (Magyar Orthodox Esperesség). Im Jahre 2000 wurde das ungarische Dekanat zur Diözese erhoben und die Budapester Mariae-Entschlafens-Kathedrale wurde Bischofssitz.

 

Diese Verlautbarung des Heiligen Synods des Moskauer Patriarchates lässt natürlich außer acht, dass sowohl aus serbischer Sicht Vladika Georg (Zubković) nach wie vor die kirchlich legitime Administration der ungarisch-orthodoxen Gemeinden ausübte und aus Sicht des Ökumenischen Patriarchates den Vertretern des Moskauer Patriarchates keine Regelungskompentenz ausserhalb des russischen kanonischen Territoriums zukam. Insofern hat Seine Heiligkeit Patriarch Athenagoras I. noch während der kommunistischen Gewaltherrschaft über Osteuropa im Jahre 1963 das Exarchat von Ungarn erneuert und mit der Administration der Metropolie von Österreich verbunden. Das serbische Patriarchat protestierte auch energisch gegen diesen unkanonischen Schritt des Moskauer Patriarchats, doch blieben diese Proteste ergebnislos. 

 

Der Erfolg des Moskauer Patriarchats in Ungarn ist nicht zuletzt auf die von der russisch-orthodoxen Kirche gezeigte Großzügigkeit gegenüber den volkssprachlichen Gottesdiensten zurück zuführen. Leider erfüllte erst das Moskauer Patriarchat dieses legitime Anliegen der ungarisch-orthodoxen Gläubigen durch die offizielle Bestätigung des Ungarischen als offizieller Liturgiesprache für die ungarischen Gemeinden. Dieses berücksichtigte im Gegensatz zu den Kirchenleitungen in Belgrad und Konstantinopel erstmals die sprachlichen Eigeninteressen der ungarischen Orthodoxen. In dieser Haltung liegt es sicherlich hauptsächlich begründet, dass nachdem infolge des politischen Umbruchs in ganz Osteuropa auch in Ungarn nach dem Jahre 1989 der kirchliche Freiraum für die Orthodoxen wieder gegeben war, sich die Mehrheit der ungarisch-orthodoxen Gläubigen zum Verbleib beim Moskauer Patriarchat entschied. 

 

Bis in die 1950-er Jahre waren die maßgeblichen kirchlichen Texte ins Ungarische übersetzt worden, so dass die ungarische Orthodoxie bis heute folgende Werke in ungarischer Sprache vorliegen hat, die vom Moskauer Patriarchat gutgeheißen wurden: Göttliche Liturgie (1955), Orthodoxes Gebetbuch (1956), Ritual (Trebnik) (1959), großes Gesangbuch (1969).

 

Daneben erscheint seit dem Jahre 1952 eine orthodoxe Kirchenzeitschrift, die anfangs monatlich, nun alle zwei Monate unter dem Titel „Egyházi krónika, Keleti ortodox egyházi folyóirat" (Kirchliche Chronik, Zeitschrift der östlich-orthodoxen Kirche), die vor allem der Glaubensverkündung dient und aus dem Gemeindeleben berichtet. 

 

Alle orthodoxen Gemeinden Ungarns, gleich welcher Juridiktion entfaltet heute, soweit sie das Ungarische als Gottesdienstsprache gebrauchen oder zulassen, eine rege Tätigkeit im ganzen Lande, sie gewinnen durch Taufen und Konversionen, vor allem von jungen Leuten, neue Mitglieder. Dabei bemühen sie sich um ein gutes Verhältnis zur katholischen und reformierten Kirche des Landes und sind ökumenischen Fragenstellungen gegenüber aufgeschlossen. In der Volkszählung des Jahres 2001 bekannten sich 15.928 Personen zur ungarischen-orthodoxen Kirche unter der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchates. Damit bekennt sich auch nach dem Verschwinden des sowjetisch-orientierten kommunistischen Regimes eine bedeutende Mehrheit der Orthodoxen in Ungarn zur kirchlichen Einbindung in die Russische Orthodoxe Kirche.

 

Genauso wie ich von jedem Orthodoxen Verständnis, Akzeptanz und Respekt für die Entscheidung meiner eigenen Diözese (Erzbistum der Orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa) erwarte, trotz den oft russischen Wurzeln unserer Gläubigen auch in Zukunft unter der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen verbleiben zu wollen, werde ich diese Entscheidung der meisten ungarischen Orthodoxen, trotz ihrer oft griechischen Wurzeln unter der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchen verbleiben zu wollen, ebenso respektieren. 

 

Heute gibt es elf orthodoxe ungarische Gemeinden im Lande: zwei in Budapest, die von zwei Priestern und zwei Protodiakonen betreut werden, ferner Gemeinden in Gyöngyös, Karcag, Kecskemét, Miskolc, Nyíregyháza, Szeged und Szentes. Seit dem Jahre 2000 wird das orthodoxe Bistum von Ungarn durch Erzbischof Mark von Budapest aus geleitet. Insgesamt versehen in ihm 8 Priester und 1 Diakon ihren Dienst. Nicht zur ungarisch-orthodoxen Kirchenorganisation gehören sowohl die außerhalb des heutigen ungarischen Staatsgebietes lebenden orthodoxen Ungarn, als auch die anderen Jurisdiktionen angehörenden Orthodoxen Ungarns. Die orthodoxen Ungarn in der Sowjetunion unterstehen unmittelbar dem Moskauer Patriarchat, die Gläubigen in Rumänien und in der Tschechoslowakei haben sich den dortigen orthodoxen Kirchen angeschlossen.

 

Dem Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel unterstehen in Ungarn heute wieder 4 Pfarreien. Das ungarische Exarchat ist Teil der Metropole von Austria (Österreich) mit Sitz in Wien. Oberhirte ist S. E. Metropolit Arsenios Konstantinos (Kardamakis). Seit dem 03. November 2011 ist er griechisch-orthodoxer Metropolit von Austria und Exarch von Ungarn und Mitteleuropa.

 

Seit dem Jahre 1991 entstand viel Unfrieden zwischen denjenigen orthodoxen Christen in Ungarn, die sich zur kirchlichen Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchates in Konstantinopel und derjenigen, die sich zur kirchlichen Oberhoheit des Moskauer Patriarchates bekennen durch die gerichtlichen Auseinandersetzungen um orthodoxen Grund- und Kirchenbesitz, vor allem um den Besitz der Mariae-Entschlafen-Kathedrale in Budapest mit den mit dieser Kathedrale verbunden Immobilienbesitz. Durch die Entscheidung der weltlichen Gerichte in Ungarn blieb zwischen den Orthodoxen viel Bitterkeit und mache seelische Verletzung zurück. Neben diesen beiden Jurisdiktionen besteht ein serbisch-orthodoxes Bistum in Szentendre bei Budapest, eine rumänisch-orthodoxe Eparchie in Gyula und eine bulgarisch-orthodoxe Eparchie in Budapest, die allerdings nur zwei Pfarreien in Buda und Pécs umfasst.

 

 

Die Gottesdienste in der Kapelle des Ökumenischen Patriarchates zu Ehren des Heiligen Hierotheos und Stephan des Erleuchters (ungarisch: Szent Hierotheosz és Szent István kápolna) werden in Ungarisch und Griechisch zelebriert.

Orthros und Göttliche Liturgie Sonn-und hohen Feiertagen um 9.00 Uhr Vesper samstags und am Vorabend der Feste um 18.00 Uhr

Adresse: Ecumenical Patriarchate: Szent Hierotheosz és Szent István kápolna ,Budapest, 1056, Váci utca 55. 1st. Stock, Tel.: 00361-317-92- 30 http://www.patriarchatus.hu/ 

 

1053, Budapest, Váci utca 55. I.em. 1. Tel. 00361/317-92-30

 

 

 

Kapelle der Heiligen Hierotheos und Stephan der Erleuchter (Szent Hierotheosz és Szent István kápolna) in Budapest
Kapelle der Heiligen Hierotheos und Stephan der Erleuchter (Szent Hierotheosz és Szent István kápolna) in Budapest
Serbische Kapelle in Pecs
Serbische Kapelle in Pecs
Orthodoxe Maria-Entschlafen-Kathedrale in Budapest
Orthodoxe Maria-Entschlafen-Kathedrale in Budapest
Orthodoxe Maria-Entschlafen-Kathedrale in Budapest
Orthodoxe Maria-Entschlafen-Kathedrale in Budapest
Orthodoxe Kirche in Miskolc
Orthodoxe Kirche in Miskolc
Wundertätige der Muttergottes von Miskolc in der dortigen orthodoxen Kirche
Wundertätige der Muttergottes von Miskolc in der dortigen orthodoxen Kirche
Die wundertätige Ikone der allheiligen Gottesgebärerin "Ahtirki" in Miskolc. Diese heilige Ikoe befinder sich seit 1739 in Miskolc. Auf das Gebet vor dieser Ikone haben sich in den letzten Jahrhunderten viele Wunder ereignet
Die wundertätige Ikone der allheiligen Gottesgebärerin "Ahtirki" in Miskolc. Diese heilige Ikoe befinder sich seit 1739 in Miskolc. Auf das Gebet vor dieser Ikone haben sich in den letzten Jahrhunderten viele Wunder ereignet
Museum der Ungarischen Orthodoxen Kirche - Miskolc Deák Ferenc tér 7
Museum der Ungarischen Orthodoxen Kirche - Miskolc Deák Ferenc tér 7
Kirche des heiligen Nikolaus in Kuressaare, Provinz Saaremaa, Estland.
Kirche des heiligen Nikolaus in Kuressaare, Provinz Saaremaa, Estland.

 

Der orthodoxe Glaube in Estland

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Am Ende der kommunistischen Ära gehört Estland, zusammen mit Ostdeutschland und Tschechien, zu den am meisten säkularisierten Staaten in Europa. Zum lutherischen Glauben bekennen sich in Estland heute 13,6 % der Bevölkerung gefolgt von 12,8 % der Einwohner, die sich zum orthodoxen Glauben bekennen. Gemäß einer, mit der Volkszählung im Jahre 2000 durchgeführten Befragung, bekennen sich von den orthodoxen Christen in Estland heute 72,9 % zum russischen Volkstum. 

 

Kirchlich betreut werden diese orthodoxen Christen zum einen durch die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche, die als autonome Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel gehört, zum anderen durch die Estnische Orthodoxe Kirche, einer Diözese im Rahmen des Moskauer Patriarchates. So ist die Orthodoxe Gemeinschaft in Estland bis heute gespalten, wobei sich eine Mehrheit unter Ihnen, vor allem unter der russischern Bevölkerung, zu den Gemeinden des Moskauer Patriarchates hält. Seitens der estnischen Regierung wurden im Jahre 2004 für die orthodoxe Glaubensgemeinschaft in Estland die folgenden Zahlen vorgelegt: Rund 20 000 Gläubige, die sich mehrheitlich zum estnischen Volkstum bekennen, halten sich zur Estnisch Apostolisch Orthodoxen Kirche, die in 59 Pfarreien organisiert ist und etwa 150 000 Gläubige, die sich mehrheitlich zum russischen Volkstum bekennen, halten sich zur Estnisch Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchates, die in 30 Pfarreien organisiert ist. Auch das stauropigale Mariae-EntschlafenNonnenkloster in Pühtitsa, dessen Nonnen mehrheitlich aus Russland und der Ukraine stammen, blieb dem Moskauer Patriarchat verbunden. Aber seit neuestem besitzt auch die Estnisch Apostolisch Orthodoxen Kirche mit der Nonnenskite des heiligen Johannes des Vorläufers in Saaremaa ein kleines Nonnenkloster im Südosten des Landes.

 

Metropolit Stephanus von Talinn und Estland
Metropolit Stephanus von Talinn und Estland
Orthodoxer Gottesdienst in Pärnu in den 1920-er Jahren
Orthodoxer Gottesdienst in Pärnu in den 1920-er Jahren
Der heilige Neo-Märtyrer Platon
Der heilige Neo-Märtyrer Platon
Die Kathedrale der  Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche (Eesti Apostlik-Õigeusu Kirik) zu Ehren des heiligen Nikolaus in Talinn.
Die Kathedrale der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche (Eesti Apostlik-Õigeusu Kirik) zu Ehren des heiligen Nikolaus in Talinn.
Während der Göttlichen Liturgie in der Kathedrale.
Während der Göttlichen Liturgie in der Kathedrale.
Mit der Nonnenskite zu Ehren des heiligen Johannes des Vorläufers in Saaremaa wurde ein kleines Nonnenkloster im Südosten Estlands gegründet.
Mit der Nonnenskite zu Ehren des heiligen Johannes des Vorläufers in Saaremaa wurde ein kleines Nonnenkloster im Südosten Estlands gegründet.

 

Geschichte des orthodoxen Christentums in Estland

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Orthodoxe Mönche wirkten als Missionare, von Petschora und seinem Höhlenkloster ausgehend, schon ab dem 10. Jahrhundert unter den estnischen Stämmen im Südosten des Landes. Aus Ihrer Mission geht die estnischsprachige orthodoxe Volksgruppe der Setu hervor. Sie siedeln noch heute in der historischen Landschaft Setumaa. Diese umfasst auf estnischer Seite die Landkreise Põlva und Võru, auf russischer Seite das Gebiet um die Stadt Petschory (estnisch Petseri) im Regierungsbezirk Pskow (estnisch Pihkva). Für das Jahr 1030 berichten die slawischsprachigen Chroniken, dass Großfürst Jaroslav der Weise in Dorpat (estnisch Tartu) eine Jurijev genannte Festung mit einer, dem heiligen Großmartyrer Georg geweihten Kathedrale errichtete. Im Jahre 1472, nachdem die „Schwertmission“ des Deutschen Ordens das Gebiet erobert hatte, wurden die orthodoxen Christen durch ein Progrom von den Katholiken vertrieben. Der heilige Priester Isidor erlitt damals, zusammen mit Vielen aus seiner Gemeinde, das Martyrium um ihres orthodoxen Glaubens willen (Gedenktag 8. Januar).

 

Im 17. und 18. Jahrhundert kamen dann Gruppen von Altgläubigen in das Gebiet rund um den Peipussee. Sie flohen aus Russland, um sich den durch Patriarch Nikon eingeführten liturgischen Reformen in der Russischen Orthodoxen Kirche zu entziehen. Noch heute finden sich in dieser Gegend Estlands ihre Nachkommen und deren meist „priesterlose“ Gemeinden (старообря́дцы / беспоповцы). 

 

Im 17. Jahrhundert wurde durch die Nordischen Kriege unter Zar Peter dem Großen Estland Teil des Russischen Imperiums. Im 18. und 19. Jahrhundert erwachte dann das estnische Eigenbewusstsein. Die nationale Bewegung richtete sich auch gegen die Vormundschaft und Privilegierung der Deutschbalten und ihre kulturelle Dominanz. Ein wichtiger Pfeiler dieser deutschen Dominanz stellte die evangelisch-lutherische Kirche und ihre deutsch-baltische Pastorenschaft dar. So konvertierten erhebliche Teile der estnischen Bauernschaft im 19. Jahrhundert vom lutherischen Glauben zur Orthodoxie. Dies führte zu mannigfaltigen Spannungen mit der deutsch-baltischen Elite in den drei baltischen Provinzen Estland, Livland und Kurland. Im Jahre 1850 wurde das orthodoxe Bistum Riga errichtet, zudem zunächst auch die Orthodoxen in Kurland und Estland gehörten. Im 19. Jahrhundert wurden dann auch die Alexander-Nevski-Kathedrale in Reval (estnisch Tallinn) und das Mariae-Entschlafen-Nonnenkloster in Pühtitsa erbaut.

 

1917 wurde mit Bischof Platon (Paul Kulbusch) der erste Este (geboren in Kurland) zum Bischof geweiht (zunächst Bischof von Reval (estnisch Tallinn) und dann Erzbischof von Riga). 1919 erlitt der heilige Bischof Platon dann zusammen mit seinem Diakon das Martyrium durch die Bolschewiken. Er wurde mit einer Reihe deutschbaltischer Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Dienst erschossen. Darunter war auch der lutherische Theologe und Pfarrer Traugott Hahn. In der Nacht vor dem Martyrium beteten die beiden christlichen Märtyrer zusammen und lasen gemeinsam im heiligen Evangelium. In dieser Nacht stimmten sie auch darin überein, dass „die Grenzen der Kirche nicht bis zu Himmel reichen“. Der heilige Märtyrerbischof Platon wurde am 18. August 2000 vom Moskauer Patriarchat und am 15. September 2000 vom Ökumenischen Patriarchat heiliggesprochen (sein Gedenktag ist der 14. Januar).

 

Nach der Unabhängigkeitserklärung der Estnischen Republik gewährte der heilige Patriarch Tichon von Moskau der orthodoxen Kirche in Estland im Jahre 1920 die Autonomie. Zum ersten Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Estland wurde Erzbischof Alexander (Paulus) gewählt und als Metropolit von Tallinn und ganz Estland in sein Amt eingeführt. Wegen der schwierigen kirchenpolitischen Lage in Russland, die durch die bolschewistische Christenverfolgung ausgelöst worden war, suchte Metropolit Alexander die Lage seiner noch jungen Eparchie zu stabilisieren und unterstellte sich und seine Kirche der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel. 1923 wurde die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche in das Ökumenische Patriarchat aufgenommen und der estnischen Kirche wurde eine weitgehende Autonomie gewährt. 

 

Die Russische Kirche jedoch hat diesen Schritt nie wirklich akzeptiert und bis heute auch nicht vollständig anerkannt. Dahinter stehen theologisch-kirchenrechtlich entgegengesetzte Interpretationen der Beschlüsse des Konzils von Chalkedon und der sich daraus ergebenden Bewertung der Vorrechte des Ökumenischen Stuhls in Bezug auf die Verwaltung der orthodoxen Diaspora. Während das Ökumenische Patriarchat aus den Kanones von Chalkedon für sich das grundsätzliche Recht zur Verwaltung der gesamten orthodoxen Diaspora ableitet, nimmt die Russische Kirche (wie auch andere orthodoxe Kirchen) für sich das Recht in Anspruch, die aus ihr hervorgegangenen Tochterkirchen (auch außerhalb des russischen staatlichen Territoriums) exklusiv verwalten zu dürfen. In diesem Konflikt zeichnet sich bisher keine theologisch zufriedenstellende Lösung ab. Aber vielleicht wird das kommende Große Konzil der Gesamtorthodoxie eine Lösung und Verständigung in den, sich bisher ausschließenden, Theologumena herbeiführen können.

 

Vor 1941 waren etwa 1/5 der estnischen Gesamtbevölkerung orthodox. Die überwiegende Mehrheit hing jedoch dem lutherischen Bekenntnis an, dass durch die Einführung der Reformation im 16. Jahrhundert nach Estland gekommen war. Es gab 158 orthodoxe Pfarrgemeinden, die von 183 Priestern betreut wurden. An der Universität von Tartu gab es einen Lehrstuhl für orthodoxe Theologie. Zur orthodoxen Kirche im Estland der Zwischenkriegszeit gehörte auch das berühmte Mariae-Entschlafen-Höhlenkloster von Petschory (estnisch Petseri) bei Pskov. Daneben gab es einen weiteren Konvent in Narva und das Mariae-EntschlafenNonnenkloster in Pühtitsa (Kuremäe). Als im Jahre 1940 die estnische Republik gewaltsam von der Sowjetunion besetzt wurde, wurden die kirchenfeindlichen Maßnahmen sofort auf das estnische Territorium ausgedehnt. Auch wurde die Autonomie des estnischen Kirche beendet und das Bistum Tallinn wurde dem Moskauer Patriarchat unterstellt. In der Zeit der deutschen Besetzung von 1942 bis 1944 konnten die Verbindungen zum Patriarchenstuhl in Konstantinopel erneuert werden und die Autonomie wurde weitestgehend wieder hergestellt. 

 

Kurz vor der zweiten sowjetischen Besetzung Estlands im Jahre 1944 flohen 8 000 orthododoxe Gläubige, begleitet von Metropolit Alexander und 21 Priestern, nach Schweden. Während in Estland nach 1945 die verbliebenen Bischöfe und die Mitglieder des Synods der orthodoxen Kirche Estlands, sowie die meisten Gemeindepriester, nach Sibiren verschleppt wurden und die Diözese erneut in das Moskauer Patriarchat eingegliedert wurde, überlebte die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche als Exarchat des Ökumenischen Patriarchen für die estnischen Gläubigen nur im westlichen Exil. 1958 wurde ein neuer Synod gebildet, um das geistliche Leben der in der Diaspora verstreuten kleinen Emigrantenkirche von Schweden aus neu organisieren zu können. Diese verstand sich bis zu ihrer Rückkehr nach Estland im Jahre 1991 als legitime Erbin der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche der Zwischenkriegszeit. In Sowjet-Estland überlebte das Bistum von Tallinn zwar, aber durch den Einfluss des kommunistisch-atheistischen Weltbildes schmolz die Schar ihrer Gläubigen, besonders unter den ethnischen Esten, stark zusammen, zumal die Gottesdienst fast nur noch in Kirchenslawisch zelebriert wurden.

 

Aus dem Bistum Tallinn des Moskauer Patriarchates stammte auch Seine Heiligkeit Patriarch Alexej II. von Moskau und ganz Russland. Patriarch Alexej II wurde als Alexej Michailowitsch Ridiger (Алексей Михайлович Ридигер) im Jahre 1929 in einer deutschbaltischen Kaufmannsfamilie geboren. Alexeis Vater war Michael Alexándrowitsch Baron von Rüdiger, ein deutschbaltischer Adeliger kurländischer Abstammung. Er stammte aus einem Familienzweig, der im 18. Jahrhundert den orthodoxen Glauben angenommen hatte. Nach der Oktoberrevolution floh Alexej Ridiger mit seinen Eltern aus Russland nach Estland. Dort empfing Alexej´s Vater Michail 1942 die Priesterweihe. Patriarch Alexej selbst empfing 1950 die Priesterweihe. 1961 wurde er zum Mönch geschoren und zum Bischof von Tallinn und Estland geweiht. Im Juni 1990 wurde er nach dem Tod von Patriarch Pimen I. zum russischen Patriarchen gewählt. Ihm oblag nach dem Zusammenbruch der atheistisch-kommunistischen Herrschaft in Russland die gewaltige Aufgabe, die Rechristianisierung des Landes und den Wiederaufbau der kirchlichen Strukturen der orthodoxen Kirche einzuleiten. 

 

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit Estlands kam es unter den orthodoxen Gläubigen zu einer Spaltung in diejenigen, die weiterhin der Autorität des Moskauer Patriarchates zu unterstehen wünschten und denjenigen, die eine Wiederbelebung der Beziehungen der estnischen Kirche zum Patriarchat in Konstantinopel wünschten. Oftmals fanden diese Auseinandersetzungen entlang ethnischer Grenzlinien in den Pfarrgemeinden statt, zumal in der Sowjetzeit eine große Zahl Russen nach Estland zugewandert war. Auch brachten die Verhandlungen zwischen den beiden Patriarchaten zunächst keine greifbaren Ergebnisse.

 

Im Jahre 1993 anerkannte der estnische Staat die estnische orthodoxe Kirche im Exil als legitime Erbin der autonomen orthodoxen Kirche der Zwischenkriegszeit. Im Februar 1996 erneuerte Seine Heiligkeit Patriarch Bartholomäus I den Tomos aus dem Jahre 1923 und bestätigte erneut die Autonomie der orthodoxen Kirche Estlands und ihre kanonische Zugehörigkeit zum Ökumenischen Patriarchat. Die stieß auf den deutlichen Widerstand seitens der russischen Kirche, die Estland als Teil ihres kanonischen Territoriums reklamierte. Der Konflikt eskalierte, als Seine Heiligkeit Patriarch Alexej II den Ökumenischen Patriarchen zeitweise aus den Dyptichen der russischen Kirche strich. In dieser schwierigen Situation des Neubeginns erhielt die estnische orthodoxe Kirche Hilfe von ihrer finnischen Schwesterkirche. Das Ökumenische Patriarchat beauftragte Erzbischof Johannes (Rinne) von Karelien und ganz Finnland (Helsinki), den Vikarbischof Ambrosius (Jääskeläinen) von Joensuu und Vater Heikki Huttunen aus Espoo mit der Hilfestellung beim Wiederaufbau der kirchlichen Strukturen in der wiederhergestellten Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche. Erzbischof Johannes wirkte zeitweise (1996 bis 1999) als Locum tenens des Metropoliten der autonomen orthodoxen Kirche Estlands.

 

Die geduldigen Gespräche mit der russischen Kirche konnten dann das innerorthodoxe Klima in Estland merklich entspannen. Nach drei Monaten wurde eine Übereinkunft zwischen beiden Kirchen erreicht, nach der jede einzelne Gemeinde frei entscheiden sollte, welcher der beiden Juridiktionen sie sich unterstellen wolle. Leider hat diese offizielle Übereinkunft bis heute keinen wirklichen Frieden zwischen den Orthodoxen in Estland gebracht, da die russische Kirche die Gemeinden des Ökumenischen Patriarchates weiterhin - mehr oder weniger offen - als unkanonisch und schismatisch betrachtet. Im Jahre 2003 bekannten sich 20 000 der orthodoxen Gläubigen zur Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche die damals über 60 Gemeinden verfügten. Heute wird die Kirche von 3 Bischöfen, 33 Priestern und 8 Diakonen geleitet. Sie verfügt inzwischen über 73 Gemeinden und ein kleines Nonnenkloster. Im Jahre 1999 erhielt die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche mit Metropolit Stephanos (Charalambides) ihren ersten eigenen Hierarchen. Metropolit Stephan hatte vorher als Vikarbischof des Ökumenischen Patriarchates in Frankreich gedient. 

 

Inzwischen wurden von der estnischen orthodoxen Kirche auch Vikarbischöfe für Tartu und Pärnu eingesetzt. Die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche verfügt zwar über meist kleine, aber sehr lebendige Pfarrgemeinden. In den meisten Gemeinden wird der Gottesdienst in estnischer Sprache gefeiert, es gibt aber auch Gemeinden mit kirchenslawischer Liturgiesprache. In den letzten Jahren ist eine sehr lebendige Kinder- und Jugendarbeit entstanden, die auch von Metropolit Stephan nachhaltig unterstützt und gefördert wird. Ingesamt nimmt die estnische orthodoxe Kirche ihre Chancen für einen Neubeginn in einer freiheitlichen, aber weitestgehend sekularisierten, Gesellschaft offensiv wahr. Sie stellt sich mutig den sich daraus ergebenden Aufgaben. Fest in der orthodoxen Tradition verwurzelt und im Vertrauen auf unseren Herrn Jesus Christus sucht sie Wege, ihre Zukunft als orthodoxe Landeskirche Estlands mutig und innovativ zu gestalten. Zum russisch orthodoxen Bistum Tallinn bekennen sich etwa 150 000 Gläubige in 31 Gemeinden. Diese Gemeinden fühlen sich vor allem der Seelsorge an den russisch sprechenden und empfindenden Menschen verbunden, obwohl auch in den Gemeinden des Moskauer Patriarchates Gottesdienste in estnischer Sprache gefeiert werden. Die Gemeinde der Alexander-Nevski-Kathedrale in Tallinn und das Mariae-Entschlafen-Nonnenkloster in Pühtitsa gehören auch zum Bistum Tallinn des Moskauer Patriarchates, das seit 2000 von Metropolit Kornilij (Jacobs) von Tallinn and ganz Estland geleitet wird.

 

Im Jahre 1993 hat das estnische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Rückgabe des kirchlichen Eigentums an die Religionsgemeinschaften regelt. Durch dieses Gesetz wurde der gesamte orthodoxe Kirchenbesitz an die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche, als der einzig legitimen Nachfolgerin der orthodoxen Kirche aus der Vorkriegszeit, übertragen. Im Jahr 2002 gelang es schließlich auch dem russisch orthodoxen Bistum Tallinn seinen Status als Estnische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchates gegenüber den estnischen Behörden zu legalisieren. Im gleichen Jahr erklärte sich die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche damit einverstanden, die Besitzrechte an den kirchlichen Gebäuden, die von den Gemeinden des Moskauer Patriarchates genutzt werden, an den estnischen Staat abzutreten. Im Gegenzug erklärte sich dieser dazu bereit, für die Renovierung der Kirchen der estnischen orthodoxen Kirche aufzukommen.