Orthodoxie in Westeuropa:

 

Ansprache Seiner Eminenz Bischof Gabriel bei der Feier der Göttlichen Liturgie anläßlich der 150 Jahrfeier der Kathedrale zu Ehren des Heiligen Fürsten Alexander Newsky in Paris

 

12.September 2011 

 

 

Eminenzen, Exzellenzen, verehrte Väter, Damen und Herren, Repräsentanten der Regierung und der lokalen Gemeinden, liebe Brüder und Schwestern!

 

Mit großer Freude heiße ich Sie hier heute willkommen zur Feier dieser Liturgie am 150-sten Jahrestag unserer Kathedrale. Es war tatsächlich an eben diesem Tag vor 150 Jahren , am Fest des Heiligen Fürsten Alexander Newsky, an dem diese Kirche offiziell eingeweiht wurde. Dank der beharrlichen Mühen des Gottesmannes Erzpriester Joseph Vassiliev, dem wir Hochachtung und Anerkennung schulden, wurde dieser Tempel trotz aller möglichen Schwierigkeiten gebaut. Er wurde zum Lobe Gottes und zur Verherrlichung Seines Heiligen Namens gebaut, um die Seelen aller russischen orthodoxen Christen, aber auch anderer Nationalitäten, die sich mühen geistlichen Trost und Versöhnung mit Gott zu finden durch Gebet und durch die Heiligen Sakramente, willkommen zu heißen.

 

Diese Kirche wurde aber auch gebaut, um als Brücke zu dienen zwischen Russland und Frankreich, um Zeugnis des Orthodoxen Glaubens für den Westen zu sein, und allen Menschen guten Willens den Reichtum des liturgischen und spirituellen Lebens der Orthodoxen Kirche zu zeigen, genau so, wie das russische Volk es einst aus Byzanz erhielt.

 

Wie zufällig ist dieses Kindschaftsverhältnis eingemeißelt in der Architektur dieses sehr eigenen Gebäudes, das ein großer französischer Kunstgeschichtler russischer Abkunft qualifizierte als „byzantino-moskowitisch“.

 

Seit der Zeit der Einweihung im Jahre 1861 ist diese Kirche ein Ort des gemeinschaftlichen Lebens der russischen Orthodoxen in Paris. Nach den traurigen Ereignissen in den Jahren 1917 bis 1920 folgten Tausende „Weißrussen“ dem Weg ins Exil bis nach Paris. Die Kirche in der Rue Daru wurde das geistliche Zentrum der russischen Emigration, ein Ort des informellen Treffens an Sonntagen und großen Festen und eine Art geschützter Ort für alle im Exil, die nach den Wirren des Bürgerkrieges ins Unbekannte stürzten. Im Jahre 1922 wurde diese Kirche Sitz des Diözesanbischofs, die Kathedrale zur Mutterkirche und zum Zentrum für alle Gemeinden in Frankreich und vielen Ländern in ganz Westeuropa. Seit dem Jahre 1930 hat sich dieses Gefüge unter den verschiedenen Statuten, die sich entwickelt hatten, Seiner Heiligkeit, dem Ökumenischen Patriarchen angeschlossen.

 

Das Patriarchat von Konstantinopel hat uns seinen Schutz gewährt und respektiert unsere russische Tradition und interne Autonomie. – Ich möchte gegenüber Seiner Heiligkeit dem ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. unseren Dank und Respekt ausdrücken. Er hat uns heute eine besondere Delegation geschickt, bestehend aus den Metropoliten Chrysostomos und Emanuel und Bischof Athenagoras, um unter uns bei der goldenen Jubiläumsfeier unser Kathedrale Seine Heiligkeit zu vertreten.

 

Wir erinnern uns alle noch an den Besuch Seiner Heiligkeit hier im Jahre 1995 und an die wunderbare Liturgie, der Seine Heiligkeit in dieser Kirche vorstand. Wir sind glücklich die Worte der Ermutigung und des Segens zu hören, die heute wieder in seiner Botschaft und seinen Grüßen zu uns gekommen sind. Wir bitten die Delegation des Ökumenischen Thrones unsere besten Wünsche, unseren Dank und unsere Kindesliebe zu übermitteln.

 

Seit dem Tag der Weihe dieser Kirche hat sich nichts verändert, - oder fast nichts. Natürlich ist eine elektrische Beleuchtung vor langer Zeit eingebaut worden und ich predige inzwischen in französischer Sprache. Aber da Wesentliche hat sich nicht verändert. Unsere Kathedrale bewahrt ihre religiöse Bedeutung und Symbolik für alle Orthodoxen in Paris, inbegriffen jener russischer Herkunft, die inzwischen Franzosen geworden sind, jener, die erst kürzlich in dieses Land kame oder die in der Sowietunion geborenen wurden und jetzt in Paris leben.

 

Unsere Kathedrale bleibt ihrer Mission treu: Die liturgischen Gottesdienste werden entsprechend unserer russischen liturgischen Tradition in Kirchenslawisch gefeiert. (Die Gottesdienste in Französisch werden in der Krypta der Kathedrale gefeiert.)

 

Wie alle wahrnehmen können, verschönt der Chor die Feiern meisterhaft mit oft neuem Repertoir. 2 Konzerte werden anlässlich des Jubiläums stattfinden. – Katechesen werden sorgfältig durchgeführt, vor allem für Kinder und Jugendliche, Dank unserer kleinen Gemeinde-Schule, an jedem Mittwoch. Besonders zu erwähnen ist die pastorale Unterstützung und geistlicher Beistand seitens unserer Priester. Dieser oft unsichtbare Dienst - wie Besuche bei Kranken, Familien, Einsamen und alten Leuten wird mit Selbstlosigkeit und Hingabe geleistet. – Kürzlich haben wir in Paris Katechesen in russischer Sprache eingerichtet für neue Immigranten aus der ehemaligen UDSSR, um ihnen die einfachsten Grundlagen über den Glauben und die Kirche zu lehren, ebenso ein Grundwissen für Französisch. Wir helfen ihnen bei behördlichen Angelegenheiten, um ihnen die Integration in die Gesellschaft ihres Gastlandes zu erleichtern und ihnen dabei gleichzeitig zu helfen , die so wichtigen orthodoxen christlichen Wurzeln zu bewahren.

 

Seit ihrer Gründung hat die Kathedrale berühmte religiöse, politische und künstlerische Persönlichkeiten empfangen, Könige, Priester, Patriarchen, Dichter, Maler ebenso wie einfachste, bescheidene Gläubige. - Sie hat Männer und Frauen gesehen, die heiligmäßig sind durch ihr Leben in Gebet und Askese, und auch Sünder auf der Such nach Erlösung. – Wer hat nicht in dieser russischen orthodoxen Gemeinde eine Taufe, Hochzeit oder Beerdigung eines Elternteiles in dieser Kirche gefeiert? Durch diese Feiern, -die alle in unserem Kirchenregister registriert sind - haben Tausende Individuen – Unbekannte oder sehr Bekannte – sowohl Freude sowie auch Sorgen in dieser heiligen und verehrungswürdigen Kirche erfahren. – Diese Kirche ist wahrhaftig -wir im Russischen sagen „namolennaja“, das heißt gefüllt mit Gebeten, die von hier zum Himmel gesandt sind.

 

150 Jahre ist eine lange Zeit für ein Jubiläum: wir müssen alle die ehren, die täglich Leben in die Kathedrale brachten, die sie instand hielten und reparierten gegen dem zeitlichen Verfall. Obwohl ich sie nicht alle nennen kann, beten wir unaufhörlich für sie, für die Lebenden und Verschiedenen.Ich muss jedoch die Bauunternehmer der beiden letzten kompletten Renovierungen erwähnen, die Erste 1969, die zweite 1980 und 1999, Herrn Wladimir Zagarovsky, verstorben, und HerrnVadimTichoniky, hier anwesend. Beide haben so viel Zeit und Mühe wie sie nur konnten in ihre Arbeit getan. Vielen Dank ihnen. – Ich möchte auch verschiedenen bürgerlichen Institutionen und Verwaltungen danken: dem Ministerium für Inneres und religiöse Angelegenheiten, dem Außenministerium und dem für Kultur, der Gemeinde von Paris und dem Gemeinderat des 8. Distrikts, welcher in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Republik aber auch aus Sorge für die ‚Erhaltung und ordentliche Pflege dieses großen, ehrenwerten Denkmals immer in einer oder anderer Weise geholfen hat, damit es als historisches Denkmal klassifiziert ist. Auch muss betont werden, dass ohne die Unterstützung des Denkmalamtes in ‚Frankreich diese Kathedrale nicht so schön wäre, wie sie heute ist. Dank also auch ihnen.

 

Ich habe Ihnen meine Freude ausgedrückt. Aber ich muss auch etwas über meinen Schmerz sagen. „Wenn ein Glied der Kirche leidet, leiden alle Glieder mit“ sagt der hlg.. Apostel Paulus (1.Korinther 12,26). Ich bin traurig, weil nicht alle Glieder meiner geistlichen Herde heute hier sein können. Ich denke besonders an unsere Geistlichen der Kathedrale des Heiligen Nikolaus von Nizza, die ihr Jubiläum nächstes Jahr feiern wird, die 100 Jahrfeier ihrer Gründung. Unsere beiden Kirchen in Paris und Nizza sind durch eine gemeinsame Geschichte verbunden; beide haben den Titel „Kathedrale“ in unserer Diözese. Es ist nicht die Zeit und der Ort auf den Konflikt betreffend der Kathedrale des Heiligen Nikolaus einzugehen, aber ich möchte hier wiederholen, was ich vor 2 Wochen in Nizza sagte: "Der Titel eines Besitzes ist eine Sache die auf bürgerlichem Recht beruht, und ich mische mich da nicht ein, aber die kanonische Jurisdiktion betreffend den Ort des Gottesdienstes ist meine Sache als ein Bischof, als ein religiöser Führer einer kirchlichen Einrichtung zu der diese Kirche und ihre Gemeinde seit 80 Jahren verbunden ist, eine Verbindung, die nie ein Wettstreit war, bis jetzt."

 

 

Ich wiederhole: Unsere Botschaft ist vor allem geistlich, im Geist von Offenheit und Brüderlichkeit: Orthodoxe Christen sind eindeutig eine Minderheit in Frankreich, aber wir wünschen die geistliche Stärke und Schönheit der Orthodoxie zu fördern. Wir hoffen so in Einklang mit den fundamentalen Prinzipien dieses Landes zu handeln, die Religionsfreiheit und religiöse Vereinigungen garantieren. Aber wir wünschen unsere Erzdiözese, diese Kathedrale in Paris und alle unsere Gemeinden in ‚Frankreich und überall, -von allen Beeinträchtigungen oder Einmischungen von außerhalb der Kirche zu bewahren. Die Freiheit der Kirche und die Universalität des orthodoxen Glaubens sind die beiden Schätze, die wir zu bewahren suchen. Und das befähigt uns, uns auf das zu konzentrieren, was in den Augen der Jünger Christi „das einzig Notwendige ist: Suchet zuerst das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit.“ Der Herr Selbst befiehlt uns das. (Mathäus 6,33)

 

In diesem Geiste und mit dieser Verpflichtung gratuliere ich euch zu diesem wunderbaren und großem Fest des Heiligen Alexander Newsky und seiner Kirche in Paris.

 

 

Bilder aus den vergangenen 150 Jahren:

 

Erinnerungslitographie anlässisch der Grundsteinlegung. Im unteren Medaillion ist Erzpriester Joseph Vassiliev (Иосиф Васильевич Васильев (1820-1881)) abgebildet.
Erinnerungslitographie anlässisch der Grundsteinlegung. Im unteren Medaillion ist Erzpriester Joseph Vassiliev (Иосиф Васильевич Васильев (1820-1881)) abgebildet.
Der Architekt der Kathedrale Roman Kuzmin (Роман Иванович Кузьмин).
Der Architekt der Kathedrale Roman Kuzmin (Роман Иванович Кузьмин).
Bei der Altarweihe der Kathedrale am 11. September 1861 durch S. E. Erzbischof Leontij von Reval, dem späteren Metropoliten von Moskau.
Bei der Altarweihe der Kathedrale am 11. September 1861 durch S. E. Erzbischof Leontij von Reval, dem späteren Metropoliten von Moskau.
S. E. Metropolit Evlogij mit dem Klerus der Kathedrale und Gläubigen nach der sonntäglichen Liturgiefeier.
S. E. Metropolit Evlogij mit dem Klerus der Kathedrale und Gläubigen nach der sonntäglichen Liturgiefeier.
Versammlung der Hierarchen anlässlich der 150-Jahr-Feier der Kathedrale.
Versammlung der Hierarchen anlässlich der 150-Jahr-Feier der Kathedrale.