Gelangen zur Fülle der Wahrheit - Wege zur Orthodoxie

Wir haben das Wahre Licht gesehen, Wahren Glauben haben wir gefunden - Konturen und Probleme einer gelungenen Beheimatung in der Orthodoxen Kirche.

 

Thomas Zmija von Gojan

 

 

Unser Herr Jesus Christus ist das Wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt, und wie der hl. Johannes Chrysostomos bemerkt,  „Seine Gnade ergießt sich über alle; sie macht weder halt vor dem Juden, noch vor dem Griechen, noch vor dem Barbaren, noch vor dem Skythen, noch vor dem Freien, noch vor dem Gebundenen, noch vor dem männlichen Geschlecht, noch vor dem weiblichen, noch vor dem Alten, noch vor dem Jungen, sondern sie ist für alle gleichermaßen offen und lädt alle mit derselben Hochachtung ein" (vgl.: Heiliger  Johannes Chrysostomos, Homilie 8 über das Johannes-Evangelium). Seit unser Herr Jesus Christus seinen Jüngern und Aposteln den Auftrag gab: „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“! (Markus 16, 15) wurde dieser Auftrag von gläubigen Menschen, die von der Botschaft des Evangeliums und dem Wirken des heiligen Geistes erfüllt waren ausgeführt. Sie haben unter großem Einsatz, sehr oft auch unter Einsatz ihres Lebens das Evangelium verkündet. Sie wurden zu Zeugen (griechisch μάρτυς  = Zeuge) dafür, dass der Glaube an unseren Herrn, Gott und Heiland Christus die alles bestimmende und alles verändernde Wahrheit in ihrem Leben ist. Sie gaben Zeugnis (von griechisch rμαρτύριον  = Zeugnis) von dieser Wahrheit, dass Gott Emmanuel, das heißt "Gott mit uns" ist. Und dass diese Vereinigung mit Gott nicht möglich ohne die Vereinigung mit Christus, dem Mensch gewordenen Gottessohn, in Seiner Heiligen Kirche. Weder Leid noch Kreuz, auch nicht Enttäuschung und Verrat konnten sie von diesem Zeugnis abhalten. So verbreitete sich der eine heilige, katholische und apostolische Glaube in der ganzen Welt und mit ihm die Heilige Orthodoxe Kirche, als die Arche des Heiles für die Gläubigen. Vom römischen Reich aus gelangte der Orthodoxe Glaube im zehnten Jahrhundert durch die heiligen apostelgleichen Kyrill und Method zu den slawischen Völkern und zu den Rumänen.

 

Als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Kommunismus und damit eine atheistische Staatsideologie über immer weitere Teile Osteuropas zu herrschen begann, flohen neben anderen auch viele Orthodoxe Christen in den Westen Europas. Wie auch meine Großeltern fragten sie sich, warum Gott ihnen dieses Schicksal auferlegt habe. Am Ende ihres Lebens hatten sie jedoch geistlich erkannt, dass einer der Gründe dafür offensichtlich der Wille Gottes war, dass die Menschen in Westeuropa durch sie die Heilige Orthodoxie kennen lernen konnten. Denn mit den russischen Emigranten und später der Arbeitsmigration aus Griechenland und Serbien kam auch die orthodoxe Kirche nach Westeuropa und auch nach Deutschland. Zwar hatte es schon vorher orthodoxe Christen und Kirchen hier gegeben, doch waren sie nur verschwindend klein und eng an die deutschen Fürstenhöfe verbunden. Nun aber kamen "ganz normale" orthodoxe Menschen, Einfache und Gebildete hierher, die auch bald in der Schule, den Universitäten und der Arbeitswelt anzutreffen waren. Sie bewahrten in ihren Familien und Kirchen den mitgebrachten angestammten Orthodoxen Glauben. Oft war er das Einzige, was sie aus ihrer Heimat in die Fremde, in die Diaspora, hatten hinüber retten können. Schon bald begannen sich auch Freunde und Bekannte für die Orthodoxie zu interessieren. Obschon diese Menschen aus den Nationen der Gastländer kamen und eine ganz eigene Kultur und andere Mentalität mit in die orthodoxen Gemeinden der Emigranten und Gastarbeiter brachten, führte und führt unser Herr Jesus Christus durch das Wirken des Heiligen Geist an ihnen nach wie vor dasselbe Werk durch, wie an den Griechen, Russen, Serben, Rumänen, Syrern und Libanesen zu der Zeit, als das Evangelium in ihre Länder kam und zieht die Seelen und Herzen vieler, die in nicht-orthodoxen Gesellschaften geboren wurden, zur Orthodoxen Kirche. Ihre Berichte darüber, wie sie im Einzelnen auf der Suche nach der Gegenwart Christi in ihrem Leben zur Orthodoxen Kirche gekommen sind, gleicht oftmals einem bunten Teppich, der aus den wunderbaren Wirkungsweisen der Göttlichen Gnade und dem Mysterium der Sehnsucht des menschlichen Herzen gewebt wurde. Es gibt viele Gründe, aus denen jemand aus einer nicht-orthodoxen Glaubensgemeinschaft zur Orthodoxie kommen kann, doch der wichtigste Faktor ist immer die Anwesenheit und der Einfluss dieser göttlichen Gnade, die auf verschiedene Weisen und zu unterschiedlichen Zeiten arbeitet, indem sie die Seele des einzelnen Menschen anrührt, der für die Erleuchtung durch den Weg seiner Suche empfänglich ist und ihn dazu führt, die Wahrheit zu suchen und dann alles zu verkaufen, was er besitzt, um die kostbare Perle zu erlangen – den Heiligen Orthodoxen Glauben.

 

Diese liebende Gnade Gottes, die „alles was krank ist, heilt“ und „alles ergänzt, was fehlt“ sucht alle Menschen in der Orthodoxen Kirche, konvertierte und hineingeborene gleichermaßen, um sie immer tiefer in die Fülle des Glaubens zu führen. Doch tragen wir "geborenen Orthodoxen" unseren ererbten Orthodoxen Glauben oft eher wie eine, liebgewonnene, aber bequeme alte Wolljacke, während die "neu Hinzugekommenen" stärker dazu zu neigen, den Aspekt der Rüstung des Heiles (vgl.: Epheser 6:10-17) im Vordergrund zu sehen. Beide Mentalitäten haben ihre Zeit und ihre Stunde und damit ihren guten Platz in jeder orthodoxen Kirchengemeinde.

 

Während die Christenheit in der nordamerikanisch- westeuropäischen Hemisphäre eine Verdunstung des Glaubensbewusstsein zu verzeichnen hat, das zu einem beständigen Strom der Kirchenaustritte führt, fällt bei vielen Konvertiten zur Orthodoxen Kirche als besonders charakteristisch auf, dass sie sich meist weniger von der Ästhetik der orthodoxen Gottesdienste (die natürlich auch eine Rolle spielt) als vom "Ancient Faith", dem altkirchlich- apostolischen Glauben und der davon geprägten klaren Kirchlichkeit angezogen fühlen.

 

Jedoch darf auch nicht verschwiegen werden, dass einige Konvertiten nach einer Zeit der Freude über das "Coming Home", das Angekommensein, auch an der Kultur, Mentalität und Lebensäußerungen ihrer neuen Gemeinde zu "leiden" beginnen. Orthodox werden in Deutschland bedeutet in der Regel immer gleichzeitig auch, sich einer griechischen, russischen, serbischen, rumänischen, arabischen oder georgischen Gemeinde mit der dort herrschenden Sprache, prägenden Mentalität, sozialen Codes und kulturellen Prägungen anzuschließen. Dies erzeugt beim Konvertiten auf die Dauer ein Gefühl der Unsicherheit und "kulturellen Heimatlosigkeit". Dieser Entwicklung kann man nur begegnen, wenn sich die in ihrer "traditionellen Kultur" verhafte Mehrheit der Gemeindeglieder klar macht, dass sie dieses "Gefühl des Verlorenseins" sehr wohl aus ihrem eigenen Leben als Migranten in Deutschland kennen und sich die Konvertiten im Gegenzug klar machen, dass Erwartungen oder gar Forderungen nach einem möglichst schnellen Übergang ihrer neuen, durch die Migranten geprägten, Kirchengemeinde in den deutschen Kultur und Sprachraum von dieser nur als Bedrohung, Übergrifflichkeit und im Grunde taktlosen Unverschämtheit aufgefasst werden wird. Auch Erwartungen der Gemeindemehrheit, dass sich die paar Deutschen im Laufe der Zeit schon anpassen, integrieren oder am Ende gar assimilieren würden, erweisen sich in der Regel als Wunschdenken und davon getragener Trugschluss. Prägungen wie Muttersprache und Mentalität, souveräner Umgang mit den geltenden sozialen Codes, Geschmack und Speisevorlieben werden in der frühen Kindheit in uns angelegt. Sie sind danach nicht mehr so einfach ablegbar oder gar austauschbar wie ein getragenes Hemd. Zumal die Zugehörigkeit zu einen bestimmten Volk und seiner Kultur zu den Gaben, ja den Talenten gehört, die uns Gott geschenkt hat. Mit dem Bekenntnis zum Orthodoxen Glauben auch eine "kulturelle Konversion“ zu verlangen oder zu erwarten ist im Grunde, in beide Richtungen betrachtet, auch religiös illegitim. Der historische Werdegang orthodoxer Diasporagemeinden in den Einwanderungsländern belegt zwar die Gesetzmäßigkeit der soziokulturellen Realität, dass im Laufe der Zeit aus Zu- und Einwanderern, mit einer anderen mitgebrachten sprachlichen und kulturellen Prägung, Inländer werden werden. Dieser Vorgang lässt sich jedoch politisch - und das heißt auch kirchenpolitisch - weder aufhalten noch beschleunigen. Denn er liegt im Ablauf des Lebens der einander folgenden Generationen und letztendlich ursächlich im Ratschluss Gottes begründet.

 

Gemäß den Zeugnissen verschiedener Konvertiten, ist die Hinwendung zur traditionellen Kirche des Ostens nicht immer einfach, nicht andauernd voller Freude und voller Lorbeerkränze. Jedoch auch wenn wir den Anruf Christi in unserem Leben vernommen haben, müssen wir den Weg noch immer freiwillig beschreiten. So ist es trotz der Schwierigkeiten, die hier deshalb auch nicht verschwiegen werden sollen, sicherlich eine Frage des Gehorsams des zur Gemeinschaft der Kirche Berufenen (Katechumenen) gegenüber Christus, der die wahrhaftigen Wahrheitssucher, diejenigen, die „sich an das Wort seiner Lippen gehalten haben, auch wenn die Wege schwierig waren“ und „die Er in die Freiheit hinausgeführt hat“ (Psalmen 17:4 & 66:12) aufnimmt.

 

Wir alle aber, die wir durch die Geburt in einer orthodoxen Familie in der Orthodoxen Kirche traditionell beheimatet sind, sollten uns im Gegenzug die Frage stellen, wie herzlich wir die neuen Glieder des Leibes Christi aufnehmen und wie herzlich wir ihnen helfen in unserer Mitte ihren Platz zu finden. Sind wir bereit „mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens, das Herz durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen“ (Hebräer 10:22) ihnen zu helfen, Glieder am Leib Christi vor Ort - also in der konkreten Kirchengemeinde - zu werden?

 

 

Die Einheit der Kirche und die Sünde

menschlicher Spaltungen

 

1. Die orthodoxe Kirche ist die wahre Kirche Christi, die von unserem Herrn und Retter selbst geschaffen ist, die Kirche, die vom Heiligen Geist gefestigt und erfüllt ist, die Kirche, über die der Retter selbst gesagt hat: "Ich werde meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen" (Matthäus 16:18). Sie ist die Eine, Heilige, Allumfassende ( = Katholische) und Apostolische Kirche, Hüterin und Spenderin der Heiligen Sakramente in der ganzen Welt, "Säule und Feste der Wahrheit" (1 Timotheus 3:15). Sie trägt die Fülle der Verantwortung für die Ausbreitung der Wahrheit des Evangeliums Christi, ebenso auch die Fülle der Vollmacht, den Glauben zu bezeugen, der "einstmals den Heiligen anvertraut wurde" (Judas 3).

 

2. Die Kirche Christi ist die Eine und Einzige Kirche (heiliger Cyprian von Karthago, "Von der Einheit der Kirche"). Die Einheit der Kirche - des Leibes Christi - gründet darin, dass sie ein Haupt hat, den Herrn Jesus Christus (Epheser 5:23), und dass ein Heiliger Geist in ihr wirkt, der den Leib der Kirche belebt und all ihre Glieder mit Christus, ihrem Haupt, vereint.

 

3. Die Kirche ist die Einheit des "neuen Menschen in Christus". Durch seine Fleischwerdung und Menschwerdung hat der Sohn Gottes "von Neuem eine lange Aufeinanderfolge menschlicher Wesen begonnen" (hl. Irenäus von Lyon), indem er ein neues, gesegnetes Volk erschuf, die geistliche Nachkommenschaft des Zweiten Adam. Die Einheit der Kirche überragt jede menschliche und irdische Einheit, sie ist von oben als vollkommene und göttliche Gabe gegeben. Die Glieder der Kirche sind in Christus durch ihn Selbst geeint, geeint wie Weinreben, in ihm eingewurzelt und in die Einheit des ewigen und geistlichen Lebens gesammelt.

 

 

4. Die Einheit der Kirche überwindet Barrieren und Grenzen, einschließlich die der Rassen, der Sprachen, der sozialen Unterschiede. Die Frohe Botschaft der Rettung muss allen Völkern verkündet werden, um sie dem einen Schoss zuzuführen, sie zu einen in der Kraft des Glaubens, durch die Gnade des Heiligen Geistes (Matthäus 28:19-20; Markus 16:15; Apostelgeschichte1:8).

 

5. In der Kirche sind Feindschaft und Entfremdung überwunden, vollzieht sich in Liebe die Einung der durch die Sünde getrennten Menschheit nach dem Bild der wesenseinen Dreieinheit.

 

6. Die Kirche ist die Einheit des Geistes im Bund des Friedens (Epheser 4:3), die Fülle und Beständigkeit des Gnadenlebens und der geistlichen Erfahrung. "Wo die Kirche ist, da ist auch der Geist Gottes, und wo der Geist Gottes ist, dort ist auch die Kirche und jegliche Gnade" (hl. Irenäus von Lyon, "Adversus haereses", Buch 3, Kap. XXIV). In der Einheit des Gnadenlebens gründet die Einheit und Unveränderlichkeit des kirchlichen Glaubens. Immer und unveränderlich "belehrt der Heilige Geist die Kirche mit Hilfe der heiligen Väter und Lehrer. Die katholische Kirche kann nicht sündigen oder sich irren und lügen, anstatt die Wahrheit zu sagen: denn der Heilige Geist, der immer durch die treu ergebenen Väter und Lehrer der Kirche am Werk ist, behütet sie vor jeglichem Irrtum" (Schreiben der Östlichen Patriarchen).

 

7. Die Kirche besitzt einen universalen Charakter - sie existiert in der Welt in Gestalt verschiedener Lokalkirchen, doch die Einheit der Kirche wird dabei nicht im geringsten beeinträchtigt. "Die vom Licht des Herrn erleuchtete Kirche breitet ihre Strahlen über die ganze Welt aus; das Licht aber, das sich überallhin ergießt, ist eins, und die Einheit des Leibes bleibt ungeteilt. Über die ganze Erde breitet sie ihre mit Früchten beladenen Zweige aus; ihre überreichen Ströme fließen in den weiten Raum - bei all dem bleibt das Haupt eins, ein Anfang, eine Mutter, die reich ist am Überfluss ihrer Fruchtbarkeit" (heiliger Cyprian von Karthago, "Von der Einheit der Kirche").

 

8. Die kirchliche Einheit ist untrennbar mit dem Sakrament der Eucharistie verbunden, in dem die Gläubigen an dem Einen Leib Christi teilhaben und sich so wahrhaft und wirklich im Sakrament der Liebe Christi, in der verklärenden Kraft des Geistes zu Einem katholischen Leib verbinden. "Wenn wir ja ‘alle an dem einen Brot teilhaben’, dann bilden alle einen Leib (1. Korinther 10: 17), denn Christus kann nicht geteilt sein. Deshalb wird die Kirche auch Leib Christi genannt, und wir sind, nach Auffassung des Apostels Paulus, die einzelnen Glieder (1. Korinther 12: 27)" (heiliger Kyrill von Alexandrien).

 

9. Die Eine, Heilige, Allumfassende Kirche ist die Apostolische Kirche. Durch das von Gott eingesetzte Priestertum werden die Gaben des Heiligen Geistes den Gläubigen mitgeteilt. Die apostolische Sukzession der Hierarchie von den heiligen Aposteln her ist das Fundament der Gemeinsamkeit und der Einheit des Gnadenlebens. Sich von der rechtmäßigen Hierarchie loszusagen, bedeutet, sich vom Heiligen Geist, von Christus selbst loszusagen. "Alle sollt ihr dem Bischof folgen, wie Christus dem Vater, und folgt den Presbytern wie den Aposteln. Die Diakone aber ehrt wie das Gebot Gottes. Ohne den Bischof soll niemand etwas tun, was sich auf die Kirche bezieht. (…) Wo der Bischof ist, dort soll auch das Volk sein, ebenso wie dort, wo Christus ist, auch die katholische Kirche ist" (heiliger Ignatius von Antiochien an die Smyrnäer, 8).

 

10. Nur durch die Verbindung mit einer konkreten Gemeinde verwirklicht sich für jedes Glied der Kirche die Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Wenn ein Christ die kanonischen Beziehungen mit seiner Lokalkirche verletzt, schädigt er damit zugleich seine segensreiche Einheit mit dem ganzen Leib der Kirche, reißt er sich von ihm los. Jede beliebige Sünde entfernt im einen oder anderen Maße von der Kirche, wenn sie auch nicht völlig von ihrer Fülle ausschließt. Im Verständnis der Alten Kirche war die Exkommunikation ein Ausschluss aus der eucharistischen Versammlung. Doch die Wiederaufnahme eines Ausgeschlossenen in die kirchliche Gemeinschaft vollzog sich niemals durch eine Wiederholung der Taufe. Der Glaube an die Unauslöschlichkeit der Taufe wird im Glaubensbekenntnis von Nicäa-Konstantinopel bekannt: "Ich glaube an die eine Taufe zur Nachlassung der Sünden". Der 47. Apostolische Kanon (Apostolische Konstitutionen, Buch VIII, Kap. 47) lautet: "Wenn ein Bischof oder Presbyter jemanden von neuem tauft, der in Wahrheit die Taufe besitzt …, dann sei er ausgeschlossen".

 

 

11. Dadurch bezeugte die Kirche, dass ein Ausgeschlossener das "Siegel" der Zugehörigkeit zum Volk Gottes bewahrt. Indem die Kirche einen Ausgeschlossenen wieder aufnimmt, bringt sie jemanden zum Leben zurück, der schon durch den Geist in den einen Leib getauft worden war. Indem sie aus ihrer Gemeinschaft ein Glied ausschließt, das am Tag seiner Taufe von ihr besiegelt worden ist, hofft die Kirche auf seine Rückkehr. Sie betrachtet die Exkommunikation selbst als Mittel zur geistlichen Wiedergeburt des Ausgeschlossenen.

 

12. Im Verlauf der Jahrhunderte ist das Gebot Christi zur Einheit mehrfach verletzt worden. Trotz der von Gott gebotenen katholischen Einmütigkeit und Eintracht sind im Christentum Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen entstanden. Die Kirche hat sich immer streng und grundsätzlich verhalten, sowohl dem gegenüber, der gegen die Reinheit des rettenden Glaubens auftrat, als auch dem gegenüber, der Spaltung und Unruhe in die Kirche hineintrug: "Wozu sind bei euch Streit, Empörung, Uneinigkeit, Spaltung und Zank? Haben wir nicht einen Gott und einen Christus, und einen Geist der Gnade, der über uns ausgegossen ist, und eine Berufung in Christus? Wozu reißen wir die Glieder Christi auseinander und scheiden sie voneinander, erheben wir uns gegen den eigenen Leib und gelangen zu einem solchen Unverstand, dass wir sogar vergessen, dass wir füreinander Glieder sind?" (heiliger Clemens von Rom, Schreiben an die Korinther I,46).

...

 

14. Irrtümer und Häresien sind die Folge einer egoistischen Selbstbehauptung und Absonderung. Jede Spaltung oder jedes Schisma führt im einen oder anderen Maße zum Abfall von der kirchlichen Fülle. Eine Spaltung, selbst wenn sie nicht aus Gründen der Glaubenslehre erfolgt, verletzt die Lehre von der Kirche und führt im Endergebnis zu Entstellungen des Glaubens.

 

15. Die orthodoxe Kirche bekräftigt durch den Mund der heiligen Väter, dass die Rettung nur in der Kirche Christi erlangt werden kann. Gleichzeitig aber sind die Gemeinden, die aus der Einheit mit der Orthodoxie herausgefallen sind, niemals als vollständig der Gnade Christi beraubt betrachtet worden. Der Bruch der kirchlichen Gemeinschaft führt notwendig zur Schädigung des Gnadenlebens, doch nicht immer zu dessen vollständigem Verschwinden in den abgetrennten Gemeinden. Gerade damit ist die Praxis verbunden, diejenigen, die aus andersgläubigen Gemeinschaften in die orthodoxe Kirche kommen, nicht einfach durch das Sakrament der Taufe aufzunehmen. Ungeachtet der zerbrochenen Einheit bleibt eine gewisse unvollständige Gemeinschaft bestehen, die als Unterpfand der Möglichkeit dient, zur Einheit in der Kirche, in die katholische Fülle und Einheit zurückzukehren.

 

16. Die kirchliche Stellung derer, die sich abgespalten haben, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. In der getrennten christlichen Welt gibt es einige Merkmale, die sie auf die Einheit hinordnen: das Wort Gottes, der Glaube an Christus als Gott und Retter, der im Fleisch gekommen ist (1. Johannes 1:1-2; 4:2.9), und aufrichtige Frömmigkeit.

 

17. Dass es verschiedene Aufnahmeriten gibt (durch Taufe, Myronsalbung, Beichte), zeigt, dass die orthodoxe Kirche andersgläubige Konfessionen differenziert behandelt. Kriterium ist der Grad, in dem der Glaube und die Kirchenordnung und die Norm des geistlichen christlichen Lebens bewahrt sind. Indem die orthodoxe Kirche verschiedene Aufnahmeriten festsetzt, fällt sie jedoch kein Urteil über das Maß der Bewahrung oder Verletzung des Gnadenlebens bei den Andersgläubigen, denn sie betrachtet dies als Geheimnis der Vorsehung und des göttlichen Gerichts.

 

18. Die orthodoxe Kirche ist die wahre Kirche, in der die Heilige Überlieferung und die Fülle der rettenden Gnade Gottes unverletzt bewahrt sind. Sie hat das heilige Erbe der Apostel und heiligen Väter in seiner Ganzheit und Reinheit bewahrt. Sie weiß sich in Übereinstimmung mit der apostolischen Frohbotschaft und der Überlieferung der Alten Kirche in ihrer Lehre, ihrer gottesdienstlichen Struktur und ihrer geistlichen Praxis.

 

19. Die Orthodoxie ist kein national-kultureller Bestandteil einer einzelnen Nation. Die Orthodoxie ist die innere Qualität der Kirche, die Bewahrung der Wahrheit der Glaubenslehre, der gottesdienstlichen und hierarchischen Ordnung und der Prinzipien des geistlichen Lebens, die seit den Zeiten der Apostel ununterbrochen und unverändert in der Kirche vorhanden sind. Man darf nicht der Versuchung erliegen, die Vergangenheit zu idealisieren oder die tragischen Mängel und Misserfolge zu ignorieren, die es in der Geschichte der Kirche gegeben hat. Ein Vorbild der geistlichen Selbstkritik geben uns vor allem die großen Kirchenväter. Die Kirchengeschichte kennt nicht wenig Fälle, in denen ein bedeutender Teil des Kirchenvolks einer Häresie verfiel. Sie kennt aber auch den grundsätzlichen Kampf der Kirche gegen die Häresie, und sie kennt ebenso die Erfahrung der Heilung derjenigen, die einmal der Häresie verfallen waren, die Erfahrung der Reue und der Rückkehr in den Schoß der Kirche. Gerade die tragische Erfahrung, dass ein unrichtiges Denken im Inneren der Kirche selbst in Erscheinung tritt, und die Erfahrung des Kampfes damit hat die Kinder der orthodoxen Kirche Wachsamkeit gelehrt. Die orthodoxe Kirche, die demütig bezeugt, dass sie die Wahrheit bewahrt, erinnert sich gleichzeitig an alle historisch aufgetretenen Versuchungen.

 

20. Weil das Gebot zur Einheit verletzt und so die historische Tragödie des Schismas hervorgerufen wurde, sind die zerspaltenen Christen, anstatt Beispiel der Einheit in Liebe nach dem Bild der allerheiligsten Dreieinheit zu sein, zu einer Quelle der Versuchung geworden. Die Gespaltenheit der Christen wurde zur offenen und blutenden Wunde am Leib Christi. Die Tragödie der Spaltungen wurde zu einer ernsten sichtbaren Entstellung des christlichen Universalismus, zum Hindernis im Werk der Bezeugung Christi vor der Welt. Denn die Wirksamkeit dieses Zeugnisses der Kirche Christi hängt in nicht geringem Maße von der Fleischwerdung der durch sie verkündeten Wahrheiten im Leben und in der Praxis der christlichen Gemeinden ab.

 

Quelle: Grundprinzipien der Beziehung der Russischen Orthodoxen Kirche zu Andersgläubigen. Bischofssynode der Russischen Orthodoxen Kirche. Moskau, 13.-16. August 2000

 

 

Ökumene und Orthodoxie -

Ein oft missverstandenes Thema

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Kirche versteht sich nicht im abendländischen Sinn als eine "Konfession" unter vielen anderen, sondern als die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche Christi; das bedeutet, die Gemeinschaft der Glaubenden, die das von den heiligen Aposteln auf den Auftrag des Herrn Jesus Christus hin verkündete heilige Evangelium stets treu und authentisch bewahrt hat.

 

Wenn der Satz des heiligen Cyprian von Karthago wahr ist, dass außerhalb der Kirche kein Heil zu finden ist, so bedeutet das nach orthodoxer Auffassung eben auch, dass die Nichtorthodoxen entweder keine Christen sind (was ich nicht glaube) oder dass sie in näherer oder fernerer Weise Anteil an der Kirche als der alleinigen Arche des Heils haben. Haben sie jedoch Anteil an der Kirche, so eben auch in teils eher vollständiger und in teils eher weniger umfassender Weise an ihrem orthodoxen Glauben. Insofern sind sie dann aber auch unsere christlichen Brüder und Schwestern, die mit uns Orthodoxen gemeinsam auf dem Weg sind, "noch wahrer Anteil zu gewinnen an Christi am abendlosen Tage Seines Reiches" (vgl. auch: Troparien nach dem Empfang der Kommunion aus der Chrysostomusliturgie).

 

Hier setzt unser orthodoxe Glaubenszeugnis an. Der heilige Apostel Petrus fordert uns auf: "Seid allezeit bereit zu Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“ (1. Petrus 3:15) und der heilige Apostel Paulus sagt: "Prüft alles und das Gute behaltet" (1. Thessalonicher 5:21). Von der guten und frohen Botschaft des heiligen Evangeliums, denn nicht anderes bedeutet das griechische Wort "εὐαγγέλιον" Zeugnis zu geben, ist Aufgabe eines jeden recht verstanden Dialog-Engagements der Orthodoxen. Als der heilige Justin der Märtyrer (* um 100; † 165 in Rom) gefragt wurde, was er tun würde, um sogar einen Nichtchristen vom Glauben zu überzeugen, sagte er, er würde ihn ein Jahr lang bei sich zu Hause mitleben lassen. Also ist christliche Gastfreundschaft, die φιλοξενία, die auch unseren angestammten orthodoxen Volkskulturen entsprechende rechte Haltung für das ökumenische Miteinander.

 

Insofern halte ich einerseits nichts von einem Ökumenismus, der vor lauter Miteinander-Sein-Wollen die Wahrheitsfrage nicht zu stellen wagt, aber anderseits genau so wenig von einem orthodoxen Integralismus, der uns alle zur Flucht in das fundamentalistische Ghetto aufruft, wo wir eher den selbstgerechten Pharisäer aus dem Gleichnis, als den reuigen Zöllner aus dem Tempel wieder finden werden.

 

Vor Seinen heilsbringenden Leiden und Seiner glorreichen Auferstehung hat der HERR gebetet, dass Seine Jünger ein seien. Wenn wir die Fülle der Heilsbotschaft, die sich im Heiligen Evangeliums ausdrückt, wirklich ernst nehmen wollen, müssen wir zum Einen um die Wiederherstellung der verlorenen christlichen Einheit aus tiefstem Herzen beten und zum Anderen auch alles uns redlich (= genuin orthodox) Mögliche tun, um die verloren gegangene Einheit unter uns Christen mit Gottes Hilfe wieder zu gewinnen.

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Können evangelische Christen von Heiligen lernen?

 

Wolfgang Hohensee

 

 

In meinem Arbeitszimmer hängt die Ikone des Hl. Seraphim von Sarow. Sie stammt aus Russland und ist Anfang des 20. Jh. gemalt worden. Eine Ikone ist ein Abbild und soll die dargestellten Personen in die Gegenwart des Betrachters bringen.1 Gewöhnlich versteht man jedoch unter einer »Ikone« ein Heiligenbild, dem in der orthodoxen Kirche eine besondere Verehrung zuteil wird. Diese Verehrung gilt jedoch nicht dem Bild als solchem, sondern den auf ihm dargestellten Heiligen. »Ikonen fallen dem westlichen Beobachter sicher zuerst als eine Besonderheit im religiösen Leben der orthodoxen Christen ins Auge. In frommen Familien gibt es in den Häusern eine Ecke, vor der man Gebete verrichtet.«2

 

In einem ersten Abschnitt möchte ich davon berichten, wie ich als ev. Pastor dazu gekommen bin, mich diesem Geheimnis von Ikonen und Heiligen zu nähern und zu öffnen. Was habe ich durch die Biographie des Hl. Seraphim von Sarow lernen und erfahren dürfen? Im zweiten Abschnitt möchte ich das Leben und die geistliche Entwicklung von Seraphim von Sarow darstellen, um dann in einem dritten Abschnitt zu fragen, ob und inwieweit Heilige uns evangelischen Christen heute etwas zu sagen haben.

 

1. Meine Begegnung mit Heiligen

 

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, so hat meine religiöse Entwicklung aus heutiger Sicht mit Prägung und Fügung zu tun. Wie oft in einem Menschenleben war es eine einfache Berührung – meist in der Kindheit – die später vieles in Gang brachte. Meine Mutter betete abends mit uns Kindern: »Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.« Später, so entsinne ich mich, habe ich mich als Kind in die St. Johanniskirche am Turmweg in Hamburg-Harvestehude geschlichen, um dort alleine das Vaterunser zu beten und dann die Kirche schnell wieder zu verlassen, denn irgendwie kam mir die Größe und Dunkelheit unheimlich vor. Ganz selbstverständlich nahm ich mit 13 Jahren am Konfirmandenunterricht teil, der mir aber in nicht allzu guter Erinnerung ist, zumal ich eher zu den schwierigeren Konfirmanden gehörte.

 

Mit 16 Jahren kam ich in Kontakt mit einer Freikirche, die mich in meinem Denken und Handeln sehr geprägt hat, denn nunmehr wurde über den persönlichen Bezug zum Glauben gesprochen. Mir erging es so wie Hesses »Siddhartha«, dem erst durch die Begegnung mit dem Fährmann Vasudeva begreifbar wurde, dass Weisheit nicht durch Lehren sondern durch Erfahrung erlangt wird.

 

Nach meiner Ausbildung zum Industriekaufmann leistete ich mit 21 Jahren meinen Zivildienst in einer katholischen Kirchengemeinde, und es entstand eine freundschaftliche Beziehung zum dortigen Pfarrer. Daraus ergab sich eine Anstellung als Gemeindehelfer. In diesen sechs Jahren meiner Beschäftigung dort nahm ich vor allem die unterschiedliche liturgische Gestaltung der Messen und ein anderes Amtsverständnis zwischen der katholischen und protestantischen Kirche wahr. Das Beten für Verstorbene, das Einbeziehen von Heiligen und die große Wertschätzung gegenüber Maria, der Mutter Jesu, waren mir fremd. Dennoch faszinierte mich das Geheimnis der Heiligkeit, der Heiligen und ihrer Verehrung, und schon bald kaufte ich mir eine Biographie der Heiligen.3

 

Durch das anschließende Theologiestudium hat sich mein Blick geweitet, und es entwickelte sich ein kritisches Urteilsvermögen. Die Frage nach der persönlichen Spiritualität blieb uns Studenten damals selbst überlassen. Dennoch war mir – besonders auch durch die freikirchliche Prägung – klar, dass ich als Pastor darüber nachzudenken habe, was es denn heißt, im Alltag meines Lebens Christ zu sein, also Antwort darauf zu geben, wie sich mein Glaube auf meine eigene Existenz bezieht.

In der pastoralen Arbeit blieb in den nächsten Jahren kaum Zeit, sich intensiver mit der eigenen Spiritualität auseinanderzusetzen, aber ich spürte in mir ein Verlangen, mehr Zeit und Ruhe für ein kontemplatives Gebetsleben zu finden. Es war das Suchen nach Einfachheit und Unmittelbarkeit als Ausgleich zur technischen, komplizierten und hektischen Welt. Im Urlaub schrieb ich Bücher über Stille und spirituelles Fasten4, aber im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich diese mehr aus einer inneren Sehnsucht statt aus einer gelebten Praxis heraus geschrieben habe. Durch eine Wanderung allein in den Dolomiten sowie die Teilnahme am Pilgern auf dem Jakobsweg richtete sich mein Blick mehr und mehr auf mein inneres Ich. Mich beschäftigte die Frage, ob ich im pastoralen Alltag und in der Zersplitterung und Zerrissenheit, zu denen der heutige Existenzkampf oft führt, meinen Glauben verwirklichen kann.

Auch ich spürte: Die Kirche ist in die Krise gekommen. Der Hunger nach Spiritualität, nach der Erfahrbarkeit Gottes, ist in den letzten Jahren in unserer Gesellschaft stärker geworden. Der Mensch der Zukunft, so hat Karl Rahner, der große katholische Theologe gesagt, wird ein Mystiker sein oder ein Heide. Ein solch großes Wort würde ich nicht prophezeien, aber »in den Augen vieler und oft sehr ernsthaft bemühter Menschen eignen sich die Kirchen nicht mehr als Träger einer Hoffnung.«5 Immer häufiger werden die Stimmen, die von der Notwendigkeit einer mentalen und spirituellen Erneuerung von innen heraus sprechen. Kirche muss wieder eine zuhörende und dienende Kirche werden. »Um authentisch zu sein, muss sie evangeliumsgemäßer werden, nicht protestantischer.«6 Vor allzu großem Pessimismus sei gewarnt und daran erinnert, dass Jesus seinen Anhängern an keiner Stelle des NT verheißen hat, eine große, prächtige, einflussreiche und mächtige Weltkirche zu werden, sondern gesagt hat: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde!« (Lk. 12,32)

Dennoch ist es nicht zu übersehen, dass die christlichen Kirchen durch eine ständig fortschreitende Verweltlichung an Einfluss abgenommen haben. Die Zeit schreit nach einem kontemplativen Gegenentwurf zum überaktiven und selbstzerstörerischen Klima der westlichen Gier- und Spaßgesellschaft. Was Not tut, ist das Einlassen auf die Stille und die Erfahrung der Gegenwärtigkeit Gottes. Was Not tut, ist wirklich Salz in dieser Zeit zu sein, um das Christentum wieder schmackhaft zu machen. Es braucht heute Zugänge zu religiösen Erfahrungen.

Eine entscheidende Bereicherung und Neuorientierung war meine erste Reise nach St. Petersburg und die Begegnung mit der orthodoxen Liturgie und Frömmigkeit. Die »Kirche im Namen der Auferstehung Christi an der Stelle der tödlichen Verwundung des entschlafenen Kaisers Alexander II« – so die offizielle Bezeichnung der Auferstehungskathedrale (Erlöserkirche auf dem Blute) hat mich zudem mit der farbenprächtig gestalteten Ikonostase, die aus farbigem italienischem Marmor angefertigt worden ist, fasziniert.

So besuchte ich nicht nur in St. Petersburg, sondern später auch in Hamburg orthodoxe Gottesdienste. »Angesichts des zunehmenden Verlustes an gelebter Religiosität in den Westkirchen betont die Orthodoxie gerade die Frömmigkeit als das zentrale Element. Orthodoxie wächst nicht aus der Theologie, sondern bedarf ihrer nur als eines Elementes, das Erfahrungen reflektiert und systematisiert, um wieder zur Erfahrung zu führen. Sinnfälliger Ausdruck dieses Ineinanders und Miteinanders von Theologie und Frömmigkeit ist die Vorstellung von der Vergöttlichung des Menschen als des Weges, den der Mensch hier auf Erden zurückzulegen hat.«7

Es fügte sich, dass ich vor zwei Jahren an einem Mystikseminar von Prof. Sabine Bobert teilnahm. Sie führte uns Teilnehmer in konkrete Techniken einer christlichen Mystagogik ein.8 Wie viele andere Menschen auch, fand ich dann Zugang zum Herzensgebet9 über die »Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers«. Der Klassiker russisch-orthodoxer Spiritualität liegt in einer von Emmanuel Jungclaussen herausgegebenen vollständigen Ausgabe vor und erzählt die abenteuerlichen Erlebnisse aus dem Leben eines betenden Vagabunden, der in der unendlichen Weite Russlands heimatlos unterwegs ist auf der Suche nach seiner ewigen Heimat. Der Weg des Herzensgebet, den der russische Pilger hier einschlägt, führt in die mystische Tiefe, obwohl es dem Pilger in allen seinen Erlebnissen um nichts anderes als um das Wunder der gnadenhaften inneren Führung geht. Gebhard Frei spricht von einer unsichtbaren Gemeinde des russischen Pilgers, deren Mitglieder ihre Mönchszelle in sich trügen.10

Die Ursprünge des Jesus- oder Herzensgebets reichen bis in die meditative Praxis der ersten Christen zurück und knüpfen an die Übung der »ruminatio« (Wiederkäuen) der Wüstenväter an. Letztlich ist das Herzensgebet ein Nachklang der altchristlichen Bemühung, Gott stets gegenwärtig zu haben, die Erinnerung Gottes »durch wiederholte Akte zu einer immerwährenden Bewußtseinshaltung zu machen und so alles im göttlichen Lichte zu sehen und zu tun.«11. Wer sich mit dem Herzens- oder Jesusgebet beschäftigt, stößt dann unweigerlich auf die Philokalie, das zentrale Lehrbuch des Hesychasmus.12

 

 

Die paulinische Aufforderung »Betet ohne Unterlass!« (1. Tim. 5,17) wurde mir mehr und mehr zur theologischen Existenz, indem ich versuche, mein »Tun und Lassen«, mein »Reden und Schweigen« bewusster wahrzunehmen und an vielen Zeiten des Tages innerlich dieses Herzens- oder Jesusgebet »Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner« zu sprechen. Ich praktiziere das Herzensgebet und fühle mich eingebettet in die Berührung durch das göttliche Geheimnis.

Im Mai 2012 besuchte ich für eine Woche die Benediktinerabtei Niederaltaich und führte Gespräche mit dem Altabt Emmanuel Jungclaussen, der in besonderer Weise im deutschen Sprachraum das Jesusgebet bekannt gemacht hat. »Der Hesychasmus ist eine Spiritualität, die wesentlich auf die Beschauung ausgerichtet ist. Er sieht die Vollkommenheit in der liebenden Vereinigung mit Gott (Vergöttlichung) durch das immerwährende Herzensgebet, zu der man durch die Hesychia gelangt.« Dieses und auch andere Erlebnisse haben meinem Leben eine ganz neue Ausrichtung gegeben. Ich schreibe von dieser Gegenwart Gottes, obwohl es zugleich schwer ist, ein solches Erlebnis in Worte zu kleiden. Dennoch würde ich sagen: Glaube ist für mich ein Ergriffensein vom Unbedingten, was für mich auch in der Bedeutung des aramäischen »Abba« anklingt.

Wer orthodoxe Kirchen betritt, wird zuerst durch die Ikonenvielfalt und die Ikonostase13 zum Staunen gebracht. Ikone meint das sakrale Bild der Ostkirche, das im orthodoxen Verständnis auf das sinnlich nicht wahrnehmbare Urbild hinweist. Ikonen sind Gegenstand der Verehrung. Das fällt in besonderer Weise durch das Verneigen der Gläubigen und das Bekreuzigen auf. Die Ikone gilt in der orthodoxen Kirche als Sakrament im Sinne eines Mysteriums. »Ein Mysterium aber ist etwas, in dessen Wirklichkeit man eintritt, von dessen Wirklichkeit man sich umfangen läßt. Sakramente als Mysterien sind also Tore, durch die man in besonders intensiver Weise mit der Göttlichen Gegenwart in Berührung kommt.«14 Eine theologische Darlegung zur Ikonentheologie gab der christlich-arabische Theologe Johannes von Damaskus (670-750). »Seine Bildertheologie erweist sich als mit der Christologie eng verbunden. Er wagte nur deshalb ein Bild des unsichtbaren Gottes zu malen, weil es das Bild des um unseretwillen durch Fleisch und Blut sichtbar gewordenen Gottes sei.«15

Man spricht von den Ikonen als dem Fenster zum Himmel. In ihnen erscheint die Wirklichkeit Gottes in der Metapher des göttlichen Lichtes. Das göttliche Licht wird auf dem Weg zum Menschen stufenweise schwächer. Auf der Ikone erscheint das, was nach menschlichem Verstehen eben noch zugänglich ist. Als ich in Berlin eine Ikonengalerie besuchte, sprach der Galerist wie selbstverständlich von der Ikone als anwesende göttliche Kraftquelle, die spürbar ist. Die Ikone als Träger der Göttlichen Gnade. »Es ist immer ein sehendes, fühlendes In-sich Aufnehmen des Dargestellten. Dies gilt nicht nur für Personen wie Christus, die Muttergottes und die Heiligen, sondern besonders für die Festtagsikone: Weihnachten, Ostern, Pfingsten usw. Man nimmt durch Anschauung, liebevolle Verneigung und durch Kuss etwas ›von der Seele der Ikone‹ in sich auf. Man trägt das Weihnachts-, Oster- oder Pfingstbild mit sich in der Seele und läßt sich so auf Dauer prägen und ›bilden‹.«16

Mich haben diese Ikonen berührt. Letztlich geht es um die Erfahrung der Gottesgegenwart. Da Gottes Gegenwart nicht gedacht, sondern nur erfahren werden kann, bleibt auch jede schriftliche Fixierung hinter der Erfahrung zurück. So erschließt sich diese Erfahrung ähnlich der eines Kindes. »Das Kind versteht die Bedeutung nicht, es nimmt die Atmosphäre wahr. Es kommt in die Kirche und spürt die Gegenwart Gottes durch die Liturgie hindurch, durch Schauen der Ikonen, durch Zeremonien, durch das Hören auf den Gesang des Gotteslobs, durch Gebete und Lesungen; es nimmt teil durch Bekreuzigen, Verbeugen, Verehrung der Ikonen, Entzünden von Kerzen, Kommunizieren mit Brot und Wein.«17

Durch die Beschäftigung mit der russisch-orthodoxen Kirche stieß ich auf den letzten großen Heiligen, den man auch als den größten Starez des 19. Jh. bezeichnet hat: Seraphim von Sarow. Er war einer der bekanntesten russischen Mönche und Mystiker der Orthodoxen Kirche. In seiner konsequenten Lebensweise und in dem Ausleben von Extremen hat er mich in besonderer Weise angesprochen.

Aller- Heiligen- Ikone
Aller- Heiligen- Ikone

 

2.  Die Biographie und geistliche Entwicklung des Seraphim von Sarow

Der Heilige Seraphim von Sarow wurde am 19. Juli 1759 in Kursk als jüngster von drei Kindern geboren. Sein bürgerlicher Name war Prochor Mochnin. Sein Vater, ein Kaufmann und Ziegeleibesitzer, starb in Prochors viertem Lebensjahr, und so musste die Mutter Agafia sich alleine um die Erziehung des Sohnes kümmern.

In rechter Demut und Gottesfurcht erzogen, erfuhr Prochor sehr früh besondere Wunderzeichen der Gnade: »Mit sieben fiel er unbeschadet vom hohen Glockenturm herab, und während einer schweren Krankheit empfing er von der Gottesmutter durch ihre Kurskaja-Ikone Heilung.«18 Sobald er lesen lernte, vertiefte er sich in die Gebetsbücher und Heiligenleben, besuchte eigenständig so oft wie möglich die Gottesdienste, begann mehr und mehr über Gott und die geistlichen Dinge nachzudenken, bis schließlich der Wunsch nach dem Mönchstum in ihm reifte. So empfing er im Alter von 17 Jahren die Erlaubnis seiner Mutter, auf Pilgerfahrt nach Kiew zu gehen, denn die Mutter war sofort von seinem neuen Lebensweg überzeugt und gab ihm ein kupfernes Kreuz mit, das er bis zu seinem Lebensende trug. So verabschiedete sich Prochor von seiner Mutter und seiner Familie.

In Kiew wurde er im Höhlenkloster im Jesusgebet unterwiesen und nach Sarow geschickt, wo er am 20. November 1778 ankam und dann mit 19 Jahren ins Kloster eintrat und es in der Folge seines Lebens nie wieder verließ. Zu dieser Zeit wurde das Kloster in Sarow von Abt Pachomios geleitet, und Seraphim wurde im Noviziat auf das Leben eines Mönches bzw. Priestermönches vorbereitet. Zu seinen ersten Aufgaben gehörte es, die Zelle seines geistigen Vaters, Vater Joseph, in Ordnung zu halten; außerdem wurde er mit Arbeiten in der Bäckerei und in der Zimmerei betraut. Dem Wesen nach aber ist die Zeit des Noviziats vor allem der religiösen und asketischen Grundlegung eines auf Gott bezogenen Lebens gewidmet.

 

Aus dieser Zeit ist bekannt, dass Prochor Mochnin sich selbst eine asketische Strenge auferlegte: »Die Befolgung des Armuts- und Keuschheitsgelübdes dürften Prochor keine größeren Schwierigkeiten bereitet haben. Gehorsam und die damit verbundene Demut waren dagegen für ihn, der mit einer enorm starken Willenskraft ausgestattet war, wie die von ihm sich selber befohlene Auferlegung und Einhaltung der harten asketischen Anstrengungen zeigen, mit Problemen behaftet.«19 Nach acht Jahren als Mönch bekam Prochor die Tonsur und den Namen Seraphim. Am 2. September 1793 wurde Seraphim zum Priester geweiht und feierte von diesem Zeitpunkt an jeden Tag die »Göttliche Liturgie«.

Sicherlich ist davon auszugehen, dass Seraphim ein guter Mönch sein wollte, worin die Beweggründe für seine rigorose Befolgung asketischer Übung liegen. »Die gesamte seelische Kraft wurde auf ›einwandfreies‹ Gebet und Konzentration auf Gott genützt. Die leiblichen Energien verzehrten sich im Durchhalten der asketischen harten Übungen. Das Ertragen winterlicher extremer Kälte, kärglicher, nicht sättigender Mahlzeiten, das Durchstehen von Schlafmangel erfordert eiserne Disziplin.«20

Im Jahre 1794 entschloss sich der Mönchs­priester Seraphim, nachdem er sich dafür die Erlaubnis und den Segen beim neuen Abt Isajas geholt hatte, als Eremit weiterzuleben. Seraphim suchte sich ungefähr fünf Kilometer vom Kloster entfernt einen abseits gelegenen Platz im Wald. Hier errichtete er sich ein kleines fensterloses Holzhäuschen, baute sich einen Gemüsegarten an und erhielt das Allernotwendigste zum Leben einmal in der Woche vom Kloster. Seraphim verbrachte den Tag mit Arbeiten im Garten, dem Lesen von religiösen Büchern und vor allem mit Gebet.

Schon bald wurde seine Einsamkeit von Rat suchenden Menschen gestört. Angst vor Einsamkeit oder Dunkelheit kannte Seraphim nicht. Es wird sogar berichtet, dass Seraphim einen Bären fütterte. Seraphim reduzierte seinen Schlaf auf ein Minimum, um seinen Geist vor allem durch das Sprechen des Herzensgebets auf Gott hin auszurichten und so seine innere Ausgeglichenheit zu bewahren.

Am 12. September 1804 wurde Seraphim von drei Räubern überfallen. Mit letzter Kraft konnte er sich zurück ins Kloster schleppen. Von da an blieb Seraphim zeitlebens gekrümmt und konnte nur auf einem Stock gehen, aber es zog ihn nach einigen Monaten wieder zurück in den Wald. Eine neue Form der Askese, das vollkommene Stillschweigen, wurde nun von ihm praktiziert.21

Im Jahre 1810 wurde Seraphim vom neuen Abt befohlen, ins Kloster zurückzukehren, da sein vollkommen zurückgezogenes Leben Ärgernis erregte. Im Sarower Kloster lebte er in einer kleinen Zelle, die lediglich mit einer Muttergottesikone, einem Baumstumpf, der als Stuhl diente, und einem kleinen Tisch ausgestattet war. Nachts schlief er kniend vor dem Tisch, das Haupt in seine Hände gestützt, und tagsüber betete er fast ununterbrochen.22 Seraphim verließ seine Klause kaum und begann erst im September 1815, seine Einsamkeit zu lockern. Immer mehr Menschen suchten Seraphim als Laienseelsorger auf, und sein Ruf als hervorragender Seelenführer verbreitete sich rasch. An manchen Tagen sollen bis zu eintausend Besucher gezählt worden sein. Es schien, als könnte Seraphim in den Menschen wie in einem offenen Buch lesen. »Seine Beliebtheit läßt sich vor allem durch seine unendliche Güte und Milde gegenüber den Hilfesuchenden erklären.«23

 

Der heilige Seraphim wohnte noch am Neujahrstage 1833 der Liturgie bei, empfing die heiligen Sakramente und verabschiedete sich von seinen Brüdern. Er ging in seine Zelle und man hörte ihn bis weit in die Nacht hinein Osterlieder singen. Am Morgen des 2. Januar 1833 sahen die Brüder wie Rauch aus seiner Zelle drang, und sie öffneten seine Türe. Eine Kerze war umgefallen, und der Heilige Seraphim kniete vor der Ikone der Mutter Gottes. Er saß regungslos da, mit geschlossenen Augen und gekreuzten Armen. Er war während des Gebets eingeschlafen. Seine Seele war schon vor das Antlitz Gottes getreten.

Im Jahre 1903 wurde Seraphim von Sarow von der russisch-orthodoxen Kirche heilig gesprochen. Zar Nikolaj hat über ihn gesagt: »Was die Heiligkeit und Wundertätigkeit des heiligen Seraphim betrifft, davon bin ich bereits so überzeugt, dass niemand jemals meine Gewissheit ins Wanken bringen kann. Denn ich habe unüberwindbaren Beweis dafür.« (Zar Nikolaj II., ca. 1900) Im Jahre 2003 jährte sich zum hundertsten Mal der Tag der Heiligsprechung des hl. Seraphim von Sarow, die mit großen Festlichkeiten begangen wurde.

3.  Können Heilige für evangelische Christen eine Bedeutung haben?

Überlegungen für die Gegenwart

Auf die unterschiedliche Bedeutung der Heiligen in katholischer und orthodoxer Heiligenverehrung kann ich hier nicht eingehen. »Die Heiligenverehrung in der Römischen Kirche ist (expressis verbis seit dem Konzil von Trient) für die Gläubigen freigestellt, in allen Ostkirchen (der orthodoxen, der altorientalischen und der assyrischen) dagegen nicht.«24 Heilige sind Christo nachgefolgt. Sie sind nicht sündlos, wohl aber »daß sie im Sinne von 2. Petr. 1,4 ›Teilnehmer an der Göttlichen Natur‹ und im Sinne von 1. Kor. 6,19 ›Tempel des Heiligen Geistes‹ seien.«25

Heilige werden auch in der orthodoxen Kirche nicht angebetet, sondern dem auf die heiligen Gaben und ihre Empfänger hinweisenden Ruf des Priesters – »Das Heilige den Heiligen« – antwortet die Gemeinde mit dem Bekenntnis: »Einer ist heilig, einer der Herr, Jesus Christus …« Heilige haben wie wir alle als nach dem Bild Gottes geschaffenen Menschen die Möglichkeit, in der Nachfolge Christi an der Heiligkeit Gottes zu partizipieren und zu seinem »heiligen Volk« zu gehören (1. Petr. 2,9, vgl. Röm. 1,7; 1. Kor. 1,2).

Die Frage, ob Heilige für evangelische Christen eine Bedeutung haben können, kann nur bejaht werden. Natürlich! Wir glauben an die »Gemeinschaft der Heiligen«. Als die Glieder einer Gemeinschaft, die am Brechen des Brotes und an den Gebeten festhielten (Apg. 4,42), verstehen sich die Christen der Urgemeinde als die Heiligen (Röm. 1,7; 15,25; 1. Kor. 1,2). Der Apostel Paulus erinnert uns daran, Nachahmer der Nachfolger Christi zu sein: »Deshalb ermahne ich euch, meine Nachahmer zu sein, so wie ich ein Nachfolger Christi bin« (1. Kor. 4,16).

Es ist gut, Vorbilder des Glaubens zu haben und deren Biographien zu kennen. Immer mehr Menschen entdecken die Kraft der Wüstenväter und die Erfahrung, dass das Wesentliche in der Gegenwart Gottes liegt.26 Wir sprechen von Jüngern, Aposteln, Propheten, Kirchenvätern, Märtyrern und Menschen, von denen in besonderer Weise Ströme des lebendigen Geistes ausgingen. Sind es nicht solche Zeugen wie Ephraim der Syrer, Johannes Klimakus, Dietrich Bonhoeffer, Florence Nightingale, Johann Hinrich Wichern, Katharina von Siena aber auch Seraphim von Sarow, die wie Leuchttürme das Meer überragten und Menschen durch ihr Lebensbeispiel Mut und Hoffnung gaben? Ja, von Heiligen können wir verschiedenes lernen, denn jeder und jede wurde anders für die Arbeit im »Reich Gottes« gebraucht.

Vom heiligen Seraphim von Sarow können wir lernen, unsere eigentliche Aufgabe wieder zu entdecken: dass Jesus Christus jeden Menschen mit seiner Liebe beschenken will. Das Evangelium sollte für unsere Kirche an erster Stelle stehen: dass Gott uns Menschen annimmt. Dies ist nicht als theologische Formel gemeint, sondern meint mich in meiner ganzen Existenz. Seraphim von Sarow bezeugt diese Botschaft in besonderer Weise in der Seelsorge. Man kann sogar sagen, dass sich das ganze Leben von Seraphim als Vorbereitung auf die letzten acht Jahre verstehen lässt, in denen er sich völlig der Seelsorge und der geistlichen Fürsorge am Nächsten widmete. Von Seraphim von Sarow können wir lernen, wieder das Zentrum unseres Tuns und Lassens in den Blick zu nehmen. »Nicht umsonst las zum Beispiel der große russische Starez, der heilige Seraphim von Sarov (1754-1833), wöchentlich das ganze Neue Testament.«27

Durch das Beispiel und Vorbild Seraphims werden wir in die mystische Tiefe geführt, denn es geht ihm um nichts anderes als um das Wunder der gnadenhaften inneren Führung. Könnte es sein, dass mehr und mehr Menschen eine tiefe Sehnsucht in sich tragen, die mehr ist als bloße Annahme eines dogmatischen Systems? Könnte es sein, dass mehr und mehr Menschen nach Glaubenserfahrungen suchen, die weniger kognitiv über den Verstand, sondern mehr emotional als Ausdruck innerer Erfahrung erlebbar werden?

Während heute viele Menschen Sinnerfüllung gleichbedeutend mit Bedürfnisbefriedigung empfinden, müssen wir uns stets neu fragen lassen und uns in Frage stellen: Habe ich in einer auf materiellen Wohlstand und sozialen Status bedachten Gesellschaft noch anders gerichtete, transzendente Ideale und Ziele, die ich für mich selbst benennen und anderen Menschen aufzeigen kann? Was ist die Mittemeines Glaubens, das, »was mich unbedingt angeht«? Mir ist klar, dass ein gewisser Widerspruch zwischen der Aufgabe als Mönch und dem Einsiedlertum besteht. Jene Lebensart der Abgeschiedenheit und Askese, die Seraphim in besonderer Weise gelebt hat, erscheint uns als fremd, aber sie wurde von Seraphim selbst als absolut sinnvoll und seiner besonderen Geschichte und Berufung als innere Notwendigkeit erachtet. Er war ein Vorbild im Gebetsleben und ein dem Menschen freundlich zugewandter Seelsorger.

Es besteht kein Zweifel: Wir Protestanten finden kaum Zugang zur katholischen Heiligenverehrung, die durch die mittelalterliche Kirche entfaltet und zu einem unterscheidenden Merkmal katholischen Glaubens ausgebaut worden ist. Fürbitte, Wundermacht und Reliquien der früher so verehrten »Nothelfer« und Namenspatrone haben für uns Protestanten keine große Bedeutung. Wenn aber die Heiligen alles aus Christus und nichts ohne ihn sind – könnte dieses Denken nicht dazu beitragen, unsere Bedenken, die ihre verselbstständigte oder neben Christus bestehende »Mittlerschaft« und Fürbitte betreffen, etwas beiseite zu schieben? Gilt nicht auch hier die biblische Weisung: »Prüft aber alles und das Gute behaltet« (1. Thess. 5,21)?

»Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst du? – ich würde antworten: Schaffe Schweigen! Bringe die Menschen zum Schweigen. Gottes Wort kann so nicht gehört werden. Und wenn es unter der Anwendung lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, dass es selbst im Lärm gehört werde, so ist es nicht mehr Gottes Wort. Darum schaffe Schweigen!«(Sören Kierkegaard)

Anmerkungen:

1 Ikonen sind »Fenster zum Himmel«, die sich dem Betrachter öffnen, um ihm den Blick auf die Heiligen der Ostkirche, auf Szenen aus der biblischen Geschichte und vor allem auf Christus und die »Muttergottes« freizugeben. Unabhängig vom jeweiligen Alter oder Thema hat die Ikone eine fast körperlich spürbare Würde. Sie hilft ein tiefes Glaubensgeheimnis intuitiv zu erfassen. Für das orthodoxe Christentum verbürgt die Ikone die Anwesenheit Gottes. Gewöhnlich versteht man jedoch unter einer »Ikone« ein Heiligenbild, dem in der orthodoxen Kirche eine besondere Verehrung zuteil wird. Diese Verehrung gilt jedoch nicht dem Bild als solchem, sondern den auf ihm dargestellten Heiligen. So wurde es durch die Konzilbeschlüsse am Ende des sog. »Bilderstreits« (Ikonoklasmus, 726-843) festgelegt.

2 Martin Tamcke, Im Geist des Ostens leben. Orthodoxe Spiritualität und ihre Aufnahme im Westen. Eine Einführung, Frankfurt/M. und Leipzig 2008, 18 Eine gute Einführung bietet auch Helmut Fischer, Die Ikone. Ursprung, Sinn, Gestalt, Hannover 2001.

3 Die Heiligen. Alle Biographien zum Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet, hg. von Peter Manns, Mainz 1977 (3. Aufl.).

4 Vgl. Wolfgang Hohensee, Aus der Kraft der Stille leben, Gütersloh 2001, und ders., Sieben Wochen für die Seele. Ein spiritueller Fastenbegleiter, Gütersloh 2002.

5 Jörg Zink, Dornen können Rosen tragen. Mystik – Die Zukunft des Christentums, Freiburg i.Br. 2009, 19.

6 Thomas von Mitschke-Collande, Eigentlich müsste Kirche boomen!, in: Gewagte Aufbrüche. Beiträge zum Dialogprozess, hg. von Marcus C. Leitschuh, Kevelaer 2012, 132.

7 Martin Tamcke, Das Orthodoxe Christentum, München, 2., durchgesehene Auflage 2007, 9.

8 Sabine Bobert ist Theologieprofessorin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Seelsorgelehre, alter christlicher spiritueller Traditionen und postmoderner Spiritualität. Die Grundlagen dazu bietet sie in dem Buch: Jesus-Gebet und neue Mystik. Grundlagen einer christlichen Mystagogik, Kiel 2012.

9 »Das sogenannte Herzensgebet oder Jesusgebet ist ein zentrales Element der persönlichen Frömmigkeit. Erwachsen ist diese Übung aus der monastischen Lebenswelt der Antike, auf dem Sinai etwa. Und von dort wanderte sie über die Mönchsrepublik Athos nach Rußland.« (Tamcke, Orthodoxe Christentum, a.a.O., 77)

10 Vgl. Andreas Ebert/Carol Lupu (Hg.) Hesychia. Das Geheimnis des Herzensgebet, München 2012, 166.

11 Georg Wunderle, Zur Psychologie des hesychastischen Gebets, mit einer Einleitung von Altabt Emmanuel Jungclaussen, Würzburg 2007, 81.

12 Erste deutsche Gesamtausgabe: Philokalie der heilgen Väter der Nüchternheit, hg. v. Gregor Hohmann u.a., 6 Bde., Würzburg 2004. Im Jahre 1782 erscheint in Venedig die »Philokalie«, eine umfangreiche Sammlung von Sprüchen und Weisungen von zunächst 28, später dann 38 christlichen Schriftstellern aus dem 4. bis 15. Jh., die der Athosmönch Nikodemus Hagiorites zusammengestellt hatte.

13 Die Ikonostase ist »eine aus Marmor oder Holz konstruierte und mit Ikonen geschmückte Wand, die unter dem Einfluß des Proszeniums des antiken griech. Theaters und des Vorhangs des jüd. Tempels entstand und architektonisch den Altarraum vom Kirchenschiff trennt«. (Anastasios Kallis, Von Adam bis Zölibat. Taschenlexikon Orthodoxe Theologie, Münster, 2008, 143)

14 Archimandrit Irenäus Totzke, Umgang mit den Heiligen – Erfahrungen und Beobachtungen anhand des orthodoxen Stundengebetes, Schriften zur orthodoxen Spiritualität. Förderverein für die Byzantinische Kirche in der Abtei Niederaltaich e.V., Nr. 205, 2007, 9.

15 Tamcke, Orthodoxe Christentum, a.a.O., 68.

16 Totzke, a.a.O., 10f.

17 Isabel Hartmann, Ein Erfahrungsbericht. Mit dem Jesusgebet als Pilgerin unterwegs, in: Ebert/Lupu, Hesychia, a.a.O., 39f.

18 Klaus Kenneth (Hrsg.), Lebensbuch des Seraphim von Sarow. Geistliche Unterweisungen, Aus dem Russischen von Hierodiakon Prokopy, Freiburg (Schweiz) 2011, 17.

19 Markus Loerke, Durchlittene Einsamkeit. Seraphim von Sarow, hrsg. vom Ikonenmuseum Autenried, verlegt vom Slavischen Institut München, München-Autenried 1995, 16.

20 Loerke, a.a.O., 34.

21 Vgl. Loerke, a.a.O, 20.

22 Vgl. ebd., 22.

23 Ebd., 23.

24 Totzke, a.a.O., 2.

25 Ebd., 4.

26 Vgl. das Interview mit Isabel Hartmann, der neuen Theologischen Referentin und stellvertretenden Leiterin des Gemeindekollegs der VELKD: »Ich bin im Rahmen einer Studienzeit drei Monate im Selbstversuch mit dem Herzensgebet unterwegs gewesen. Nicht als Erfahrung, das ist schon lange meine persönliche Praxis, aber diesmal in einer anderen Intensität und Verbindlichkeit. Und eine meiner Erfahrungen, die mich seit dem prägt, ist, dass das Wesentliche in der Gegenwart liegt und damit auch in der Gegenwart Gottes. Das fällt zusammen.« Isabel Hartmann, in: Kirche in Bewegung. Gemeindekolleg der VELKD im Frühjahr 2012, 17.

27 Kallistos Ware/Emmanuel Jungclaussen, Hinführung zum Herzensgebet, Freiburg i.Br. 2004 (10. Aufl.), 113.

Über den Autor

Pastor Wolfgang Hohensee, Jahrgang 1955, Gemeindepastor seit 1993 in der Bugenhagenkirche in Hamburg-Rönneburg, Autor verschiedener Bücher, Mitarbeiter im Vorstand des Pastorenvereins der Nordkirche.

Der heilige Apostel Paulus begegnet vor seiner apostolischen Mission dem HERRN vor Damaskus
Der heilige Apostel Paulus begegnet vor seiner apostolischen Mission dem HERRN vor Damaskus

Der heilige Apostel Paulus verkündige als Erster das Evangelium den griechischen und römischen Heiden. Dadurch wurde er zum Apostel und Vater des Glaubens für viele nichtjüdischen Völker. Dieser, aus dem jüdischen Volk kommende, Apostel besaß ein besonderes Verständnis und Einfühlungsvermögen für die pagane, antike Kultur der Griechen und Römer, die er zum Mittel seiner Verkündigung zu machen wusste.

 

 

Die orthodoxen Kirchen im Spannungsverhältnis zwischen Katholizität und Ethnozentrismus

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Im 19. Jahrhundert überlagerte der sogenannte "nationale Gedanke" das bisherige ekklesiologische Denken in den einzelnen orthodoxen Territorialkirchen, so dass sie sich zunehmend als "Nationalkirchen" zu begreifen begannen, zu deren Aufgaben ebenfalls die Pflege und der Erhalt des national- kulturellen, das heißt vor allem auch, des angestammten sprachlichen Erbes gehört. In diesem Sinne waren die damaligen Orthodoxen durchaus "Kinder ihrer Zeit".  Im Zeitalter des Nationalismus (im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts) versuchten alle europäischen Völker einerseits zur Errichtung homogener Nationalstaaten zu gelangen, das heißt, die dort mitwohnenden Minderheiten soweit und so schnell wie möglich zu assimilieren und andererseits ihre eigenen Minderheiten in anderen Staaten dazu anzuhalten, ihre sprachliches und kulturelles Eigenbewusstsein gegenüber der Mehrheitsbevölkerung zu bewahren.

 

Gab es bis zu dieser Zeit in Konstantinopel zwar eine gewisse Präferenz für die griechische Sprache als dem geeignetsten Vermittlungs- und Kommunikationsorgan für den orthodoxen Glauben und die griechisch geprägte, byzantinische Kirchen- und Lebenskultur, so gab es im christlichen Osten doch immer eine theologisch begründete, praktische Offenheit gegenüber den Volkssprachen als Medium der missionarischen Implementierung der christlich- orthodoxen Glaubensbotschaft. Als Beispiele können hier sowohl die Verwendung des Alt-Kirchen-Slavischen durch die Slawenmissionare Kyrill und Method und später dann deren Schüler in Ochrid bei der Missionierung der Balkan- und Ostslaven, als auch der Pilgerbericht der Egeria aus dem 4. Jahrhundert, der uns vom zweisprachigen (griechischen und aramäischen) Gottesdienst in der Anastasis-Kirche in Jerusalem berichtet, genannt werden. In Gegensatz zu dieser traditionellen ostkirchlichen Offenheit bezüglich des sprachlichen und kulturellen Rahmens, in den der christlich-orthodoxe Glaube implementiert wurde, verbreiten sich vom 17. bis zum 20. Jahrhundert unter den Griechen die Vorstellung, dass das genuin Christlich- Orthodoxe selbstverständlich gleichzeitig auch griechisch geprägt zu sein habe.

 

Diese kirchlich-theologische Entwicklung ging im politischen und kirchenpolitischen Bereich mit der sogenannten "Phanarioten- Herrschaft" im rum- orthodoxen Millet des osmanischen Reiches einher. Kirchlich bedeutete sie eine Dominanz griechischstämmiger Hierarchen und damit verbunden der griechischen Liturgiesprache unter den Orthodoxen der Balkanländer und in den rumänischen Donaufürstentümern vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Auch in den altkirchlichen Patriarchaten des Orients herrschten seit dem 17. Jahrhundert ähnliche Verhältnisse einer personalen, sprachlichen und kulturellen Dominanz des griechischen Elementes. Die nationalen Selbstbestimmungsbewegungen der orthodoxen Balkanvölker wandte sich deshalb gleichermaßen gegen die osmanische Fremdherrschaft wie die griechische kirchliche Dominanz. Seit dem 18. Jahrhundert wurden "nationale Unabhängigkeit" und "Autokephalie" der eigenen, als Volkskirche verstandenen, Ortskirche zu den tragenden Losungen und Deutungsnarrativen der Geschichte und des Selbstverständnisses der orthodoxen Balkanvölker. Als besonders negativ für die Bewahrung eines panorthodoxen Kirchenbewusstseins, dass der jeweilige Ortsbischof der geistliche Vater aller seiner Diözesanen, egal welcher Volks- und Sprachzugehörigkeit zu sein habe, wirkte sich in diesem geistigen Klima des aufkommenden Nationalismus die oft bittere Erinnerung der anderen orthodoxen Balkanvölker an das Verhalten von zumindest mehr als nur einer Minderheit der griechischstämmigen Hierarchen in den orthodoxen Balkanbistümern aus. Denn entweder als Angehörige oder zumindest als Klienten und Parteigänger der unter den Orthodoxen im osmanischen Reich dominanten, griechisch-osmanischen Oberschicht des Phanarviertels in Konstantinopel hatten sie über ein Jahrhundert lang den orthodoxen Kirchenbesitz und die daraus stammenden materiellen Mittel als Pründe zur Finanzierung persönlicher und nationalgriechischer Interessen betrachtet und weidlich genutzt. Als sich das Ökumenische Patriarchat dann gegen den aufkommenden Phyletismus wandte, war die Kirche von Konstantinopel durch diese Vorgeschichte als Stimme der "Griechen" in den Augen vieler Orthodoxer auf dem Balkan kirchlich und moralisch diskreditiert. Das Ökumenische Patriarchat wurde deshalb in der Frage des Phyletismus nicht in seiner panorthodoxen Funktion als wahrer der genuin orthodoxen Ekklesiologie, sondern als bloße Sachwalterin griechischer Eigeninteressen wahrgenommen.

 

Auch im russischen Reich ging die Verkündung des orthodoxen Glaubens unter den nichtrussischen Völkerschaften im Norden und Osten seit dem 15. Jahrhundert oft mit einer Annahme und Angleichung an die russische Kultur einher. Dies kann man sowohl bei den Kareliern und Sami, deren Missionierung von Nowgorod ausging, als auch bei den Mordwinen und Permjaken beobachten. Jedoch erst seit dem Ende des 19. Jahrhundert wurden Verkündigung des orthodoxen Glaubens und die Russifizierung der Nichtrussen als miteinander verbundene grossrussische Staatsziele betrachtet.

 

An der Art der Missionierung der Aleut, Atabasken und Inuit und an der geradezu vielsprachig orientierten orthodoxen Missionsakademie in Kasan und der von ihr ausgehenden Missionierung der sibirischen Völker kann jedoch auch erkannt werden, dass sich weder die ganze russische kirchliche Hierarchie, noch jeder orthodoxe Missionar für diese nationalistischen grossrussischen Ziele instrumentalisieren ließ. Nach dem orthodoxen Symphonia- Modell wirkt die Kirche zwar mit dem Staat zusammen, ist jedoch nicht dessen vom jeweiligen Zeitgeist und dessen Denkkategorien geprägten Ideologie, sondern dem Evangelium und der daraus hervorgehenden orthodoxen Kirchen- und Glaubenslehre verpflichtet. Auch unter den griechischstämmigen Hierarchen, Priestern und Mönchen, die vom 17. bis zum 19. Jahrhundert unter den nichtgriechischen Völkern des Balkan gewirkt haben, lassen sich solche Beispiele von aus echt orthodoxem Geist handelnden Seelsorgern nennen. Als besonders vorbildhafte Beispiele für solchermaßen positiv hervorragende, griechischstämmige Bischöfe in unserer Zeit lassen sich der Erzbischof von Tirana, Durrës und ganz Albanien S. E. Anastasios (Yannoulatos) und der Metropolit von Tallinn und ganz Estland S. E. Stephanos (Charalambides) nennen, die ihrer, sich aus verschiedenen Nationalitäten zusammensetzenden, jeweiligen Herde wahrhaft geistliche Väter sind.

 

Mit der Erlangung der lange herbeigesehnten Eigenstaatlichkeit und durch die Übernahme des modernen, sich von Frankreich her verbreitenden Gedankens des modernen Nationalstaates, verlangten dann im 19. Jahrhundert immer mehr Orthodoxe nach einer nationalkirchlich orientierten Neugliederung ihrer bisher im osmanischen Reich von Konstantinopel aus verwalteten Kirchen. Gleichzeitig mit diesen kirchenorganisatorischen Tendenzen setzen sich auch unter den Theologen der Balkanländer Strömungen durch, die den katholischen (verstanden im Sinne des Sobornost), panorthodoxen Charakter des Orthodoxen Glaubens zunehmend in Frage gestellt. Viele Orthodoxe begriffen am Ende ihr Orthodox-Sein nur noch als historisch- kulturelle, religiöse Ausdrucksform ihrer eigenen Ethnie. Damit kam auch das bis heute gebräuchliche, beschränkte Verständnis des Begriffs "orthodox" in Umlauf. Waren im oströmisch- byzantischen Reich die Begriffe "Christ" (Χριστιανός),  "orthodoxer Christ" (Χριστιανός Ορθόδοξος) und "Orthodoxer" (Ορθόδοξος) synomym und austauschbar gebräuchlich und wurde im osmanischen Reich im Allgemeinen der Begriff "rum- orthodox" als Bezeichnung für alle Christen byzantinisch- rhomäischer Glaubens- und Kulturprägung verwendet, so implizierten die nun aufkommenden national- partikularen Selbstzuschreibungen griechisch-orthodox, russisch-orthodox, serbisch-orthodox, rumänisch-orthodox, bulgarisch- orthodox etc. auch eine theologisch bedeutsame Veränderung. Im Bewusstsein vieler orthodoxer Christen wurde nun die orthodoxe Kirche, also der Leib Christi auf Erden,  gleichsam mit dem jeweils eigenen Volkskörper gleichgesetzt. Diese Zuspitzung und extrem verengende Deutung der Orthodoxie als nationalem Kulturbesitz lief theologisch auf das Aufkommen einer ecclesiologischen Häresie hinaus. Diese wird "Phyletismus" oder "Ethnophyletismus" (griechisch ἔθνος = Volk und φυλή = Stamm) bezeichnet. Häretisch daran ist, dass diese Mentalität und das aus ihr folgende Denken die Katholizität (Sabornost) der Kirche nachhaltig beschädigt und aus dem christlich-orthodoxen Glauben, der alle Menschen zum Heil ruft (vgl.: 1. Timotheus 2:4) eine osteuropäische oder balkanesische "Stammesreligion" macht. Obwohl eine orthodoxe Synode in Konstantinopel im Jahr 1872 den Phyletismus als Häresie verurteilte, setzten sich phyletistische Tendenzen in der Orthodoxie bis heute weiter fort. Sie führen dazu, dass hauptsächlich in der Diaspora voneinander unabhängige, nach Ethnien getrennte orthodoxe Jurisdiktionen auf demselben Territorium nebeneinander her bestehen und auch das kommende orthodoxe Konzil eine kanonisch geordnete, ekklesiologische Neustrukturierung der Jurisdiktionsverhältnisse in der Diaspora nicht vornehmen kann.

 

Jedoch bedeutet dies nicht, dass das orthodoxe Glaubensbekenntnis die Liebe zur Heimat, zum Volk, dem wir durch Geburt angehören, der Sprache, die wir von der Mutter als erstes erlernt haben, unserer angestammten Kultur und Mentalität, negativ beurteilt. Vielmehr sind sie allesamt Geschenke Gottes, eine Gabe, die wir entwickeln und pflegen sollen, damit unser Leben reicher und erfüllter werden kann. Insofern hat die orthodoxe Kirche den Reichtum der Volkskulturen, in denen sich die Annahme des Evangeliums durch die einzelnen Völker wiederspiegelt und ausdrückt, stehts anerkannt und wertgeschätzt. Nur wer sich seiner Kultur bewusst ist, kann auch die Kulturen anderer Menschen wertschätzen. 

 

In Bezug auf das Leben in einer Diaspora-Situation bedeutet dies, das der panorthodoxe, völkerverbindende Charakter unseres christlichen Glaubens nicht beinhaltet, dass wir uns selbst aufgeben und vorauseilend assimilieren müssen. Denn wer sich selbst nur wie ein Chameleon an seine ihn umgebende Umwelt und den herrschenden Zeitgeist anzupassen sucht, zeigt am Ende nur einen Mangel an Würde. Im Grunde offenbart seine Haltung einen Mangel an Selbstwertgefühl, das aber für die echte Wertschätzung des Anderen unabdingbar ist. Wer in seiner "wegwerfenden Haltung" einen solchen Mangel an Charakter zeigt, verdient am Ende auch kein Vertrauen, das für jede Ausübung einer "Vorbildfunktion" unabdingbar ist; weder von seinen bisherigen Landsleuten,  noch von den Menschen des Landes, in dem er nun als Neubürger lebt. Wer sich zu geschmeidig an alles anpasst, wer sein Fähnchen nur nach dem Winde hängt, erntet am Ende ehr Misstrauen als Zustimmung oder gar Bewunderung. Menschen wissen eben auch gern, wofür der andere steht und einsteht. Das schafft Verlässlichkeit und Stabilität.

 

Verlässlichkeit und Stabilität haben ihre Wurzeln in Integrität und Ehrlichkeit. Diese Ehrlichkeit sind wir als Zuwanderer uns selbst und unseren Kindern schuldig, damit unser Leben und seine Grundlagen und Werte nicht "auf Sand aufgebaut" sind. Das für sie persönlich sicherlich schmerzhafte Lebensfazit meiner russischen Großeltern, die als "weiße Emigranten" nach der Oktoberrevolution ihre russische Heimat verließen und ihr Leben in Westeuropa verbracht und dann auch beschlossen haben, würde ich wie folgt charakterisieren: Eine lang andauernde Diaspora verlangt uns am Ende das ehrliche Eingeständnis ab - zunächst vor uns selbst, dann aber auch vor unseren, jeweiligen national gegliederten, Zu- und Einwander-Communities, dass jede Form der Auswanderung immer mit Entfremdungsprozessen gegenüber unseren bisherigen Lebenszusammenhängen und mit Integrationsprozessen gegenüber den Mentalitäts-, Kultur- und Sprachzusammenhängen des Einwanderungslandes verbunden ist. Die Notwendigkeit zur Integration, als Grundvoraussetzung für eine aktive Teilhabe und Mitgestaltung unserer, uns allen gemeinsamen, Gesellschaft ist unverzichtbar und am Ende nicht wirklich ernsthaft diskutierbar. Integration beinhaltet, anders als das selbst gewählte Ghetto als Schutzraum und Fluchtpunkt gefährdeter Identität, aber auch immer die Annahme - oder zumindest die Hinnahme - eines Prozesses der Angleichung. Menschen die in funktionierenden und lebensfähigen Gesellschaften miteinander leben, gleich sich allmählich immer aneinander an. Diese Angleichung mag zwar langsam ablaufen, aber spätestens nach der zweiten bis vierten Generation sind dann aus Zuwanderern sprachlich und kulturell Inländer geworden. Soll mit dieser - am Ende nicht verhinderbaren - sprachlichen und kulturellen Assimilisation an die Aufnahmegesellschaft nicht auch eine kirchlich- religiöse Entfremdung von der orthodoxen kirchlichen Heimat einhergehen, sind die jeweiligen orthodoxen Lokalkirchen in Bezug auf ihren Umgang mit ihrer weltweiten Diaspora gut beraten, diesen Prozess nicht zu behindern, sondern im Gegenteil pastoral zu begleiten. Als Minderheitskirche hat die Orthodoxie sowohl in den mittel- und westeuropäischen Ländern, als auch in Nord- und Südamerika und auf dem australischen Kontinent nur als eine Glaubensgemeinschaft mit missionarischer Strahlkraft und nicht als religiöse Ausdrucksform national fragmentierter und voneinander geschiedener Einwanderer-Ethnien eine Zukunftschance.

 

 

Mission und Proselytismus

 

S. E. Erzbischof Anastasios von Tirana und Ganz Albanien 

 

Die Fragen wurden von Teilnehmern des Syndesmos-Treffens 2001 in St. Maurin, Frankreich an Vladika Anastasios gestellt. 

 

Gibt es einen Unterschied zwischen innerer und äußerer Mission?

 

Der Ausdruck „innere Mission“ ist unter deutschem Einfluss entstanden, und damit haben wir einen leichten Ausweg gefunden, uns selbst davon zu überzeugen, dass wir Missionare sind wenn wir nur intern missionieren. Und doch sagt das Gebot ganz klar: „und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apostelgeschichte 1: 8). Das biblische Verständnis von Mission (ἀποστολὴ) heißt weggehen, heißt zu akzeptieren in einer anderen kulturellen Umgebung zu sein, Fremder zu sein. Wir müssen unterscheiden zwischen der apostolischen Mission und den pastoralen Bemühungen in unseren Gemeinden. Die pastoralen Bemühungen und die Erneuerung des christlichen Lebens sind in der Tat sehr wichtig. In vielen Gesellschaften, in denen nun ein atheistischer Einfluss vorherrscht, müssen wir Zeugnis (μαρτυρία) ablegen und Menschen, die ohne Glauben sind in die Kirche einladen. Aber geistliche Erbauung in der Kirche ist nicht unbedingt Mission. In missionarischer Arbeit geht es um die Berufung, die in die Kirche zu bringen, die außerhalb der Kirche stehen. Anfangs hatten wir eine jugendliche Begeisterung für die Bedeutung des Wortes Mission. Später entdeckten wir, dass dieses Wort abgenutzt ist. Dann entschieden wir lieber das Wort Martyría, „Zeugnis“, zu benutzen und nicht „Mission“. 

 

Wie können wir echte Mission von Proselytismus unterscheiden?

 

Proselytismus benützt alle möglichen Mittel (Geschenke, Nahrung, Geld und andere Vorteile) um das Ziel zu erreichen Anhänger in eine bestimmte religiöse Gemeinschaft zu bringen. Das ist entgegen der Würde des Menschen und des Evangeliums, und ich glaube es ist nicht aufrichtig. Und was weder in der Absicht noch im Handeln aufrichtig ist, kann nicht orthodox sein. Für mich beginnt der Proselytismus da, wo andere Mittel statt des Evangeliums eingesetzt werden um Anhänger zu gewinnen. Wir brauchen uns nicht um Statistiken und Anhänger Sorgen zu machen. Die orthodoxe Martyria muss ein freiwilliges Zeugnis dessen sein, was wir glauben und was wir haben: ein Teilen des Geschenks, das wir erhalten haben. Wenn andere das annehmen ist das gut. Wenn sie es nicht annehmen, ist das ihre eigene Verantwortung. 

 

Ist es unsere Aufgabe andere zur Orthodoxie zu bekehren? 

 

Orthodoxe Mission besteht darin, den Schatz, den wir haben zu geben und den anderen entscheiden zu lassen, ob er ihn nehmen will oder nicht. Wenn der andere der Orthodoxen Kirche beitreten will, werden wir nie „nein“ sagen. Unser Ziel ist, die Überlieferung des Evangeliums in seiner ganzen Fülle weiterzugeben, frei von allem Bestreben jemand zu bekehren. Man kann sich nicht aufdrängen. Du bist da und gibst Zeugnis; du bist eine Kerze, entflammt von der österlichen Freude, und wenn jemand von deiner Flamme nehmen will, dann wirst du ihn natürlich nicht zurückweisen

 

Manchmal denken wir, dass Missionstätigkeit nur dem Klerus zusteht. Ist das richtig?

 

Es ist einfach zu sagen: „Das ist für Mönche oder Priester und weil ich kein Mönch oder Priester bin, habe ich auch keine Verpflichtung etwas dazu zu tun,“ aber das ist ein Fehler. Und hier bestehe ich auf einem theologischen Verständnis von Mission. Jeder, der Teil der Kirche ist, Teil des mystischen Leibes Christi, trägt Verantwortung für die Kirche. Jeder hat eine Berufung und jeder muss im Herzen prüfen, wie diese ausgedrückt oder erfahren werden kann.

 

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Albanien ist Missionsgebiet, wenigstens für uns, die wir nicht von dort stammen. Unter unseren ausgezeichneten Mitarbeitern sind nicht nur Priester, sondern auch Laien. Unser Team ist sehr klein, alles in allem ungefähr zwanzig Leute, die Hälfte davon Laien: Professoren, Lehrer, Krankenschwestern, Verwalter, Katecheten, Übersetzer. Es gibt heutzutage für jeden eine Möglichkeit missionarisch tätig zu sein. Mission ist nicht nur für Priester und Mönche. Sie ist für jeden, aber auch für Priester und Mönche. 

 

Sind örtliche Kulturen Hilfe oder Hindernis bei der Mission? Und wie haben Sie örtliche Kulturen bei Ihrer missionarischen Arbeit erfahren?

 

Das Problem der Kultur ist ein sehr grundsätzliches. Wenn das Evangelium auf eine andere Kultur trifft, ereignen sich drei DingeEinen Teil der Kultur muss man einfach akzeptieren – zum Beispiel die SpracheEinen anderen Teil der Kultur muss man ablehnen – den, der nicht mit dem Evangelium vereinbar ist oder manche Gebräuche, Blutrache oder Traditionen, die Frauen oder anderen Mitgliedern der Gesellschaft nicht die gleiche Würde zuerkennen. Es gibt auch einen dritten Teil, den man umformen muss. Ich kann sagen „taufen“; ihn benutzen und ihm eine andere Bedeutung geben. So geschah es ja auch in der Alten Kirche. Als das Evangelium auf die griechische Kultur traf, fand nicht nur ein einfacher Austausch statt. Griechische Kultur war eine sehr komplexe Wirklichkeit. Wir müssen erkennen, dass andere Kulturen ihre eigene Würde haben, ihr eigenes Interesse, und wir müssen das respektieren.

 

Wir müssen unsere Unwissenheit erkennen und bescheidener sein in unserer Haltung zu anderen. Wir müssen uns an die Art, wie sie ihre Gefühle und ihr Leben ausdrücken gewöhnen und nicht sagen „das ist nicht orthodox!“. Was ist nicht orthodox? Nicht orthodox ist unanständig zu sein, unehrlich, gegen den Willen Gottes zu sein, das ist unorthodox. Kulturen und die Würde anderer zu achten: das ist der Anfang, das ist die orthodoxe Haltung. Dieser Respekt wurde zu byzantinischer Zeit bewiesen, als Kyrill und Method zu den slawischen Völkern gingen. Die russische Kirche hielt sich an diese Tradition als sie zu anderen Völkern ging – und wenn sie diesen Respekt für die Würde anderer bewahrte, war sie erfolgreich. Wenn wir das vergaßen, war der Erfolg unserer Bemühungen recht mager.

 

Werden Leute, die Christus nie kennengelernt haben, aber die Regeln ihrer eigenen Religion fromm befolgen (z.B. gute Muslime) gerettet werden?

 

Das Verständnis der anderen Glaubensrichtungen ist eine äußerst wichtige theologische Frage: Ist Gott in ihnen gegenwärtig? Ich glaube nicht, dass wir diese Frage so schnell beantworten können. Heute sehen wir uns mit zwei großen theologischen Problemen konfrontiert. Das erste ist ekklesiologisch, es ist die schwierige Frage, wie wir die anderen Kirchen sehen.

 

Und das zweite ist das Verständnis der anderen Religionen. Natürlich akzeptieren wir, dass Gott in seiner Vorsehung Anteil an der ganzen Welt nimmt. Es ist für uns nicht klar ersichtlich, wie sich diese Gegenwart ausdrückt. Wir wissen genau, welchem Weg wir, als dem sicheren Weg zum Heil, folgen müssen.

 

Für die anderen haben wir die Verantwortung zu beten und ihnen unser Zeugnis zu geben, aber wir können Ihm nicht das letzte Gericht abnehmen und jetzt sagen wie Er andere richten würde.

 

Und wir müssen etwas bescheidener sein als manche unserer Brüder, die alles über Gott wissen und sich wie von Gott beauftragte Sprecher aufführen: „Gott wird so oder so handeln!“ Wir müssen uns damit abfinden, dass wir das ganze Mysterium Gottes nicht kennen und nicht um Seine unendliche Liebe wissen. Wir müssen ein Verständnis anderer Religionen von einem orthodoxen Gesichtspunkt aus entwickeln. Wir müssen das aus der trinitarischen Perspektive sehen und nicht nur christologisch.

 

In manchen protestantischen Kreisen sieht man das eben nur in christologischer Sicht. Aber in der Orthodoxen Kirche nehmen wir an, dass die Verheißung Gottes sich immer auch auf andere Völker erstreckt hat, auf die ganze Schöpfung. Wir glauben auch, dass der Geist in einer Freiheit wirkt, die wir nicht kennen. 

 

 

Das Mysterion der Myronsalbung und der Übertritt zur heiligen orthodoxen Kirche

 

Die Myronsalbung, das ist die Salbung mit Chrisam, einer Mischung von Olivenöl, Balsam und anderen Essenzen, die am Heiligen und Hohen Donnerstag in jeder autokephalen Kirche geweiht wird. Vollzogen wird die Weihe des heiligen Myron vom jeweiligen Patriarchen oder Ersthierarchen unter Konzelebration seiner Bischöfe.

 

Das Mysterion der Myronsalbung ist aus der Handauflegung nach der Taufe (Apostelgeschichte 8,17; 19,6) entstanden. Der altchristliche Ritus der Salbung mit heiligem Öl nach Empfang des Mysterions der Taufe ist uns ab Ende des zweiten Jahrhunderts bezeugt (vgl.: Theophilus von Antiochien, Ad Autolycum 1:12; Tertullian, De baptismo 7; Origenes, Selecta in Ezech 16). Jedoch setzen 1.Johannes 2:20.27 und 2.Korinther 1:21 diese heilige Salbung bereits voraus. Handauflegung wie Salbung nach der Taufe dienen der Mitteilung des Heiligen Geistes, die schon vom heiligen Apostel Paulus als "Versiegelung" bezeichnet wird (vgl.: 2. Korinther 1:22).

 

Der Begriff der "Versiegelung" greift Vorstellungen aus der jüdischen Eschatologie (Lehre von den Letzten Dingen) auf. In Anlehnung an die Einsetzung des Passah (Exodus 12) wird vom heiligen Propheten Ezechiel eine Vision berichtet (Ezechiel 9:4- 10), in der vom Blutgericht verschont wird, wer vorher mit einem Zeichen (dem heiligen Kreuzeszeichen) an der Stirn markiert worden ist. Entsprechend wird bereits im Urchristentum die "Versiegelung" als Übereignung an den Herrn Jesus Christus (= den Messias, den Gesalbten) und als erlösende Markierung für den Tag des kommenden Endgerichtes verstanden. Im antiken Judentum ist die Beschneidung weithin als "Versiegelung" verstanden worden, was uns auch der heilige Apostel Paulus in Römer 4:11 bezeugt. Damit ergibt sich eine prophetische Typologie zwischen der Versiegelung in der Beschneidung des Alten Bundes und ihrer Erfüllung in der Versiegelung  mit der Gabe des Heiligen Geistes im Neuen Bund. Wie man in Israel aus dem Samen Abrahams geboren wurde und durch die Beschneidung in den alttestamentlichen Bund mit Gott eingetreten ist, so wird der Täufling in der Kirche wiedergeboren durch die heilige Taufe und dann in den Neuen Bund mit Gott aufgenommen durch die "Versiegelung" mit der Gabe des Heiligen Geistes.

 

Die Versiegelung befähigt den Christen als Glied des Gottes Volkes (λαός του θεού) das eucharistische Opfer in der Göttlichen Liturgie als Mitliturg des zelebrierenden Priester darzubringen und die Heilige Kommunion zu empfangen.  Das Mysterion der heiligen  Myronsalbung ist also eine sakramentale Erweiterung des Pfingstereignises, an dem sich der Heilige Geist sich über die heiligen Apostel ergoss. Durch die Myronsalbung wird eine Person zum Laien, zum Mitglied des λαός του θεού, dem Volke Gottes. Denn als Übermittlung der Gabe des Heiligen Geistes vermittelt das Sakrament der heiligen Myronsalbung dem Neugetauften auch das "Priestertum aller Gläubigen", welches als sakramentale Eingliederung in das Volk Gottes, den Leib Christi auf Erden, die heilige Kirche verstanden wird. Bischof Kallistos (Ware) von Diokleia führt dazu aus: “Durch die Myronsalbung wird jedes Kirchenmitglied zum Propheten und nimmt Teil an der königlichen Priesterschaft Christi; so sagt man, dass alle Christen gleichsam, weil sie gesalbt sind, bewusste Zeugen der Wahrheit sind. "Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und wisset alles." (2. Johannes 2:20)” 

 

Für den Vollzug der sakramentalen Mysterien Christi ist dieses Priestertum aller Gläubigen neben dem besonderen apostolischen sakramentalen Weihepriestertum für das Selbstverständnis der orthodoxen Kirche als vom Wirken des heiligen Geist mit apostolischem Leben erfüllter, fortdauernder Leib Christi auf Erden konstitutiv. Deshalb kann der orthodoxe Priester auch nicht ohne das anwesende Volk Gottes, für das er die Mysterien vollzieht und das eucharistische Opfer darbringt, die Göttliche Liturgie feiern. Daher ist auch die heilige Myronsalbung für die Zugehörigkeit zur orthodoxen Kirche unverzichtbar, während die Firmung für die Kirchengliedschaft in der römischen Kirche nicht in gleicher Weise notwendig ist.

 

Die heilige Myronsalbung wird, im Gegensatz zur heiligen Taufe nach einem Abfall vom Glauben bei der Wiederaufnahme in die orthodoxe Kirche wiederholt. Bei Konversionen zur orthodoxen Kirche aus den altorientalischen Kirchen, der römischen Kirche oder aus einer protestantischen Glaubensgemeinschaft, in welcher die Taufe formal korrekt mit der Formel: "Ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geist" vollzogen wird, wird der Aufzunehmende nach den Anordnungen der Synode von Moskau im Jahre 1667, nicht erneut getauft, da es nach Epheser 4:5 nur eine Taufe geben kann. Die Synode von Moskau bezieht sich in ihrer Entscheidung auf die zweiten trullanische Synode, die im Jahre 692 die Beschlüsse des fünften und sechsten Ökumenischen Konzil ergänzte. Danach wird der Konvertit jedoch "kat' oikonomian" durch Spendung der Myronsalbung in die orthodoxe Kirche aufgenommen. Die Klöster auf den heiligen Berg Athos, eine Mehrheit in der griechischen orthodoxen Kirche und bestimmte rigoristisch orientierte Kreise in der übrigen orthodoxen Welt neigen in der Frage der Aufnahme von Konvertiten meist dazu, diese Frage  "kat´akribian" zu entscheiden und eine Taufe des Konvertiten zu verlangen.

 

Seine Allheiligkeit Patriarch Bartholomäuss I. hat über das orthodoxe Verständnis der rechten Anwendung von  Barmherzigkeit und Genauigkeit (Akribia und Oikonomia)  in der orthodoxen Pastoral das Folgendes gesagt: "Der Ökonom verteilt die Güter des Hauses an die Mitglieder richtig und gerecht. Der Kanon (des kirchlichen Gesetzes) ist ein Vorbild für Verhalten und in seinem ursprünglichen Sinn ist er das Instrument zum Messen und Geraderichten. Die kirchliche Ökonomie ist die nützliche Umgehung der genauen Einhaltung des Kanons in einem bestimmten Einzelfall zum besseren Erreichen von höheren Zielen“.

 

Dabei aber wird der Kanon weder ignoriert noch verletzt, sondern durch seelsorgerliche Anpassung an die Bedürfnisse des konkreten Menschen dafür Sorge getragen, dass der getreuen Verwirklichung des Prinzips, wofür der Kanon notwendig ist, besser entsprochen werden kann, als durch eine buchstäbliche Einhaltung des Kanons. Denn so Seine Allheiligkeit: "Durch die genaue (akribia) Einhaltung des Kanons kann das Höhere verletzt werden, nämlich die Menschenfreundlichkeit Gottes, die den Kanon diktiert hat zugunsten der Menschen, ohne die Menschen (zurück) unter das Gesetz zu bringen“.

 

Deshalb betont die orthodoxe Kirche in ihrer Pastoral die Nachsicht (Epikie), die mit mehr Flexibilität und Anpassungsfähigkeit den verschiedenen menschlichen Situationen begegnet. "Die Kirche als der lebendige Leib Christi konnte nicht in der Auffassung des Gesetzes vor der Zeit der Gnade bleiben,“ sagte Seine Allheiligkeit, aber auch: "Die Ökonomie ist kein Vorwand für die Vermeidung der Anwendung des durch Christus geoffenbarten Gesetzes Gottes, das voll Liebe und Menschenfreundlichkeit ist, sondern ein Mittel zu vermeiden, dass dieses vollkommene Gesetz Gottes den Befehlen und Lehren der Menschen unterstellt wird.“

 

Die Orthodoxie leitet also die Ökonomie biblisch ab, und sieht sie in den Heilungstaten Jesu am Sabbat oder bereits in der Absicht des heiligen Josef, seine schwangere Braut nicht zu verstoßen, vorabgebildet. Sie ist "keine willkürliche Missachtung der Dogmen, der gesetzlichen Verordnungen und der Kanones der Kirche, sondern ein dynamisches und außerordentliches Heilsmittel“. "Die Oikonomia ist in der Kirche ihr aus der Tradition abgeleitetes Vorrecht, wobei ihre Klugheit, Weisheit, pastorale Offenheit und ihre Vollmacht, Rücksicht zu nehmen, wo immer es angeht, voll zum Ausdruck kommen, auf dass das Werk der Erlösung des Menschen auf Erden zur Vollendung gelange und am jüngsten Tag alles in Christus versöhnt werde.“

 

Das Prinzip der Ökonomie bei der Aufnahme von Konvertiten in die orthodoxe Kirche durch Myronsalbung setzt voraus, dass durch die Versiegelung mit dem Heiligen Geist die außerhalb der orthodoxen Kirche formal gespendete Taufe geistlich belebt wird.

 

Zur vertiefenden Lektüre:

 

Priester Alexej Veselov; Konversion zur Orthodoxie, Die Aufnahme von westlichen Christen in die Orthodoxe Kirche - Theologie und Geschichte, Reihe: Forum Orthodoxe Theologie, Band 15.

 

zusammengestellt von Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Aufnahme von Konvertiten

 

Die Modalitäten der Aufnahme nicht-orthodoxer, getaufter Christen in die orthodoxe Kirche variieren, bestimmt vor allem durch die Erfahrung der orthodoxen Kirchen in der Begegnung mit den anderen Kirchen. Die letzte panorthodoxe Entscheidung darüber traf eine Große Synode, die 1484 unter Teilnahme der orthodoxen Patriarchen in Konstantinopel zusammengekommen war. Diese Synode, die sich selbst als ökumenisch ansah, verwarf die Florentiner Unionssynode (1438/39) und entwarf eine Ordnung der Aufnahme römischer Christen, nach der „die Lateiner, die in die Orthodoxie kommen, durch Myron gesalbt werden und eine Erklärung (Libellus) des Glaubens ablegen und den lateinischen Dogmen und Bräuchen, die dem Glauben fremd sind, abschwören“ (bei I. Karmiris, Die Dogmatischen und Symbolischen Dokumente der Orthodoxen katholischen Kirche [griech.], Bd. II, Athen 1953, 982). Auf diese Vorlage, die inzwischen für getaufte Christen auch anderer Kirchen angewandt wird, geht die im Anhang leicht variiert aufgenommene Gottesdienstordnung zurück, die der Erzbischof von Athen Chrysostomos Papadopoulos entworfen hat und die 1932 von der Kirche Griechenlands approbiert wurde.

 

Erzpriester Alexei Maltzew verweist in seinen Übersetzungen der orthodoxen Gottesdienstbücher auf die in der russischen orthodoxen Kirche weithin geübte Praxis, sich bei der Aufnahme von römischen Konvertiten auf die Abschwörung aller Irrtümer, Beichte und Kommunion zu beschränkt, während sie Protestanten mit dem heiligen Myron salbt. (vgl.: Erzpriester Alexei Maltzew; Die Sacramente der Orthodox-Katholischen Kirche des Morgenlandes, Berlin 1898)

 

Die griechische Gottesdienstordnung ist zu finden:

 

http://www.andreas-bote.de/download/08_51_Aufnahme_in_die_OK_A5_farbig.pdf

 

Die russische Gottesdienstordnung ist zu finden:

 

http://www.orthodoxia.de/Aufnahme.htm

 

 

Aufnahme in die orthodoxe Kirche

für einen getauften Christen

 

Der im Namen der Heiligen Dreieinheit – des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes – getaufte Christ, kommt zum Bischof oder Priester, der den Kommenden prüfen möge, wie er die Lehre der orthodoxen Kirche versteht.

 

Nach erfolgter Prüfung und Unterweisung heißt er ihn seine Sünden, deren er sich von seiner Jugend an erinnert, beichten. Die Absolution erteilt er ihm aber nicht. Zur Zeit der Vereinigung stellt er ihn vor den Eingang der Kirche. Der Bischof, bekleidet mit dem Mandyas, Epitrachilion, Omophorion und der Mitra, oder der Priester, bekleidet mit Epitrachilion und Phelonion, stellt sich nahe an die Türen der Kirche, und segnet den, der da wünscht, ein orthodoxer Christ zu sein, indem er spricht: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

 

Diakon: Lasset uns beten zu dem Herrn. Chor: Herr, erbarme Dich.

 

Der Priester legt seine Hand auf das gebeugte Haupt des Aufzunehmenden und betet: In Deinem Namen, Herr Gott der Wahrheit, und im Namen Deines eingeborenen Sohnes und deines Heiligen Geistes schaue herab auf Deinen Diener (Deine Dienerin) N. N., der (die) gewürdigt wurde, sich zu flüchten zu Deiner Heiligen Orthodoxen Kirche und unter dem Schutz ihrer Flügel bewahrt zu werden. Entferne von ihm (ihr) jene alte Überlistung und erfülle ihn (sie) mit dem wahren Glauben an Dich, mit Hoffnung auf Dich und mit Liebe zu Dir. Gib ihm (ihr), in allen Deinen Geboten zu wandeln und, was dir wohlgefällt, zu erfüllen. Denn, wo dies der Mensch tun wird, wird er darin sein Leben finden. Schreib ihn (sie) ein in das Buch Deines Lebens und vereinige ihn (sie) mit der Herde Deines Erbes. 

 

Verherrlicht werde Dein heiliger Name an ihm (ihr) und der Name Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, und Deines lebendigmachenden Geistes. Es seien Deine Augen in Gnade auf ihn (sie) gerichtet immerdar, und deine Ohren, zu hören die Stimme seines (ihres) Flehens. Laß ihn (sie) Freude finden an den Werken seiner (ihrer) Hände, damit er (sie) Dir danke, anbete und verherrliche Deinen großen und allerhöchsten Namen und dich lobe immerdar an allen Tagen seines (ihres) Lebens. Denn Dich besingen alle Kräfte des Himmels, und Dein ist die Herrlichkeit, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.

 

Der Priester fragt: Willst Du Dich vereinigen mit der heiligen, orthodoxen, katholischen und apostolischen Kirche?

 

Der Konvertit antwortet: Ich will es von meinem ganzen Herzen.

 

Priester: Glaubst du, und wie glaubst du an Den Einen, in der Dreieinheit verherrlichten Gott, und betest du Ihn als König und Gott an?

 

Konvertit: Ich glaube an den Einen, in der Dreieinheit verherrlichten Gott, den Vater, und den Sohn, und den Heiligen Geist, und bete Ihn an.

 

Danach macht der Konvertit eine große Verbeugung und spricht das orthodoxe Glaubensbekenntnis:

 

Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allherrscher, den Schöpfer des Himmels und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren. Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes einziggezeugten Sohn, den aus dem Vater Gezeugten vor allen Zeiten, Licht vom Lichte, wahren Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, den dem Vater Wesensgleichen, durch den alles geworden ist, den um uns Menschen und unserer Errettung willen von den Himmeln Herabgestiegenen und Fleischgewordenen aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und Menschgewordenen, den für uns unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, der gelitten hat und begraben wurde, den am dritten Tage Auferstandenen gemäß den Schriften, den in die Himmel Hinaufgestiegenen und zur Rechten des Vaters Sitzenden, den mit Herrlichkeit Wiederkommenden , zu richten Lebende und Tote, dessen Reich kein Ende haben wird. Und an den Heiligen Geist, den Herrn, den Lebensschaffenden, den aus dem Vater Hervorgehenden, den mit dem Vater und dem Sohne Angebeteten und Verherrlichten, der gesprochen hat durch die Propheten. An die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche. Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Ich erwarte die Auferstehung der Toten, und das Leben in der künftigen Welt. Amen.

 

Priester: Gelobt sei Gott, der jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt.

 

Darauf spricht er: Sage uns, was du meinst in Betreff der übrigen Dogmen, Überlieferungen und Satzungen unserer orthodoxen Kirche.

 

Der Konvertit antwortet: Die auf den sieben heiligen ökumenischen und den provinzialen Konzilen festgestellten apostolischen Überlieferungen, kirchlichen Kanones und übrigen Satzungen und Bestimmungen der Orthodoxen Kirche nehme ich an und bekenne ich; ebenso will ich die heilige Schrift in dem Sinne, wie sie die heilige Orthodoxe Kirche, unsere Mutter, verstand und versteht, annehmen und verstehen. Ich glaube und bekenne, daß es sieben Sakramente des Neuen Bundes gibt, nämlich: Taufe, Myronsalbung, Eucharistie, Buße, Priesterweihe, Ehe und Krankensalbung, die von Christus dem Herrn und von seiner Kirche eingesetzt sind, damit durch ihre Wirkung und ihren Empfang übernatürliche Gnaden erlagt werden. Ich glaube und bekenne, daß in der Göttlichen Liturgie unter den geheimnisvollen Gestalten des Brotes und Weines die Gläubigen teilnehmen an dem Leibe und Blute unseres Herrn Jesus Christus zur Vergebung der Sünden und zum ewigen Leben. Ich glaube und bekenne, daß es sich gebührt, die mit Christus im Himmel herrschenden Heiligen nach dem Sinne der heiligen orthodoxen Kirche zu verehren und anzurufen, und daß ihre Gebete und Fürbitten zu unseren Heile vor dem barmherzigen Gott wirken. Desgleichen ist es Gott wohlgefällig, ihre Reliquien als unschätzbare Überreste ihrer Tugend zu verehren. Ich erkenne an, daß es sich gebührt, die Ikonen Christi, des Erlösers und der immerwährenden Jungfrau Maria und der übrigen Heiligen zu haben und zu verehren, nicht um sie zu vergöttern, sondern damit wir, sie beschauend, angeeifert werden zur Frömmigkeit und zur Nachahmung der durch die heiligen Bilder anschaulich gemachten gerechten Taten. Ich bekenne, daß die von den Gläubigen zu Gott emporgesandten Gebete für die im Glauben dahingeschiedenen Seelen von der Barmherzigkeit Gottes zu ihrem Heile wohlgefällig aufgenommen werden. Ich glaube und bekenne, daß von Christus dem Erlöser der Orthodoxen Katholischen Kirche die Macht gegeben worden ist, zu binden und zu lösen, und daß, was durch diese Macht gebunden oder gelöst wird auf Erden, das auch im Himmel gebunden oder gelöst werde. Ich glaube und bekenne, daß der heiligen Orthodoxen Katholischen Kirche Grundlage, Haupt und oberster Hohepriester und Oberhirte unser Herr Jesus Christus ist, von dem die Hohenpriester, Hirten und Lehrer zur Leitung der Kirche eingesetzt sind, und daß dieser heiligen Kirche Lenker und Führer der Heilige Geist ist. Diese Kirche bekenne ich als die Braut Christi, und glaube, daß in ihr das wahre Heil ist. Den Bischöfen, als den Hirten der Heiligen Orthodoxen Kirche, und den von ihnen eingesetzten Priestern verspreche ich wahren Gehorsam zu leisten bis zum Ende meines Lebens.

 

Darauf gibt der Vorsteher dem zu Vereinigenden den Rand des Omophorions, wenn er Bischof ist, oder den Rand des Epitrachilions, wenn er Priester ist, und spricht: Gehe ein in die Orthodoxe Kirche, und nachdem du gänzlich verworfen hast die Irrtümer, in denen du bis jetzt warst, ehre Den Vater, Den Allherrscher, Seinen Sohn Jesus Christus und Den Heiligen Geist, Der vom Vater ausgeht, die einwesentliche und unzertrennliche Dreieinheit.

 

So ihn einführend, stellt ihn der Priester vor den Ambon, vor welchem ein Tisch steht, auf dem das Evangelium und das Kreuz liegen. Hierbei wird der Psalm 66 gelesen:

 

Gott sei uns gnädig und segne uns; er lasse leuchten sein Angesicht über uns und erbarme sich unser! Daß man erkenne auf Erden Deinen Weg, unter allen Völkern Dein Heil. Preisen mögen dich die Völker, o Gott, preisen Dich alle Völker! Es mögen sich freuen und jubeln die Völker; denn Du richtest die Völker in Gerechtigkeit, und lenkest die Herden auf Erden! Preisen mögen Dich die Völker, o Gott, preisen Dich alle Völker! Die Erde wird geben ihre Frucht. Es segne uns Gott, unser Gott, es segne uns Gott; und fürchten mögen ihn alle Enden der Erde!

 

Darauf kniet der zur Vereinigung Kommende nieder. Nun spricht der Priester folgende Verse:

 

Sende Deinen Geist aus und sie werden erschaffen werden, und Du wirst erneuern das Angesicht der Erde. Die Frevler werden zu Gerechten und die steilen Wege werden zu Ebenen. Erlöse Deinen Diener, mein Gott, der auf Dich hofft. Herr, sei ihm (ihr) eine Säule der Stärke im Angesichte der Feinde. Auf daß der Feind gegen ihn nichts vermöge, und der Sohn der Bosheit nicht vermöge, ihn zu kränken. — Herr, erhöre mein Gebet, und laß mein Rufen zu Dir kommen!

 

Diakon: Lasset uns beten zu dem Herrn. Chor: Herr, erbarme Dich.

 

Und der Bischof oder Priester liest das Gebet: Herr, allmächtiger Gott, allein Heiliger, der Du in den Heiligen ruhest, der Du ob Deiner großen unergründlichen Liebe zu den Menschen ihnen den rechten Weg zur Erkenntnis Deiner, als des allein Wahren in der Dreieinheit verherrlichten und angebeteten Gottes zeigst, auf daß nicht ein einziger von ihnen zu Grunde gehe, sondern alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Wir danken Dir, loben und preisen Dich, daß Du auch jetzt dem Herzen dieses Deines Dieners (dieser Deiner Dienerin) das Licht der Erkenntnis Deiner Wahrheit hast strahlen lassen, und ihn (sie) gewürdigt hast, zu Deiner Heiligen Apostolischen Orthodoxen Katholischen Kirche seine (ihre) Zuflucht zu nehmen; gib ihm (ihr), wir bitten Dich demütig, sich mit Deiner Heiligen Katholischen Kirche ohne Heuchelei, unwiderruflich und untrüglich zu vereinigen, zähle ihn (sie) Deiner auserwählten Herde zu und vereinige ihn (sie) mit dem Leibe Deiner Heiligen Kirche; mache ihn (sie) zum kostbaren Gefäß und zur Wohnstätte Deines Heiligen Geistes, auf daß er (sie), durch denselben immerdar belehrt, deine heilsamen Gebote bewahre, und Deinen guten, wohlgefälligen und vollkommenen Willen tuend, würdig befunden werde des Empfanges Deiner himmlischen Güter mit allen, die Dir Wohlgefallen haben, denn Du bist der Gott der Gnade, Barmherzigkeit und Menschenliebe, und willst, daß alle Menschen errettet werden und Dir senden wir den Lobpreis empor, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Chor: Amen.

 

Nach diesem Gebet erhebt sich der zur Vereinigung Gekommene. Dabei spricht der Priester: Stehe würdig, stehe mit Ehrfurcht, und bekräftige das von dir gegebene Versprechen vor dem Evangelium und dem heiligen Kreuze des Erlösers.

 

Darauf antwortet der Konvertit und spricht: Ich werde mich bemühen, den Orthodoxen Katholischen Glauben, den ich jetzt freiwillig bekenne, ganz und unversehrt bis zu meinem letzten Atemzuge mit Gottes Hilfe standhaft zu halten, und die Pflichten desselben fleißig und fröhlich zu erfüllen, indem ich nach Kräften mein Herz in Reinheit bewahre. Zur Bekräftigung dieses meines Versprechens küsse ich die Worte und das Kreuz meines Erlösers. Amen.

 

Nachdem der Konvertit das heilige Evangelium und das Kreuz geküßt hat, sagt der Priester: Gelobt sei Gott, Der da will, daß alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, Der da gelobt ist in Ewigkeit. Chor: Amen.

 

Priester: Beuge deine Knie vor Gott, dem Herrn, Den du bekannt hast, und du wirst die Vergebung deiner Sünden empfangen!

 

Der Konvertit kniet nieder. Danach erteilt der Priester ihm die Absolution, indem er spricht: Unser Herr und Gott Jesus Christus, Der die Schlüssel des Himmelreiches Seinen Aposteln eingehändigt und alle Macht ihnen gegeben hat, durch Seine Gnade die Menschen auf Erden zu binden und zu lösen von den Sünden, Er selbst vergebe dir und löse dich um Seines unaussprechlichen Erbarmens willen. Und ich, mit Seiner allgewaltigen, durch Seine heiligen Apostel und ihre Nachfolger mir, wenn auch unwürdigen Bischof (oder Priester), gegebenen Macht, vergebe dir und spreche dich los, mein Kind N. N., von allen deinen Sünden, und vereinige dich mit der Gemeinschaft der Gläubigen und mit dem Leibe der Kirche und mache dich teilhaft der göttlichen Sakramente im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Darauf spricht der Priester, sich zum Konvertiten wendend: Steh auf, und als gläubiger Diener Jesu Christi bete mit uns zu ihm, auf daß er dich würdige, durch die Salbung mit dem heiligen Myron die Gnade des Heiligen Geistes zu empfangen!

 

Darauf folgt der Gottesdienst nach der Ordnung zur Spendung des heiligen Mysteriums der Myronsalbung.

 

 

Quelle: Übersetzung des Euchologions von Erzpriester Alexej Maltzew.

 

 

Konversionen zur Orthodoxie

 

Im Laufe dieses und des vergangenen Jahrhunderts wurde die Orthodoxe Kirche durch Emigrations- und Migrationsbewegungen von einer im Osten beheimateten Kirche zu einer Kirche in Ost und West. Heute finden sich in jeder größeren Stadt der westlichen Hemisphäre orthodoxe Kirchen und ihre Pfarrgemeinden. Orthodoxe Gottesdienste werden heute nicht nur auf griechisch, rumänisch oder kirchenslawisch, sondern inzwischen auch in jeder westlichen Sprache gefeiert. 

 

Als sich zu Ende des 19. Jahrhunderts der kaiserlich- russischen Botschaftsgeistliche Erzpriester Alexei Maltzew und seinen Schüler Priester Vassili Goeken daran machten, orthodoxe Liturgie- und Gebetstexte ins Deutsche zu übersetzen und in Berlin und Potsdam begannen, erstmals orthodoxe Gottesdienste in deutscher Sprache zu halten streuten sie eine geistliche Saat aus, die bis heute in den Herzen verschiedener Menschen Wurzeln schlug.

 

Die Konversion zur Orthodoxie ist im westlichen Kontext aber immer das Ergebnis einer persönlichen Suche und Hinwendung geblieben. Sie ist Wirken der Gnadengaben des Heiligen Geistes. Die Gläubigen, die sich vom abendländisch geprägten Christentum der Orthodoxie zuwenden, können ihrerseits wiederum alle Orthodoxen mit der oft sehr persönlichen Geschichte ihres  Glaubensweges bereichern und uns alle zu einem umfassenderen Verständnis des heiligen Mysterions der Kirche führen. Denn für jede persönliche Hinwendung zum orthodoxen Glauben und zur Kirche Christi gibt es am Ende neben persönlich-biographischen auch sachliche und  theologische Gründe. Sie sollen hier von der Betroffenen selbst dargestellt und geschildert werden:

 

Karl Christian Felmy studierte evangelische Theologie in Münster und Heidelberg.  Nach seiner Ordination zum evangelischen Geistlichen war er Referent für Orthodoxie am kirchlichen Außenamt der EKD  und anschließend Assistent am Lehrstuhl für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens in Erlangen. Nach einer Zwischenstation als evangelischer Pfarrer in Fürth war er dann ab 1982 Professor für Konfessionskunde in Heidelberg. Seit  1985 war er Professor für Geschichte und Theologie des christlichen Ostens an der Universität in Erlangen. Im Jahre 20007 konvertierte er zur orthodoxen Kirche. Vater Vasili dient als Diakon in der russischen Gemeinde in Nürnberg.

 

Mein Weg zur Orthodoxie. Vortrag von Vater Vasili (Prof. Dr. Karl Christian) Felmy in der deutschsprachigen orthodoxen Gemeinde des Heiligen Isidor in Berlin. (09.12.2012)

 

 

Eine offene und einladende Orthodoxie.

Zum Zeugnis und Dienst der orthodoxen Kirche

Vater Heikki Huttunen

Priester der Orthodoxen Kirche in Finnland

 

Eine Geschichte aus den Aussprüchen der Wüstenväter (Apophthegmata Patrum) gibt uns ein Beispiel, wie wir uns nichtorthodoxen Christen gegenüber verhalten sollen. Zu einem Altvater, der für sein Leben im Gebet und seine Orthodoxie bekannt war, kam einst ein Häretiker. Es war ein manichäischer Priester, der um einen Becher Wasser und Unterkunft bat. Der Altvater empfing ihn mit großer Gastfreundlichkeit und Offenheit: er lud ihn ein an seinem Mahl teilzunehmen und bot ihm einen Platz für die Übernachtung an. Die jüngeren Mönche der Gemeinschaft kritisierten den Altvater für seine Offenheit gegenüber dem Häretiker, aber er antwortete ihnen, dass es seine Pflicht sei offen zu sein und alle Menschen ohne Unterschied willkommen zu heißen. Die Geschichte erzählt weiter, dass der Manichäer seinen Weg zurück zum orthodoxen Glauben und zur Kirche gefunden habe.

 

Der orthodoxe Glaube als Einladung

 

Wenn wir uns orthodoxe Christen nennen, dann meinen wir damit, dass wir den „ὀρθός δόξα“ einhalten, d.h. die ursprüngliche Art und Weise, Gott zu verherrlichen. Wir wollen treu sein dem christlichen Glauben der Apostel und der Theologie und Spiritualität der Väter und Mütter der Kirche. Auf unserem persönlichen geistlichen Lebensweg wollen wir Christus folgen und wir wissen, dass das möglich ist, zusammen mit den Heiligen, die uns auf diesem Weg vorausgegangen sind und den Vätern, Müttern, Brüder und Schwestern, die uns heute begleiten.

 

Das Nizano-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis ist einer der zentralsten Äußerungen unseres orthodoxen Glaubens. In ihm erklären wir, dass wir an die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche glauben. Wir entdecken diese Kirche jeden Sonntag in der Göttlichen Liturgie unserer Heimatgemeinde. Wenn wir die Liturgie zusammen mit den anderen dort Versammelten feiern und die Heilige Kommunion empfangen, werden wir die Kirche. Die Kirche ist der Leib Christi und in ihm werden wir Glieder einander. Kurz vor der Brotbrechung für die Kommunion erhebt es der Priester und sagt: „Das Heilige den Heiligen.“ Als Glieder der Kirche sind wir aufgefordert, heilig zu werden und zu sein. Wir sind mit allen vereint, die an derselben Kommunion teilhaben, an allen Orten, wo dieselbe Liturgie gefeiert wird und mit allen Heiligen, die in der Himmlischen Liturgie singen. Durch den Dienst der Bischöfe sind wir ganz konkret vereint mit all den anderen Ortsgemeinden und -kirchen, die mit uns den orthodoxen Glauben gemeinsam haben und die orthodoxe Liturgie feiern. Da die Kirche immer für jede Stadt und für jedes Land betet, sind wir in der Liturgie durch die Fürbitten auch mit der ganzen Menschheit und Gottes ganzer Welt verbunden. So also ist die Kirche katholisch– allgemein und ganz und allumfassend.

 

Der Auftrag der Kirche ist Zeugnis abzulegen und in der Welt zu dienen, damit alle Menschen ihren Weg zu Freiheit und Hoffnung finden, die durch das Kreuz und die Auferstehung Christi gewahrt werden. Alle Menschen sind Kinder Gottes und zum Licht Christi gerufen, ungeachtet ihrer Nationalität oder ihres kulturellen oder religiösen Hintergrunds. Von Christus haben wir diesen Auftrag erhalten, Apostel der Apostolischen Kirche zu werden. Dieser Auftrag und Dienst entspringt der Erfahrung und der Überzeugung, dass Gott Liebe ist.

 

„Gott ist mit uns.“ Dies ist die Grundsatzerklärung des orthodoxen Glaubens. Gott wurde Mensch, einer von uns. Er teilte unser Leben so vollkommen, dass er mit uns und für uns starb. Der allmächtige Schöpfer, der Pantokrator, wurde eins mit seinen Geschöpfen, schwach und verletzlich, und das Opfer von Ungerechtigkeit und Gewalt. Dieses Paradox des christlichen Glaubens ist der Anfang des Sieges über Sünde und Tod. Dieser Glaube an einen demütigen Gott, der sich uns als „Abba – Vater“ offenbarte, öffnet uns die Augen. Er spricht uns von Liebe und Vergebung, von Hoffnung und neuen Möglichkeiten. Er bietet uns den Segen der Metanoia, Reue und Erneuerung der Gedanken und des Lebens, und dass der Segen immer größer und tiefer ist als wir uns je vorstellen konnten. Wenn wir lernen zu lieben, werden wir erfahren, dass die Furcht zerrinnt. 

 

Wenn Gott uns fern bleibt, könnten wir ihn als einen weitentfernten Beobachter sehen, der hauptsachlich daran interessiert ist, wie wir den Regeln und moralischen Prinzipien folgen. Oft führt ein solches Gottesbild zu der Folgerung, dass das Heil nur „uns“ gehört, die wir Gottes Willen kennen – vielleicht sogar besser als Er Selbst – und alle „anderen“ Außenseiter sind und verdammt. Ein ferner Gott muss durch menschliche Autorität, die uns naher ist repräsentiert werden, durch „Gurus“ oder selbsternannte „Väter“. Im schlimmsten Fall nehmen sie in einer religiösen Gemeinschaft den Platz Gottes ein. In einer solchen Situation ist nicht mehr viel Platz für Liebe und Hoffnung. Ein ferner Gott und seine autoritären Vertreter auf Erden haben nicht mehr viel zu tun mit dem Ruf zu Freiheit und geistlichem Wachstum, die uns durch den orthodoxen Glauben geschenkt werden. 

 

Unser orthodoxer Glaube ruft uns auf, die Heiligkeit der Einen Kirche zu entdecken und uns bewusst zu werden, was es für unser Leben heißt, dass diese Kirche, und damit auch wir als ihre Glieder, bestimmt sind katholisch und apostolisch zu sein. 

 

Als gläubige Glieder in der Orthodoxen Kirche haben wir die Gelegenheit dieses Erbe zu unserem eigenen zu machen. Wir können die geistlichen Reichtümer unserer Kirche kennenlernen – die Kunst des Betens, die gesungene Theologie in unseren Gottesdiensten, die Wechselwirkung von Glaube und Wissen in den Gedanken der Kirchenväter, den ganzheitlichen und ausgewogenen Lebensstil der orthodoxen Familien und der Klöster.

 

Die Herausforderung ist, das Gebet zum Rhythmus des Lebens werden zu lassen, die Heilige Tradition in die Sprache des Alltags zu übertragen. 

 

Christentum war nie eine Frage der Meinung; es konkurriert nicht mit Philosophien und Ideologien. Es ist auch nicht unser persönliches Eigentum, das wir nach unserem Belieben ge- oder verbrauchen, aber sonst verborgen halten und vergessen. Es ist nicht etwas was wir haben, sondern vielmehr eine Aufforderung zu spirituellem Wachstum. Orthodoxes Christentum ist eine Lebensweise, „der Weg“, wie es die frühen Christen nannten. Orthodoxie ist dazu bestimmt, Orthopraxie zu werden.

 

Wir und die anderen

 

Viele von uns leben in der sogenannten „Diaspora“ – also in Ländern, in denen die Orthodoxe Kirche relativ neu ist und nur eine kleine Minderheit unter anderen Christen und Menschen anderer Glaubensrichtungen oder unter Glaubenslosen darstellt. Auch unseren traditionell orthodoxen Mutterländern sollte es bewusst werden, dass die Tage einer allumfassenden orthodoxen Kultur der Mehrheit vorüber und die Menschen, die am Leben der Kirche teilnehmen tatsachlich in der Minderheit sind. Wir sollten uns nicht beklagen: in die Lage einer Minorität in dieser säkularen Zeit hat uns Gott gestellt. Es ist notwendig, dass wir unsere Länder und Kulturen, und die Menschen, mit denen wir sie teilen, lieben, damit wir fähig werden, ihnen als orthodoxe Christen etwas zu geben – Zeugnis abzulegen und zu dienen. Wenn wir unseren orthodoxen Glauben Ernst nehmen, können wir uns nicht von anderen Menschen isolieren oder uns nicht für sie interessieren. Unsere byzantinische Tradition schließt auch eine offene Haltung zur Welt und zu anderen Menschen mit ein. Es scheint mir, dass wir oft weit entfernt von dieser Offenheit sind.

 

Es gibt viele, die den Glauben an Christus mit uns gemeinsam haben und ihm folgen wollen, aber nicht zur Orthodoxen Kirche gehören. Wir wissen: Es ist gegen den Willen Christi, dass seine Jünger gespalten sind. Getrennte und streitende Christen können nicht Gottes Liebe bezeugen. Christen haben einander schon viele Wunden geschlagen; viel Unrecht und viele Verfolgungen sind von Christen anderen Christen angetan worden. Die orthodoxen Christen haben vielfach unter den Händen ihrer westlichen Brüder gelitten. Aber auch die Orthodoxen sind ähnlicher Haltungen gegen andere schuldig. Wir haben zugelassen, dass unser orthodoxer Glaube ausgebeutet und trivialisiert wurde durch Nationalismus und politische Ideologien. Wir brauchen ernsthafte Vergebung und Versöhnung unter den Christen. Unser orthodoxer Glaube selbst fordert uns auf, das Feindbild, das wir vielleicht aus der Geschichte ererbt haben oder uns einbilden zu überwinden.

 

Die grundsätzliche Frage unseres ökumenischen Engagements ist, ob wir fähig sind unsere nichtorthodoxen Brüder und Schwestern als Jünger Christi zu sehen. Wenn wir die Grundstrukturen unseres eigenen orthodoxen Glaubens in den evangelischen und katholischen Christen, denen wir begegnen, erkennen können, sind wir gezwungen durch den Willen Christi, Einheit mit ihnen zu suchen, und ökumenische Begegnung und Dialog ist möglich. Auf diese Art gehört ökumenisch-eingestellt- sein zum Bereich meiner Treue zu Christus. Ökumene ist eine Sache der Überzeugung, nicht der Kirchendiplomatie oder des Feilschens über den Glauben.

 

Die Orthodoxen in der Ökumenischen Bewegung

 

Die Heiligen Väter der Orthodoxen Kirchen waren durch alle Jahrhunderte eifrig bemüht die Spaltung zwischen den Christen zu heilen. Sie haben sich in theologischem Dialog und Argumentationen bemüht den Unterschied zwischen einer Häresie und einer Meinungsverschiedenheit festzustellen. Sie haben Schönheit und Wahrheit in der Spiritualität anderer Christen trotz der theologischen Kontroverse gesehen. Sie waren bereit zu Zwischenlösungen zum Zweck die Einheit der Kirche wieder herzustellen. Auf der gleichen Linie mit dieser Sorge um die Einheit der Christen hat sich das Ökumenische Patriarchat seit dem 19. Jahrhundert an der ökumenischen Bewegung beteiligt. Eines der frühen wichtigen Ereignisse in dieser Bewegung war die Versammlung der Internationalen Vereinigung Christlicher Studenten in Konstantinopel im Jahre 1911. Im Jahre 1920 sandte der Ökumenische Patriarch ein Schreiben an „alle Kirchen Christi überall“ und schlug darin die Gründung eines internationalen Kirchenrates vor. Diese Idee wurde verwirklicht als der Weltkirchenrat im Jahre 1948 gegründet wurde. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts trugen mehrere russische Theologen, die an der patristischen Erneuerung der orthodoxen Theologie beteiligt und vor der bolschewistischen Revolution in den Westen geflohen waren, erheblich zur frühen Richtungsgebung der Ökumenischen Bewegung bei. Es gibt vieles, das wir als Orthodoxe durch unsere ökumenischen Kontakte gelernt haben. Wahrscheinlich müssen wir zugeben, dass unsere eigene Beziehung zur Bibel durch protestantische Herausforderung und Einfluss tiefer und aktiver geworden ist. Viele Entwicklungen in der römisch-katholischen Kirche haben unser Denken bereichert, z.B. auf dem Gebiet des Episkopats und der Beziehung zwischen der Orts- und der Weltkirche, aber auch in Beziehung auf die bevorzugte Entscheidung für die Armen. Wir haben auf dem Gebiet der Erziehung viele ökumenische Einflüsse erhalten – von Sonntagsschulen bis zur akademischen Theologie. Auch die Art und Weise wie wir unsere Missions- und humanitäre Arbeit leisten hat von der ökumenischen Zusammenarbeit profitiert. Auch sollten wir nicht die brüderliche Hilfe vergessen die viele Kirchen des Westens weiterhin den orthodoxen Kirchen gewähren in der Form humanitärer Hilfe, bei der Finanzierung von Projekten, durch Stipendien usw. Die grundsätzliche Aufgabe der Orthodoxen in der Ökumenischen Bewegung ist, den authentischen apostolischen Glauben und das Leben der Kirche als Kommuniongemeinschaft zu bezeugen. Wir können einige konkrete Beiträge sehen, die die Orthodoxen zum Leben anderer Christen beisteuern konnten. Vielen protestantischen Freunden konnte geholfen werden zu sehen, dass die Bibel lebendig wird, wenn sie in der Kirche gesungen wird. Das Mönchstum als radikaler christlicher Lebensstil ist eine Entdeckung, die viele westliche Christen durch orthodoxe Mönche und Nonnen machen. Sie haben auch viele dazu gebracht zu lernen, dass es möglich ist, der apostolischen Ermahnung „betet ohne Unterlass“ (1Thessalonicher 5, 17) zu folgen und sich selbst in der Tiefe des eigenen Geistes und der eigenen Seele zu erkennen. Ich meine man kann auch sagen, dass der orthodoxe Beitrag mitgeholfen hat, die anderen Christen erkennen zu lassen, dass zum Kreuz die Auferstehung gehört und das Heil durch Kreuz und Auferstehung Seine ganze Schöpfung umfasst. Die zentrale Stellung der Kirche als der Leib Christi und wie er in Liturgie und Eucharistie verwirklicht wird, ist ebenfalls etwas, das durch die orthodoxe Präsenz Wichtiges zu Leben und Lehre der anderen Kirchen beigetragen hat.

 

Ökumene ist keine Idee, die mit unserem orthodoxen christlichen Glauben nichts zu tun hat. Sie ist möglich, wenn wir unsere eigene Orthodoxie entdecken und uns durch sie ändern lassen. Das bezieht mit ein den Respekt und das Interesse an anderen Christen und genaues Wissen über ihren Glauben und ihr Leben. Es wird aber nicht funktionieren, wenn wir versuchen, die wirklichen Unterschiede zwischen den Kirchen zu vertuschen, und nicht sehen wollen, wie wir die anderen mit unseren besonderen Gaben als Jünger Christi bereichern und unterstützen können.

 

Herausforderungen für die Kirchen und die Welt

 

Eine der ursprünglichen Ideen der Ökumenischen Bewegung war, vor der Welt ein gemeinsames christliches Zeugnis abzulegen. Das ist immer anspruchsvoll, wegen der ganzen politischen und kulturellen Verwicklungen von denen wir ein Teil sind.

 

Eine wichtige Herausforderung, der sich die Kirchen gemeinsam stellen müssen, ist der hoffnungslose Teufelskreis der Gewalt im Heiligen Land – Palästina – Israel und die anderen biblischen Länder. Es beginnt mit dem Hören auf die Christen der Region – die meisten sind orthodox – um zu sehen, welche Aufgaben die Kirchen übernehmen könnten, um diesem Gebiet, das weltweit wichtig ist, den Frieden zu bringen. Diese Aufgabe ist auch gekoppelt mit der Notwendigkeit den Menschen anderen Glaubens mit Respekt zu begegnen, vor allem Juden und Muslimen, unseren engsten Verwandten in der abrahamitischen Familie.

 

Wir als orthodoxe Christen können aus den Quellen unseres Glaubens und unserer Spiritualität schöpfen, um Zeugnis abzulegen und zu dienen. Damit leben wir, was wir sind und was wir genannt werden, um Glieder der Kirche und Bürger der Welt zu werden. 

 

Quelle: Der Vortrag von Vater Heikki Huttunen wurde auf der 2. Sitzung der Orthodoxen Weltjugendkonferenz in Konstantinopel/ Istanbul gehalten. Die vollständige englische Version ist im Internet unter www.youth.ecupatriarchate.org einzusehen. Die deutsche Übersetzung wurde von G. Wolf erstellt und im Sankt-Andreas-Boten Oktober 2007 unter dem Titel: Glieder der Kirche – Zeugen und Diener veröffentlicht. Für den Abdruck hier wurde der Artikel etwas gekürzt.