Orthodoxe Perspektive-                                               Ein Online-Magazin für Gemeindekatechese

und Erwachsenenbildung

 

 

Gedanken über die Vorfastenzeit

 

Erzpriester Sergius Heitz

 

Dem vorösterlichen „Großen Fasten“ ist eine vierwöchige Vorbereitungszeit vorangestellt, in der einerseits eine Besinnung der Gläubigen auf das Ziel und die Bedingungen rechten christlichen Fastens ermöglicht wird, andererseits aber die Gläubigen allmählich und stufenweise dem Fasten zugeführt werden. Gerade dies ist charakteristisch für die Orthodoxe Kirche, die in ihrem Jahresfestkreis abrupte Übergänge meidet. Sie hält damit die Erinnerung wach, daß jede Zeit des Kirchenjahres in ihren Feiern am ganzen, alle Zeiten in sich schließenden Heilsmysterium Christi Anteil hat. Zugleich macht sie damit aber auch deutlich, daß die Gläubigen Festzeiten nicht an- und ausziehen können wie Kleider, sondern aus jeder Zeit des Kirchenjahres, die in Offenheit und Gebet durchschritten wird, eine Hilfe mitbekommen für die nächstfolgende Zeit. Die Offenheit selbst jedoch muß immer neu erkämpft werden. Das ist gerade in Bezug auf die Fastenzeit nicht leicht. Denn zunächst scheint der menschlichen Natur das Fasten immer wieder als eine unliebsame Einengung. Die Einsicht, daß Buße nichts mit Trübsinn zu tun hat, sondern das große, freudige Geschenk einer Erneuerung des Lebens ist, stellt sich meist erst allmählich ein, unter der Voraussetzung, daß das Fasten nicht nur äußerlich, gesetzlich absolviert wird. Darum sind die vier Wochen Vorbereitung wichtig und notwendig. Sie sollen genutzt werden zur Besinnung und zur Absprache mit dem Beichtvater, in welcher Weise der einzelne Gläubige am Fasten der Kirche teilnehmen kann. Das ist vor allem deshalb unerlässlich, weil außer in Klöstern kaum jemand in der Lage sein wird, die Fastenregeln nach den genauen Vorschriften der Kanones (kat' akribeian) einzuhalten, zumal diese Vorschriften sich auf die Lebensgewohnheiten der antiken Mittelmeervölker beziehen, die uns fremd geworden sind. Man wird sich Rechenschaft geben müssen, dass für uns der Verzicht auf Genussmittel, Süßigkeiten, Schmerzmittel, Fernsehen und andere Zerstreuungen ein wesensgemäßerer Beitrag zum Fasten sein kann als ein siebenwöchiger Verzicht auf alle Milchprodukte. Man wird ferner bedenken müssen, daß zum Fasten nicht nur ein äußeres Sicheinschränken gehört, sondern ebenso die Intensivierung des inneren geistlichen Lebens und das freigiebige Mitteilen des vom Mund Abgesparten. Die vierwöchige Vorfastenzeit bietet Raum zu einer Klärung dieser Fragen, wobei am Ende jeder Woche ein Herrentag steht, der tiefer in das Mysterium der Buße hineinzuführen vermag, insbesondere durch die Stichiren und Troparien zu Vesper und Morgengottesdienst, die von den Gläubigen gerade in dieser Zeit, wo immer möglich, besucht werden sollten.

 

 

Die Vorfastenzeit

 

Handout zur Gemeinde-Katechese in Balingen

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Große Fastenzeit (Вели́кий по́ст) umfasst 40 Tage (deshalb wir sie im Russischen auch Четыредеся́тница genannt), zwei Feste – den Lazarus-Samstag und den Palmsonntag – und die Große und Heilige Woche (Karwoche). Insgesamt also dauert sie zusammen 48 Tage.

 

Sie heißt Große und Heilige Fastenzeit, nicht so sehr wegen ihrer Länge (denn sie ist länger als alle anderen Fastenzeiten), sondern vor allem wegen der großen Bedeutung dieser Fastenzeit. Sie bereitet die orthodoxen Christen auf die Gedächtnisfeier der Leiden und des Sterben unseres HERRN JESUS CHRISTUS und die Feier der Lichten Auferstehung Christi vor.

 

Außer den eigentlichen sieben Wochen der Fastenzeit sind durch das Typikon noch drei Vorbereitungswochen auf die Fastenzeit vorgesehen.

 

Diese Vorbereitungszeit wird "Vorfastenzeit" genannt. Sie beginnt mit dem Sonntag, an dem in der Feier der Göttlichen Liturgie das Evangelium mit dem Gleichnis vom "Zöllner und Pharisäer" gelesen wird. Die darauf folgende Woche ist fastenfrei, das heißt, es wird auch am Mittwoch und am Freitag kein Fasttag gehalten. Dies tun wir, um symbolisch anzudeuten, dass wir den Stolz des Pharisäers auf seine religiösen Taten vermeiden wollen. Der zweite Vorfastensonntag ist der Sonntag, an dem in der Feier der Göttlichen Liturgie das Evangelium mit dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn gelesen wird. In der griechischen orthodoxen Bibelausgabe heißt dieses Gleichnis wesentlich treffender: das "Gleichnis von Sohn, den umkehrte".  In diesem Gleichnis lehrt uns unser Herr Jesus Christus, wie wichtig es für uns ist, von unseren falschen Wegen  zu Gott Heim zu kehren. Dies verbindet er aber auch mit der Warnung vor der Haltung des älteren Sohnes, der über die Umkehr seines Bruders von seinen falschen Wegen  nicht erfreut sondern vielmehr über seine Umkehr und die Barmherzigkeit des Vaters verärgert war.

 

Der dritte Vorfastensonntag wird auch der Herrentag des Fleischverzichtes genannt, weil mit der Vesper am Sonntagabend für die orthodoxen Christen der Verzicht auf die Fleischspeisen beginnt. So wird vom Beginn der dritten Woche der Vorfastenzeit bis zum Ende der Fastenzeit kein Fleisch mehr gegessen. Die Fleischspeisen gibt es erst wieder auf dem Festtagstisch zu Ostern. 

 

Der Verzicht auf die Fleischspeisen während des Fastens ist vor allem heutzutage, wo die Fleischspeisen in den reichen, westlichen Ländern von der Tafel der Menschen kaum mehr hinweggedacht werden können, ein starkes Zeichen, denn es symbolisiert unsere christliche Hoffnung auf das endzeitliche Friedensreich Gottes, wo sich nach dem Zeugnis des heiligen Propheten Isaias (vgl.: Jesaja 11: 6-9) die Geschöpfe Gottes nicht mehr gegenseitig töten und fressen werden. Unser Fasten nimmt dieses Friedensreich im gläubigen Sinnbild unseres Fastens gleichsam vorweg. Die Apostellesung dieses Sonntags hält uns die christliche Freiheit gegenüber allen religiösen Speisevorschriften vor Augen: „Brüder, Speise wird uns nicht vor Gott bestehen lassen; weder fehlt uns etwas, wenn wir nicht essen, noch gewinnen wir etwas, wenn wir essen“ (1 Korinther 8: 8). Die Grenze unserer eigenen christlichen Freiheit bildet jedoch das Gewissen unseres Nächsten, das heißt wenn er sich durch unser Beispiel dazu verführen lässt, zu tun, was ihm schadet. Die Evangeliumslesung hält uns mit einem Gleichnis das Kommen des Jüngsten Gerichtes vor Augen. Bei diesem Gericht wird allen, den Erwählten wie den Verworfenen, nach ihrem Tun Heil oder Unheil zuteil. Aber erst am Tage des letzten Gerichtes erkennen sie, dass ihr Tun, das dem bedürftigen Mitbruder galt, Christus, den Richter, Selbst betraf. Hiermit wird eindrücklich betont, dass man Gottes Barmherzigkeit nicht erhoffen kann, wenn man den Mitmenschen gegenüber unbarmherzig und hartherzig ist. Mit dem Samstag vor dem Sonntag des Fleischverzichtes beginnt nun in der gesamten fastenzeit eine besondere Reihe der Fürbittgottesdienste (Panychida) für das Seelenheil aller bereits zum Herrn entschlafenen Christen.

 

Die dritte Woche der Vorfastenzeit heißt auch "Maslenitza" (Butterwoche), weil der Tisch der orthodoxen Gläubigen in dieser Zeit hauptsächlich durch Milchprodukte (Fisch, Eier und Käse) geprägt ist.

 

Der darauffolgende Sonntag ist dem Gedächtnis der "Vertreibung des Adam aus dem Paradies” gewidmet. In der Feier der Göttlichen Liturgie beginnt das Evangelium damit uns zu verdeutlichen, dass Gott uns nur dann verzeihen wird, wenn auch wir unserem Nächsten verzeihen werden. Der zweite Teil des an diesem Sonntag gelesen Evangeliums macht uns deutlich, dass wir die nun kommende Fastenzeit nicht griesgrämig, sondern mit Freude halten sollen.

 

Dieser Sonntag wird auch “Sonntag des Verzeihens”, "Versöhnungssonntag" oder auch “Sonntag des Käseverzichtes” genannt, da er die Butterwoche beschließt und uns in die eigentliche Große Fastenzeit eintreten lässt. Von nun an werden wir bis Ostern nur Fasten- (= vegane) Speisen genießen. Die Vertreibung unserer Stammeltern aus dem Paradies und die Sehnsucht des Menschen nach der verlorenen paradiesischen Gemeinschaft mit Gott wird uns den gottesdienstlichen Texten vor allem in der Vesper und im Morgengottesdienst vor Augen gestellt.

 

Im Evangelium dieses Sonntags haben wir die Mahnung Christi an uns über die Bedeutung unserer Bereitschaft unserem Nächsten zu verzeihen für die Bereitschaft Gottes, uns unsere Sünden und Verfehlungen zu vergeben, gehört. Deshalb steht am Übergang zum ersten Tag der Großen und Heiligen Fastenzeit, der mit dem Vespergottesdienst beginnt, der Ritus des gegenseitigen Verzeihens.

 

Die Vesper wird jetzt bereits als Fastengottesdienst gehalten, das heißt, das liturgische Gewand ist in der russischen Tradition bereits schwarz, es werden die Gebete und Hymnen in der besonderen Fastenmelodie gesungen, der Schluss der Vesper ist länger und in besonderer Weise gestaltet und es werden große Verneigungen bis zum Erdboden (Große Matanien/ Große Poklonij) gemacht. Die Hymnen und Gebetstexte der Vesper tragen bereits eindeutigen Bußcharakter.  Am Ende des Vespergottesdienstes wird ein Segensgebet für die Große Fastenzeit gesprochen. Danach treten die in der Kirche Versammelten, beginnend mit den Geistlichen voreinander hin und bitten einander um Verzeihung für die sich gegenseitig zugefügten Sünden, Kränkungen und Verletzungen. Dabei küssen wir zur Bekräftigung unserer Worte das auf einem Analoi (Lesepult) liegende Kreuz und Evangelienbuch.

 

Wenn wir einander von Herzen verzeihen wollen, so geht es im Kern darum, dass wir uns bereit machen, unseren Nächsten vor allem als eine menschliche Person, das heißt, als geliebtes Geschöpf und Kind Gottes zu betrachten. Dies bedeutet, dass wir uns bereit finden, ihn getrennt von seinen Leidenschaften, Unzulänglichkeiten, Fehlern und Sünden wahrzunehmen. Wichtig ist hierfür, dass wir uns vor Augen führen, dass die Orthodoxe Kirche unsere Sünden weniger als eine Verletzung des Ethos oder als einen moralischen Defekt, sondern vor allem als eine durch den Wurzelgrund oder Bazillus der Ursünde verursachte Krankheit der Seele betrachtet. Deshalb geht es beim orthodoxen Verständnis des Vergebens auch nicht um eine unrealistische romantische Betrachtungsweise unserer Mitmenschen, sondern darum, dass wir sie mit den Augen Gottes, das heißt, mit den Augen der Barmherzigkeit, wahrzunehmen bereit sind. 

 

So treten die Menschen in der Kirche, beginnend beim Vorsteher und den übrigen Geistlichen, zueinander hin und bitten jeder einen jeden und jede eine jede einander um Verzeihung. Dabei gehen alle zuerst der Reihe nach zu den Priestern, verbeugen sich, bitten um Verzeihung und verzeihen ihrerseits alle Sünden und Kränkungen. Um die Aufrichtigkeit unsere Bereitschaft zur Vergebung zu bezeugen küssen wir - genau so wie wir nach der Beichte durch den Kuss von Kreuz und Evangelienbuch bezeugen, die Kraft der uns im Mysterion geschenkte Vergebung Gottes in unserem Leben auch durch ein von guten Taten erfülltes Leben sichtbar werden zu lassen - auch jetzt das Kreuz und das Evangeliar. Die gegenseitige ehrliche Bereitschaft zum Verzeihen der erlitttenen Kränkungen ist eine unumgängliche Bedingung für die Reinigung des Herzens und ein erfolgreichen Beginn der Fastenzeit. 

 

 

Die geistliche Struktur der vier Vorfastensonntage -

Unsere innere Vorbereitung auf die Große Fastenzeit

 

Handout zur Gemeindekateches in Balingen

 

von Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Kirche kennt unsere Unbeständigkeit, unsere geistige und seelische Schwäche, daher führt sie uns Schrittweise an den Verzicht in der Großen Fastenzeit heran.

 

I. - Die Woche über Zachäus (Lk. 19: 1-10). Im Laufe dieser Woche überzeugt uns die heilige Kirche davon, dass wenn der Mensch, wenn er aus tiefster Seele bereut, Christus in das Haus seiner Seele einkehrt.

 

Thema: Wille zur Umkehr

 

II. - Die Woche über den Zöllner und den Pharisäer (Lk. 18: 10-14). Im Laufe dieser Woche stellt uns die heilige Kirche vor Augen, dass es die tiefe Demut und das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit ist, das die Seele des Menschen heilt und sie mit Gott verbindet, und nicht ein rein äußerliches, formales Einhalten des Gesetzes. Demut ist der Beginn einer echten Reue.

 

Thema: Demut und das Erkennen der eigenen Sündhaftigkeit.

 

III. - Die Woche über den verlorenen Sohn (Lk. 15: 11-32). Im Evangelium dieser Woche und den Gebeten dieser Woche ist die Rede von einem Menschen, der moralisch auf Abwege geraten ist, jedoch aus dieser seiner Selbstverbannung zurückkehrt, indem er Buße tut. Weiter sehen wir, wie uns die wahre Buße als ein Neubeginn mit Gott unserem Vater, der uns liebt und sehnlichst auf unsere Heimkehr zu Ihm wartet, versöhnt.

 

Thema Sünde = Selbstverbannung / Buße = Wiederherstellung der Gemeinschaft mit Gott.

 

IV. - Die Woche vor den Großen Fasten oder über das Jüngste Gericht (Matth. 25: 31-46). In der auf diesen Sonntag folgenden Woche schreibt die Kirche ein teilweises Fasten vor - es darf kein Fleisch mehr gegessen werden. Damit beendet die Kirche allmählich die Vorbereitungen auf die Große Fastenzeit.

 

Am vierten Vorfastensonntag ist die Evangeliumslesung der Lehre unseres Herrn vom Jüngsten Gericht (Matth. 25, 31 - 46) gewidmet. 

 

– Nach welchem Maßstab wird uns Christus richten? 

 

Das Gleichnis des Erlösers antwortet: nach dem Maßstab der Liebe. 

 

So wie wir uns zu unseren Mitmenschen verhalten haben, so wird sich der Herr auch zu uns verhalten: „Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir getan..." (Matth. 25, 40).

 

Thema: Lebensmaßstab der Liebe

 

Am Vorabend dieses Tages, am vierten Vorfastensamstag, gedenkt die Kirche aller, die „in der Hoffnung auf eine Auferstehung und auf ein ewiges Heil" entschlafen sind. Der Gedenkgottesdienst (slawisch: Pannichida, griechisch Parastasis) am vierten Vorfastensamstag dient als Vorbild für alle anderen Gedenkgottesdienste und wird so auch am zweiten, am dritten und am vierten Sonnabend der Großen Fasten gehalten. Es ist gute orthodoxe Tradition, dass wir in dieser Zeit in besonderer Weise für unsere Verstorbenen beten und an der Pannichida, die in der Regel am zweiten, am dritten und am vierten Samstag der großen Fastenzeit in der Kirche gehalten wird, teilnehmen.

 

 

Heilige & Feste im Monat Februar

 

 

Die heilige Begegnung mit unserem Herrn,

Gott und Erlöser Jesus Christus (Hypapante) 

 

Als die 40 Tage vorüber waren, die das Gesetz des Mose vorschrieb für die Reinigung der Mutter eines Neugeborenen (Leviticus 12:2-4), brachten die Allheilige Gottesgebärerin und der heilige Joseph das göttliche Kind nach Jerusalem, um es im Tempel dem Herrn darzubringen, denn jeder erstgeborene Knabe gehörte von Gesetzes wegen dem Herrn (Exodus 13:15) und musste im Tempel ausgelöst werden gegen ein einjähriges Lamm oder, im Fall armer Familien, gegen zwei Turteltauben oder zwei Tauben (Leviticus 12:8). 

 

Der Herr des Himmels und der Erde, der Seinem Volk Israel das Gesetz gegeben hatte und der nicht kam, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen (Matthäus 5:17), heilte die durch den Ungehorsam sterblich gewordene menschliche Natur, die Er angenommen hatte, vom ersten Augenblick Seiner Inkarnation an, indem Er sich gehorsam allen Vorschriften des Gesetzes unterwarf. Quelle allen Reichtums und aller Gnade, machte Er sich zum Niedrigsten und Ärmsten aller. Er gehorchte dem Gesetz, das Er uns Menschen gegeben hat und das wir unablässig übertreten, um uns zu zeigen, dass der Gehorsam der Weg zur Versöhnung mit Gott ist. Nachdem Er sich am achten Tag der Beschneidung unterzogen hatte, wartete Er in der Höhle von Bethlehem noch den Ablauf der gesetzmäßigen Frist der Reinigung ab, obwohl weder Er selbst noch Seine allreine Mutter der Reinigung bedurften, um im Tempel Seiner Herrlichkeit den Leib darzubringen, den Er annahm als neuen und vollkommenen Tempel Seiner Göttlichkeit. Der unzugängliche und unbegreifliche Gott lies Sich Selbst auslösen gegen die Gabe der Armen: zwei Tauben, Sinnbild der Reinheit, des Friedens und der Arglosigkeit, die uns der Erlöser und Menschenfreund mit Seinem Kommen gebracht hat. 

 

Im Tempel wurden sie empfangen vom Hohenpriester Zacharias, dem Vater des heiligen Johannes des Vorläufers und Täufers, der die allheilige Gottesgebärerin auf überraschende Weise in jenen Teil des Tempels stellte, der den Jungfrauen vorbehalten war. Im selben Augenblick betrat ein Greis namens Symeon den Tempel. Er war gerecht und fromm und hielt alle Gebote Gottes mit Sorgfalt ein. Seit vielen Jahren wartete er auf die Erfüllung einer Verheißung, die ihm der Heilige Geist gemacht hatte und wonach er nicht sterben werde, bevor er den Messias, den Herrn Jesus Christus, mit seinen Händen berührt habe. Dieser Greis, der die Erwartung des ganzen Volkes Israel verkörperte, streckte voller Sehnsucht seine Hände aus, um auf ihnen wie auf einem cherubinischen Thron den Erlöser zu empfangen. Als er Ihn so auf seinen Händen trug, pries er Gott und sagte:  Nun lass gehen Deinen Knecht, o Gebieter, gemäß Deinem Wort in Frieden, denn meine Augen schauten Dein Heil, das Du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und zum Ruhm Deines Volkes Israel (Lukas 2:29).  Mit diesem Gebet des heiligen Symeon bitten der erste Bund und das alte Gesetz selbst, hinfällig geworden durch die Ankunft Christi, sich zurückziehen zu dürfen vor dem Licht der Gnade. Als der Greis den Erlöser erblickte und berührte, dessen Ankunft die Propheten und die Gerechten seit so vielen Generationen angekündigt und vorherverkündet hatten, konnte er Gott in aller Zuversicht darum bitten, ihn nunmehr von den Fesseln des Fleisches und der Verderbnis zu befreien und so den Platz zu räumen für die ewige Jugend der Kirche. Damit verkündete er feierlich das Ende der Sinnbilder und zugleich die letzte Prophetie bezüglich des Erlösers, indem er Seiner Mutter voraussagte, dass Seine Passion und Seine lebenspendende Auferstehung ein Zeichen des Widerspruchs sein werden, das die Gottlosen zu Fall bringen, jene aber, die an Ihn glauben, zum Heil auferstehen lassen wird. Im Tempel befand sich zu jener Stunde auch eine hochbetagte Frau namens Hanna vom Stamm Ascher. Nach siebenjähriger Ehe war sie verwitwet und diente seither Gott mit ununterbrochenem Fasten und Gebet, in Erwartung der Ankunft des Christus. Auch sie trat heran zu dem göttlichen Kind, lobte Gott und verkündete allen die Erlösung Israels. Als die Pharisäer alle diese Prophezeiungen vernahmen und voller Zorn sahen, wie der Hohepriester die Gottesmutter unter die Jungfrauen stellte, gingen sie zu König Herodes und berichteten ihm alles. Dieser begriff, dass jenes Kind der neue König war, von dem die Magier aus dem Morgenland gesprochen hatten und er sandte sogleich Soldaten aus, um es zu töten. Doch vom Engel Gottes rechtzeitig gewarnt, verließen Joseph und Maria das Land Judäa und flohen nach Ägypten. Erst 2 Jahre später kehrten sie auf Weisung des Engels wieder ins heilige Land zurück und ließen sich in Nazareth in Galiläa nieder. Der göttliche Knabe aber wuchs heran in Frieden und in Erwartung der vorgesehenen Zeit Seines öffentlichen Wirkens.

 

Durch die Gebete Deiner Heiligen, Herr Jesus Christus, erbarme Dich unser. Amen. 

 

Anmerkung: Viele Einzelheiten aus dem Fest der Begegnung des Herrn fehlen in den heiligen Evangelien. Sie wurden in den Synaxarien aus den Texten der apokryphen Tradition übernommen. 

 

 

Quelle: Das Synaxarion, das Leben der Heiligen der Orthodoxen Kirche,

Band 1, September bis Februar,

Kloster des Hl. Johannes des Vorläufers, Chania, Kreta, Griechenland. 

 

 

Geheiligt werden die Wasser des Jordan

- Zum Fest der Theophanie

 

Handout zur Gemeindekatechese im Januar 2018

 

von Thomas Zmija von Gojan

 

Nach dem Fest der Geburt des Herrn werden wir Gläubigen nach dem Zeugnis der gottesdienstlichen Texte mit den Engeln von Bethlehem an den Jordan zum Fest der Taufe des Herrn geführt, bei der gemäß dem Zeugnis der heiligen Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas der Geist in Gestalt eine Taube auf Christus herabkam und eine Stimme aus den Himmeln sprach: „Dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Gefallen gefunden habe“ (Matthäus 3:17)

 

Die vollständige Bezeichnung dieses Festes lautet „Die heilige Gotteserscheinung unseres Herren und Gottes, des Heilandes Jesu Christi”. Der Begriff Theophanie (= Gotteserscheinung setzt  sich aus den griechischen Worten θεός = „Gott“ und φαίνεσθαι = „sich zeigen oder erscheinen“ zusammen.  Das russische Woprt für Gotteserscheinung ist Богоявление = „Bogojavienie“. Das Fest wird auch als „Tag der Erleuchtung” oder „Fest der Lichter” bezeichnet.

 

Besonders deutlich wird der geistliche Charakter dieses Festes im Kondakion (= dem zweiten Festlied):

 

Du erschienst heute der Welt, * und Dein Licht, o Herr, ward auf uns gezeichnet, * die wir in der Erkenntnis Dir lobsingen: * Du kamst, Du erschienst, * das unnahbare Licht.

 

Am Fest der Theophanie, der Gotteserscheinung vollzieht die orthodoxe Kirche  die Weihe des Jordan, die Große Wasserweihe (griechisch: Μεγάλος Ἀγιασμός, russisch: Великое освящение воды). Bei diesem Gottesdienst spricht der Bischof oder Priester ein das große Gebet der Heiligung der Wasser, das vom heiligen Sophronios, des Patriarchen von Jerusalem verfasst wurde. Dabei taucht er drei Mal das Kreuz in das Wasser ein, womit er nicht allein dieses Wasser, sondern durch das Wasser die gesamte Schöpfung geheiligt und gesegnet wird.

 

Die Große Wasserweihe gehört zu den Heilshandlungen der Kirche, die wir „Mysterien“ oder „Sakramente“ nennen. In der orthodoxen Kirche unterscheiden wir das kirchliche Heilshandeln Christi nicht in „Sakramente“ und „Sakramentalien“. Auch begrenzen wir das Heilshandeln Gottes nicht auf die sieben, auch den westlichen Christen bekannten Sakramente. So gehören alle sieben Sakramente, die auch unsere katholischen Mitchristen als solche kennen, zu den orthodoxen Mysterien: Taufe, Myronsalbung (katholisch = „Firmung“), Eucharistie, Beichte, Eheschließung, Handauflegung (= „Chirotonia“; katholisch = „Priesterweihe“), Sakrament des Heiligen Öls (katholisch = „Krankensalbung“). Darüber hinaus werden aber die Große Wasserweihe, genauso wie die Mönchsweihe, die Weihe einer Kirche und die Weihe der heiligen Ikonen zu den Mysreien, also zum Heilshandeln Christi am Menschen vermittels Seiner Heiligen Orhodoxen Kirche gerechnet.

 

In der liturgischen Feier des Festes wird zunächst des im heiligen Evangelium berichteten, historischen Ereignisses der Taufe Jesu Christi durch Johannes den Täufer im Jordanfluss gedacht. Zugleich geht der betende Blick der Kirche aber von dieser Taufe Christi, die ER durch Johannes empfangen hat, auf das Mysterion der heiligen Taufe, das ER zu unserer Erlösung und zu unserem Heil eingesetzt hat.

 

Darum ist dieses Fest, neben der heiligen Osternacht, auch der beliebteste Zeitpunkt innerhalb des Kirchenjahres für die Spendung der heiligen Taufe. Gerade in Russland, wo die Taufe erwachsener Katechumenen wieder eine reale Bedeutung für das kirchliche Leben gewonnen hat, finden an diesem Fest viele Taufen statt. Von dieser Bedeutung als Tauftag erhielt das Fest auch die Bezeichnung „Tag der Erleuchtung”. Denn unter „Erleuchtung“ ist eben der Empfang der heiligen Taufe zu verstehen, von der der Evangelist Johannes in seinem Evangelium sagt: Allen aber, die IHN aufnahmen, gab er die Vollmacht Kinder Gottes zu werden, als denen, die an SEINEN NAMEN glauben, die nicht aus dem Blute und nicht aus dem Wollen des Fleisches, sondern AUS GOTT GEBOREN sind (vgl.: Johannes 1:12-13).

 

In der Göttlichen Liturgie singen wir dann anstelle des dreimaligen „Heiliger Gott, Heiliger Starker, Heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser“ das “Alle, die ihr auf Christus seid getauft, ihr habt Christus angezogen – Halleluja“.

 

Das heutige Evangelium berichtet uns im Verlauf der Lesung dann auch, wie eng die Taufe Christi mit der Theophanie, dem Offenbarwerden der göttlichen Herrlichkeit Jesu Christus, also dem Erscheinen und Offenbarwerden Seiner Gottessohnschaft verbunden ist. Denn Gott, der Vater bekennt sich bei der Taufe Jesu von den Himmeln her durch Sein Wort zu Jesus als SEINEM EINGEBORENEN SOHN und „der Heilige Geist, in Gestalt einer Taube, bekräftigte die Gewissheit des Wortes“, wie wir im Troparion des Festes singen. Auch der heilige Johannes der Täufer legt öffentlich Zeugnis für IHN ab, indem er bekennt, dass derjenige, der hier nackt als Mensch im Jordan vor ihm steht und in Demut die Taufe empfängt, das FLEISCHGEWORDENE WORT SELBST ist. ER ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünden trägt, wie Johannes von IHM bekennt.

 

Die Theophanie dieses heiligen Tages macht nach den Worten des heiligen Evangeliums nicht nur CHRISTUS als den SOHN GOTTES, sondern sie macht den DREIEINIGEN GOTT (Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist) offenbar.

 

So besingen wir die Feier dieses freudenreichen Festtages im Troparion:

 

Als Du, Herr, im Jordan wurdest getauft, * wurde offenbart die Anbetung der Dreieinigkeit. * Denn die Stimme des Erzeugers legte Zeugnis für Dich ab, * indem sie Dich nannte ihren geliebten Sohn; * Und der Geist in Gestalt einer Taube, * bekräftigte, dieses Wort gewisslich wahr, * der Du erschien bist, Christus, unser Gott, * und erleuchtest die Welt, Ehre sei Dir.

 

Ein besonders wichtiges geistliches Geschehen an diesem Fest ist die Große Wasserweihe. Christus, unser Gott, ist in das Wasser des Jordan getreten. Dadurch wurde das Element des Wassers und der gesamte geschaffene Kosmos geheiligt. Überall in der orthodoxen Welt wird diese Heiltat Christi an diesem Tag in der große Wasserweihe, der Heiligung der Wasser, sakramental gegenwärtig.

 

 

Verehrung der kostbaren Ketten des heiligen und ruhmreichen Apostels Petrus

 

16. Januar

 

Um das Jahr 43 wurde der König der Juden, Herodes Agrippa, angesichts der Erfolge der Apostel bei der Verkündigung des Worts von blutdurstigem Wahnsinn ergriffen gegen die Christen und ließ den heiligen Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert hinrichten. Als er sah, dass dies den Juden gefiel, ließ er auch den Heiligen Petrus ergreifen und ins Gefängnis werfen, in der Absicht, ihn nach dem   Pascha   dem   Volk   vorzuführen   (Apostergeschichte   12:1   ff.).   Die   Kirche   aber   betete   ohne Unterlass für ihn. In der Nacht, bevor er vorgeführt werden sollte, schlief Petrus in seinem Kerker. Man hatte ihn mit zwei Ketten gefesselt und ihm zwei Soldaten zur Seite gestellt. Außerdem stellte man vor die Türe Wächter, denn man befürchtete, er könnte fliehen. Da schickte der Herr einen Engel, und Licht erfüllte den Raum, als er erschien. Er stieß den schlafenden Apostel in die Seite, damit er aufstehe, und sogleich fielen die Ketten von seinen Händen. Ohne recht zu begreifen, was vorging, denn er glaubte zu träumen, legte Petrus auf Geheiß des Engels seinen Gürtel, seine Sandalen und seinen Mantel an und folgte ihm. Unbehelligt passierten sie alle Wachposten und Tore und erreichten schließlich die Stadtmitte, wo der Engel, der seinen Auftrag erfüllt hatte, Petrus verließ.

 

Zu sich gekommen, erkannte der Apostel, dass es kein Traum war, und er dankte Gott für Seine wunderbare Hilfe. Er eilte sogleich zum Haus Marias, der Mutter des Johannes, der auch Markus genannt wurde, wo die Jünger  versammelt waren und ihn mit großer Freude empfingen.

 

 

Die Ketten, die dem Apostel von den Händen gefallen waren, wurden später von frommen Christen geborgen und von Generation zu Generation weitergegeben, bis sie vom Kaiser von Byzanz nach Konstantinopel geholt und in der dem Hl. Petrus geweihten Kirche neben der Hagia Sophia niedergelegt wurden. Dort wirkten sie manches Jahrhundert lang viele Wunder.

 

In der Tat wirken nicht nur die Reliquien der Heiligen Wunder, sondern, wie schon in der Heiligen Schrift bezeugt ist, auch deren Gewänder oder Gegenstände,  die   sie   berührten,  ja   selbst ihr Schatten, denn die ungeschaffene Gnade Gottes, die die reine Seele der Heiligen erfüllt, überträgt sich auf ihren Leib, und vom Leib auf ihre Kleider und auf den Schatten. So lesen wir in Apostelgeschichte 19:11-12,  dass   die   Epheser ihren Kranken Schweißtücher und Wäschestücke  des Apostels Paulus auflegten, worauf sie geheilt wurden. Und Apostelgeschichte 5:15-16 berichtet, dass man die Kranken in Betten und Tragbahren auf die Gassen trug, damit, wenn Petrus käme, wenigsten sein Schatten auf sie falle, und dass sie Heilung fanden. So hat die Orthodoxe Kirche die Sitte geerbt, nicht nur den Leib der zu Trägern der Gnade gewordenen Heiligen zu verehren, sondern auch ihre Gewänder, ihre Gebrauchsgegen stände oder die Gerätschaften, durch die sie für den Herrn litten.

 

Quelle: Das Synaxarion, die Leben der Heiligen der Orthodoxen Kirche.

 

 

Der heilige Apostel Timotheus von den Siebzig

 

 22. Januar

 

Der heilige Timotheus wurde in Lystra in Lykaonien in Kleinasien geboren, als Sohn eines heidnischen Vaters und einer jüdischen Mutter, Eunika, und von dieser sowie seiner Großmutter Lois in der Gottesfurcht und der Liebe zu den Heiligen Schriften erzogen. Im Jahr 45, während seines ersten Aufenthalts in Lystra, bekehrte der Apostel Paulus die beiden Frauen zum Christentum, und als er um 50 dorthin zurückkehrte, fand er den jungen Timotheos voll  Eifer und Bewunderung für seine Kämpfe und Leiden, die er im Namen Christi erduldete. Auf Empfehlung der Brüder von Lystra und Ikonion taufte er den Jüngling, legte ihm die Hände auf und machte ihn zu seinem Kampfgefährten. Timotheos wurde bald der Lieblingsjünger des großen Apostels, der ihn „mein geliebtes Kind“ nannte (1. und 2. Timotheus) und über ihn sagte: Wie ein Kind mit dem Vater diente er mit mir dem Evangelium (Philemon 2,22). Sanft, zurückhaltend, vorbildlich im Gehorsam und in der Demut, zeigte der Hl. Timotheos zugleich auch einen unermüdlichen Eifer für die Verkündigung, wie ein guter Soldat Jesu Christi (2. Timotheus 2,3). Er war der Gesandte des Apostels und Werkzeug der Gnade in der Leitung der Kirchen Gottes, zur Berichtigung der Sitten und zur Bewahrung des kostbaren anvertrauten Guts (2. Timotheus 1,14).

 

Von Ikonion zog Timotheus zusammen mit Paulus durch Phrygien und Galatien und hierauf, nach einer himmlischen Vision des Apostels, nach Makedonien, wo sie Thessaloniki und Beröa evangelisierten. Während Paulus nach Athen weiterreiste, blieb Timotheos mit Silas (Siluan) im Norden, begab sich aber wenig später ebenfalls nach Athen, um Paulus über die heftige Opposition der Juden von Thessaloniki zu berichten. Danach kehrte er zurück, um die Getreuen im Glauben zu stärken (1. Thessalonicher 3,1-5). Nachdem er diesen Auftrag erfüllt hatte, eilte er nach Korinth, um Paulus zu unterstützen bei der Bekehrung dieser Stadt. Mit seinem Meister weilte er sodann eineinhalb Jahre in Ephesus, der Metropole Asiens, und wurde erneut nach Korinth entsandt, um den Gläubigen dort die Grundsätze des christlichen Lebens in Erinnerung zu rufen. Da die Korinther die Ermahnungen seines Jüngers in den Wind schlugen, sandte er Titus zu ihnen und nahm Timotheus mit sich auf eine neue Reise nach Makedonien. Dort verfasste er zusammen mit ihm seinen zweiten Brief an die Korinther und kam schließlich, begleitet von Timotheus, selbst nach Korinth, um die Gläubigen zurechtzuweisen und zu erbauen. Als Paulus seine letzte Reise nach Jerusalem unternahm, um den notleidenden Christen der Heiligen Stadt die in allen Kirchen für sie gesammelten Gelder zu überbringen (Apostelgeschichte 20), befand sich Timotheus ebenfalls unter seinen Begleitern. Er war Zeuge seiner Verhaftung (Apostelgeschichte 22 ff.), folgte ihm nach Cäsarea und schließlich in die erste Gefangenschaft nach Rom. Von dort sandte ihn Paulus zu den Philippern (Philemon 2, 19-24) und kam nach seiner Befreiung ebenfalls dorthin. Schließlich setzte er Timotheus an die Spitze der Kirche von Ephesus, mit der Weisung und Ermahnung, das liturgische und gemeinschaftliche Leben organisieren, die Irrlehrer zu bekämpfen, die Mitglieder des Klerus mit Umsicht auszuwählen und die Herde Christi allezeit in Frieden, Eintracht und Wahrheit zu leiten (I Tim). In einem zweiten Schreiben, das ihm der Apostel in Erwartung seines Todes aus seiner zweiten Gefangenschaft in Rom sandte, rief dieser seinen treuen Jünger zu sich, damit er ihm beistehe in seinen letzten Augenblicken (2. Timotheus 4,8-9). In Rom wurde Timotheos festgenommen, aber bald wieder freigelassen (Hebräer 13,23). Nach dem Tod des Apostels kehrte er in sein Bistum zurück.

 

In Ephesus stand Timotheus, wie es heißt, in engem Kontakt mit dem heiligen Johannes dem Theologen und empfing auch von ihm Gnade in Fülle und geistige Erleuchtung. Nachdem der geliebte Jünger nach Patmos verbannt worden war, leitete Timotheos die Kirche von Ephesos, indem er den Geist des heiligen Johannes und den Geist des heiligen Paulus in sich vereinte. Als sich die Heiden der Stadt eines Tages anschickten, eines ihrer ausschweifenden Feste zu feiern, die in Orgien und Totschlag zu enden pflegten, versuchte der heilige Timotheus, sie zur Vernunft zu bringen, doch jene stürzten sich wie wilde Tiere auf ihn und verprügelten ihn. Seine Jünger konnten ihn in letzter Minute aus dem Getümmel ziehen und brachten ihn auf einen nahegelegenen Hügel, wo er wenig später seine Seele in Gottes Hand übergab. Sein Grab befand sich nicht weit von jenem des heiligen Johannes. Später wurden seine Reliquien nach Konstantinopel gebracht und dort in der Kirche der heiligen Apostel beigesetzt. Sie wirkten viele Wunder, bis sie im Jahre 1204 beim Überfall der lateinischen Kreuzfahrer auf die Kaiserstadt geraubt wurden (Sie befinden sich heute in der römischen Kirche San Giovanni in Fonte)

 

Quelle: Das Synaxarion, Die Leben der Heiligen der Orthodoxen Kirche

 

 

Gedächtnis unseres heiligen und gottgeweihten Vaters Ephrem des Syrers

 

28. Januar

 

Dieser strahlende Stern der Kirche ging um 306 weit im Osten auf, in der Stadt Nisibis in Mesopotamien. Der heilige Ephrem war noch im Knabenalter, als er von seinem heidnischen Vater, der Götzenpriester war, wegen seiner Sympa thien für die Christen aus dem Haus gejagt worden. Der heilige Bischof Jakobus nahm ihn auf und unterwies ihn in den heiligen Tugenden und  der ständigen Betrachtung des Wortes Gottes.

 

Durch Gottes Gnade entzündete das Studium der Heiligen Schrift in ihm eine Flamme, die ihn alle Dinge dieser Welt vergessen ließ. Sein Glaube, fest wie der Berg Zion, bewog ihn zu einem ganz Gott zugewandten Leben. So erlangte er eine Reinheit der Seele und des Leibes, die di Grenzen der menschlichen Natur überstieg und ihn alle Bewegungen seines Geistes gänzlich im Zügel halten ließ, sodass kein schlechter Gedanke am Horizont seines Denkens auftauchen konnte.

 

Nachdem er die heilige Taufe empfangen hatte, zog sich der Heilige Ephrem um 326 im Alter von 20 Jahren in die Wüste zurück. Er wanderte von Ort zu Ort, besuchte heilige Gottesmänner und ließ sich dann für einige Jahre in Edessa nieder. Dort hörte er von den Tugenden des Heiligen Basilius, und nachdem ihm Gott in einer Vision den Bischof von Cäsarea offenbart hatte wie eine Feuersäule, die die Erde mit dem Himmel verband, ging er nach Kappadokien, um ihm zu begegnen.

 

 

Er erreichte Cäsarea am Tag des Festes der Theophanie und betrat die Kirche, als der heilige Basilius dort die Göttliche Liturgie zelebrierte. Obwohl Ephrem die griechische Sprache nicht verstand, wurde er von Bewunderung ergriffen, als der große Hierarch seine Homilie zum Festtag sprach, denn er sah auf seiner Schulter eine weiße Taube sitzen, die ihm göttliche Worte ins Ohr murmelte. Dieselbe Taube offenbarte dem Heiligen Basilius die Gegenwart des demütigen syrischen Asketen inmitten des   feiernden Volkes. Er ließ ihn zu sich holen und sprach einige Augenblicke mit ihm im Allerheiligsten. Auf sein Gebet hin gewährte Gott dem heiligen Ephrem, plötzlich Griechisch zu sprechen, so als würde er diese Sprache seit seiner Kindheit kennen. Daraufhin weihte ihn der heilige Basilios zum Diakon und ließ ihn in seine Heimat zurückkehren.

 

Bald danach begann eine lange Reihe kriegerischer Auseinandersetzung zwischen Byzanz und   den Persern  (338-387),  und  überall im  persischen Reich  wurden die Christen,  die  man als  Verbündete  der  christlichen Kaiser betrachtete,  unerbittlich verfolgt. Als Ephrem in der Wüste von den Leiden seiner Brüder hörte, ging er nach Nisibis, um ihnen beizustehen durch seine Schriften und sein Wort. Die Gnade des Heiligen Geistes erfüllte ihn so sehr, dass seine Zunge, wenn er zum Volk sprach, nicht Zeit fand, all die himmlischen Gedanken auszusprechen, die Gott ihm eingab, sodass er wie von Stammeln ergriffen schien.

 

Deshalb richtete er an Ihn eine ungewöhnliche Bitte: ,,Halte die Flut Deiner Gnade zurück, o Herr!“ Wenn er nicht beschäftigt war mit der Lehre, um den Glauben zu stärken gegen die Heiden und die Häretiker, stellte er sich demütig in den Dienst aller, als wahrer Diakon, der nach dem Vorbild Christi zum „Dienenden“ geworden ist.

 

Aus dieser Demut heraus lehnte er es stets ab, die Priesterweihe zu empfangen. Im Jahr 363 fiel Nisibis in die Hand der Perser, und der heilige Ephrem, der nicht unter der Herrschaft der Heiden leben mochte, wanderte mit vielen anderen Christen nach Edessa aus.

 

Dort verbrachte er die letzten zehn Jahre seines Lebens als Lehrer an der berühmten Exegetenschule, die der heilige Jakobus in Nisibis gegründet hatte und die nun in Edessa als „Schule der Perser“ weitergeführt wurde.

 

Hier verfasste er auch den größten Teil seiner Schriften, in denen er die Gotteserfahrung und die heiligen Dogmen der Kirche in einer dichterischen Sprache von einmaliger Schönheit zum Ausdruck brachte. Man sagt, dass er, in seiner altsyrischen Muttersprache, mehr als drei Millionen Verse schrieb: Kommentare zur Heiligen Schrift, Hymnen über das Paradies, die Jungfräulichkeit, den Glauben, die großen Mysterien des Erlösers, die liturgischen Feste   usw.,   ferner  Abhandlungen   gegen   die   Häresien,   über   die  Askese   und   das Mönchsleben.

 

Sehr viele Werke des heiligen Ephrem liegen auch in deutscher Übersetzung vor: Darunter die Hymnen über das Paradies, Über die Kirche, Über die Geburt Christi, Pascha-Hymnen, Über das Fasten, Über den Glauben.

 

Seine Hymnen gingen zu einem großen Teil in die liturgischen Bücher in altsyrischer Sprache ein und trugen ihm die Titel ,,Harfe des Hl. Geistes“ und ,,Lehrer der Ökumene“ ein. Er hat der Kirche auch jenes Gebet geschenkt, das wir während   der Großen Fastenzeit in allen Gottesdiensten wiederholen:  

 

„Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßiggangs, der Verzagtheit, der Herrschsucht und der Geschwätzigkeit gib mir nicht!

 

Gib mir hingegen, Deinem Knecht, den Geist der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe!

 

Ja, mein Herr und mein König, gib mir meine eigenen Sünden zu sehen und nicht meinen Bruder zu verurteilen, denn gesegnet bist Du in die Ewigkeit der Ewigkeit. Amen.“

 

Dieses Gebet wie auch seine anderen asketischen Schriften erweisen ihn als einen der großen Lehrer der Zerknirschung, des reumütigen Herzens. Der heilige Ephrem besaß die Gnadengabe der heiligen Tränen, die seine Augen auf Jahre hinaus zu zwei unerschöpflichen Brunnen machte, die bei Tag und bei Nacht die läuternden Wasser der zweiten Taufe strömen ließen, und manchen Menschen hat sich beim Lesen seiner Schriften der Weg zu Reue und Umkehr zu Gott geöffnet.

 

Nachdem der heilige Ephrem in Edessa noch die Hilfsaktionen gegen die Hungersnot von 372 organisiert hatte, entschlief er im Jahr 373 in Frieden zum Herrn, umgebenvon den Asketen und Eremiten der Region, die von ihren Wüsten und Bergen herbeigeströmt waren, um seinen letzten Augenblicken beizuwohnen.

 

Quelle: Das Synaxarion, die Leben der Heiligen der Orthodoxen Kirche.

 

 

Exarchat der orthodoxen Gemeinden

russischer Tradition in Westeuropa 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa (Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa (Архиепископия Православных Русских Церквей в Западной Европе / Archevêché des Églises Orthodoxes Russes en Europe Occidentale) umfaßt heute rund 200 orthodoxe Gemeinden in fast allen Ländern Westeuropas und betreut dabei zwischen mindestens 25.000 bis 30.000 und höchstens 75.000 bis 80.000 Gläubigen (Diese Angabe basiert auf einer Einschätzung des Verfassers, der Zahlen, die S. E. Erzbischof Sergej (Konovaloff) im Jahre 2003 genannt hat, zugrunde liegen). Es untersteht der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel. Der amtierende Erzbischof ist Monsigneur Archevêque Jean von Charioupolis. Der Bischofsitz befindet sich an der Alexander-Newsky-Kathedrale in Paris. Das Erzbistum gliedert sich derzeit in mehrere Dekanate in Frankreich. Außerdem gibt es Dekanate für Belgien, die Niederlande, Italien, Deutschland, Spanien, Skandinavien sowie Großbritannien und Irland. 

 

Das Exarchat ist aus der im Jahr 1921 gegründeten westeuropäischen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche hervorgegangen. Infolge der politischen und kirchlichen Schwierigkeiten, die sich aus der kommunistisch-atheistischen Kirchenverfolgung in Russland ergaben, untersteht die Diözese seit dem Jahre 1931 der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen.

 

 Monsigneur Erzbischof Johannes von Charioupolis.
Monsigneur Erzbischof Johannes von Charioupolis.

 

Die meisten Gemeinden des Exarchates befinden sich in Frankreich. In Deutschland gibt es Gemeinden in Düsseldorf (Orthodoxe Kirchengemeinde zu den Heiligen Erzengeln), in Stuttgart (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Alexander Newsky (Pragfriedhof), in Albstadt (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Sergei von Radonesch) und in Balingen (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Martin von Tours).

 

Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht der Kirche zu den Heiligen Erzengeln in Düsseldorf.
Innenansicht der Kirche zu den Heiligen Erzengeln in Düsseldorf.
Außenansicht Kirche Heiliger Alexander Newsy in Stuttgart.
Außenansicht Kirche Heiliger Alexander Newsy in Stuttgart.

 

Die Gemeinden des Exarchates sind in der russischen Tradition der orthodoxen Kirche beheimatet, verstehen sich aber nicht erstrangig als russische Auslandsgemeinden, sondern als Heimat für alle orthodoxen Christen, die sich zu den jeweiligen Parrgemeinden (Paroisse) und eucharistischen Kommunitäten (Communauté eucharistique) zugehörig fühlen. Infolgedessen ist auch der Anteil von Gläubigen westlicher Herkunft in den Gemeinden des Exarchats vergleichsweise groß. Damit alle Gläubigen in der Gemeinde gleichermaßen mit ins Gebet hinein genommen werden können, stellt der Gottesdienst in der jeweiligen westeuropäischen Landessprache nicht eine Ausnahme, sondern die gewünschte Normalität dar, wobei gleichzeitig auch selbstverständlich immer Teile der Gottesdienste in den jeweiligen Heimatsprachen der anwesenden Gläubigen gebetet und gesungen werden können. Jedoch werden den Gläubigen im Exarchat außer den Vorschriften, die im christlich-orthodoxen Glauben und den daraus folgenden Regeln für das orthodoxe kirchliche Leben begründet sind, grundsätzlich keine weiteren Verhaltensnormen als verbindliche Leitkultur auferlegt. Jede Gläubige kann und darf sein sprachliche, nationale und kulturelle Identität selbst bestimmen und ihr jeweils einen eigenen Ausdruck verleihen. Unter Erzbischof Georgy (Tarassov, 1960-1988) wurde für das Exarchat die bis heute gültige Regelung beschlossen, dass jede Einzelgemeinde für sich und nach ihren pragmatischen Bedürfnissen entscheiden darf, in welcher Sprache sie ihr gottesdienstliches leben gestalten möchte. Dabei haben sich heute zwei Grundvarianten herausgebildet: Es bis heute im Exarchat neben vielen Gemeinden mit mehrheitlich landessprachlichem Gottesdienst und neuem (neujulianischem) Kalender genauso selbstverständlich auch Gemeinden mit vorwiegend kirchenslawischer Gottesdienstsprache und altem (julianischem) Kalender. Dabei versuchen die einzelnen Gemeinden in der jeweils zu ihnen passenden Art und Weise das russisch-kirchenslawische Vätererbe zu bewahren und die berechtigten Interessen der jungen Generation und der sich neu in der Orthodoxie beheimatenden Konvertiten nach einem vorwiegend landessprachlich geprägten Gottesdienst in gerechten Einklang zu bringen. Denn so wenig wie sich die heutige kirchliche Wirklichkeit im Exarchat einfach mit dem Begriff "russisch-orthodox" klassifizieren läßt, genau so verkürzend und der komplexen Fülle der gelebten Realitäten in den Gemeinden des Exarchates nicht gerecht werdend wäre es, beim Exarchat einfach von einer "Orthodoxie westeuropäischer Prägung, mit einer abendländischen Identität oder Mentalität" sprechen zu wollen. 

 

Eglise Saint Serge de Radonege am Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge. Neben den meist französischsprachigen Gottesdiensten des Instituts dient die Kirche auch einer bis heute russischsprachigen Gemeinde als Gotteshaus.
Eglise Saint Serge de Radonege am Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge. Neben den meist französischsprachigen Gottesdiensten des Instituts dient die Kirche auch einer bis heute russischsprachigen Gemeinde als Gotteshaus.
Blick auf den Innenhof des Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge in Paris.
Blick auf den Innenhof des Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge in Paris.

 

Ferner gehört zum Exarchat das Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris, das die älteste und traditionsreichste orthodoxe theologische Bildungseinrichtung in Westeuropa ist. Vor allem in Frankreich unterstehen verschiedene orthodoxe Klöster und Skiten der Jurisdiktion des Exarchats, so zum Beispiel das Nonnenkloster Mariae Schutz in Bussy-en-Othe und das Kloster Sainte Silouane in Saint Mars de Locquenay.

 

Igumen Archimandrit Syméon im Monastère Orthodoxe  Saint Silouane.
Igumen Archimandrit Syméon im Monastère Orthodoxe Saint Silouane.
Krypta im Monastère Orthodoxe Saint Silouane.
Krypta im Monastère Orthodoxe Saint Silouane.
Klosterkirche Verklärung Christi im Kloster Mariae-Schutz in Bussy-en-Othe.
Klosterkirche Verklärung Christi im Kloster Mariae-Schutz in Bussy-en-Othe.

 

Hier können Sie die aktuelle Online-Ausgabe der Kirchenzeitung des Exarchates in deutscher Sprache lesen:

 

ZUR ORTHODOXEN KATECHESE

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Es ist eine traurige Tatsache, dass viele orthodoxe Gläubige die Glaubenswahrheiten unserer Kirche nicht (mehr) kennen. Der Mangel an religiöser Kenntnis ist nicht normal, obwohl viele glauben, dass religiöses und theologisches Wissen allein eine Sache der "Spezialisten" sei.

 

Wer sich ernsthaft darum bemüht, ein orthodox geprägtes Leben zu führen, wer als praktizierender orthodoxer Christ sein Leben mit und in der orthodoxen Kirche führen will, muss zwar in erster Linie regelmäßig an den Gottesdiensten der Kirche teilnehmen, dort die heiligen Mysterien (Sakramente) ehrfürchtig empfangen, das persönliche Gebetsleben pflegen und sich im geistlichen Leben um ein, den eigenen Lebensvollzügen angemessenes, Maß der Askese bemühen.

 

An zweiter Stelle steht aber, dass wir uns als orthodoxe Christen ernsthaft darum bemühen sollten, ein umfassendes orthodoxen Glaubenswissen zu erwerben. Dies trifft nicht nur auf die Minderheiten in der orthodoxen Diaspora zu, wo schulischer Religionsunterricht bis heute eher eine Ausnahme darstellt und deshalb die Katechese im Erwachsenenalter unverzichtbar für den Aufbau eines gründlichen Wissens um die Inhalte des orthodoxen Glaubens ist, sondern zunehmend auch auf die bisher traditionell orthodox geprägten Länder Südost- und Osteuropas. Auch hier geht mit der Übernahme einer individualistischen Lebensauffassung und konsumorientierten Alltagskultur gleichzeitig ein Rückgang der traditionell gemeinschaftlich erlebten und von Generation zu Generation weitergegebenen orthodoxen, kirchlich orientierten Volkskultur einher. Wo aber nicht mehr die gemeinsam weitergegebenen orthodoxen Glaubens- und Lebensvollzüge, sondern in zunehmendem Maße persönliche Auswahloptionen das religiöse wie auch alltägliche Leben bestimmen, ist ein umfassendes orthodoxen Glaubenswissens für den einzelnen Gläubigen mehr den je unverzichtbar.

 

Um sich dieses orthodoxe Glaubenswissen anzueignen, ist es ganz entscheidend, dass wir regelmäßig und aufmerksam die liturgischen Texte in unseren orthodoxen Gottesdiensten mitbetend hören. Den in diesen liturgischen Texten wird die Heilige Schrift für uns zitiert, paraphrasiert und ausgelegt. So führen uns die liturgischen Texte hin zum rechten Hören auf die Worte der Heiligen Schrift, die wir Orthodoxe im Sinne der Heiligen Apostolischen Tradition, wie sie sich rechtgläubig in der Lehre unserer orthodoxen Kirche ausdrückt, verstehen. Um zu wissen, was die Lehre unserer orthodoxen Kirche ist und was uns die Heilige Orthodoxe Tradition sagt, brauchen wir alle - gebildete und einfache Menschen - eine beständige Praxis des frommen Mitbetens und andauernden Hinhörens auf die Worte unserer orthodoxen Gottesdienste, aber auch eine lebenslange, religiöse Weiterbildung (Katechese) im Rahmen unserer Kirchengemeinden und Familien. An erster Stelle erweist sich für uns dabei das regelmäßige Gespräch mit unserem geistlichen Vater und das fortlaufende Lesen in den Schriften der heiligen Väter als besonders hilfreich. Darüber hinaus helfen uns heute eine Vielzahl katechetischer orthodoxer Texte weiter, wenn wir unser Glaubenswissen vertiefen und erweitern wollen.

 

Um diesem frommen Bemühen unserer Gläubigen zu dienen, veröffentlichen wir kurze, klare und einfache Texte, die das notwendige Wissen über unseren orthodoxen Glauben fördern sollen. So versteht sich unser Online- Magazin Orthodoxe Perspektive mit all seinen Inhalten als ein gemeinde- und erwachsenenkatechetischer Beitrag zur Förderung und Unterstützung des Glaubenswissens orthodoxer Christen in deutscher Sprache.

 

Herzlich gern stellen wir das Material auf dieser Webseite allen orthodoxen Christen und Kirchengemeinden zur Verfügung. Wir bitten aber um Ihr Verständnis, dass wir erwarten, dass die Texte und Abbildungen nur nach Rücksprache mit der Schriftleitung anderweitig genutzt, verbreitet, beziehungsweise an anderer Stelle veröffentlicht werden.

 

 

Hirtenwort der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland zum Religionsunterricht

 

„Lasst die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen!“ (Mt 19,14) 

 

Liebe Väter, Brüder und Schwestern!

 

In einer Angelegenheit, die uns sehr am Herzen liegt und für die Zukunft unserer Kirche in diesem Land von eminenter Bedeutung ist, wenden wir orthodoxen Bischöfe Deutschlands uns heute in einem gemeinsamen Hirtenwort an Sie, liebe orthodoxe Christen und Christinnen in Deutschland.

 

Zu den Sorgen, die uns als Oberhirten der Orthodoxen Kirche in Deutschland aufgetragen sind, gehört jene um die Weitergabe unseres heiligen Glaubens an die kommenden Generationen: Die religiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen stellt gerade in der Diaspora-Situation unserer Gemeinden ein Feld von besonderer Wichtigkeit dar, allerdings oft auch ein steiniges Feld. 

 

Wir sehen mit Besorgnis, wie etliche jüngere Glieder der Kirche ohne die notwendige religiöse Unterweisung aufwachsen, die ihnen hilft, den Glauben ihrer Väter und Mütter zu bewahren und ihn später einmal auch an ihre Kinder weiterzugeben. 

 

Für uns Bischöfe ist es sehr beunruhigend, dass der schulische orthodoxe Religionsunterricht bislang nur einen relativ geringen Teil der orthodoxen Schülerinnen und Schüler in Deutschland erreicht. 

 

Wir sind Mitbürger in diesem Land geworden, und wir sind es gerne: Als solche tragen wir gemeinsam mit den staatlichen Institutionen Deutschlands die Verantwortung dafür, dass unsere Kinder und heranwachsenden Jugendlichen in die hiesige Gesellschaft integriert werden und zugleich ihre eigene orthodoxe religiöse Identität nicht verlieren; dies ist eine wichtige Aufgabe des staatlichen Religionsunterrichtes, der in qualitativer und quantitativer Hinsicht dem der anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften entspricht. 

 

Dabei dürfen wir mit Freude feststellen, dass von Seiten der zuständigen staatlichen Stellen unser Anliegen in der letzten Zeit eine positive Würdigung erfährt. So haben bislang bereits vier Bundesländer den orthodoxen Religionsunterricht an allgemeinbildenden staatlichen Schulen offiziell eingerichtet, nämlich Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen und Hessen, also die Bundesländer mit dem größten Anteil orthodoxer Gemeinden und Gläubigen in Deutschland. Auch die Länder Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, mit denen wir in Verhandlung stehen, zeigen sich prinzipiell bereit, den orthodoxen Religionsunterricht einzuführen. 

 

Inzwischen können wir auch mit Freude feststellen, dass sich Möglichkeiten zur Ausbildung von Religionslehrern aus allen orthodoxen Nationen, die in Deutschland leben, bieten, und zwar von solchen Lehrerinnen und Lehrern, die in diesem Lande ausgebildet werden, die die Situation der Orthodoxen Kirche in Deutschland verstehen und auch die Lebenswirklichkeit ihrer Schülerinnen und Schüler gut kennen. Solche Möglichkeiten gibt es an der Universität München wie auch an der Universität Münster. 

 

Doch auch in den genannten Bundesländern sind wir noch weit entfernt von einem flächendeckenden Angebot orthodoxen schulischen Religionsunterrichtes, vor allem, weil eine entsprechende positive Resonanz aus den Gemeinden fehlt und an zu wenigen Orten die Einrichtung des Unterrichtes eingefordert wird. Dies gilt umso mehr, als in einigen Bundesländern staatlicherseits die notwendigen statistischen Grundlagen bislang noch nicht vorhanden sind.

 

Wir dürfen hier nicht nur auf den Staat verweisen und allein von ihm Lösungen erwarten: Im Blick auf die religiöse Bildung unserer Kinder sind der volle Einsatz und das Engagement aller orthodoxen Christen in Deutschland gefordert. 

 

Es ist hohe Zeit, hier zu handeln, sonst besteht die Gefahr, dass eine Generation von jungen orthodoxen Christen heranwächst, die ihrem Glauben bzw. dem der Eltern immer mehr entfremdet wird. Es ist unbestritten, dass neben der Gemeindekatechese dem Religionsunterricht im deutschen Schulsystem eine wesentliche Funktion zur Wertevermittlung zukommt. Wir können auf den schulischen orthodoxen Religionsunterricht nicht verzichten, wenn wir erreichen wollen, dass unsere Kinder und Jugendlichen der Kirche und dem Glauben nicht verloren gehen bzw. sie auf eine folkloristische Besonderheit ihrer nationalen Herkunft reduzieren. 

 

Bei dieser Aufgabe sind wir wesentlich auf die Mitarbeit der Pfarrer und Eltern, also auf Ihre Unterstützung angewiesen: 

 

Nutzen wir die Möglichkeit, dass unsere Kinder durch den schulischen orthodoxen Religionsunterricht den orthodoxen Glauben, den Glauben ihrer Väter und Mütter, besser kennen lernen und weiter in ihn hineinwachsen!

 

• Bestehen Sie darauf, dass Ihr Kind orthodoxen Religionsunterricht in seiner Schule erhält!

 

• Informieren Sie andere orthodoxe Eltern darüber, dass diese Möglichkeit besteht und unbedingt genutzt werden sollte!

 

• Seien Sie bereit, bei der Organisation des Unterrichtes mitzuhelfen und Ihre Kinder dann auch zu diesem Unterricht zu bringen! 

 

Nur wenn es uns gelingt, der heranwachsenden orthodoxen Generation in Deutschland aus dem gelebten orthodoxen Glauben und der genuinen orthodoxen Tradition heraus das notwendige Rüstzeug mitzugeben, das ihr einerseits die Integration in die Gesellschaft dieses Landes und ein tatkräftiges Mitgestalten ermöglicht, sie andererseits aber vor einer Assimilierung an eine immer mehr dem christlichen Glauben sich entfremdende Umgebung bewahrt, können wir hoffnungsvoll in die Zukunft der Orthodoxen Kirche in Deutschland blicken zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! 

 

Berlin, 12. November 2011

 

Für die Gr.-Orth. Metropolie von Deutschland, Exarchat von Zentraleuropa (K.d.ö.R.)

 

Metropolit Dr. h.c. Augoustinos von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa

 

Bischof Evmenios von Lefka, Bischof Bartholomaios von Arianz mit allen Mitgliedern der OBKD.

 

Quelle: http://www.obkd.de/Texte/

 

Hier kann das Anmeldungsformular für den orthodoxen Religionsunterricht in Baden-Würtemberg heruntergeladen werden