Orthodoxe Perspektive-                                               Ein Magazin zur Förderung des Glaubenswissens orthodoxer Christen

 

 

Die Proskomidie

 

„Sehnlichst habe ich verlangt, mit euch dieses Pascha zu essen, ehe denn ich leide“, dies waren die Worte, mit denen unser Herr und Erlöser und Gott Jesus Christus die Einsetzung der Feier der Göttlichen Liturgie[i] und damit die Stiftung Seiner Heiligen Kirche am Abend vor Seiner Passion und dem Tode einleitete. Die Einsetzung der Feier der Göttlichen Liturgie ist die Erfüllung der Prophetie des heiligen Propheten Malachias: „Denn vom Aufgange der Sonne bis zum Untergang wird mein Name groß werden unter den Völkern, und an allen Orten wird meinem Namen geopfert, und ein reines Opfer dargebracht werden, denn groß wird mein Name werden unter den Völkern, spricht der Herr der Heerscharen.“ Bereits die erste Darlegung der Feier der Göttlichen Liturgie aus dem ersten Jahrhundert, die sich bis zum heutigen Tage erhalten hat, macht sich den Inhalt dieser Weissagung zur Charakterisierung der heiligen Eucharistie[ii] als eines universalen liturgischen Lob- und Dankopfers für die Heiltaten Gottes zu eigen[iii].

 


[i] Die Feier der heiligen Eucharistie im Neuen Testament: Matthäus 26: 26—29; Markus 14:22— 25; Lukas 22: 15—20; 1. Korinther 11: 23ff.

[ii] Eucharistie = griechisch Danksagung

[iii] vgl.: Didache 14, 2

 

 

Zur Feier der Göttlichen Liturgie gehört heutzutage ein ausführlicher liturgischer Ritus der Zurüstung der eucharistischen Opfergaben. Die Proskomidie ist in ihrer heutigen Form zwischen dem siebten und vierzehnten Jahrhundert entstanden. Aber ihre Ursprünge reichen bis in die apostolische Zeit zurück. Schon die alexandrinische Liturgie des Evangelisten und Apostels Markus, der als Schüler des heiligen Apostels Petrus dessen Evangeliumsverkündigung und Überlieferung treu bewahrt hat, beginnt bereits mit einigen Vorbereitungsgebeten aus denen sich im Laufe der Zeit unsere heutige Proskomidie entfaltet hat. Dieser erste Teil der Liturgiefeier, bei der die eucharistischen Gaben für das Mysterium vorbereitet werden, heißt deshalb „Proskomidie“ (griechisch: „Herbeibringung“), weil in frühchristlicher Zeit die Gläubigen zunächst Brot und Wein für die Feier der heiligen Eucharistie herbeigebracht haben.

 

Wir können die heutige Form der Proskomidie in die Vorbereitungsgebete des Priesters und das Anlegen der liturgischen Gewänder, die eigentliche Zurüstung der eucharistischen Opfergaben und in den Übergang zur eigentlichen Liturgiefeier einteilen.

 

Die orthodoxen eucharistischen Altargeräte: Kelch, Diskos, Asteriskus, Speer und Kommunionlöffel.
Die orthodoxen eucharistischen Altargeräte: Kelch, Diskos, Asteriskus, Speer und Kommunionlöffel.

 

Die Zurüstung der eucharistischen Opfergaben gliedert sich wiederum in drei Teile:

 

1. Die Schlachtung des Lammes: Nach der Händewaschung begibt sich der Priester zum Rüsttisch (slawisch: Schervenik) und grüßt dort mit einem Kuss den Kelch und den Diskos, die Lanze, den Löffel. Dann nimmt er das Opferbrot  in die linke und die heilige Lanze in die rechte Hand.

 

Das Opferbrot (griechisch: Prosphore) ist ein gesäuertes Weizenbrot[i]. Das eucharistische Brot muss gesäuert sein und aus Weizen bestehen, da der Herr Jesus Christus selbst Sich mit einem Weizenkorn verglichen hat[ii]. In ihrer äußeren Gestalt besteht eine Prosphore aus zwei miteinander verbundenen Teilen als Zeichen für die zwei Naturen in Jesus Christus – die wahre göttliche und die wahre menschliche Natur.

 

Das Zeichen des Kreuzes auf ihrem Siegelabdruck verdeutlicht, dass dieses Brot für den gottesdienstlichen Gebrauch bestimmt ist.

 

Dieser viereckige Siegelabdruck befindet sich  auf der Oberseite der Prosphore. Das gesamte Siegel ist durch das Zeichen des heiligen Kreuzes in vier gleiche Teile zerlegt. Auf der oberen linken Seite steht das Zeichen IC (= Jesus), auf der oberen rechten Seite XC (= Christus), auf der unteren linken Seite NI und auf der unteren rechten Seite KA (griechisch: = siegt) Dieses Viereck wird im Rahmen der Proskomidie unter größtenteils den biblischen Schriften entnommen  Gebeten aus der Prosphore herausgeschnitten und heißt das heilige Lamm.

 


[i] Sauerteig ist gemäß Matthäus 13:33 und Lukas 13:21 auch ein Symbol für das Königtum Gottes.

[ii] vgl.: Johannes 12:20-33

 

 

Heraussschneiden des Lammes.
Heraussschneiden des Lammes.

 

Dieses Herausschneiden des heiligen Lamms geschieht mittels eines lanzenförmigen Messer, der heiligen Lanze. Schließlich wird das Lamm aus dem ganzen Opferbrot herausgenommen und dann auf der Rückseite gerade dem Kreuze gegenüber so tief eingeschnitten, dass seine vier Teile nur mehr leicht miteinander verbunden sind und das Siegel unverletzt bleibt.

 

Nur dieses heilige Lamm wird in der Liturgiefeier konsekriert. Vor der heiligen Kommunion wird der Teil IC in den Kelch gelegt, der Teil XC vom Priester und Diakon zur Kommunion verwendet und aus den  Teilen NI und KA werden die Partikel für die Kommunion der Gläubigen (Laien) genommen.

 

Vor der Kommunion der Gläubigen wird dann der eucharistische Leib Christi mit dem eucharistischen Blut Christi im Kelch vereinigt. Die Gläubigen Kommunizieren deshalb am Heiligen Leib und kostbaren Leib Christi mit Hilfe eines Kommunionlöffels. So werden ihnen Leib und Blut Christi gemeinsam gereicht.

 

Nach dem Herausheben des Lammes aus der Prosphore  wird es an der Unterseite kreuzförmig eingeschnitten.
Nach dem Herausheben des Lammes aus der Prosphore wird es an der Unterseite kreuzförmig eingeschnitten.
Lamm und Gedenkteilchen auf dem Diskos.
Lamm und Gedenkteilchen auf dem Diskos.
Die heilige Kommunion wird den Gläubigen mit Hilfe des Kommunionlöffels gespendet.
Die heilige Kommunion wird den Gläubigen mit Hilfe des Kommunionlöffels gespendet.

 

Der Rest des nicht konsekrierten Opferbrotes wird als „Antidoron“ auf dem Rüsttisch aufbewahrt. Es wird nach dem Schlusssegen  der Liturgiefeier bei der Verehrung des heiligen Kreuzes als Heiligtum an die Gläubigen ausgeteilt und symbolisiert das altchristliche Agape-Mahl, das ursprünglich mit der Liturgiefeier verbunden war. Im Gegensatz zur heiligen Kommunion, die nur orthodoxe Christen, die sich mit Fasten und Gebet auf den Empfang der heiligen Gaben vorbereitet haben, empfangen werden kann, wird das Antidoron in fast allen orthodoxen Kirchengemeinden, auch an nicht orthodoxe christliche Gottesdienstbesucher ausgeteilt. Es sollte direkt nach dem Empfang und nüchtern verzehrt werden. Wenn wir es nach Hause mitnehmen möchten, müssen wir sicherstellen, dass keine Krumen verloren gehen können und dass es würdig und gut einpacken ist. Viele orthodoxe Christen verwenden dafür ein spezielles Tuch oder kleines Stoffsäckchen. Auch zuhause wird es als erste Nahrung nach den Morgengebeten auf nüchternen Magen am Morgen genossen.

 

Die Gläubigen lassen in der russischen Tradition jeweils eine Prosphore zum Altar bringen. Hieras werden zum Gedächtnis der Lebenden und der Verstorbenen Teilchen entnommen.
Die Gläubigen lassen in der russischen Tradition jeweils eine Prosphore zum Altar bringen. Hieras werden zum Gedächtnis der Lebenden und der Verstorbenen Teilchen entnommen.

 

2. Nach der Schlachtung des Lammes gießt der Diakon etwas Wasser und Wein in den heiligen Kelch.

 

3. Danach werden die Gedenkteilchen für die Allheilige Gottesgebärerin, die übrigen Heiligen, den Patriarchen und den Bischof, die Lebendenden und zum Herrn entschlafenen Verstorbenen rund um das Lamm auf den Diskos gelegt. Die Symbolisiert die Eucharistische Synaxis, die Versammlung der gesamten irdischen und himmlischen Kirche um ihr Haupt Christus, der in der Liturgie der Darbringende und der Dargebrachte ist und den der Bischof oder Priester nur gleich einer lebenden Ikone abbildet.

 

Dafür werden in der russischen Tradition vier weitere Prosphoren außer dem Opferbrot, aus welchem das Lamm herausgeschnitten wurde verwendet. In den orthodoxen Kirchen, die der griechischen Tradition folgen, wird jedoch nur eine brotgroße Prosphore verwendet.

 

Die zweite Prosphore heißt deshalb „Prosphore der allheiligen Gottesgebärerin“. Aus ihr wird ein dreieckiger Partikel zu Ehren der Gottesmutter herausgenommen und zur Linken des Lammes auf den Diskus gelegt.

 

Die dritte heißt „Prosphore der neun Chöre der Heiligen“, denn aus ihr entnimmt der Priester Gedenkpartikel für den heiligen Johannes den Täufer, für die heiligen Propheten des alttestamentlichen Bundes, für die heiligen Apostel, für die heiligen Hierarchen und Lehrer des Erdkreises, für die heiligen Märtyrer, für die heiligen Mönche und Nonnen, für die heiligen uneigennützigen Wundertäter (Ärzte), für die heiligen Gottesahnen Joachim und Anna, die Eltern der allheiligen Gottesgebärerin, sowie für den Heiligen, dem die Kirche geweiht ist, und die Tagesheiligen und am Ende für den heiligen Hierarchen, Johannes Chrysostomos oder Basilius den Großen, je nachdem wessen Liturgie an diesem Tag gefeiert wird. Diese Gedenkteilchen werden in drei Reihen rechts vom Lamm auf den Diskus gelegt.

 

Prosphoren  mit verschiedenen Siegelabdrücken gemäß der russischen Tradition. Die vorderen Prosporen mit dem sternförmigen Siegel werden zum Gedächtnis der allheiligen Gottesmutter verwendet.
Prosphoren mit verschiedenen Siegelabdrücken gemäß der russischen Tradition. Die vorderen Prosporen mit dem sternförmigen Siegel werden zum Gedächtnis der allheiligen Gottesmutter verwendet.

 

Aus der vierten und fünften Prosphore werden Partikel für die Lebenden und die Verstorbenen entnommen. Zunächst wird des Patriarchen und des Bischof der Diözese gedacht, zu der die jeweilige Gemeinde gehört. Dann werden von der dritten Prosphore beliebig viele Gedenkteilchen für die Lebendigen und von der vierten Prosphore beliebig viele Gedenkteilchen für die Verstorbenen herausgeschnitten und in zwei Reihen unter das Lamm gelegt.

 

In der russischen Tradition ist es üblich, dass die Gläubigen eigene Prosphoren mit Gedenklisten der Lebenden und zum Herrn Entschlafenen in den Altar bringen lassen. Bis zum großen Einzug werden ihnen dann Gedenkteilchen für die auf den Listen aufgeführten Namen entnommen und mit auf den Diskos zu Füßen des Lammes gelegt. In den meisten Kirchengemeinden kann man nur die Namen orthodoxer Christen zum Gedächtnis der Lebenden und Entschlafenen auf die Gedenkzettel schreiben.

 

 

Das Gebetsgedenken in der Kirche

 

Während der Gabenbereitung (Proskomidie) wird sowohl für die Lebenden, als auch für die im Herrn Entschlafenen orthodoxen Christen gedacht.

 

Als orthodoxe Christen beten wir täglich bei den Morgengebeten für das Seelenheil unserer verstorbenen Angehörigen, Verwandten und Freunde, aber auch für die Gesundheit und das Wohlergehen unserer noch lebenden Angehörigen, Verwandten und Freunde; sowie aller Menschen, die unserem Herzen nahe stehen oder uns um unseren Beistand im Gebet gebeten haben.

 

Das Gebetsgedenken in der Proskomidie ist das intensivste Gebet, das wir für unsere Mitmenschen verrichten können, denn es ist unmittelbar mit der Feier der Göttlichen Liturgie und damit mit dem eucharistischen Opfer verbunden.

 

Unsere Fürbitte und Gebet vollzieht sich hierbei im Rahmen des kirchlichen Gottesdienstes. Wir bitten die ganze heilige Kirche, mit uns für ganz konkret genannte Menschen zu beten. Die geschieht durch unsere Gedenkzettel, die wir schreiben und mit einer Prophore in den Altar bringen lassen.

 

Wenn jemand krank ist, so schreiben wir  „der kranken Dienerin Gottes Tamara” oder „des kranken Diener Gottes Anatolij“. Wenn es ein Säugling ist, so sollten wir schreiben „des Säuglings Johannes” oder wenn es ein Kind ist „des Kindes Anastasia”.  Wenn es ein Jugendlicher ist: „des Jünglings Pawel“  oder „der Jungfrau Pelagija“. Wenn eine Frau ein Kind erwartet, so können wir schreiben: „der Dienerin Gottes Anastasija, die ein Kind erwartet“

 

Immer schreiben wir die Namen in der kirchlichen Vollform: „des Dieners Gottes Alexander“ und nicht „des Dieners Gottes Sascha“ und „des Dieners Gottes Joann" und nicht „des Dieners Gottes Iwan".

 

Wenn Sie in der Proskomidie eines getauften, aber nicht-orthodoxen Christen gedenken wollen, vermerken sie dies bitte auf dem Gedenkzettel hinter dem jeweiligen Namen. Der Priester wird dann in der Regel den Namen nicht laut sprechen, sondern kurz still für sich für diesen Menschen beten. Ob eines nicht-orthodoxen Christen während der Proskomidie gedacht werden kann, liegt allein im seelsorgerlich Ermessen des Priesters (Öikomomia) und nicht in der Entscheidung der Kerzenverkäuferin oder des Altardieners. Wenn in einer bestimmten Kirche nur für orthodoxe Christen  bei der Proskomidie gebetet wird, so ist dies aber nicht Hartherzigkeit oder Fanatismus, sondern nur die genau Beachtung der kirchlichen Regeln (Akribia). Seien sie deshalbann nicht verärgert oder traurig: Gott wir in diesem Fall Ihr persönliches Gebet für diesen Menschen hören. Manchmal werden von Gläubigen, die oft in einer ganz bestimmten Kirche sind, keine Namenszettel, sondern sogenannte Gedenkbüchlein (Pomjaniki) abgegeben. Es sind dies kleine Heftchen, in denen Platz für das Eintragen der Namen ist, im ersten Teil für die Lebenden, im zweiten für die Verstorbenen. Solche Gedenkbüchlein werden in der Kirche aufbewahrt.

 

 

Um das Lamm sind am Ende der Proskomidie die Gedenkteilchen für die gesammte himmlische und irdische Kirche angeordnet.
Um das Lamm sind am Ende der Proskomidie die Gedenkteilchen für die gesammte himmlische und irdische Kirche angeordnet.

 

4. Verhüllung und Darbringung der eucharistischen Opfergaben: Sind die Gedenkteilchen alle auf dem Diskus angeordnet, so werden die eucharistischen Opfergaben nun verhüllt. Dafür wird Weihrauch herbeigetragen. Der Weihrauch symbolisiert die zum himmlischen Altar hinaufsteigenden Gebete der Gläubigen und die von dort herniederkommende göttliche Gnade. Das orthodoxe Weihrauchfass hat drei Ketten mit 12 Glöckchen (in der griechischen Tradition). Die drei Ketten symbolisieren die Allheilige Dreieinheit, die 12 Glöckchen die Predigt der zwölf Apostel, das Gefäß  steht symbolisch für den jungfräulichen Leib der allheiligen Gottesgebärerin, die Christus gleich der glühenden Kohle im Weihrauchgefäß in sich trug und der Gott dem Vater das wohlgefällige Opfer darbrachte.

 

Anordnung auf dem Diskos nach der russischen Tradition.
Anordnung auf dem Diskos nach der russischen Tradition.
Anordnung auf em Diskos nach der griechischen Tradition.
Anordnung auf em Diskos nach der griechischen Tradition.

 

Zunächst wird der Kreuz-Stern-Bogen (Asteriskus) über den aufsteigenden Weihrauchduft gehalten und dann auf den Diskos über das Lamm und die Gedenkteilchen gesetzt.

 

Danach werden die kleinen Velen (Aer), kleine liturgische Deckchen über den Weihrauch gehalten und damit Kelch und Diskos bedeckt. Am Ende wird ein großes Tuch, das große Velum oder großer Aer (russisch: Wosduch), nachdem es zuvor um das Weihrauchfass gelegt wurde über die verhüllten Gaben in Kelch und Diskos gelegt. Danach beweihräuchert der Priester die eucharistischen Opfergaben und betet das das abschließende Gebete Volk.

 

Im Anschluss wird der Vorhang geöffnet und der Priester oder der Diakon beweihräuchert den Altarraum, die heiligen Ikonen und das im Kirchenschiff versammelte Gottesvolk. Nachdem der Priester oder Diakon in den Altarraum zurückgekehrt ist, öffnet der Priester die Türen des Ikonostas und beginnt mit dem Eingangssegen die Liturgie der Katechumenen.

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Die Proskomidie

 

 

 

Der Priester und der Diakon verbeugen sich dreimal und sprechen:

 

Gott, sei mir, Sünder, gnädig und erbarme Dich meiner. (dreimal)

 

Priester: Du hast uns losgekauft vom Fluche des Gesetzes durch Dein kostbares Blut. Ans Kreuz genagelt und von der Lan-ze durchbohrt, ließest Du den Menschen die Unsterblich-keit quellen, Du unser Erlöser, Ehre Dir.

 

Diakon: Segne, Gebieter.

 

Priester: Gesegnet unser Gott allezeit, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Diakon: Amen.

 

Der Priester nimmt die heilige Lanze in seine rechte Hand, die Prosphora9 in seine linke, und bekreuzt mit der Lanze dreimal die Prosphora und spricht:

 

Priester:  Zum Gedächtnis unseres Herrn und Gottes und Er-lösers Jesus Christus. (dreimal)

 

Und sogleich stößt er die heilige Lanze in die rechte Seite des Siegels und schneidet hinein mit den Worten:

 

Er wurde wie ein Lamm zum Schlachten geführt. (Jesaja 53:7).

 

Er stößt die heilige Lanze in die linke Seite und spricht:

 

Und wie ein makelloses Lamm vor dem Scherer verstummt, tut Er Seinen Mund nicht auf. (Jesaja 53:7).

 

Hierauf stößt er die heilige Lanze in den oberen Teil und spricht:

 

In Seiner Erniedrigung wurde Sein Urteil gesprochen. (Jesaja 53:8)

 

Er stößt in die untere Seite des Siegels und spricht:

 

Wer wird Sein Geschlecht zählen? (Jesaja 53:8)

 

Der Diakon verfolgt ehrerbietig die heilige Handlung und spricht nun:

 

Hebe auf, Gebieter.

 

Der Priester hebt mit der heiligen Lanze, indem er diese von der rechten Seite in die Prosphora stößt, den Kubus des Brotes heraus, den er durch die Einschnitte gebildet hatte und der nun ״Lamm" genannt wird, und spricht:

Priester: Denn Sein Leben ward von der Erde hinweggenommen. (Jesaja 53:7-8)

 

Diakon:  Schlachte, Gebieter.

 

Der Priester legt das Lamm mit dem Siegel nach unten auf den Diskos und schneidet in Kreuzform so tief in das Lamm hinein, dass das Siegel auf der Oberseite nicht verletzt wird:

 

Priester:  Geschlachtet wird das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt, für das Leben und das Heil der Welt.

 

Diakon: Durchbohre, Gebieter.

 

Der Priester kehrt das Lamm um, so dass das Siegel wieder nach oben zeigt und legt es in die Mitte des Diskos. Nun stößt er die Lanze in die rechte Seite (zwischen IC und NI) und spricht:

 

Priester: Einer der Soldaten durchbohrte Seine Seite mit einer Lanze.

 

Der Diakon gießt nun Wein und etwas Wasser in den Kelch, während der Priester spricht:

 

Priester: Und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Der es gesehen hat, legt Zeugnis davon ab, und sein Zeugnis ist wahrhaftig. (Johannes 19:34-35 a)

 

Diakon: Segne, Gebieter, die heilige Einheit.

 

Priester: Gesegnet die Einheit Deiner Heiligen (Gaben) allezeit, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

Diakon: Amen.

 

Der Priester nimmt jetzt die zweite Prosphora:

 

Priester: Zu Ehren und zum Gedächtnis unserer über alles gesegneten und ruhmreichen Herrin, der Gottesgebärerin und steten Jungfrau Maria. Auf ihre Fürbitten, o Herr, nimm dieses Opfer auf Deinen überhimmlischen Altar.

 

Er löst mit der Lanze ein dreieckiges Teilchen aus der zweiten Prosphore heraus und legt es auf die rechte Seite des Lammes.

 

 

Der Priester löst mit der Lanze ein dreieckiges Teilchen zum Gedächtnis der allheiligen Gottesmutter aus der zweiten Prosphore heraus und legt es auf die rechte Seite des Lammes.
Der Priester löst mit der Lanze ein dreieckiges Teilchen zum Gedächtnis der allheiligen Gottesmutter aus der zweiten Prosphore heraus und legt es auf die rechte Seite des Lammes.

 

Priester: Die Königin steht Dir zur Rechten mit golddurchwirktem Gewand in Vielfalt gekleidet. (Psalm 44:10)

 

Der Priester nimmt die dritte Prosphora, von der er neun Teilchen löst, die er in drei senkrechte Reihen von oben nach unten links des Lammes legt:

 

1. Zu Ehren und zum Gedächtnis der höchsten Heeresfür-sten Michael und Gabriel und aller himmlischen körperlo-sen Mächte.

 

2. des ehrwürdigen und ruhmreichen Propheten, Vorläu-fers und Täufers Johannes, der heiligen ruhmreichen Propheten Moses und Aaron, Elias und Elisa, David und Isai, der heiligen Drei Jünglinge, des Propheten Daniel und aller heiligen Propheten.

 

3. der heiligen ruhmreichen, allverehrten Apostel Petrus und Paulus, der Zwölf und der Siebzig und aller heiligen Apostel.

 

4. unserer Väter unter den Heiligen, der großen Hierarchen und ökumenischen Lehrer, Basilius des Großen, Gregorius des Theologen und Johannes Chrysostomus, Athanasius und Kyrill, Nikolaus von Myra und aller heiligen Hierarchen.

 

5. des heiligen Erzmärtyrers und Protodiakons Stephanus, der heiligen Großmartyrer Georg, des Trägers des Siegeszeichens, Demetrius, des Myronspendenden, Theodor, des Rekruten, Theodor, des Heerführers, und aller heiligen Märtyrer. Auch der heiligen Märtyrerinnen Thekla, Barbara, Kyriaka, Euphemia, Paraskewa, Katherina und aller heili-gen Märtyrerinnen.

 

6. unserer gottwohlgefälligen und gotttragenden Väter Antonius, Euthymius, Sabbas, des Geheiligten, Onuphrius, Athanasius vom Berge Athos und aller gottwohlgefälligen Mönchsväter. Auch der gottwohlgefälligen Mütter Pelagia, Theodosia, Anastasia, Eupraxia, Febronia, Theodulia, Euphrosynia, Maria von Ägypten und aller heiligen und gottseligen Asketinnen und Mütter.

 

7. der heiligen und wundertätigen Uneigennnützigen Kosmas und Damian, Kyros und Johannes, Panteleimon und Hermolaos und aller heiligen Uneigennützigen.

 

8. der heiligen und gerechten Gottesahnen Joachim und Anna, des Heiligen (vom Tage) des Heiligen (Patrons der Kirche oder des Ortes) und aller Heiligen. Auf ihre Fürbitte, o Gott, suche uns heim.

 

9. unseres Vaters unter den Heiligen, Johannes Chrysostomus, des Erzbischofs von Konstantinopel oder aber, wenn die Basilius-Liturgie gefeiert wird: unseres Vaters unter den Heiligen, Basilius des Großen, Erzbischofs von Cäsarea in Kappadozien.

 

 

 

 

Der Priester nimmt die vierte Prosphora, löst davon ein Teilchen und beginnt eine waagerechte Reihe unter das Lamm zu legen und spricht:

 

Priester: Gedenke, menschenliebender Gebieter, des ganzen orthodoxen Episkopates, unseres heiligsten Patriarchen Bartholomäus, des Erzbischofs von Konstantinopel, des neuen Rom und unseres höchstgeweihten Erzbischofs Johannes von Chariopoulis, des Exarchen des Ökumenischen Thrones, der ehrwürdigen Priesterschaft, des Diakonats in Christus und des ganzen geistlichen Standes.

 

Gedenke unserer Brüder, Mitliturgen, der Priester und Diakone. (hier werden ihre Namen genannt)

 

Gedenke aller Brüder und Schwestern, die Du, allguter Gebieter, nach Deiner großen Barmherzigkeit zur Vereinigung mit Dir berufen hast.

 

Der Priester nimmt eine fünfte Prosphora und beginnt eine zweite waagerechte Reihe, unter der Reihe der Lebenden, als Gedächtnis-Reihe für die im Herrn entschlafenen Verstorbenen:

 

Zum Gedächtnis und für die Verzeihung der Sünden der seligen Stifter und Wohltäter dieses Gotteshauses.

 

Der Priester gedenkt des Bischofs, der ihn geweiht (falls er schon gestorben ist), und der Verstorbenen, deren er gedenken will, und derer, die in den Gedenkbüchlein und Gedenkzetteln (Pomjaniki) der Gläubigen verzeichnet sind. Er beendet diese Reihe, indem er spricht:

 

Und aller unserer Väter und Brüder und Mütter und Schwestern, die entschlafen sind in der Hoffnung auf die Auferstehung zum ewigen Leben in der Vereinigung mit Dir, menschenliebender Herr.

 

 

 

Der Priester nimmt wieder die Prosphora der Lebenden, löst daraus ein Teilchen für sich selbst und legt es in die Reihe der Lebenden mit den Worten:

 

Priester: Gedenke, Herr, auch meiner, der ich ganz unwürdig bin, und verzeihe mir jede absichtliche und unabsichtliche Sünde.

 

Der Diakon legt Weihrauch in das Rauchfaß und spricht zum Priester:

 

Diakon:  Segne, Gebieter, den Weihrauch. Lasset zum Herrn uns beten. Herr, erbarme Dich!

 

Priester:  Weihrauch bringen wir Dir dar, Christus unser Gott, damit er dufte zu geistlichem Wohlgeruch. Nimm ihn an auf Deinen überhimmlischen Altar und sende dafür auf uns herab die Gnade Deines Allheiligen Geistes.

 

Diakon:  Lasset zum Herrn uns beten. Befestige, Gebieter.

 

Der Priester nimmt den Asteriskus (Kreuz-Stern- Bogen), hält ihn über den Weihrauch und setzt ihn sodann auf den heiligen, mit den Worten:

 

Priester:  Und der Stern kam und stand oben über dem Ort, wo das Kind war. (Matthäus 2:9)

 

   

Asteriskus (Kreuz-Stern- Bogen).
Asteriskus (Kreuz-Stern- Bogen).

 

 

Diakon:  Lasset zum Herrn uns beten. Umkleide, Gebieter.

 

Der Priester hält die erste kleine Decke über den Weihrauch, bedeckt sodann mit ihr den Diskos und spricht dabei:

 

Priester: Der Herr ist König, mit Hoheit umkleidet, umkleidet hat Sich der Herr, mit Macht Sich gegürtet. (Psalm 92:1)

 

Diakon:  Lasset zum Herrn uns beten. Verhülle, Gebieter.

 

Der Priester hält die zweite kleine Decke über den Weihrauch und umhüllt sodann mit ihr den Kelch:

 

Priester: Deine Kraft umhüllt die Himmel, Christus, und Dein Lobpreis erfüllt die Erde (Habakuk 3:3)

 

 

 

 

Die beider kleinen Decken für Kelch und Diskos und das große Aer.
Die beider kleinen Decken für Kelch und Diskos und das große Aer.

 

Diakon:  Lasset zum Herrn uns beten. Bedecke, Gebieter.

 

Der Priester hält das große Velum, den Aer (griechoisch = Wolke), die dritte, aber größere Decke, über den Weihrauchduft und bedeckt mit ihr den Diskos und den Kelch:

 

Priester: Mit dem Schatten Deiner Flügel bedecke uns, jeden Feind und Widersacher treibe fort von uns (Psalm 16:8-9), und verleihe Frieden unserem Leben. Herr, erbarme Dich unser und Deiner Welt und rette unsere Seelen, du Gütiger und Menschenliebender.

 

Er nimmt das Weihrauchfaß und beräuchert dreimal die zugerüsteten Gaben mit den Worten:

 

Priester: Gesegnet Christus unser Gott, dem es also gefiel. Ehre Dir.

 

Diakon:  Jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Priester und Diakon verbeugen sich dreimal.

 

Diakon: Für die Zurüstung der kostbaren Gaben lasset zum Herrn uns beten.

 

Priester: Gott, unser Gott, Du hast uns das Brot vom Himmel gesandt, die Speise der ganzen Welt, unseren Herrn und Gott, Jesus Christus, als Retter, Erlöser und Wohltäter, der uns segnet und heiligt. Du Selbst segne diese Prothesis und nimm sie auf Deinen überhimmlischen Altar. Gedenke, o Gütiger und Menschenliebender, der Darbringenden und derer, für welche sie darbringen. Bewahre uns, ohne Tadel den heiligen Dienst Deiner göttlichen Mysterien zu vollziehen.

 

 

 

 

Das Totengedenken der Orthodoxen Kirche

 

Für die orthodoxen Gläubigen ist das Gedenken an die Toten wichtig, denn sie sind weiterhin Teil der Gemeinde, die alle Lebenden und Toten, und auch die unsichtbaren Mächte, die Engel, umfasst.

 

Die Toten sollen eben nicht vergessen werden, sondern ihr Andenken wird durcheine Reihe von Gottesdiensten für die Familien der Verstorbenen wieauch für die Gemeinde aufrecht erhalten.

 

Die Seele des Menschen ist als Geschenk Gottes unsterblich und wird nach dem Tode durch Seine Gnade wieder  mit  Ihm  vereint.

 

„Im Unterschied zu den Menschen, ‚die keine Hoffnung haben’  (1. Thessalonicher 4:13), nehmen gläubige Menschen am Grab nicht Abschied von jemandem, der ins Nichts verfällt, sondern in ein anderes Leben übergeht, das seine Vollendung am Ende der Zeiten haben  wird“.

 

 

Auch der Leib des Verstorbenen wird bei der Wiederkunft des Herrn auferstehen. „Indem wir für die Toten beten, können wir hoffen, für sie die Vergebung zu erlangen. Der heilige Johannes sagt uns in der Offenbarung,dass auch umgekehrt die Toten für die Lebenden beten können (vgl.: Offenbarung 5:8;8,3). Er vergleicht sogar ‚die Gebete aller Heiligen’ vor dem Altar mit‚ einer goldenen Räucherpfanne.

 

Der Tod zerbricht nicht die Einheit des Leibes Christi: Die Glieder der Kirche, die noch in dieser Welt kämpfen, und diejenigen, die schon ihre Krone in der anderen empfangen haben, sind Teil  des gleichen Leibes. Das ist, was wir die Gemeinschaft der Heiligen nennen.

 

Nach dem Tod eines orthodoxen Gläubigen kommt der Priester, wo das in der Diaspora möglich ist, zu einem Totengebet ins Haus. Zur Beerdigung findet ein Gottesdienst in der Kirche statt und auf dem Friedhof ein Gebet am Grab.

 

 

Es gibt zwei allgemeine Gedenktage im Jahr für die Toten, die sogenannten Seelensamstage. Der erste ist der Samstag vor dem dritten Vorfastensonntag der Großen Fastenzeit (der   Sonntag des Gerichts beziehungsweise des Fleischverzichts), der zweite ist der Samstag vor Pfingsten.

 

Aber auch an allen anderen Samstagen (mit Ausnahme des Lazarus-Samstags) wird der Märtyrer und der Verstorbenen gedacht.

 

Für den einzelnen Verstorbenen finden Totengedenken am dritten, neunten und vierzigsten Tage nach ihrem Tode statt und dann jeweilsam Jahrtag. Der dritte Tag erinnert an die dreitägige Grabesruhe des Herrn, der neunte erinnert an die neun Chöre der Engel und der vierzigste an die Himmelfahrt Christi am vierzigsten Tag nach Seiner Auferstehung.

 

 

Für das Totengedenken am Sonntag während der Göttlichen Liturgie, lassen die Angehörigen eine Prosphore, ein Opferbrot in den Altar bringen, damit der Priester Gedenkteilchen gemäß der aufgeführten Namen auf dem mitgegebenen Gedenkzettel oder aus dem mitgegebenen Gedenkbüchlein während der Proskomidie auf den Diskos legt.

 

 

 

 

Wird die Göttliche Liturgie an einem Samstag gefeiert, so gedenkt der Priester in einer besonderen Fürbitte (Ektenja) zum Ende der Liturgie der Katechumenen und während der Anaphora der zum Herrn entschlafenen orthodoxen Christen auf den beigefügten Gedenkzettel. In der Göttlichen Liturgie am Sonntag kann eine Litia gefeiert werden. Sie wird mit dem Gesang des Trishagion kurz vor dem Schluss der Göttlichen Liturgie eingeleitet und ist eine Kurzform Der Panychida (Parastas).

 

Für das Totengedächtnis wird eine spezielle Totenspeise, die im Wesentlichen aus gekochten Weizenkörnernbesteht, die sogenannte Kutja (Koliva) zubereitetet und auf den Kanoun, einem besonderen kleinen Opfertisch vor einer Kreuz-Ikone mit der Möglichkeit zum Aufstellen von Opferkerzen für das Totengedächtnis bereit gestellt. In die Koliva wird eine Kerze gesteckt und auch die anwesenden Gläubigen, Angehörigen und Freunde halten brennende Kerzen in den Händen. Nach der Litia folgt der Schlusssegen der Liturgie und dann wird auch diese Gedächtnisspeise an die Gläubigen verteilt. Dies kann durch einen der Altardiener oder einen Angehörigen erfolgen. Der Verteilende sagt: „Zum Gedenken an der Knecht Gottes (oder Die Magd Gottes)! und nennt ihre Namen. Die empfangenden Gläubigen antworten daraufhin: „Ewiges Gedenken!“ Die Bereitung der Koliva ist ein Brauch, der bis in die christliche Antike zurückreicht.

 

Findet ein Totengedenken nicht im Rahmen einer Göttlichen Liturgie statt, so wird es in der Form einer Panychida (Parastas) gebetet. Das Wort drückt den Beistand aus, den die Anwesenden beim Gebet den Leidtragenden leisten.

 

Diese Gedächtnisgottesdienste wie auch die Werke der Barmherzigkeit als Totengedächtnis sind Ausdruck der Verbundenheit und der Fürsorge für die Menschen über ihren Tod hinaus. Sie dürfen nicht als genugtuende Leistungen der Lebenden für die Toten verstanden werden, sondern als Beistand in einer fortdauernden Gemeinschaft, der in der an Gott gerichteten Bitte besteht, sich ihrer zu erbarmen. Die Liebe, die über den Tod hinaus lebt, bewahrt die Entschlafenen in lebendiger Erinnerung, genährt durch die Zuversicht, daß Gott sie in Seine himmlische Herrlichkeit aufnimmt und in Seinem ewigen Gedächtnis bewahrt. In diesem Bewußtsein schließt die eucharistische Versammlung sie nach der Wandlung in ihre Fürbitten-Diptychen ein: „... Gedenke auch aller, die in der Hoffnung der Auferstehung zum ewigen Leben entschlafen sind. Schenk ihnen die Ruhe dort, wo das Licht Deines Angesichtes leuchtet.“ Darum betet der Priester für den oder die Verstorbene(n): ...„dass seine (ihre) Seele(n) Ruhe finden möge(n) ‚am Orte des Lichtes, am Orte des Ergrünens, am Orte der Erquickung, wo entfliehen aller Schmerz, alle Trauer und Klage.“

 

Vor allem aber müssen wir uns als Christgläubige die alles verwandelnde Wende des menschlichen Geschickes durch Christi Tod und Auferstehung vor Augen halten. Denn durch dieseist der leibliche und der geistliche Tod entmachtet worden. Dies aber hat Konsequenzen für die in Christi Leib Hineingetauften: Der Tod vermag sie von nun an nicht mehr voneinander zu scheiden. Zwar gibt es für uns auf Erden Lebende, die allzu oft nur die sichtbare Welt wahrnehmen, noch immer ein Abschiednehmen beim leiblichen Tode. Aber die zur Ruhe in Gott Eingegangenen sind von uns, aber auch von den Engel und Heiligen im Himmel nur scheinbar getrennt. Dies wird erfahren in der Gemeinschaft der Kirche, wo die Heiligen und mit ihnen alle in der Seligkeit Ruhenden mit ihrer Fürbitte und ihrem himmlischen Gottesdienst den noch im irdischen Kampf stehenden Gliedern des einen mystischen Leibes Christi, der heiligen orthodoxen Kirche im Heiligen Geist verbunden sind.

 

Pawel Grigorjewič Česnokov (Павел Григорьевич Чесноков) * 12. Oktober 1877 in Iwanowskoje bei Swenigorod; † 14. März 1944 in Moskau war ein russischer Komponist und Chorleiter. Er komponierte über fünfhundert Chorwerke, darunter rund vierhundert Werke der geistlichen othodoxen Chormusik.

 

Česnokov sang bereits als Fünfjähriger im Chor seines Vaters mit und trat mit sieben Jahren in die Moskauer Synodalschule ein. Noch während der Schulzeit wurde er von Hochschullehrern wie Stepan Smolenski, Sergej Tanejew und Michail Ippolitow-Iwanow unterrichtet und sammelte Erfahrungen als Chorleiter. Ab 1913 studierte Česnokov dann Klavier, Violine und freie Komposition am Moskauer Staatskonservatorium. Er machte sich einen Namen als Chorleiter der Russischen Chorgesellschaft und dozierte später selbst Chorleitung am Konservatorium. Bis 1917 hatte Tschesnokow bereits rund vierhundert geistliche Chorwerke komponiert. Mit dem Verbot geistlichen Kunstschaffens nach der Oktoberrevolution schrieb er fortan noch etwa hundert weltliche Chorwerke, welche er mit Chören wie dem Moskauer Akademiechor und dem Chor des Bolschoi-Theaters aufführte.

 

Als 1931 die Christ-Erlöser-Kathedrale (deren letzter Chorverantwortlicher er war) gesprengt wurde, stellte Tschesnokow darauf seine Arbeit als Komponist ein und konzentrierte sich auf seine Professur am Konservatorium. Er starb 1944 im Alter von 66 Jahren in Moskau.

 

 

Das Fest der heiligen Koryphäen unter den

Aposteln Petrus und Paulus

 

29. Juni

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Am 12. Juli feiert die Kirche das Fest der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus. Dieses Fest wird in der Kirche ebenso hochgeschätzt wie die Feste des Herrn, obwohl es nicht zu den zwölf Hauptfesten gehört.

 

Die heiligen Apostel Petrus und Paulus, mit deren Fest das sogenannte Petrus- oder Apostelfasten endet, setzten gemeinsam das Werk des Herrn fort. Aber sie waren sehr verschieden. Petrus war verheiratet, Paulus jedoch nicht. Petrus begleitete Christus seit Beginn Seines Wirkens, Paulus hat Ihn nicht einmal gesehen. Petrus hat unter den Juden gepredigt, Paulus ging zu den Heiden (abgeleitet vom griechischen Wort ἔθνος (éthnos) = die (nichtjüdischen) Völker). Unter den Schriften des Neuen Testamentes finden wir nur zwei Petrusbriefe. Paulinische Briefe sind uns vierzehn überliefert. 

 

Gemeinsam ist diesen beiden großen Menschen der Märtyrertod für Christus, der ihre Liebe zum Erlöser voll und ganz bestätigt. 

 

Der heilige Apostel Paulus (sein jüdischer Name war Saulus nach dem jüdischen König aus den alten Testament) hielt sich, wie bekannt ist, für den geringsten der Apostel; unwürdig, zum Kreis der heiligen Aposteln zu gehören. Aber gerade er wurde vom Herrn selbst ausgewählt und berufen, als er nach Damaskus zog, um dort die Christen zu verfolgen. Durch seine Missionsreisen verbreitete sich die Kirche bis an die Grenzen der römisch- griechischen Welt und durch seine Nachfolger dann auch bis zu den barbarischen Völkern (mit dem griechischen Wort βάρβαρος, bárbaros, Plural βάρβαροι, bárbaroi wurden im antiken Griechenland alle Menschen bezeichnet, die nicht (oder nur schlecht) griechisch sprachen. In der griechisch- römischen Antike verstand man unter dem Begriff „Barbaren“ die Menschen, die nicht zum antiken römischgriechischen Kulturkreis gehörten). Die Briefe des heiligen Apostels Paulus sind für uns Christen ein sehr bedeutender Teil der Heiligen Schrift.

 

Der heilige Apostel Petrus war der Sprecher der Jünger Christi, die Ihn während Seines irdischen Lebens begleiteten. Deshalb wurde der heilige Petrus, genau wie Paulus, von der Kirche mit dem Ehrentitel Koryphäe oder Fürst der Apostel ausgezeichnet. Während der Zeit des irdischen Wirkens Christi nahm der heilige Petrus Seine göttliche Lehre auf und hörte die heiligen Worte seines Evangeliums, das erfüllt war von Liebe zu allen Menschen. So bekannte er dann auch im Namen aller Jünger: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes”wofür ihn der Herr selig gepriesen hat. Wir erinnern uns an die dreimalige Verleugnung Christi durch Petrus, aber auch an das dreimalige Bekenntnis seiner Liebe zu Christus. Aus den Evangelien wissen wir, dass der Herr gerade ihn mit den heiligen Aposteln Jakobus und Johannes mit auf den Berg Tabor genommen hat und sie dort gewürdigt hat, das nicht geschaffene Licht Seiner göttlichen Herrlichkeit zu sehen. Der heilige Apostel Petrus, den uns die heiligen Evangelien schildern, war eine höchst tempramentsvolle und manchmal auch widersprüchlichere Persönlichkeit. Aber in der Lebendigkeit und Tiefe seiner Christusnachfolge ist er bis heute ein stets gültiges Vorbild für ein gelingendes Christenleben.

 

Troparion im 4. Ton:

 

Ihr Apostelfürsten und Lehrer des Erdkreises, / bittet den Herrscher des Alls, // der Welt Frieden und unseren Seelen Sein großes Erbarmen zu schenken.

 

Kontakion im 2. Ton:

 

Die starken und gotterfüllten Verkünder, / die ersten der Apostel, hast Du, Herr, aufgenommen in die Wonne Deiner Güter und in Deine Ruhe. / Denn ihre Leiden und ihren Tod hast Du mehr als jedes irdische Opfer angenommen, // der Du allein die Herzen kennst. 

 

 

Das Martyrium  der  heiligen Apostel Petrus und Paulus in Rom

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Der christliche Glaube verbreitete sich in Rom schon vor der Ankunft der Apostel Petrus und Paulus (vgl.: Apostelgeschichte 28:15). Als die beiden Apostel auf getrennt und auf jeweils unterschiedlichen Wegen die Stadt erreichten, fanden sie hier bereits eine christliche Gemeinde vor.

 

Aus dem Brief des heiligen Apostels Paulus an die Galater (Galater 2: 11) wissen wir, dass  der heilige Apostel Petrus nach dem Apostelkonzil nach Antiocheia ging und der dortigen Gemeinde eine Zeit lang als "Bischof" vorstand. Dies könnte etwa um das Jahr 45 nach Christus gewesen sein. 

 

Die Überlieferung der römischen Kirche berichtet uns, dass der heilige Apostel Petrus bei Santa Maria di Leuca italienischen Boden betreten hat. So erreichte der Apostel die italische Halbinsel an ihrem südöstlichsten Punkt.  Von dort aus kam  Petrus dann nach Rom, wo er wiederum, wie bereits in Antiochia, einige Zeit der dortigen Gemeinde vorstand. Nach der römischen Überlieferung war er dann 25 Jahre ,Bischof der Stadt Rom‘ gewesen.

 

In seiner Zeit in Rom verfasste der Heilige Apostel Petrus dann auch die beiden Petrusbriefe, die sich wie die übrigen „katholischen“ Apostelbriefe nicht an eine einzige Lokalkirche, sondern an die über die gesamte antike Oikumene ausgebreitete katholische (= umfassende) christliche orthodoxe Kirche wandten. Am Schluss des ersten Petrusbriefes heißt es: „Es grüßt euch die mit euch auserwählte Kirche von Babylon und Markus, mein Sohn“ (5: 13).

 

Hieraus erfahren wir, dass der Apostel Petrus vom jungen Markus begleitet wurde, der dem nur mangelhaft griechisch Sprechenden dabei half, die von ihm in aramäischer Rede vor der versammelten römischen Gemeinde vorgetragene Verkündigung dann in die griechische Sprache zu übersetzen. Insofern finden wir die Evangeliumspredigt des heiligen Apostel Petrus im Evangelium des Heiligen Apostel und Evangelisten Markus später verschriftlicht wieder. Auch weisen viele Ähnlichkeiten zwischen dem römischen und alexandinischen Ritus darauf hin, dass der heilige Apostel und Evangelist Markus, der nach dem Märtyrertod des heiligen Apostels Petrus den christlichen Glauben in Alexandria und Unterägypten verkündete, das Evangelium und Heilige Tradition in Rom aus dem Munde des Apostel Petrus vernommen und dann in Alexandrien an die dortigen Gläubigen weitergegeben hat.

 

Nach den Zeugnis der Apostelgeschichte (Apg. 22: 3) stammte der heilige Apostel Paulus aus einer Familie von Pharisäern aus der kilikischen Stadt Tarsus. Diese Hafenstadt im Grenzgebiet der heutigen Südtürkei zu Syrien war damals ein bedeutendes Handelszentrum mit einer größeren jüdischen Diasporagemeinde, wie es sie in vielen Küstenstädten des Mittelmeerraums gab. Der lateinische Kirchenschriftsteller Hieronymus berichtet uns, dass die Eltern des Paulus aus Gischala in Galiläa stammten und, als die ganze Provinz von den Römern verwüstet wurde, in die Stadt Tarsus in Kilikien gelangten. Die Apostelgeschichte berichtet uns, dass Paulus das Bürgerrecht der Stadt Tarsus (Apostelgeschichte 21: 39) und damit ebenfalls von Geburt an das römische Bürgerrecht besaß (Apostelgeschichte 16: 37 & 22:28). Damit waren gewisse rechtliche Privilegien verbunden, die der heilige Apostel Paulus später in Konflikten um seine Mission erfolgreich zu nutzen wusste, so zum Beispiel bei seiner Gefangennahme im Tempel in Jerusalem (Apostelgeschichte 21,37-40 & 22: 23-30). Der heilige Apostel und Evangelist Lukas überliefert uns seinen jüdischen Namen: Saulus (Apostelgeschichte 7: 58 & 8: 1.3). Ob sich sein Name Paulus (griechisch: παΰλος, lateinisch: paulus oder paullus = „klein“, der Name Paulus bedeutet also wörtlich „der Kleine“) aus einer Eigenbezeichung des Apostels infolge seines Bekehrungserlebnisses vor Damaskus, oder aus der Verbindung seines Vaters beim Erwerb des tarsischen Bürgerrechtes zu einem Patronus ableitet, kann bisher nicht abschließend geklärt werden. Im Gegensatz seinem jüdisch- hebräischen Namen Saul ( שָׁאוּל), der sich vom ersten König Israel ableitet und ihm wegen der gleichen Abstammung seine Familie aus dem Stamme Benjamin gegeben wurde, ist Paulus ein Name aus dem Kontext der hellenistisch-römischen Welt. Die antiken Juden wählten im fremden Lebensumfeld in der Diaspora häufig einen zweiten Namen, der für Außenstehende sogleich verständlich war und möglichst ähnlich wie ihr ursprünglicher Name klang. Dass der heilige Apostel Paulus diesen Brauch übernahm, kann vielleicht als Hinweis darauf gesehen werden, dass er sich als römischer Bürger sicher zu bewegen wusste und dadurch seine Möglichkeiten in der Verkündigung des Evangeliums (vgl. 1. Korinther 15: 1-4) zu erweitern wusste.

 

Auf mehreren ausgedehnten Missionsreisen durchzog er vor allem die römischen Provinzen im heutigen Kleinasien, trug aber das Evangelium auch ins heutige Griechenland nach Makedonien und nach Korinth.

 

Während seiner  dritten und letzten Missionsreise (53 bis 57 nach Christus) kam der heilige Apostel Paulus nach Galatien und Phrygien (Apostelgeschichte 18,23–21,16). Am Ende dieser Missionsreise ließ er sich für zwei bis drei Jahre in Ephesus nieder (Apostelgeschichte 19: 10; 20: 31). Von dort aus missionierten der heilige Apostel mit seinen Begleitern die umliegenden Gebieter in Kleinasien, wo sie verschiedene Gemeinden gründeten. Von Ephesus aus reiste der heilige Apostel Paulus dann weiter nach Makedonien,. Von Makedonien aus ging er dann nach Griechenland, um dort den Winter zu verbringen. Von dort aus ging er wieder nach Makedonien und besuchte  Philippi, Troas und Assos. Von hier aus fuhr er mit dem schließlich per Schiff nach Caesarea Maritima, der bedeutenden Hafenstadt, die zugleich Regierungs- und Verwaltungssitz des römischen Palästina war. 

 

Ziel der Missionsreisen des Apostels Paulus war die Verkündigung des heiligen Evangeliums und, damit verbunden, der Aufbau christlicher Gemeinden. Sobald diese Kirchen in der Lage waren, selbständig entsprechend der apostolischen Anordnungen das geistliche und liturgische Leben zu vollziehen, reiste der heilige Apostel Paulus weiter in die nächstliegende Stadt, nachdem er vorher Presbyter (Priester) und Bischöfe (Episkopen) geweiht und in den neugegründeten Kirchen eingesetzt hatte. Diese christlichen Kirchen in den städtischen Zentren wurden dann zum Ausgangspunkt der weiteren christlichen Mission im Hinterland und der Gründung weiterer dortiger Gemeinden. Der heilige Apostel Paulus hielt jedoch auch danach weiter engen Briefkontakt mit diesen ,von ihm gegründeten, neuen Kirchen, in denen er die christliche Glaubenslehre vertiefte, die Presbyter und Episkopen instruierte und auf Probleme und aktuelle Fragen in den noch jungen Lokalkirchen einging.

 

Immer wieder im Laufe seiner Missionsreisen kam der heilige Apostel Paulus nach Jerusalem, um die kirchliche Einheit mit der Jerusalemer Kirche und dem dortigen Apostelkonvent zu bewahren und zu vertiefen. Im Gegensatz zur Meinung gewisser  heutiger westlicher Theologen waren die einzelnen altchristlichen Lokalkirchen niemals nach pentekostal- prebyteranischem Muster verfasst. Die über die Grenzen der jeweiligen Ortskirche hinausreichende Gemeinschaft der Einen, Heiligen, Apostolischen Kirche fand ihren lebendigen Ausdruck in ihrer gelebten Katholizität. Denn bereits in apostolischer Zeit waren die einzelnen noch jungen Kirchen untereinander eng durch das Band der gegenseitigen Liebe und des gemeinsamen, apostolischen Glaubensgutes verbunden. Ein Ausdruck dieser innigen kirchlichen Gemeinschaft war und ist bis heute, dass Besucher aus den übrigen apostolischen Kirchen zur gemeinsamen Feier der Göttlichen Liturgie und zum Empfang der Heiligen Kommunion zugelassen waren.

 

Ein weiterer Ausdruck des christlichen Liebesbandes war die gegenseitige Fürsorge der Christen füreinander, die sich weit über den eigenen Gemeindekreis hinaus ausdehnte. So berichtet uns der heilige Apostel Paulus im Römerbrief, in dem er sich vor seinem persönlichen Kommen schon einmal der römischen Gemeinde vorstellt, von seinen Reiseplänen nach Jerusalem, um dabei dorthin eine Kollekte der anderen orientalischen Kirchen zu überbringen. Diese Kollekten waren im Übrigen ein Ergebnis des Apostelkonzils gewesen, damit dadurch die apostolische Einheit zwischen den neugegründeten Kirchen und der Urgemeinde in Jerusalem gestärkt werde.

 

Offenbar wollte der heilige Apostel Paulus für die Vollendung seines Lebenswerks - die lange geplante Missionsreise in den Westen des römischen Reichs - die persönliche Zustimmung der dort Anwesenden einzuholen. Denn die übrigen Apostel, genau wie der heilige Apostel Paulus, hatten damals die Gewohnheit, zwischen  ihrer einzelnen Missionsreisen immer wieder nach Jerusalem zurück zu kehren. Deshalb war die Kirche von Jerusalem, vor der Zerstörung der Stadt im Jahre 70 nach Christus und der damit verbundenen Auswanderung der Jerusalemer Kirche nach Pella am östlichen Ufer des Jordanflusses, das geistlich-geistige Zentrum der gesamten apostolischen Christenheit.

 

Der heilige Apostel Paulus wählte am Ende seiner dritten und letzten Missionsreise mit seinen Begleitern den Landweg über Makedonien und bestieg erst in Kleinasien ein Schiff nach Palästina, um so einem geplanten Anschlag durch jüdische Gegner zu entgehen (Apostelgeschichte 20: 14). Denn der heilige Apostel Paulus hatte während seiner Missionsreisen die Verkündigung des Evangelium zwar immer in der örtlichen Synagogengemeinde begonnen und dabei dort meist auch die Gottesfürchigen und Proselyten griechischer Herkunft gewinnen können, um die sich dann die neue Ortskirche formierte; doch verkündete der Heilige Apostel Paulus den christlichen Glauben ohne jede kultische Rückbindung an das jüdische Speise- und Zermonialgesetz. Seine Missionstätigkeit wandte sich konsequent immer sowohl an die Juden und die sich zur Synagoge haltenden griechischstämmigen Gottesfürchigen und Proselyten, als auch an die übrige, nochheidnische Stadtbevölkerung.

Beides, seine tiefe Verwurzelung im alttestamentlichen Gottesvolk und seine sowohl jüdische wie auch hellenistische Bildung befähigen den heiligen Apostel Paulus zum Apostel der Völker (έθνη = deutsch: „Heiden“) zu werden. Zugleich zog er sich durch seine, für alle Menschen guten Willens offene, Missionstätigkeit den Widerspruch, ja von einigen auch den Hass von weiten Teilen des hellenistischen Diasporajudentums zu.

 

Die Befürchtungen des Apostels in Hinblick auf seine Situation bestätigten sich auch kurz nach seiner Ankunft in Jerusalem. Dort wurde der Apostel wurde von Diasporajuden angeklagt, er habe einen Nichtjuden mit in den Tempel gebracht. Hierauf stand nach der geltenden jüdischen Gesetzesauslegung die Todesstrafe, die die Römer bei solchen religiösen Vergehen, um Unruhen zu vermeiden, zuließen. Anlass dieser Beschuldigung war eine jüdische Zeremonie im Jerusalemer Tempel nach der Erfüllung eines Gelübdes, die Paulus nach jüdischer Sitte bezahlen wollte, um den Juden seine Treue zum Gott der Väter zu demonstrieren. Als es im Tempel zu einem Tumult kam, griff dort die römische Wache ein, um den heiligen Apostel Paulus vor jüdischer Lynchjustiz zu schützen (Apostelgeschichte 21: 27–36).

 

Nach einer mehrjährigen rechtlichen Auseinandersetzung, in deren Verlauf Paulus vor verschiedenen römischen Statthaltern den christlichen Glauben verkündete, appellierte der Apostel am Ende als römischer Bürger an den Kaiser im Rom (Apostelgeschichte 25: 9 ff.). Der heilige Apostel Paulus wurde daraufhin gefangen nach Rom gebracht, um seinen Rechtsanspruch in einem  Prozess vor dem kaiserlichen Gerichtshof vertreten zu können.

 

Nach einer beschwerlichen Reise, in dem der Apostel vor Malta Schiffbruch erlitt, erreichte der Heilige Paulus schließlich die Stadt Rom. Hier wurde ihm gestattet, sich unter der Bewachung eines römischen Soldaten eine eigene Wohnung zu mieten und seinen Fall hier vor den römischen Gerichten zu vertreten. So verbrachte der heilige Apostel  Paulus daraufhin rund zwei Jahre in der Stadt. In dieser Zeit konnte er sich relativ frei bewegen, Besucher empfangen und auch einen regen Kontakt zur römischen Gemeinde zu pflegen. (Apostelgeschichte 28: 11 ff.)

 

So hielten sich dann sowohl der heilige Apostel Petrus, als auch der Heilige Apostel Paulus eine Zeitlang gemeinsam in Rom auf und sie konnten beide hier zum Wohle der Römischen Kirche wirken. Dies änderte sich jedoch schlagartig nach dem schweren, mehrere Tage andauernden Brand der Stadt Rom. Da der Kaiser Nero die Schuld für den Ausbruch des Brandes den Christen anlastete, begann unmittelbar nach dem Brand eine schwere Verfolgung der Christen zunächst in der Stadt Rom selbst, dann aber auch im gesamten römischen Imperium. Im Rahmen dieser Verfolgungsmaßnahmen wurden neben unzähligen einfachen Christen auch die heiligen Apostel Petrus und Paulus gefangen genommen und ins Gefängnis geworfen.

 

Waren die beiden Apostel anfangs noch unbehelligt geblieben, so wurden sie dann im Rahmen der zweiten Verfolgungswelle in den Kerker geworfen. Nach neun Monaten schwerer Kerkerhaft wurden die beiden heiligen Apostel dann durch die römischen Gerichte zum Tode verurteilt. 

 

Während der ersten Verfolgungswelle fürchteten die Christen der römischen Gemeinde sehr, dass der heilige Apostel Petrus im nun stattfindenden Gewaltexzess   zu Tode kommen könnte. Deshalb bedrängten sie ihn aus der Stadt zu fliehen und sich im Umland zu verbergen. Schließlich gab der heilige Apostel Petrus ihrem Drängen nach und wollte die Stadt verlassen. So begab sich der heilige Apostel mit einem jugendlichen Begleiter auf den Weg aus der Stadt. Dabei erschien ihm auf der Via Appia Christus selbst. Beim Anblick der Erscheinung ließ der heilige Apostel Petrus  seinen Reisestab fallen. Er hielt seine Augen auf die Erscheinung gerichtet und rief dabei:  „Christus! Christus!“ Nun neigte der alte Mann seinen Kopf zur Erde, als ob er jemandem die Füße küsse. Darauf trat eine Zeit der Stille ein bis der heilige Apostel Petrus in lateinischer Sprache ausrief: „Quo vadis, Domine?“ (= Wohin gehst Du, Herr?) Der junge Begleiter des Petrus berichte den Christen in der römischen Gemeinde später: „Und die Ohren des Petrus vernahmen eine traurige und zugleich zärtliche Stimme: „Du verlässt mein Volk, ich aber gehe nach Rom, um mit ihnen erneut gekreuzigt zu werden.“ Der Apostel lag, das Gesicht voller Staub, auf dem Boden, ohne sich zu bewegen. Ich, sein jungendlicher Begleiter hatte Angst, dass er in Ohnmacht gefallen oder gar gestorben war. Jedoch endlich stand Petrus wieder auf. Mit den zitternden Händen nahm er seinen Pilgerstab vom Boden auf und ohne ein Wort zu sagen, drehte er sich um zu den sieben Hügeln der Stadt Rom. Nun wiederholte ich die Worte, die ich aus dem Munde des Apostels vernommen hatte: „Quo vadis, Domine?“ „Nach Rom“, antwortete mir der Apostel leise.“ 

 

So blieb der heilige Apostel Petrus in Rom, wurde am Ende gefangen genommen und zusammen mit dem heiligen Apostel Paulus im Mamertinischen Kerker, dem Gefängnis für zu Tode verurteilte Staatsverbrecher, eingekerkert. Von hier aus traten die beiden heiligen Apostel dann zusammen ihren letzten Weg an.

 

Der heilige Apostel Petrus, weil er nicht römischer Bürger war, wurde vor seinem Weg zur Hinrichtung gegeißelt und dann mit seinem Leidensgenossen dem Heiligen Apostel Paulus am 29. Juni des Jahres 67 durch das Ostiensische Tor zur Richtstätte geführt.

 

Als sie an den Ort kamen, wo sich heute die Kapelle Santa Trinità (San Pietro e Paolo separati) steht, wurden sie durch die römischen Wachsoldaten voneinander getrennt. Sie tauschten nach der Sitte der ersten Christen zum letztenmal den dreimaligen Bruderkuss aus und nahmen so Abschied voneinander.

 

Der heilige Apostel Paulus wurde drei Meilensteine, das ist eine Wegstunde, bis zu dem Ort „ad aquas Salvias“ geführt. Auf dem Wege dahin bekehrte er noch die drei Soldaten Acestus, Megistus und Longinus zum christlichen Glauben. Denn sie fragten ihn, wer denn jener König sei, den er so sehr liebe, dass er mit solcher Freudigkeit für ihn sterbe? Darauf lehrte er sie Jesus Christus kennen und gewann sie so für den christlichen Glauben.

 

Auf diesem Wege zu seiner Hinrichtungssstätte trat ihm auch seine Schülerin Plautilla entgegen, die sich am Wegesrand weinend seines Gebetes empfahl. Er bat sie um ihren Schleier, den sie auf dem Haupte trug, um sich bei der Hinrichtung damit die Augen verbinden zu lassen, und versprach ihr, denselben nach seinem Tode an sie wieder zurückzugeben. Und wirklich: Der heilige Apostel erschien ihr nach seinem Tode und brachte ihr den Schleier zurück, der mit seinem Blute bespritzt war.

 

Schließlich, am Orte seiner Hinrichtung angekommen, mußte der heilige Apostel Paulus noch einige Zeit warten, bis das Urteil an ihm vollstreckt wurde. Noch heute zeigt man jenen engen Raum unter der zweiten der drei Kirchen, welche hier stehen, wo er auf seine Hinrichtung gewartet hat. Am Ende wurde er dort an eine Marmorsäule gebunden und enthauptet. Seine letzten Worte waren: "Herr Jesus in Deine Hände empfehle ich meinen Geist." Da, wo sein heiliges Haupt hinfiel, entsprangen daraufhin drei Quellen, über welche die heutige Kirche „Alle tre Fontane“ erbaut wurde. Hier wird auch heute noch jene Säule gezeigt, an die angebunden der heilige Apostel enthauptet wurde.

 

Der heilige Apostel Petrus wurde, nachdem er vom heiligen Apostel Paulus Abschied genommen hatte, über den Fluss Tiber geführt und auf die Höhe des Hügels Janiculus geschleppt. Ehe er den Ort seiner Kreuzigung erreichte, verlor er von seinem Fuße eine Binde, welche die Wunde verband, die ihm die schweren Ketten verursacht hatten. Zum Andenken daran bauten die ersten Christen hier eine Kapelle, über deren Ort sich heute die kleine Kirche „Della Fasciola“ erhebt.

 

Als der heilige Apostel Petrus auf dem Janiculus-Hügel angelangt war, wurde für ihn das Kreuz vorbereitet, an dem er wie sein göttlicher Herr und Meister sterben sollte. Der heilige Apostel Petrus aber hielt sich für unwürdig, in derselben Stellung am Kreuze zu sterben, wie es unser HERR Jesus Christus getan hatte und bat deshalb, mit zur Erde gesenktem Haupte gekreuzigt zu werden. So gab er sein Leben im Martyrium hin, Gott lobend und preisend und von den Soldaten und frommen christlichen Frauen umgeben, die ihm auf dem Weg zu seiner Hinrichtung gefolgt waren. Dabei wollten die heilige Anastasia und Asilissa, zwei christliche römische Matronen, das Blut des heiligen Apostels mit Tüchern auffangen. Daraufhin wurden auch sie von den Wachsoldaten ergriffen mit Fackeln versengt und anschließend enthauptet.

 

An der Stelle der Kreuzigung steht heute die Kirche „S. Pietro in Montorio“. Den ersten Kirchenbau an dieser Stelle führte bereits der erste christliche römische Herrscher, der heilige, apostelgleiche Kaiser Konstantin aus. Im Hofe des anstoßenden Klosters der Franziskaner-Mönche steht heute eine schöne Rundkapelle über der Stelle, an der der heilige Apostel Petrus das Martyrium erlitt. Im untern Raum der Kapelle bezeichnet noch heute eine Öffnung im Boden den Ort, wo das Kreuz des heiligen Apostel Petrus aufgerichtet worden war.

 

Den Leib des heiligen Apostels Paulus bestattete die christliche Patrizierin Lucina auf ihrem Landgute an der ostiensischen Straße. Lucina war eine Schülerin der heiligen Apostel und suchte mit ihrem Vermögen die römische Kirche in ihren materiellen Bedürfnissen zu unterstützen. Vor allem aber besuchte und tröstete die fromme Christin die christlichen Gefangenen und sorgte für die würdevollen Beisetzung der Reliquien der heiligen Märtyrer.

 

Über dem Grabe des heiligen Apostels Paulus wurde von ihr eine Kapelle erbaut, unter deren Altar während der dreihundertjährigen Verfolgungszeit die Reliquien des heiligen Apostels Grabkammer in einem Sarg von Marmor ruhten. Im Laufe der Verfolgungszeit wurden rings um die Grabstätte des Apostels eine große Menge von heiligen Märtyrern und anderen römischen Christen beerdigt. So entstand dort im Laufe der Zeit der Fiedhof „S. Pauli Apostoli in praedio Lucinae“.

 

Nachdem die Kirche mit der Alleinherrschaft des heiligen Apostelgleichen Kaisers Konstantin endlich von den Verfolgungen befreit wurde, ließ der erste christliche Kaiser auf die Bitte des damaligen römischen Bischofs, des heiligen Sylvesters eine prachtvolle Basilika über dem Grab des heiligen Apostels Paulus erbauen. Gemäß der altchristlichen Tradition war unter dem Altar der Basilika die „Confessio“, eine kleine Grabkammer, in der sich in einem Sarg aus Stein oder Marmor die Reliquien des Heiligen befanden. Aus der apostolischen Sitte in den ersten Christengemeinden, die Feier der Göttlichen Liturgie über den Reliquien der heiligen Apostel und Märtyrer zu vollziehen, entwickelte sich der heutige orthodoxe Brauch, sowohl unter dem Altar Reliquien aufzubewahren, als auch auf den Märtyrerreliquien im Antimension die Mysterien der heiligen Eucharistie zu vollziehen.

 

Als nach dem Ende der Christenverfolgungen unter dem heiligen Kaiser Konstantin die Paulusbasilika erbaut wurde, legte der heilige römische Bischof Sylvester im Jahre 319 auch Teile aus den Reliquien des heiligen Apostels Paulus zu denen des heiligen Petrus, als der heilige Kaiser Konstantin über dessen Grab auf dem Vatikanhügel die prachtvolle Basilika Sankt Peter errichten ließ.

 

Nachdem der heilige Petrus am Kreuze verschieden war, nahm der heilige Marcellus, einer seiner Schüler, den Leichnam des Apostel vom Kreuze herab. Der Leib des heiligen Apostels Petrus wurde daraufhin vom Blute gereinigt, gewaschen, mit Spezereien gesalbt, in ein neues weißes kostbares Gewand gehüllt und bei Fackelschein und Psalmengesang der begleitenden Christen zu Grabe getragen. Der heilige Marcellus besaß an der Cornelischen Straße, am Abhang des vatikanischen Hügels, da, wo schon eine Menge Martyrer aus der früheren Neronischen Verfolgungswelle begraben worden waren, eine Familiengruft. Bei derselben angekommen, wurde der Leichnam des heiligen Apostels Petrus in einen hölzernen Sarg gelegt, mit diesem in einen steinernen Sarkophag eingeschlossen und anschließend in der Gruft des heiligen Marcellus beigesetzt.

 

Als im Jahre 68 die Gewaltherrschaft des Tyrannen Nero durch Selbstmord endete, begann auch für die römische Kirche eine kurze Zeit der Ruhe. Diese Zeit der Ruhe nutzte der heilige Bischof Anakletus, welchen der heilige Apostel Petrus Petrus selbst zum Priester geweiht hatte, und der jetzt den römischen Bischofstuhl einnahm, um über dem Grab des Apostelfürsten eine Memoria zu errichten. Angelehnt an den vatikanischen Hügel, von einem Garten mit Blumen und Bäumen umfriedet, erhob sich die Vorderseite des Monumentes. Daneben lag eine kleine Kapelle für die Versammlung der Gläubigen. Aus dem Vorhof trat man in das Innere, in eine Grabkammer aus Steinen gemauert ein, deren Wände und Decke mit Marmor bekleidet und mit Gemälden geschmückt waren. Hier stand der steinerne Sarkophag mit der einfachen Inschrift "SIMON, GENANNT PETRUS" (in griechischen Buchstaben und griechische Sprache).

 

In einer Nische an der Wand brannte eine mit Nardenöl gefüllte Lampe. An diese Grabkammer oder Gruft des heiligen Apostels stieß die Ruhestätte seiner Nachfolger, der heiligen römischen Bischöfe Linus, Cletus, Anacletus, Evaristus, Pius, Anicetus, Soter, Eleutherius und Viktor an. Während der heilige Bischof  Anacletus die Memoria des heiligen Apostels Petrus erbaute, ließ er die Reliquien desselben erheben und einstweilen an einem andern Ort „ad catacumbas“ genannt, beisetzen und so vor dem Zugriff der Heioden bewahren. Hier blieben sie ein Jahr und sieben Monate lang, bis die Memoria fertiggestellt war, in welche man ihre heiligen Reliquien dann wieder beisetzt wurden. Nachdem das Werk dann vollendet war, wurde der Leib des heiligen Petrus mit einigen Reliquien des heiligen Paulus zusammen feierlich unter Lobgesängen dahin gebracht und dort beigesetzt. Der übrige Leib des heiligen Apostel  Paulus aber wurde in der Grabkammer der Lucina an der ostiensischen Straße erneut bestattet.

 

Die Leiber der beiden heiligen Apostelfürsten blieben jetzt unbehelligt, hochverehrt von den Gläubigen, die zu Zeiten des Friedens in Scharen kamen, um hier zu beten, die Heilige Eucharistie zu feiern und ihre Liebesmahle (Agape) zu halten. Später ließ der heilige Kaiser Konstantin die bescheidenen Oratorium in zwei prächtige Kirchen umwandeln, welche den Namen Basilika Sankt Peter im Vatikan und Sankt Paul vor den Mauern erhielten. Leider wurde die christlich-antike Basilika (Alt-)Sankt Peter im 16. Jahrhundert abgebrochen und durch die heutige Kirche in den Formen der Spätrenaissance  und des Barock ersetzt. Das Grab des heiligen Apostels Petrus blieb dabei aber erhalten.

 

Zur Geschichte des deutschsprachigen orthodoxen Gottesdienstes

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Kirche ist mit ca. zwei Millionen Gläubigen heutzutage die drittgrößte christliche Konfession in unserem Lande. Die Existenz orthodoxer Gemeinden und Bistümer in Deutschland ist jedoch nicht Ergebnis einer orthodoxen Missionstätigkeit in Deutschland, sondern verschiedener Zuwanderungswellen von orthodoxen Gläubigen aus den Ländern Ost-, Südosteuropas und des Nahen Ostens. So empfindet und versteht sich die Mehrheit der orthodoxen Christen hierzulande noch mehrheitlich nicht einfach als orthodoxe Christen in Deutschland sondern sind ihrer jeweiligen Herkunftskultur mit einer ganz spezifischen Sprache, kulturellen und nationalen Identität und Mentalität zutiefst verbunden. Andere orthodoxe Gläubige, deren Familien oft schon längere Zeit - zum Teil schon mehrere Generationen – im Lande leben haben sich bereits sprachlich und kulturell an Deutschland, seine Sprache und Kultur angeglichen. Neben einer großen Mehrheit von zu- und eingewanderten Gemeindemitgliedern gibt es in den hiesigen orthodoxen Kirchengemeinden auch eine kleine Zahl deutschstämmiger Konvertiten, die durch eine persönliche Glaubens- und Lebensbiographie ihren Weg zum orthodoxen Glauben  gefunden haben.

 

Da die weitere Zukunft der orthodoxen Kirche in Deutschland, wie sie sich anhand der ähnlich verlaufenden Geschichte der orthodoxen Gemeinden in Nord- und Südamerika prognostizieren lässt, mit einer fortschreitenden sprachlichen und kulturellen Einwurzelung der Gläubigen in das deutsche Umgebungsmilieu verbunden sein wird, lohnt es sich eine Blick zurück in die Geschichte zu werfen. Denn seit beinahe 180 Jahren feiern orthodoxe Christen Gottesdienste in deutscher Sprache. Auch wenn die orthodoxen Gläubigen deutscher Zunge bisher eine verschwinden kleine Gruppe in der multinationalen Gemeinschaft der Orthodoxen in Deutschland sein mögen, eine neue Erscheinung sind sie nicht.

 

Ihren ersten Anfang nahm das orthodoxen Gemeindeleben auf deutschem Boden durch russische Christen. Bereits im 1651 wurde erstmals ein orthodoxer Gottesdienst im ostpreußischen Königsberg für dort handeltreibende russische Kaufleute zelebriert.

 

 

Danach vergingen nochmals fast fünfzig Jahre, bis in Deutschland die erste dauerhaftere orthodoxe Gottesdienststätte entstand. Auf Anordnung von Zar Peter dem Großen wurde der Priester Gerasim dem russischen Gesandten am preußischen Königshof, Graf Aleksander Glowkin, als Hausgeistlicher zugewiesen. Die ersten orthodoxen Gottesdienste in Berlin fanden dann seit dem Jahre 1718 in einem Raum der damaligen russischen Gesandtschaft und unter Verwendung einer transportablen Ikonostase statt. Doch wurde damals noch keine ständige Hauskirche in den Räumen der russischen Gesandtschaft eingerichtet. Vielmehr wurde zur Feier der orthodoxen Gottesdienste jeweils ein Raum hergerichtet, das heißt, die Kirchenausstattung wurde nach der liturgischen Feier wieder entfernt. Dadurch, dass die orthodoxen Geistlichen in Berlin jeweils dem russischen Gesandten als persönliche Hausgeistliche zugeordnet waren, blieben sie nur solange in der preußischen Hauptstadt, wie der jeweilige russische Gesandte, zu dessen diplomatischen Gefolge sie gehörten, am preußischen Hof akkreditiert war. So war die Dauer des Aufenthaltes der orthodoxen Geistlichen in Berlin damals noch von kürzerer Dauer.

 

Diese Reisekirche fand jeweils ihre Aufstellung in verschiedenen Privathäusern, die von der russischen Regierung zur Unterbringung ihrer Gesandtschaft oder den jeweiligen Gesandten selbst angemietet wurden. Diese Reisekirchen gehörten zur persönlichen Ausstattung des jeweiligen Gesandten, das heißt, sie wurden bei seiner Versetzung an einen anderen Ort samt seiner gesamten Entourage mitgeführt Im Jahre 1746 reiste deshalb die transportable Kircheneinrichtung mit dem russischen Gesandten an dessen neuen Wirkungsort nach London. Erst im Jahre 1764 kam dann aus Holland eine neue Kircheneinrichtung nach Berlin. Diese wurde dann im für die Gottesdienste bestimmten Raum des neuen russischen Gesandtschaftsgebäudes an der Straße ‚Unter den Linden‘ fest eingebaut. Die so entstandene Hauskirche wurde dem heiligen apostelgleichen Großfürsten Wladimir gewidmet, während die ältere, auf- und abbaubare Kapelle der ‚Darstellung des Herrn‘ geweiht gewesen war.

 

Die orthodoxe Hauskirche zu Ehren des heiligen Großfürsten Wladimir war bis zur Errichtung der Friedhofskirche zu Ehren der heiligen apostelgleichen Konstantin und Helena in Berlin Tegel die einzige orthodoxe Kirche in der preußischen Hauptstadt. Die Hauskirche war zugleich mit dem Bezug der neuen russischen Gesandtschaft im Jahre 1837 eingerichtet worden. Diese Gesandtschaft war in einem zweigeschossigen Rokoko-Palais untergebracht. Nach dem Kauf ließ das russische Reich jedoch das Anwesen bedeutend erweitern und verändern. So wurde es in den Jahren zwischen 1840 und 1841 auf drei Etagen aufgestockt. Danach wurde auch die Hauskirche des heiligen apostelgleichen Großfürsten Wladimir in einem der neu entstanden Säle fest eingebaut. Die russische Botschaftskirche war mit Ausnahme der Jahre des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) alle orthodoxen Christen, aber auch Betern und Gottesdienstbesuchern anderer Konfessionen offen. So zählten in der Wilhelminischen Epoche neben Russen, auch Bulgaren, Griechen, Serben und Rumänen zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern. Der Kirchensaal im Botschaftsgebäude bot aber nur höchstens 150 Personen Platz. Für die Griechen ergab sich im Jahre 1905 die Gelegenheit, in der Nähe des Oranienburger Tores im Hof des Privathauses Oranienburger Straße 28 eine eigene Kirche zu errichten, die der Göttlichen Weisheit (Hagia Sophia) geweiht wurde. An dieser neuen Kirche dienten der aus Chicago gesandte Archimandrit Nektarios (Mawrogordatis) und der Diakon Polykarpos (Tomas), der damals noch an der Berliner Universität studierte. Alle anderen orthodoxen Christen kamen in der Botschaftskirche zusammen, in welcher die Gottesdienste deshalb teilweise in kirchenslawischer, teilweise aber auch in deutscher Sprache zelebriert wurden.

 

Auch nach dem ersten Weltkrieg fanden in der Hauskirche zu Ehren des heiligen Wladimir erneut wieder Gottesdienste statt, bis dann mit der Aufnahme diplomatischen Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und der Sowjetunion im Jahre 1922 die Gottesdienste eingestellt werden mussten.

 

 

Im Jahre 1773 wurde der bisherige Diakon an der Sankt Petersburger Andreas-Kathedrale, Vater Trifon Kedrin, zum neuen Priester an die Berliner Gesandtschaftskirche berufen. Vom Zeitpunkt seiner Berufung an verfügen wir über regelmäßige genauere Detailangaben über Geschichte und Entwicklung der russischen Gesandtschaftskirche in Berlin.

 

Vater Trifon verstarb am 02. Juli 1782 in Berlin. Der Metropolit von Sankt Petersburg und Nowgorod ernannte daraufhin denTheologietudenten Gawriil Dankow, dessen Amtszeit in Berlin rund fünfzehn Jahre währte, zu seinem Nachfolger. Vater Gawriil verließ anschließend Berlin, um kurze Zeit als Geistlicher für die Angehörigen der russischen Gesandtschaft am sächsischen Hof in Dresden zu dienen. Am 17. Januar 1800 wurde er dann zum Hausgeistlichen der großherzoglichen Erbprinzessin Elena Pawlowna in Weimar ernannt. Vater Gawriil wurde wegen seiner umfassenden Bildung am Hof in Weimar, dem Zentrum der deutschen Klassik, sehr geachtet.

 

Nach dem Weggang von Vater Gawriil kam aus Dresden Vater Joan Tschudowski, um zunächst nur kurze Zeit an der Berliner Gesandtschaftskirche zu dienen ,ehe er als Hausgeistlicher an den Hof der Großherzogin Anna Feodorowna von Sachsen-Coburg-Gotha in Coburg versetzt wurde.

 

Der Grund für diese Versetzung war, dass der neu ernannte Gesandte, Graf David Alopeus, nicht orthodox war. Doch die Abwesenheit von Vater Joan Tschudowski von Berlin dauerte nicht sehr lange. Bereits im April 1813 wurde er in den Rang eines Erzpriesters erhoben und erneut nach Berlin versetzt. Doch die Zeit in Weimar war nicht nutzlos gewesen, denn Vater Joan war in dieser Zeit sehr gut mit der deutschen Sprache, Kultur und Mentalität vertraut geworden. So war Vater Joan nun gut darauf vorbereitet, mit seiner, mit der Rückkehr nach Berlin unmittelbar einsetzenden, Übersetzungstätigkeit der liturgischen Texte die orthodoxe Kirche selbst durch den Inhaltsreichtum ihrer Gottesdienste zur deutschen Umgebung sprechen zu lassen. Die orthodoxe Kirche und ihr Glaubensleben der deutschen Gesellschaft verständlich werden zu lassen - hierin lag der Beweggrund für die nun einsetzende Übersetzungstätigkeit durch Vater Joan. Es war also nicht der Missionsgedanke, der zu einer ersten Begegnung der gebildeten Deutschen in Berlin mit den Gebetstexten der Orthodoxie führte, sondern der Wunsch hierdurch eine Brücke des besseren Verstehens zwischen gebildeten Deutschen und der russischen Kultur in Berlin zu bauen. Hierin setzte Vater Joan Tschudowski seine kulturvermittelnde Tätigkeit aus seiner Weimarer Zeit fort. Zugleich legte er damit aber auch das Fundament für die späteren deutschsprachigen Gottesdienste in Potsdam.

 

 

Zu den Aufgaben des an dieser Berliner Kirche dienenden Priesters, der Lektoren und Kirchensänger gehörte auch die Seelsorge und damit die Feier orthodoxer Gottesdienste für die Angehörigen eines russischen Sängerchors und ihrer Nachkommen, die in der Kolonie Alexandrowka in Potsdam wohnten. Für sie wurde in den Jahren zwischen 1826 und 1829 die russische orthodoxe Alexander-Newskij-Kirche auf dem Kapellenberg im Norden Potsdams errichtet. Durch die schnelle sprachliche und kulturelle Annäherung der russischen Kolonisten und ihrer Nachkommen an ihre deutsche Umgebung verfügte im Mai 1839 der Heilige Synod in Sankt Petersburg, dass die orthodoxen Gottesdienste in Potsdam fortan in deutscher Sprache gefeiert werden sollten. Bereits im Jahr 1836 war für die Berliner Gemeinde durch den zuständigen Metropoliten von Sankt Petersburg und Nowgorod die Erlaubnis erteilt worden, die Göttliche Liturgie auch in deutscher Sprache zu zelebrieren.

 

Gerade die russische Kirche, die im Laufe ihrer Geschichte Angehörige der vielen unterschiedlichen Völker für den orthodoxen Glauben gewinnen konnte, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts in besonderer Weise darauf vorbereitet, diesen Dienst zu tun. Denn die orthodoxen Christen in Südosteuropa waren damals gerade erst dabei, sich mühsam vom drückenden jahrhundertelangen islamischen Joch unter den osmanischen Türken zu befreien. Danach waren sie zunächst besonders darauf ausgerichtet, ihre nun freien orthodoxen Nationen zu festigen und in ihren Ländern moderne Nationalstaaten aufzubauen. So dauerte es noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis auch griechische Missionare des Patriarchats in Alexandrien größere Gruppen von Afrikanern für die Orthodoxie zu gewinnen begannen. Heute ist es vor allem die orthodoxe Kirche von Hellas, die die orthodoxe Missionsarbeit besonders unterstützt und fördert.

 

Vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war es jedoch die russische Kirche, die den orthodoxen Glauben bereits zu den Völkern in Sibirien und zu den amerikanischen Ureinwohnern nach Alaska getragen hatte. Sie hatte die Orthodoxie nach Japan, China und Korea, aber auch ins heutige Estland und Lettland gebracht. Bis heute werden orthodoxe Gottesdienste in der russischen Orthodoxie ganz selbstverständlich nicht nur in der kirchenslawischen Sprache, sondern ebenso in vielen weiteren modernen Sprachen in aller Welt gefeiert.

 

 

Deshalb war es gerade die russischen Orthodoxie, die in Deutschland bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts Gottesdienste nicht nur in altkirchenslawisch, sondern ebenfalls auch in der deutschen Landessprache feierte. Der Synodalerlass vom 5. Mai 1839, der festzusetze, dass die Gottesdienste an der orthodoxen Kirche in Potsdam fortan in deutscher Sprache zu feiern seien, bezeichnet zeitlich zugleich den offiziellen Beginn einer bis heute andauernden Aufgabe für alle orthodoxen Bischöfe und Priester in Deutschland: Die neu hinzugekommene Aufgabe der Seelsorge an orthodoxen Christen deutscher Zunge.

 

Die seelsorgerlichen und kulturellen Leistungen von Vater Joan Tschudowski erfuhren am Ende ihre Würdigung in vielfältigen Ehrungen. So wurde ihm anlässlich der von ihm zelebrierten kleinen Weihe der Kirche zu Potsdam im Jahre 1829 das goldene Priesterkreuz, sowie der preußische schwarze Adlerorden 3. Klasse verliehen. Im Jahre 1832 wurde ihm dann auch der Sankt-Annen-Orden 2. Klasse mit Krone verliehen. Achtzigjährig trat der unermüdliche Seelsorger und eifrige Priester in den wohlverdienten Ruhestand. Aber bereits im Jahr 1834 verstarb Vater Joan in Berlin und wurde in der von ihm geweihten Kirche in Potsdam beigesetzt. Sein Übersetzungswerk wurde in späteren Jahren dann in Berlin von Erzpriester Alexej Maltzew weitergeführt.

 

Dem greisen Vater Ioan Tschudowski hatte in Potsdam bereits Vater Sachari Petrow als Diakon und später als Priester geholfen. Als auch dieser Geistliche verstorben war, übernahm Erzpriester Dorimedont Sokolow ab 10.Oktober 1831 die Betreuung beider Kirchen. Auch sein Nachfolger, Erzpriester Wassili Polisadow, versah seinen priesterlichen Dienst in beiden Gemeinden. Offensichtlich hat er zumindest in der ersten Zeit häufiger in Potsdam als in Berlin zelebriert, da zu dieser Zeit Umbau und Übersiedlung der russischen Gesandtschaft fiel.

 

 

Zwei Jahrzehnte nach den ersten deutschsprachigen Liturgiefeiern in Potsdam erschien in deutscher Sprache ein kleines Büchlein „Auszug aus der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus für die russische Colonie Alexandrowka bei Potsdam“. Neben der deutschen Übersetzung wurde hier auch der kirchenslawische Text in lateinischer Schrift abgedruckt.

 

Bald schon wurde die Übersetzungstätigkeit auch von Priestern an anderen russischen Kirchen in den deutschen Ländern aufgegriffen. Während in Berlin die umfassende Übersetzungstätigkeit erst einige Jahrzehnte später von Erzpriester Alexej  Maltzew fortgeführt wurde, entstanden an anderen Orten in der Zwischenzeit weitere wichtige Übersetzungen.

 

In Wien war es Erzpriester Michail Rajewskij, der im Jahre 1862 die dreibändige Übersetzung des priesterlichen Gebetbuches (Rituale, Euchologion) veröffentlichte. Seine geniale Beherrschung der deutschen Sprache setzte bis heute bleibend gültige Maßstäbe. Sie beeinflussten maßgeblich alle weiteren Bemühungen auf diesem Gebiet.

 

Auch in anderen Gemeinden fanden diese ersten deutschsprachigen Textangebote eine wohlwollende, ja begeisterte Aufnahme. Nun war es an der Zeit auch an die nun notwendige musikalische Bearbeitung der deutschsprachigen Liturgieübersetzungen zu gehen. Denn der liturgische Reichtum der orthodoxen Kirche bedurfte nicht nur einer sprachlichen, sondern gerade auch einer gesanglichen Brücke. Nur im Erklingen in aller Schönheit und Fülle werden das Gebet und die liturgischen Vollzüge zur Einheit des orthodoxen Gottesdienstes. Der zelebrierende orthodoxe Priester bedarf notwendig der mit ihm betenden und auf sein Gebet antwortenden Gemeinde. Die gemeinsame Stimme der Gemeinde wird im Gebet geleitet durch den Chor. Der Gesang ist nicht einfach verzierendes Beiwerk, sondern durch den Gesang wird die Fülle der dogmatischen Lehraussagen, die das gesamte liturgische Gebet gleichsam wie Goldfäden durchwirken mitgetragen. Auf der Ebene des kirchlichen Gesangs vollzieht sich der Übergang des gebeten Wortes der in heiligen Kirche in eine geistliche Realität die die Seele der Menschen zu erreichen vermag. Insofern war der nächste Schritt zum deutschsprachigen orthodoxen Gottesdienst der des übersetzten Wortes in das gesungene gebetete Wort.

 

In Wiesbaden bemühte sich Erzpriester Joan Janytschew bereits schon seit geraumer Zeit, den oft allzu monotonen Gesang der zwei Kirchensänger durch den ersten russischen orthodoxen Sängerchor in Deutschland zu ersetzen. Sein Nachfolger Erzpriester Sergi Protopopow, konnte daraufhin schon im Jahre 1891 erstmals vierstimmige Chorsätze zu deutschsprachigen Gesängen der Göttlichen Liturgie veröffentlichen. Erzpriester Joan Janytschew kam dann im Jahre 1858 an die Kirche in Berlin. Vater Joan Janyschew kam zwar nur für ein Jahr nach Berlin, doch brachte er als geistiges Gepäck seine ersten Erfahrungen im orthodoxen Kirchengesang in deutscher Sprache mit. Von diesen praktischen Chorerfahrungen profitierten die deutschsprachigen Gottesdienste in Berlin und Potsdam erheblich. Seine großen Erfahrungen, welche er aus Wiesbaden mitbrachte, sowie seine umfassende Bildung gaben weitere wesentliche Anstöße für den Fortschritt der Übersetzungen der liturgischen Texte.

 

Wenn orthodoxen Christen einen Gottesdienst in deutscher Sprache feiern, so verwenden sie bis heute vielfach noch immer Texte, die einem orthodoxen liturgischen Übersetzungswerk entnommen sind, das inzwischen rund 100 Jahre alt ist. Nicht nur die Textqualität dieser Übersetzung, sondern gerade auch die bis heute unübertroffene Vielfalt und Bandbreite der übersetzten liturgischen Bücher macht den ‚Maltzew‘ bis zum heute Tage fast unverzichtbar.

 

 

Wer aber war der Erzpriester an der Berliner Botschaftskirche, der hinter den deutschen Übersetzungen großer Teile der orthodoxen Gottesdienstbücher steht? Wer war dieser russische Geistliche, der durch seine unermüdliche Übersetzungsarbeit zu einem geistlichen Vater der orthodoxen Christen, die in deutscher Sprache beten wurde?

 

Sicherlich kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass der langjährige Berliner Gesandtschaftsgeistliche Erzpriester Aleksej Maltzew (1854-1916) zu denjenigen gezählt werden muss, denen eine Verwurzelung der Orthodoxie in Deutschland zu verdanken ist. Im Jahre 1886, vier Jahre nach seiner Priesterweihe, kam der damals 32-jährige Vater Alexej nach Berlin. Hier versah er seinen priesterlichen Dienst fast drei Jahrzehnte lang, ehe der Ausbruch des ersten Weltkriegs seinem Schaffen 1914 ein jähes Ende setzte.

 

Die russische Botschaftskirche blieb in den Jahren 1914 bis 1918 wie die meisten der russischen orthodoxen Kirchen in Deutschland geschlossen. In einem sich mehr und mehr chauvinistisch aufladenden politischen und geistigen Klimas wurde allein schon die Abhaltung orthodoxer Gottesdienste als subversiv und die Teilnahme an ihnen als unpatriotischer, ja geradezu feindlicher Akt betrachtet.

 

Priester Vasilij Göcken, der als deutscher Konvertit eine große Stütze für Erzpriester Aleksej Maltzew gewesen ist, konnte jedoch in Tegel und Potsdam bis zu seinem Tode im Jahre 1915 sporadisch orthodoxe Gottesdienste abhalten. Danach zerstreuten sich die verbliebenen Gläubigen unter dem anhaltenden ideologischen Druck mehr und mehr.

 

Wer war eigentlich dieser Vater Vasilij Göcken gewesen? Wie war er zur Orthodoxie gekommen? Vater Alexej Maltzew war, obwohl Priester an einer Botschaftskirche weniger der Typ geistlicher Angehöriger des russischen diplomatischen Personals als zuerst und vor allem orthodoxer Priester und Seelsorger für alle orthodoxen Christen in Berlin, die dies wünschten. Im Gegensatz zu manch anderen russisch-orthodoxen Geistlichen, auch vielen seiner Vorgänger in Berlin, kümmerte sich Vater Alexej nicht nur um die russischen Gläubigen, sondern ebenso intensiv auch um die übrigen Orthodoxen anderer Nationalitäten. Durch die teilweise auch deutschsprachigen Gottesdienste in Berlin hatten hier auch Deutsche ihren Weg in die orthodoxe Kirche gefunden. Wegen dieser Konversionen, aber auch wegen der seelsorgerlichen Arbeit in Potsdam, durch die Vater Alexej den Übertritt der Nachkommen des russischen Sängerchors zur evangelischen Kirche zum Erliegen brachte, gab es massive diplomatische Irritationen zwischen deutschen Behörden und der russischen Botschaft. Vater Alexej lies sich davon jedoch nicht beirren. Wie um alle übrigen Orthodoxen so kümmerte er sich in gleicher Weise um die deutschen Mitglieder der russisch-orthodoxen Gemeinden in Berlin und in Potsdam. Um diese besser seelsorgerlich betreuen zu können sorgte er dafür, dass sein Mitarbeiter Anton Ferdinand Goecken (1845-1915), ein in den Kriegen von 1864 und 1870/71 mehrfach ausgezeichneter Landwehroffizier und späterer Zivilbeamter im Jahr 1894 vom Erzbischof von Cholm und Warschau, Flavian (Gorodeckij), zum Priester geweiht wurde. Vater Vasilij war der Sohn eines preußischen Militärarztes jüdischer Abstammung, doch selbst bereits römisch-katholischer Konfession. Im Jahr 1890 war er zum orthodoxen Glauben konvertiert war und hatte bei der Myronsalbung den Namen Vasilij (Basilius) angenommen. Er war der erste gebürtige Deutsche, der zum orthodoxen Priester geweiht worden war.

 

 

Obwohl Vater Alexej Maltzew kompromisslos in seiner orthodoxen und priesterlichen Haltung war, war er in all den Jahren seines Dienstes in Deutschland ein kundiger und gefragter Gesprächspartner im Dialog mit anderen christlichen Kirchen. Mit evangelischen, römisch-katholischen und alt-katholischen Theologen trat er in einen fachkundiges theologisches Gespräch. Dabei scheute er sich auch nicht, mit den Heterodoxen in eine publizistische Auseinandersetzung einzutreten. Bemerkenswert dabei ist der theologische Stil von Vater Alexej: Sosehr er seine Positionen zu verteidigen weiß, sosehr vermeidet er stets konsequent jede billige Polemik. Dies gilt auch für jene kirchlichen Gemeinschaften, denen er wenig Sympathie entgegenbrachte, da sie seiner Ansicht nach urkirchliche liturgische Praktiken und Glaubensgüter leichtfertig und überflüssigerweise aufgegeben hatten, nämlich den Anglikanern und Protestanten. Auch die Bewegung der Altkatholiken, die sich damals erst als eigene Konfession richtig zu formieren begannen, brachte er eher Unverständnis entgegen, denn er sah in ihnen vor allem Abweichler von der gemeinsamen altkirchlichen liturgischen Tradition des Ostens und des Westens sah. Aus dem gleichen Denken heraus schätzte er gerade die römisch-katholische Kirche, als zwar nicht vollkommen mit der orthodoxen Kirche übereinstimmend, doch auch nicht unwiederbringlich von ihr getrennt.

 

 

Unzweifelhaft aber war Berlin zu dieser Zeit die bedeutendste orthodoxe Gemeinde in ganz Deutschland, wobei Vater Alexej Maltzew und Vater Vasilij Göcken alle orthodoxen Christen der Stadt ungeachtet ihrer Nationalität betreut. Seit dem Jahr 1905 bestand dann bis zum Weggang der beiden griechischen Geistlichen bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch die griechische Kirche Agia Sophia in der Oranienburger Straße. Den orthodoxen Friedhof mit der von Vater Alexej und Vater Vasilij ebenfalls betreuten Friedhofskirche zu Ehren der heiligen apostelgleichen Konstantin und Helena in Tegel besuchten und nutzen alle orthodoxen Christen der Stadt: Russen, Griechen, Serben, Bulgaren Rumänen und auch die deutschen Orthodoxen.

 

Von der Aufgeschlossenheit eines Erzpriesters Alexej Maltzew und eines Priesters Vasilij Göcken blieb nach dem Ersten Weltkrieg so gut wie nicht übrig. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war nicht nur eine ganze kulturelle Epoche zu Ende gegangen, sondern auch das orthodoxe kirchliche Leben in Deutschland erwachte unter vollkommen veränderten Vorzeichen. Die Revolutionsereignisse im Russland des Jahres 1917 und der daraufhin ausbrechende russische Bürgerkrieg (1918 bis 1922) veranlassten viele russische Christen ihre Heimat zu verlassen. Sie suchten in verschiedenen Nachbarländern Zuflucht. Diese russischen Emigranten reaktivierten auch in Berlin das orthodoxe kirchliche Leben, jedoch unter nun ausschließlich russischen Vorzeichen. So endete mit dem fast gleichzeitigen Tode von Vater Vasilij und Vater Alexej im Jahr 1915 eine erste historische Entwicklungsphase deutschsprachiger orthodoxer Gottesdienste.

 

Auch Vater Alexej musste wie das gesamte Personal der russischen Botschaft in Berlin unter demütigenden Begleitumständen Deutschland verlassen. Schon seit Jahren schwer an Diabetes leidend, hat er diesen Schicksalsschlag nicht mehr verkraftet. Zwar versuchte er in Moskau, wo er im September 1914 eine Wohnung fand, seine Publikationsarbeit fortzusetzen. Jedoch begrenzten Krieg und Krankheit seine Schaffenskraft, so dass diese Pläne ihm am Ende misslangen. Ende Januar 1915 musste sich Vater Alexej zur Kur nach Kislowodsk begeben. Dort entschlief er im Herrn in der Nacht vom 28. Zum 29 April 1915. Dies war fast auf den Tag genau einen Monat nachdem sein getreuer Mitstreiter Priester Vasilij Goecken zu Gott heimgekehrt war. Seine sterbliche Hülle wurde nach Petrograd überführt und dort auf dem Friedhof der Lawra des heiligen Aleksander Newskij beigesetzt. Sein Andenken, wie das aller übrigen orthodoxen Priester, die sich mit ihrer Arbeit und Mühe um die Feier der Göttlichen Liturgie in deutscher Sprache verdient gemacht haben, sollte unter den deutschsprachigen orthodoxen Christen auch in Zukunft bewahrt werden. Ewiges Gedenken!

 

 

 

Der selige Prokopius von Ustjug und Lübeck,

Narr in Christo

 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 Wenn in Norddeutschland orthodoxe Gemeinden ihre Kirchen dem Gedächtnis des seligen Prokopius, einem Narren in Christo, der in der Hansestadt Lübeck das Licht der Welt erblickte, weihen,  so bedeutet das nicht nur ein Gedenken an einen aus dieser Region stammenden Heiligen, sondern die orthodoxen Gläubigen versammeln sich damit zugleich um einen von der Gnade Gottes erleuchteten Menschen, an dessen Leben die verborgenen Wege Gottes für uns sichtbar werden.

 

Der selige Prokopius von Ustjug und Lübeck war ein Narr in Christo. Er wurde im 13. Jahrhundert in der deutschen Hansestadt Lübeck geboren und starb im Jahre 1303 in Weliki Ustjug). Der heilige Prokopius war ein Hansekaufmann. Sein westlicher Name war möglicherweise Jacob Potharst.

 

Es waren wirtschaftliche Interessen, die deutsche Hanse-Kaufleute, in eines der wichtigsten Handelszentren im Ostseeraums führten: Veliki Nowgorod, eine stolze Stadtrepublik freier Bürger mit einem riesigen Gebiet, das bis zum Weißen Meer reichte.

 

Zugleich war Nowgorod mit seinen zahlreichen Kirchen und Klöstern, die noch heute gleich Perlen an einer Schnur im Zentrum der Stadt zu finden sind, das Zentrum des orthodoxen Glaubens in hohen Norden. Von hier aus wurden die Karelier missioniert und damit die orthodoxe Kirche in Finnland gegründet. Die Kathedrale der Stadt ist der geheimnisvollen Göttlichen Weisheit (Sophia) geweiht. Vom Ruf der göttlichen Weisheit wurde auch das Herz dieses jungen Hansekaufmanns angerührt: „„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; und dann komm und folge Mir nach!“ (Matthäus 16:21)

 

Der Eindruck der heiligen Ikonen, die schlichte Eleganz der Nowgoroder Kirchen und die Gottesnähe der dortigen  orthodoxen Gottesdienste, die zuvor schon die Gesandten des heiligen Großfürsten Wladimir in Konstantinopel so sehr angesprochen haben, dass sie sich im Himmel wähnten und der Kiewer Rus dieses Christentum als den wahren Glauben empfahlen, zogen den jungen Mann unwiderstehlich an. Prokopius wiederfuhr aber nicht die Faszination des Exotischen, sondern Christus legte seine Hand auf sein Herz. Es widerfuhr dort etwas, das der Akathist zum seligen Prokop im 2.Kondakion mit den Worten ausdrückt, dass er „von der Liebe zum orthodoxen Glauben verwundet“ worden ist. Die Liebe Gottes die diesem jungen Mann begegnete ist eine Verwundung, die den Menschen wirklich in Mark und Bein trifft, oder wie die Heiligen sagen: die uns mitten ins Herz trifft und dadurch unser Leben unwiderruflich und für immer verändert.

 

So wandte er sich an den Igumen eines der Nowgoroder Klöster, einen Starez, den heiligen Varlaam Chutynski. Von ihm im orthodoxen Glauben und der christlichen Lebensweise unterwiesen empfing er die orthodoxe Taufe. Die Einladung des Herrn, um der Vollkommenheit willen den Reichtum zu verschenken und Ihm nachzufolgen, wurde diesem in der Stadt reich gewordenen Geschäftsmann zur persönlichen Anrede Gottes. Nach dem Tod seines Vaters verteilte der Lübecker Kaufmann den im Handelskontor Peterhof erworbenen Wohlstand und Reichtum unter den Armen und trat dann um das Jahr 1300 in das Kloster in der Stadt Nowgorod ein, dem der heilige Warlaam Chutynski als Abt vorstand und erhielt dabei den Mönchsnamen Prokopius in Erinnerung an Prokopius von Cäsarea.

 

Doch auch unter seinen klösterlichen Mitbrüdern blieb der zukünftige Heilige der Fremde mit einer anders gearteten Mentalität, eben der westliche Ausländer in Nowgorod, ein Zuwanderer aus Norddeutschland in die fremde russische Kultur. Der junge Mönch hatte das Ziel seines Lebens, die bedingungslose Gemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott, noch nicht erreicht.

 

Das Problem jedes geistlich suchenden Menschen, die eigene Eitelkeit und den durch die Leidenschaften in uns eingewurzelten Egoismus zu überwinden, trieben den Mönch Prokopius noch weiter aus der vertrauten Lebenswelt hinaus. Er wollte die große Kluft zwischen dem gesunden Menschenverstand, der unseren Alltag prägt, und dem Hören auf die göttliche Weisheit, die durch das Evangelium Christi zu uns spricht, überwinden. So besann sich Prokopius auf die Predigt des heiligen Apostels  Paulus, der mit der Torheit des Kreuzes in der Nachfolge Christi die Klugen in der Gemeinde zu Korinth konfrontiert hatte: „„Wir sind Narren um Christi willen. Ihr dagegen seid kluge Leute in Christus.“ (1. Korinther 4:10). Prokopius verlies nun nach einigen Jahren das Kloster mit Erlaubnis des Abtes, erbat sich dafür drei schwere Schüreisen, um eine Last auf der Schulter tragen zu können nach dem Wort Jesu: "Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will, verleugne er sich und nehme sein Kreuz auf sich" (Lukas 9:23).

 

Prokopius nahm die in Russland bis dahin unbekannte Lebensform eines Narren in Christo  an. Vorbilder für diesen besonderen Weg der Askese hatte es nur wenige in Byzanz gegeben. Der berühmteste unter den byzantinischen Narren in Christo ist der heilige Andreas Saloi,  der den verzweifelten Einwohnern Konstantinopels angesichts eines feindlichen Ansturms im 10. Jahrhundert mit einer Vision der Gottesmutter, die ihren Schleier schützend über die Gläubigen in der Blachernen-Kirche und über die ganze Stadt breitete, Trost und Zuversicht gespendet hatte. Die orthodoxe Kirche gedenkt der wunderbaren Rettung Konstantinopels durch die Hilfe der Gottesmutter mit dem Pokrow-Fest (Maria-Schutz-und-Fürbitte) am 01. Oktober.

 

Der heilige Prokopius führte nun das Leben eines Narren um Christi willen, das heißt, er lebte als Obdachloser verachtet am Rande der Gesellschaft. Damit verbunden war ein provokantes Auftreten jenseits gesellschaftlicher Konventionen: Ein völlig verwahrlostes Äußerliches, Missachtung der Fastentage, provokante Diebstähle an Marktständen, zweideutiges Verhalten gegenüber stadtbekannten Huren etc. Damit erregte er tagsüber den Ärger der Bevölkerung, während er die Nächte mit Gebet und Bußübungen verbrachte.

 

Diese öffentliche Wahrnehmung nahm der heilige Prokopius zum Anlass, seine innere asketische Emigration aus der Welt auch äußerlich konsequent fortzusetzen, indem er sich zu Fuß immer weiter nach Osten begab. Prokopius durchwanderte auf seinen Weg fast undurchdringliche Wälder und menschenleeres, unwirtliches Gelände. Über die Orte Tichwin, Belozwersk und Wologda gelangte er schließlich nach Welikij Ustjug im äußersten Osten des Nowgoroder Gebiets, rund 1000 km Luftlinie von der Handelsmetropol entfernt. Auch hier lebte er obdachlos auf einem Müllabladeplatz oder auf den Treppen einer Kirche schlafend. In Weliki Ustiug begann dann seine eigentliche Wirksamkeit als prophetische Existenz. Prokopius wirkte hier aber abgesehen  von seinen unablässigen und ungern gehörten Rufen zur Umkehr in Fasten und Beten, nicht mit Worten, sondern durch sein Leben, das als solches zum geistlichen Zeichen und zur beständigen Mahnung wurde.

 

In Weliki Ustjug prophezeite der heilige Propkopius, dass ein riesiger Meteorit drohe, die Stadt zu zerstören. Durch seine Fürbitten und Gebete hat er die Stadt Weliki Ustjug vor diesem Kometeneinschlag bewahrt. Der Himmelskörper schlug dann rund 30 Kilometer entfernt ein. Der Einschlagskrater ist noch heute zu sehen. Vor einem einfachen Mädchen fiel der Heilige  auf die Knie gefallen und weissagte ihr, sie werde die Mutter des künftigen Bischofs von Perm werden. Die Permjaken, ein finnisches Volk, war damals noch heidnisch. Tatsächlich wurde ihr Sohn, der heilige Stephan zum Erleuchter dieses Volkes in Nordrussland und zum ersten Bischof von Perm.

 

Als der heilige Prokop den Tod nahen fühlte, legte er sich in den Schnee und wurde erst bei der Schneeschmelze gefunden. Die Reliquien des heiligen Prokopius befinden sich in der im Jahre 1668 errichteten und ihm geweihten Kathedrale in Weliki Ustjug. Auch an der Fundstelle seines Leichnams steht ebenfalls eine ihm geweihte Kirche. Die Heiligkeit und rechtmäßige Verehrung des gerechten Prokopius, des Narren in Christo Prokopius wurde im Jahre 1547 von einer Synode in Moskau bestätigt.

 

Die orthodoxe Kirche verehrt die heiligen Ikonen als Bekenntnis zur Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die heiligen Ikonen sind aber keine fotografischen Porträts mit innerweltlicher Sichtbarkeit wie es uns die Momentaufnahmen mit der Fotokamera vermitteln, sondern sie lassen für uns wesentlichen Züge des Heiligen im Zustand der Theosis, also in der gnadenhaften Verklärung durch den Heiligen Geist, aufscheinen. Hierbei können wir mit den geistlichen Augen unseres Herzens das besondere Charisma, also das eigene geistliche Profil des jeweiligen Heiligen, schauen.

 

Wegen dieses besonderen geistlichen Profils wurden dem heiligen Prokopius von Ustjug und Lübeck dann nach dem zweiten Weltkrieg auch verschiedene orthodoxe Kirchen in Deutschland geweiht. Denn als nach dem zweiten Weltkrieg erneut hunderttausende Flüchtlinge und Emigranten vor der stalinistischen Diktatur und dem Nachkriegselend in Osteuropa gen Westen flüchteten und unter anderem in Norddeutschland eine neue Heimat suchten, fanden sie in diesem deutschen Narren in Christo, der als Emigrant in umgekehrter Richtung alle Bindungen an weltliche Heilsversprechen aufgegeben hatte, eine sowohl die verschiedenen Völker verbindende, als auch eine geistlich Vorbildgestalt. Sie fühlten sich diesem Lübecker Kaufmannsohn, der Christus und Seine orthodoxe Kirche so sehr liebte, dass er dafür seine Heimat verlassen hatte, in besonderer Weise seelenverwandt und verbunden. Das heilige Leben des Prokopius war ihnen ein geistliches Wegzeichen, dass vor Gott nicht die geografische oder kulturelle Herkunft zählt, sondern nur das aufrichtige Herzensbekenntnis zu Seiner alles verändernden Herrlichkeit. Deshalb weihten sie dem heiligen Prokopius von Lübeck und Ustjug auch ihre neu erbauten oder in anderen Räumlichkeiten eingerichteten Kirchen und öffneten dann die dortigen orthodoxen Gemeinden auch für geistlich suchende andersgläubige Menschen. Die russischen Flüchtlinge fanden sich dort mit religiös suchenden deutschen Menschen zu orthodoxen Gemeinden zusammen, die aus der geistlichen Überzeugung heraus lebten, dass die  wahre Heimat der Christen das Reich Gottes ist.

 

So ist der heilige Prokopius gerade in einer Zeit, in der sich allzu viele in unserem Lande erneut vor heimatlosen und in Not geratenen Menschen  ängstigen, ein starker Fürbitter bei Gott. Zugleich ruft uns sein geistliches Beispiel zu echter Mitmenschlichkeit und Empathie auf.

 

Auf vielen Ikonen wird der heilige Prokopius zusammen mit dem heiligen Johannes von Ustjug dargestellt, der ebenfalls ein Narr in Christo war. Der Gedenktag des heiligen Prokopius ist der 8. Juli.

 

Troparion des heiligen Prokopius (4. Ton)

 

Von der Gnade Gottes erleuchtet, Gottweiser, hast Herz und Sinn du ganz von dieser Welt unwandelbar zum Schöpfer ausgerichtet. In Lauterkeit und großem Dulden, den Glauben unversehrt bewahrend, hast du den Lauf des Lebens gut vollendet. Deswegen erschien auch nach deinem Tod die Leuchtkraft deines Lebens, denn als unerschöpfliche Quelle von Wundern strömst du allen, die gläubig eilen zu deinem heiligen Grab. Allseliger Prokop, bitte Christus, unseren Gott, dass Er uns errette.

 

Kondakion des heiligen Prokopius (4. Ton)

 

Durch die Narrheit um Christi willen durchquertest du auf den Händen der Engel ungehindert die Zollstationen zwischen der Erde und dem Himmel, wurdest der Schau des Thrones gewürdigt, und Christus, der König aller, empfing dich und schenkte dir heilende Gnade. Durch deine vielen Wunder und seltsamen Zeichen Aber erstauntest du alle in deiner Stadt Welikij Ustjug. Da du deinem Volk Erbarmen erflehtest, ging aus dem kostbaren Bild der Allheiligen Gottesgebärerin durch dein Gebet Myron hervor, und die Kranken wurden geheilt. Daher bitten wir dich, wundertätiger Prokopius, erflehe von Christus, Gott, unablässig unserer Sünden Vergebung.

 

 

Die heilige Fürstin Angelina von Serbien

 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 Die heilige Fürstin Angelina wurde im mittelalbanischen Berat geboren. Sie war die Tochter des albanischen Adligen Gjergj Arianiti und die Schwester der Frau des albanischen Fürsten Gjergj Kastrioti, des albanischen Nationalhelden „Skanderbeg". Dieser unterhielt zeitlebens sehr gute Beziehungen zu den Serben im benachbarten Montenegro. An der Liga von Lezha waren deshalb auch die Montenegriner beteiligt. Seine Mutter war ebenfalls eine gebürtige Serbin, Vojsava Brankovic. Viele Adelsfamilien dieser Region waren damals zweisprachig, denn Heiraten zwischen albanischen und serbischen Adeligen waren zu jener Zeit vollkommen normal, zumal viele Albaner damals, genau wie die Serben noch heute, orthodoxe Christen waren. Erst als sich nach dem Tode Skanderbegs die osmanische Herrschaft in der Region fest etablierte, fiel im Laufe der folgenden Jahrhunderte die Mehrheit der Albaner vom christlichen Glauben ab und traten zum Islam über. Heute sind nur noch 1/3 der Albaner Christen, wobei sie im Norden des Landes katholisch und im Süden des Landes orthodox sind.

 

Dass es heute überhaupt Christen und kirchliche Strukturen auf albanischem Boden gibt, ist ein Wunder Gottes. Denn die albanischen Kommunisten erklärten das Land zum ersten atheistischen Staat der Erde. Von 1945 bis 1991 gingen sie mit systematischer Brutalität gegenüber jeder Religionsausübung vor. Albaniens Diktator Enver Hoxhas hatte  sich das Ziel gesetzt, jede religiöse Betätigung in seinem Land zu unterbinden: Alle Kirchen, Klöster und Moscheen wurden geschlossen und jede Religionsausübung wurde für illegal erklärt und schwer bestraft. Deportation und langjährige Lagerhaft waren bei Nicht-Beachtung die Folge.

 

Vor der kommunistischen Herrschaft waren 70% der Bevölkerung waren muslimisch, 20% orthodox, 10% katholisch gewesen. Der christliche Glaube war bereits in christlich-antiker Zeit nach Albanien gekommen. Als sich das Christentum unter den Albanern ausbreitete, erfolgte die Christiansierung im Norden durch lateinische Glaubensboten und im Süden durch griechische. So waren seit dem Mittelalter die nördlichen Stämme katholisch und die südlichen orthodox.

 

Das Ende der kommunistischen Herrschaft bedeutete nun für alle Glaubensgemeinschaften in Albanien eine fast vollständige Neuevangelisation. Ausgehend von einigen Menschen, die ihren Glauben trotz der Verfolgungen bewahrt haben und wenigen alten Priestern ist auch die orthodoxe Kirche in Albanien wiedererstand. Im Jahr 1991 ernannte der damalige Ökumenische Patriarch Demetrius einen Exarchen für Albanien, den heutigen Erzbischof Anastasios von Tirana. Im Juli 1996 weihte der Ökumenische Patriarch dann drei weitere Bischöfe. Durch eine theologische Schule, die seit 1992 in Tirana tätig ist, konnten wieder junge einheimische und engagierte Priester herangezogen und ausgebildet werden. Auch die übrigen orthodoxen Kirchen, vor allem orthodoxe Christen aus Amerika und Griechenland, halfen beim Wiederaufbau der albanischen Kirche. Wie das Jahrbuch des Ökumenischen Patriarchates  berichtet, gibt es unter den Gläubigen aber außer Albanern auch Griechen, Aromunen und Slawen. Heute sind bis auf Erzbischof Athanasios, der Grieche ist, bereits Bischöfe Albaner. Außer in Tirana, wo heute die Mehrheit der orthodoxen Albaner lebt, gibt es größere Gemeinden in der Gegend von Berat, Argyrokastra und Korca.

 

Im November 1460 heiratete Angelina den serbischen Fürsten Stephan  Branković, der in Auseinandersetzungen um den serbischen Fürstenthron geblendet und daraufhin aus Serbien geflohen war. In der Zeit seines albanischen Exils heirateten die beiden. Das Ehepaar hatte zwei Söhne namens Đorđe und Jovan und eine Tochter namens Marija. Seit 1461 lebte die Familie dann im Exil in Italien. Dort verstarb Fürst Stephan. Nach dessen Tod verarmt, erhielt sie mit ihren beiden Söhnen im Jahre 1479 von römisch-deutschen Kaiser Friedrich III. Schloss Weitensfeld bei Gurk zu Lehen. Im Jahre 1486 erhielt sie vom ungarischen König Matthias Corvinius das Schloss in Kupinik, dem heutigen Kupinovo bei Sremska Mitrovica, zum Besitz.  Als die Familie Branković dorthin übersiedelte, überführte die Angelina die Gebeine ihres verstorbenen Gatten und bestattete sie in der Region Srem in einer eigens dafür errichteten Kirche. Die heilige Angelina gründete im Jahre 1496 zusammen mit einem ihrer beiden Söhne das Frauen- und Männerkloster von Krušedol in den Bergen der Fruška Gora bei der heutigen Stadt Novi Sad in der Vojevodina. Dort wurde die heilige Angelina Nonne im Frauenkloster. Sie wurde dort dann von den Schwestern zur Äbtissin gewählt wird. Die heilige Angelina erfüllt die Pflicht geduldig und mit unermüdlichem geistigen Eifer bis zu ihrem Tod um das Jahr 1510.

 

In der Klosterkirche wurde sie zusammen mit ihrem Sohn dem heiligen Jovan I. von Serbien bestattet. Die heilige Angelina war eine sehr gottesfürchtige, fromme und gebildete Frau. Noch heute pilgern jedes Jahr tausende orthodoxe Christen, vor allem aus Serbien, zu ihrem Grab.

 

Das Kloster Krušedol liegt außerhalb des gleichnamigen Dorfes  im westlichen Teil der Fruška Gora, etwa 20 km von Novi Sad entfernt. Diese Klosteranlage wurde in den Jahren zwischen 1509 und  1516 errichtet.

 

Im Kloster befand sich seit 1708 der Sitz des orthodoxen Metropoliten für die orthodoxen Christen in den  Gebieten unter habsburgischer Herrschaft. Im Jahre 1716, nach der Niederlage bei Petrovaradin, brandschatzten die Türken das Kloster, weshalb der Sitz des Metropoliten nach Sremski Karlovac verlegt wurde.

 

Die Klosterkirche zu Ehren der Verkündigung an die allheilige Gottesgebärerin hat Grundriss eines Kleeblattes. Sie wurde im Stil der Schule von Moravska erbaut. Nach den Zerstörungen durch die Türken wurde die Kirche in barocken Formen erneuert. Auch der Glockenturm und die heutigen Klostergebäude stammen aus dieser Zeit (1726 - 1759). Im Zweiten Weltkrieg wurde die reichen Kunst- und Sakralschätze des Klosters von kroatischen Ustascha-Faschisten geplündert. Im August 2009 feierte das Kloster Krušedol sein 500-jähriges Bestehen.

 

 

 

NEU: Contra-Punkt