Orthodoxer Glaube im Gespräch

 

Orthodoxer Glaube im Gespräch

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Wir orthodoxen Christen sind eins im christlichen Glauben, wie er sich auf Grund des Heiligen Evangeliums und der Heiligen Tradition in der Einen Heiligen Orthodoxen Kirche entfaltet. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir bis in jedes Detail und in allen Fragen des Lebens einer Meinung sein müssen. In vielen praktischen Fragen findet das Leben der Kirche eher symphonisch denn monolithisch statt und die Bewahrung der kirchliche Einheit in der Heiligen Orthodoxie bedeutet nicht fundamentalistische oder sektenhafte Enge, sondern Leben in kirchlich-pneumatisch gegründeter Fülle. Bei aller notwendigen Einheit im orthodoxen Glauben und im kirchlichen Leben gibt es zugleich in der Orthodoxie auch eine legitime Diversität kirchlicher Meinungen und Lebensäußerungen. Deshalb kann keine Gruppierung unter den orthodoxen Gläubigen den Anspruch auf die absolute, einzig „orthodoxe“ Deutungshohheit erheben. Die christlich-orthodoxe Wahrheit offenbart sich allein im Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche Christi, wie sie sich als organische Einheit im orthodoxem Glauben als dem rechtgläubigen Lobpreis Gottes und dem rechten geistlichen Leben in der orthodoxen Kirche verwirklicht. Diese orthodoxe Wahrheit drückt sich zugleich als eine „Einheit in Vielfalt“ aus. Diese zu erleben ermöglicht gerade unsere orthodoxe Diaspora. Hier verbindet die Gelegenheit des befruchtenden Miteinanders und Austausches der gewachsenen orthodoxen Lokaltraditionen, in  denen unsere Gläubigen beheimatet sind, sowie den verschiedenen orthodoxen Theologumena und Meinungen, die die Orthodoxie in den verschiedenen Ländern der orthodoxen Oikumene prägen.  Als orthodoxen Christen betonen wir die Katholizität (sobornost) der Kirche als harmonische Symphonia zweier untrennbar miteinander verbundener Prinzipien.  Mit großer Entschiedenheit verbinden wir die pan-orthodoxe Einheit im Glauben und kirchlichen Leben mit der durch Gottes Ratschluss und Fügung geschenkte Symbiose des christlichen Glaubens mit einem bestimmten Volk und seinem Wesen (Mentalität). Gerade hierin erlangen die Universalität der Kirche und der jeweils individuell zu suchende Weg zur Heiligkeit ein irdisch erfahrbares Antlitz (Vladimir Lossky).

 

Deshalb sollen unter dieser Rubrik in Zukunft inhaltlich unterschiedliche orthodoxe Beiträge in einer ausdrücklich nicht normativ verstandenen Zusammenschau veröffentlicht werden. Die Veröffentlichung unter dieser Rubrik stellt also weder eine positive noch eine negative Wertung dar; vielmehr soll sie ausschließlich dem Kennenlernen verschiedener orthodoxer Positionen und Meinungen dienen. Es bleibt dem Leser selbst ausdrücklich aufgetragen, sich eine eigene Meinung zu den in den Beiträgen vorgetragenen kirchlichen und theologischen Argumenten zu bilden.

 

Orthodoxe Kirche in Weimar - Innenansicht.
Orthodoxe Kirche in Weimar - Innenansicht.

 

Entwurf für eine Predigt

zur Friedensandacht in Reschwitz

 

Erzpriester Michail Rahr

 

Ihre Hochheiten, Eure Exzellenz, sehr verehrte Damen und Herren,

liebe Brüder und Schwestern,

 

das Gebet um den Frieden ist wohl so alt wie die Kirche selbst. In der orthodoxen Kirche heißt die größte und wichtigste Litanei zu Beginn eines jeden Gottesdienstes "Friedenslitanei". Sie beginnt mit den Worten: "In Frieden lasset uns zum Herren beten"; in ihr werden Fürbitten "um den Frieden von oben und das Heil unserer Seelen" sowie "um den Frieden dar ganzen Welt und den Wohlbestand der heiligen Kirchen Gottes" artikuliert. Auch die sich ständig wiederholende kleine Litanei beginnt mit den Worten: "Wieder und wieder lasset uns in Frieden zum Herren beten". Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander der Menschen - sowohl der Christen untereinander, als auch im Verhältnis zu Menschen anderen Glaubens oder zu Nichtgläubigen - der "Friede von oben" ist, also der Zustand der inneren Befriedung im Einklang mit Gottes Willen und dem eigenen Gewissen ist. Das impliziert wiederum, dass wir Christen innerlich gestärkt sein sollen, wenn wir in brüderlicher Eintracht und gegenseitigem Respekt mit Andersgläubigen bzw. Andersdenkenden leben wollen. Ohne diese innere, spirituelle Festigung können wir womöglich auch friedlich miteinander auskommen, aber ohne den Respekt der anderen uns und unserem Glauben gegenüber. Das jedoch entspräche nicht unserem Sendungsbewusstsein, das wir aus dem Evangelium ableiten. Es darf also einfach nicht sein, dass der Einsatz der Kirchen für den Frieden zu 99% aus der widerstandslosen Aufgabe eigener, urchristlicher Positionen besteht. Unsere Akzente müssen andere sein, damit wir die Achtung vor der Botschaft des Evangeliums in anderen Menschen aufrechterhalten können. Sonst werden die Spurenelemente christlichen Glaubens im Abendland bald nur noch mit der Lupe sichtbar sein.

 

Vor einigen Wochen äußerte sich ein Mitglied der Bundesregierung mit Migrationshintergrund dahingehend, dass für sie keine deutsche Kultur jenseits der Sprache auszumachen sei, und rief dadurch teils heftige Reaktionen am rechten Rand der Gesellschaft, teils sachliche Kritik gemäßigter Kräfte, zum Teil aber - und das ist bedenklich - Zustimmung aus linksliberalen Kreisen hervor. Deutschland - ein Land mit eigener Sprache, sonst aber ohne eigene Kultur, in dem die (christliche) Religion von ihrer Bedeutung her nur noch im Promillebereich beziffert werden kann?!.. Hätte z.B. ein konservativer Politiker hierzulande über die Türkei gesagt, es gäbe dort jenseits der Sprache keine eigenständige Kultur, die Welle der Entrüstung hierzulande wäre nicht nur unter den türkischstämmigen Mitbürgern zu einem Tsunami der Emotionen übergeschwappt, - von der erwartbaren Reaktion des türkischen Staatspräsidenten ganz zu schweigen. Klar, die betreffende Politikerin ist noch zu jung, um zu wissen, dass man früher noch Eisbein mit Sauerkraut statt Dürum und Döner in Gaststätten bestellen konnte. Auch sind der Kölner Dom oder der Frankfurter Römer für sie kaum unterscheidbar vom Märchenschloss im Disneyland, heben sich Karnevalsumzüge und Weihnachtsmärkte nur noch wenig vom Christopher-Street-Day oder dem Halloweentreiben ab; na ja, und dass es neben Goethe und Schiller, die tatsächlich für die Entwicklung der modernen deutschen Sprache maßgeblich verantwortlich zeichnen, auch noch Bach, Beethoven, Dürer, Cranach u.v.a. Kulturschaffende in deutschen Landen gab, muss man als Integrationsbeauftragte in Deutschland heutzutage nicht zwingend notwendig auf dem Schirm haben. Unter solchen Umständen aber wird Integration zur Farce! Und das im Lutherjahr, in dem wir das Jubiläum der Reformation begehen, die natürlich auch zur Geburtsstunde der deutschen Literatursprache wurde, - das aber quasi nur als Begleiterscheinung der durch und durch religiös motivierten Bewegung "Bibel für alle".

 

Ich will offen zu Ihnen allen sein. Eine Ursache für die fortschreitende Entchristlichung der Gesellschaft sehe ich auch darin, dass von den Kirchenkanzeln kaum noch Bezug auf Spiritualität, Moral und wahre christliche Werte genommen wird. Lassen wir doch - ganz im Sinne Luthers - Kirche Kirche sein! Ökumenische Gottesdienste zu sozialpolitischen Themen haben die traditionellen christlichen Feiertagsgottesdienste früherer Zeiten abgelöst, aber die Kirchen merken selbst nicht, dass sie einer Selbstsäkularisierung erlegen sind. Vor Jahren war ich zu einer Öku-Andacht eingeladen, konnte aber wegen kurzfristig eingetretener seelsorgerischer Umstände nicht teilnehmen. Die betreffende Pastorin schäumte vor Wut, weil ich an meiner Statt unsere Gemeindeälteste vorgeschickt hatte. Aber warum? War der Gottesdienst als Gebet gedacht - dann gilt doch: "Wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, da bin Ich mitten unter ihnen" (Mt. 18: 20), und folglich bin ich ob meines Fernbleibens nur Gott gegenüber Rechenschaft schuldig; oder der Gottesdienst war als öffentlichkeitswirksames Spektakel gemeint - dann tut es mir leid, dass ich nicht zum Gelingen dieses Events beitragen konnte, weil ich nun mal andere Prioritäten habe. Das aber nur am Rande. Grundsätzlich gilt: die Kirche soll sich nicht in politische Auseinandersetzungen einmischen, gleichwohl aber durch innere, geistliche Erneuerung auf die Entwicklung der Gesellschaft und beizeiten sogar auf politische Entscheidungsprozesse Einfluss nehmen, aber auf gar keinen Fall dem Zeitgeist mit heraushängender Zunge hinterherrennen oder gar dem Mainstream immer einen Schritt voraus sein zu wollen. Nichts anderes scheinen aber Kirchentage und ähnliche Massenevents mit Workshops wie "SM und Christentum" beabsichtigen zu wollen. Wir müssen unseren Glauben wirklich nicht nach konjunkturellen Gesichtspunkten alle zwanzig Jahre neu erfinden. Ferner brauchen wir die Anfeindungen der uns nicht Wohlgesonnenen nicht zu fürchten, denn ohnehin "werden alle, die in der Gemeinschaft mit Christus Jesus ein frommes Leben führen wollen, verfolgt werden" (2. Tim. 3: 12). Der Herr verspricht uns dafür: "Du hast nur geringe Kraft, und dennoch hast du an Meinem Wort festgehalten und meinen Namen nicht verleugnet (...) Du hast dich an Mein Gebot gehalten, standhaft zu bleiben; daher werde auch Ich zu dir halten und dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf die Probe zu stellen. Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit kein anderer deinen Kranz bekommt. Wer siegt, den werde Ich zu einer Säule im Tempel Meines Gottes machen, und er wird immer darin bleiben. Und ich werde auf ihn den Namen Meines Gottes schreiben und den Namen der Stadt Meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von Meinem Gott, und Ich werde auf ihn auch Meinen neuen Namen schreiben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt" (Offb. 3: 8-13). Unter Letzteren könnten wir gemeint sein. Wenn nun allerdings die beiden führenden Vertreter der christlichen Kirchen hierzulande bei einem Besuch des Felsendoms in Jerusalem aus "Respekt vor dem Islam" das Kreuz Christi verleugnen, sollte für uns Christen eine rote Linie überschritten sein. Schuldet der Islam uns denn keinen Respekt?! Ist es schon so weit, dass wir Christen diesen Respekt für uns gar nicht mehr einfordern? Geht die Gleichberechtigungsdebatte immer nur in eine Richtung? - Damit will ich keinesfalls behaupten, dass es innerhalb der beiden großen Kirchen in Deutschland keine couragierten Kämpfer für die Sache Christi gibt, aber einen Aufschrei der Entrüstung hatte ich da schon vermisst. Denn ich sage ihnen: ein orthodoxer Bischof hätte bei einem vergleichbaren Ausmaß an Bekennergeist bei seiner Rückkehr auf dem Heimatflughafen keine Landeerlaubnis erhalten, weil sich das Kirchenvolk auf der Landebahn quer gelegt hätte.

 

Im Russischen Reich haben Christen über Jahrhunderte lang in Frieden mit Millionen Muslimen als ihrren Mitbrüdern und Landsleuten gelebt. Sie hatten uns zuvor im Mongolensturm erobert und versklavt, doch als wir uns von ihrem Joch befreit hatten, behandelten wir sie wie unseresgleichen. Muslime schworen den christlichen Zaren ihren Treueeid auf den Koran, Juden auf die Thora, und alle zusammen verteidigten mit ihren christlichen Brüdern die Grenzen des gemeinsamen Vaterlandes. Das war Integration auf der Grundlage eines starken Bekenntnisses zum eigenem Glauben, zur eigenen Kultur, zum eigenen Volk.

 

Manchmal gehört eben viel Mut dazu, um im Frieden mit Gott und sich selbst zu sein. Wer das aber einmal verinnerlicht hat, der weiß, dass wahrer Frieden nur unter gleichberechtigten Partnern und auf der Basis von gegenseitigem Respekt möglich ist. Dessen sollte sich auch Bischof Dröge von Berlin und Brandenburg bewusst werden, der im Überschwang der Gefühle "christlicher" Nächstenliebe doch tatsächlich dafür eintrat, die dramatisch zunehmenden Christenverfolgungen in muslimischen Ländern nicht weiter zu thematisieren. Wenn das jedoch der gemeinsame Weg von uns Christen in einer sich rasant ändernden Gesellschaft sein soll, dann doch, bitteschön, ohne uns! Amen.