Orthodoxe Predigten

Die orthodoxe Predigt

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Im orthodoxen Gottesdienst hat die Predigt einen hohe Bedeutung, legt sie doch in der Liturgie der Katechumenen, der Liturgie des Wortes, den versammelten Gläubigen den Bedeutungsgehalt der heiligen Schriften und den Inhalt des orthodoxen Glaubens  aus.

 

In der ersten Apologie des heiligen Märtyrers Justin, der im Jahre 165 nach Christus sein Leben für Christus hingab, heißt es über die Feier der heiligen Liturgie: „Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten.“

 

Am deutlichsten aber wird das Wesen und die Bedeutung der christlichen Predigt durch die Worte unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus an seine heiligen Jünger und Apostel: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Matthäus 28: 19-20). Der erste Teil dieser Gottesrede bezieht sich auf die Funktion der christlichen Predigt den Glauben zu verkünden und zu erwecken. Er bezieht sich auf ungetaufte und ungläubige Menschen und zielt auf deren Vorbereitung auf den Empfang des Mysterions der heiligen Taufe ("...und lehrt alle Völker und tauft sie..."). Der zweite Teil ist an uns bereits glaubende und getaufte die Glieder der orthodoxen Kirche gerichtet ( "...und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe...").

 

An dieses Wort des Herrn knüpft sich also gleichsam das orthodoxe Verständnis der christlichen Predigt an. Das griechische Wort für Predigt "ὁμιλία" bedeutet Umgang miteinander haben und das lateinische Wort  "praedicatio" bedeutet jemanden anreden. Durch die Predigt des Priesters werden wir also vom in der Liturgiefeier verlesenen Wort Gottes angeredet und gleichzeitig eingelanden, in unserem ganzen Leben Umgang mit dem heiligen Evangelium, der frohen Botschaft Gottes, zu haben. Orthodoxe Predigt erschöpft sich demnach nicht nur in der Auslegung des Gotteswortes, sondern umfasst ebenfalls als die notwendige Folge das Tun des Wortes Gottes in den guten Werken der Frömmigkeit und Barmherzigkeit. Erst dadurch werden die Worte Christi im Evangelium und die Lehre der heiligen Apostel in der Epistellesung wirksam, wenn wir nach dem Hören von Gottes lebenspendenden Geboten in die Synergia mit dem allheiligen Willen Gottes eintreten. Unsere Übereinstimmung mit dem gehörten Gotteswort wird daran sichtbar, das wir danach zu Tätern des gehörten Gotteswortes werden. Erst dadurch gewinnt das Gotteswort in unseren Herzen die notwendige verwandelnde Kraft, uns in lebendige Ikonen Christi umzuwandeln.

 

In der Feier der Göttlichen Liturgie wird den Gläubigen CHRISTUS, das menschgewordene Wort Gottes, auf zweierlei Weisen übermittelt: einmal durch die Verkündigung des heiligen Evangeliums, zum zum anderen durch die heilige Kommunion am Leib und Blut Christi. Diese zwei Aspekte des Kommen Christi in Seine Kirche wird im orthodoxen Gottesdienst durch den Kleinen und den Großen Einzug liturgisch abgebildet: Während des kleinen Einzugs wird Christus in der Ikone des Evangelienbuches in die Mitte der versammelten Gemeinde getragen und im großen Einzug werden die Opfergaben von Brot und Wein zum Altar getragen, damit sie uns in den heiligen Kommunion Anteil am Christi Leib und Blut schenken. Das heilige Evangelium und die verwandelten Gaben der Eucharistie; sie beide sind Pforten zur göttlichen Offenbarung, das der Mensch durchschreiten muss, wenn er Gott begegnen will. Insofern ist die orthodoxe Predigt auch keine Vorlesung oder Schulstunde. Das Gotteswort erschließt sich uns nicht als rein intellektuelle Erkenntnis, sondern Gott will durch die Begegnung mit Seinem göttlichen Wort (Christus) uns Menschen mit unserer gesamten Sein vergöttlichen.

 

An dieser Stelle veröffentlichen wir orthodoxe Predigten:

 

Predigt zum 13. Herrentag nach Pfingsten

(1. Korinther 16:13-24;  Matthäus 21:33-42)

Erzpriester Michail Rahr

russisch-orthodoxe Heilige-Maria-Magdalena-Kirche in Weimar

 

15. 09. 2019

Liebe Brüder und Schwestern,

 

am Ende seines ersten Briefes an die Korinther schreibt der hl. Apostel Paulus: „Wer den Herrn nicht liebt, sei verflucht! Marána tha -  Unser Herr, komm!“ (1 Kor. 16:22). Was für furchteinflößende Worte sind das! Aber da wo Liebe ist, sollte doch keine Verzagtheit und Furcht herrschen (s. 2 Tim. 1:7). Letztere ist aber notwendig, um Grenzen abzustecken, ohne die es im Leben nicht geht. Es kommt auf das richtige Maß an. Um uns darüber etwas Klarheit zu verschaffen, wollen wir uns dem heutigen Gleichnis von den bösen Winzern widmen.

 

Den jüdischen Schriftgelehrten muss die Analogie des Gleichnisses zum prophetischen Lied vom Weinberg (s. Jes. 5:1-7) sofort sauer aufgestoßen sein, was so auch vom Herrn beabsichtigt worden ist (vgl. Jes. 5:2 mit Mt. 21:33). Gott hoffte dort auf süße Trauben, doch der Weinberg – Israel – brachte nur saure Beeren (s. Jes. 5:2,4bc). „Ja, der Weinberg des Herrn der Heere ist das Haus Israel, und die Männer von Juda sind die Reben, die Er zu Seiner Freude gepflanzt hat. Er hoffte auf Rechtsspruch – doch siehe da: Rechtsbruch, und auf Gerechtigkeit – doch siehe da: Der Rechtlose schreit“ (Jes. 5:7).

 

Aus dem Kontext beider Texte – des alttestamentlichen Liedes und des neutestamentlichen Gleichnisses – wird deutlich, dass der Gutsbesitzer (also Gott) ja nicht das Eigenwohl sucht, sondern nur das Heil Seines Volkes im Sinn hat: „Was konnte ich noch für meinen Weinberg tun, das ich nicht für ihn tat?“ (Jes. 5:4a; vgl. Mt. 21:37). Tatsächlich, welche Alternativen hatte Er? - Bekanntlich kann man niemanden zu seinem Glück zwingen, deshalb behandelt uns Gott (wir sind jetzt schon beim Neuen Israel – der Kirche – angelangt) nicht wie Sklaven, sondern wie Vertragspartner. Die Winzer werden ja nicht gezwungen, im Weinberg zu arbeiten, vielmehr wird ihnen der Weinberg auf Pachtbasis anvertraut, so dass sie durch ehrlichen Fleiß auf einen guten Lohn für die aufgebrachten Mühen hoffen dürfen. Das war ein fairer Deal zum beiderseitigen Vorteil, eine Win-Win-Situation, wie man heute zu sagen pflegt.

 

Mir scheint, im Gesamtzusammenhang ist hier die Rede vom grundsätzlichen Umgang Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott. Gott geht Selbst den goldenen Mittelweg im Verhältnis zu uns, und Er will, dass auch wir immer auf dem Königsweg bleiben, d.h. weder nach rechts, noch nach links abweichen (vgl. Num. 20:17; Dtn. 2:27; Jos. 1:7; 23:6; 4 Kön. 22:2; Spr. 4:27; Jes. 30:21). Wie hätte uns Gott denn anders retten sollen? - Machen wir hier nun eine Zäsur, um die drei möglichen Wege, die uns das irdische Leben bietet (materiell, moralisch, ideologisch, politisch, vor allem aber geistlich), deutlich aufzuzeigen.

 

1. Freiheitsberaubung. Hier agiert der Übergeordnete als Tyrann, der seinen Untergebenen keinerlei Spielraum zur freien Entfaltung ermöglicht. Er will, dass die Untergebenen um jeden Preis das tun, was er für richtig hält, völlig gleich, was sie selbst darüber denken und egal, ob sie es wollen oder nicht. Wenn die so Geknechteten das Gute und Richtige tun, dann nur aus Zwang bzw. aus Angst vor Repressalien. Ziel ist in jedem Fall die Durchsetzung des Willens des Übergeordneten. In der Geschichte (auch) der Christenheit ein allzu gut bekanntes Phänomen.

 

2. Freizügigkeit – Freiheit um der Freiheit willen. Den Untergebenen werden so weit als möglich keinerlei die persönlichen Freiheitsrechte beschneidende Regeln auferlegt. Es geht also aus Sicht des Übergeordneten nicht darum, seinen Willen zu verfolgen oder seinen Vorteil zu suchen, sondern die Persönlichkeitsrechte der Untergebenen als höchstes Gut anzusehen. Nach dem Warum und Wozu, d.h. nach einem höheren Ziel wird nicht gefragt. Hauptsache, sie haben ihren Willen. Ob das, was am Ende dabei herauskommt gut oder schlecht ist, ist im Prinzip nebensächlich. Ziel ist die Entmachtung der übergeordneten Instanz zugunsten der Selbstbestimmungsrechte der untergeordneten Schichten. Auch dieses Modell kennt die (Kirchen-)Geschichte.

 

3. Freiheit als Verantwortung. Freiheit wird zwar als überaus hohes Gut angesehen, aber nur unter der Bedingung, dass die Betreffenden mit ihr umgehen können. Freiheit nicht von etwas, sondern für etwas! Um sich für das Gute, und nicht für das Böse entscheiden zu können, muss der Mensch frei sein. Ziel ist aber nicht die Vergrößerung des Aktionsspielraums der Untergebenen an sich und um jeden Preis, sondern die richtige Handlungsweise aufgrund einer ungezwungenen Entscheidung für das Gute. Dazu muss es aber auch zwangsläufig die Möglichkeit geben, das Böse zu wählen. Solches birgt in sich immer das „Risiko“ der falschen Wahl. Das macht diese Variante zur schwierigsten von allen dreien, doch nur sie ermöglicht (gewährt aber nicht) das Wohl und die vollste Zufriedenheit beider Ebenen – der übergeordneten und der untergeordneten. Dieses Modell kennen wir selbstverständlich auch aus der Kirchengeschichte (und hoffentlich aus der Gegenwart). 

 

Aus dem eben Dargelegten dürfte ersichtlich geworden sein, dass erzwungenes Glück vollkommen wertlos, und leichtfertig verschmähtes Glück zutiefst tragisch ist. Deshalb bevorzugt Christus den goldenen Mittelweg. Er verkündet die Errettung, zeigt uns den Weg des Heils, Er will uns auf diesem Weg führen, wozu wir aber gewisse Regeln befolgen müssen. Doch es ist eine freiwillige, und keine erzwungene Unterordnung, die einzig am Ende dazu führen wird, dass wir uns von Untergebenen zu, ja, Gleichberechtigten emporheben werden (vgl. Joh. 15:14). Ich bin sicher, dass gehorsame Kinder die glücklichsten von allen sind – und ihre Eltern sowieso. Und wenn jemand aus der linken Ecke einwendet: „Und was ist mit der Freiheit?!“ - Die muss man sich erst verdienen, dann kommt sie zur gegebenen Zeit (vgl. Gal. 3:24-25; 4:1). Revolten gegen die Obrigkeit stellen immer ein Aufbegehren gegen die von Gott eingesetzte Ordnung (s. Röm. 13:1) dar – dazu den völlig irrsinnigen Versuch, schon vor der von Gott bestimmten Zeit sich des väterlichen Erbes zu bemächtigen (vgl. Gen. 3:22; Lk. 15:12). Dies ist, verbildlicht, die Vorgehensweise der bösen Winzer, die statt des gerechten Lohnes nach getaner Arbeit sich durch ihr frevelhaftes Vorgehen gleich das Erbe unter den Nagel reißen wollten und dafür auch vor der Ermordung des rechtmäßigen Erbens nicht zurückschreckten (s. Mt. 21:38).

 

Was nützen Freiheit und Menschenrechte, wenn sie nicht nutzbringend angewandt werden? Stellen Sie sich vor, dass nachdem die „Titanic“ nach einer Havarie Leck geschlagen und zu sinken begann, ein Steward in den Ballsaal geht, wo sich die feine Gesellschaft bei Champagner; Kaviar, Musik und Tanz amüsiert, und die eleganten Herrschaften auffordert, an Deck zu gehen und die Plätze in den Rettungsbooten einzunehmen. - „Was? Ich gehe doch nicht nach draußen, in diese Kälte! Es ist doch so gemütlich und so lustig hier unten, und schließlich haben wir viel Geld für diese Reise bezahlt. Inkommodieren sie uns also nicht bei unserem Amüsement!“..  Und sage mir da noch einer, dass gerade dies (im übertragenen Sinne) nicht auf geistlich-moralischer Ebene in liberalen Gesellschaftsordnungen passiert!.. Freiheit ohne Orientierung ist schlimmer als jede Sklaverei, in der es ja wenigstens eine Ordnung gibt. Doch wo finde ich nun den notwendigen Halt und die unerlässliche Orientierung für mein Leben?

 

 

Predigt zum 14. Herrentag nach Pfingsten

Herrentag vor Kreuzerhöhung

(Galater 6: 11-18; 2. Korinther 1:  21-2:4; Johannes 3:13-17; Matthäus 22: 1-14)

Erzpriester Michail Rahr

russisch-orthodoxe Heilige-Maria-Magdalena-Kirche in Weimar

 

 

 

 

22.09.2019

 

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

 

 

die Lesung zum Herrentag vor dem Hochfest der Kreuzerhöhung hat zum Ziel, uns das Mysterium unserer Erlösung durch das Kreuz unseres Herrn näher zu bringen, „denn Gott hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit Er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet wird“ (Joh. 3:17). Doch wie der Mensch nicht ohne Gottes Gnade und Allmacht gerettet werden kann, so kann (will) Gott den Menschen nicht ohne dessen Einwilligung und Mitarbeit retten. Und so können auch die Diener Gottes, wie soeben gehört, niemals Zwang ausüben, um die Menschen zum Glauben zu bringen oder gar über ihren Glauben zu herrschen (s. 2 Kor. 1:24).

 

 

Das Gleichnis vom Festmahl aus Anlass der Hochzeit des Königssohns ist bildhafter Ausdruck für die Liebe Gottes zu den Menschen und zugleich für Sein sehnlichstes Verlangen, allen Menschen die unendliche Wonne der intimsten Gemeinschaft mit Ihm zu ermöglichen. Er will uns diese Gemeinschaft schenken, aber aufzwingen kann Er sie uns aus Rücksichtnahme auf unseren freien Willen nicht. Dabei ist es ja nicht schwer, zu begreifen, worum es Gott geht. Schon als Kinder haben zumindest diejenigen von uns, die zu Hause eine christliche Erziehung genießen durften, den lieben Gott vertrauensvoll „geduzt“ und hatten nie „Kommunikationsprobleme“ mit Ihm. Von Sich aus hätte Gott gewollt, dass diese Vertrautheit im Hinblick auf unser Seelenheil auch bis ins Erwachsenensein anhält (vgl. Mt. 18:3), doch leider werden wir mit zunehmendem Alter berechnend und sind immer mehr auf den eigenen (schnöden) Vorteil bedacht. Unser anheimelndes Vater-Kind-Verhältnis zu Gott wandelt sich über ein pubertierendes Aufbegehren („Ich mache jetzt, was ich will!“) zu einem kühlen Abwägen des Kosten-Nutzen-Verhältnisses in reiferen Jahren – darüber, ob mir die äußerliche Ausübung meiner Religion persönliche oder gesellschaftliche Vorteile bringt. Erfüllt Gott meine Wünsche, dann kann ich Ihm weiterhin formal die Treue halten, sonst... Die innige Vertrautheit aus der Kindheit ist da schon längst verloren. Mit dem Verstand können wir vielleicht noch begreifen, dass wenn schon wir, die wir böse sind, unseren „Kindern geben, was gut ist, wie viel mehr wird dann unser Vater im Himmel denen Gutes geben, die Ihn bitten“ (Mt. 7:11; vgl. Lk. 11:13), aber unsere Herzen sind, entgegen oft anderslautender Beteuerungen, nicht bei Gott. Der Herr will ja, dass jenes Vater-Kind-Verhältnis im Herzen bewahrt wird und das kühle Vernunftdenken überlagert (vgl. Mt. 23:9), doch gleicht unsere Beziehung zu Gott der zu einem alten Schulfreund, den man kaum noch kontaktiert. 

 

 

Die körperliche und intellektuelle Reife ist an sich ja nichts Schlechtes. Sie folgt der kindlichen Naivität auf natürliche Weise, nur wird dabei leider oft auch das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet. Nach Gottes Willen soll diese kindliche Einfalt des Herzens bewahrt bzw. im Erwachsenen-Modus weitergeführt werden. Ist man trotzdem vom Weg abgekommen, ist die Rückkehr jederzeit möglich. Die Umkehr verläuft in drei Stufen: als Sklave gehorcht man seinem Herrn aus Furcht vor Strafe, als Mietling dient man ihm aus Erwartung einer Entlohnung, doch einzig als Sohn / Tochter ist man selbst am Wohl seines Vaters interessiert, und zwar aus Liebe zu Ihm. Und so will Gott, dass wir bei unserer Hinwendung zu Ihm mit Vertrauen beten, denn schließlich sind wir „alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus“ (Gal. 3:26). Es heißt doch: „Dein Wille geschehe!“ (Mt. 6:10), nicht „mein Wille“. Daraus folgt, dass wir Gott mehr vertrauen sollen, als unserem eigenen unvollkommenen Willen und unserem kümmerlichen Verstand. Dazu bedarf es aber der unerschütterlichen Bereitschaft, unter allen nur erdenklichen Umständen Gott die Treue zu bewahren - wie die Heiligen Noah, Abraham, Josef, Hiob sowie Joachim und Anna es taten. Tatsächlich ist es aber wie im Gleichnis von heute: Gott bietet uns nachhaltige Seligkeit, wir aber wollen temporäres Wohlergehen, welches wir ggf. auch ohne das Befolgen göttlicher Anordnungen erlangen wollen (s. Mt. 22:5-6). Im Grunde ist es ganz einfach: der allmächtige Gott bietet uns Seinen rechten Weg des Heils an; dabei gestattet Er jedoch dem Satan, den Er jederzeit mit einem kurzen Hauch wegblasen könnte, uns dessen linken Weg des Verderbens anzubieten. Bei diesem Kampf ungleicher Gegner müssen beide Seiten die Freiheit des Menschen respektieren. Doch es ist, als ob der unbezwungene Champion mit verbundenen Augen und gefesselten Händen gegen einen Halbstarken aus dem sozialen Brennpunkt antreten muss. Gott hält Sich an die Regeln, macht keinen Gebrauch von Seiner Allmacht (s. Mt. 26:53), während sich Sein „Gegner“ aller nur möglichen Hinterhältigkeit bedient und scheinbare Wirkungstreffer erzielt. Gott ist und bleibt jedoch Herrscher des Universums, lenkt das Weltgeschehen und greift dosiert in unser persönliches Leben ein; aber damit Sein Wille wirklich geschieht, müssen unsere Herzen - allen diabolischen Widrigkeiten zum Trotz – den göttlichen Willen annehmen und verwirklichen. Im Herzen ist es wie im Garten Gethsemane: „Nicht wie ich will, sondern wie Du willst“ (s. Mt. 26:39).

 

 

 

Predigt zum Hochfest der Kreuzerhöhung
(1. Korinther 1: 18-24;  Johannes 19: 6-11, 13-20, 25-28, 30-35)

Erzpriester Michail Rahr

russisch-orthodoxe Heilige-Maria-Magdalena-Kirche in Weimar

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

 

 

wenn zum Hochfest der Kreuzerhöhung im Evangelium das frevelhafte Gericht über unseren Herrn Jesus Christus vor Pilatus, die gesetzlose Verurteilung, der Kreuzweg, die Kreuzigung, die Inobhutnahme der Mutter des Herrn durch den Evangelisten Johannes und der lebensspendende Tod Christi verkündet werden, fühlen wir uns für einen Augenblick in den Großen Freitag versetzt. Es ist die Geschichte des Verrates der Menschen an Gott, und es gibt niemanden unter uns, der sich persönlich nicht angesprochen fühlen sollte. Klar, historisch betrachtet waren wir nicht an der Verurteilung Christi beteiligt, wie wir auch selbst nicht Hand angelegt haben bei den zahlreichen Massenmorden des 20. Jahrhunderts. Was aber wäre gewesen, wenn wir die Gelegenheit dazu gehabt hätten? Ich glaube nämlich, dass wenn heute z.B. erneut die Bolschewiken in Russland an die Macht kämen, wieder 20% der Bevölkerung aktiv an der Ermordung von Priestern und der Zerstörung von Heiligtümern beteiligt wären, weitere 20% laut Beifall klatschen, die nächsten 20% teilnahmslos zuschauen und sich selbst nach der nun geltenden politischen Tagesordnung ausrichten würden, immerhin noch 20% zumindest im Geheimen über die geschehenen Untaten weinen und nur die verbliebenen 20% sich der Macht des Bösen tapfer aktiv entgegenstemmen würden. Ähnlich wäre es wohl auch in jedem anderen Land. Die Leute belügen sich selbst, wenn sie denken, sie würden sich niemals an den Missetaten früherer Generationen beteiligt haben (vgl. Mt. 23:30). Auch viele der jugendlichen Klimaaktivisten von heute fahren ja nicht mit dem Paddelboot nach Mallorca in den Urlaub; sie lassen sich zudem von Papa oder Mama mit dem SUV gerne morgens zur Schule bringen und abends von der Disco abholen, tragen von ausgebeuteten Frauen in Bangladesch angefertigte Klamotten und kaufen ihren Cheeseburger samt Verpackung bei McDonald´s. Täuschen wir uns nicht! Wir sind nicht besser als unsere Vorfahren.

 

 

Auch als der Wohltäter unserer Seelen am Kreuz hing, hatten Ihn Seine engsten Weggefährten verlassen, und keiner von den von Ihm Geheilten oder anderweitig Beglückten fand sich ein zu Seiner Verteidigung. Nur einige wenige Frauen hielten Ihm die Treue bis über den Tod hinaus. Immerhin bekannten sich  zwei der bislang geheimen Jünger (s. Joh. 19:38-42) nach dem Kreuztod Christi offen zu Ihm, während die sich bis dahin offen zu Ihm bekennenden Jünger Schutz im Verborgenen suchten (s. Joh. 20:19).

 

 

Auf welcher Seite wer damals gestanden hätte bzw. heute evtl. stehen würde, kann aber in Bezug auf jeden Einzelnen nicht gesagt werden. Damals wurde ja einer der Zwölf zum Verräter, während sich ein Räuber mit dem letzten Atemzug zum Herrn bekannte. Aber jeder Einzelne von uns darf sich heute seine Gedanken machen, wie er sich damals verhalten hätte und wie er heute in einer entsprechenden Situation reagieren würde. Hilfreich bei dieser bislang noch hypothetischen Selbstfindung könnte die Vertiefung in die heute vernommenen Worte des Apostels sein: „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Es heißt nämlich in der Schrift: ´Ich lasse die Weisheit der Weisen vergehen und die Klugheit der Klugen verschwinden` (vgl. Jes. 29:14). Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortführer in dieser Welt? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt? Denn da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten. Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden, wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor. 1:18-24).

 

 

Der orthodoxe Blick auf das Kreuz

 

Erzpriester Sergius Heitz

 

Das Kreuz ist wie die Ikonen und das Evangelienbuch für die orthodoxen Christen eine Abschattung der Wirklichkeit, auf die durch das Bild hingewiesen wird. Die Verehrung einer solchen Abschattung gilt nicht dieser selbst, sondern der Wirklichkeit, die sie darstellt und die nicht anders als im Bild in Erscheinung treten kann. Dahinter steht die Überzeugung, dass das Göttliche für uns nur im Bild begreifbar ist, nicht aber direkt fassbar. Es ist unserem Zugriff entzogen, gibt uns aber Anteil an Seinem Sein durch Mitteilung im Abbild.

 

Doch nicht jedes Bild, das wir uns machen, hat die Transparenz auf das Urbild hin. Nur das theologisch wahre, das geoffenbarte, das heilige Bild ist für Ihn transparent. Dieses heilige Bild (das heilige Kreuz, die heilige Ikone, das heilige Evangelium), zeichnet sich dadurch aus, dass aufgrund einer kirchlichen Anrufung des Heiligen Geistes (Epiklese) und der Verheißung, die dieser Anrufung gegeben ist, im dogmatisch richtigen, der Tradition entsprechenden Bild die Wirklichkeit, die hinter diesem Bild steht, für den Gläubigen verborgen gegenwärtig ist.

 

Die Heiligkeit, von der hier die Rede ist, haftet also nicht an der Materie des Bildes, wie sich das nahe legt gemäß westlichem Denken, das durch die Aristoteles-Rezeption Augustins des Mittelalters dem Materialismus weithin verfallen ist. Die Wirklichkeit, die das heilige Kreuz darstellt, ist daher nicht das Holz (...).

 

Die Wirklichkeit des Heiligen Kreuzes ist vielmehr Jesus Christus Selbst, der am Kreuz unsere Schuld getilgt, den Tod vernichtet und die Dämonen besiegt hat. Wird nicht Er Selbst als die Wirklichkeit des Kreuzes erkannt, so ist die Kreuzesverehrung Götzendienst. Das Kreuz anbeten heißt also: Christus als Sieger am Kreuz anbeten.

 

Das aber bedeutet, dass das Kreuz im orthodoxen Glauben nie isoliert als Zeichen des bloßen Leidens gesehen werden kann, sondern immer von der Auferstehung her in Blick zu nehmen ist. Zwar weiß auch der orthodoxe Christ, dass Christi kreuz zur Nachfolge ruft und ins Leiden hineinführt. Aber auch dieses Leiden ist von der Auferstehung her zu sehen als sieghaftes Leiden.

 

Die Orthodoxe Kirche lehnt daher auch die westlichen Kreuzesdarstellungen – wie die Kruzifixe überhaupt – ab, da diese realistisch, dreidimensional das Leiden vor Augen führen sollen. Solche Darstellungen gehen materialistisch an der Wirklichkeit vorbei. Das Kreuz kann man nur von der Auferstehung her sehen, auch wenn es noch so hart drückt.

 

Von der Auferstehung her aber ist es ein kostbares, lebenspendendes Kreuz. Die Verehrung des kostbaren, lebenspendenden Kreuzes aber ist ein Akt dankbarer Annahme der Heilstat Christi und dessen, was sie uns gebracht hat; zugleich ist es aber auch ein Akt gehorsamer Unterwerfung unter das Kreuz, das uns in die Nachfolge ruft.