Orthodoxe Perspektive-Ein Magazin zur Förderung des Glaubenswissens orthodoxer Christen

 

Bete für diejenigen, die nicht können, nicht wollen und besonders für die, die niemals gebetet haben - rumänisch-orthodoxer Patriarch Justinian († 1977)

 

 

Die Verehrung der Allheiligen Gottesgebärerin

und Immerjungfrau Maria

in der orthodoxen Kirche

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Im orthodoxen Glaubensbekenntnis bekennen wir:

 

„Der (das ist Christus) für uns Menschen und um unseres Heilen willen von den Himmeln herabgestiegen ist und Fleisch angenommen hat aus dem Heiligen Geist und Maria, der Jungfrau, und Mensch geworden ist."

 

Dieser Abschnitt umschreibt den heilsgeschichtlichen Grund für die herausragende Stellung der Immerjungfrau Maria im Glaubensleben und in der Theologie der orthodoxen Kirche.

 

Die orthodoxe Theologie kennt im Grunde keine eigenständige "Mariologie", wie sie die lateinisch-abendländische Christen zuerst entworfen und dann infolge der protestantischen Reformation in großen Teilen auch wieder verworfen haben. Obwohl die Reformatoren Luther und Calvin die Rolle Marias in Predigten durchaus gewürdigt haben, hat das Marienlob für die Frömmigkeit der meisten heutigen evangelischen Christen keine ernsthafte Bedeutung.

 

Für uns orthodoxe Christen ist die Verehrung der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria auf das Engste mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus verbunden. Da sie die Mutter Christi, die Allheilige Gottesgebärerin ist, folgen wir der Weisung des Magnificat „Von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter“ (Lukas 1:48). Als der Erzengel Gabriel zu ihr gesandt wurde, um ihr zu verkünden, dass sie die Mutter unseres Herrn werden sollte, begann er mit den Worten: „Gegrüßt seist du, Du bist voll der Gnade; der Herr ist mit dir; du bist gesegnet unter den Frauen“ (Lukas 1:28). Und weiter sprach er: „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott. Siehe, du wirst in deinem Schoß empfangen und einen Sohn gebären und Ihm den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten heißen“ (Lukas 1:30-32).

 

In den Hymnen und Gebeten der orthodoxen Kirche erklingt immer wieder und wieder ihr Lobpreis, die dem Erzengel ihre Zustimmung mit den Worten gegeben hat: „Siehe ich bin des Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lukas 1:38)  So ist alles orthodoxe Reden über die Gottesmutter vom anbetend-liturgischen Lobpreis der Inkarnation des Eingeborenen Sohnes Gottes Jesus Christus im Leibe der Allreinen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria geprägt. Dieser liturgische Lobpreis, der das Heilsmysterion der Inkarnation anbetend betrachtet, seine Worte und Bilder, sind die Basis der orthodoxen theologischen Rede über die Allheilige Mutter Gottes. 

 

Auch die dogmatische Lehre der orthodoxen Kirche spricht über die Allheilige Immerjungfrau Maria immer zutiefst christologisch, vom Mysterion der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus  her. Wenn wir orthodoxen Christen Maria mit den Worten des Dritten Ökumenischen Konzils in Ephesus Gottesgebärerin nennen und damit ihre Stellung in der Heilsökonomie Gottes umschreiben und wenn wir orthodoxen Gläubigen die Gottesmutter und stetige Jungfrau Maria preisen und verehren, dann allein deshalb, weil sie die Mutter des menschgewordenen Sohnes Gottes ist. Deshalb ist der Lobpreis der Gottesmutter Maria in der orthodoxen Kirche niemals vom Lobpreis des Mysterions der Inkarnation Gottes zu trennen. In den Hymnen der Kirche, auf den heiligen Ikonen, in den Gebeten der Heiligen Liturgie, in den Texten der Hymnendichter: immer kommt Maria als die Mutter des menschgewordenen Gottes Jesus Christus vor. Selbst dort, wo die Gottesmutter auf den heiligen Ikonen einmal ohne den Christus-Emmanuel-Knaben dargestellt ist (wie in der Apsis-Kuppel vieler orthodoxer Kirchen), wird sie in ihrem Eintreten und ihrer Fürbitte für uns bei Christus dargestellt. Die allheilige Gottesgebärerin führt uns durch ihr Beispiel, ihre Fürbitte, Beistand und Hilfe immer zu Christus hin. Denn unser Herr und Erlöser und Gott Jesus Christus ist das Haupt der Kirche und Maria ist die Mutter der Kirche und ihrer Gläubigen. Wir gläubigen orthodoxen Christen wissen uns beständig unter ihrem mütterlichen Schutz und Schirm.

 

Das  geistliche Leben der orthodoxen Kirche, das sich während der Feier der Göttlichen Liturgie und der übrigen Gottesdienste in den heiligen Ikonen die wir schauen, in den gesungenen Hymnen, Kanones und Gebeten die wir sprechen und singen und in den Akafisten, geistlichen Lieder und Dichtungen, die wir hören verlebendigt und rechtgläubig ausdrückt, in dieser ganzheitlichen gottesdienstlichen Verkündigung erfährt der orthodoxen Gläubigen die Fülle des Heilsmysteriums Gottes. Und in diesem göttlichen Heilsplan hat die allheilige Gottesgebärerin Maria von der Seite des Menschengeschlechtes her eine entscheidende Rolle gespielt. Nach orthodoxem Verständnis ist der freie Wille des Menschen durch den Sündenfall zwar verdunkelt, aber nicht aufgehoben worden. Gottes Heilshandeln an uns vollzieht sich immer synergetisch (= im Mit- und Zusammenwirken des Menschen an der handelnden Gnade Gottes). Die göttliche Gnade wird wirksam durch die willentliche Zustimmung des empfangenden Menschen. Wir werden nicht gegen unseren freien Willen erlöst. Gott respektiert die uns bei der Schöpfung geschenkte menschliche Freiheit.

 

„Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einer Frau…“ (Galater 4:4). Das „Ja“ Marias zum Heilsplan Gottes geschieht durch ihr Wort an den Erzengel Gabriel: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort". (Lukas 1:38). Durch diese Worte hat die Allheilige Gottesgebärerin Maria nicht nur zu ihren eigenen Heil, sondern zum Heil aller Menschen mit dem Heilsplan und dem Heilshandeln Gottes zusammengewirkt. Diese Tat des Mädchens Maria aus Nazareth wird in der orthodoxen Kirche in den vielfältigen poetischen Bildern der kirchlichen Gesänge wieder und wieder selig gepriesen.

 

Deshalb wird die Allheilige Immerjungfrau und Gottesgebärerin Maria auch im Zentrum  aller orthodoxen Gottesdienste, der heiligen Anaphora der Göttlichen Liturgie, wenn sich durch die Epiklese die eucharistischen Gaben in den Kostbaren Leib und das Allheilige Blut Christi verwandeln, gelobt und gepriesen. Nach der Wandlung der Gaben betet der Priester: "Wir bringen diesen geistigen Gottesdienst auch dar für die im Glauben Ruhenden, die Vorväter, Väter, Patriarchen, Propheten, Apostel Verkünder Evangelisten, Märtyrer Bekenner, Asketen und für jeden gerechten Geist, der im Glauben vollendet ist. Vornehmlich für die Allheilige, über alles gesegnete und ruhmreiche Herrin, die Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria.“ Im Anschluss singen Chor und Gemeinde: „Wahrhaftig würdig ist es Dich selig zu preisen, Gottesgebärerin, immer selig Gepriesene und Allmakellose und Mutter unseres Gottes. Die Du geehrter bist als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher als die Seraphim, die Du unversehrt Gott, das Wort, geboren hast,  in Wahrheit Gottesgebärerin, Dich preisen wir hoch.“

 

So wird die orthodoxe Verehrung der Gottesmutter durch zahlreiche Hymnen; Akafiste und Kanonhymnen zum Ausdruck gebracht. In ihnen preist der Gläubige auf unmittelbare Weise die Mutter der Herrn, auf deren Schutz, Beistand und Hilfe er von Herzen vertraut. Besonders hervorzuheben sind hierbei der Hymnus Akathistos (griechisch: O Ακάθιστος ύμνος) , der das ganze Heilsmysterium betrachtet, zu dem die Allheilige ihren entscheidenden Beitrag gegeben hat und der kleine Trostkanon an die Gottesmutter (griechisch: Παράκλησις = "Paraklesis"), der ein tiefer Ausdruck des gläubigen Vertrauens der orthodoxen Christen auf die Hilfe und den Beistand in Krankheit und Not durch die Muttes Gottes ist.

 

Diese innige Beziehung der Orthodoxen zur Muttergottes spiegelt sich auch im Kreis der Marienfeste, die die orthodoxe Kirche im Laufe des kirchlichen Jahres begeht:

 

1) Die Geburt der Gottesmutter am 08 September

2) Die Einführung Mariens in den Tempel am 21 November

3) Die Verkündigung an die Gottesgebärerin am 25 März

4) Die Entschlafung der Gottesgebärerin am 15 August.

5) Das Fest Mariae Schutz und Fürbitte (Prokov) am 01. Oktober

 

So wird die Allheilige Mutter Gottes in der Frömmigkeit und der Theologie der Orthodoxen Kirche in besonderer Weise geehrt. Das 7. Ökumenische Konzil hat es im Jahre 787 in seine vierten Sitzung in die folgenden Worte gefasst: "Wir wurden gelehrt, zu ehren und zu preisen zunächst und vornehmlich und wahrhaftig die Gottesmutter, die höher ist als andere himmlische Kräfte, die Heiligen und Himmelskräfte, die seligen Apostel, Propheten und alle, die um Christi willen den Märtyrertod finden. Wie wurden gelehrt deren Fürbitten anzuflehen, weil sie uns mit dem König aller, Gott, in eine familiäre Gemeinschaft bringen…".

 

Hieran wird deutlich, dass in der orthodoxen Kirche der δόξα (= "Doxa"), also die rechtgläubige Verherrlichung im Zentrum aller Rede über die Mutter Gottes steht. Diese Verherrlichung hat ihren Sitz im Gebet und Hymnengesang der Göttlichen Liturgie und der übrigen orthodoxen Gottesdienste. So gibt es in der Orthodoxie keine Trennung zwischen dem theologischen Denken und dem Gebet der Kirche. Orthodoxes Leben und rechter Glaube, theologische Betrachtung und kirchlich-gottesdienstliches Leben, kirchliche Lehre und gläubige Praxis sind immer eins. Sie gehören alle untrennbar zusammen.

 

Alle Mysterien des Heiles, alle Heiltaten Gottes, alle Heilige Personen - und an ihrer ersten Stelle die Muttergottes - unterwirft die orthodoxe Kirche nicht der kalten Analyse der am Ende doch immer nur unzulänglichen menschlichen Weisheit, sondern die orthodoxe Kirche nimmt sie hinein in das Gebet, die Anbetung Gottes, die gläubige Bewunderung, den geisterfüllten Jubel, die geistliche Betrachtung, die tiefe Verehrung und die liturgische Feier.

 

 

Zeichen unserer Erlösung - Das heilige und lebenspendende Kreuz

 

In der Antike war die Hinrichtung am Kreuz die Quelle der Schande und des Entsetzens. Nicht nur bei den Römern und Griechen, sondern auch bei den Juden galt der Gehenkte und damit auch der Gekreuzigte als von Gott verflucht, denn es gab für die Menschen des Altertums keine Hinrichtungsart, die entsetzlicher und entehrender war. Aus diesem Grund wurde die Hinrichtung zur Kreuzigung von den Römern, Griechen und Persern an Kapitalverbrechern und Staatsfeinden vollzogen. Die Verurteilung des Verbrechers zur Kreuzigung kam somit einer Aberkennung aller seiner Rechte als Mitglied der menschlichen Gesellschaft gleich. Der zur Kreuzigung Verurteilte wurde damit dem Hohn und Spott der Allgemeinheit ausgeliefert. Deshalb

 

So war die Auffassung vom Kreuz in der antiken Welt.


Was aber bedeutet das Kreuz für den Christen heute? Es ist für alle das Werkzeug der Erlösung und Gegenstand vollständiger Verehrung und Anbetung. Deswegen hat jeder orthodoxe Christ den Mut, mit Apostel Paulus zu sagen: «Mir sei es ferne, bewahre Gott, mich in etwas anderem zu rühmen, als im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzt ist und ich der Welt.»


Das Tragen des Kreuzes ist nicht nur die Pflicht eines jeden Christen, sondern vor allem Ehrenbezeigung und Verdienst. Wohin wir auch immer schauen, überall sehen wir das Kreuz: es dominiert die Kuppeln unserer Kirchen, es liegt auf dem Altartisch im Gotteshause, es ziert die Kronen der irdischen Könige und befindet sich stets auf der Brust des Christen. Das Kreuz begrüßt uns bei der Taufe und segnet uns bei dem Übergang in das ewige Leben und am Ende steht es als Zeichen auf unseren Gräbern. So eine Bedeutung besitzt das Kreuz für die Orthodoxen, für die Christen.


Was ist passiert, daß eine so große Veränderung in dem Verständnis vom Kreuz vor sich ging? Warum begann man das Kreuz mit Ehrfurcht anzubeten, wo es doch am Anfang als Werkzeug des Spottes galt. Das ist deswegen geschehen, daß der Sohn Gottes eben gerade auf dem Kreuz für die Sünden der ganzen Welt sterben wollte. Das Kreuz Christi hat den Himmlischen Vater mit den Menschen, die Sünder sind, vereint und selbst mit solchen Sündern, für die es ohne das Kreuz nie eine Verzeihung oder Erbarmen geben würde. Das Kreuz hat uns das Himmelreich geöffnet: ohne es, ohne das Kreuz Jesu, wären sogar die frommen Gläubigen in die Hölle gekommen, für niemanden hätte es einen anderen Weg gegeben.


Seit der Zeit, da Christus auf dem Kreuze starb, wurde seine unüberwindliche, unbeschränkte göttliche Kraft dem Kreuz übergeben und wohnt in ihm für immer! Deswegen ist es so mächtig und stark, weil sich in ihm das Geheimnis befindet: die für uns unbegreifliche, unbeschreibliche Kraft Christi. Gesegnet sind unsere Lippen, die das kostbare Holz des Kreuzes küssen, gesegnet ist unsere Stirn, unsere Brust und Schultern, die durch das siegreiche Zeichen geschützt werden.


Der Hl. Apostel Andreas der Erstberufene, als der Henker ihn zum Tod durch Kreuzigung geführt und er von weitem das Zeichen des Kreuzes gesehen hat, rief vor Freude: « Freue Dich, Du Kreuz: geheiligt bist Du durch den Körper Christi und geschmückt wie mit Blumen von seinen Gliedern! Bevor auf Dir mein Gebieter gekreuzigt wurde, warst Du für andere ein Schrecken. Nun aber wissen die Gläubigen, wieviel Gnade in Dir steckt, wieviel Belohnung vorbereitet ist. Ohne Angst und freudig gehe ich zu Dir, aber nimm auch Du mich mit Freude an als Deinen Schüler des auf Dir Gekreuzigten Christus. Immer habe ich Dich geliebt und wollte Dich immer umarmen. Oh, gepriesenes Kreuz, das Du die Herrlichkeit und Schönheit der Glieder des Herrn Christus auf dich nahmst, stets harre ich Deiner und suche nach Dir ! Nimm mich von dieser irdischen Welt und übergib mich meinem Lehrer, möge durch Dich der Herr mich annehmen, dank dem ich durch dich vor dem Verderben entronnen bin!»

 

Auch bat danach der Hl. Petrus seine Henker nur darum, daß sie ihn mit dem Kopf nach unten kreuzigen mögen, da er sich unwürdig fühlte, dieselbe Art der Kreuzigung wie Christus anzunehmen. Also seht ihr, Brüder, welch eine große Ehre die Heiligen Apostel Christi dem Kreuze Christi beigemessen haben. Wie sollten wir orthodoxen Christen es nicht verehren, wie sollten wir einen so großen, kostbaren Schatz, das Werkzeug unserer Errettung und der Erlösung von der Macht des Satans und der Hölle, das Zeichen des Bundes mit Gott und unserer Rechtfertigung nicht preisen. Seit der Zeit, da der Sohn Gottes durch sein Leiden und sein Martyrium das Kreuz erleuchtet hat, besingt dies die Heilige Kirche mit dem Worten: «Durch den Glanz Deines Kommens und durch Dein Kreuz hast Du, Christus, alle Enden der Welt erleuchtet und sie geheiligt, dadurch hat sich eine übernatürliche wundertätige Kraft gezeigt».


Nicht von ungefähr kann unsere Heilige Kirche in ihren Gesängen gar nicht genug der großartigen Worte zur Verherrlichung des Kreuzes Christi finden: Oh, Kreuz! Lob der Apostel, Stärkung der sanften Gläubigen, Lob der Hierarchen und Märtyrer, welches Du den Sieg und die Hilfe allen an Dich Glaubenden gibst. Das Kreuz ist Lobpreis und ewiges Licht für unsere Seelen und ist das Fundament des Glaubens, Vernichtung des Satans, ist die Herrlichkeit der Kirche, aber auch Verderben der Frevler und Schande für die Feinde am Tag des Gerichts. Wenn wir daran denken wollen, was der Erlöser für uns getan hat, dann gebietet uns die Kirche, dass wir uns mit dem Kreuz bezeichnen.


Der Brauch, daß es in der Orthodoxen Kirche üblich ist, sich während des Gebetes mit dem Kreuzzeichen zu übersegnen, stammt aus uralter Zeit. Er wurde von den Heiligen Aposteln begründet, an alle Gläubigen weitergegeben und wird seit der Zeit strengstens befolgt, so daß ohne das Zeichen des Kreuzes kein Gebet, weder in der Kirche, noch zu Hause beginnt. Der Beginn eines jeden Gebetes wird begleitet von dem Kreuzzeichen und einer frommen Verbeugung. Das Kreuz Christi verleiht nicht nur unserem Gebet große Kraft, sondern dank ihm gehen auch viele unserer Vorhaben und Taten in Erfüllung. Durch das Kreuz vertreiben wir sowohl sündhafte Versuchungen wie auch Leidenschaften, die direkt von dem Satan oder von der sündigen Welt oder von uns selbst kommen.


In dem Zeichen des Kreuzes ist jedem von uns eine große Kraft gegeben und zur Bestätigung der Worte genügt es, in die Schriften der Heiligen Väter hineinzuschauen, wo jeder sich von der großen Kraft des Kreuzes Christi überzeugen kann. Wir werden hier nur ein paar aus der unendlichen Anzahl der Beispiele aufführen. So hat der Apostel Johannes der Theologe, wie sein Schüler Prochoros uns berichtet, seinerzeit durch das Zeichen des Kreuzes eine auf der Straße liegende Kranke geheilt. Ein ähnlicher Fall geschah bei dem gläubigen Irus, nach der Lehre des Hl. Apostels Philippus, als er mit seiner Hand das Zeichen des Kreuzes Christi einem leidenden Aristarchen spendete und sofort seine verletzten Glieder und die vertrocknete Hand geheilt wurden; er bekam das Augenlicht zurück und konnte wieder hören, mit einem Wort – er erhielt Heilung.


So geschah es auch bei dem Epiphanius, als er ein Kind und noch nicht getauft war, wurde er von einem störrischen Esel heruntergeworfen und hatte seine Hüfte stark beschädigt, ein Christ aber, der zufällig an dem Ort vorbeikam, hat den Jungen durch ein dreimaliges Segnen mit dem Kreuzzeichen geheilt. So ähnlich bat ebenfalls die selige Makrina, die Schwester des Hl. Basilius des Großen, welche schrecklich an einem Brustgeschwür litt, ihre Mutter, über der kranken Stelle ein Kreuzzeichen zu machen. Als sie das getan hatte, wurde die Kranke sofort gesund.


Das wundertätige Kreuz Christi hat nicht nur Leiden geheilt, sondern auch Tote zum Leben erweckt und hat dem Körper Unversehrtheit verliehen. Also hat die Hl. Märtyrerin Thekla dürre Äste und einen Stapel Holz übersegnet, der für ihre Verbrennung vorbereitet war, aber das Feuer traute sich nicht, ihren Körper zu berühren. Ähnlich hat sich die Hl. Märtyrerin Wassilisa von Nikodemia mit dem Kreuz bezeichnet, obwohl sie in dem glühenden Ofen inmitten der Flammen viele Stunden lang stand, doch die verzehrende Glut konnte ihr keinen Schaden zufügen.


Auch waren die Heiligen Märtyrer Abdon, Synis und Panteleon und ihre Freunde den Tieren zum Fraß ausgeliefert und haben auf sich das Heilige Kreuzzeichen gemacht, wonach die wilden Bestien Lämmern ähnlich ruhig wurden und begannen, den Auserwählten Gottes die Füße zu lecken. Die allmächtige Kraft des Kreuzes Christi hat selbst todbringendes Gift unschädlich gemacht, wie wir in den Heiligenviten des Juvenalij und des Seligen Benedikts sehen (Fest am 12. März).


In solchen Fällen hingegen, wenn es uns nicht gelingt, durch das Kreuz Christi weder große noch kleine Taten zu vollbringen, um ein Ziel zu erreichen, z.B. ein Vorhaben zum guten Gelingen zu bringen oder aber etwas Böses zu vermeiden, dann geschieht dies deswegen, weil unser Herr Jesus Christus es für uns nicht für richtig hält, leichte Siege und Erfolge zu erringen. Dies geschieht, damit wir nicht überheblich werden und wir es uns nicht als Selbstverständlichkeit angewöhnen, nur auf Gott zu zählen, oder deshalb, weil wir das Zeichen des Kreuzes auf eine unangebrachte Weise ausführen und damit Seine Hoheit beleidigen.


Das Zeichen des Kreuzes sollte man auf sich mit lebendigem Glauben an den Gekreuzigten ausführen, mit Frömmigkeit und dem demütigen Bewußtsein, daß wir den Herrn nicht durch unsere Verdienste für uns gewinnen können, sondern nur durch die Hoffnung auf sein Erbarmen und in Hinsicht auf das von Ihm als Gott und Mensch in seinen Qualen der Kreuzigung und in Seinem Tod für uns Durchlittene. Nur unter der Bedingung (solcher unserer Demut- d.Übers.) kann von Gott erwartet werden, unseren Eifer für die Erfüllung Seiner Gebote und unser Gebet mit dem Zeichen des Kreuzes zu vereinen. Wir müssen daran denken, daß unsere Schuld vor Gott und die stete Beleidigung Seiner Größe alle Schulden im Vergleich zu menschlichem Recht übersteigt.

 

Gott ist das verzehrende Feuer. Ist also unsere sterbliche und demoralisierte Natur imstande, den unmittelbaren Kontakt mit Seiner Heiligkeit direkt auszuhalten? Das ist möglich, wenn wir uns mit dem Kreuzzeichen versichern! Dann wird zwischen uns und Gott als Vermittler Christus stehen, dann wird der Glaube an den Gekreuzigten uns die erlösende Kraft geben, die durch Ihn für uns auf Golgatha errungen wurde. Mit dem Opfer, das er auf dem Kreuz gebracht hat, können wir unsere Unwürdigkeit bedecken vor Gott. Dann nämlich legen wir wirklich mit unseren äußeren Tätigkeiten Zeugnis davon ab, daß wir mit dem Gebet zu Gott nicht etwa in uns selbst die Hoffnung suchen, sondern wir bitten Gott im Namen Christi und aufgrund der Kraft Seiner Verdienste. Auf diese Weise wird das Kreuzzeichen zur Bestätigung unseres Eifers, mit welchem wir uns an Gott in unseren Gebeten wenden und mit welchem wir unsere innere Einstellung zum Gebet ausdrücken.


Die Heilige Kirche hat richtig gehandelt und sie gibt uns ein hohes Maß der Erlösung, indem sie uns geboten hat, daß wir uns während des Gebetes mit dem Kreuzzeichen beschützen sollen. Deswegen ist es sinnlos und eine schlimme Undankbarkeit vor dem Angesicht des Faktes, daß man keinen Gebrauch von den guten und sicheren Mitteln haben will, um sein Gebet fruchtbar zu machen, so, wie es von Gott erwünscht und gewollt ist. Doch erweisen sich die Kinder der Kirche leider oft als gedankenlos undankbar, welche, anstatt sich mit dem Kreuz zu bezeichnen, mit den Händen fuchteln, wie es einem jedem gerade so einfällt. Es ist eine Frechheit, wenn man sich im Gotteshaus befindet und ohne Gedanken, ohne Gefühle und ohne jegliches Bewusstsein für sein Tun die Hand über der Brust entlangführt und sie nicht so hoch erhebt, um ein richtiges Kreuz zu vollbringen. Es ist sehr schwer, eine Bezeichnung oder einen Namen für eine derartige Handbewegung zu finden. Über solches Herumfuchteln freuen sich die Teufel, sagt der Hl. Johannes Chrysostomos. Besser ist es dann, sich überhaupt nicht zu bekreuzigen, als das Zeichen des Kreuzes zu deformieren. Können wir das, was wir auf uns machen, ein Zeichen des Kreuzes nennen, wenn wir uns übersegnen und uns nicht die Mühe geben, die Finger unserer Hand so zusammenzufalten, wie es sich gehört und wir kein vollständiges Kreuz Christi bezeichnen? Es kommt auch vor, daß wir das Kreuz zwar richtig ausführen, aber es dennoch mit Hochmut und Dünkel tun. Vielleicht kommt es dann vor, daß wir schwungvoll unsere Hände und Kopf erheben, mit Schamgefühl, einen Teil der Brust verdecken, und zwar so, daß man es kaum sehen kann. Das alles entstammt unseren bösen Gewohnheiten, die uns nichts anderes zeigen, als unsere extreme Ungenauigkeit und Unachtsamkeit gegenüber einer so großen heiligen Sache – des Gebetes vor Gott.


Über diejenigen, die mit Gleichgültigkeit Gott dienen und nachlässig beten, sagt die Heilige Schrift: « Verflucht ist der, der das Werk Gottes auf verräterische Weise ausführt…(Jer. 48,10)» Wenn die Heilige Kirche beschlossen hat, daß man sich mit der Methode übersegnet, indem man zuerst die Stirn berührt, danach die Brust und zum Schluß die Schultern , dann darf man nicht mit einer solchen Vermessenheit diese Regeln verletzten. Es geht hier nicht um Haarspaltereien, sondern einfach nur um ein extremes Maß an Leichtfertigkeit in den Bemühungen um seine eigene Errettung. In diesem Fall haben wir es zu tun mit einer Verfehlung und zerstörerischer Gleichgültigkeit, die gegen das Kreuz Christi gerichtet sind. Die Heilige Kirche hat solche und nicht andere Regeln des Bezeichnens mit dem Kreuz nicht ohne Grund beschlossen. Für alles gibt es vernünftige Gründe.


Also legen wir, so, wie die Kirche das beschlossen hat, den Anfang des Kreuzzeichens auf die Stirn – dem Gefäß des Verstandes, als Zeichen dafür, daß wir Gott mit unserem ganzen Verstand loben, oder Ihm mit Liebe alle unsere Gedanken widmen. Als nächstes legen wir, während wir uns überkreuzigen, das Kreuzzeichen auf den Bauch, den Teil bezeichnend, wo die Brust endet, als Zeichen, daß wir Gott aus ganzem Herzen und der Seele lieben, oder daß wir Ihn mit ganzer Offenheit, Ehrlichkeit und frommem Eifer alle unsere Gefühle und Wünsche widmen. Auch legen wir das Kreuz auf die Schultern (zunächst die rechte, dann die linke – Anmerkg. d. Übers.) als Zeichen dafür, daß wir Gott aus ganzer Kraft und Stärke der Seele und des Geistes lieben und daß wir Ihm nicht nur unser ganzes geistiges Leben opfern, sondern unsere körperlichen Tätigkeiten, die wir zu seinem Lob ausrichten. Alle Bestimmungen der Kirche besitzen einen tiefen Sinn. Sogar die Art und Weise, wie man die Finger während der Bekreuzigung faltet, hat große Bedeutung. Man legt sie nicht so zusammen, wie man möchte, sondern folgendermaßen: Die Enden von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger schließt man zusammen, denn sie bedeuten die Heilige im Anfang (im Ursprung) das Leben spendende Dreieinigkeit: den Vater, Sohn und Heiligen Geist; die zwei weiteren Finger beugt man zur Handfläche hin, was ein Zeichen dafür ist, daß der Sohn Gottes mit Rücksicht auf unsere Erlösung den Himmel geneigt hat, auf die Erde gekommen ist und die Natur des Menschen angenommen hat, wodurch in Ihm zwei Wesen zusammengeführt wurden – das Göttliche und das Menschliche, und – er wurde Gottmensch.


Die Heilige Orthodoxe Kirche lehrt nach der Tradition sowohl der Hl. Apostel wie auch der Hl. Väter, daß man, wenn man sich verabschiedet, die drei ersten Finger der rechten Hand benutzt, die in der Waagerechten zusammengeschlossen werden, die zwei letzteren Finger werden zur Handfläche gebeugt und so verabschiedet man sich, indem man den anderen mit dem Kreuzzeichen übersegnet. Dieser alte Brauch ist nicht nur in Russland, sondern auch in Jerusalem, Antiochia, Konstantinopel, in ganz Griechenland, bei den ägyptischen Kopten, auf dem Berg Athos und allen anderen orthodoxen Ländern beheimatet. Wer sich davon überzeugen möchte und mit den eigenen Augen den uralten Zeugen sehen möchte, der die drei Finger für das Kreuz zusammengefaltet hat und bis heute hält, der möge sich zur Hl. Kiewer Höhlen-Lawra begeben, zur Grotte, wo sich die Hl. Reliquien des Ehrwürdigen Spiridon befinden, der die Prosphoren buk (die Heiligen Brote, die in der Liturgie als Opfer und zur Wandlung in das Sakrament Christi verwandt werden – Anmerkg. d. Übers.) Vor seinem Tode hat er die 3 Finger der rechten Hand zusammengefügt, damit er das Zeichen des Kreuzes vollbringen konnte und so ruht er mit der Hand in dieser Haltung seit über 800 Jahren.


Auch wir mögen uns bemühen, mit Glauben und Gottesfurcht, auf richtige Weise das erlösende Zeichen des Kreuzes auszuführen. Man muß daran denken, daß man sich zuerst mit dem erlösenden Kreuz bezeichnet und danach, so wie sich das geziemt, Gott eine Verbeugung darbringt. Einige von uns verbeugen sich und bekreuzigen sich dabei gleichzeitig, dies tun sie aus Nachlässigkeit und entgegen der Lehre der Hl. Kirche. Dabei muß man ebenso darauf achten, daß unser Glaube an Christus sich nicht nur auf die äußere Form beschränkt, sondern es (das gläubige Handeln- d.Übers.) soll stets von guten Gefühlen begleitet werden, die aus der Tiefe des Herzens fließen, so daß den Christus nicht nur der Körper lobt – «…ihn habt ihr von Gott.» (1Kor.6,19), sondern auch unsere Seelen, die wir von Gott bekommen haben.


Somit kann das Kreuz Christi nur unter den erwähnten Bedingungen, das heißt bei richtigem Gebrauch und Verständnis seiner Bedeutung, zur allmächtigen und unbesiegbaren Waffe gegen unsere sichtbaren und unsichtbaren Feinde werden, denn es besitzt die Kraft nicht einfach durch sich selbst (d.b. nicht formal), sondern allein in Verbindung mit einem lebendigen Glauben und einer rechten und frommen Anwendung.

 

Der Heilige Johannes Chrysostomos sagt: «Wenn Du mit ganzem Glauben, aus ganzer Überzeugung des Herzens dich mit dem Kreuz bezeichnest, dann ist keiner von den unsauberen Geistern imstande, sich dir zu nähern, weil sie das Schwert sehen, welchem sich ihre Pfeile aussetzen, und sie sehen das Geschoss, daß ihnen tödliche Verletzungen zufügt. Schäme Dich nicht, Du Christ, so großer Gnadenerweisung, dann wird sich auch Christus Deiner nicht schämen, wenn Er in Seiner Herrlichkeit kommen wird und sich das Zeichen (des Kreuzes) vor Ihm heller als Sonnenstrahlen zeigen wird.»


« Denn wer sich Meiner und Meiner Worte schämt vor diesem ehebrecherischen und sündhaften Geschlecht, dessen wird auch der Menschensohn sich schämen, wenn Er kommt in der Herrlichkeit Seines Vaters, zusammen mit den Heiligen Engeln» , sagte der Herr Jesus Christus. (Mk. 8,38). Aber zum allgemeinen Ärgernis gibt es Leute, die den Reichen dieser Welt dienen, dem Profit und sich schämen, die Gebote des Evangeliums und die Prinzipien der Kirche zu erfüllen und damit dem orthodoxen Glauben entsagen. Vor solchen Leuten wird sich Jesus Christus schämen und sich auch schämen, sich zu ihnen beim Jüngsten Gericht zu bekennen, auch wenn sie dann sehr darum bitten würden, sie als Seine Jünger anzuerkennen… «Ich kenne Euch nicht», sagt Er solchen, «weicht von Mir, die ihr die Werke des Bösen tut!» (Mt.25,12;7,23), denn ihr seid der Gunst und der Teilhabe an meinem Königreich nicht würdig.


Deswegen belehrt uns der Apostel Paulus, daß wir uns nicht an die jetzige Zeit anpassen sollen, sondern uns verklären, indem wir unseren Verstand abwenden, damit wir erkennen können, daß nur der Wille Gottes nützlich, wünschenswert und vollkommen ist. Auch sollen wir, während wir uns bekreuzigen, es unseren Vorfahren gleichtun, denn für sie war das Kreuz Alles für alle. Wenn sie irgendeine Arbeit angefangen haben, haben sie sich übersegnet, wenn sie eine Arbeit beendet haben, haben sie dasselbe getan. Das Kreuz diente ihnen als Schutz vor dem Schlafengehen, mit dem Kreuz haben sie sich beschützt, wenn sie vom Schlafe aufstanden. Mit dem Zeichen des Kreuzes haben sie sich an den Tisch gesetzt, bevor sie die Mahlzeit einnahmen und sie vollbrachten es auch, wenn sie nach Beendigung dieser aufstanden. Das Zeichen des Kreuzes war Ausdruck aufkommender Freude, hat aber auch plötzlich auftretende Traurigkeit oder Unglück bezeugt.


Oh, wenn die Worte tiefer und kräftiger in das Bewußtsein eines jeden einzelnen von uns eindringen würden, wenn wir das Kreuz nicht nur über unseren Köpfen haben und auf der Brust tragen, sondern es in unseren Herzen tragen würden! Wenn wir immer echte Träger des Kreuzes wären, dann wäre kein Feind furchtbar für uns, dann wären nicht nur die Erde, sondern auch die Himmel unser Erbe.

 

Über das bereits gesagte hinausgehend erinnert uns orthodoxe Christen das Zeichen des Kreuzes auch noch daran, daß jeder, der an Christus glaubt und durch sein allerreinstes, auf dem Kreuz vergossenes Blut erkauft wurde, auch die Schuldigkeit hat, sein eigenes Kreuz zu tragen, das bedeutet sich zu bemühen, stets seinen Egoismus, bösen Willen, seine körperlichen Leidenschaften und gedankliche sündhafte Wünsche zu töten, sich völlig dem Willen Gottes zu überliefern und mit Demut jegliche Unzulänglichkeiten, Schwierigkeiten, Nachteile oder auch Unrecht zu ertragen, Mißgunst, Rachsucht, Feindschaft in sich zu bekämpfen – und ununterbrochen für das Königreich Gottes zu arbeiten.


Christus, der sich für uns als Opfer hingab, hat durch Sein Leiden auf dem Kreuz uns noch einmal die Möglichkeit geschenkt, in das Paradies hineinzukommen, hat uns befohlen, Ihm nachzufolgen; deswegen, wenn wir auf Ihn schauen und um Seine allmächtige Hilfe bitten, werden wir ununterbrochen in Seinen Fußstapfen gehen, auf dem Wege völliger Aufopferung und Liebe für den Nächsten, auf dem Wege der Güte, der Milde, der Demut, der Leiden, der Zurückhaltung und der Ergebenheit gegenüber dem Willen Gottes. Wahrhaftig sind die gesegnet, die sich der Lehre Gottes unterwerfen und den Weg des Martyriums gehen.


Solche freuen sich schon jetzt über Unzulänglichkeiten und Unrecht mit einer überirdischen Freude! «Mein Weg hat mich durch wunderschöne Stätten geführt, mein Los war mir immer gut», rief nämlich David; Apostel Paulus schrieb: « Darum habe ich Gefallen an Schwächen, an Schmähungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Bedrängnissen um Christi willen…» (2 Kor.12,10) Auch andere Bekenner Christi, trotz vielen erfahrenen Unrechts, waren voller Freude. Zum Lob der ersten Christen sagte der Apostel Paulus: «… ertragt es, wenn einer euch knechtet, euch ausbeutet, euch etwas wegnimmt, euch angreift, sich überheblich benimmt, euch in das Angesicht schlägt.» 2 Kor.11,20) So ein mildes Ertragen der Ungerechtigkeit ist bei Ihnen der Hoffnung auf eine Belohnung von Christus entsprungen, weswegen ihnen der Apostel schrieb: « Werft also eure Zuversicht nicht fort, sie bringt einen reichen Lohn.» (Hebr. 10,35) Deswegen, wenn wir den Willen Gottes erfüllen möchten und wir das Versprechen erhalten, benötigen wir die Geduld im Ertragen der Ungerechtigkeit, aus Rücksicht auf den Herrn und das Evangelium.


Der um des Herrn willen mit der Hoffnung auf Sein Erbarmen Leidende wird den schmalen Weg mit Ruhe durchschreiten und es wird ihm keine Schwierigkeiten bereiten. « Seid daher nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist!» (Hebr. 5,17), sagt uns das Wort Gottes. Indem wir auf den Verkünder des Himmlischen Königreiches schauen, sollen auch wir «… nicht mehr den menschlichen Lüsten, sondern dem Willen Gottes die verbleibende Zeit unserer Erdentage leben.» (1Paul. 4,2) Auch sagte der Apostel: « Unterwerft euch also Gott! Widersteht dem Teufel und er wird von euch fliehen! Naht euch Gott, und Er wird sich euch nahen! Reinigt die Hände, ihr Sünder, und heiligt die Herzen, ihr Wankelmütigen! Fühlt eure Not, klagt und weint! Euer Lachen verwandle sich in Klage und eure Freude in Betrübnis. » (Jak.4, 7-9)


Aber der Weg kommt uns für unsere sündigen Körper schwer vor, jedoch nur dieser Weg kann uns zur Ruhe und zur ewigen Freude hinführen. Diesen Weg ist unser himmlischer Lehrer und eine große Zahl von Heiligen gegangen, die das ersehnte Königreich Christi erreicht haben und mit großer Freude zu ihrem Herrn gelangt sind. Christus, der diesen Weg gegangen ist, hat uns das Beispiel gegeben, also sollen auch wir Ihm nachfolgen! « Wenn einer mir nachfolgen will» , sagte nämlich der Herr, «so verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.» (Mt.16.24) Und wieder sagte Er: « Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.» (Lk.14,27)


Möge jeder, der sein Kreuz trägt, sein schweres Los mit Geduld und in Ruhe ertragen, indem er sich vollkommen Gott unterordnet. Dann wird er ohne Zweifel auf dem Pfade Christi, des Erlösers gehen, durch die Hilfe der Gnade Gottes, und wird würdig sein, sich im Kreise der Auserwählten wiederzufinden, über die Er selbst gesagt hat: « Wenn einer Mir dient, der folge Mir, und wo Ich bin, wird auch Mein Diener sein.» (Joh.12,26)


Lieber, sehr verehrter Leser: Wenn wir uns nach den hier besprochenen Prinzipien mit der Stärke des Kreuzes Christi bewaffnen, und uns mit der Hilfe Gottes in der Tat bemühen, alle Versuchungen, große wie kleine, alle Unannehmlichkeiten, Sorgen, die Unzufriedenheit des Lebens zu überwinden, dann werden wir nach kurzer Zeit der Entsagung und des Unrechts dort hineingehen, wo es weder Krankheiten, noch Schmerzen, noch Ärgernisse gibt, sondern die unendlich jubelnde Freude und die nie endende Stimme der Feiernden zu hören ist und wo auch die unendliche Süße derjenigen ist, die das Antlitz Gottes und Seine unaussprechliche Güte stets schauen.

 

Lob und Ehre sei Gott!

 

Quelle: Deutschsprachige russische orthodoxe Gemeinde der Heiligen Kyrill und Method in Hamburg

 

 

Heiliger Vater Alexis von Ugine
Heiliger Vater Alexis von Ugine
Heilige Märtyrerin-Nonne Maria Skobtsova
Heilige Märtyrerin-Nonne Maria Skobtsova
Der heilige Nikolaus von Myra zusammen mit dem heiligen Märtyrern Priester Dimitrij Klepnin und Muter Maria Skobsova
Der heilige Nikolaus von Myra zusammen mit dem heiligen Märtyrern Priester Dimitrij Klepnin und Muter Maria Skobsova
heiliger Märtyrern - Priester Dimitrij Klepnin
heiliger Märtyrern - Priester Dimitrij Klepnin
Heilige Neo-Märtyrer von Paris: heiliger Priester- Märtyrer Dimitrij Klepnin, heilie Märtyrer-Nonne Maria Skobsova, heiliger Neomärtyerer Lektor Georgij Skobsov, heiliger Neomärtyerer Ilja Fondaminskij
Heilige Neo-Märtyrer von Paris: heiliger Priester- Märtyrer Dimitrij Klepnin, heilie Märtyrer-Nonne Maria Skobsova, heiliger Neomärtyerer Lektor Georgij Skobsov, heiliger Neomärtyerer Ilja Fondaminskij

 

Allheilige Gottesgebärerin, Königin der Engel und aller Völker, erweise dich auch als Königin des deutschen Landes und regiere mit deinem milden Szepter uns und die Bewohner des ganzen Erdkreises.

 

Wir suchen Zuflucht unter deinem mütterlichen Schutz und flehen dich an: entflamme in allen Herzen die Liebe zu deinem Sohn, unserem einzigen Erlöser und Gott, und bitte ihn, der uns mit seinem himmlischen Vater versöhnt hat, dass er durch das Licht des Heiligen Geistes die Verirrten erleuchte und uns Sünder zur aufrichtigen Reue führe.

 

Gib, dass durch deine Fürbitten alle Christen zur Einheit im wahren Glauben gelangen und dass die eine Kirche Christe durch das Kreuz und die Auferstehung deines Sohnes auch jetzt über die Mächte der Finsternis triumphiere und in neuem Glanz der Heiligkeit erstrahle, damit alle Menschen hier und auf der ganzen Welt in Frieden und Eintracht Gott verherrlichen und in allem seinen heiligen Willen tun.

 

So mögen wir denn auf deine mütterlichen Gebete, Allheilige Gebieterin, dereinst im Königtum deines Sohnes der Schau des abendlosen Lichtes gewürdigt werden und die wesenseine und unteilbare Heilige Dreieinheit, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, ohne Unterlass lobpreisen in alle Ewigkeit. Amen.

 

Die Martyrer des armenischen Genozids (1915 - 1922)
Die Martyrer des armenischen Genozids (1915 - 1922)

 

Wo Religionsfreiheit zunehmend fehlt

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Nicht nur im Irak, in Syrien und in der Türkei sehen sich Christen zunehmend Ressentiments und Angriffen ausgesetzt. In vielen orientalischen Ländern lösen sich heute christliche Gemeinden auf.

 

Das 20. Jahrhundert war eine der verhängnisvollsten Epochen in der Geschichte des orientalischen Christentums. Mit der planvollen Vernichtung der Armenier Anatoliens (1915) war die Grundlage des Jahrhunderte langen Zusammenlebens von Muslimen und Christen in gemischten Gesellschaften zerstört. Abgesehen von einigen „Inseln“ christlicher Existenz (Libanon, Ägypten, Iran) hat der äußere Druck die kleinen Gemeinden nahezu gänzlich aufgelöst. Mit oft dramatischen Worten beschrieben die Bischöfe aus den arabischen Ländern die alltäglichen Repressionen, die zur Abwanderung der Christen nach Europa, Nord- und Südamerika führen. Gerade die jungen und gutausgebildeten in den Gemeinden gehen weg. Es sind aber zu gleich auch die Hoffungsträger der Gemeinden, die sich für die Emigration entscheiden. Zurück bleiben oft nur die Alten, Kranken und Ungebildeten, die keine Aufnahme in den reichen und sicheren Zielländern der Auswanderer finden. So setzt sich der Niedergang der christlichen Kirchen, die durch Vertreibung und Abwanderung bereits ausgezehrt sind, immer weiter fort. Die Hoffnung auf ein Überleben des orientalischen Christentums ist mit einer politischen Neuordnung des Nahen Ostens verbunden, die auf der Trennung von Politik und Religion, gesicherten Rechten von Minderheiten und auf vom Staat geschützten Menschenrechten für alle Bürger beruht.

 

Die christlichen Kirchen in der Türkei werden gleich auf mehrfache Art und  Weise  benachteiligt. Sie dürfen weder Grundstücke erwerben noch bei einer Bank ein Konto für die Gemeinde eröffnen. Auch verfügen die Kirchen über keinen Körperschaftsstatus. Bis heute hat keine der drei einheimischen Kirchen in der Türkei – das sind die griechisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische und die syrisch-orthodoxe – die Möglichkeit, im Land ihren theologischen Nachwuchs auszubilden. Zudem sind während der vergangenen Jahre in Einzelfällen auch politisch oder gesellschaftlich engagierte Christen ermordet worden. Leider muss man davon ausgehen, dass sich die Situation der Christen am Bosporus auf absehbare Zeit nicht grundlegend verbessern wird.

 

Die Verfolgung der Christen in Nahen Osten und ihre Unterdrückung durch die muslimischen Mehrheitsgesellschafte ist eine Situation, die es schon seit langem gibt. Oft haben die abendländischen Kirchen dazu geschwiegen. Die Motive für diese Haltung sind vielfältig. Zum einen gibt es unter den evangelischen und katholischen Christen Fremdheitserfahrungen bezüglich des kirchlichen Lebens und der Frömmigkeit der orthodoxen und altorientalischen Christen, zum anderen möchte man durch all zu offene Kritik am Islam und seiner politischen und kulturellen Ausprägungen hierzulande nicht den Dialog mit den muslimischen Verbänden und die Integration der eingewanderten Muslime verscherzen. In einem solchen Klima political korrektem Verschweigens und wohlmeinendem Schönredens werden dann weder die alltägliche, im Verständnis des Islams vom fundamentalen Unterschied zwischen den Rechten von Muslimen und Nichtmuslimen grundgelegte, latente Diskriminierung, noch die eruptiv aufbrechende Gewalt gegen Christen thematisiert. Da die von den Muslimen als christlich wahrgenommenen Staaten der westlichen Hemisphäre und ihre politischen Führer meist nicht direkt angreifbar sind, muss dann die christliche Minderheit im Lande als Stellvertretungsopfer für Racheaktionen radikaler Muslime herhalten.

 

So berichten seit Jahren Christen aus den Ländern des Orients von periodisch sich wiederholenden Übergriffen. Immer wieder werden ihre Geistlichen entführt und teilweise umgebracht. Junge christliche Mädchen werden entführt und an Muslime zwangsverheiratet, ohne dass die staatlichen Behörden dann bereit wären, einzugreifen und das auch dort geltenden Recht umzusetzen. Immer wieder gehen Kirchen in Flammen auf, Gläubige werden attackiert und als „Ausländer“ oder „Handlanger des Westens“ beschimpft, obgleich sie bereits in diesen Ländern gelebt haben, ehe es zur muslimischen Eroberung und Islamisierung kam.

 

Als in Ägypten das Militär den gewählten islamistischen Präsidenten Mohammad Mursi aus dem Amt putschte, sahen sich die christlichen Gemeinden einem eruptiven Rachefeldzug radikalisierter Muslime, der sich in organisierten Pogromen auslebte. Dabei wurden binnen weniger Tag in ganz Ägypten über 60 Kirchen zerstört. Hunderte christlicher Geschäfte, Schulen und Wohnungen wurden geplündert oder gingen in Flammen auf.

 

Die orthodoxen und altorientalischen Kirchen im Nahen Osten sind heute zu einer Kirche des Kreuzes geworden. Die allgegenwärtige Möglichkeit ein Märtyrer zu werden prägt geistliches Bewusstsein und Lebensgefühl dieser Christen. Sie wissen, dass sie um ihres christlichen Glaubens willen als  verfolgte oder unterdrückte Minderheit leben. Wer Martin Mosebachs Buch „Die 21; Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer“ liest, kann schnell feststellen, dass die dortigen Christen gerade wegen ihrer beständigen Situation des Bekennens, mit einer Tiefe und Glut des Glaubens erfüllt sind, die nicht nur die Gläubigen in den beiden westlichen Kirchen, sondern auch viel zu vielen unter uns Orthodoxen hierzulande inzwischen verloren haben.

 

 

Lesetipp:

 

Er sei eben kein Reporter, denn er scheue sich, seinen Gesprächspartnern bestimmte, sie möglicherweise kränkende Fragen zu stellen, so beschreibt der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach seine Haltung an einer Stelle seines Buches. Dies trifft aber nur dann zu, wenn man Tabubrüche, Voyeurismus und arrogantes Nicht-Verstehen-Wollen zum Handwerkszeug eines guten Journalisten zählt. Auch wer in diesem Buch das Genre einer Reisereportage zu lesen erwartet, die den Leser in fremde Länder, Kulturen und zu den dortigen Menschen entführt, wird von der Lektüre dieses Buches sicherlich enttäuscht sein. Wer aber den genauen Beobachter sucht, der in Form der einfühlsamen Erklärung die lesende Begegnung mit den ägyptischen Christen sucht, die uns ihr Denken und Empfinden aufschließt und näherbringt, der kommt in diesem faszinierenden Buch auf seine Kosten. Mosebach nimmt uns mit in eine noch ganz und gar von Kirche und Glauben erfüllte Welt. Er zeichnet die ägyptischen Christen, die Kopten, als innerlich starke, vitale und wachsende Gemeinschaft, die ihre Unterdrückung durch die Mehrheitsgesellschaft mit unerschütterlichem Optimismus beantwortet. Er schildert uns ihre Dörfer, ihre Familien, ihre Kirchen und Klöster. Dabei berichtet uns der gläubige Katholik Mosebach ganz selbstverständlich über die Kraft des Glaubens, aus der die 21 koptischen Wanderarbeiter, die im Jahre 2015 vom IS in Libyen ermordet wurden, lebten und am Ende ihr Leben um Christi willen hingaben.

 

Martin Mosebach: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer

 

Rowohlt Verlag

 

ISBN 9783498045401

 

Gebunden, 272 Seiten

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

 

 

OJB Jugendtag am 21. September 2019 in Stuttgart

 

Der Mensch und die Schöpfung Gottes

in orthodoxer Sicht

 

Der orthodoxe Abendgottesdienst beginnt mit der Lesung des Schöpfungspsalms (Psalm 103), mit dessen Worten wir als orthodoxe Christen bekennen: „Herr, wie zahlreich sind Deine Werke! In Weisheit hast Du alles erschaffen!”

 

Die Bewahrung der Schöpfung ist nicht erst seit dem drohenden Klimawandel ein genuin orthodoxes Anliegen. So wollen wir in diesem Jahr über die orthodoxe Sicht der Schöpfung nachdenken und miteinander ins Gespräch kommen.

 

 

Teilnehmen können Jugendliche und junge Erwachsene ab 17 Jahren. Wir freuen uns auf eure zahlreiche Teilnahme an diesem Jugendtag, wo Ihr nicht nur die Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit eurem Glauben haben werdet, sondern auch zum persönlichen Gespräch, zum gegenseitigen Kennenlernen und zum gemütlichen Beisammensein.

 

Aus planungstechnischen Gründen müssen wir vorab wissen, wie viele Personen an dem Jugendtag teilnehmen werden: Wir bitten euch daher um eure Anmeldung bis spätestens 15.09.2019.

 

Anmeldung und Fragen unter 07432/941521 oder https://www.orthodoxe-kirche-albstadt.de/

 

Veranstaltungshinweis: Orthodoxer Jugendtag in Wien - 05. Oktober 2019

Patrozinium des Klosters der griechischen orthodoxen Metropolie von Österreich am 29. September 2019

 

In Österreich leben heute rund 750.000 bis 800.000 orthodoxe Christen. Ein Kloster ist für orthodoxe Gläubige immer ein geistlicher Mittelpunkt, an welchem wir geistliche Orientierung und Kraft für unser Leben empfangen und uns der innigen Begegnung mit Gott durch das Vorbild und den Rat der Mönche zuwenden können.

 

Deshalb wurde am 11. November 2014 durch den Patriarchen Bartholomäus ein Grundstück in St. Andrä am Zicksee (Burgenland) vom katholischen Bischof Ägidius J. Zsifkovics von Eisenstadt zum Zweck einer Klostergründung übergeben. Im Anschluss daran hat S.E. Metropolit Arsenios von Austria und Exarch von Ungarn Abt Theoklitos und dessen Brüder des hl. Klosters des hl. Arsenios von Kappadokien in Griechenland gebeten, das Kloster zu gründen. Seit August 2016 befindet sich die Bruderschaft in St. Andrä am Zicksee im Hl. Kellion des Hl. Apostels Bartholomäos bis das geplante Klostergebäude erbaut sein wird.

 

Das Kloster öffnet zum Frühgottesdienst um 05:00 Uhr bzw. 06:00 Uhr und schließt um 20:00 Uhr mit dem Ende des Nachtgottesdienstes. Die Gottesdienste finden jeweils in griechischer und deutscher Sprache statt.

 

 

O allheilige Gottesgebärerin, Portaitissa, Stern des Meeres, nicht verbrennender Dornbusch, stets gehorsame Magd Gottes, unüberwindliche Heerführerin, unsere Stifterin und Schützerin, Schutzfrau Österreichs und Ungarns, unter Deinen mütterlichen Schutz und Schirm fliehen wir, die Diener dieses Deines Heiligtums gemeinsam mit den Wohltätern, Pilgern und jenen in Leidenschaft und Irrtum Gefesselten. Vor Deinem ehrwürdigen Bilde niederfallend flehen wir zu Dir, der Gnadenreichen, dass Du uns Deine immerwährende Hilfe nicht versagst. Beschütze besonders all jene, die von Gott zum Priestertum oder Mönchsstand berufen sind. Bitte Deinen göttlichen Sohn, unseren Herrn und Erlöser, dass er sich unser und der ganzen Welt erbarmen möge. Amen.

 

Unser Vater unter den Heiligen Josef der Neue, Metropolit von Temeschwar und dem Banat, der Wundertäter

 

Der Heilige wurde im Jahr 1568 in Dubrovnik als Sohn eines venetianischen Vaters und einer griechischen Mutter geboren. Mit 15 Jahren wurde er Novize im Kloster der Gottesgebärerin in Ochrid. Im Jahre 1590 wurde er dann Mönch im Pantokrator-Kloster auf dem Heiligen Berg Athos und erhielt den Mönchsnamen Joseph. Er lebte in Askese aufeinanderfolgend in verschiedenen Athos-Klöstern, darunter Chilandar und Vatopedi. Später wurde zum Abt des Stephanos-Klosters in Arianopel berufen. Nach 6 Jahren kehrte er von dort zurück auf den Heiligen Berg und wirkte einige Zeit als Abt des Kloster Koutloumousiou. Danach zog sich dann ins Vatopedi-Kloster zurück, um dort seine letzten Jahre in Stille und Gebet verbringen zu können.

 

Aber Gottes Ratschluss war ein anderer, denn Jim Jahr 1650 wurde vom Patriarchen Parthenios I. von Konstantinopel trotz seines hohen Alters von 82 Jahren zum Metropoliten von Temeschwar im Banat berufen. In nur 3 Monaten erlernte er mit Gottes Hilfe die rumänische Sprache, sodass er am Tag seiner Inthronisation zu seinen Gläubigen in deren Muttersprache sprechen konnte. Er erwies sich als außergewöhnlich begnadeter Oberhirte und war sehr beliebt beim Volk.

 

Im Jahre 1653 zog er sich wegen seines hohen Alters in das Kloster Patros im Banat zurück, wo er im Jahre 1656 im Alter von 88 Jahren in Frieden entschlief.  Der Leib des heiligen Joseph wurde in der dortigen Klosterkirche bestattet. Nachdem er am 07. Oktober 1956 heiliggesprochen worden war, übertrug man seine Reliquien aus dem Kloster Patros in die Kathedrale von Temeschwar. Sein Gedenktag ist der 15. September.

 

Troparion im 8. Ton: Von Jugend an dem Herrn ganz hingegeben, warst du im Gebet, in Mühen und im Fasten ein Vorbild der Tugend. Deshalb hat Gott auch deinen guten Willen angesehn und setze dich ein zum Hohepriester und Hirten seiner Kirche und nach dem Tode wohnst du in der Schar seiner Heiligen. Heiliger Vater Josef, bete zu Christus unsern Gott, um uns Vergebung der Sünden zu gewähren, denen, die durch Glauben und Liebe heilig dein Gedenken begehen.

 

Quelle: Rasophormonach Efrem Kuckhoff

 

 

Unser Vater unter den Heiligen Spyridon von Trymitunt, der Wundertäter


Der Orthodoxie gemäß ist es die Teilhabe an den ungeschaffenen göttlichen Energien, an Gottes ewiger Herrlichkeit und Gnade, seiner ewigen Liebe, seiner Kraft und Macht, durch die die Heiligen Wunder wirken. Ein Wunder ist der Einklang des souveränen Wirkens Gottes mit dem gläubig-vergöttlichten Wirken der Heiligen – keine Zauberei, keine Magie.


Was nun den zypriotischen Schäfer und Bischof Spyridon den Wundertäter (um 270-348) angeht, bezeichnet ihn die Überlieferung als „ohne hellenische Erziehung“. Der Heilige war gut bewandert in der Heiligen Schrift, hatte aber keine antike intellektuelle Ausbildung. Er war eben Schäfer, und blieb es auch als Bischof sein Leben lang. Das ist wesentlich für das rechte Verständnis seiner geistlichen Statur: Seine Teilhabe an den göttlichen Energien ist ganz unmittelbar. Er kennt Gott, er liebt ihn, er ist schlicht sein Freund und wirkt so gemeinsam mit ihm die Überfülle der Wunder – ohne theologische Erläuterungen wie oben etwa. Aufgrund des Gesagten stellt ihn die Ikonographie natürlich in der gottesdienstlichen Gewandung eines Bischofs dar, aber immer mit dem Korbhut eines Schäfers. Er ist sogar sein Kennzeichen.

 

 

Der heilige Spyridon war sich allerdings durchaus der Bedeutung des Wirkens der theologisch-intellektuell gebildeten Väter bewußt. Das zeigt seine nachträgliche Unterschrift unter die Beschlüsse des Konzils von Serdika (343), dem heutigen Sofia, auf dem der heilige Athanasios der Große (296-373) rehabilitiert wurde, und die dieser ausdrücklich erwähnt hat.


Die Überlieferung rechnet den heiligen Spyridon bereits zu den 318 Vätern des Ersten Ökumenischen Konzils von Nikäa (325). Er habe dort den rechten Glauben, die Wesenseinheit des Sohnes Gottes mit Gott dem Vater, ohne jede Rhetorik verteidigt. – Wie schrieb schon der heilige Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther: „Und meine Rede und meine Predigt bestand nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und seiner Kraft, damit Euer Glaube sich nicht auf Menschenweisheit gründe, sondern auf Gottes Kraft.“ (1 Kor 2,4-5)

 

 

Jahrhunderte später führt einer der größten russischen Heiligen, Seraphim von Sarov (1759-1833), den heiligen Spyridon sodann als Vorbild dafür an, wie man allen Schmähungen und Widrigkeiten zum Trotz den Frieden der Seele bewahrt. Diese Seelenverfassung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn sie ist lebenspendend. Und so sagt der heilige Seraphim auch: „Die heiligen Väter, die in einem friedvollen Zustand waren und überschattet von der göttlichen Gnade, lebten lange.“


Wir wollen diesen Gedanken des heiligen Seraphim ausführen – und zwar ganz in seinem Sinne und dem der orthodoxen Kirche insgesamt. Der „friedvolle Zustand“ kann auch als Verweilen in der Ruhe, in der Stille bezeichnet werden, griechisch „Hesychia“. Und die Hesychia ist orthodoxer Erfahrung gemäß die Basis für die Begnadung eines Getauften mit der Schau des ungeschaffenen, des göttlichen Lichts. Es ist dies das Licht, das Leben ist (vgl. Jo 8,12), und das Leben, das Licht ist (vgl. Jo 1,4) – nicht irgendein atmosphärisches Phänomen. Seine Schau ist somit Vereinigung mit dem lebendigen Gott gemäß seinen Energien, Vergöttlichung – kein bedenklicher psychischer Zustand.

 

 

Kehren wir zum heiligen, zum vergöttlichten Spyridon zurück. Eine langjährige Freundin träumte, daß sie am alten Hafen von Korfu stehe und neben ihr der Heilige, ihr Mann und ich. Wir unterhielten uns und schauten auf das Meer hinaus. Da sagte der heilige Spyridon: „Ich bin einer der ältesten Väter der Kirche.“ Es ist also wahrlich der Fels der authentischen, der kirchenväterlichen Erkenntnis Gottes, dem die immer frischen, immer belebenden, die immer heilsamen Wasser der Wunder des heiligen Spyridon entspringen.


Rufen wir vertrauensvoll seinen Namen an, verehren wir seine Ikonen, und wenn wir auf Korfu sind, das kostbare „Heiltum“, wie man in alter Zeit Reliquien nannte. Denn dort ruht in der ihm geweihten Kirche in silbernem Sarg der unverweste Leib des demütigen Schäfers und Bischofs von Trimythount auf Zypern – seit nunmehr ungefähr 500 Jahren der Wundertäter von Korfu: SPYRIDON.

 

 

Die Kirche singt: „Als Vorkämpfer des Ersten Konzils hast Du Dich erwiesen und als Wundertäter, gotttragender Spyridon, unser Vater. Denn die Tote (seine Tochter Irini) hast Du angerufen im Grab, und eine Schlange hast Du verwandelt in Gold. Und beim Singen Deiner heiligen Gebete hattest Du als Mitdienende Engel, Hochgeweihter. Herrlichkeit dem, der Dich verherrlicht hat. Herrlichkeit dem, der Dich bekränzt hat. Herrlichkeit dem, der durch Dich allen Heilungen wirkt.“ (Troparion des Heiligen im 1. Ton)


Der Heilige lebt und hilft den Menschen auf ihrem manchmal schweren Lebensweg.

 

Dipl.-Theol. Michael Schulte

 

 

Der heiliger Großfürst Alexander Newskij

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Der heiliger Alexander war der zweite Sohn des Großfürsten Jаroslaw Wsewolodowič von Kiew. Er lebte in einer für die russischen Lande höchst kritischen Zeit. Denn die geschwächten Reste der Kiewer Rus drohten zwischen zwei Mächten zerrieben zu werden. Vom Westen her expandierte der Deutsche Orden und mit ihm der römische Katholizismus und vom Osten her waren bis auf das Fürstentum Novgorod fast alleTeile der Rus von den Tataren unterworfen und verwüstet worden.Auch das nördlich angrenzende Königreich Schweden versuchte, die Situation der geschwächten russischen Teilfürstentümer für sich zu nutzen und sein Gebiet über Finnland hinaus auf die Rus auszudehnen. Zwar waren Russland und Schweden beide christliche Staaten, doch seit dem Schisma von 1054, vor allem aber nach dem Beginn der Kreuzzüge galt die sogenannte "Schwertmission", also die Ausbreitung des Katholizismus mit militärischer Gewalt, als unter den abendländischen Christen legitim.

Im Jahre 1236 war Alexander zum Fürst von Nowgorod gewählt worden. Als er nun vom Angriffsplänen der Katholiken erfuhr, holte am 15. Juli 1240 zum Verteidigungsschlag aus. Dabei vertraute Fürst Alexander nicht in erster Linie auf die Stärke seines Heeres, sondern er setzte sein Vertrauen vor allem auf Gottes Hilfe und Beistand. So zog er dem Heer der Schweden entgegen und besiegte diese am Fluss Newa in der Nähe der heutigen Stadt Sankt Petersburg, weswegen Alexander den Beinamen "von der Newa" russisch „Nеwskij“ erhielt.

 

Bei seiner Rückkehr nach Nowgorod zerstritten sich aber die dortigen Adeligen, die Bojaren, mit Fürst Alexander. Nachdem die Gefahr aus dem Westen gebannt schien, wollten die dortigen Großgrundbesitzern ihre Unabhängigkeit bewahren und hatten kein Interesse daran, sich auch in Friedenszeiten von Fürst Alexander regieren zu lassen. So verließ er die Stadt und kehrte in den Süden der Rus zurück. Als aber kurze Zeit später wiederholte sich das kriegerische Spiel. Diesmal verlangte es deutschen und dänischen Kreuzrittern und  dem mit ihnen verbündeten livländischen Schwertbrüderorden nach der Herrschaft über die Handelsmetropole Nowgorod. Als das westliche Ritterheeer von livländischen Territorium aus in die Rus vordrangen und die russische Stadt Pskow eroberten und auch Nowgorod bedrohten, mussten sich die dortigen Machthaber reumütig erneut an Fürst Alexander  wenden. Dieser kehrte zurück und schlug das Kreuzfahrerheer im Jahre 1242 in der Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee. Am 5. April 1242 lockte Fürst Alexander die zahlenmäßig weit überlegenen Ordensritter aufs das Eis und machte so ihre gefürchtete schwere Panzerreiterei unwirksam. So konnte Fürst Alexander die Eindringlinge abwehren. In der Folge konnte das orthodoxe Russland seine religiöse und kulturelle Eigenständigkeit bewahren. Nach der Schlacht auf dem Peipusssee blieb Alexander unwidersprochen der Fürst von Nowgorod.

 

Nachdem er aber zum Großfürsten erhoben worden war, nahm er seine Residenz in Wladimir. Von dort aus arbeitete er viel am Wideraufbau und der Konsoldierungder russischen Lande, die damals unter dem Joch der Tataren vielfach zu leiden hatten. Durch kluge Diplomatie erreichte Großfürst Alexander eine Konsoldierung der russischen Fürstentümer zwar politisch unter mogolischer Oberhoheit, religiös aber bei vollkommener Freiheit für das Leben der orthodoxen Kirche. So erwies sich Fürst Alexander nicht nur als ein umsichtiger Herrscher, sondern vor allem als ein frommer orthodoxer Christ. Er zeigte sich in seinem fürstlichen Handeln als fester Hort und sichere Stütze der heiligen orthodoxen Kirche. Am 14. November 1253 entschlief der heilige Alexander in Wladimir, wo er wenige Tage zuvor in den Mönchsstand (unter dem Namen Alexij) getreten war. Im Jahre 1547 wurde er von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Im Jahr 1723 ließ Zar Peter der Große seine Reliquien von Wladimir nach Sankt Petersburg übertragen, wo dieselben sich bis heute in der Kathedrale der Alexander-Newskij-Lаvra ruhen.

 

 

Gebet des heiligen Metropoliten Philaret von Moskau

 

Herr, ich weiß nicht, worum ich Dich bitten soll! Du allein weißt, was ich nötig habe. Du liebst mich mehr, als ich mich selber zu lieben vermag Vater! Gib mir, deinem Knecht, worum ich selbst nicht bitten kann. Ich habe den Freimut, weder das Kreuz zu begehren noch den Trost. Ich stehe allein vor Dir mit offenem Herzen. Du siehst, was mir Not tut, wovon ich selbst nichts weiß. Sieh! – und verfahre mit mir nach Deiner Barmherzigkeit. Besiege und heile mich, erniedrige und erhöhe mich. In Ehrfurcht verstumme ich vor Deinem heiligen Willen und Deinen für mich unerforschlichen Ratschlüssen. Ich bringe mich Dir selbst zum Opfer dar. Dir allein ergebe ich mich ganz und gar. Ich habe keinen anderen Wunsch, als Deinen Willen zu erfüllen. Lehre Du mich beten – ja bete Du selbst in mir. Amen.

 

 

Leben und Martyrium des heiligen Großmärtyrers und Heilers Panteleimon

 

Der heilige Großmärtyrer und Heiler Panteleimon wurde unter dem Namen Pantaleon in der Stadt Nikomedia in die Familie des bekannten Heiden Eustorgios geboren; seine Mutter die Heilige Euvala  war Christin und wollte ihren Sohn im christlichen Glauben aufziehen, starb aber bereits, als der spätere Großmärtyrer noch ein Kind war. Sein Vater gab ihn in eine heidnische Grundschule, und nach seinem Abschluss begann er ein Studium der Medizin bei Euphrosynos, einem bekannten Arzt aus Nikomedia. Pantaleons medizinisches Talent kam auch Kaiser Maximian (284-305) zu Ohren, der ihn in seinen Palast befahl.

 

Zu dieser Zeit lebten die Märtyrer und Priester Herolaus, Hermippos und Hermokrates, die die Verbrennung der 20 000 Christen in der Kirche von Nikomedia im Jahre 303 überlebt hatten, versteckt in der Stadt. Mehrmals sah der Heilige Hermolaus, wie Pantaleon an seinem Versteck vorbeiging, und einmal rief er den Jüngling zu sich hinein und sprach zu ihm vom christlichen Glauben. Seitdem besuchte Pantaleon den Hieromärtyrer Hermolaus täglich.

 

Eines Tages geschah es, dass der Jüngling auf der Straße sah, wie ein Kind von einer großen Schlange gebissen worden war, die noch in der Nähe war. Pantaleon begann zum Herrn Jesus Christus zu beten, dass das tote Kind wieder auferstehen und das giftige Reptil sterben möge. Er gelobte, wenn seine Gebete erhört würden, werde er ein Nachfolger Christi werden und sich taufen lassen. Er sah, wie das Kind ins Leben zurückkehrte und die Schlange in Stücke zersprang.

 

 

Also ließ sich Pantaleon vom heiligen Hermolaus taufen und erhielt den Namen Panteleimon („All-Barmherziger“). In Diskussionen mit Eustorgius bereitete er diesen auf den Übertritt zum Christentum vor; und als der Vater sah, wie sein Sohn einen blinden Mann heilte, indem er den Namen Jesu Christi anrief, begann auch er zu glauben und wurde zusammen mit dem Mann, der sein Augenlicht wiedererlangt hatte, getauft.

 

Nach dem Tod seines Vaters widmete der heilige Panteleimon sein Leben den Geplagten, Kranken, Bedürftigen und Mittellosen. Alle, die zu ihm kamen, behandelte er kostenlos und heilte sie durch die Anrufung Jesu Christi. Er besuchte auch die Gefängnisinsassen, vor allem Christen, von denen die Gefängnisse übervoll waren, und heilte ihre Wunden.

 

Rasch verbreitete sich der Ruf des barmherzigen Arztes in der gesamten Stadt, und die Menschen missachteten die anderen Ärzte und wandten sich nur noch an den heiligen Panteleimon um medizinischen Beistand.

 

 

Das rief den Neid der anderen Ärzte hervor, die dem Kaiser zutrugen, dass Hl. Panteleimon christliche Gefangene behandelte. Maximian versuchte den Heiligen davon zu überzeugen, die Vorwürfe zu entkräften und den Götzen zu opfern, aber der heilige Panteleimon bekannte sich als Christen und heilte vor den Augen des Kaisers einen Gelähmten, indem er den Namen Christi anrief. Entzürnt darüber, dass auch der geheilte Lahme Christus huldigte, ließ Maximian diesen hinrichten und den heiligen Panteleimon den grausamsten Martern unterwerfen.

 

Der Herr erschien dem Heiligen und stärkte ihn für den bevorstehenden Prozess. Großmärtyrer Panteleimon wurde an einem Baum aufgehängt und mit eisernen Nägeln geschunden, mit Fackeln gesengt, auf einem Rad gestreckt, in siedendes Öl geworfen und schließlich mit einem schweren Stein um den Hals ins Meer geworfen. Während all diesem blieb der Märtyrer aber unverletzt und tadelte mutig den Kaiser.

 

 

Zur selben Zeit wurden die Priester Hermolaus, Hermippos und Hermokrates vor das heidnische Gericht gebracht. Alle drei bekannten sich entschieden zu ihrem Glauben an den Erlöser und wurden enthauptet.

 

Auf Befehl des Kaisers wurde der Großmärtyrer Panteleimon den wilden Tieren im Zirkus vorgeworfen, um von ihnen zerrissen zu werden. Diese aber leckten ihm die Füße und wollten seine Hände berühren. Das Publikum erhob sich von den Sitzen und rief: „Groß ist der Christengott!“. Erzürnt befahl Maximian seine Soldaten, jeden mit dem Schwert niederzuhauen, der den Namen Christi lobte, und der heiligen Panteleimon zu enthaupten.

 

 

Der Heilige wurde zur Hinrichtungsstätte gebracht und an einen Olivenbaum gebunden. Während der Großmärtyrer betete, schlug ihn einer der Soldaten mit dem Schwert; aber das Schwert wurde weich wie Wachs und verletzte ihn nicht. Als der Heilige seine Gebete beendet hatte, ertönte eine Stimme und rief den Leidensdulder beim Namen und lud ihn ein ins Himmlische Königreich. Als sie diese himmlische Stimme hörten, fielen die Soldaten vor dem heiligen Märtyrer auf die Knie und erbaten seine Verzeihung. Die Henker wollten die Hinrichtung nicht fortsetzen, aber Großmärtyrer Hl. Panteleimon wies sie an, den Befehlen des Kaisers zu gehorchen, da sie sonst nicht zusammen mit dem Heiligen das künftige Leben teilen würden. Unter Tränen küssten die Soldaten den Heiligen und sagten ihm Lebewohl.

 

Als der heilige Märtyrer enthauptet wurde, floss Milch aus seinen Wunden. Im Augenblick seines Todes brachen aus dem Olivenöl, an den er gebunden war, die Früchte hervor. Viele derer, die Zeugen der Hinrichtung wurden, glaubten fortan an Christus. Der Körper des Heiligen, der ins Feuer geworfen worden war, blieb von den Flammen unbehelligt und erhielt ein christliches Begräbnis. Die Diener des Großmärtyrers Laurentius, Vlassos und Provian waren Zeugen seiner Hinrichtung und hörten die himmlische Stimme. Sie überlieferten die Geschichte vom Leben, Leiden und Märtyrertod des Heiligen für uns.

 

Sein Gedenktag ist der 27. Juli.

 

Quelle: Orthodoxes Heiligenlexikon

 

 

Gebet zum heiligen Großmärtyrer und Heiler Panteleimon

 

O der du Christus wohlgefällig und ein verherrlichter Heiler bist, Großmärtyrer Panteleimon! Der du mit der Seele im Himmel vor dem Throne Gottes stehst und dich an Seiner dreifaltigen Herrlichkeit erfreust, mit dem Körper und deinem Antlitz jedoch in den göttlichen Kirchen auf der Erde weilst und mit der dir von oben verliehenen Gnade mannigfaltige Wunder wirkst, schau mit deinem barmherzigen Auge auf die umstehenden Menschen (oder auf den Knecht / die Magd Gottes ...) der / die vor deiner kostbaren Ikone beten und dich um heilsame Hilfe und Beistand flehen: Reiche unserem Herrn und Gott deine inbrünstigen Gebete dar und erflehe die Vergebung der Sünden für unsere Seelen. Denn wir, die wir ob unserer Übertretungen es weder wagen dürfen, unsere Augen gen Himmel zu richten, noch unsere Stimme des Flehens zu Seiner unnahbaren göttlichen Herrlichkeit zu erheben, rufen wir doch mit zerknirschtem Herzen und im Geist der Demut zu dir, dem erbarmungsvollen Fürbitter zum Gebieter und Beter für uns Sünder, denn du hast von Ihm die Gnade zur Vertreibung der Gebrechen und zur Heilung der Leiden empfangen. So bitten wir dich auch: Verschmähe uns Unwürdige nicht, die wir zu dir beten und deiner Hilfe bedürfen. Sei uns ein Tröster im Leid, sei der Arzt der von schwerer Krankheit Befallenen, der schnelle Beschützer der Angefochtenen, der Erleuchter der Erblindeten, der bereitwillige Beschützer und Heiler der Säuglinge und Kleinkinder in ihrer Not. Erbitte für alle das zum Heil Notwendige, damit wir durch deine zum Herrgott vorgebrachten Gebete Gnade und Milde empfangen mögen und Gott, den Ursprung und Spender aller Gaben preisen mögen, den Einen in der Heiligen Dreifaltigkeit verherrlichten Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, jetzt und immerdar und vonEwigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

 

Gebet an den heiligen Bischof Nikolaus von Myra, den Wundertäter


O allgütiger Vater Nikolaus, Du Hirte und Lehrer aller, die in Glauben zu Deinem Schutz flüchten und Dich in heißem Gebet anrufen, eile schnell herbei und erlöse die Herde Christi von den Wölfen, die sie verderben; und jedes christliches Land beschütze und bewahre durch Deine Gebete vor weltlichem Aufruhr, Erdbeben, Einfall von Fremden und Bürgerkrieg, vor Hunger, Überschwemmung, Feuer, Schwert und plötzlichem Tod; und wie Du den drei Männern, die im Gefängnis saßen, Erbarmen zeigtest und sie von dem Zorn des Königs und der Schärfe des Schwertes erlöstest, so erbarme Dich auch meiner, der ich durch Wort und Tat im Dunkel der Sünde bin, und erlöse mich vom Zorn Gottes und der ewigen Strafe; auf daß Christus Gott durch Deine Vermittlung und Hilfe und durch Seine Barmherzigkeit und Gnade mir gewähren möge, ein ruhiges und sündenloses Leben in diesem Zeitalter zu verleben, und mich erlöse vom Stehen zur Linken, mich des Rechtsstehens mit allen Heiligen aber würdige. Amen.

 

 

Der heilige Erzbischof und Wundertäter Johannes von Schanghai und San Francisco

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Dieser große Heilige der orthodoxen Kirche im 20. Jahrhundert verkörpert die leuchtende Demut und kraftvolle Güte, wie sie die geistliche Gestalt eines orthodoxen Bischofs ausstrahlen soll.

 

Geboren im Jahre 1896 in der Provinz Charkow, fiel Johannes Maximovitsch von Kindheit an auf durch seine ernsthafte Frömmigkeit und Gottesliebe. Sein geistlicher Vater wurde der Metropolit Antonij (Chaprovitzky) von Kiew, der ihn dann im Jahre 1926 nach der emigration nach Serbien inin Belgrad zum Mönch, Diakon und Priester und dann im Jahre 1934 zum Bischof von Shanghai weihte. Kleiner und körperlich schwach, geschlagen mit einem Sprachfehler, wirkte „er fast wie ein Kind“ (Metropolit Antonij) und bemühte sich doch mit großer geistlicher Energie um die geistliche und leibliche Fürsorge für Kranke, Gefangene und Waisen.

 

Im Jahre 1949 flüchtete er mit tausenden Gläubigen aus dem nun kommunistisch gewordenen China über die Philippinen nach Westeuropa. Dort wirkte er seit 1951 als Bischof in Paris und später dann in Brüssel. Sein heiligmäßiges Beispiel wirkt weit über die Grenzen der orthodoxen Kirche hinaus. Ein katholischer Priester in Paris sagte in einer Predigt über ihn: "...ihr wollt heutzutage einen Heiligen sehen. Nun blickt auf diesen Demütigen und barfüßien Mann, den russischen Bischoh Johannes den Armen...."

 

Der heilige Johannes war vor allem ein großer Beter und Fürsprecher für die Nöte und Bedrängnisse seiner Mitmenschen vor Gott. Aus seinem tiefen immerwährenden Gebet speiste sich auch seine charimatische Fähigkeit, wie in den Herzen und Gedanken der Menschen  zu lesen und ihnen geistliche Wegweisung zu geben.

 

Bischof Johannes war trotz seines Schicksals als russischer Emigrant ein weitherziger und von missionarischem Eifer erfällter Bischof. So war ihm die Pflege der Landessprache im orthodoxen Gottesdienst ein wichtiges Anliegen. Er selbst zelebrierte die Göttliche Liturgie in griechischer, chinesischer, niederländischer, französischer und englischer Sprache. Ebenso wichtig war für den heiligen Johannes die Verehrung der einheimischen Heiligen der ungeteilten Kirche.

 

Seine letzte Wirkungsstätte war ab 1961 die amerikanische Stadt San Francisco, wo er mit großer Eindringlichkeit seinen lebenslangen zutiefst christlichen Grundsätzen eines asketischen Lebens und der tiefen Liebe zu den Menschen treu blieb. Dieser alles vergebenden Liebe blieb er auch dann treu, als er mit Verleumdungen aus der Mitte seiner Gemeinde wegen angeblicher Veruntreuung von Gemeindevermögen konfrontiert wurde. Am 19. Juni 1966 entschlief der heilige Erzbischof Johannes in Gegenwart der wundertätigen Ikone der allheiligen Gottesgebärerin von Kursk. Seine wunderwirkenden Reliquien werden in der russischen Kathedrale von San Francisco aufbewahrt.

 

Priestermönch Seraphim Rose (1934-1982)

 

Der Priestermönch Seraphim (Eugene) Rose (1934-1982), ein gebürtiger Amerikaner aus San Diego, stieß im Laufe seines Studiums der Philosophie und der orientalischen Sprachen auf das geistliche Leben des orthodoxen Christentums und wurde im Jahre 1962 in die Orthodoxe Kirche (Russische Orthodoxe Kirche im Ausland) aufgenommen.

 

Er wurde ein geistlicher Schüler des heiligen Ioann von Shanghai und San Francisco und war Mitbegründer der missionarischen Bruderschaft zu Ehren des heiligen German von Alaska.  Diese Bruderschaft war Herausgeber der orthodoxen Zeitschrift "The Orthodox Word" und Verleger orthodoxen Schrifttums in englischer Sprache.

 

1970 wurde Eugene Rose zum Mönch unter dem neuen Namen Seraphim geweiht. Im Jahre 1977 wurde er zum Priester geweiht. Im Jahre 1969/70 ließ sich die Bruderschaft im abgelegenen Bergland im Norden Kaliforniens nieder, wo daraufhin ein Kloster entstand. Die Veröffentlichungen von Vater Seraphim Rose entfalteten im Laufe der Zeit eine große Breitenwirkung unter den orthodoxen Christen. Während der Unterdrückung geistlicher Literatur durch das kommunistische Regime in Russland wurden seine Bücher "Orthodoxy and the Religion of the Future" und "The Soul After Death" insgeheim ins Russische übersetzt und fanden über den Samisdat weite Verbreitung in Russland.

 

Charakteristisch für die Schriften von Vater Seraphim Rose ist die kritische Auseinandersetzung mit bestimmten Phänomenen und Lehren des Zeitgeistes auf der Grundlage der patristischen Weltsicht der Orthodoxen Kirche. Hierdurch eröffnen seine Schriften gerade geistlich suchenden Menschen der heutigen Zeit einen Zugang zum orthodoxen Glauben.

 

Altvater Tadej von Vitovnica

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Archimandrit Tadej von Vitovnica war einer der bekanntesten geistlichen Väter in Serbien im zwanzigsten Jahrhundert.  Es gibt inzwischen eine Reihe von Büchern und Veröffentlichungen über ihn, in denen viele seiner geistlichen Worte aufgezeichnet worden sind. Vater Tadej steht in der Tradition der heiligen Starzen von Optina Pustyn, die ihm wiederum durch Altvater Amvrosij, einem der letzten Schüler der Optina-Starzen, im serbischen Kloster von Miljkovo vermittelt wurde. Vater Tadej diente später als Vorsteher mehrerer Klöster. Er war der geistliche Vater zahlreicher gottsuchender Menschen in einer Zeit, als die orthodoxen Serben um die Bewahrung ihres Glauben schwer zu ringen hatten. Selbst körperlich schwach und von angegriffener Gesundheit, war er eine helle Flamme der Orthodoxie in schwerer Zeit. Seine Worte der Liebe und Hoffnung spendeten den Menschen unermüdlich Trost, Einsicht und Hilfe.

 

Lesetipp für alle, die Englisch verstehen:

 

Our Thoughts Determine Our Lives The Life and Teachings of Elder Thaddeus of Vitovnica, Saint Herman of Alaska Brotherhood; Platina Ca. 2009; ISBN: 978-1887904193

 

 

Die heiligen Muromer Fürsten Petrus und Fevronia

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Die anrührende Geschichte des heiligen Muromer Fürstenpaars Petrus und Fevronia spricht noch heute die Herzen vieler junger orthodoxer Menschen an, die einen gläubigen Ehepartner suchen, um mit ihm eine christlich-orthodoxes Familie zu gründen. Das Leben dieser beiden russischen Heiligen aus dem 13. Jahrhundert ist bis heute ein Vorbild und Beispiel für die Gestaltung einer christlich-orthodoxen Ehe geblieben. Denn die Geschichte der heiligen Petrus und Fevronia ist, bei aller aussschmückung durch spätere Legenden, einfach anrührend und erstaunlich, da in Ihr Gottes Ratschluss und Führung deutlich wird.

 

Der Muromer Fürst Petrus war der zweite Sohn des Muromer Fürsten Jurij Wladimirowič. Im Jahre 1203 übernahm er die Herrschaft in Fürstentum Murom. Als er nach einigen Jahren an der damals unheilbaren Lepra erkrankte, wurde ihm eine Vision zuteil, die ihm verkündete, die Tochter eines Bienenhüters, das Mädchen Fevronia, aus dem Dorf Laskowaja bei Rjasan, könne ihn retten. Dies geschah auch, und der Fürst heiratetedaraufhin seine aufopfernde Pflegerin. In der Upper Society des stolzen Adels am Muromer Fürstenhof ein gesellschaftlicher Missgriff und Skandal. So forderten  die stolze Bojaren die Verstoßung der als nicht standesgemäß empfundenen Fürstin en Als sich der Fürst dieser Forderung weigerte, wurden beide aus Murom vertrieben und mussten auf dem Fluss Oka in einem Boot flüchten. Aber bald schon rief man die beiden treuen Eheleute zurück.Sie regierten das Fürstentum noch viele Jahre lang in Weisheit und Milde. Im Jahre 1228 verstarben beide zur gleichen Stunde, nachdem beide vorher noch die Mönchsweihen empfangen hatten. Die war damals Brauch unter den orthodoxen Fürsten in Russland, gilt doch das Mysterion der Mönchsweihe als eine zweite Taufe. Ihr Todestag ist der 25. Juni. Ihre Reliquien ruhen in einem Sarg gemeinsam in der Kathedrale in Murom.

 

Ihr Beispiel familiärer Hingabe, ehelicher Liebe und fürstlicher Weisheit machten die beiden Heiligen schon zu ihren Lebzeiten zu einem Vorbild für das orthodoxe Familienlebens. Die heiligen Petrus und Fevronia  geben noch heute orthodoxen Jugendlichen und Jungvermählten ein nachahmenswertes Vorbild. Aber auch Ehepaare, deren Ehe schon länger andauert, oentieren sich an ihrem Vorbild. Sie werden in Russland bis heute um Hilfe und Unterstützung bei familiären Problemen gebeten. Seit vielen Jahrhunderten verehren die Orthodoxen Petrus und Fevronia als Schutzheilige für Familienglück und eheliche Frömmigkeit. Ihr Gedenktag ist der 25. Juni

Siehe auch: Gottesdienst zu Ehren aller Heiligen der Rus, Würzburg 1987, S. 95-9

 

 

Gebet zu den heiligen Petrus und Fevronia

 

O Gottes Freunde, gesegnete Petrus und Fevronia, ich bitte Euch und setze mein Vertrauen  auf Eure gnädige Hilfe. Erhebt Eure Stimme zum Herrn für mich (uns), Gottes demütige(n) und unwürdige(n) Diener (Name) und erbittet für mich Heil und Wohlergehen der Seele und des Leibes, rechten Glauben, unerschütterliche Hoffnung, ungeheuchelte Liebe und unerschütterliche Frömmigkeit, die sich in rechtschaffenen Taten ausdrückt. Ich (wir) flehe(n) Euch an, mir (uns) von Gott, dem dem allein Allbarmherzigen und Menschenliebenden, mir (uns) in diesem irdischen Leben Wohlergehen und Fortschritt in allen guten Dingen, vor allem aber ein christliches Ende sowie eine gnädige Rechenschaft vor den furchtbaren Richterstuhl Christi zu erbitten. Amen.

 

Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.

Kurze Navigationshilfe zum thematischen Gesamtangebot des orthodoxen Online-Magazins

NEUERSCHEINUNG: Brânduşa Vrânceanu: Ein Brief an unseren Herrn Jesus Christus (Kinderbuch)

 

5,00 €

 

 

40 Seiten • geheftet • durchgängig farbig illustriert

 

Eine Kindheitsgeschichte des heiligen Nektarios von Ägina.

 

  • Aus dem Rumänischen übersetzt von Mihaela Stancu
  • Illustrationen von Ovidiu Gliga
  • 40 Seiten
  • durchgängig farbig illustriert, geheftet

Niedergedrückt von Schwierigkeiten, Armut, Hunger, Kälte und Heimweh, schreibt der kleine Anastasios einen Brief an Christus. Wird ihm Gott antworten? Auf welche Weise? Die Antwort auf diese Fragen, findet ihr, liebe Kinder, unter dem Deckel des Buches, das ihr jetzt anguckt. Da werdet ihr auch herausfinden, wer Anastasios geworden ist, als er aufgewachsen ist.

 

Und dem armen Anastasios blieb nichts anderes übrig, als das Gespräch abzubrechen. Schweren Herzens zog er sich in sein kleines Zimmer zurück. Dort angekommen, sank er am Ende seines Papierbettes auf die Knie und brach ganz und gar niedergeschlagen in Tränen aus.

 

Er fühlte sich einsam, sehr einsam, und sehr, sehr ungerecht behandelt. Wie sehr sehnte er sich danach, den Kopf auf die Knie seiner Großmutter zu legen wie damals, als er noch klein war. Und wie wünschte er sich, dass sie ihn streichelte und ihn tröstete! Aber die Großmutter war weit weg, 70 Kilometer entfernt und auch noch durch das Meer von ihm getrennt. So war sein Schmerz allgegenwärtig und erfüllte sein ganzes Inneres.

 

Zu beziehen über:

Edition Hagia Sophia
Aerbeckerstr. 8
47669 Wachtendonk
Telefon: +49 / (0)152 / 28 62 57 21
Fax: +49 / (0)911 / 30 84 41 69 08

 

Edition Hagia Sophia E-Mail und Verlagsprogramm:

kontakt@edition-hagia-sophia.de

 

 

 

Der Dienst des Christen in der säkularen Welt

 

 

Metropolit Antonij von Suroš

 

Anbetung meint gewöhnlich eine rein religiöse Praxis und entsprechende Handlungen. Im weiteren Sinne kann dieses Wort als Beziehung definiert werden, die ein Mensch beginnt, der sich für die höchsten Werte entscheidet, ihnen sein Leben weiht und die damit verbundenen Pflichten bewusst trägt.


Mithin ist der Begriff der Anbetung weiter als nur religiöse Gottesverehrung zu fassen. Er beginnt, wenn wir jenseits der eigenen Grenzen Werte entdecken, die größer als wir und wichtiger für uns als wir selbst sind. Das menschliche Leben bleibt dann zurück hinter dem, wofür ein Mensch zu leben und zu sterben bereit ist. Die Bereitschaft dazu wurzelt in dieser Grundhaltung, unabhängig davon, was als höchster Wert anerkannt oder bekannt wird.


Für uns Gläubige ist das Gott. Ihn kennen wir, beten wir an. Ihn lieben und verehren wir, und ihm wollen wir gehorchen.


Dabei gilt festzuhalten, dass Andacht und ehrfürchtiger Dienst in dem Augenblick beginnen, sobald wir einer Sache oder einem Menschen den höchsten Wert zuordnen. Dies bringt uns, ohne dass wir dessen immer bewusst sind, in die Nähe von Menschen, die sich grundsätzlich von uns unterscheiden, deren Ideale nicht mit den unseren übereinstimmen, die möglicherweise alles ablehnen, wofür wir einstehen und die dennoch, in Ehrerbietung und Ehrfurcht leben, ihr Leben bis hin zum Tod zum Opfer bringen für etwas, was sie hoch schätzen und ihnen kostbarer ist als ihre eigene Existenz.

 

Das Zweite, was es zu bedenken gilt, ist, wie teuer und sinnvoll uns auch die klassischen und traditionellen Formen der Gottesverehrung bleiben, sie sind nicht die einzigen, die die Kirche zu vermitteln versucht, und in denen sie ihr Wissen, ihre Gotteserfahrung und ihre Fähigkeit ausdrückt, Erfahrung und Wissen und damit auch die Gefühle, Bewusstseins- und Seelenhaltungen weiterzugeben, um Gotteserkenntnis zu wecken. Von Generation zu Generation können völlig legitim neue Wege, voll überraschender Neuigkeiten und doch so echt wie die früheren erschlossen werden.
Wir leben jetzt in einer säkularen Gesellschaft. In sie sind wir eingegliedert, obwohl wir „nicht von dieser Welt sind”. Doch sollten wir hier mit diesem Unterschied recht behutsam umgehen und nicht naiverweise behaupten, dass, obzwar wir in der Welt leben, wir überhaupt nichts mit ihr gemein haben.

 

In Wirklichkeit umgibt uns nicht nur die Welt, sie ist auch in hohem Grade uns. Wir gehören nicht vorbehaltlos und in vollkommenem Maße dem Reich Gottes mitten in der uns fremden Welt an. Beide Glieder dieser Gegenüberstellung korrespondieren anderweitig. Wir sind in einem Werdeprozess und haben das Ziel noch nicht erreicht; die uns umgebende Welt ist nicht nur jene „äußerste Finsternis”, von der wir im Evangelium hören. Auch sie ist ein vielschichtiges, außerordentlich reiches Umfeld, wo Gott wirkt und das häufig empfindsamer und empfänglicher für geistige Werte ist als wir in der Verblendung durch Gewohnheit und ererbte Vergangenheit. Nichtsdestoweniger gibt es, wie mir scheint, zwei charakteristische Merkmale, an denen man die säkulare Gesellschaft, in der wir leben, und unsere eigene Verweltlichung heute definieren kann.


Das erste Merkmal ist der Verlust der Gottesempfindung. Dieser Verlust des Gespürs für Gott definiert, wenn es total und radikal ist, die säkulare Gesellschaft; ich würde sagen, „die ideale” säkulare Gesellschaft, weil sie, wie wir sie sehen und erleben, die Gottesempfindung nicht radikal verloren hat – eine derartige Gesellschaft wäre der Kirche völlig fremd. Wenn wir uns nach innen wenden und über uns selbst urteilen, erkennen wir mit tragischer Klarheit (denn dieses Gericht ist für uns schon der Anfang des Jüngsten Gerichts), dass wir dieser weltlichen, säkularen Gesellschaft in hohem Maße gehören: Ist doch auch in uns das Gefühl für Gott verdunkelt, schwach und matt. Wir können nicht sagen, in uns herrsche das Empfinden für den lebendigen Gott vor, wie etwa in den Helden des Alten und Neuen Testamentes, den Heiligen der Kirche oder in den großen Geistesträgern.


Der zweite für die säkulare Gesellschaft charakteristische Zug ist die Schärfe, mit der sie diese Welt wahr-nimmt, eine andere Dimension der Welt aber verwirft oder sie einfach nicht kennt bzw. unsensibel für diese andere Dimension, für Gottes Gegenwart, für die Dimension der Ewigkeit und dessen, das alles Maß überteigt, bleibt. Doch sollten wir nicht meinen, als ob die säkulare Gesellschaft ein tieferes, schärferes Weltverständnis entwickeln könne. Sobald wir die Viten der Heiligen lesen oder uns der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes zuwenden, erkennen wir klipp und klar, dass niemand so empfindsam für die Welt und das darin integrierte Gotteslob ist trotz der Sünde und ihrer tragischen Trennung von Gott, die indes Gottes Gegenwart in ihr nicht ausschließt, wie die Heiligen und im höchsten Grade Gott Selbst, Der sich uns in Christus geoffenbart hat. So müssen sich nicht das Empfinden für den Verlust Gottes und die klare Weltbejahung entsprechen. Das einzige, das man, wie mir scheint, sagen kann, ist, dass das eine oder das andere in der säkularen Gesellschaft, die wir traditionell Welt nennen, oder in der Kirche vorherrscht und augenscheinlich ist.


Wenn wir an die Kirche und zwar nicht als empirische Gemeinschaft, die wir sind, denken, sondern in einem weiteren und realen Sinne, an jene Gesellschaft, die gleichzeitig und gleichermaßen menschlich und göttlich ist, in der Gott mitten unter uns ist, an jenen Leib, in dem die Fülle der Gottheit in Christus und im Geist wohnt und die in Gott ruht; wenn wir an diese Gesellschaft denken, die Gott und den Menschen einschließt, in ihrem Reichs- und Leib-Werden, dann sehen wir, dass beide Aspekte, von denen ich gesprochen habe, die Kirche betreffen, wenn auch auf verschiedene Weise. Der Verlust der Gottesempfindung, die akute Weltbejahung sind oder müssten Gegenstand kirchlicher Fürsorge für die Kirche sein, der Verlust oder das Fehlen der Gottesempfindung sind der Kirche fremd, wenn wir von ihr als jenem Leib sprechen, den ich gerade zu beschreiben suchte. Doch ist das Fehlen eines Gespürs für Gott auch vielen Gliedern der Kirche nicht unbekannt, eben weil wir alle in einem Wachstumsprozess sind und dieser Prozess keinen geebneten, ruhigen Aufstieg von der Erde zum Himmel, vom kreatürlichen Zustand zur „Teilhaftigkeit göttlichen Wesens” darstellt. Es handelt sich um ein ständiges Auf und Ab, darin gegenwärtig ist die Sünde als Ablehnung, als Verneinung Gottes, aber ebenso das Nichtwissen von Gott, denn wenn wir Gott besser kennen würden, könnten wir Ihn von ganzem Herzen lieben, wie wir ja auch in den menschlichen Liebesbeziehungen uns für die einzige Liebe unseres Lebens entscheiden. Dann könnten wir weit besser unser Leben mit jenem Weg abstimmen, den Christus uns vorschlägt.


Die Kirche wurzelt in einem aus der Erfahrung geborenen Glauben. Sie gründet sich auf die Gewissheit der unsichtbaren Dinge, die für die Kirche — und hier spreche ich von einem jeden Glied, das in ihr lebendig ist, nicht aber von den toten — das Zentrum besetzen. Wir haben zu verstehen, dass Glaube nicht einfach Leichtgläubigkeit ist, dass er nicht bloß in dem auf uns gekommenen Erbe mächtig wird. Wenn der Glaube lebendig ist, sinn- und bedeutungsvoll für den Verkündiger, basiert er auf persönlicher Offenbarung und auf Wissen.


Der heilige Makarios der Ägypter unterstreicht in einem seiner Werke, dass die Gottesbegegnung von Angesicht zu Angesicht die Grenzen von Wort, Gedanken und Gefühl sprengt und uns weder auf uns achten lässt noch intellektuell oder emotional bewusst macht, was mit uns vorgeht. Selbst die Erfahrung an Kraft verliert, hinterlässt sie bei uns die Gewissheit, dass sie geschehen und wenn die Vision verschwunden und unsichtbar geworden ist, bleibt sie doch gewiss.


In diesem Augenblick einer uns unbegreiflichen und unmittelbaren Erfahrung entsteht der Glaube. Natürlich beeindruckt das von dem ehrwürdigen Makarij angeführte Beispiel. Bei uns geschieht es auf niedrigerem Niveau. Wir erinnern uns sicherlich an eine Stelle aus dem Korintherbrief, wo es heißt, dass wir das Licht der Herrlichkeit Gottes im Angesichte Christi sehen. Ich denke dabei an eine Äußerung russischer Mönche: Man könne auf alles verzichten und alles lassen, sobald wir nur auf dem Gesicht eines anderen Menschen den Glanz ewigen Lebens erblicken; dies ist eine durch einen Menschen vermittelte Erfahrung, doch nicht weniger konkret und unzweifelhaft wie die Gottesschau des hl. Makarios. Darin beruht die Gewissheit der Kirche für ihr unerschütterliches Zeugnis, was einige nicht sehen ist real, ja realer als die sichtbare Welt um uns.


Der Verlust des Gottesempfindens ist unvereinbar mit unserer Zugehörigkeit zur Kirche. Unser Zeugnis muss glasklar sein; wir sollten hier keine Bedenken aufkommen lassen, sondern in der Sache klar und deutlich reden.


Ein sensibles Verständnis der Welt, in der wir leben, sollte uns eigen sein, Welt nicht im Sinne der Heiligen Schrift verstanden, im Kontrast zum Reich Gottes. Wir sehen diese Welt nicht materiell, träge, trübe und tot. Nach der Schrift und der Erfahrung aller Gläubigen wissen wir, dass Gott in dieser Welt präsent ist, nicht dass Er die Leere zwischen den festen, undurchsichtigen Objekten füllt, sondern dass Er alles mit Sich erfüllt. Für den Ungläubigen sind wir von Objekten umgeben, die Konsistenz und Farbe haben und klar umrissene Konturen. Für den Gläubigen haben diese Objekte nicht nur Konsistenz und Umrisse, sie haben auch Tiefe. Die Welt, wie sie der Ungläubige sieht, hat nur Umfang und Masse. In ihr gibt es keine Tiefe, weil, wenn wir in einen Gegenstand eindringen wollen, wir in das Innere gelangen und auf der anderen Seite wieder herauskommen. Dringt man in eine Kugel ein, gelangen wir zum Zentrum, aber dieses Zentrum ist die letzte Grenze. Sobald wir weiter gehen, kommen wir auf der Oberfläche der anderen Seite heraus. Für den Gläubigen besteht die Tiefe der uns umgebenden Welt, die Tiefe der Menschen und Objekte darin, dass sie in Gottes Schöpferwort gründen Sie haben ein Schicksal. Potenziell ist die Welt so groß wie Gott Selbst. Und der Tag wird kommen, da nach dem prophetischen Wort des Apostels Paulus „Gott alles in allem sein wird”. Wenn er „von allem” spricht, meint er die sichtbare Welt, in der sich Volumen und Tiefe auftun, um Gott zu fassen, obwohl sie selbst in Ihm schon gefasst ist.


Wenn wir die Welt wahrnehmen, nicht so blind gegenüber der eigenen Tiefe, wie sie sich selbst sieht, wissen wir, dass diese Welt eine Berufung, ein Schicksal, eine Determination hat und wir für die Erfüllung dieser Berufung verantwortlich sind. Die ganze Welt, nicht nur der Mensch, hat seine Vorausbestimmung; doch der Mensch ist der Schlüssel zu deren Erfüllung.


Der Mensch steht am Grat zwischen Gottes Welt und der Welt, die wir gegenständlich nennen, dazu berufen, alles Bestehende in die Erfüllung zu führen. Fällt er von Gott ab, geht er weg von Ihm, verliert er Gott, dann verliert die ganze Schöpfung ihren Führer und den Weg. Im Blick auf die Situation nach dem Sündenfall und die Disharmonie der Welt schreibt Theodor der Studit, die Welt sei mit einem Pferd vergleichbar, das von einem betrunkenen Reiter gelenkt wird. Schuld ist der Reiter, für Uneingeweihte dagegen scheut das Pferd. So verhält es sich mit der Welt, in der wir leben. Sie ist außer Rand und Band geraten. In einem tragischen Zustand der Disharmonie, Entgleisung und Brutalität, befindet sie sich, bedroht von Zerstörung und Tod. Sie stöhnt und leidet wie das Pferd und wartet auf die Zeit, da der Rausch verflogen und die nüchterne Klarheit des Verstandes in den Menschen zurückkehrt; die Reinheit des Herzens steuert den Willen, wo Freiheit und Vollendung der Kinder Gottes offenbar werden, nicht allein im Menschen, sondern in der Harmonie überhaupt.


Verantwortlich sind alle, wir als Christen allerdings tragen die größere Verantwortung, weil wir die Gedanken Gottes kennen. Erinnern wir uns, wie Arnos den Propheten definiert: Er ist ein Mann, der von Gott redet, und dem Gott Seine Gedanken offenbart. Diese einst nur wenigen geltende Berufung ist jetzt Gemeingut aller Christen.


Könnten wir denn die Worte Christi vergessen: Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde, denn der Knecht kennt nicht den Willen seines Herrn, euch aber habe Ich alles gesagt (Joh 15,15)? Wenn wir so reich durch das uns geoffenbarte Wissen sind, dann haben wir eine umso größere Verantwortung für alles, was geschieht. Und diese Verantwortung hat Gott Selbst auf Sich genommen.


Er übernahm die Verantwortung für Seinen Schöpfungsakt, als Er Sich nach der Erschaffung des Menschen bei dem Sündenfall nicht von ihm trennte, sondern Solidarität mit ihm übte.


Außerdem wurde der Akt der Inkarnation, in dem sich der Herr mit Seiner Schöpfung identifizierte, dieser Akt inkarnierter Solidarität , in dem Gott stirbt, im Ablauf der Geschichte von denen aufgenommen, die wir Märtyrer nennen, d. h. von den Zeugen der Liebe Gottes, in denen das Gefühl göttlicher Solidarität, das unsere Herzen erfüllt, Opferbereitschaft weckte. Äußerlich erscheint die Welt materiell, tot und träge. In der Kirche wird sie durchschaubar, von Gottes Gegenwart erfüllt und befindet sich in einer dynamischen Bewegung zu ihrer Bestimmung hin – dynamisch, aber nicht gewaltsam, dynamisch, zuweilen auch tragisch. Wenn man diese Sicht der Welt nicht teilt, wird sie unwillkürlich desakralisiert; sie verliert die Eigenschaft des Geheiligtseins, wird nicht nur profan, was ja einfach eine neutrale Situation wäre, sondern profanisiert, aus dem göttlichen Bereich herausgerissen.


Für uns aber ist die Welt geheiligt. Nicht nur in dem Sinne, wie wir dieses Wort gebrauchen, wenn wir sagen, das Leben des Menschen ist heilig und darf nicht zerstört werden. Die Welt ist in dem Sinne heilig, dass sie Gott gehört, nicht nur potenziell, sondern ganz wesentlich. Sie ist Gottes eigene Welt, und der lebendige Gott wohnt in ihr. Anders gesagt, wenn wir einer solchen Beziehung zur Welt zustimmen, durch die sie desakralisiert wird, nehmen wir ihre radikale Säkularisierung in Kauf, dann müssen wir die Inkarnation des Wortes Gottes verneinen, die Wunder Gottes, die Sakramente. Wir behaupten doch nicht nur, dass der Sohn Gottes zum Menschensohn wurde und zweifeln nicht daran. Wir behaupten vielmehr, das Wort Gottes, Gott Selbst, wurde Fleisch; die Fülle der Gottheit wohnte leibhaftig unter uns (Kol 2,9) im Fleisch eines Menschen; der Körper der Inkarnation stellt den sichtbaren und betastbaren Stoff der ganzen Schöpfung dar, die sich als gottträgend erwies. Sie ist erfüllt von der Gegenwart Gottes, ohnedass Er aufhört, Er selbst zu sein. Wäre dem nicht so, würde die Inkarnation die Natur des Geschaffenen selbst zerstören und Christus wäre ein im Menschenantlitz erschienener Gott, aber nicht das inkarnierte Wort, der wahre Mensch und der wahre Gott.


Dies bezieht sich auch auf die Sakramente. Sakramente sind nur möglich, wenn wir glauben, wie uns die Bibel, Gottes geoffenbarte Wahrheit gebietet, und wir wissen aus keimhaft vorgebildeter Erfahrung, dass alles geisttragend und gotttragend zu sein befähigt ist, alles im schöpferischen Wort wurzelt, eben dadurch mit Gott verbunden: Gott Alles in allem. Sofern wir das nicht glauben, wird uns die reale Theologie der Sakramente unzugänglich. Dann wird tatsächlich das Brot niemals zum Leib Christi, weil es in keiner Weise etwas Größeres werden kann als das gewöhnliche, essbare, dem Verzehr unterworfene Brot und nichts weiter; dann kann der Wein in keiner Weise zum Blut Christi werden, er kann nichts Größeres werden als das, wozu er geschaffen ist.


Wir aber glauben, dass dies geschieht. Und wenn wir von diesem Brot und von diesem Wein reden, dann sprechen wir nicht von einem bestimmten Stückchen Brot oder einem bestimmten Kelch Wein, die sich von den übrigen geschaffenen unterscheiden. Sie sind gewissermaßen ein Muster dafür, und alle sind zu dieser wunderbaren und unbegreiflichen Fülle gerufen, die wir im Sakrament von Blut und Leib erkennen, im Leibe Gottes, der — wenn man sich so ausdrücken will — materiell erscheint, wie er einst im Fleisch Dessen erschien, Der von der Jungfrau geboren wurde.


Gott schuf sie als solche, dass sie nicht aufhören zu sein, wie sie sind und doch von Gott durchdrungen werden. Wenn daher Brot und Wein gesegnet ist, werden sie tat- sächlich zum Leib und Blut Christi. Sie sind zwar dafür dimensioniert, aber hören nicht auf zu sein, was sie sind, Brot und Wein.


Ganz so verhält es sich auch mit unserem Verständnis der Welt und der Wunder Gottes. Erst eine Theologie, die der Materie die Tiefe verleiht, die Berufung, die Würde und Gottesentsprechung, die ihr die Fähigkeit zubilligt, von der Präsens Gottes erfüllt zu sein, lässt uns an die Wunder Alten und Neuen Testamentes glauben. Ich denke nicht an die Wunderheilungen, die man leicht — allzu leicht! — in den Termini psychosomatischer Handlungen erklären kann. Ich rede von jenen Wundern, die die Natur betreffen, ohne Beteiligung des Menschen, beispielsweise der Sturm auf dem Galiläischen Meer. Wenn wir aufhören, die Welt mit den Augen der Glaubenserfahrung zu sehen, dann nehmen wir den Standpunkt dieser Zeit ein, die blind, säkular ist, d.h. wir verlieren die Dimension der Heiligkeit dessen, was Gott als heilig geschaffen hat.


Wir haben es hier mit einem sehr ernsten Problem zu tun; in christlichen wie auch anderen Gemeinden gibt es eine Glaubenskrise, weil es eine Erfahrungskrise gibt. Diese Glaubenskrise verweltlicht uns, lässt uns nicht mit unserem ganzen Leben an der ursprünglichen, unmittelbaren Erfahrung Gottes, des Menschen und der gesamten Welt teilhaben. Dies ist umso relevanter, weil, wenn wir diese Fähigkeit verlieren, sie auch für die Welt verloren ist. Wo das Salz seine Salzkraft verliert, ist es zu nichts mehr nütze, als dass man es wegwirft. Das wäre der gerechte Lohn dafür, dass wir die Offenbarung Gottes verraten haben, das, was Gott uns und durch uns offenbart.


In der Kirche wie in der säkularen Welt gibt es ein weiteres Moment, das wir, wie mir scheint, berücksichtigen sollten. Ich meine die immer mehr wachsende und sich ausbreitende antiklerikale Haltung. Kein Wunder, dass unsere Umwelt antiklerikal ist. Der Anaklerikalismus allerdings wächst auch innerhalb der Kirche. Wenn er eine Mischung widerspiegelt von Klerikalem und Heiligem, offenbart sich das Böse. Im anderen Sinne kann, wie mir scheint, die antiklerikale Position beachtlich und wertvoll sein.


Ich will jetzt nicht davon reden, was ein Priester ist, aber ich möchte in diesem Zusammenhang ein paar Worte dazu sagen, was ein Priester nicht ist, genauer, ich möchte den Priester wieder in den Kontext bringen, in den er gehört.


Vor einigen Jahren hörte ich eine Vorlesungsreihe einer gewissen Denomination, die das Priestertum behandelte. Der Referent war ein bekannter Theologe. Er verweilte bei der Tatsache, dass der Priester über ungewöhnliche Macht verfüge. Christus habe ihm die Macht verliehen, Seinen Leib und Sein Blut zu heiligen, zu kommunizieren, die Sünden zu erlassen oder zu behalten, d.h. die Macht zu binden und zu lösen (Mtth. l8,18). Dabei kam er auf etwas zu sprechen, das mir Grauen einflößte: „Streng genommen, hat der Priester größere Macht als Christus, weil es jetzt, wo Christus zum Himmel aufgefahren ist, in den Kräften des Priesters liegt, dem Volk zu verwehren, was Christus möglicherweise geschenkt hätte; es genügt, dass der Priester die Kirche verschließt, um Kranke und Sterbende der Kommunion zu berauben.”


Dies versinnbildlicht, wie kein Priester ist. Es ist eine Lästerung. Wir denken daran, dass es nur einen Priester, einen Hohenpriester der Kirche, gibt: Jesus Christus, den Herrn. Es gibt keinen anderen Priester im Vollsinne des Wortes. Jedes Mal, wenn wir die Göttliche Liturgie feiern, handelt Christus.


Oft habe ich die Menschen an die Worte zu Beginn der orthodoxen eucharistischen Liturgie erinnert: Wenn alles bereitet ist, die Gemeinde versammelt, Brot und Wein gerüstet und nur noch der Beginn des Gottesdienstes bevorsteht, wendet sich der Diakon an den Priester mit den Worten: „Es ist Zeit für das Wirken des Herrn”. Wie seltsam! Ist es nicht der Augenblick, wo sie zu handeln anfangen sollten? Nein. Sie werden Worte sagen, die nicht ihnen gehören, und sie werden Handlungen tun, die nicht ihre Handlungen sind. Die Worte sind des Christus; die Handlungen des Herrn. Was sie von diesen Handlungen erwarten, kann kein Handeln bewirken. Worauf sie hoffen, kann kein Wort gewähren; es sei denn, wir erkennen die Theologie als Magie. Die Gaben zu wandeln, das Gebet zu erfüllen und darauf zu antworten, vermag nur die Kraft des Heiligen Geistes. Mithin hat der Priester seinen Platz, seine Bedeutung.


Wo es aber zum Wesen der Sache kommt, in dem bedeutendsten Geschehen in der Kirche, gibt es keinen anderen Hohenpriester außer Christus, keine andere Kraft außer der des Heiligen Geistes in Seiner Freiheit und in Seiner Liebe. Wenn man uns in den Theologischen Lehranstalten häufig daran erinnerte, wo unser Platz sei, dürfte das wohl auch für die Laien gelten und für die Kleriker. Dies mindert mitnichten die Bedeutung des Priesters, sondern gibt Gott den Ihm gebührenden Platz und macht möglich, woran man anders nicht glauben kann. Kein menschliches Wort, keine Handlung kann das Irdische in das Himmlische verwandeln. Keine menschliche Kraft oder menschliche Schläue können Gott zu einer Handlung zwingen, die in gewissem Sinne eine Inkarnation darstellt.


Ich sagte bereits, dass die Kirche eine sonderbare Gemeinschaft ist. Ich möchte kurz gesagt unterstreichen, fass sie wohl die einzige Gesellschaft ist, in der nicht geboren wird. Glied wird man dadurch und in dem Maße, wie man ihre Werte schätzen lernt. Anders wird deine Anwesenheit in der Kirche nur schemenhaft, äußerlich tot, ihr fremd sein, selbst wenn du alle ihre Riten und Handlungen befolgst. Der Kirche kann man nicht mechanisch angehören und in ihr kann man nicht mechanisch bleiben. Dies ist eine dynamische Situation, eine zugleich menschliche und göttliche Gemeinschaft, in der Menschheit in der Menschheit Christi auftritt und unser Menschsein dem eingepfropft wird, was nach unserer Berufung unser werden muss. Es ist die Gemeinschaft deren Herzstück Gott ist; „Immanuel”: Der Herr reut uns.


Und in diesem Sinne ist die Kirche, fürwahr streng und nüchtern genommen, das Ende der Religion, wie sie die heidnische Welt versteht, als ein System von Riten, Gebeten, Beschwörungen, Zaubersprüchen, Handlungen, die Gott zu uns herbeiführen, Ihn zwingen oder zumindest Ihn überzeugen sollen, sich uns zu nähern.


Nichts dergleichen wird von uns gefordert. Gott ist unter uns. Wir müssen nicht Ihn zum Kommen bewegen, selbst wenn das in unserer Macht stünde. Da ist keine Ordnung, keine Handlungsweise, die wir hinzufügen oder lassen können. Christus hat gesagt: „Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen”.


Kirche ist Ort der Gegenwart Gottes, Wohnung Gottes; wenn aber die Inkarnation, die Gabe des Heiligen Geistes, die Gesamtheit des Geheimnisvollen der Kirche, das Ende der Religion im alten Sinne bedeutet, dann ist damit nicht das Ende der Anbetung gekommen, ganz zu schweigen von einem Ende ehrfürchtigen Dienstes. Anbetung erwächst in uns aus dem Gefühl göttlicher Gegenwart. Andacht bestimmt den Ort, an dem wir Gott in unserem Leben begegnen. Aber darüber hinaus bedeutet sie, dass es eine unendlich vielschichtige Mannigfaltigkeit geben kann, nicht nur in den Möglichkeiten, unsere Gottesbeziehung auszudrücken, sondern eine unendliche Vielfalt der Möglichkeiten, durch die ein jeder von uns mit Gott verbunden ist. Mir scheint, dass gegenwärtig nicht nur die Welt, sondern auch die Kirche, das Volk Gottes, der Worte und Handlungen müde geworden sind: ihrer gibt es weit mehr als nötig, um nüchtern die realen Situationen auszudrücken.


Ich würde gern mehr sagen als ich jetzt kann, in welcher Richtungen man, wie mir dünkt, nachdenken sollte über eine Reform, genauer gesagt, wie wir aus den Tiefen kirchlicher Erfahrung nicht nur persönliche, private Anbetung Gottes, sondern auch liturgische Gottesverehrung schaffen und gestalten können.


Zum Ersten, wenn Gott schon unter uns ist, wenn wir mit Ihm zusammen eine geheimnisvolle Gemeinschaft und einen unbegreiflich geheimnisvollen Leib bilden, dann können wir wahrlich, was die Kirche betrifft, still verharren in diesem Bewusstsein und Gott in Wahrheit und im Geist anbeten. Zum anderen besteht die Kirche nicht nur aus denen, die zu dieser Anbetung fähig sind, und selbstverständlich nicht nur aus Menschen, die das, was das Schweigen trägt, rezipieren und wortlos verstehen können, was das Schweigen zu sagen hat. Die Kirche könnte mindestens zwei oder auch drei Arten von Gottesdienst entwickeln. Einen für jene, die empfindsam und fähig sind, an einem Gottesdienst teilzuhaben, wo die Hauptsache Schweigen ist, die Handlungen und Worte Symbole, die von sich wegführen in das Herzstück des Schweigens, in dem Gott wohnt und wirkt; Versuche in dieser Richtung finde ich aufbauend und bereichernd.


Und am anderen Ende des Spektrums finden sich die Gottesdienste, die nicht nur nach der Art sind, Wirkungen von oben zu sein und zu empfangen, sondern auch bestimmt, es denen zu vermitteln, für die das Schweigen zu tief und unverständlich ist, das durch Gesten und Worte zu vermitteln, was im Schweigen vollständiger ausgedrückt ist als in jedem Wort oder wie auch immer gearteter Geste.


Doch im Herzstück eines jeden Gottesdienstes muss zum Bewusstsein kommen, dass alles Geschehen ein göttlicher Akt ist, der nicht adäquat ausgedrückt werden kann, dies ist schlicht unmöglich. Ihn kann man nicht mit einer undurchsichtigen liturgischen Schönheit fassen; er muss so durchschaubar, nüchtern und kristallrein weitergegeben werden, dass keine Schönheit die Schau und das Gefühl für die Gegenwart Gottes verdunkeln kann.


Wenn wir in unseren unterschiedlichen Gemeinden nicht dazu kommen, dass Gott der Vollzieher der Sakramente ist, werden wir Ihm niemals und nirgends begegnen. Ist aber für uns Gott der Vollzieher der Sakramente, der Heilige Geist die wirkende Kraft, das Schweigen die Form, in der wir rezipieren, in der wir die Gegenwart Gottes und die göttlichen Gaben entdecken und erleben, sind wir in der Lage, dies in jedem Augenblick zu empfangen, und wir werden Ihm begegnen können, weil wir in unseren Tiefen und in dieser Situation für die Begegnung reif geworden sind. Entwickeln wir andere Formen des Gottesdienstes, wo wir von innen und nicht über die Erfahrung von außen das weitergeben können, was das Schweigen ausmacht, werden wir vieles einander verständlich machen, durch eine für alle (oder wenigstens für viele) akzeptable Art. Gott muss das absolute Zentrum werden, falls wir wollen, dass unsere liturgische Verehrung für Ihn zum Ort wird, an dem wir uns begegnen können, nicht in den Termini der Ökumene als getrennte Christen voll guten Willens und zu Kompromissen bereit, bereit, auch abzulegen oder zu vergessen die eigene Erfahrung und Hingabe, sondern uns neu zu begegnen: als Menschen, die in einem bestimmten gegenseitigen Verhältnis zu Gott stehen und innerhalb dieser gegenseitigen Beziehung einander finden. Dann wird unser Gottesdienst zu einer Herausforderung, zu einem Ärgernis, zu einem zweischneidigen Schwert. Dann wird er unvereinbar sein mit allem, was gottlos, böse, blind, im säkularen Kontext undurchsichtig ist. Dann wird sich vielleicht der Kontrast schärfer und dramatischer offenbaren als der Gegensatz zwischen der Pracht eines kirchlichen Gottesdienstes und der säkularen Form ehrfürchtigen Dienstes. Dann wird die Kirche abermals ihre eigene Dimension und ihren Rhythmus finden und hier, im Herzstück der Dinge, wieder das werden, was sie am Anfang war: nicht eine kleine Gemeinschaft innerhalb der umfassenderen, sondern eine in gleicher Weise göttliche wie menschliche Gemeinschaft, und folglich unbegrenzt, tiefer und größer als die Welt selbst. Und das wird nicht nur in Gott, sondern auch an uns geschehen. Wir werden größer und weiter als die ganze Welt werden, ja die Welt umfassen und sie zu ihrer Fülle führen können.

 


Vortrag in Genf im Jahr 1969

 

 

 

 

Zur Geschichte des deutschsprachigen orthodoxen Gottesdienstes

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Kirche ist mit ca. zwei Millionen Gläubigen heutzutage die drittgrößte christliche Konfession in unserem Lande. Die Existenz orthodoxer Gemeinden und Bistümer in Deutschland ist jedoch nicht Ergebnis einer orthodoxen Missionstätigkeit in Deutschland, sondern verschiedener Zuwanderungswellen von orthodoxen Gläubigen aus den Ländern Ost-, Südosteuropas und des Nahen Ostens. So empfindet und versteht sich die Mehrheit der orthodoxen Christen hierzulande noch mehrheitlich nicht einfach als orthodoxe Christen in Deutschland sondern sind ihrer jeweiligen Herkunftskultur mit einer ganz spezifischen Sprache, kulturellen und nationalen Identität und Mentalität zutiefst verbunden. Andere orthodoxe Gläubige, deren Familien oft schon längere Zeit - zum Teil schon mehrere Generationen – im Lande leben haben sich bereits sprachlich und kulturell an Deutschland, seine Sprache und Kultur angeglichen. Neben einer großen Mehrheit von zu- und eingewanderten Gemeindemitgliedern gibt es in den hiesigen orthodoxen Kirchengemeinden auch eine kleine Zahl deutschstämmiger Konvertiten, die durch eine persönliche Glaubens- und Lebensbiographie ihren Weg zum orthodoxen Glauben  gefunden haben.

 

Da die weitere Zukunft der orthodoxen Kirche in Deutschland, wie sie sich anhand der ähnlich verlaufenden Geschichte der orthodoxen Gemeinden in Nord- und Südamerika prognostizieren lässt, mit einer fortschreitenden sprachlichen und kulturellen Einwurzelung der Gläubigen in das deutsche Umgebungsmilieu verbunden sein wird, lohnt es sich eine Blick zurück in die Geschichte zu werfen. Denn seit beinahe 180 Jahren feiern orthodoxe Christen Gottesdienste in deutscher Sprache. Auch wenn die orthodoxen Gläubigen deutscher Zunge bisher eine verschwinden kleine Gruppe in der multinationalen Gemeinschaft der Orthodoxen in Deutschland sein mögen, eine neue Erscheinung sind sie nicht.

 

Ihren ersten Anfang nahm das orthodoxen Gemeindeleben auf deutschem Boden durch russische Christen. Bereits im 1651 wurde erstmals ein orthodoxer Gottesdienst im ostpreußischen Königsberg für dort handeltreibende russische Kaufleute zelebriert.

 

Danach vergingen nochmals fast fünfzig Jahre, bis in Deutschland die erste dauerhaftere orthodoxe Gottesdienststätte entstand. Auf Anordnung von Zar Peter dem Großen wurde der Priester Gerasim dem russischen Gesandten am preußischen Königshof, Graf Aleksander Glowkin, als Hausgeistlicher zugewiesen. Die ersten orthodoxen Gottesdienste in Berlin fanden dann seit dem Jahre 1718 in einem Raum der damaligen russischen Gesandtschaft und unter Verwendung einer transportablen Ikonostase statt. Doch wurde damals noch keine ständige Hauskirche in den Räumen der russischen Gesandtschaft eingerichtet. Vielmehr wurde zur Feier der orthodoxen Gottesdienste jeweils ein Raum hergerichtet, das heißt, die Kirchenausstattung wurde nach der liturgischen Feier wieder entfernt. Dadurch, dass die orthodoxen Geistlichen in Berlin jeweils dem russischen Gesandten als persönliche Hausgeistliche zugeordnet waren, blieben sie nur solange in der preußischen Hauptstadt, wie der jeweilige russische Gesandte, zu dessen diplomatischen Gefolge sie gehörten, am preußischen Hof akkreditiert war. So war die Dauer des Aufenthaltes der orthodoxen Geistlichen in Berlin damals noch von kürzerer Dauer.

 

Diese Reisekirche fand jeweils ihre Aufstellung in verschiedenen Privathäusern, die von der russischen Regierung zur Unterbringung ihrer Gesandtschaft oder den jeweiligen Gesandten selbst angemietet wurden. Diese Reisekirchen gehörten zur persönlichen Ausstattung des jeweiligen Gesandten, das heißt, sie wurden bei seiner Versetzung an einen anderen Ort samt seiner gesamten Entourage mitgeführt Im Jahre 1746 reiste deshalb die transportable Kircheneinrichtung mit dem russischen Gesandten an dessen neuen Wirkungsort nach London. Erst im Jahre 1764 kam dann aus Holland eine neue Kircheneinrichtung nach Berlin. Diese wurde dann im für die Gottesdienste bestimmten Raum des neuen russischen Gesandtschaftsgebäudes an der Straße ‚Unter den Linden‘ fest eingebaut. Die so entstandene Hauskirche wurde dem heiligen apostelgleichen Großfürsten Wladimir gewidmet, während die ältere, auf- und abbaubare Kapelle der ‚Darstellung des Herrn‘ geweiht gewesen war.

 

Die orthodoxe Hauskirche zu Ehren des heiligen Großfürsten Wladimir war bis zur Errichtung der Friedhofskirche zu Ehren der heiligen apostelgleichen Konstantin und Helena in Berlin Tegel die einzige orthodoxe Kirche in der preußischen Hauptstadt. Die Hauskirche war zugleich mit dem Bezug der neuen russischen Gesandtschaft im Jahre 1837 eingerichtet worden. Diese Gesandtschaft war in einem zweigeschossigen Rokoko-Palais untergebracht. Nach dem Kauf ließ das russische Reich jedoch das Anwesen bedeutend erweitern und verändern. So wurde es in den Jahren zwischen 1840 und 1841 auf drei Etagen aufgestockt. Danach wurde auch die Hauskirche des heiligen apostelgleichen Großfürsten Wladimir in einem der neu entstanden Säle fest eingebaut. Die russische Botschaftskirche war mit Ausnahme der Jahre des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) alle orthodoxen Christen, aber auch Betern und Gottesdienstbesuchern anderer Konfessionen offen. So zählten in der Wilhelminischen Epoche neben Russen, auch Bulgaren, Griechen, Serben und Rumänen zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern. Der Kirchensaal im Botschaftsgebäude bot aber nur höchstens 150 Personen Platz. Für die Griechen ergab sich im Jahre 1905 die Gelegenheit, in der Nähe des Oranienburger Tores im Hof des Privathauses Oranienburger Straße 28 eine eigene Kirche zu errichten, die der Göttlichen Weisheit (Hagia Sophia) geweiht wurde. An dieser neuen Kirche dienten der aus Chicago gesandte Archimandrit Nektarios (Mawrogordatis) und der Diakon Polykarpos (Tomas), der damals noch an der Berliner Universität studierte. Alle anderen orthodoxen Christen kamen in der Botschaftskirche zusammen, in welcher die Gottesdienste deshalb teilweise in kirchenslawischer, teilweise aber auch in deutscher Sprache zelebriert wurden.

 

Auch nach dem ersten Weltkrieg fanden in der Hauskirche zu Ehren des heiligen Wladimir erneut wieder Gottesdienste statt, bis dann mit der Aufnahme diplomatischen Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und der Sowjetunion im Jahre 1922 die Gottesdienste eingestellt werden mussten.

 

 

 

Im Jahre 1773 wurde der bisherige Diakon an der Sankt Petersburger Andreas-Kathedrale, Vater Trifon Kedrin, zum neuen Priester an die Berliner Gesandtschaftskirche berufen. Vom Zeitpunkt seiner Berufung an verfügen wir über regelmäßige genauere Detailangaben über Geschichte und Entwicklung der russischen Gesandtschaftskirche in Berlin.

 

Vater Trifon verstarb am 02. Juli 1782 in Berlin. Der Metropolit von Sankt Petersburg und Nowgorod ernannte daraufhin denTheologietudenten Gawriil Dankow, dessen Amtszeit in Berlin rund fünfzehn Jahre währte, zu seinem Nachfolger. Vater Gawriil verließ anschließend Berlin, um kurze Zeit als Geistlicher für die Angehörigen der russischen Gesandtschaft am sächsischen Hof in Dresden zu dienen. Am 17. Januar 1800 wurde er dann zum Hausgeistlichen der großherzoglichen Erbprinzessin Elena Pawlowna in Weimar ernannt. Vater Gawriil wurde wegen seiner umfassenden Bildung am Hof in Weimar, dem Zentrum der deutschen Klassik, sehr geachtet.

 

Nach dem Weggang von Vater Gawriil kam aus Dresden Vater Joan Tschudowski, um zunächst nur kurze Zeit an der Berliner Gesandtschaftskirche zu dienen ,ehe er als Hausgeistlicher an den Hof der Großherzogin Anna Feodorowna von Sachsen-Coburg-Gotha in Coburg versetzt wurde.

 

Der Grund für diese Versetzung war, dass der neu ernannte Gesandte, Graf David Alopeus, nicht orthodox war. Doch die Abwesenheit von Vater Joan Tschudowski von Berlin dauerte nicht sehr lange. Bereits im April 1813 wurde er in den Rang eines Erzpriesters erhoben und erneut nach Berlin versetzt. Doch die Zeit in Weimar war nicht nutzlos gewesen, denn Vater Joan war in dieser Zeit sehr gut mit der deutschen Sprache, Kultur und Mentalität vertraut geworden. So war Vater Joan nun gut darauf vorbereitet, mit seiner, mit der Rückkehr nach Berlin unmittelbar einsetzenden, Übersetzungstätigkeit der liturgischen Texte die orthodoxe Kirche selbst durch den Inhaltsreichtum ihrer Gottesdienste zur deutschen Umgebung sprechen zu lassen. Die orthodoxe Kirche und ihr Glaubensleben der deutschen Gesellschaft verständlich werden zu lassen - hierin lag der Beweggrund für die nun einsetzende Übersetzungstätigkeit durch Vater Joan. Es war also nicht der Missionsgedanke, der zu einer ersten Begegnung der gebildeten Deutschen in Berlin mit den Gebetstexten der Orthodoxie führte, sondern der Wunsch hierdurch eine Brücke des besseren Verstehens zwischen gebildeten Deutschen und der russischen Kultur in Berlin zu bauen. Hierin setzte Vater Joan Tschudowski seine kulturvermittelnde Tätigkeit aus seiner Weimarer Zeit fort. Zugleich legte er damit aber auch das Fundament für die späteren deutschsprachigen Gottesdienste in Potsdam.

 

 

Zu den Aufgaben des an dieser Berliner Kirche dienenden Priesters, der Lektoren und Kirchensänger gehörte auch die Seelsorge und damit die Feier orthodoxer Gottesdienste für die Angehörigen eines russischen Sängerchors und ihrer Nachkommen, die in der Kolonie Alexandrowka in Potsdam wohnten. Für sie wurde in den Jahren zwischen 1826 und 1829 die russische orthodoxe Alexander-Newskij-Kirche auf dem Kapellenberg im Norden Potsdams errichtet. Durch die schnelle sprachliche und kulturelle Annäherung der russischen Kolonisten und ihrer Nachkommen an ihre deutsche Umgebung verfügte im Mai 1839 der Heilige Synod in Sankt Petersburg, dass die orthodoxen Gottesdienste in Potsdam fortan in deutscher Sprache gefeiert werden sollten. Bereits im Jahr 1836 war für die Berliner Gemeinde durch den zuständigen Metropoliten von Sankt Petersburg und Nowgorod die Erlaubnis erteilt worden, die Göttliche Liturgie auch in deutscher Sprache zu zelebrieren.

 

Gerade die russische Kirche, die im Laufe ihrer Geschichte Angehörige der vielen unterschiedlichen Völker für den orthodoxen Glauben gewinnen konnte, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts in besonderer Weise darauf vorbereitet, diesen Dienst zu tun. Denn die orthodoxen Christen in Südosteuropa waren damals gerade erst dabei, sich mühsam vom drückenden jahrhundertelangen islamischen Joch unter den osmanischen Türken zu befreien. Danach waren sie zunächst besonders darauf ausgerichtet, ihre nun freien orthodoxen Nationen zu festigen und in ihren Ländern moderne Nationalstaaten aufzubauen. So dauerte es noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis auch griechische Missionare des Patriarchats in Alexandrien größere Gruppen von Afrikanern für die Orthodoxie zu gewinnen begannen. Heute ist es vor allem die orthodoxe Kirche von Hellas, die die orthodoxe Missionsarbeit besonders unterstützt und fördert.

 

Vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war es jedoch die russische Kirche, die den orthodoxen Glauben bereits zu den Völkern in Sibirien und zu den amerikanischen Ureinwohnern nach Alaska getragen hatte. Sie hatte die Orthodoxie nach Japan, China und Korea, aber auch ins heutige Estland und Lettland gebracht. Bis heute werden orthodoxe Gottesdienste in der russischen Orthodoxie ganz selbstverständlich nicht nur in der kirchenslawischen Sprache, sondern ebenso in vielen weiteren modernen Sprachen in aller Welt gefeiert.

 

 

Deshalb war es gerade die russischen Orthodoxie, die in Deutschland bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts Gottesdienste nicht nur in altkirchenslawisch, sondern ebenfalls auch in der deutschen Landessprache feierte. Der Synodalerlass vom 5. Mai 1839, der festzusetze, dass die Gottesdienste an der orthodoxen Kirche in Potsdam fortan in deutscher Sprache zu feiern seien, bezeichnet zeitlich zugleich den offiziellen Beginn einer bis heute andauernden Aufgabe für alle orthodoxen Bischöfe und Priester in Deutschland: Die neu hinzugekommene Aufgabe der Seelsorge an orthodoxen Christen deutscher Zunge.

 

Die seelsorgerlichen und kulturellen Leistungen von Vater Joan Tschudowski erfuhren am Ende ihre Würdigung in vielfältigen Ehrungen. So wurde ihm anlässlich der von ihm zelebrierten kleinen Weihe der Kirche zu Potsdam im Jahre 1829 das goldene Priesterkreuz, sowie der preußische schwarze Adlerorden 3. Klasse verliehen. Im Jahre 1832 wurde ihm dann auch der Sankt-Annen-Orden 2. Klasse mit Krone verliehen. Achtzigjährig trat der unermüdliche Seelsorger und eifrige Priester in den wohlverdienten Ruhestand. Aber bereits im Jahr 1834 verstarb Vater Joan in Berlin und wurde in der von ihm geweihten Kirche in Potsdam beigesetzt. Sein Übersetzungswerk wurde in späteren Jahren dann in Berlin von Erzpriester Alexej Maltzew weitergeführt.

 

Dem greisen Vater Ioan Tschudowski hatte in Potsdam bereits Vater Sachari Petrow als Diakon und später als Priester geholfen. Als auch dieser Geistliche verstorben war, übernahm Erzpriester Dorimedont Sokolow ab 10.Oktober 1831 die Betreuung beider Kirchen. Auch sein Nachfolger, Erzpriester Wassili Polisadow, versah seinen priesterlichen Dienst in beiden Gemeinden. Offensichtlich hat er zumindest in der ersten Zeit häufiger in Potsdam als in Berlin zelebriert, da zu dieser Zeit Umbau und Übersiedlung der russischen Gesandtschaft fiel.

 

 

Zwei Jahrzehnte nach den ersten deutschsprachigen Liturgiefeiern in Potsdam erschien in deutscher Sprache ein kleines Büchlein „Auszug aus der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus für die russische Colonie Alexandrowka bei Potsdam“. Neben der deutschen Übersetzung wurde hier auch der kirchenslawische Text in lateinischer Schrift abgedruckt.

 

Bald schon wurde die Übersetzungstätigkeit auch von Priestern an anderen russischen Kirchen in den deutschen Ländern aufgegriffen. Während in Berlin die umfassende Übersetzungstätigkeit erst einige Jahrzehnte später von Erzpriester Alexej  Maltzew fortgeführt wurde, entstanden an anderen Orten in der Zwischenzeit weitere wichtige Übersetzungen.

 

In Wien war es Erzpriester Michail Rajewskij, der im Jahre 1862 die dreibändige Übersetzung des priesterlichen Gebetbuches (Rituale, Euchologion) veröffentlichte. Seine geniale Beherrschung der deutschen Sprache setzte bis heute bleibend gültige Maßstäbe. Sie beeinflussten maßgeblich alle weiteren Bemühungen auf diesem Gebiet.

 

Auch in anderen Gemeinden fanden diese ersten deutschsprachigen Textangebote eine wohlwollende, ja begeisterte Aufnahme. Nun war es an der Zeit auch an die nun notwendige musikalische Bearbeitung der deutschsprachigen Liturgieübersetzungen zu gehen. Denn der liturgische Reichtum der orthodoxen Kirche bedurfte nicht nur einer sprachlichen, sondern gerade auch einer gesanglichen Brücke. Nur im Erklingen in aller Schönheit und Fülle werden das Gebet und die liturgischen Vollzüge zur Einheit des orthodoxen Gottesdienstes. Der zelebrierende orthodoxe Priester bedarf notwendig der mit ihm betenden und auf sein Gebet antwortenden Gemeinde. Die gemeinsame Stimme der Gemeinde wird im Gebet geleitet durch den Chor. Der Gesang ist nicht einfach verzierendes Beiwerk, sondern durch den Gesang wird die Fülle der dogmatischen Lehraussagen, die das gesamte liturgische Gebet gleichsam wie Goldfäden durchwirken mitgetragen. Auf der Ebene des kirchlichen Gesangs vollzieht sich der Übergang des gebeten Wortes der in heiligen Kirche in eine geistliche Realität die die Seele der Menschen zu erreichen vermag. Insofern war der nächste Schritt zum deutschsprachigen orthodoxen Gottesdienst der des übersetzten Wortes in das gesungene gebetete Wort.

 

In Wiesbaden bemühte sich Erzpriester Joan Janytschew bereits schon seit geraumer Zeit, den oft allzu monotonen Gesang der zwei Kirchensänger durch den ersten russischen orthodoxen Sängerchor in Deutschland zu ersetzen. Sein Nachfolger Erzpriester Sergi Protopopow, konnte daraufhin schon im Jahre 1891 erstmals vierstimmige Chorsätze zu deutschsprachigen Gesängen der Göttlichen Liturgie veröffentlichen. Erzpriester Joan Janytschew kam dann im Jahre 1858 an die Kirche in Berlin. Vater Joan Janyschew kam zwar nur für ein Jahr nach Berlin, doch brachte er als geistiges Gepäck seine ersten Erfahrungen im orthodoxen Kirchengesang in deutscher Sprache mit. Von diesen praktischen Chorerfahrungen profitierten die deutschsprachigen Gottesdienste in Berlin und Potsdam erheblich. Seine großen Erfahrungen, welche er aus Wiesbaden mitbrachte, sowie seine umfassende Bildung gaben weitere wesentliche Anstöße für den Fortschritt der Übersetzungen der liturgischen Texte.

 

Wenn orthodoxen Christen einen Gottesdienst in deutscher Sprache feiern, so verwenden sie bis heute vielfach noch immer Texte, die einem orthodoxen liturgischen Übersetzungswerk entnommen sind, das inzwischen rund 100 Jahre alt ist. Nicht nur die Textqualität dieser Übersetzung, sondern gerade auch die bis heute unübertroffene Vielfalt und Bandbreite der übersetzten liturgischen Bücher macht den ‚Maltzew‘ bis zum heute Tage fast unverzichtbar.

 

 

Wer aber war der Erzpriester an der Berliner Botschaftskirche, der hinter den deutschen Übersetzungen großer Teile der orthodoxen Gottesdienstbücher steht? Wer war dieser russische Geistliche, der durch seine unermüdliche Übersetzungsarbeit zu einem geistlichen Vater der orthodoxen Christen, die in deutscher Sprache beten wurde?

 

Sicherlich kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass der langjährige Berliner Gesandtschaftsgeistliche Erzpriester Aleksej Maltzew (1854-1916) zu denjenigen gezählt werden muss, denen eine Verwurzelung der Orthodoxie in Deutschland zu verdanken ist. Im Jahre 1886, vier Jahre nach seiner Priesterweihe, kam der damals 32-jährige Vater Alexej nach Berlin. Hier versah er seinen priesterlichen Dienst fast drei Jahrzehnte lang, ehe der Ausbruch des ersten Weltkriegs seinem Schaffen 1914 ein jähes Ende setzte.

 

Die russische Botschaftskirche blieb in den Jahren 1914 bis 1918 wie die meisten der russischen orthodoxen Kirchen in Deutschland geschlossen. In einem sich mehr und mehr chauvinistisch aufladenden politischen und geistigen Klimas wurde allein schon die Abhaltung orthodoxer Gottesdienste als subversiv und die Teilnahme an ihnen als unpatriotischer, ja geradezu feindlicher Akt betrachtet.

 

Priester Vasilij Göcken, der als deutscher Konvertit eine große Stütze für Erzpriester Aleksej Maltzew gewesen ist, konnte jedoch in Tegel und Potsdam bis zu seinem Tode im Jahre 1915 sporadisch orthodoxe Gottesdienste abhalten. Danach zerstreuten sich die verbliebenen Gläubigen unter dem anhaltenden ideologischen Druck mehr und mehr.

 

Wer war eigentlich dieser Vater Vasilij Göcken gewesen? Wie war er zur Orthodoxie gekommen? Vater Alexej Maltzew war, obwohl Priester an einer Botschaftskirche weniger der Typ geistlicher Angehöriger des russischen diplomatischen Personals als zuerst und vor allem orthodoxer Priester und Seelsorger für alle orthodoxen Christen in Berlin, die dies wünschten. Im Gegensatz zu manch anderen russisch-orthodoxen Geistlichen, auch vielen seiner Vorgänger in Berlin, kümmerte sich Vater Alexej nicht nur um die russischen Gläubigen, sondern ebenso intensiv auch um die übrigen Orthodoxen anderer Nationalitäten. Durch die teilweise auch deutschsprachigen Gottesdienste in Berlin hatten hier auch Deutsche ihren Weg in die orthodoxe Kirche gefunden. Wegen dieser Konversionen, aber auch wegen der seelsorgerlichen Arbeit in Potsdam, durch die Vater Alexej den Übertritt der Nachkommen des russischen Sängerchors zur evangelischen Kirche zum Erliegen brachte, gab es massive diplomatische Irritationen zwischen deutschen Behörden und der russischen Botschaft. Vater Alexej lies sich davon jedoch nicht beirren. Wie um alle übrigen Orthodoxen so kümmerte er sich in gleicher Weise um die deutschen Mitglieder der russisch-orthodoxen Gemeinden in Berlin und in Potsdam. Um diese besser seelsorgerlich betreuen zu können sorgte er dafür, dass sein Mitarbeiter Anton Ferdinand Goecken (1845-1915), ein in den Kriegen von 1864 und 1870/71 mehrfach ausgezeichneter Landwehroffizier und späterer Zivilbeamter im Jahr 1894 vom Erzbischof von Cholm und Warschau, Flavian (Gorodeckij), zum Priester geweiht wurde. Vater Vasilij war der Sohn eines preußischen Militärarztes jüdischer Abstammung, doch selbst bereits römisch-katholischer Konfession. Im Jahr 1890 war er zum orthodoxen Glauben konvertiert war und hatte bei der Myronsalbung den Namen Vasilij (Basilius) angenommen. Er war der erste gebürtige Deutsche, der zum orthodoxen Priester geweiht worden war.

 

Obwohl Vater Alexej Maltzew kompromisslos in seiner orthodoxen und priesterlichen Haltung war, war er in all den Jahren seines Dienstes in Deutschland ein kundiger und gefragter Gesprächspartner im Dialog mit anderen christlichen Kirchen. Mit evangelischen, römisch-katholischen und alt-katholischen Theologen trat er in einen fachkundiges theologisches Gespräch. Dabei scheute er sich auch nicht, mit den Heterodoxen in eine publizistische Auseinandersetzung einzutreten. Bemerkenswert dabei ist der theologische Stil von Vater Alexej: Sosehr er seine Positionen zu verteidigen weiß, sosehr vermeidet er stets konsequent jede billige Polemik. Dies gilt auch für jene kirchlichen Gemeinschaften, denen er wenig Sympathie entgegenbrachte, da sie seiner Ansicht nach urkirchliche liturgische Praktiken und Glaubensgüter leichtfertig und überflüssigerweise aufgegeben hatten, nämlich den Anglikanern und Protestanten. Auch die Bewegung der Altkatholiken, die sich damals erst als eigene Konfession richtig zu formieren begannen, brachte er eher Unverständnis entgegen, denn er sah in ihnen vor allem Abweichler von der gemeinsamen altkirchlichen liturgischen Tradition des Ostens und des Westens sah. Aus dem gleichen Denken heraus schätzte er gerade die römisch-katholische Kirche, als zwar nicht vollkommen mit der orthodoxen Kirche übereinstimmend, doch auch nicht unwiederbringlich von ihr getrennt.

 

Unzweifelhaft aber war Berlin zu dieser Zeit die bedeutendste orthodoxe Gemeinde in ganz Deutschland, wobei Vater Alexej Maltzew und Vater Vasilij Göcken alle orthodoxen Christen der Stadt ungeachtet ihrer Nationalität betreut. Seit dem Jahr 1905 bestand dann bis zum Weggang der beiden griechischen Geistlichen bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch die griechische Kirche Agia Sophia in der Oranienburger Straße. Den orthodoxen Friedhof mit der von Vater Alexej und Vater Vasilij ebenfalls betreuten Friedhofskirche zu Ehren der heiligen apostelgleichen Konstantin und Helena in Tegel besuchten und nutzen alle orthodoxen Christen der Stadt: Russen, Griechen, Serben, Bulgaren Rumänen und auch die deutschen Orthodoxen.

 

Von der Aufgeschlossenheit eines Erzpriesters Alexej Maltzew und eines Priesters Vasilij Göcken blieb nach dem Ersten Weltkrieg so gut wie nicht übrig. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war nicht nur eine ganze kulturelle Epoche zu Ende gegangen, sondern auch das orthodoxe kirchliche Leben in Deutschland erwachte unter vollkommen veränderten Vorzeichen. Die Revolutionsereignisse im Russland des Jahres 1917 und der daraufhin ausbrechende russische Bürgerkrieg (1918 bis 1922) veranlassten viele russische Christen ihre Heimat zu verlassen. Sie suchten in verschiedenen Nachbarländern Zuflucht. Diese russischen Emigranten reaktivierten auch in Berlin das orthodoxe kirchliche Leben, jedoch unter nun ausschließlich russischen Vorzeichen. So endete mit dem fast gleichzeitigen Tode von Vater Vasilij und Vater Alexej im Jahr 1915 eine erste historische Entwicklungsphase deutschsprachiger orthodoxer Gottesdienste.

 

Auch Vater Alexej musste wie das gesamte Personal der russischen Botschaft in Berlin unter demütigenden Begleitumständen Deutschland verlassen. Schon seit Jahren schwer an Diabetes leidend, hat er diesen Schicksalsschlag nicht mehr verkraftet. Zwar versuchte er in Moskau, wo er im September 1914 eine Wohnung fand, seine Publikationsarbeit fortzusetzen. Jedoch begrenzten Krieg und Krankheit seine Schaffenskraft, so dass diese Pläne ihm am Ende misslangen. Ende Januar 1915 musste sich Vater Alexej zur Kur nach Kislowodsk begeben. Dort entschlief er im Herrn in der Nacht vom 28. Zum 29 April 1915. Dies war fast auf den Tag genau einen Monat nachdem sein getreuer Mitstreiter Priester Vasilij Goecken zu Gott heimgekehrt war. Seine sterbliche Hülle wurde nach Petrograd überführt und dort auf dem Friedhof der Lawra des heiligen Aleksander Newskij beigesetzt. Sein Andenken, wie das aller übrigen orthodoxen Priester, die sich mit ihrer Arbeit und Mühe um die Feier der Göttlichen Liturgie in deutscher Sprache verdient gemacht haben, sollte unter den deutschsprachigen orthodoxen Christen auch in Zukunft bewahrt werden. Ewiges Gedenken!

 

 

Der selige Prokopius von Ustjug und Lübeck,

Narr in Christo

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

 Wenn in Norddeutschland orthodoxe Gemeinden ihre Kirchen dem Gedächtnis des seligen Prokopius, einem Narren in Christo, der in der Hansestadt Lübeck das Licht der Welt erblickte, weihen,  so bedeutet das nicht nur ein Gedenken an einen aus dieser Region stammenden Heiligen, sondern die orthodoxen Gläubigen versammeln sich damit zugleich um einen von der Gnade Gottes erleuchteten Menschen, an dessen Leben die verborgenen Wege Gottes für uns sichtbar werden.

 

Der selige Prokopius von Ustjug und Lübeck war ein Narr in Christo. Er wurde im 13. Jahrhundert in der deutschen Hansestadt Lübeck geboren und starb im Jahre 1303 in Weliki Ustjug). Der heilige Prokopius war ein Hansekaufmann. Sein westlicher Name war möglicherweise Jacob Potharst.

 

Es waren wirtschaftliche Interessen, die deutsche Hanse-Kaufleute, in eines der wichtigsten Handelszentren im Ostseeraums führten: Veliki Nowgorod, eine stolze Stadtrepublik freier Bürger mit einem riesigen Gebiet, das bis zum Weißen Meer reichte.

 

Zugleich war Nowgorod mit seinen zahlreichen Kirchen und Klöstern, die noch heute gleich Perlen an einer Schnur im Zentrum der Stadt zu finden sind, das Zentrum des orthodoxen Glaubens in hohen Norden. Von hier aus wurden die Karelier missioniert und damit die orthodoxe Kirche in Finnland gegründet. Die Kathedrale der Stadt ist der geheimnisvollen Göttlichen Weisheit (Sophia) geweiht. Vom Ruf der göttlichen Weisheit wurde auch das Herz dieses jungen Hansekaufmanns angerührt: „„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; und dann komm und folge Mir nach!“ (Matthäus 16:21)

 

Der Eindruck der heiligen Ikonen, die schlichte Eleganz der Nowgoroder Kirchen und die Gottesnähe der dortigen  orthodoxen Gottesdienste, die zuvor schon die Gesandten des heiligen Großfürsten Wladimir in Konstantinopel so sehr angesprochen haben, dass sie sich im Himmel wähnten und der Kiewer Rus dieses Christentum als den wahren Glauben empfahlen, zogen den jungen Mann unwiderstehlich an. Prokopius wiederfuhr aber nicht die Faszination des Exotischen, sondern Christus legte seine Hand auf sein Herz. Es widerfuhr dort etwas, das der Akathist zum seligen Prokop im 2.Kondakion mit den Worten ausdrückt, dass er „von der Liebe zum orthodoxen Glauben verwundet“ worden ist. Die Liebe Gottes die diesem jungen Mann begegnete ist eine Verwundung, die den Menschen wirklich in Mark und Bein trifft, oder wie die Heiligen sagen: die uns mitten ins Herz trifft und dadurch unser Leben unwiderruflich und für immer verändert.

 

So wandte er sich an den Igumen eines der Nowgoroder Klöster, einen Starez, den heiligen Varlaam Chutynski. Von ihm im orthodoxen Glauben und der christlichen Lebensweise unterwiesen empfing er die orthodoxe Taufe. Die Einladung des Herrn, um der Vollkommenheit willen den Reichtum zu verschenken und Ihm nachzufolgen, wurde diesem in der Stadt reich gewordenen Geschäftsmann zur persönlichen Anrede Gottes. Nach dem Tod seines Vaters verteilte der Lübecker Kaufmann den im Handelskontor Peterhof erworbenen Wohlstand und Reichtum unter den Armen und trat dann um das Jahr 1300 in das Kloster in der Stadt Nowgorod ein, dem der heilige Warlaam Chutynski als Abt vorstand und erhielt dabei den Mönchsnamen Prokopius in Erinnerung an Prokopius von Cäsarea.

 

Doch auch unter seinen klösterlichen Mitbrüdern blieb der zukünftige Heilige der Fremde mit einer anders gearteten Mentalität, eben der westliche Ausländer in Nowgorod, ein Zuwanderer aus Norddeutschland in die fremde russische Kultur. Der junge Mönch hatte das Ziel seines Lebens, die bedingungslose Gemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott, noch nicht erreicht.

 

Das Problem jedes geistlich suchenden Menschen, die eigene Eitelkeit und den durch die Leidenschaften in uns eingewurzelten Egoismus zu überwinden, trieben den Mönch Prokopius noch weiter aus der vertrauten Lebenswelt hinaus. Er wollte die große Kluft zwischen dem gesunden Menschenverstand, der unseren Alltag prägt, und dem Hören auf die göttliche Weisheit, die durch das Evangelium Christi zu uns spricht, überwinden. So besann sich Prokopius auf die Predigt des heiligen Apostels  Paulus, der mit der Torheit des Kreuzes in der Nachfolge Christi die Klugen in der Gemeinde zu Korinth konfrontiert hatte: „„Wir sind Narren um Christi willen. Ihr dagegen seid kluge Leute in Christus.“ (1. Korinther 4:10). Prokopius verlies nun nach einigen Jahren das Kloster mit Erlaubnis des Abtes, erbat sich dafür drei schwere Schüreisen, um eine Last auf der Schulter tragen zu können nach dem Wort Jesu: "Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will, verleugne er sich und nehme sein Kreuz auf sich" (Lukas 9:23).

 

Prokopius nahm die in Russland bis dahin unbekannte Lebensform eines Narren in Christo  an. Vorbilder für diesen besonderen Weg der Askese hatte es nur wenige in Byzanz gegeben. Der berühmteste unter den byzantinischen Narren in Christo ist der heilige Andreas Saloi,  der den verzweifelten Einwohnern Konstantinopels angesichts eines feindlichen Ansturms im 10. Jahrhundert mit einer Vision der Gottesmutter, die ihren Schleier schützend über die Gläubigen in der Blachernen-Kirche und über die ganze Stadt breitete, Trost und Zuversicht gespendet hatte. Die orthodoxe Kirche gedenkt der wunderbaren Rettung Konstantinopels durch die Hilfe der Gottesmutter mit dem Pokrow-Fest (Maria-Schutz-und-Fürbitte) am 01. Oktober.

 

Der heilige Prokopius führte nun das Leben eines Narren um Christi willen, das heißt, er lebte als Obdachloser verachtet am Rande der Gesellschaft. Damit verbunden war ein provokantes Auftreten jenseits gesellschaftlicher Konventionen: Ein völlig verwahrlostes Äußerliches, Missachtung der Fastentage, provokante Diebstähle an Marktständen, zweideutiges Verhalten gegenüber stadtbekannten Huren etc. Damit erregte er tagsüber den Ärger der Bevölkerung, während er die Nächte mit Gebet und Bußübungen verbrachte.

 

Diese öffentliche Wahrnehmung nahm der heilige Prokopius zum Anlass, seine innere asketische Emigration aus der Welt auch äußerlich konsequent fortzusetzen, indem er sich zu Fuß immer weiter nach Osten begab. Prokopius durchwanderte auf seinen Weg fast undurchdringliche Wälder und menschenleeres, unwirtliches Gelände. Über die Orte Tichwin, Belozwersk und Wologda gelangte er schließlich nach Welikij Ustjug im äußersten Osten des Nowgoroder Gebiets, rund 1000 km Luftlinie von der Handelsmetropol entfernt. Auch hier lebte er obdachlos auf einem Müllabladeplatz oder auf den Treppen einer Kirche schlafend. In Weliki Ustiug begann dann seine eigentliche Wirksamkeit als prophetische Existenz. Prokopius wirkte hier aber abgesehen  von seinen unablässigen und ungern gehörten Rufen zur Umkehr in Fasten und Beten, nicht mit Worten, sondern durch sein Leben, das als solches zum geistlichen Zeichen und zur beständigen Mahnung wurde.

 

In Weliki Ustjug prophezeite der heilige Propkopius, dass ein riesiger Meteorit drohe, die Stadt zu zerstören. Durch seine Fürbitten und Gebete hat er die Stadt Weliki Ustjug vor diesem Kometeneinschlag bewahrt. Der Himmelskörper schlug dann rund 30 Kilometer entfernt ein. Der Einschlagskrater ist noch heute zu sehen. Vor einem einfachen Mädchen fiel der Heilige  auf die Knie gefallen und weissagte ihr, sie werde die Mutter des künftigen Bischofs von Perm werden. Die Permjaken, ein finnisches Volk, war damals noch heidnisch. Tatsächlich wurde ihr Sohn, der heilige Stephan zum Erleuchter dieses Volkes in Nordrussland und zum ersten Bischof von Perm.

 

Als der heilige Prokop den Tod nahen fühlte, legte er sich in den Schnee und wurde erst bei der Schneeschmelze gefunden. Die Reliquien des heiligen Prokopius befinden sich in der im Jahre 1668 errichteten und ihm geweihten Kathedrale in Weliki Ustjug. Auch an der Fundstelle seines Leichnams steht ebenfalls eine ihm geweihte Kirche. Die Heiligkeit und rechtmäßige Verehrung des gerechten Prokopius, des Narren in Christo Prokopius wurde im Jahre 1547 von einer Synode in Moskau bestätigt.

 

Die orthodoxe Kirche verehrt die heiligen Ikonen als Bekenntnis zur Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die heiligen Ikonen sind aber keine fotografischen Porträts mit innerweltlicher Sichtbarkeit wie es uns die Momentaufnahmen mit der Fotokamera vermitteln, sondern sie lassen für uns wesentlichen Züge des Heiligen im Zustand der Theosis, also in der gnadenhaften Verklärung durch den Heiligen Geist, aufscheinen. Hierbei können wir mit den geistlichen Augen unseres Herzens das besondere Charisma, also das eigene geistliche Profil des jeweiligen Heiligen, schauen.

 

Wegen dieses besonderen geistlichen Profils wurden dem heiligen Prokopius von Ustjug und Lübeck dann nach dem zweiten Weltkrieg auch verschiedene orthodoxe Kirchen in Deutschland geweiht. Denn als nach dem zweiten Weltkrieg erneut hunderttausende Flüchtlinge und Emigranten vor der stalinistischen Diktatur und dem Nachkriegselend in Osteuropa gen Westen flüchteten und unter anderem in Norddeutschland eine neue Heimat suchten, fanden sie in diesem deutschen Narren in Christo, der als Emigrant in umgekehrter Richtung alle Bindungen an weltliche Heilsversprechen aufgegeben hatte, eine sowohl die verschiedenen Völker verbindende, als auch eine geistlich Vorbildgestalt. Sie fühlten sich diesem Lübecker Kaufmannsohn, der Christus und Seine orthodoxe Kirche so sehr liebte, dass er dafür seine Heimat verlassen hatte, in besonderer Weise seelenverwandt und verbunden. Das heilige Leben des Prokopius war ihnen ein geistliches Wegzeichen, dass vor Gott nicht die geografische oder kulturelle Herkunft zählt, sondern nur das aufrichtige Herzensbekenntnis zu Seiner alles verändernden Herrlichkeit. Deshalb weihten sie dem heiligen Prokopius von Lübeck und Ustjug auch ihre neu erbauten oder in anderen Räumlichkeiten eingerichteten Kirchen und öffneten dann die dortigen orthodoxen Gemeinden auch für geistlich suchende andersgläubige Menschen. Die russischen Flüchtlinge fanden sich dort mit religiös suchenden deutschen Menschen zu orthodoxen Gemeinden zusammen, die aus der geistlichen Überzeugung heraus lebten, dass die  wahre Heimat der Christen das Reich Gottes ist.

 

So ist der heilige Prokopius gerade in einer Zeit, in der sich allzu viele in unserem Lande erneut vor heimatlosen und in Not geratenen Menschen  ängstigen, ein starker Fürbitter bei Gott. Zugleich ruft uns sein geistliches Beispiel zu echter Mitmenschlichkeit und Empathie auf.

 

Auf vielen Ikonen wird der heilige Prokopius zusammen mit dem heiligen Johannes von Ustjug dargestellt, der ebenfalls ein Narr in Christo war. Der Gedenktag des heiligen Prokopius ist der 8. Juli.

 

Troparion des heiligen Prokopius (4. Ton)

 

Von der Gnade Gottes erleuchtet, Gottweiser, hast Herz und Sinn du ganz von dieser Welt unwandelbar zum Schöpfer ausgerichtet. In Lauterkeit und großem Dulden, den Glauben unversehrt bewahrend, hast du den Lauf des Lebens gut vollendet. Deswegen erschien auch nach deinem Tod die Leuchtkraft deines Lebens, denn als unerschöpfliche Quelle von Wundern strömst du allen, die gläubig eilen zu deinem heiligen Grab. Allseliger Prokop, bitte Christus, unseren Gott, dass Er uns errette.

 

Kondakion des heiligen Prokopius (4. Ton)

 

Durch die Narrheit um Christi willen durchquertest du auf den Händen der Engel ungehindert die Zollstationen zwischen der Erde und dem Himmel, wurdest der Schau des Thrones gewürdigt, und Christus, der König aller, empfing dich und schenkte dir heilende Gnade. Durch deine vielen Wunder und seltsamen Zeichen Aber erstauntest du alle in deiner Stadt Welikij Ustjug. Da du deinem Volk Erbarmen erflehtest, ging aus dem kostbaren Bild der Allheiligen Gottesgebärerin durch dein Gebet Myron hervor, und die Kranken wurden geheilt. Daher bitten wir dich, wundertätiger Prokopius, erflehe von Christus, Gott, unablässig unserer Sünden Vergebung.

 

 

Über die Sünden

 

Metropolit Antony (Bloom) von Suroš

 

Für viele Menschen gehören Sünden nicht zum Alltagsleben der modernen Welt. Sie stellen in ihren Augen einen Anachronismus dar, sind nicht mehr zeitgemäß. Man will sich nicht vorschreiben lassen, wie man zu leben habe und schon gar nicht mit dem moralischen Zeigefinger gedroht bekommen. Nicht selten ruft die Erwähnung des Begriffes „Sünde“ sogar ein ironisches Lächeln hervor: „Von diesen moralin-sauren Vorschriften ist der heutige Mensch zum Glück frei“ scheint es auszudrücken und gleichzeitig schwingt dabei mit, dass die Sünde eine süße Verlockung ist und die Übertretung von Geboten dem persönlichen Genuss zu Gute kommt, ja dass gerade das Versuchen des Verbotenen besonders lustvoll ist. Brave Menschen kommen in den Himmel, böse überall hin.

 

In vielen Gebeten bitten wir um die Vergebung unserer Sünden, unserer Schuld. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ heißt es im Vaterunser, dem Gebet des Herrn. Folgende Fragen habe ich mir dazu oft gestellt: Welche Schuld habe ich denn schon groß auf mich geladen? Kann man überhaupt leben, ohne täglich eine der vielen „kleinen Sünden“ zu begehen? Reicht es nicht, sich an die Zehn Gebote zu halten? Wir alle machen doch Fehler. Ist das denn gleich „Sünde“? Das Leben fordert mir viel ab; warum soll ich mir das Leben noch schwerer machen, indem ich mich als Sünder begreife? Glaube soll doch aufbauen, die Auseinandersetzung mit meinen Sünden zieht mich aber runter.

 

Früher wusste ich nicht, was mit dem Begriff der Sünde überhaupt gemeint ist. Die kürzeste und zugleich umfassende Definition gab mir unser Priester: Sünde ist alles, was sich zwischen dich und Gott stellt und alles, was sich zwischen Dich und deine Mitmenschen stellt. Das erinnert stark an das Liebesgebot aus dem Neuen Testament „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte und aus allen deinen Kräften. Dies ist das erste und größte Gebot. Ein zweites aber ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22:37-39)

 

Sünde ist, was dich von deinem Nächsten entfernt. Das ist unendlich viel. Die Aufmerksamkeit, die du dem anderen verwehrst. Wenn du ihn nicht ernst nimmst. Wenn du ihm etwas unterstellst. Wenn du nicht aufrichtig zu ihm bist. Wenn du mehr auf deinen eigenen Vorteil bedacht bist. Wenn du ihn verletzt oder traurig machst. Wenn du ihn in eine Notlage versetzt. Wenn du ihm Hilfe verwehrst.


Viele dieser Sünden begeht man jeden Tag. Manchmal willentlich, manchmal unabsichtlich. Mir wurde klar, dass Sünde nicht die eine große, böse Missetat ist, sondern sehr alltäglich. Wir begehen täglich Sünden, die uns von unseren Mitmenschen entfernen. Wie ist das denn auch zu schaffen, immer aufrichtig zu sein und jedem gerecht zu werden? Es ist für uns nicht zu schaffen. Aber Gott ist alles möglich. Durch unser Bemühen und die Gnade Gottes haben wir die Chance, unser Leben zu verbessern.

 

Mag sie auch noch so alltäglich sein, jede Sünde wiegt schwer. Und es ist nicht an uns, den Grad ihrer Schwere zu bestimmen. Jede Sünde haben wir sehr ernst zu nehmen. Und es ist nicht unser Recht, sie uns selbst zu verzeihen. Aber wir haben allen Anlass, auf die Gnade Gottes zu hoffen, dass er so barmherzig ist, uns die Vergehen nicht anzurechnen, obwohl wir es nicht wert sind.

 

Es heißt „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Wenn wir also, statt zu versuchen mit aller Kraft unseren Herrn zu lieben, uns hinreissen lassen, all unsere Energie ausschließlich in unseren Beruf, in Hobbies und Zerstreuung zu investieren, wenn unser Leben bestimmt ist von der Liebe zum Auto, zum Computer, zu Essen und Trinken, das ganze Jahr darauf ausgerichtet ist, einen schönen Urlaub zu machen, der Fußballclub, die Pop-Gruppe, das schöne Haus mit Garten unser Herz ausfüllen, machen wir uns schuldig. Denn es ist klar, dass wir uns dadurch von Gott entfernen. Und Sünde ist alles, was sich zwischen Gott und dich stellt.

 

Wenn wir es vorziehen, uns und unsere Wünsche in den Vordergrund zu stellen, werden wir sündig. Weil wir uns dadurch vom Mitmenschen entfernen und von Gott. Nur wenn wir versuchen, weniger uns selbst zu leben, können wir uns von der Sünde entfernen.

 

Es gibt Sünden, die Jesus selbst benennt: „Aus dem Herzen des Menschen kommen böse Gedanken und mit ihnen Unzucht, Diebstahl und Mord; Ehebruch, Habsucht und Niedertracht; Betrug, Ausschweifung und Neid; Verleumdung, Überheblichkeit und Unvernunft“ (Markus 7:21-22). Darüber hinaus kennen wir die Achtlasterlehre nach Evgarius Ponticus. In ihr werden Völlerei, Unzucht, Geiz, Zorn, Traurigkeit, Trägheit, Eitelkeit, Stolz als zentrale Sünden, die häufig andere Sünden nach sich ziehen, identifiziert. Diesen Sünden ist eins gemeinsam: Immer steht das Ich im Vordergrund, die eigenen Wünsche und Empfindungen.

 

Warum ist es nötig, sich mit seinen Sünden auseinander zu setzen? Wo es doch ein so quälender Prozess ist, dem man gerne aus dem Weg gehen möchte. Wo es mir doch so schwer fällt, mich wirklich auf Gottes Gebot einzulassen, vor dem meine Sünden auf einmal ganz klar werden. Und wo es so schnell passiert, wieder die richtige Sichtweise zu verlieren und großzügig mit seinen vermeindlich kleinen Vergehen umzugehen.

 

Wenn wir Jesus nachfolgen wollen, dann gibt es nur den einen Weg, den Er selbst beschreibt: „Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und hinter mir her gehen.“ (Markus 8:34-37). Wenn eben gerade dies Sünde ist, nur sich und seinen eigenen Wünschen zu leben, anstatt sie aufzugeben und für Gott und die Mitmenschen zu leben, dann ist es klar, warum der Weg, auf den Jesus uns ruft, nur über die Auseinandersetzung mit der Sünde führen kann. Ich glaube, der ernsthafte Kampf mit den eigenen Sünden ist ein Teil dessen, was „sein Kreuz tragen“ bedeutet. Zur Ernsthaftigkeit gehört dazu, nicht den Grad der Sünde ermessen zu wollen, sondern selbst anscheinend „kleine Sünden“ vollkommen wichtig zu nehmen und nicht eigene mit den Sünden anderer zu vergleichen.

 

Wie beichtet man?

Beichte so, als ob es das letzte Mal wäre und die Stunde deines Todes schon gekommen ist.


Beichte so, als ob es die letzte Möglichkeit sei, wo du auf dieser Erde deine Reue zeigen kannst für dein ganzes bisheriges Leben, bevor du in die Ewigkeit eintrittst. Denn danach wirst du vor dem Gesicht Gottes stehen. Betrachte es so, als ob es die letzte Stunde ist, in der du von deinen Schultern die Last deines langen unwahren Lebens und die Sünde abwerfen kannst und du die Möglichkeit hast, als freier Mensch in das Königreich einzugehen. Wenn wir so über die Beichte denken und so beichten werden, wissend und sich nicht nur vorstellend, sondern mit ganzer Entschlossenheit wissend, dass wir zu jeder beliebigen Zeit sterben können, würden wir keine sinnlosen (leeren) Fragen stellen. Dann könnte unsere Beichte eine aufrichtige und wahrhaftige Beichte sein. Wir würden nicht versuchen die schweren uns selbst anklagenden, uns demütigenden Worte zu umgehen.


Wir würden sie mit der ganzen Strenge der Wahrheit aussprechen.


Wir würden uns nicht überlegen, was wir sagen oder worüber wir zu sprechen haben oder worüber wir nicht zu sprechen brauchen.


Wir würden all das, was in unserem Bewusstsein Unwahrheit oder Sünde ist frei aussprechen, alles was in der menschlichen Natur eines Christen unwürdig macht. Es würden in unseren Herzen keine Gedanken der Selbstverteidigung aufkommen. Wir würden uns keine Frage stellen, ob wir dies oder jenes sagen sollten.


Wir würden uns bewusst sein und wissen, womit wir in die Ewigkeit eingehen dürfen und was uns daran hindert. So also lautet die Antwort, wie man beichten soll, und das ist einfach, es ist erschreckend einfach.


Wir tun es nicht, da wir uns vor der erbarmungslosen und der direkten Offenheit vor Gott und den Menschen ängstigen.


Vor 2000 Jahren ist Christus auf die Erde gekommen. Er lebte unter uns- der Erlöser ist gekommen, um uns zu finden, uns die Hoffnung zu geben, uns durch die göttliche Liebe zu überzeugen, dass alles möglich ist, wenn wir an Ihn glauben und an uns selber auch. Aber jetzt naht die Zeit, wo Er vor uns stehen wird in der Stunde unseres Todes oder der Stunde des letzten Gerichtes.

 

Er wird uns weiterhin vor Augen sein als der gekreuzigte Christus, mit angenagelten Füßen und Händen und verletzt von der Dornenkrone und wir werden sehen, dass Er gekreuzigt ist, weil wir gesündigt haben. Er starb, weil wir das Todesurteil verdient haben, weil wir die ewige Verdammnis verdient haben.


Er ist zu uns gekommen, wurde einer von uns, lebte unter uns und ist für uns gestorben. Was aber werden wir dann sagen? Das Gericht wird nicht darin bestehen, dass Er uns verurteilen wird. Das Gericht wird darin bestehen, dass wir Denjenigen sehen werden, den wir mit unseren Sünden getötet haben. Wir werden Den schauen, Der mit seiner ganzen Liebe vor uns stehen wird. Und damit wir das vermeiden konnten, müssten wir zu jeder Beichte so herantreten, als ob das die Stunde unseres Todes wäre, der letzte Augenblick unserer Hoffnung vor dem was wir sehen werden.

 

 

Über das Jesusgebet

 

Der Wortlaut des Jesus-Gebetes lautet:

 

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner des Sünders.

 

In der griechischen Bibel ist Herr (griechsch: Kyrios) die häufigste Bezeichnung für Gott. Wer sich der Herrschaft Gottes unterwirft, wird frei von der Abhängigkeit von Neid, Eifersucht, Kritiksucht, üble Nachrede, Bosheit, Groll, Zorn, Begierde, Genusssucht, Habsucht, Ehrsucht, Hochmut, Trägheit und Angst. Es gibt Menschen, die meinen, von all dem frei zu sein. Allerdings nehmen sie bei anderen diese Fehler deutlich wahr. Der Weg des Gebets hingegen öffnet die Augen für die eigenen Fehler, Vergehen, Nachlässigkeiten und Sünden.

 

Der Name Jesus bedeutet Heiland, Erlöser, Retter, Befreier. Er allein kann dem Menschen helfen, frei zu werden, wenn dieser bereit ist, an sich zu arbeiten. Christus bedeutet Gesalbter, Messias. Er hat den Menschen erlöst, Er ruft ihn im Tod zu sich, Er erscheint am Jüngsten Tag, an dem alles offenbar wird, was bisher verborgen war. Er ist der Sohn Gottes. Der Vater hat Ihm das Gericht übergeben, die Vollmacht, alles in Seinem Namen zu tun.

 

Die Heiligen Schrift sagt uns zum Jesusgebet

 

Das orthodoxe Jesusgebet geht auf Worte der Heiligen Schrift zurück. "Niemand kann sagen: Herr ist Jesus, außer im Heiligen Geist" (1. Korinther 12: 3). Der Heilige Geist ist in diesem Gebet gegenwärtig. Petrus bekennt: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Matthäus 16: 16). Der erste Teil des Jesusgebets ist ein Glaubensbekenntnis sowie Lob Gottes und Dank.

 

Ein blinder Bettler ruft in der Nähe von Jericho: "Jesus, Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner" (Lukas 18: 38). Der Zöllner wagt nicht, seine Augen zum Himmel zu erheben, schlägt an seine Brust und sagt: "Gott, sei mir Sünder gnädig" (Lukas 18: 13).

 

In innerer und äußerer Not ruft der Mensch im zweiten Teil des Jesusgebets um Hilfe und bekennt seine Schuld. Der Zusatz "des Sünders" wird erstmals vom heiligen Altvater Nil Sorskij († 1508) bezeugt. Im 19. Jahrhundert findet sich in Briefen der Starzen von Optina Makarij (Ivanov), Amvrosij (Grenkov) und Anatolij (Zercalov) diese adaptierte Fassung. Der heilige Altvater Amvrosij teilt uns diesen Wortlaut mit: "erbarme dich unser der Sünder".

 

Wie wir das Jesusgebet einüben können

 

Das Gebet wird zunächst mündlich gesprochen. Wer allein ist, kann es hörbar beten. In der Heiligen Schrift finden sich unterschiedliche Körperhaltungen beim Gebet: Stehen, Knien, Liegen, Sitzen, Gehen. Dementsprechend kann auch das Jesusgebet in der Haltung geübt werden, die sich aus den jeweiligen Lebensumständen ergibt.

 

Wenn ablenkende Gedanken kommen, wird das Gebet trotzdem einfach ruhig wiederholt. Es ist wichtig, nicht gegen die Gedanken selbst anzukämpfen, sondern dem HERRN das Gebet zu übergeben. Geduld und Ausdauer sind notwendig, wenn der Friede nicht gleich eintritt. Die Welt kann diesen Frieden nicht geben (vgl. Johannes 14: 27).

 

Es gibt zahlreiche Missverständnisse; daher muss gesagt werden, was das Gebet nicht ist. Es ist kein Denkvorgang, keine intellektuelle Anstrengung oder gar Gedankenspielerei. Es ist keine Selbsthypnose. Es ist kein Talisman, der Glück bringt und vor allen Gefahren schützt. Es ist kein Mechanismus, der nach einer genau kalkulierbaren Zeit zum Erfolg führt.

 

Manche Menschen interessieren sich brennend für höhere Gebetsstufen, für das Herzensgebet und für das geistgewirkte Gebet. Sie sind aber nicht in der Lage, stillzusitzen und sich eine Zeitlang mit Hingabe dem mündlichen Gebet zu widmen. Sie können Kränkungen nicht verzeihen und kreisen nur um sich selbst. Sie wollen den hundertsten Schritt im Gebet vor dem ersten tun.

 

Beten bedeutet, sich der Hand Gottes zu überlassen (vgl. Psalm 30: 6 ). ER entscheidet, wie der Weg des Gebets verläuft. Wenn es viele Jahre dauert, bis sich Ruhe und Friede einstellen, ist dies Gottes Wille und deshalb Seine Sache. Der Mensch sollte allerdings dafür sorgen, soweit dies in seiner Verfügung steht, sein Leben so zu gestalten, dass das Gebet im Mittelpunkt steht.

 

Dies bedeutet nicht unbedingt, einen großen Teil des Tages dem Gebet zu widmen. Außerhalb der Klöster ist dies den meisten Menschen gar nicht möglich. Aber im Laufe des Tages kann jeder von uns immer wieder das Jesusgebet sprechen. Das Gebet ist wie unser Menschsein: Es geht von Gott aus und kehrt zu IHM zurück. Wenn wir das Jesusgebet einüben, so wird im Laufe der Zeit auch unser Alltag mehr und mehr vom Gebet geprägt werden.

 

Das Jesusgebet ist ein Gebet der heiligen Kirche

 

Wer betet, wird bald auf Schwierigkeiten treffen, die er allein nicht lösen kann. Hier sind der Rat und die Führung Erfahrener notwendig. Hier ist die Anleitung durch unseren Beichtvater notwendig.

Auch können uns Mönche und Nonnen auf unserem Weg ins geistliche Leben mit ihrem erfahrenen Rat begleiten. Wer aber niemanden findet, mit dem sich über seine geistliche  Situation besprechen kann, sollte orthodoxe Bücher lesen, in denen vom geistlichen Leben, von der Kirche und von der Einübung ins Gebet die Rede ist. Auch die Lebensbeschreibung der orthodoxen Heiligen sind hier für uns ein großer Schatz.

 

Wer nie oder nur selten zum Gottesdienst in die Kirche geht, wird auch nicht im Gebet vorwärtskommen können. Notwendig sind deshalb das gemeinsame liturgische Gebet in den Gottesdiensten der orthodoxen Kirche, der regelmäßige Empfang der Heiligen Sakramente, die geistliche Lesung (Heilige Schrift, geistliche Werke) und der dauerhafte Versuch, uns mit der Hilfe Gottes zu bessern und unsere Fehler Schritt für Schritt zu überwinden.

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Die Večernja - der orthodoxe Abendgottesdienst

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Kirche betet das Stundengebet als Gebet der gesamten Kirche, das heißt, nicht nur Mönche und Nonnen vollziehen dieses Gebet in den Klöstern, sondern auch in den  Kirchengemeinden findet die Vesper zumindest am Samstagabend als dem Beginn der sonntäglichen Gottesdienste statt. Auch fromme orthodoxe Christen beten die Vesper als Lesegottesdienst zu Hause. Dabei folgen sie einer Ordnung, die auch in Skiten, die über keinen Priestermönch verfügen, Anwendung findet.

 

In vielen Kirchengemeinden ist die Vesper das Abendgebet der Gemeinde. Nach orthodoxer Tradition endet der Tag am Spätnachmittag mit der neunten Stunde. Mit dem Vespergebet beginnt dann ein neuer liturgischer Tag, denn in der Heiligen Schrift heißt es: Es wurde Abend und es wurde Morgen - erster Tag (Genesis 1:5b). Deshalb wird der Vespergottesdienst am Abend, das heißt liturgisch zum Sonnenuntergang, vor den Sonntagen oder Festtagen der Heiligen gefeiert.

 

Die Grundlage des kirchlichen Abendgebetes ist das abendliche Weihrauchopfer im Tempel in Jerusalem. Deshalb ist die Vesper der Gottesdienst in der orthodoxen Kirche, der am stärksten von alttestamentlichen Texten geprägt ist. Er stellt ein Gedächtnis des Heilswirken Gottes im Alten Bunde dar, das sich im Kommen Christi vollendet hat. Während des liturgischen Geschehen werden wir Zeuge der Schöpfung, der Vertreibung aus Paradies sowie des Hoffens und Betens der Gerechten Israels. Das theologisch- liturgische Hauptthema des kirchlichen Abendgebetes ist die "Anabasis". Dieses griechische Wort umschreibt den Vorgang der geistlichen Reifung des Menschen, den geistlichen Weg, der unsere Seelen zum Aufstieges zu Gott führt. Deshalb sprechen die Gebete, Psalmen und wechselnden geistlichen Texte und Lieder der Vesper über den Dank für die Schöpfung und das Leben, über die Spannung zwischen der zeitlichen Vergänglichkeit und der Ewigkeit und vom Aufstrahlen des ersehnten Heilandes in Jesus Christus.

 

Ursprünglich gab es zwei Formen der Vesper. Die eine Form wurde an den Kathedralen und in den Gemeinden gefeiert. Sie wurde Kathedralvesper genannt. Ihr besonders feierlicher Charakter strahlt heute noch in der Liturgie der vorgeweihten Gaben auf, die ja eine Große Vesper mit Spendung der heiligen Kommunion ist. In der Kathedralvesper wurden die Gesänge in antiphonale Gesangsweise vorgetragen, das heißt im Wechselgesang zwischen zwei Chören oder als Wechselgesang zwischen dem Chor und der Gemeinde. Die zweite Form der Vesper, die zur Grundlage unseres heutigen kirchlichen Abendgebetes geworden ist, ist die monastische Vesper. Da die Mönche in den Klöstern häufig nur in kleinen Gemeinschaften lebten, wurde die Vesperordnung so abgewandelt, dass neben dem Hymnengesang die einfache Rezitation von Psalmen auf einem Ton (Leserton) einen breiten Raum einnahm. Die heutige Ordnung der Vesper geht auf das Typikon des Mar Sabas Kloster in der judäischen Wüste zurück. Diese monastische Ordnung aus den Heiligen Land wurde später im Studionkloster in Konstantinopel übernommen. Von dort wurde dieses Typikon zur Grundlage des Gottesdienstes in den Klöster des Heiligen Berges Athos. Im 13. Jahrhundert übernahmen dann auch die Gemeinden diese Ordnung. 

 

Im orthodoxen Abendgottesdienst werden wir liturgisch in die Frühzeit des christlichen Gottesdienstes zurückversetzt. Das Zentrum des gottesdienstlichen Abendgebetes ist der Hymnus "Freundliches Licht". Dieser Gesang reicht bis in das 2. Jahrhundert zurück und wird bereits vom Heiligen Basilius dem Großen als aus der Frühzeit der Kirche stammender abendlicher Lobpreis bezeichnet. Dieser Hymnus zum Sonnenuntergang verweist uns Christen nicht auf das irdische Ende (des Tag), sondern auf den eschatologischen Anfang (in Christus). Schon der heilige Märtyrer Irenäus von Lyon sagt: „Gott wurde zeitlich, damit wir, zeitliche Menschen, ewig werden.“  In der liturgischen Feier und im abendlichen Gebet werden wir zu dem Punkt geführt, an dem sich in der kirchlichen Erfahrung Zeit und Ewigkeit, Erde und Himmel begegnen.

 

Die orthodoxe Vesper besteht in ihrem Aufbau aus zwei Teilen: einem Psalmenteil, der den Lobpreis auf den Schöpfer durch seine Schöpfung beinhaltet, und der abendlichen Feier des Entzünden der Lichter, an dem wir Christus als das Licht des gesamten Kosmos verherrlichen. Dieser zweite Teil hat sein auf Christus verweisendes typologisches Vorabbild im jüdischen Tempelritus des abendlichen Anzündens des siebenarmigen Leuchters im Kirchenschiff des Jerusalemer Heiligtums und dem damit verbundenen abendlichen Vollzug des Weihrauchopfers. Mit dem Untergang der Sonne und vor der hereinbrechenden Nacht werden die abendlichen Lichter entzündet und Christus Gott wird als das nie untergehende Licht besungen. (vgl.: Offenbarung 21:23: "Und die Stadt Gottes (das himmlische Jerusalem) bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm (Christus)".  Mit diesem Abend-Hymnus korrespondiert dann auch der zweite Höhepunkt des Abendgebetes, der Lobgesang des Heiligen Simeon. Dem folgt das Unser Vater und die abendliche, darauf dann die inständige Fürbitte (Ektenija), die beide dann den Schlussteil des kirchlichen Abendgebetes mit dem Hauptbeugungsgebet und dem abschließenden Segen einleiten.