Orthodoxe Perspektive-                                                   Ein Online-Magazin                               für Gemeindekatechese

und Erwachsenenbildung

 

Wo finde ich was?

 

 

Liebe Leser & Leserinnen,

 

im Laufe der Zeit ist das Projekt der Internet-Seite "Orthodoxen Katechese" immer mehr angewachsen. Inzwischen reicht es von Informationen zu den Heiligen und Festen im Kirchenjahr, über Beiträge zur Heiligen Liturgie und den übrigen orthodoxen Gottesdiensten, zum orthodoxen Brauchtum und den landestypischen Traditionen, die unseren kirchlichen Jahreslauf prägen, zur kirchlichen Kunst und den orthodoxen Landeskulturen bis hin zu Materialien für die Sonntagsschularbeit, den Religionsunterricht und die kirchlichen Erwachsenenbildung.

 

Da inzwischen sowohl die inhaltliche Erarbeitung der Texte, als auch die Bereitstellung im Internet einen erheblichen Zeitrahmen in Anspruch nimmt, werden in der Zukunft die neuen Beiträge nicht mehr wie bisher zuerst hier auf der Startseite, sondern gleich direkt auf den Unterseiten bzw. den Rubriken zu finden sein. Auf dem Eingangsportal wird in der Zukunft auch nur noch im Einzelfall ein kurzer Hinweis  auf die neuen Artikel erscheinen. 

 

Sie finden auf den Navigationsleiste eine Übersicht. Von dort gelangen Sie auch weiter zu den einzelnen thematischen Unterseiten und Rubriken. Eine kurze Orientierungshilfewo Sie die verschiedenen Texte nach Themengebieten geordnet bei "Orthodoxe Katechese" finden können, bietet Ihnen in der Navigationsleiste die Rubrik "Wo finde ich was".

 

 

Heilige & Feste im Monat August

 

 

OJB-Jugendtag in Stuttgart

 

Am 23.09.2017 wird der zweite Jugendtag in Stuttgart stattfinden.

 

 „Leben in Christus“

 

Das Leben des Christen ist nicht in erster Linie moralisch und ethisch als Nachfolge Christi zu verstehen. Vielmehr ist der Christ in den mystischen Leib Christi eingegliedert und hat durch die Sakramente Anteil am göttlichen Leben und der Gemeinschaft mit Christus. Seine persönliche Aufgabe ist es, dieses göttliche Leben zu bewahren und zu vertiefen, um es schließlich in der ewigen Gemeinschaft mit Christus aufgehen zu lassen. Wir gehen aus von den drei grundlegenden Sakramenten der Taufe, der Myronsalbung (Firmung), der Eucharistie und wir wollen gemeinsam erarbeiten, wie das in diesen heiligen Mysterien empfangene Leben bewahrt und entfaltet werden kann.

Teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene ab 17 Jahren. Wir freuen uns auf eure zahlreiche Teilnahme an diesem Jugendtag, wo ihr nicht nur die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit eurem Glauben haben werdet, sondern auch zum persönlichen Gespräch, zum gegenseitigen Kennenlernen und zum gemütlichen Beisammensein. Aus planungstechnischen Gründen müssen wir vorab wissen, wie viele Personen an dem Jugendtag teilnehmen werden, wir bitten euch daher um eure Anmeldung bis spätestens 11.09.2017

 

Anmeldung:
Erzpriester Michael Buk
Orthodoxe Kirchengemeinde
Schloßstr. 42
72461 Albstadt
Telefonisch: 0 74 32/94 15 21
Fax: 0 74 32/94 15 22

 

Mail: info@orthodoxe-kirche-balingen.de

 

Der Jugendtag wird wieder in der rumänischen orthodoxen Kirchengemeinde Christi Geburt, Stammheimerstr. 104 in 70439 Stuttgart-Zuffenhausen stattfinden.

 

 

Buchempfehlung für ein schön gestaltetes orthodoxen Kinderbuch

 

 

Die antiochenisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland und Mitteleuropa hat ein sehr schönes, neues orthodoxes Kinderbuch herausgebracht. Unter dem Titel „Die großen Feste der Orthodoxen Kirche für Kinder erklärt" werden kindgerechte Beschreibung der 13 hohen Festen unserer Kirche mit ihren Festliedern (Troparia) und den Ikonen der Feste dargeboten.

 

Das Buch kostet 5 € Privat und 3€ je Buch für die Gemeinden (zzgl. Porto und Verpackung 1,50€).

 

Für Ihre Bestellungen, telefonisch oder per WhatsApp 0176/47158197

Oder per E Mail an: kinder@rum-orthodox.de

 

 

Um weitere Bücher für orthodoxe Kinder drucken zu können,  ist die antiochenisch-orthodoxe Metropolie für jede Spende dankbar.

 

 

Buchempfehlung 

 

Dumitru Stǎniloae zählt zu den bedeutendsten orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts. Schon vor Vladimir Lossky und Erzpriester John Meyendorff hatte er die Fundamente für eine Rückbesinnung  der zeitgenössischen orthodoxe Theologie auf die genuin orthodoxe Theologie der Heiligen Väter gelegt, die seit dem 17. Jahrhundert in den orthodoxen Kirchen durch eine Schultheologie in abendländischen Denkkategorien überdeckt worden und damit beinahe in Vergessenheit geraten war.

 

Als gläubiger orthodoxer Christ, Hochschullehrer und Priester in der Zeit der kommunistischen Diktatur selbst mehrere Jahre in Haft, legte Stăniloae neben der umfangreichsten Übersetzung und Edition von Väter-Texten zu Spiritualität, Askese und Mystik in der orthodoxen Kirche auch einen äußerst kreativen Gesamtentwurf zur orthodoxen Theologie vor.

 

Der vorliegende Band porträtiert das Leben von Vater Dumitru und stellt das theologische Schaffen dieses großen orthodoxen Theologen aus der rumänischen Tradition dar. Da das vorliegende Buch die zentralen Themen seiner Theologie auf allgemeinverständliche Weise darbietet, ist das Werk auch für die gewinnbringende Lektüre interessierter Nichttheologen geeignet.

 

Obwohl der Autor Jürgen Henkel als Pfarrer im evangelisch-lutherischen Christentum beheimatet ist, zeichnet sich dieses Werk durch eine große Sachkenntnis der orthodoxen theologischen Denktradition aus. Pfarrer Henkel gibt sich hier wieder einmal - wie bereits in seinem vorangegangenen theologischen Arbeiten - als sachkundiger Theologe, als engagierter Freund der orthodoxen Kirche - im Besonderen ihrer rumänischen Tradition - und als ein gläubiger evangelischer Christ, der Brücken des Verstehens zu den orthodoxen Christen und dem geistlichen Leben ihrer Kirche zu bauen vermag, zu erkennen.

 

Wer selbst die Werke von Vater Dumitru nicht im rumänischen Original studieren kann oder will, findet hier eine mit vielen Zitat-Passagen gut belegte Darstellung seines theologischen Denkens. Herrn Pfarrer Henkel sei dafür von orthodoxer Seite ein herzliches "Vergelt es Gott" gesagt.

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Virtuelle Rekonstruktion des vorosmanischen Zustandes der Hagia Sophia in Konstantinopel. Im Hintergrund ist die Irenen-Kirche zu sehen.
Virtuelle Rekonstruktion des vorosmanischen Zustandes der Hagia Sophia in Konstantinopel. Im Hintergrund ist die Irenen-Kirche zu sehen.

 

Die Kirche der Heiligen Weisheit in Konstantinopel

 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Kirche der Heiligen Weisheit in Konstantinopel war bis zur Eroberung der Stadt durch die Osmanen die Patriarchalbasilika der Ökumenischen Patriarchen und erste Kirche der orthodoxen Christenheit. Die liturgischen Vollzüge der orthodoxen Liturgie wurden maßgeblich von diesem Kirchenbau beeinflusst. Der Name der Kirche „Hagia Sophia“ (Αγια Σοφια  - „Die Heilige Weisheit“, slawisch: София Премудрость Божия = Göttliche Weisheit) bezieht sich auf die hypostatische Weisheit Gottes, den Logos und Sohn Gottes Jesus Christus, der zu unserem Heile Mensch geworden ist. Insofern ist die Hagia Sophia eine Christus-Erlöser-Kirche. Jesus Christus ist die Weisheit Gottes, die Sophia, über die bereits Buch der Sprüche Salomos geschrieben steht: „Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, hat ihre sieben Säulen ausgehauen“ (Sprüche Salomos 9:1) Diese Worte Salomos weisen prophetisch auf die kommende Inkarnation des  Sohnes Gottes in Jesus Christus hin, den der heilige Apostel Paulus die „Weisheit Gottes“ nennt (vgl.: 1.Korinther 1:30), während das Wort „Haus“ auf die Allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria hinweist, aus der Sohn Gottes Fleisch angenommen hat.

 

Ikone der Göttlichen Weisheit.
Ikone der Göttlichen Weisheit.
Russische Ikone des 18. Jahrhunderts -„Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, hat ihre sieben Säulen ausgehauen“ (Sprüche Salomos 9:1).
Russische Ikone des 18. Jahrhunderts -„Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, hat ihre sieben Säulen ausgehauen“ (Sprüche Salomos 9:1).

 

Die erste Sophienkirche in Konstantinopel wurde bereits unter dem heiligen, apostelgleichen Kaiser Konstantin errichtet. Es handelte sich jedoch noch nicht um einen Zentral- oder Kreuz-Kuppel-Bau sondern um eine christlich-antike Kirche im Stil einer Basilika, wie sie sich noch heute in der Kathedrale des heiligen Demetrius in Thessaloniki erhalten hat, also um einen langestreckten Baukörper mit Holzdach. Diese erste Kirche wurde im Jahre 360 fertiggestellt und brannte bereits im Jahre 404 bei einem Aufstand nieder. Der folgende Neubau unter Kaiser Theodosius II. wurde im Jahre 415 eingeweiht und ging während der Herrschaft des Kaisers Justinian im Nika-Aufstand des Jahres 532 erneut in Flammen auf. Kaiser Justinian veranlasste daraufhin den dritten und vorerst letzten Bau der Hagia Sophia. Diese prachtvolle Kirche, die bis zur Errichtung des heutigen Petersdoms in der Renaissancezeit die größte Kirche der Christenheit war, wurde am 26. Dezember des Jahres 537 zur Ehre Gottes geweiht.

 

Rekonstruktion der justianischen Kirche. Blick auf die Forderfront mit Weihebrunnen und Vorhof.
Rekonstruktion der justianischen Kirche. Blick auf die Forderfront mit Weihebrunnen und Vorhof.

 

Bis zum Ende des rhomäisch-byzantinischen Reiches im Jahre 1453 war die Hagia Sophia Kathedrale und Bischofskirche der Ökumenischen Patriarchen und zugleich Hof- und Krönungskirche der oströmischen Kaiser. So war die Hagia Sophia der Ort aller wichtigen Gottesdienste des Kirchenjahres. Wurden bis zur Zeit des Justinian - ähnlich wie in der Stadt Rom - die verschiedenen Festgottesdienste durch den Patriarchen an bestimmten Orts- oder Stationskirchen vollzogen, zu denen Patriarch, Volk und Klerus in feierlicher Prozession schritten, so wurde es nun üblich, so gut wie alle Festgottesdienste des Kirchenjahres in der Hagia Sophia selbst zu zelebrieren. Von der Tradition an Festtagen in einer feierlichen Prozession zum Ort des Gottesdienste zu ziehen künden uns noch heute die Typika- und Antiphonal- Psalmen, die wir am Beginn der Liturgie der Katechumenen singen. Damals wurden sie noch im Wechsel von den Kirchensänger und dem Volk während der Prozession gesungen. Die Feier der Göttlichen Liturgie begann dann damit, dass das heilige Evangelienbuch zum Patriarchen heraus getragen wurde und dieser es durch einen Kuss verehrte. Dann zogen alle, Kleriker und Volk unter dem Gesang des „Kommet, lasset uns anbeten und niederfallen vor Christus…“ in die Kirche ein und die Feier der Göttlichen Liturgie begann erst mit der Lesung des Apostel und des Evangeliums. Eine weitere Erinnerung an die liturgische Prozession ist der Brauch, beim kleinen Einzug das heiligen Evangelienbuch zum Bischof, der bisher inmitten des Volkes auf der Bema gestanden hat, herauszutragen. Der Bischof verehrt dann das Evangelienbuch und mit dem bereits erwähnten Gesang ziehen alle Kleriker in den Altarraum ein und die Lesungen beginnen.

 

Der heilige Johannes Chrysostomos schreibt die Gebete der Heiligen Liturgie unter der Anleitung des heiligen Apostels Paulus.
Der heilige Johannes Chrysostomos schreibt die Gebete der Heiligen Liturgie unter der Anleitung des heiligen Apostels Paulus.

 

Während der lateinischen Besetzung der Kaiserstadt von 1204-1261 wurden alle heiligen Reliquien aus der Hagia Sophia entfernt und von den Franko-Lateinern nach Westeuropa gebracht. Danach wurde das Gotteshaus als römisch-katholische Kirche genutzt. Nachdem die rhomäischen Kaiser, die zwischenzeitlich in Nicäa (1204-1261) und Trapezunt residierten, im Jahre 1261 nach Konstantinopel zurückkehren konnten, wurde das Gotteshaus bis zur Eroberung der Stadt durch die osmanischen Türken im Jahre 1453 erneut als orthodoxe Kathedrale und Hofkirche des Kaisers genutzt.

 

Rekonstruktionsversuche des Innenraums der Hagia Sophia - der Ikonostas
Rekonstruktionsversuche des Innenraums der Hagia Sophia - der Ikonostas
Eine andererer Rekonstruktionsversuch des Innenraums der Hagia-Sophia - Ikonostas und Bema.
Eine andererer Rekonstruktionsversuch des Innenraums der Hagia-Sophia - Ikonostas und Bema.
Rekonstruktionsversuch der Lichtwirkung im Innenraum der Hagia Sophia - Blick auf Bema und Ikonostas.
Rekonstruktionsversuch der Lichtwirkung im Innenraum der Hagia Sophia - Blick auf Bema und Ikonostas.

 

Als Krönungskirche der byzantinischen Kaiser (seit dem Jahre 641), als Kathedrale des Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel und als Ort wichtiger historischer Geschehnisse ist die Hagia Sophia in besonderer Weise mit der Geschichte der orthodoxen Kirche und der des rhomäisch-byzantinischen Kaisertums verbunden. Zugleich ist die Hagia Sophia ganz bewusst als eine Widerspiegelung, als eine Ikone des von Kommen des Heiles in Jesus Christus ergriffenen Kosmos erbaut worden. Zugleich war sie ideengeschichtliches Abbild der durch den christlichen Glauben ergriffenen Welt, der gesamten christlich-byzantinischen Oikumene, wenn der christlich-römische Kaiser dort umgeben von seinem Hofstaat am christlich-orthodoxen Gottesdienst teilnahm. So ist die Hagia Sophia als ein Ort der christlichen Liturgie zur orthodoxen Modellkirche geworden, was die Sophienkirchen in Kiew (Ukraine), Novgorod (Russland) und Sofia (Bulgarien) unter anderen gleichgestaltigen Kirchenbauten anschaulich belegen.

 

Sophienkirche in Kiew - heutige barocke Ansicht.
Sophienkirche in Kiew - heutige barocke Ansicht.
Modell der Sophienkirche in Kiev vor der Barockisierung.
Modell der Sophienkirche in Kiev vor der Barockisierung.
Sophienkirche in Novgorod.
Sophienkirche in Novgorod.

 

Die Hagia Sophia gehört zu den herausragenden Bauwerken der christlichen Spätantike und ist das bedeutendste Beispiel für den Bautypus der byzantinischen Kreuz-Kuppel-Kirche. Sie wurde von den byzantinischen mathematischen Gelehrten und Architekten Anthemios von Tralles und Isidor von Milet unter der Anwendung der antiken Mathemaik und der Gewölbelehre Herons errrichtet.

 

Das den gesamten Kirchenraum prägende und liturgisch das Himmelsgewölbe und die gesamte von Christus beherrschte himmlische Sphäre symbolisierende Bauelement der Hagia Sophia ist ihre monumentale Kuppel, die den gesamten Innenraum der Kirche beherrscht. Sie ruht auf Pendentifs zwischen vier mächtigen Eckpfeilern, die das Gewicht der Kuppel zum Baugrund hin ableiten. Die besondere bauhistorische Bedeutung der Kuppel liegt nicht in ihrer Größe, sondern darin, dass sie erstmals auf nur vier Pfeilern ruht und so gleichsam über dem darunterliegenden Raum schwebt. Die Ausmaße des dadurch entstandenen Kirchenraumes sind beeindruckend. Die Konstantinopler Sophienkirche steht auf einem Rechteck von rund 80 m Länge und 70 m Breite. Die Spannweite der Kuppel beträgt rund 32 m und der Kircheninnenraum misst vom Fußboden bis zum Scheitelpunkt der Kuppel 55 m.

 

Blick in den Innenraum der Hagia Sophia - heutiger Zustand.
Blick in den Innenraum der Hagia Sophia - heutiger Zustand.

 

Die verwendeten Baumaterialien kamen aus dem gesamten damaligen byzantischen Reich. So wurden Marmorplatten sowohl in den Steinbrüchen Anatoliens gebrochen als auch aus dem gesamten Mittelmeerraum nach Konstantinopel importiert. Für den Bau der Kuppel kamen spezielle Ziegelsteine und Dachpfannen aus Rhodos. Die antiken Säulen stammten aus Griechenland, Kleinasien und Italien, wobei die dazugehörigen Kapitelle meist neu gearbeitet wurden.

 

Im Norden und Süden des rechteckigen Zentralbaus wird ein, durch die mächtige Kuppel  entstehender, Seitenschub von Strebwerken über den deutlich niediger gestalteten Seitenschiffen abgefangen. Im Westen und Osten übernehmen diese Aufgabe Konchen mit Halbkuppeln, deren Widerlager ihrerseits in insgesamt vier kleineren Kuppeln liegt. Über der Eingangshalle zur Kirche, dem Narthex befindet sich auf einer Empore der Ort, an dem der Kaiser dem Gottesdienst beiwohnte. An diesem herausgehobenen Ort hielt sich der Kaiser mit seinem Hofstaat auf, nachdem er durch die mittlere der Eingangstüren die Kirche betreten und vom Patriarchen in der Mitte der Kirche mit dem Kreuz empfangen worden war. 

 

Das mittlere der Eingangstore in den eigenlichen Kirchenraum war allein dem rhomäischen Kaiser vorbehalten. Die rechten und linken Tore konnten von den übrigen Gläubigen genutzt werden.
Das mittlere der Eingangstore in den eigenlichen Kirchenraum war allein dem rhomäischen Kaiser vorbehalten. Die rechten und linken Tore konnten von den übrigen Gläubigen genutzt werden.

 

Auf dieser kaiserlichen Empore hielt sich der Herrscher während des Hauptteils der Katechumenenliturgie auf, trat aber nach der Evangeliumslesung zur Verehrung des Evangeliars heran und empfing auch die Kommunion mit den Priestern zusammen am Altar. Dies ist ein deutlicher Unterschied zum weströmischen Kaiser, der die Kommunion als erster des Volkes empfing. Als Kaiser Theodosios I. in Mailand versuchte, den Altarraum zum Kommunionempfang zu betreten, wurde er vom heiligen Ambrosius abgewiesen. In Konstantinopel empfing der Kaiser jedoch die Heiligen Gaben am Altar. Hierzu zog er über die Bema und durch die "Kaiserlichen Türen" des Ikonostas in den Altarraum ein. Darin fand die besondere Rolle des rhomäischen Kaisers ihren gottesdienstlich-liturgischen Ausdruck. Als „Bischof“ des für die äußeren Angelegenheiten der Kirche oblag dem Kaiser die Aufsicht und Verantwortung für die rechte Ordnung im christlichen Staat, damit sich dort das innere Leben der Kirche - für das wiederum die Bischöfe die Verantwortung trugen - sich so vollständig wie möglich entfalten konnte. Dieses christliche Staatsmodell nennt man in der Orthodoxie die Symphonia. Auch wenn es heute in keinem orthodoxen Land mehr einen Kaiser oder König gibt, so ist dieses Staats-Kirchen-Modell doch bis heute das staatsphilosophische Ideal der Orthodoxie geblieben. Auch andere, nicht-monarchische Formen des Staatsaufbaus haben nach orthodoxem Verständnis immer die Aufgabe, der Verwirklichung eines christlich geprägten Staatswesens zu dienen. Die privilegierte Partnerschaft zwischen dem deutschen Staat und den Kirchen und Glaubensgemeinschaften ermöglich dies weit besser als laizistische Systeme. In der abendländischen Wahrnehmung wurde dieses byzantinische Symphonia-Modell oft als "Cäsaro-Papismus" missdeutet, wobei man immer beachten sollte, dass die heutige Trennung von Staat und Kirche, der weltanschaulich neutrale Staat als Garant der Glaubens und Gewissensfreiheit aller, sich in einem Westeuropa entwickelte, in dem sich die römischen Päste als Bischof der Bischöfe und zugleich auch als König der Könige verstanden. So wurde die dreifache päpstliche Krone, die Tirara, von den mittelalterlichen Päpsten verstanden. Erst in der Neuzeit wurde sie als Symbol für die Einheit des höchsten Lehr-, Priester- und Hirtenamtes in der katholischen Kirche verstanden. Nach oströmisch-byzantinischem Verständnis war der rhomäische Kaiser jedoch nicht Selbstherrscher aus eigener Machtvollkommenheit, sondern immer ein Vikar oder  Gouveneur Christi auf Erden. In dieser Funktion bildete er in gewisser Weise wie eine lebende Ikone in seiner Funktion als Herrscher der Christenheit den eigentlichen Herrscher Christus Pantokrator ab. Deshalb wurde das christlich-orthodoxe Kaisertum auch als ein heiliger Dienst betrachtet, der nicht willkürlich ausgeübt, sondern mit den Werken der Frömmigkeit und Philanthropia einhergehend wahrgenommen werden musste.

 

Das Verständnis des rhomäischen Kaisertums läßt sich an diesem Mosaik über den kaiserlichen Türen zur Hagia Sophia verdeutlichen: Christus Pantokrator delegiert die weltliche Herrschaft an den jeweiligen Kaiser als Vicarius Christi.
Das Verständnis des rhomäischen Kaisertums läßt sich an diesem Mosaik über den kaiserlichen Türen zur Hagia Sophia verdeutlichen: Christus Pantokrator delegiert die weltliche Herrschaft an den jeweiligen Kaiser als Vicarius Christi.

 

An den Seiten der Kirche im jeweils rechten Winkel zur Kaiserempore gab es jeweils eine Galerie für die Frauen (γυναικών = Gynaikeion). Von dort aus nahmen die vornehmen Damen des byzantinischen Adels an der  Feier der Göttlichen Liturgie teil, während die Frauen aus dem einfachen Volk im Kirchenschiff auf der linken Seite standen. Die männlichen Mitglieder des Kaiserhofes umgaben den Herrscher während des Gottesdienstes auf seinem Thron auf der kaiserlichen Empore. Auf der rechten Seite der äußeren Vorhalle der Kirche, Naos genannt, symbolisiert das Omphalion die Mitte der Erde. Ein derartiger  „Nabel der Welt“ wird ebenfalls im Katholikon der Anastasis in Jerusalem gezeigt. Die große symbolische Bedeutung der Hagia Sophia bringt es mit sich, dass diese Kirche bis heute für die orthodoxe Christenheit ein besonders großes Heiligtum ist.

 

 

Deesis - erhaltenes Mosaik auf dem Zugang zur kaiserlichen Empore der Hagia Sophia.
Deesis - erhaltenes Mosaik auf dem Zugang zur kaiserlichen Empore der Hagia Sophia.

 

Charakteristisch für die ursprüngliche sakrale Raumwirkung war das einfallende Licht, das sich in den weiten Flächen aus Goldgrundmosaiken spiegelte. In ihren zeitgenössischen Berichten heben sowohl Prokop von Caesarea, als auch Paulus Silentiarius die einzigartige Lichtwirkung und die kostbare Ausstattung der Hagia Sophia hervor.

 

Das heute geheimnisvolle Halbdunkel geht auf das fortschreitende Vermauern von Fenstern und den Verlust der Mosaiken in osmanischer Zeit zurück. Denn nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 wurden aller christlichen Gegenstände, die Ikonen, der Altar, der Ikonostas und die Bema  aus der Hagia Sophia entfernt. Sultan Mehmet ließ zum einen die gesamte Bausubstanz des Kirchengebäudes renovieren und den Mihrāb, eine nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische für den muslimischen Vorbeter in den ehemaligen Altarraum einfügen. Die christlichen Mosaiken an den Wänden wurden durch Putz überdeckt und dem Gebäudekomplex vier Minarette an den Ecken des Kirchenbaus, eine Zisterne, eine Medrese und ein Vorhof angliedern. Nachdem die Hagia Sophia auf diese Weise als Hauptmoschee der Osmanen adaptiert worden war, stellten sich die türkischen Sultane im 16. und 17. Jahrhunderts mit ihren Moscheebauten in die architektonische Tradition der Hagia Sophia. Als Beispiele dieser osmanischen Rezeption der byzantinischen Bautradition gelten die Bauwerke des Architekten Sinan (1), die Sultan-Ahmed- oder Blaue Moschee. Mithin geht die heute geläufigen Bauformen der türkischen Moschee als Zentralkuppelbau auf die byzantinische Bautradition der Hagia Sophia zurück. Als es vor allem im 17. bis 19.Jahrhundert erneut möglich wurde, auch christliche Kirchen im osmanischen Reich zu errichten, durften diese nicht mehr im Typus der Kreuz-Kuppel-Kirche errichtet werden, sondern mussten in der Regel als unauffällige Basiliken erbaut werden. Deshalb handelt es sich bei den heutigen christlichen Kirchen in Istanbul in der Regel um Kirchen im Stil einer frühchristlichen Basilika.

 

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(1) Sinan wuchs als Sohn orthodoxer Christen, die möglicherweise türkisch-sprachig waren, im kappadokischen Dorf Ağırnas bei Kayseri auf und wurde vermutlich auf den Namen Joseph (Yusuf) getauft. In Ağırnas erlernte er den Beruf des Steinmetz. Er kam als junger Mann in der Zeit zwischen 1512 -1514 durch eine ungewöhnlich späte Knabenlese nach Istanbul. Dort musste er, wie üblich, zum Islam konvertieren. Später in seinem Leben stieg er bis zum Chefarchitekten des osmanischen Hofbauamtes auf.

 

Die orthodoxe Kirche der Gottesmutter-Ikone "Lebensspendende Quelle" in Istanbul.
Die orthodoxe Kirche der Gottesmutter-Ikone "Lebensspendende Quelle" in Istanbul.
Die orthodoxe Kirche des heiligen Georg im Phanar (Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου) - heutige Bischofskirche des Ökumenischen Patriarchen (seit dem 17. Jhd.).
Die orthodoxe Kirche des heiligen Georg im Phanar (Καθεδρικός ναός του Αγίου Γεωργίου) - heutige Bischofskirche des Ökumenischen Patriarchen (seit dem 17. Jhd.).
Orthodoxer Gottesdienst in der Patriarchalbasilika des heiligen Georg im Phanar.
Orthodoxer Gottesdienst in der Patriarchalbasilika des heiligen Georg im Phanar.

 

Im Jahre 1934, elf Jahre nach der Gründung der türkischen Republik unter Atatürk, wurde die Hagia Sophia in ein Museum umgewandet Ayasofya Camii Müzesi = "Hagia-Sophia-Moschee-Museum").

 

 

Das Wort ward Fleisch –

Die Lehre der orthodoxen Kirche

über unseren Gott und Herrn und Erlöser Jesus Christus 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Wir orthodoxen Christen glauben, dass in Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, der Logos, Mensch geworden ist. Deshalb bezeichnen wir Orthodoxen die Allheilige Immerjungfrau Maria als Gottesgebärerin. Im Bekenntnis des Orthodoxen Glauben (Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis) bekennt wir vom Sohn Gottes: „..Für uns Menschen und zu unserem Heil ist Er von den Himmeln herabgekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden...". Als Mutter des menschgewordenen Sohnes Gottes ist Maria die Allheilige Gottesgebärerin. Das Driite Ökzmenische Konzil in Ephesus (431) erklärte hierzu, dass "der Emmanuel (Christus) in Wahrheit Gott ist und dass deswegen die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist - denn sie hat dem Fleische nach den aus Gott stammenden fleischgewordenen Logos geboren".

 

Das orthodoxe Bekenntnis von Maria als der Gottesgebärerin oder Mutter Gottes ist also primär ein christologisches Bekenntnis, das eine zentrale Aussage über die zwei Naturen in Jesus Christus - die göttliche und die menschliche - macht, die von Anfang Seiner irdischen Existenz an bestanden. Diese Vereinigung der menschlichen mit der göttlichen Natur wird „Hypostatische Union“ genannt. Die menschliche Mutter Maria empfing und gebar den Eingeborenen Sohn Gottes dem Fleisch nach. Aus dem Leib der Gottesgebärerin hat Er, der immer Gott war und auch bei Seiner Menschwerdung (Inkarnation) keiner Veränderung noch Schmälerung unterlag, unsere menschliche Natur angenommen. Nach Seinem Tode am Kreuz und Seiner glorreichen Auferstehung von den Toten nach drei Tagen hat Er bei Seiner Himmelfahrt unsere menschliche Natur zur Rechten Gottes des Vaters in die Himmel erhöht und dadurch allem Menschen den Weg zur Erlösung gebahnt (vgl. Basilius-Anaphora).

 

Maria ist also wahrhaftig die Mutter Gottes, das heißt, sie hat die zweite Person der Göttlichen Dreieinheit dem Fleische nach empfangen und geboren. Seiner göttlichen Natur nach wurde der Logos vor allen Zeiten aus Gott, dem Vater, gezeugt. Dies Bekennen wir im Orthodoxen Glaubensbekenntnis mit den Worten: „..Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes Eingeborenen Sohn, den aus dem Vater Geborenen vor allen Zeiten: Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch Ihn ist alles geschaffen...“ Christus, Gott, ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Er ist vor aller Zeit vom Vater geboren, Er, der allein mit dem Vater eines Thrones und eines Wesens ist, wie das Licht mit der Sonne, kam herab auf die Erde, suchte heim Sein Volk, ohne sich vom Vater zu trennen, und wurde Fleisch von einer reinen, unbefleckten Jungfrau, die von keinem Manne wusste. Nachdem Er eingegangen war in ihren Schoß, wie nur Er selbst es weiß, ging Er ebenso aus ihm hervor in beiden Naturen, der Gottheit und der Menschheit, als Einer der heiligsten Dreieinheit. Er zeigte auf Erden Göttliches nach der Gottheit und Menschliches nach der Menschheit. Denn als Mensch ließ Er den Leib Seiner Mutter wachsen und als Gott ging Er aus ihm hinaus, ohne ihre Jungfräulichkeit zu verletzen. Als Mensch empfing Er die Muttermilch und als Gott ließ Er die Engel bei sich singen: "Ehre sei Gott in der Höhe!" Als Mensch wurde Er in Windeln gewickelt und als Gott führte Er die Magier durch den Stern. Als Mensch wurde Er niedergelegt in der Krippe und als Gott empfing Er von den Magiern Gaben und Anbetung. Als Mensch floh Er nach Ägypten und als Gott verneigten sich vor Ihm die mit Händen gemachten ägyptischen Götzenbilder. Als Mensch von zwölf Jahren betrübte Er seine Eltern und als Gott musste Er im Hause Seines Vaters sein. Als Mensch kam Er zur Taufe und vor Ihm als Gott erschreckend wandte sich der Jordan zurück. Als Mensch entkleidete Er sich und trat in das Wasser und als Gott empfing Er vom Vater das Zeugnis: Dies ist Mein geliebter Sohn! Als Mensch fastete Er vierzig Tage, sodass ihn hungerte und als Gott besiegte Er den Versucher. Als Mensch ging Er zur Hochzeit nach Kana in Galiläa und als Gott verwandelte Er Wasser in Wein. Als Mensch schlief Er im Schiff und als Gott gebot Er den Winden, die Ihm gehorchten. Als Mensch weinte Er über Lazarus und als Gott erweckte Er ihn von den Toten. Als Mensch setzte Er sich auf ein Eselsfüllen und als Gott rief man Ihm zu: „Gepriesen sei, Der da kommt im Namen des Herrn!“ Als Mensch wurde Er gekreuzigt und als Gott ließ Er den mit Ihm Gekreuzigten aus eigener Vollmacht ins Paradies ein. Als Mensch kostete Er Essig und gab Seinen Geist auf und als Gott ließ Er die Sonne sich verfinstern und die Erde beben. Als Mensch wurde Er im Grabe niedergelegt und als Gott zerstörte Er den Hades, die Seelen befreiend. Als Mensch versiegelte man Ihn im Grabe und als Gott ging Er hinaus, das Siegel unverletzt bewahrend. Als Mensch widerfuhr Ihm, daß die Juden Seine Auferstehung zu verheimlichen suchten, indem sie die Wächter bestachen, als Gott aber wurde Er bekannt und erkannt von allen Enden der Erde“. Mit diesen Worten preist der heilige Metropoliten Ilarion von Kiev das Mysterion der zwei Naturen in Jesus Christus. Die zwei Naturen Christi sind ein Mysterium (griechisch: μυστήριον, slavisch: Таинство), denn die Tatsache ist dem menschlichen Verstand unerklärlich, der wissenschaftlichen Forschung unzugänglich, aber dem Glaubenden eine kostbare Erkenntnis! Es ist das Zentrum unserer Erlösung, so dass wir in Wahrheit nur ausrufen können: “Welcher Gott ist so groß wie unser Gott? Er ist Der Gott, der Wunder tut!“

 

Dieses Mysterium der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bekennen wir, wenn wir Maria die Gottesgebärerin nennen, denn wenn Maria Christus Seiner Menschheit nach geboren hat, so hat sie aufgrund der Einheit der Person auch Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, geboren. Maria hat dem vom Heiligen Geist empfangenen Gott und Menschen Jesus Christus ein menschliches Antlitz gegeben. Davon kündet uns schon der heilige Prophet Jesaja im Alten Testament , als er vorhersagend aussprach:Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird Ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben“ (Jesaja 7:14). Dass sich diese Prophezeiung in den Geburt Jesu Christi erfüllt hat, sagt uns der heilige Apostel und Evangelist Matthäus (vgl. Matthäus 1:23). Dies beginnt mit der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel, als die Allheilige Jungfrau vom Heiligen Geist empfing: „Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. 33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben.  Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lukas 1:30-35).

 

Dass das Zeugnis unserer heiligen Evangelien echt und zuverlässig ist, das heißt, dass es auf die Verkündigung des Heiles (das genau ist das Evangelium) und das Leben unseres Herrn Jesus Christus zurückgeht und diese Verkündigung und das Zeugnis über das Leben des Erlösers uns durch die Lehre der heiligen Apostel, die in der orthodoxen Kirche bis zum heutigen Tage treu bewahrt wurde, übermittelt wurde, belegen die zahlreichen Zeugnisse über ihre apostolische Herkunft, die  in den Werken der Heiligen Väter und Lehrer der ersten Jahrhunderte und sogar in einigen heidnischen Schriften jener Zeit zu finden sind.

 

Die ältesten Väter der Kirche lehren über die allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria bereits ebenso, wie es dem Zeugnis der Heiligen Schrift entspricht. Der heilige Ignatius der Gottesträger (Ignatius von Antiochien) sagt: „Denn unser Gott Jesus Christus wurde von Maria im Schoße getragen, gemäß dem Heilsratschluss Gottes aus dem Samen Davids zwar, jedoch vom Heiligen Geist (Epheser 18:2). Der heilige Irenäus von Lyon sagt: „Dieser Christus, der als Logos des Vaters beim Vater war, ...wurde von einer Jungfrau geboren" (Gegen die Häresien 53). Bereits der heilige Hippolyt von Rom verwendet in seiner „Traditio Apostolica“, die das apostolische Glaubensgut gegen Häretiker verteidigt, für die heilige Immerjungfrau Maria den Titel „Gottesgebärerin“ (Θεοτόκος). Auch der heilige Alexander von Alexandrien, der verhinderte, dass Arius den Bischofsstuhl von Alexandria einnahm, preist die Allheilige Immerjungfrau Maria als Gottesgebärerin. Der heilige Gregor von Nazianz fasst diesen wichtigen Punkt der christlichen Glaubensüberzeugung im Satz zusammen: „Wenn jemand die heilige Maria nicht als Gottesgebärerin anerkennt, ist er von der Gottheit getrennt" (Epistula 101, 4). 

 

Die Orthodoxe Kirche glaubt in Bezug auf den Heiland der Welt, was uns durch die heilige Apostolische Tradition übermittelt und dann in den Texten der Heiligen Schrift festgehalten wurde. Um die Klarheit und Exaktheit des rechten Glaubens zu bewahren, wurde dieser orthodoxe Glaube auf sieben ökumenischen Konzilien, die diesen wahrhaften christlichen Glauben gegen verschiedene falsche unchristliche Lehren (Häresien) verteidigten, bezeugt. Im Kern all dieser Häresien ging es zu allen Zeiten immer um eine Verdunkelung der Person und des Heilswirkens unseres Erlösers Jesus Christus:

 

Die erste dieser vom christlichen Glauben abweichenden Lehren trug Arius, ein alexandrinischer Priester, im  4. Jahrhundert in die Kirche hinein. Arius behauptete, dass unser Herr und Erlöser Jesus Christus Seiner Gottheit nach nicht eines Wesens mit Gott dem Vater sei, nicht vor aller Zeit aus dem Vater gezeugt, sondern gleich den Engeln erschaffen worden sei. Die heiligen Väter des Ersten Ökumenischen Konzil in Nikäa (im Jahre 325) bekannten den überlieferten orthodoxen Glauben und bekräftigten ihn mit direkten Zeugnissen aus den  heiligen Evangelien (besonders des Johannesevangeliums im 1. und 5. Kapitel). Sie bekannten die orthodoxe Lehre über die göttliche Wesenseinheit des inkarnierten Sohnes Gottes mit Gott dem Vater und sie formulierten diese Lehre ganz genau im 2. Glaubenssatz des Orthodoxen Glaubensbekenntnisses, das auf diesem Konzil (bis zum heutigen 8.  Glaubenssatz) formuliert wurde: „...An den einen Herrn Jesus Christus, Gottes Eingeborenen Sohn, den aus dem Vater Geborenen vor allen Zeiten: Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch Ihn ist alles geschaffen...“.

 

Es verging etwa ein Jahrhundert seit dem Ersten Ökumenischen Konzil, das den orthodoxen Glauben an die Gottheit des Erlösers, als den aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria Menschgewordenen, bekannt hatte, als erneut eine neue Häresie auftauchte. Nestorios, der damalige Patriarch von Konstantinopel, konnte nicht rechtgläubig erkennen, wie sich in Jesus Christus die Gottheit mit der Menschheit verbunden hatte. So brachte er geistliche Verwirrung in die Kirche Christi, indem er in falscher und unchristlicher Weise über die Vereinigung der göttlichen und menschlichen Natur in Jesus Christus lehrte. Nestorios wollte die Verbindung der göttlichen und menschlichen Natur in Form der Inspiration der alttestamentlichen Propheten durch den Heiligen Geist erklären. In ähnlicher Weise wie auf die heiligen Propheten zu einem gewissen Zeitpunkt der Heilige Geist herabkommen war, so meinte Nestorios, sei auch unser Herr Jesus als einfacher Mensch aus der Immerjungfrau Maria geboren worden und erst später habe der Logos, der Sohn Gottes, in Ihm Wohnung genommen. Für Nestorios war Jesus Christus ist deshalb nicht der Gottmensch, sondern nur der Gottesträger, also ein Mensch, der die Gottheit in Sich trägt, wie in einem Tempel, und die Jungfrau Maria ist deshalb nicht die Gottesgebärerin, sondern nur die Gebärerin des Menschen Jesus. Die Nestorianer bezeichnen die Allheilige Gottesgebärerin deshalb als "Christusgebärerin". (In ihrer Ablehnung der Verehrung der Allheiligen Gottesgebärerin sind die späteren Protestanten in einer gewissen Weise ebenfalls dem nestorianischen Irrtum anheimgefallen.) Im Jahre 431 wurde dann die Häresie des Nestorios auf dem Dritten Ökumenischen Konzil in Ephesus als mit den christlich-orthodoxen Glauben unvereinbar zurückgewiesen.

 

In einer Zeit, wo die Menschen kaum noch die Existenz einer Wahrheit, geschweige den der menschgewordenen Wahrheit Jesus Christus (vgl. Johannes 14:6) ertragen wollen, ist es schwierig in rechter und angemessener Weise über das Problem der Häresie ρεσις  = Wahl, Anschauung, Sekte) zu sprechen. Auch machen es Zeloten und fundamentalistische Fanatiker, die für sich die Orthodoxie exklusiv beanspruchen nicht einfacher, in christlicher Nächstenliebe (vgl. Matthäus 18, 21-35)

und zugleich in kirchlichem Geist (1. Korinther 1:10). Grundsätzlich können wir aber festhalten, dass das was aus einem Menschen einen Häretiker (αρεσις  = Wahl, Anschauung, Sekte) macht, ist nicht etwa das Nichtverstehen einzelner Aspekte der Mysterien des christlichen Glaubens ist, sondern in einem halsstarrigen und selbstherrlichen Festhalten an den falschen heterodoxen Ansichten besteht. Häretiker sind Menschen, die sich in ihren Hochmut und ihrer Arroganz von überlieferten heiligen Glauben und dem pneumatischen  Glaubensbewusstsein der Kirche nicht korrigieren lassen wollen. Aber auch das Nichtverstehen des christlichen Glaubens berechtigt am Ende keinen Christgläubigen dazu, sich selbstherrlich über die Worte Gottes in der Heiligen Schrift hinwegzusetzen und die Glaubenslehre der Kirche Christi zu entstellen. Beim rechtgläubigen Christentum bleibt derjenige, der sich am Glaubensbewusstsein der heiligen Kirche orientiert; der sich auch dort, wo er es (noch) nicht versteht, vom geistlichen Leben und der Glaubensverkündigung der orthodoxen Kirche leiten lässt.

 

Die Häresien sind im übrigen keine Phänomene einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Auch heute finden die unchristlichen Lehren des Arius und des Nestorius ihre Anhänger, zum Beispiel wenn die modernen abendländische Bibelwissenschaften versuchen, einen Unterschied zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des kirchlichen Glaubens“ zu konstruieren und ihn danach im Glaubensbewußtsein der Christen zu etablieren. So werden die Irrtümer eines Arius und Nestorios dann quasi in modernem Gewand erneut in das Glaubensleben der Christenheit erneut hinein getragen.

 

Bereits 20 Jahre nach dem Dritten Ökumenischen Konzil beunruhigte eine neue Irrlehre hinsichtlich der Person des Erlösers die Kirche. Diesmal handelte es sich um eine  den falschen Lehren des Nestorios entgegengesetzte Häresie. Wir bezeichnen die falsche Lehre über das Verhältnis von göttlicher und menschlicher Natur in Christus als monophysitische Irrlehre. In Konstantinopel hatte der Archimandrit Eutychios die grenzenlose Größe der göttlichen Natur Christi zu der von Ihm angenommenen menschlichen Natur in Vergleich gesetzt. Eutichios zeigte nun zwei weitere menschliche Leidenschaften, mit denen uns der Teufel und die Dämonen aus der Gemeinschaft der Kirche herausführen können: Den unvernünftigen Eifer und die  dünkelhafter Frömmigkeit des zelotischen Fundamentalisten.

 

Eutichios lehrte, dass in Christus Jesus die göttliche Natur kraft ihrer Unermesslichkeit Seine menschliche Natur vollkommen verschlungen habe. Er benutzt dafür das Bild eines Honigtropfens, der sich, wenn er ins  Meer fällt, vollkommen auflöst. Genauso habe die göttliche Natur in Christus Sein Menschsein aufgelöst. Daher wird dieses Lehre als monophysitische Häresie bezeichnet, lehrt sie doch am Ende nur die göttliche Natur in Christus. Auf dem Vierten Ökumenischen Konzil in Chalkedon wurde diese Lehre als mit dem christlich-orthodoxen Glauben unvereinbar zurück gewiesen. Denn die Heilige Schrift redet genau so klar über die Gottheit des Erlösers, wie über Seine vollkommene  Menschlichkeit. So verkündet uns die Heilige Schrift, dass Jesus Christus heranwuchs, erstarkte, und voll der Weisheit wurde (vgl. Lukas 2:40), dass Ihn dürstete (vgl. Johannes 19:28) und hungerte (vgl. Lukas 4:12), dass Er müde war (vgl. Johannes 4:6), dass er weinte (vgl. Johannes 19:28), dass Er litt. Auf diese echte, das heißt, vollkommene menschliche Natur Christi bezogen bereits die Heiligen Väter des Ersten Ökumenischen Konzils die Worte des Erlösers, dass der Vater größer als Er ist (vgl. Johannes 14:28), und dass Er die Zeit der zweiten Wiederkunft nicht kennt (vgl. Markus 13:32). Dies hätte alles so nicht sein können oder von Christus so nicht gesagt werden können, wenn sich die Menschliche Natur Christi vollkommen in Seiner Göttlichkeit aufgelöst hätte.

 

Während Eutichios die Vorhandensein der göttlichen und menschlichen Natur in Christus als ein Verschlungenwerdens des Menschen durch die Gottheit begreifen wollte, griffen die Heiligen Väter auf ein anders Bild zur Veranschaulichung der Göttlichkeit und Menschlichkeit in Christus zurück, nämlich den Vergleich mit dem Feuer und dem Eisen. Im Feuer kann sich das Eisen vollkommen dem Feuer angleichen, sozusagen feurig werden, aber es hört deshalb niemals auf, seinem Wesen nach Eisen zu sein. In Analogie hierzu kann auch von der menschlichen Natur und der Gottheit in Christus gesprochen werden. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass schon der heilige Kyrill von Alexandrien, der wegen seiner theologischen Klarheit und seiner fundierten Bibelauslegung zu den besonders wichtigen Heiligen Vätern zählt,  die Bedeutung der beiden vollkommenen Naturen in Christus dahingehend präzisiert hat, dass nur das, was in Christus angenommen wurde, auch von Ihm erlöst werden kann“. Dadurch, dass Christus zu unserer Erlösung eine  vollkommene, aber sündlose menschliche Natur aus der allheiligen Immerjungfrau und Gottesgebärerin Maria angenommen hat, wurde diese menschliche Natur  durch die vollkommene Gottheit Christus vergöttlicht. Durch Seine Auferstehung und Himmelfahrt sitzt Christus auch Seiner Menschlichkeit nach zur Rechten Gottes, des Vaters. Aber durch die Gemeinschaft mit der Gottheit hörte die menschliche Natur Christi nicht auf menschlich zu sein. Denn wenn in Christus die Menschlichkeit von Seiner Göttlichkeit verschlungen worden wäre, dann könnte Er als unser Erlöser nicht mit unseren Gebrechen mitleiden. Auch wir werden auf dem Weg der Theosis, der Vergöttlichung nicht in unserem menschlichen Personsein aufgehoben. Wir treten mit Gott in eine liebende Gemeinschaft, werden aber nur der Gnade nach vergöttlicht, nicht unserem menschlichen Wesen nach. Wir bleiben ganz Person und Mensch, erhalten aber der Gnade nach Anteil an den ungeschaffenen Energien Gottes. Wir werden mit hineingenommen in die Innergöttliche Liebesgemeinschaft des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Die Väter des Vierten Ökumenischen Konzils, welche den christlich-orthodoxen Glauben über das Mysterion der Vereinigung der göttlichen und menschlichen Naturen in Christus betrachten und deshalb die Irrlehre des Eutychios verurteilten, sagten, dass sich durch das Mysterion der Menschwerdung Christi die Gottheit und Menschheit in der einen Person des Erlösers unverschmolzen und unvermischt vereinigt haben. Die Menschlichkeit in Christus verschmolz nicht mit Seiner Göttlichkeit und veränderte sich nicht in ihrer Natur. Die Gottheit und Menschheit in Christus ist zugleich ungeteilt und ungeschieden. Die Göttlichkeit des Sohnes Gottes verband sich im Moment der Empfängnis der Allheiligen Gottesgebärerin durch den Heiligen Geist während der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel und von jenem Augenblick an verbleiben die Gottheit und Menschheit in Christus in unzertrennlicher Einigung. Deshalb dürfen wir uns die Gottheit des Erlösers nicht gesondert von Seiner Menschlichkeit vorstellen.

 

Doch auch nachdem das Konzil von Chalkedon den orthodoxen Glauben  klar dargelegt hatte, blieben die Häresien des Nestorios und Eutychios in der Christenheit präsent. Die Kirche im sassanidischen Perserreich wandte sich den christologischen Lehren des Nestorius zu. Deshalb wurde auf dem Fünften Ökumenischen Konzil in Konstantinopel auch das Denken eines Theodor von Mopsuestia und Ivo von Edessa, der beiden theologischen Lehrer des Nestorius, verurteilt, da deren falsche Lehren die Grundlage des nestorianischen Gedankengutes bildeten.

 

Aber auch das monophysitische Denken hatte, auch wenn nicht in der Lehre des Eutychios, so doch in verschiedenen Nuancen seiner Grundgedanken, weite Teile der Christenheit ergriffen, so dass die bisherige kirchliche Einheit im römischen Reich zerbrach. Noch heute hängen die koptische Kirche Ägyptens, die aramäisch-syrische Kirche in Syrien und Indien, die Armenische Kirche und die Kirchen in Äthiopien und Eriträa diesem miaphysitischen Denken an. Dabei sagen die Theologen dieser altorientalischen Kirchen durchaus, dass sie mit den Orthodoxen die vollständige göttliche und vollständig menschliche Natur glauben wollten, aber nach der Theologie der miaphystitischen Kirchen wurden diese beiden Naturen bei der Inkarnation des Gottessohnes jedoch zu einer gottmenschlichen Natur vereinigt. Jedoch gäbe es dann nach der Menschwerdung des Gottessohnes in Jesus Christus keine vollständige göttliche und vollständig menschliche Natur mehr, sondern nur eine einzige gottmenschliche Natur. Dies stellt jedoch die Erlösung in Frage, da wir Menschen keine Gottmenschliche, sondern nur eine menschliche Natur besitzen. Die Väter des heiligen Berges Athos haben deshalb darauf hingewiesen, dass auch die miaphysitische Lehre eine Spielart des Monophysitismus darstellt und deshalb nicht einfach als andere theologisch-philosophische Ausdrucksform des einen orthodoxen Glaubens gewertet werden kann. So konnte trotz der vielversprechenden Gespräche zwischen der orthodoxen Kirche und den altorientalischen Kirchen die kirchliche Einheit bisher nicht wiederhergestellt werden. 

 

Auch der rhomäische Kaiser Heraklios versuchte Anfang des 7. Jahrhunderts mit einer Kompromissformel die Nestorianer und Monophysiten mit der orthodoxen Kirche zu versöhnen. Dazu erließ Heraklios ein Edikt, indem er gegen dem christlich-orthodoxen Glauben in Christus zwei Naturen aber nur einen Willen annehmen wollte. Diese Lehre wird als monotheletische Häresie bezeichnet. Die Heiligen Väter der orthodoxen Kirche wie der Heilige Maximos der Bekenner erkannten jedoch die in dieser Lehre liegende Abweichung vom christlichen Glauben. Denn wenn Christus außer Seinem göttlichen Willen nicht auch ein davon zu unterschiedlichen menschlichen Willen gehabt hätte, dann wäre Er kein wirklicher Mensch gewesen. Seine Leiden, die Er um der Erlösung der Menschen willen erlitt wäre nicht freiwillig gewesen und hätten deshalb auch keine erlösende Wirkung haben können. Das Wort Gottes in der Heiligen Schrift bezeugt uns aber ganz klar die freiwilligen Leiden des Heilandes ( vgl. Johannes 10:18). In besonders eindeutiger Weise kommt die Tatsache, dass unser Herr Jesus Christus nicht nur ein göttlichen Willen, sondern auch ein eigenständigen menschlichen Willen besaß, im Gebet Christi im Garten Gethsemane zum Ausdruck (vgl. Matthäus 26:39-44; Lukas 22:42). Damals betete der Herr zu Seinem Himmlischen Vater darum, dass Ihm die Leiden erspart bleiben mögen. An diesem Gebet des Herrn können wir erkennen, dass in Christus Sein göttlicher Wille von Seinem menschlichen Willen unterschieden werden muss. Aber der von dem göttlichen Willen zu unterscheidende menschliche Wille des Erlösers widersetzte sich dem Erlösungswillen von Christi Göttlichkeit nicht, denn in Christus Jesus war, als dem aus der Immerjungfrau Maria und dem Heiligen Geist Geborenen, im Gegensatz zu den übrigen Menschen keine Erbschuld. So ordnete sich Christi vollkommener menschlicher Wille dem das göttliche Heilshandeln ausführenden göttlichen Willen unter. Daher sagt Christus: "Aber nicht wie Ich will, sondern wie Du willst, nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe."(vgl. Markus 14:36) Auf dem Sechsten Ökumenischen Konzil wurde dann die Lehre der Monotheleten als mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar zurückgewiesen.

 

Auch der Ikonoklasmus ist nicht nur ein Angriff auf die Verehrung der heiligen Ikonen, des heiligen Kreuzes und der heiligen Reliquien, sondern im Kern seinews Denkens leugnet er gerade die wirkliche Menschwerdung des Sohnes Gottes in zwei Naturen. Im Grunde greifen die Argumente der Ikonoklasten die häretischen Argumente der Monophysiten über die eine göttliche Natur in Christus erneut auf. Während sich im byzantinischen Reich fast alle Bischöfe dem Ikonolasmus unterwarfen, verteidigte das römische Patriarchat und die übrigen Patriarchate des Ostens (Alexandrien, Aniochien und Jerusalem) die heilige Orthodoxie und damit den Glauben an die wirkliche Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Vor allem der heilige Johannes von Damaskus hat in seiner Darlegung des orthodoxen Glaubens nicht nur die Ikonenverehrung glänzend verteidigt, sondern auch ihre theologische Begründung in der Inkarnation des Gottessohnes klar aufgewiesen. Unter der heiligen Kaiserin Irene und dem heiligen Patriarchen Tarasios wurde der Ikonoklasmus auf dem Siebten Ökumenischen Konzil als mit dem christlichen Glauben unvereinbar zurückgewiesen.

 

Das Siebte Ökumenische Konzil ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie die orthodoxe Kirche einer Häresie begegnet. Auf dem Konzil wurden zuerst die biblischen und patristischen Zeugnisse vorgelesen und die Horoi der ikonoklastischen Synoden solange gründlich wiederlegt, bis die ikonoklastisch gesinnten Bischöfe ihren Irrtum erkennen konnten, danach Buße taten und sich von ihren häretischen Auffassungen abwandten. Danach wurden sie wieder in die Gemeinschaft der orthodoxen Kirche aufgenommen (vgl. Hesekiel 33:11).

 

So bekennt die orthodoxe Kirche mit den Sieben Ökumenischen Konzilien die ganze Fülle des christlich-orthodoxen Glaubens: Unser Herr und Erlöser und Gott Jesus Christus ist wahrer und vollkommener Mensch und zugleich wahrer und vollkommener Gott. In Seiner Person sind die beiden Naturen, Sein göttliches und menschliches Wesen, unverschmolzen und unvermischt, ungeteilt und ungesondert in einer Person, der des Gottmenschen, vereint. Er besitzt einen vollkommenen menschlichen Willen, der Seinem göttlichen Willen nicht entgegensteht und nicht sündhaft ist, sondern diesem in allem folgt. Die menschliche Natur Jesu Christi ist unserer menschlichen Natur in allem ähnlich, außer dass sie weder an der Erbschuld Anteil hat, noch persönliche Sünden beging. Jesus Christus nahm in Seiner Göttlichkeit unsere menschliche Natur aus freiem Willen an und vereinigte in sich die göttliche und menschliche Natur zu einer vollkommenen Person, als Er Mensch wurde durch dem Heiligen Geist aus Maria der Jungfrau, die keinen Mann gekannt hatte, sondern eine Jungfrau war vor der Geburt, bei der Geburt und nach der Geburt. Deshalb nennen wir Orthodoxen die Allheilige Maria Immerjungfrau und Gottesgebärerin. So verkünden wir Orthodoxen Jesus Christus als den vollständigen Gott und den vollständigen Menschen und bekennen Ihn als unseren Gott und Erlöser und Herrn.

 

 

Das Sakrament der heiligen Krankensalbung

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Sakrament des geheiligen Öles (griechisch: άγιον Ευχέλαιον, slavisch: Соборование oder Елеосвящение) oder die Krankensalbung ist nach orthodoxem Verständnis keine „Letzte Ölung", das heißt kein Sterbesakrament. Sie soll vielmehr der Wiedererlangung der Gesundheit des an Leib oder Seele Erkrankten dienen. 

 

Im Verständnis der Heiligen Väter ist die Sünde nicht in erster Linie ein Verletzen der Gebote eines darüber zürnenden Gottes, sondern unsere Sünden sind vor allem Selbstverletzungen unserer Seelen, die uns von Gott und unseren Mitmenschen trennen. Unsere Sünden haben also weit mehr als nur einen ethisch-moralischen Aspekt, denn sie stellen sich unsere ganze Person verwundend zwischen uns und Gott. Sie trennen uns und unsere Person von der Fülle des Lebens, der liebenden Gemeinschaft mit Gott und unseren Mitmenschen.

 

 

Dieses Sich-Entfernen von Gott durch die Sünden ist im negativen Sinn genauso real und unsere gesamte Existenz ergreifend, wie es im positiven Sinn unsere Hinwendung zu Gott, die in der Theosis ihren Zielpunkt findet, ist. Die Sünde zerstört unsere gesamte menschliche Persönlichkeit, ihre Auswirkungen greifen nicht nur unsere Seele, sondern ebenso unseren Geist und Körper an. In dem Maße, indem sich die Persönlichkeit eines Menschen in ein sündhaftes Leben verstrickt ist, steigert sich auch das Ausmaß der sündhaften Zerstörung seiner gesamten Persönlichkeit. Im geistlichen Bereich verliert der Mensch die Kontrolle über sich, er wird ein Sklave seiner Leidenschaften (= Laster). Solch ein Mensch verliert gleichsam geistlich seinen Verstand. Der heilige Metropolit Platon von Moskau fasst dieses bedauerliche Phänomen in die mahnenden Worte: „"In der Tat kommt das Laster nicht von ungefähr: ein Faulenzer schwächt seinen Körper und bürdet ihm Krankheiten auf, ein Wollüstiger verunstaltet sich selbst mit den Spuren des Lasters und verkürzt seines  Lebens Tage. Ein Habgieriger wird der Ruhe beraubt und trocknet sein inneres Leben aus. Ein Jähzorniger erhitzt sein Blut und nimmt durch unmäßige Aufregung Schaden an seiner Gesundheit."

 

Auch wenn wir uns selbst nicht in solch schwere Laster verstrickt haben, so ist doch jede Sünde, die wir begehen, ein Einfallstor für die Macht des Todes. Hier müssen wir ebenfalls die Funktionsweise unseres menschlichen Gewissens betrachten: Oft ist sich unser Gewissen der einzelnen Sünden, die wir begangen haben gar nicht voll bewusst. Das Gewissen eines Menschen ist nicht eine vorgegebene, sondern ausgeprägte Größe. Ob uns unser Gewissen ermahnt, ist uns zwar vorgeben, denn unser Gewissen ist eine Gabe Gottes. Wie stark es uns aber ermahnt, hängt von den  Wertmaßstäben ab, an denen wir unser Gewissen ausrichten. Es ist einem in Last und Bosheit verstrickten Menschen zwar nicht möglich, die Stimme seine Gewissens ganz zum Verstummen zu bringen, doch kann er die Lautstärke dieser Stimme stark „herunterregeln.“ 

 

Da das Gewissen eine sehr persönliche Orientierungsgröße im Inneren eines jeden Menschen ist, sind wir uns alle – ein Jeder und eine Jede - nicht vollkommen über unsere wirkliche geistliche Situation im Klaren. Mein langjähriger geistlicher Vater Erzpriester Ambrosius Backhaus sagte einmal, dass das mit dem Sündenbekenntnis in der Beichte eine ganz besondere Sache sei, denn oft wissen die Menschen nicht in vollem - das heißt bewussten - Umfang um ihre Sünden und oftmals vermögen die Beichtenden ihre Sünden auch nicht klar auszusprechen. Deshalb sagt der Priester bei der Absolution in der Heiligen Beichte. „… und so spreche ich unwürdiger Priester dich los von allen deinen Sünden...“

 

Wenn wir körperlich oder seelisch erkranken, so ist das nach orthodoxem Verständnis immer eine Folge unserer Sündenverhaftung. Damit ist jedoch nicht die Größe unserer Sündenschuld vor aller Welt ausgedrückt und darum sind kranke Menschen nicht etwa besonders sündhaft und haben jetzt die gerechten Folgen ihres verwerflichen Tuns zu tragen, wie es pharisäisch denkende, gedanken- und lieblose oder hochmütige Menschen, die es auch in der orthodoxen Kirche gibt, meinen mögen (vgl. Johannes 9:3). 

 

"Sei getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben" (Matthäus 9,2), so spricht unser Herr und Erlöser Jesus Christus zu dem Gelähmten, bevor er ihn heilt. Alle damals Anwesenden dachten zuerst an die Heilung des Mannes von seiner Krankheit und den damit verbunden Leiden, unser Herr und Erlöser Jesus Christus aber spricht zunächst von der Vergebung der Sünden, nicht damit sich die Heilung vollziehen, sondern damit sie dauerhaft wirksam werden kann. 

 

 

Es ist unser Herr Jesus Christus, der uns Selbst auf diesen engen Zusammenhang von unseren  körperlichen und psychischen Erkrankungen und unserer Sündenschuld aufmerksam macht. Genau genommen stellt unser Herr Jesus Christus diesen Zusammenhang nicht erst her sondern Er verweist uns vielmehr daraufhin, dass dieser Zusammenhang seit der Ursünde bereits besteht. Er besteht seit dem Sündenfall, seitdem Adam und Eva im Garten Eden Gott ungehorsam wurden. Was kam zuerst - die Krankheit oder die Sünde? Die Heilige Schrift sagt: Die Sünde. Denn bis  dahin war die Schöpfung vollkommen. Nachdem Gott den Himmel und die Erde, die Pflanzen, die Tiere und den Menschen, das ganze Universum geschaffen hatte, sah Er, dass  alles sehr gut war. (vgl. 1. Mose 1:31) Es gab noch keinen Tod, und es gab noch keine Vorstufe zum Tod, keine Krankheit. Doch dann versündigten sich unser aller Urahnen Adam und Eva gegen Gott, und jetzt geschah das, was der heilige Paulus im Römerbrief so ausdrückt: „Durch einen einzigen Menschen - Adam - hielt die Sünde in der Welt Einzug und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise ist der Tod zu allen Menschen gekommen, denn alle haben gesündigt.“ (Römer 5:12) 

 

Sünde und Krankheit hängen also geistlich und existentiell zusammen. Das eine ist die Ursache, das andere die Folgewirkung. Ohne Sünden gäbe es keine einzige Krankheit. In Gottes neuer Welt, dem kommenden Eschaton, wenn die Sünde endgültig besiegt sein wird, wird niemand mehr erkranken: „Gott wird alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen“ (Apokalypse 21:4). 

 

 

Da in der Kirche Christi als der Arche unseres Heiles, dieses neue Eschaton, das Aion der Herrschaft Jesu Christi, bereits angebrochen, bereits sakramental gegenwärtig ist, spricht die Kirche den reuigen Sündern nicht nur die Vergebung der Sünden (vgl. Lukas 5: 24 &  (Johannes 20: 21-23), sondern erbittet für sie ebenfalls von Gott auch die Befreiung von den Folgen der Sünden, die körperlichen und geistlichen Gebrechen im Vollzug des Sakramentes des heiligen Öles.

 

Dieses Mysterion Christi in Seiner Heiligen Kirche findet seine biblische Grundlage im Brief des heiligen Apostels Jakobus: „Ist jemand unter euch krank, so lasse er die Priester der Kirche zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben; und das Gebet des Glaubens wird den Erkrankten erretten, und der Herr wird ihn aufstehen lassen, und wenn er eine Sünde getan hat, wird sie ihm vergeben werden" (Jakobus 5:14-15).

 

 

In vielen orthodoxen Gemeinden wird das Ölsakrament am Mittwoch der Heiligen und Hohen Woche für alle Gläubigen (1) vollzogen, da unsere Sünden eine Krankheit, ein Aussatz an unserer Seele sind, die der Heilung durch Christus, den Arzt unserer Seelen und Leiber bedarf. In dieser Feier des Sakramentes werden alle, die dazu herzutreten, nur einmal gesalbt.

 

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(1) In der rumänischen Tradition (z. B. in der rumänischen Kirche in Nürnberg) hat es sich offensichtlich eingebürgert, dass Ölsakrament öfter, ja sogar wöchentlich, für alle Gläubigen zu vollziehen.

 

 

Ansonsten wird der Nomokanon beachtet, der es verbietet das Ölsakrament an Gesunden zu vollziehen. In einem weiteren kanonischen Anordnung hat es die orthodoxe Kirche untersagt, dieses Mysterion bereits Verstorbenen zu spenden. Stirbt der Kranke während des Vollzuges des Sakramentes, so wird der Gottesdienst an dieser Stelle abgebrochen. Falls aber der Kranke nach Empfang des Sakramentes verstirbt, wird der Rest des geheiligen Öles und Weines kreuzweise über den zu Gott Entschlafenen gegossen. Ansonsten wird er in den Öllampen (Lampaden) verbrannt.

 

Nach orthodoxem Verständnis werden wir nicht allein, sondern in der Gemeinschaft der Kirche erlöst, das bedeutet, an Leib, Seele und Geist heil und geheiligt. Deshalb versteht die orthodoxe Kirche dieses Mysterion auch nicht allein als eine individuelle Seelentröstung, sondern als ein Sakrament, welches - wie alle übrigen Sakramente der Kirche - in besonderer Weise gemeinschaftsbezogen ist. Es wird deshalb in der Synaxis, der Versammlung der Kirche, vollzogen. Dies bedeutet, es  wird - wenn der Erkrankte sein Krankenlager verlassen kann - nicht zu Hause, sondern inmitten des versammelten Gottesvolkes von einer siebenköpfigen Priesterversammlung und im Kirchengebäude gespendet.

 

 

Diese Siebenzahl ist ein Hinweis auf die sieben Gaben des Heiligen Geistes (vgl. Galater 5:22). Auch geschieht das Sakrament in dieser Form in Hinblick auf die Auferweckung des Knaben der Sunamitin durch der heiligen Propheten Elisa (4 Κön 4,35), auf die Gebete des heiligen Propheten Elias auf dem Berg Karmel (3. Κönige 18:43) und das siebenmalige Untertauchens des aussätzigen Syrers Naaman im Fluss Jordan (4. Κönige5:14). So vollziehen sieben Priester das Sakrament. Es werden dabei sieben Lesungen aus dem Apostel und dem Evangelium vorgetragen. Es wird in sieben Fürbitten (Ektenien) Gott um Heilung des Erkrankten angefleht. In sieben Epiklese-Gebeten wird das Wirken des Heiligen Geistes am zu heiligenden Öl und Wein erfleht, damit das Sakrament dem Erkrankten zur Vergebung der Sünden und zur Heilung der Krankheiten und Gebrechen gereichen möge. Es werden sieben priesterliche Gebete gesprochen und der Kranke empfängt sieben Salbungen. 

 

Im Notfall kann die Krankensalbung auch durch nur einen Priester vollzogen werden. Dies ist in unserer Situation der orthodoxen Diaspora meist der Regelfall. Jedoch vollzieht auch der einzelne Priester das Mysterion im Namen der Heiligen Kirche und im Namen der Priesterversammlung.

 

Zu beachten ist ferner, dass zum Vollzug dieses Sakramentes nicht allein Öl gebraucht wird, sondern eine Mischung von Öl und Wein. Die verweist uns auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (vgl. Lukas 10:25-37) der Wein und Öl in die Wunden des Verletzten goss. Nach orthodoxen Verständnis ist dieser barmherzige Samariter Christus selbst, der die Sündenschuld und gebrechen unseres Leibes und unserer Seele heilt. 

 

 

Ferner stehen auf einem Tisch die Ikonen Christi und der Gottesgebärerin. Durch die heiligen Ikonen ist unser Herr und Erlöser Jesus Christus und die Allheilige Gottesgebärerin in unserer Mitte geistlich anwesend, denn als gläubige Orthodoxe blicken wir durch die heiligen Ikonen in den Himmel und Erfahren die Anwesenheit und Hilfe Gottes und Seiner Heiligen. Vor den Ikonen auf dem Tisch steht eine Schüssel mit Weizenkörnern In der Mitte befindet sich ein Glasgefäß, in welches im Verlauf des Gottesdienstes Öl und Wein gegossen werden. Der Weizen versinnbildlicht die Frucht des Lebens (vgl. Markus 4:1-20) und das Keimen des neuen Lebens aus dem Tode (vgl. Johannes 12:24; 1. Korinther 15:36-38). Das Öl, das zur Salbung verwendet wird, weist hin auf die Heilungen der Kranken, die die heiligen Apostel durch Ölsalbungen von Gott erwirkten (vgl.  Markus 6:13). Der Wein, der beigemischt wird, versinnbildlicht das Blut Christi, durch das am Kreuz unsere Sünden geheilt wurden. Die Mischung von Wein und Öl aber erfolgt, wie bereits erwähnt, in Nachahmung der Heilung des unter die Räuber Gefallenen (Lukas 10:34).

 

 

Der gesamte Gottesdienst zur Spendung des heiligen Mysterions der Krankensalbung gliedert sich in drei Teile: Am Anfang steht eine verkürzte Utrenja mit einem Kanon, slawisch Moleben oder  griechisch Paraklisis genannt. Der zweite Teil beginnt mit dem Eingießen von Öl und Wein in das Glasgefäß. Dann erfolgt die Heiligung des Öles mit einer Ektenie, einer ersten Epiklese und mit der Bitte um die Fürsprache der Heiligen, deren Tropare wir dabei singen. Der dritte Teil des Gottesdienstes hat sieben Teile. Dabei werden sieben Apostellesungen gelesen, sieben Evangelien verkündet, sieben Fürbitten (Ektenien) gesprochen, sieben priesterliche Gebete vorgetragen und sieben Salbungen vollzogen. 

 

Wenn wir den Inhalt dieser priesterlichen Gebete betrachten, so fällt auf, dass sie sich sowohl mit den Absolutionsgebeten in der Heiligen Beichte, wie auch mit den Kommunionsgebeten im inhaltlichen Gleichklang befinden. An der Formulierung dieser Gebete können wir auch die innige Verbindung zum gesamten Heilsgeschehen im Kommen Christi, wie es uns durch die heiligen Schriften überliefert ist, erkennen, denn es wird uns anhand von Beispielen aus den Heiligen Schriften unsere eigene Errettung aus den Sündenschulden sowie Gottes Vergebung deutlich vor Augen geführt. Zugleich wird in diesem Gebeten Gott gebeten, Er möge durch die Salbung am Erkrankten diesem Nachlass und Verzeihung seiner Verfehlungen und Sünden schenken.

 

Ikone Christus der gute Samariter - auf dieser Ikone sehen wir auch die orthodoxe geistliche Auslegung des Gleichnisses abgebildet.
Ikone Christus der gute Samariter - auf dieser Ikone sehen wir auch die orthodoxe geistliche Auslegung des Gleichnisses abgebildet.

 

Im sechsten priesterlichen Gebet wird die Heilung des Gelähmten angesprochen (vgl. Matthäus 9:1-8; Markus 2:1-12), dem unser Herr Jesus Christus  zuerst die Vergebung seiner Sünden zusprach, ehe Er dann auch sein körperliches Leiden heilte. Hierin wird der gesamte geistlich-sakramentale Sinn dieses Mysterions noch einmal verdeutlicht: Nicht unsere körperlichen oder seelischen Krankheiten, Leiden und Schwächen sind das eigentliche Grundübel, von denen wir Mensch als erstes befreit werden müssen, sondern das existentielle Grundübel für jeden Menschen  besteht in seiner Verhaftung an die Sünden und ihre lebenszerstörenden Folgen. Wo diese Befreiung erfolgt, da ist der Krankheit und dem Leiden des Menschen jener tödliche Stachel genommen und das Sakrament des Heiligen Öl hat seine befreiende Wirkung bereits vollbracht. Denn für uns orthodoxe Christen ist dieses irdische Leben nur ein Tor, ein Durchgang zum ewigen Leben bei Gott. Es ist eine Zeit der Vorbereitung auf unsere große Begegnung mit Gott in der  alle Tränen und Leiden weggewischt sein werden. In der Ewigkeit Gottes wird es keine Krankheit und keinen Tod mehr geben. Alles Leid und alle Schmerzen werden vergangen sein in der beseligenden alles erfüllenden Gemeinschaft mit dem HERRN, die Er jenen bereitet hat die IHN lieben.  (vgl. Apokalypse 21:4).

 

 

Die liturgischen Geräte der orthodoxen Kirche -

das Rhipidion

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Während der Feier der Göttlichen Liturgie, beim Lesen des heiligen Evangeliums und beim Großen Einzug verwenden wir in der orthodoxen Kirche einen besonderen liturgischen Fächer. Heute hat er in der Regel die Form einer dünnen Metallscheibe, die auf eine lange Stange montiert ist.

 

Das Rhipidion (Mehrzahl Rhipidien, von griechisch ῥίπτω = fächern) entwickelte sich aus dem Flabellum in der antiken Kirche. Dies war ein Federfächer auf einer langer Stange, der bei der Heiligen Liturgie und anderen Gottesdiensten am Altar bewegt wurde, damit die Luft bewegt wurde und somit Insekten von den Heiligen Gaben ferngehalten wurden.

 

Mit der Zeit entwickelte sich Flabellum zu unserem heutigen sakralen Metall-Rhipidien. Diese symbolisieren die heiligen Cherubim, die heutzutage meist auch auf den Rhipidien abgebildet sind. Außer im Gottesdienst fanden die Flabellia auch im byzantinisch-kaiserlichen Hofzeremoniell Verwendung.

 

Die Verwendung der Rhipidien im orthodoxen Gottesdienst dient dazu, die Heiligkeit der liturgischen Vollzüge dazustellen. So fächelt der neugeweihte Diakon mit einem Rhipidion über den konsekrierten Gaben nach dem Abschluss der Epiklese bis zur Erhebung der konsekrierten Gaben. Auch bei Prozessionen werden die Rhepidien mitgeführt und dabei über das heilige Evangelienbuch oder die Fest-Ikone gehalten.

 

Verwendung der Rhipidien im orthodoxen Gottesdienst:

 

 

Das Entschlafen der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria

 

Dieses Gottesmutterfest feiert ihre Entschlafen, der drei Tage später die Entrückung ihres Leibes in die Himmel folgte. Dieses Fest zeigt, wie ihre Seele in die Hände ihres Sohnes empfohlen wurde und den kurzen Aufenthalt ihres Leibes im Grab. Anders als die Auferstehung Christi war der geheimnisvolle Charakter ihres Todes, des Begräbnisses, der Auferweckung und Auffahrt nicht Gegenstand apostolischer Lehre, doch wurde sie von der Tradition der Orthodoxen Kirche und den Schriften der Kirchenväter bewahrt.

 

Die Gottesmutter entschlief während der Apostel Thomas gerade in Indien das Evangelium verkündete. Die anderen Apostel waren in verschiedenen Ländern von einer Himmelswolke aufgenommen und nach Gethsemane zur Bahre der Allheiligen geführt worden. Dies alles geschah durch göttlichen Ratschluss, damit die Gläubigen versichert sein können, dass die Mutter Gottes leiblich in den Himmel aufgenommen wurde. Denn so wie sie durch den Zweifel des Thomas Gewissheit erlangten von der Auferstehung Christi, so erfuhren sie von der leiblichen Himmelfahrt der allreinen Jungfrau Maria durch die Verspätung des Thomas. Am dritten Tag nach dem Begräbnis wurde der Heilige Thomas plötzlich in Indien von einer Wolke aufgenommen und an einen Ort über dem Grab der Jungfrau gebracht. Von diesem Aussichtspunkt schaute er die Übertragung ihres Leibes in die Himmel und rief ihr zu: „Wohin fährst Du wohl, o Allheilige?“ Sie lockerte ihren Gürtel, gab ihn dem heiligen Apostel und sprach: „Nimm dies, mein Freund.“ Danach war sie verschwunden.

 

Als er zur Erde herabkam, fand er die anderen Jünger am Sarg der Gottesmutter um Totenwache zu halten. Er setzte sich, mit dem Gürtel in der Hand, traurig zu ihnen, weil er nicht wie die anderen Apostel dabei gewesen war als sie starb. Also sagte er: „Wir sind alle Jünger des Meisters, wir verkünden das Gleiche; wir sind alle Diener des einen Herrn Jesus Christus. Wie kommt es dann, dass ihr würdig befunden ward dem Entschlafen Seiner Mutter beizuwohnen und ich nicht? Bin ich kein Apostel? Kann es sein, dass Gott keinen Gefallen findet an meinem Verkünden? Ich flehe euch an, meine Mitbrüder und Jünger: öffnet das Grab, dass ich ihre sterblichen Überreste schauen und küssen und ihr Lebewohl zu sagen vermag.“

 

Die Apostel hatten Mitleid mit dem Heiligen Thomas und öffneten das Grab. Alle waren entsetzt als sie es leer fanden, denn sie waren sich nicht bewusst, dass sie nur wenige Augenblicke zuvor leiblich ins Paradies übertragen worden war, um die Mittlerin der Christen zu sein. Zurückgeblieben war nur ihr Totengewand, dem ein wunderbarer überirdischer Duft entströmte.

 

Das Festkontakion spricht von ihr als unfehlbarer Hoffnung und Mittlerin und erinnert uns dadurch an ihre Rolle als Fürbitterin im Paradies. Weder Grab noch Tod hatten Macht über die Gottesgebärerin, die immer wachsam in ihren Gebeten ist und in deren Fürbitten zuverlässige Hoffnung liegt. Denn als die Mutter des Lebens wurde sie hinübergeführt in das Leben durch Ihn, der in ihrem ewig-jungfräulichen Schoße ruhte.

 

Troparion im 1. Ton: Im Gebären hast du die Jungfräulichkeit bewahrt; im Entschlafen die Welt nicht verlassen, Gottesgebärerin. Hinüber bist du gegangen zum Leben, die du Mutter des Lebens bist, und durch deine Fürbitte erlöst du vom Tode unsere Seelen.

 

Kontakion im 2. Ton: Die in Fürbitten unermüdliche Gottesgebärerin und in der Vertretung unerschütterliche Hoffnung hat das Grab und der Tod nicht überwältigt; denn als die Mutter des Lebens hat sie zum Leben hinübergeführt, Er, der einst ihren jungfräulichen Schoß zur Wohnung genommen hatte!

 

Quelle: Holy Apostles Convent and Dormition Skete, Colorado, USA.

 

 

 

 

Starez Siluan vom Heiligen Berg Athos

 

Thomas Zmija v Gojan

 

Einer der bedeutendsten geistlichen Väter, die die orthodoxe Kirche im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, war der heilige Starez Siluan (Преподобный Силуан Афонский) aus dem Panteleimon-Kloster auf dem Heiligen Berg Athos. Der heilige Siluan entschlief dort im Jahre  1938 im Herrn. Sein monastisches Leben verlief nicht besonders auffällig. Erst nach seinem Tode sollte sein Schüler und Biograph Starez Sofronij (Sacharov) von Essex die wahre Größe und Bedeutung dieses großen Heiligen und Lehrer des des Herzensgebetes enthüllen.

 

Der heilige Siluan wurde als Simeon Ivanovič Antonov im Jahre 1866 in Russland geboren. Er entstammte einer Bauernfamilie. Obwohl Simeon in seiner Jugend ein typischer russischer Bauernbursche war, dessen Naturell von Vitalität und Lebensfreude  geprägt war,  spürte er unter der einfühlsamen Begleitung seines gläubigen Vaters in sich immer wieder eine geistliche Berufung. Christus rief nach Ihm und klopfte beständig an die Türe seines Herzens.

 

Nach Ableistung des Militärdienstes trat er im Jahre 1896 in das russische Kloster Panteleimon-Kloster auf dem Heiligen Berg ein. Dort erhielt er den Mönchsnamen Siluan. Von seiner Mönchsweihe im Jahre 1911 an arbeitete er in der Mühle des Klosters und als Verwalter verschiedener landwirtschaftlicher Einrichtungen des Klosters. Am  24. September 1938 verstarb er im Kloster Panteleimon-Kloster und wurde dort auch begraben.  

 

Der heilige Siluan wird wegen seine innigen Beziehungen zum Jesusgebet in der Orthodoxie mit dem Ehrennamen „Neuer Palamas“ geehrt. Schon als Novize wurde er unter der Anleitung seines Altvatersd mit dem Herzensgebet vertraut. Im Laufe seines Lebens durchlief er alle Stufen des Gebetes, wie sie in der Philokalia beschrieben sind. So wurde seine Gemeinschaft mit Christus immer tiefer. Dadurch wurde er später zu einem geistlichen Vater, der vielen suchenden Menschen den Weg zu Gott wies. 

 

Siluan war schon 15 Jahre lang Mönch, als ihm in einem nächtlichen Ringen um das reine Gebet die göttliche Weisung erhielt, bewusst in der „Hölle“, das heißt der Situation der Anfechtung  auszuharren. Hierin ist der heilige Siluan ein bedeutendes Vorbild für das geistliche Leben aller orthodoxen Christen. Im geistlichen Leben geht es immer wieder darum, nicht vor den Anfechtungen die uns von außen und unseren Leidenschaften die uns von innen bedrängen davonzulaufen. Immer wieder kommt es von Neuem darauf an, dass wir in unserem geistlichen Bemühen nicht kraftlos werden, dass wir nicht geistlich stehen bleiben und uns von den Sorgen und Anfechtungen unseres Lebens überwältigen zu lassen. Wenn wir dem „Widersacher fest ins Auge sehen“, anstatt vor ihm in die Illusion zu fliehen, wenn wir ihm durch Vertrauen auf die Hilfe und Gnade Gottes keine Möglichkeit unser Herz zu entführen geben, haben wir eigentlich schon gewonnen. Gott macht es uns nicht immer leicht, den Weg der Askese, der Einübung in ein geistlich geprägtes Leben zu beschreiten. Die gilt gleichermaßen für Mönchen und Laien. Jedoch wenn wir auch straucheln oder sogar fallen mögen, so dürfen wir doch nicht verzweifeln, denn das würde bedeuten, dass wir die Hoffnung auf die Gnade und Liebe Gottes aufgeben würden. Wenn wir auch hin und wieder in unserem geistlichen Bemühen scheitern werden, so dreht es sich darum, dann erneut aufzustehen, in Umkehr und Buße das Sakrament der Heiligen Beichte zu empfangen und dann den  geistlichen Kampf um ein Leben in der Gemeinschaft mit Christus erneut aufzunehmen. 

 

Vor diese geistliche Herausforderung werden wir tagtäglich gestellt. Jedoch sind wir auf unserem Weg nicht allein. Die Allheilige Gottesgebärerin, alle Engel und Heiligen begleiten und Helfen uns. Aber auch die Menschen, die sich ganz für ein Leben in der Nähe Gottes entschieden haben. „Der Mönch betet unter Tränen für die ganze Welt“, so sagt uns der heilige Starez Siluan. Es ist der Weg zur Heiligkeit, auf dem der Geist Gottes die Mönche führen will und sie zu Heiligen werden lässt. Der Heilige lebt ganz aus der Theosis, der gnadenhaft geschenkten Gemeinschaft mit Gott. Darum hat das Gebet der Heiligen auch eine ganz besondere Bedeutung. Die Heiligen sind jenes Salz der Erde, von dem das Evangelium spricht. Und mit ihrem Gebet erhalten und bewahren sie die Welt. Der heilige Siluan sagt:  „Wenn die Erde keine Heiligen mehr hervorbringt, dann wird ihr die Kraft, die sie vor dem Untergang bewahrt, genommen werden.“ Und über die Bedeutung der Heiligen sagt uns auch der Heilige Serafim von Sarov: „Wer Frieden erwirbt und in seinem Herzen bewahrt, um den herum werden Tausende Errettung finden und zum Heil gelangen.“

 

Starez Sophroni (Sacharov) von Essex.
Starez Sophroni (Sacharov) von Essex.

 

Starez Sofronij von Essex

 

Archimandrit Sofronij (Sacharow) ist ein Schüler und Biograph des Heiligen Siluan von Athos, dessen Werke er auch sammelte und herausgab, und als Begründer des Stavropegialen Klosters des Heiligen Johannes des Vorläufers in Tolleshunt Knights (Essex in Großbrittannien).

 

Vater Sofronij wurde als Sergej Simeonowič Sacharow am 23. September 1896 in Russland geboren. Dank seinem großen künstlerischen Talent studierte er von 1915 bis 1917 an der Kunstakademie und von 1920 bis 1921 an der Moskauer Schule für Malerei, Bildhauerei und Architektur. Als er an der Moskauer Kunstschule studierte, sah Sergej die Lehre des christlichen Glaubens als nicht überzeugend und als zu begrenzt an. So wandte er sich der Esoterik der fernöstlichen Religionen zu, deren Konzentration auf das „unpersonale Absolute“ ihn damals sehr faszinierte. Nach der Oktoberrevolution verließ Sergej im Jahre 1921 Russland; einerseits um seine künstlerische Entwicklung in Westeuropa fortzusetzen zu können, anderseits weil er die Weltsicht der nun in Russland herrschenden Marxisten nicht teilte. Zunächst ging er nach Italien, dann in ein wichtiges Zentrum der damaligen russischen Emigration  nach Berlin. Am Ende  ließ er sich im Jahre 1922 in Paris nieder.

 

wird fortgesetzt....

 

Wundertätige Ikone der allheiligen Gottesgebärerin von Schirowicy.
Wundertätige Ikone der allheiligen Gottesgebärerin von Schirowicy.
Ikone der Allheiligen Gottesgebärerin vom Zeichen aus dem Snamenij- Kloster in Irkutsk.
Ikone der Allheiligen Gottesgebärerin vom Zeichen aus dem Snamenij- Kloster in Irkutsk.

 

Exarchat der orthodoxen Gemeinden

russischer Tradition in Westeuropa 

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa (Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa (Архиепископия Православных Русских Церквей в Западной Европе / Archevêché des Églises Orthodoxes Russes en Europe Occidentale) umfaßt heute rund 200 orthodoxe Gemeinden in fast allen Ländern Westeuropas und betreut dabei zwischen mindestens 25.000 bis 30.000 und höchstens 75.000 bis 80.000 Gläubigen (Diese Angabe basiert auf einer Einschätzung des Verfassers, der Zahlen, die S. E. Erzbischof Sergej (Konovaloff) im Jahre 2003 genannt hat, zugrunde liegen). Es untersteht der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel. Der amtierende Erzbischof ist Monsigneur Archevêque Jean von Charioupolis. Der Bischofsitz befindet sich an der Alexander-Newsky-Kathedrale in Paris. Das Erzbistum gliedert sich derzeit in mehrere Dekanate in Frankreich. Außerdem gibt es Dekanate für Belgien, die Niederlande, Italien, Deutschland, Spanien, Skandinavien sowie Großbritannien und Irland. 

 

Das Exarchat ist aus der im Jahr 1921 gegründeten westeuropäischen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche hervorgegangen. Infolge der politischen und kirchlichen Schwierigkeiten, die sich aus der kommunistisch-atheistischen Kirchenverfolgung in Russland ergaben, untersteht die Diözese seit dem Jahre 1931 der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen.

 

 Monsigneur Erzbischof Johannes von Charioupolis.
Monsigneur Erzbischof Johannes von Charioupolis.

 

Die meisten Gemeinden des Exarchates befinden sich in Frankreich. In Deutschland gibt es Gemeinden in Düsseldorf (Orthodoxe Kirchengemeinde zu den Heiligen Erzengeln), in Stuttgart (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Alexander Newsky (Pragfriedhof), in Albstadt (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Sergei von Radonesch) und in Balingen (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Martin von Tours).

 

Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht der Kirche zu den Heiligen Erzengeln in Düsseldorf.
Innenansicht der Kirche zu den Heiligen Erzengeln in Düsseldorf.
Außenansicht Kirche Heiliger Alexander Newsy in Stuttgart.
Außenansicht Kirche Heiliger Alexander Newsy in Stuttgart.

 

Die Gemeinden des Exarchates sind in der russischen Tradition der orthodoxen Kirche beheimatet, verstehen sich aber nicht erstrangig als russische Auslandsgemeinden, sondern als Heimat für alle orthodoxen Christen, die sich zu den jeweiligen Parrgemeinden (Paroisse) und eucharistischen Kommunitäten (Communauté eucharistique) zugehörig fühlen. Infolgedessen ist auch der Anteil von Gläubigen westlicher Herkunft in den Gemeinden des Exarchats vergleichsweise groß. Damit alle Gläubigen in der Gemeinde gleichermaßen mit ins Gebet hinein genommen werden können, stellt der Gottesdienst in der jeweiligen westeuropäischen Landessprache nicht eine Ausnahme, sondern die gewünschte Normalität dar, wobei gleichzeitig auch selbstverständlich immer Teile der Gottesdienste in den jeweiligen Heimatsprachen der anwesenden Gläubigen gebetet und gesungen werden können. Jedoch werden den Gläubigen im Exarchat außer den Vorschriften, die im christlich-orthodoxen Glauben und den daraus folgenden Regeln für das orthodoxe kirchliche Leben begründet sind, grundsätzlich keine weiteren Verhaltensnormen als verbindliche Leitkultur auferlegt. Jede Gläubige kann und darf sein sprachliche, nationale und kulturelle Identität selbst bestimmen und ihr jeweils einen eigenen Ausdruck verleihen. Unter Erzbischof Georgy (Tarassov, 1960-1988) wurde für das Exarchat die bis heute gültige Regelung beschlossen, dass jede Einzelgemeinde für sich und nach ihren pragmatischen Bedürfnissen entscheiden darf, in welcher Sprache sie ihr gottesdienstliches leben gestalten möchte. Dabei haben sich heute zwei Grundvarianten herausgebildet: Es bis heute im Exarchat neben vielen Gemeinden mit mehrheitlich landessprachlichem Gottesdienst und neuem (neujulianischem) Kalender genauso selbstverständlich auch Gemeinden mit vorwiegend kirchenslawischer Gottesdienstsprache und altem (julianischem) Kalender. Dabei versuchen die einzelnen Gemeinden in der jeweils zu ihnen passenden Art und Weise das russisch-kirchenslawische Vätererbe zu bewahren und die berechtigten Interessen der jungen Generation und der sich neu in der Orthodoxie beheimatenden Konvertiten nach einem vorwiegend landessprachlich geprägten Gottesdienst in gerechten Einklang zu bringen. Denn so wenig wie sich die heutige kirchliche Wirklichkeit im Exarchat einfach mit dem Begriff "russisch-orthodox" klassifizieren läßt, genau so verkürzend und der komplexen Fülle der gelebten Realitäten in den Gemeinden des Exarchates nicht gerecht werdend wäre es, beim Exarchat einfach von einer "Orthodoxie westeuropäischer Prägung, mit einer abendländischen Identität oder Mentalität" sprechen zu wollen. 

 

Eglise Saint Serge de Radonege am Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge. Neben den meist französischsprachigen Gottesdiensten des Instituts dient die Kirche auch einer bis heute russischsprachigen Gemeinde als Gotteshaus.
Eglise Saint Serge de Radonege am Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge. Neben den meist französischsprachigen Gottesdiensten des Instituts dient die Kirche auch einer bis heute russischsprachigen Gemeinde als Gotteshaus.
Blick auf den Innenhof des Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge in Paris.
Blick auf den Innenhof des Institut de Théologie Orthodoxe Saint Serge in Paris.

 

Ferner gehört zum Exarchat das Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris, das die älteste und traditionsreichste orthodoxe theologische Bildungseinrichtung in Westeuropa ist. Vor allem in Frankreich unterstehen verschiedene orthodoxe Klöster und Skiten der Jurisdiktion des Exarchats, so zum Beispiel das Nonnenkloster Mariae Schutz in Bussy-en-Othe und das Kloster Sainte Silouane in Saint Mars de Locquenay.

 

Igumen Archimandrit Syméon im Monastère Orthodoxe  Saint Silouane.
Igumen Archimandrit Syméon im Monastère Orthodoxe Saint Silouane.
Krypta im Monastère Orthodoxe Saint Silouane.
Krypta im Monastère Orthodoxe Saint Silouane.
Klosterkirche Verklärung Christi im Kloster Mariae-Schutz in Bussy-en-Othe.
Klosterkirche Verklärung Christi im Kloster Mariae-Schutz in Bussy-en-Othe.

 

Hier können Sie die aktuelle Online-Ausgabe der Kirchenzeitung des Exarchates in deutscher Sprache lesen:

 

ZUR ORTHODOXEN KATECHESE

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Es ist eine traurige Tatsache, dass viele orthodoxe Gläubige die Glaubenswahrheiten unserer Kirche nicht (mehr) kennen. Der Mangel an religiöser Kenntnis ist nicht normal, obwohl viele glauben, dass religiöses und theologisches Wissen allein eine Sache der "Spezialisten" sei.

 

Wer sich ernsthaft darum bemüht, ein orthodox geprägtes Leben zu führen, wer als praktizierender orthodoxer Christ sein Leben mit und in der orthodoxen Kirche führen will, muss zwar in erster Linie regelmäßig an den Gottesdiensten der Kirche teilnehmen, dort die heiligen Mysterien (Sakramente) ehrfürchtig empfangen, das persönliche Gebetsleben pflegen und sich im geistlichen Leben um ein, den eigenen Lebensvollzügen angemessenes, Maß der Askese bemühen.

 

An zweiter Stelle steht aber, dass wir uns als orthodoxe Christen ernsthaft darum bemühen sollten, ein umfassendes orthodoxen Glaubenswissen zu erwerben. Dies trifft nicht nur auf die Minderheiten in der orthodoxen Diaspora zu, wo schulischer Religionsunterricht bis heute eher eine Ausnahme darstellt und deshalb die Katechese im Erwachsenenalter unverzichtbar für den Aufbau eines gründlichen Wissens um die Inhalte des orthodoxen Glaubens ist, sondern zunehmend auch auf die bisher traditionell orthodox geprägten Länder Südost- und Osteuropas. Auch hier geht mit der Übernahme einer individualistischen Lebensauffassung und konsumorientierten Alltagskultur gleichzeitig ein Rückgang der traditionell gemeinschaftlich erlebten und von Generation zu Generation weitergegebenen orthodoxen, kirchlich orientierten Volkskultur einher. Wo aber nicht mehr die gemeinsam weitergegebenen orthodoxen Glaubens- und Lebensvollzüge, sondern in zunehmendem Maße persönliche Auswahloptionen das religiöse wie auch alltägliche Leben bestimmen, ist ein umfassendes orthodoxen Glaubenswissens für den einzelnen Gläubigen mehr den je unverzichtbar.

 

Um sich dieses orthodoxe Glaubenswissen anzueignen, ist es ganz entscheidend, dass wir regelmäßig und aufmerksam die liturgischen Texte in unseren orthodoxen Gottesdiensten mitbetend hören. Den in diesen liturgischen Texten wird die Heilige Schrift für uns zitiert, paraphrasiert und ausgelegt. So führen uns die liturgischen Texte hin zum rechten Hören auf die Worte der Heiligen Schrift, die wir Orthodoxe im Sinne der Heiligen Apostolischen Tradition, wie sie sich rechtgläubig in der Lehre unserer orthodoxen Kirche ausdrückt, verstehen. Um zu wissen, was die Lehre unserer orthodoxen Kirche ist und was uns die Heilige Orthodoxe Tradition sagt, brauchen wir alle - gebildete und einfache Menschen - eine beständige Praxis des frommen Mitbetens und andauernden Hinhörens auf die Worte unserer orthodoxen Gottesdienste, aber auch eine lebenslange, religiöse Weiterbildung (Katechese) im Rahmen unserer Kirchengemeinden und Familien. An erster Stelle erweist sich für uns dabei das regelmäßige Gespräch mit unserem geistlichen Vater und das fortlaufende Lesen in den Schriften der heiligen Väter als besonders hilfreich. Darüber hinaus helfen uns heute eine Vielzahl katechetischer orthodoxer Texte weiter, wenn wir unser Glaubenswissen vertiefen und erweitern wollen.

 

Um diesem frommen Bemühen unserer Gläubigen zu dienen, veröffentlichen wir kurze, klare und einfache Texte, die das notwendige Wissen über unseren orthodoxen Glauben fördern sollen. So versteht sich unser Online- Magazin Orthodoxe Perspektive mit all seinen Inhalten als ein gemeinde- und erwachsenenkatechetischer Beitrag zur Förderung und Unterstützung des Glaubenswissens orthodoxer Christen in deutscher Sprache.

 

Herzlich gern stellen wir das Material auf dieser Webseite allen orthodoxen Christen und Kirchengemeinden zur Verfügung. Wir bitten aber um Ihr Verständnis, dass wir erwarten, dass die Texte und Abbildungen nur nach Rücksprache mit der Schriftleitung anderweitig genutzt, verbreitet, beziehungsweise an anderer Stelle veröffentlicht werden.

 

 

Hirtenwort der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland zum Religionsunterricht

 

„Lasst die Kinder und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen!“ (Mt 19,14) 

 

Liebe Väter, Brüder und Schwestern!

 

In einer Angelegenheit, die uns sehr am Herzen liegt und für die Zukunft unserer Kirche in diesem Land von eminenter Bedeutung ist, wenden wir orthodoxen Bischöfe Deutschlands uns heute in einem gemeinsamen Hirtenwort an Sie, liebe orthodoxe Christen und Christinnen in Deutschland.

 

Zu den Sorgen, die uns als Oberhirten der Orthodoxen Kirche in Deutschland aufgetragen sind, gehört jene um die Weitergabe unseres heiligen Glaubens an die kommenden Generationen: Die religiöse Erziehung der Kinder und Jugendlichen stellt gerade in der Diaspora-Situation unserer Gemeinden ein Feld von besonderer Wichtigkeit dar, allerdings oft auch ein steiniges Feld. 

 

Wir sehen mit Besorgnis, wie etliche jüngere Glieder der Kirche ohne die notwendige religiöse Unterweisung aufwachsen, die ihnen hilft, den Glauben ihrer Väter und Mütter zu bewahren und ihn später einmal auch an ihre Kinder weiterzugeben. 

 

Für uns Bischöfe ist es sehr beunruhigend, dass der schulische orthodoxe Religionsunterricht bislang nur einen relativ geringen Teil der orthodoxen Schülerinnen und Schüler in Deutschland erreicht. 

 

Wir sind Mitbürger in diesem Land geworden, und wir sind es gerne: Als solche tragen wir gemeinsam mit den staatlichen Institutionen Deutschlands die Verantwortung dafür, dass unsere Kinder und heranwachsenden Jugendlichen in die hiesige Gesellschaft integriert werden und zugleich ihre eigene orthodoxe religiöse Identität nicht verlieren; dies ist eine wichtige Aufgabe des staatlichen Religionsunterrichtes, der in qualitativer und quantitativer Hinsicht dem der anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften entspricht. 

 

Dabei dürfen wir mit Freude feststellen, dass von Seiten der zuständigen staatlichen Stellen unser Anliegen in der letzten Zeit eine positive Würdigung erfährt. So haben bislang bereits vier Bundesländer den orthodoxen Religionsunterricht an allgemeinbildenden staatlichen Schulen offiziell eingerichtet, nämlich Nordrhein-Westfalen, Bayern, Niedersachsen und Hessen, also die Bundesländer mit dem größten Anteil orthodoxer Gemeinden und Gläubigen in Deutschland. Auch die Länder Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, mit denen wir in Verhandlung stehen, zeigen sich prinzipiell bereit, den orthodoxen Religionsunterricht einzuführen. 

 

Inzwischen können wir auch mit Freude feststellen, dass sich Möglichkeiten zur Ausbildung von Religionslehrern aus allen orthodoxen Nationen, die in Deutschland leben, bieten, und zwar von solchen Lehrerinnen und Lehrern, die in diesem Lande ausgebildet werden, die die Situation der Orthodoxen Kirche in Deutschland verstehen und auch die Lebenswirklichkeit ihrer Schülerinnen und Schüler gut kennen. Solche Möglichkeiten gibt es an der Universität München wie auch an der Universität Münster. 

 

Doch auch in den genannten Bundesländern sind wir noch weit entfernt von einem flächendeckenden Angebot orthodoxen schulischen Religionsunterrichtes, vor allem, weil eine entsprechende positive Resonanz aus den Gemeinden fehlt und an zu wenigen Orten die Einrichtung des Unterrichtes eingefordert wird. Dies gilt umso mehr, als in einigen Bundesländern staatlicherseits die notwendigen statistischen Grundlagen bislang noch nicht vorhanden sind.

 

Wir dürfen hier nicht nur auf den Staat verweisen und allein von ihm Lösungen erwarten: Im Blick auf die religiöse Bildung unserer Kinder sind der volle Einsatz und das Engagement aller orthodoxen Christen in Deutschland gefordert. 

 

Es ist hohe Zeit, hier zu handeln, sonst besteht die Gefahr, dass eine Generation von jungen orthodoxen Christen heranwächst, die ihrem Glauben bzw. dem der Eltern immer mehr entfremdet wird. Es ist unbestritten, dass neben der Gemeindekatechese dem Religionsunterricht im deutschen Schulsystem eine wesentliche Funktion zur Wertevermittlung zukommt. Wir können auf den schulischen orthodoxen Religionsunterricht nicht verzichten, wenn wir erreichen wollen, dass unsere Kinder und Jugendlichen der Kirche und dem Glauben nicht verloren gehen bzw. sie auf eine folkloristische Besonderheit ihrer nationalen Herkunft reduzieren. 

 

Bei dieser Aufgabe sind wir wesentlich auf die Mitarbeit der Pfarrer und Eltern, also auf Ihre Unterstützung angewiesen: 

 

Nutzen wir die Möglichkeit, dass unsere Kinder durch den schulischen orthodoxen Religionsunterricht den orthodoxen Glauben, den Glauben ihrer Väter und Mütter, besser kennen lernen und weiter in ihn hineinwachsen!

 

• Bestehen Sie darauf, dass Ihr Kind orthodoxen Religionsunterricht in seiner Schule erhält!

 

• Informieren Sie andere orthodoxe Eltern darüber, dass diese Möglichkeit besteht und unbedingt genutzt werden sollte!

 

• Seien Sie bereit, bei der Organisation des Unterrichtes mitzuhelfen und Ihre Kinder dann auch zu diesem Unterricht zu bringen! 

 

Nur wenn es uns gelingt, der heranwachsenden orthodoxen Generation in Deutschland aus dem gelebten orthodoxen Glauben und der genuinen orthodoxen Tradition heraus das notwendige Rüstzeug mitzugeben, das ihr einerseits die Integration in die Gesellschaft dieses Landes und ein tatkräftiges Mitgestalten ermöglicht, sie andererseits aber vor einer Assimilierung an eine immer mehr dem christlichen Glauben sich entfremdende Umgebung bewahrt, können wir hoffnungsvoll in die Zukunft der Orthodoxen Kirche in Deutschland blicken zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! 

 

Berlin, 12. November 2011

 

Für die Gr.-Orth. Metropolie von Deutschland, Exarchat von Zentraleuropa (K.d.ö.R.)

 

Metropolit Dr. h.c. Augoustinos von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa

 

Bischof Evmenios von Lefka, Bischof Bartholomaios von Arianz mit allen Mitgliedern der OBKD.

 

Quelle: http://www.obkd.de/Texte/

 

Hier kann das Anmeldungsformular für den orthodoxen Religionsunterricht in Baden-Würtemberg heruntergeladen werden