Orthodoxe Perspektive-                                               Ein Magazin zur Förderung des Glaubenswissens orthodoxer Christen

 

 

Liebe Leser der Orthodoxen Perspektive,

nach einer längeren Pause werde demnächst in diesem orthodoxen Online-Magazin wieder neue Beiträge erscheinen.

Jedoch hat es sich inzwischen als dringend notwendig erwiesen, die Gesamtstruktur etwas weniger zeit- und arbeitsaufwendig zu gestalten. So werden Sie in der Zukunft auf dieser Startseite nur noch eine Navigationshilfe zum thematischen Gesamtangebot und die Weiterleitungs-Links zu den neu eingestellten Beiträgen finden.

Bestimmte Unterseiten, die nicht direkt der Information über den orthodoxen Glauben und das kirchliche Leben dienen, werde ich nicht weiter fortführen und ergänzen können. Sie werden deshalb von mir in der näheren Zukunft auch aus dem Textangebot der Orthodoxen Perspektive gelöscht werden.

 

Es grüßt Sie herzlichst in Christo!

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Kurze Navigationshilfe zum thematischen Gesamtangebot des orthodoxen Online-Magazins

Orthodoxe Buchmesse in Hermannstadt

 

Am Donnerstag, den 1. November 2018, erfolgt um 13 Uhr im Foyer des B-Gebäudes der Astra-Bibliothek Hermannstadt/Sibiu die Eröffnung der 18. Auflage der „Nationalen Buchmesse für religiöse Zeitschriften und Publikationen“ (Târgul Na]ional de Carte şi Revistă Religioasă, TNCRR), die traditionsgemäß von dem lokalen Verein „Scriptus“ veranstaltet wird. Die Buchmesse zu religiösen Themen und Inhalten endet am Sonntag, dem 4. November, und kann täglich von 10 bis 20 Uhr am genannten Eröffnungsort besucht werden.

Sämtliche Details der TNCRR 2018 sind auf der Internetseite www.targdecartereligioasa.ro einsehbar.

 

 

NEUERSCHEINUNG:                       Brânduşa Vrânceanu: Ein Brief an unseren Herrn Jesus Christus (Kinderbuch)

 

5,00 €

 

 

40 Seiten • geheftet • durchgängig farbig illustriert

 

Eine Kindheitsgeschichte des heiligen Nektarios von Ägina.

 

  • Aus dem Rumänischen übersetzt von Mihaela Stancu
  • Illustrationen von Ovidiu Gliga
  • 40 Seiten
  • durchgängig farbig illustriert, geheftet

 

Niedergedrückt von Schwierigkeiten, Armut, Hunger, Kälte und Heimweh, schreibt der kleine Anastasios einen Brief an Christus. Wird ihm Gott antworten? Auf welche Weise? Die Antwort auf diese Fragen, findet ihr, liebe Kinder, unter dem Deckel des Buches, das ihr jetzt anguckt. Da werdet ihr auch herausfinden, wer Anastasios geworden ist, als er aufgewachsen ist.

 

Und dem armen Anastasios blieb nichts anderes übrig, als das Gespräch abzubrechen. Schweren Herzens zog er sich in sein kleines Zimmer zurück. Dort angekommen, sank er am Ende seines Papierbettes auf die Knie und brach ganz und gar niedergeschlagen in Tränen aus.

 

Er fühlte sich einsam, sehr einsam, und sehr, sehr ungerecht behandelt. Wie sehr sehnte er sich danach, den Kopf auf die Knie seiner Großmutter zu legen wie damals, als er noch klein war. Und wie wünschte er sich, dass sie ihn streichelte und ihn tröstete! Aber die Großmutter war weit weg, 70 Kilometer entfernt und auch noch durch das Meer von ihm getrennt. So war sein Schmerz allgegenwärtig und erfüllte sein ganzes Inneres.

 

Zu beziehen über:

 

Edition Hagia Sophia
Aerbeckerstr. 8
47669 Wachtendonk
Telefon: +49 / (0)152 / 28 62 57 21
Fax: +49 / (0)911 / 30 84 41 69 08

 

Edition Hagia Sophia E-Mail und Verlagsprogramm:

kontakt@edition-hagia-sophia.de

 

 

Feuillet  

 de l’ exarchat

 

Weiter zur aktuellen deutschsprachigen Ausgabe der Zeitung des Exarchates

vom September 2018

Aktuelles

Institut de Theologie Orthodoxe Saint-Serge

 

Neuer orthodoxer Fernstudiengang in englischer Sprache

 

Brief des Dekan zum neuen Studienjahr

 

 

Gebet der heiligen Altväter von Optina

 

Herr, hilf mir, daß ich mit innerer Ruhe allem begegne, was mir der bevorstehende Tag bringen mag. Hilf mir, mich ganz und gar Deinem heiligen Willen auszuliefern;  zu jeder Stunde dieses Tages unterweise und stütze mich. Welche Nachrichten ich immer im Verlauf des Tages erhalten mag, helfe mir, sie mit ruhiger Seele und in der festen Überzeugung aufzunehmen, daß in allem Dein heiliger Wille geschieht. In allen meinen Worten und Taten lenke meine Gedanken und Gefühle. Bei allen unvorhergesehenen Ereignissen lass mich nicht vergessen, daß alles aus Deiner Hand kommt. Lass mich aufrichtig und vernünftig mit allen Gliedern meiner Familie umgehen, so daß ich keinen von ihnen verwirre und betrübe. Herr gib mir die Kraft zum Durchhhalten, wenn mich Müdigkeit und Erschöpfung überfallen. Lass mich alle Ereignisse im Verlauf des Tages durchstehen. Lenke meinen Willen und lehre mich zu beten, zu glauben, zu hoffen, zu dulden, zu verzeihen und zu lieben. Amen.

 

 

 

Zur Geschichte des deutschsprachigen orthodoxen Gottesdienstes

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Kirche ist mit ca. zwei Millionen Gläubigen heutzutage die drittgrößte christliche Konfession in unserem Lande. Die Existenz orthodoxer Gemeinden und Bistümer in Deutschland ist jedoch nicht Ergebnis einer orthodoxen Missionstätigkeit in Deutschland, sondern verschiedener Zuwanderungswellen von orthodoxen Gläubigen aus den Ländern Ost-, Südosteuropas und des Nahen Ostens. So empfindet und versteht sich die Mehrheit der orthodoxen Christen hierzulande noch mehrheitlich nicht einfach als orthodoxe Christen in Deutschland sondern sind ihrer jeweiligen Herkunftskultur mit einer ganz spezifischen Sprache, kulturellen und nationalen Identität und Mentalität zutiefst verbunden. Andere orthodoxe Gläubige, deren Familien oft schon längere Zeit - zum Teil schon mehrere Generationen – im Lande leben haben sich bereits sprachlich und kulturell an Deutschland, seine Sprache und Kultur angeglichen. Neben einer großen Mehrheit von zu- und eingewanderten Gemeindemitgliedern gibt es in den hiesigen orthodoxen Kirchengemeinden auch eine kleine Zahl deutschstämmiger Konvertiten, die durch eine persönliche Glaubens- und Lebensbiographie ihren Weg zum orthodoxen Glauben  gefunden haben.

 

Da die weitere Zukunft der orthodoxen Kirche in Deutschland, wie sie sich anhand der ähnlich verlaufenden Geschichte der orthodoxen Gemeinden in Nord- und Südamerika prognostizieren lässt, mit einer fortschreitenden sprachlichen und kulturellen Einwurzelung der Gläubigen in das deutsche Umgebungsmilieu verbunden sein wird, lohnt es sich eine Blick zurück in die Geschichte zu werfen. Denn seit beinahe 180 Jahren feiern orthodoxe Christen Gottesdienste in deutscher Sprache. Auch wenn die orthodoxen Gläubigen deutscher Zunge bisher eine verschwinden kleine Gruppe in der multinationalen Gemeinschaft der Orthodoxen in Deutschland sein mögen, eine neue Erscheinung sind sie nicht.

 

Ihren ersten Anfang nahm das orthodoxen Gemeindeleben auf deutschem Boden durch russische Christen. Bereits im 1651 wurde erstmals ein orthodoxer Gottesdienst im ostpreußischen Königsberg für dort handeltreibende russische Kaufleute zelebriert.

 

Danach vergingen nochmals fast fünfzig Jahre, bis in Deutschland die erste dauerhaftere orthodoxe Gottesdienststätte entstand. Auf Anordnung von Zar Peter dem Großen wurde der Priester Gerasim dem russischen Gesandten am preußischen Königshof, Graf Aleksander Glowkin, als Hausgeistlicher zugewiesen. Die ersten orthodoxen Gottesdienste in Berlin fanden dann seit dem Jahre 1718 in einem Raum der damaligen russischen Gesandtschaft und unter Verwendung einer transportablen Ikonostase statt. Doch wurde damals noch keine ständige Hauskirche in den Räumen der russischen Gesandtschaft eingerichtet. Vielmehr wurde zur Feier der orthodoxen Gottesdienste jeweils ein Raum hergerichtet, das heißt, die Kirchenausstattung wurde nach der liturgischen Feier wieder entfernt. Dadurch, dass die orthodoxen Geistlichen in Berlin jeweils dem russischen Gesandten als persönliche Hausgeistliche zugeordnet waren, blieben sie nur solange in der preußischen Hauptstadt, wie der jeweilige russische Gesandte, zu dessen diplomatischen Gefolge sie gehörten, am preußischen Hof akkreditiert war. So war die Dauer des Aufenthaltes der orthodoxen Geistlichen in Berlin damals noch von kürzerer Dauer.

 

Diese Reisekirche fand jeweils ihre Aufstellung in verschiedenen Privathäusern, die von der russischen Regierung zur Unterbringung ihrer Gesandtschaft oder den jeweiligen Gesandten selbst angemietet wurden. Diese Reisekirchen gehörten zur persönlichen Ausstattung des jeweiligen Gesandten, das heißt, sie wurden bei seiner Versetzung an einen anderen Ort samt seiner gesamten Entourage mitgeführt Im Jahre 1746 reiste deshalb die transportable Kircheneinrichtung mit dem russischen Gesandten an dessen neuen Wirkungsort nach London. Erst im Jahre 1764 kam dann aus Holland eine neue Kircheneinrichtung nach Berlin. Diese wurde dann im für die Gottesdienste bestimmten Raum des neuen russischen Gesandtschaftsgebäudes an der Straße ‚Unter den Linden‘ fest eingebaut. Die so entstandene Hauskirche wurde dem heiligen apostelgleichen Großfürsten Wladimir gewidmet, während die ältere, auf- und abbaubare Kapelle der ‚Darstellung des Herrn‘ geweiht gewesen war.

 

Die orthodoxe Hauskirche zu Ehren des heiligen Großfürsten Wladimir war bis zur Errichtung der Friedhofskirche zu Ehren der heiligen apostelgleichen Konstantin und Helena in Berlin Tegel die einzige orthodoxe Kirche in der preußischen Hauptstadt. Die Hauskirche war zugleich mit dem Bezug der neuen russischen Gesandtschaft im Jahre 1837 eingerichtet worden. Diese Gesandtschaft war in einem zweigeschossigen Rokoko-Palais untergebracht. Nach dem Kauf ließ das russische Reich jedoch das Anwesen bedeutend erweitern und verändern. So wurde es in den Jahren zwischen 1840 und 1841 auf drei Etagen aufgestockt. Danach wurde auch die Hauskirche des heiligen apostelgleichen Großfürsten Wladimir in einem der neu entstanden Säle fest eingebaut. Die russische Botschaftskirche war mit Ausnahme der Jahre des Ersten Weltkriegs (1914 bis 1918) alle orthodoxen Christen, aber auch Betern und Gottesdienstbesuchern anderer Konfessionen offen. So zählten in der Wilhelminischen Epoche neben Russen, auch Bulgaren, Griechen, Serben und Rumänen zu den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern. Der Kirchensaal im Botschaftsgebäude bot aber nur höchstens 150 Personen Platz. Für die Griechen ergab sich im Jahre 1905 die Gelegenheit, in der Nähe des Oranienburger Tores im Hof des Privathauses Oranienburger Straße 28 eine eigene Kirche zu errichten, die der Göttlichen Weisheit (Hagia Sophia) geweiht wurde. An dieser neuen Kirche dienten der aus Chicago gesandte Archimandrit Nektarios (Mawrogordatis) und der Diakon Polykarpos (Tomas), der damals noch an der Berliner Universität studierte. Alle anderen orthodoxen Christen kamen in der Botschaftskirche zusammen, in welcher die Gottesdienste deshalb teilweise in kirchenslawischer, teilweise aber auch in deutscher Sprache zelebriert wurden.

 

Auch nach dem ersten Weltkrieg fanden in der Hauskirche zu Ehren des heiligen Wladimir erneut wieder Gottesdienste statt, bis dann mit der Aufnahme diplomatischen Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und der Sowjetunion im Jahre 1922 die Gottesdienste eingestellt werden mussten.

 

 

 

Im Jahre 1773 wurde der bisherige Diakon an der Sankt Petersburger Andreas-Kathedrale, Vater Trifon Kedrin, zum neuen Priester an die Berliner Gesandtschaftskirche berufen. Vom Zeitpunkt seiner Berufung an verfügen wir über regelmäßige genauere Detailangaben über Geschichte und Entwicklung der russischen Gesandtschaftskirche in Berlin.

 

Vater Trifon verstarb am 02. Juli 1782 in Berlin. Der Metropolit von Sankt Petersburg und Nowgorod ernannte daraufhin denTheologietudenten Gawriil Dankow, dessen Amtszeit in Berlin rund fünfzehn Jahre währte, zu seinem Nachfolger. Vater Gawriil verließ anschließend Berlin, um kurze Zeit als Geistlicher für die Angehörigen der russischen Gesandtschaft am sächsischen Hof in Dresden zu dienen. Am 17. Januar 1800 wurde er dann zum Hausgeistlichen der großherzoglichen Erbprinzessin Elena Pawlowna in Weimar ernannt. Vater Gawriil wurde wegen seiner umfassenden Bildung am Hof in Weimar, dem Zentrum der deutschen Klassik, sehr geachtet.

 

Nach dem Weggang von Vater Gawriil kam aus Dresden Vater Joan Tschudowski, um zunächst nur kurze Zeit an der Berliner Gesandtschaftskirche zu dienen ,ehe er als Hausgeistlicher an den Hof der Großherzogin Anna Feodorowna von Sachsen-Coburg-Gotha in Coburg versetzt wurde.

 

Der Grund für diese Versetzung war, dass der neu ernannte Gesandte, Graf David Alopeus, nicht orthodox war. Doch die Abwesenheit von Vater Joan Tschudowski von Berlin dauerte nicht sehr lange. Bereits im April 1813 wurde er in den Rang eines Erzpriesters erhoben und erneut nach Berlin versetzt. Doch die Zeit in Weimar war nicht nutzlos gewesen, denn Vater Joan war in dieser Zeit sehr gut mit der deutschen Sprache, Kultur und Mentalität vertraut geworden. So war Vater Joan nun gut darauf vorbereitet, mit seiner, mit der Rückkehr nach Berlin unmittelbar einsetzenden, Übersetzungstätigkeit der liturgischen Texte die orthodoxe Kirche selbst durch den Inhaltsreichtum ihrer Gottesdienste zur deutschen Umgebung sprechen zu lassen. Die orthodoxe Kirche und ihr Glaubensleben der deutschen Gesellschaft verständlich werden zu lassen - hierin lag der Beweggrund für die nun einsetzende Übersetzungstätigkeit durch Vater Joan. Es war also nicht der Missionsgedanke, der zu einer ersten Begegnung der gebildeten Deutschen in Berlin mit den Gebetstexten der Orthodoxie führte, sondern der Wunsch hierdurch eine Brücke des besseren Verstehens zwischen gebildeten Deutschen und der russischen Kultur in Berlin zu bauen. Hierin setzte Vater Joan Tschudowski seine kulturvermittelnde Tätigkeit aus seiner Weimarer Zeit fort. Zugleich legte er damit aber auch das Fundament für die späteren deutschsprachigen Gottesdienste in Potsdam.

 

 

Zu den Aufgaben des an dieser Berliner Kirche dienenden Priesters, der Lektoren und Kirchensänger gehörte auch die Seelsorge und damit die Feier orthodoxer Gottesdienste für die Angehörigen eines russischen Sängerchors und ihrer Nachkommen, die in der Kolonie Alexandrowka in Potsdam wohnten. Für sie wurde in den Jahren zwischen 1826 und 1829 die russische orthodoxe Alexander-Newskij-Kirche auf dem Kapellenberg im Norden Potsdams errichtet. Durch die schnelle sprachliche und kulturelle Annäherung der russischen Kolonisten und ihrer Nachkommen an ihre deutsche Umgebung verfügte im Mai 1839 der Heilige Synod in Sankt Petersburg, dass die orthodoxen Gottesdienste in Potsdam fortan in deutscher Sprache gefeiert werden sollten. Bereits im Jahr 1836 war für die Berliner Gemeinde durch den zuständigen Metropoliten von Sankt Petersburg und Nowgorod die Erlaubnis erteilt worden, die Göttliche Liturgie auch in deutscher Sprache zu zelebrieren.

 

Gerade die russische Kirche, die im Laufe ihrer Geschichte Angehörige der vielen unterschiedlichen Völker für den orthodoxen Glauben gewinnen konnte, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts in besonderer Weise darauf vorbereitet, diesen Dienst zu tun. Denn die orthodoxen Christen in Südosteuropa waren damals gerade erst dabei, sich mühsam vom drückenden jahrhundertelangen islamischen Joch unter den osmanischen Türken zu befreien. Danach waren sie zunächst besonders darauf ausgerichtet, ihre nun freien orthodoxen Nationen zu festigen und in ihren Ländern moderne Nationalstaaten aufzubauen. So dauerte es noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, bis auch griechische Missionare des Patriarchats in Alexandrien größere Gruppen von Afrikanern für die Orthodoxie zu gewinnen begannen. Heute ist es vor allem die orthodoxe Kirche von Hellas, die die orthodoxe Missionsarbeit besonders unterstützt und fördert.

 

Vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war es jedoch die russische Kirche, die den orthodoxen Glauben bereits zu den Völkern in Sibirien und zu den amerikanischen Ureinwohnern nach Alaska getragen hatte. Sie hatte die Orthodoxie nach Japan, China und Korea, aber auch ins heutige Estland und Lettland gebracht. Bis heute werden orthodoxe Gottesdienste in der russischen Orthodoxie ganz selbstverständlich nicht nur in der kirchenslawischen Sprache, sondern ebenso in vielen weiteren modernen Sprachen in aller Welt gefeiert.

 

 

Deshalb war es gerade die russischen Orthodoxie, die in Deutschland bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts Gottesdienste nicht nur in altkirchenslawisch, sondern ebenfalls auch in der deutschen Landessprache feierte. Der Synodalerlass vom 5. Mai 1839, der festzusetze, dass die Gottesdienste an der orthodoxen Kirche in Potsdam fortan in deutscher Sprache zu feiern seien, bezeichnet zeitlich zugleich den offiziellen Beginn einer bis heute andauernden Aufgabe für alle orthodoxen Bischöfe und Priester in Deutschland: Die neu hinzugekommene Aufgabe der Seelsorge an orthodoxen Christen deutscher Zunge.

 

Die seelsorgerlichen und kulturellen Leistungen von Vater Joan Tschudowski erfuhren am Ende ihre Würdigung in vielfältigen Ehrungen. So wurde ihm anlässlich der von ihm zelebrierten kleinen Weihe der Kirche zu Potsdam im Jahre 1829 das goldene Priesterkreuz, sowie der preußische schwarze Adlerorden 3. Klasse verliehen. Im Jahre 1832 wurde ihm dann auch der Sankt-Annen-Orden 2. Klasse mit Krone verliehen. Achtzigjährig trat der unermüdliche Seelsorger und eifrige Priester in den wohlverdienten Ruhestand. Aber bereits im Jahr 1834 verstarb Vater Joan in Berlin und wurde in der von ihm geweihten Kirche in Potsdam beigesetzt. Sein Übersetzungswerk wurde in späteren Jahren dann in Berlin von Erzpriester Alexej Maltzew weitergeführt.

 

Dem greisen Vater Ioan Tschudowski hatte in Potsdam bereits Vater Sachari Petrow als Diakon und später als Priester geholfen. Als auch dieser Geistliche verstorben war, übernahm Erzpriester Dorimedont Sokolow ab 10.Oktober 1831 die Betreuung beider Kirchen. Auch sein Nachfolger, Erzpriester Wassili Polisadow, versah seinen priesterlichen Dienst in beiden Gemeinden. Offensichtlich hat er zumindest in der ersten Zeit häufiger in Potsdam als in Berlin zelebriert, da zu dieser Zeit Umbau und Übersiedlung der russischen Gesandtschaft fiel.

 

 

Zwei Jahrzehnte nach den ersten deutschsprachigen Liturgiefeiern in Potsdam erschien in deutscher Sprache ein kleines Büchlein „Auszug aus der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus für die russische Colonie Alexandrowka bei Potsdam“. Neben der deutschen Übersetzung wurde hier auch der kirchenslawische Text in lateinischer Schrift abgedruckt.

 

Bald schon wurde die Übersetzungstätigkeit auch von Priestern an anderen russischen Kirchen in den deutschen Ländern aufgegriffen. Während in Berlin die umfassende Übersetzungstätigkeit erst einige Jahrzehnte später von Erzpriester Alexej  Maltzew fortgeführt wurde, entstanden an anderen Orten in der Zwischenzeit weitere wichtige Übersetzungen.

 

In Wien war es Erzpriester Michail Rajewskij, der im Jahre 1862 die dreibändige Übersetzung des priesterlichen Gebetbuches (Rituale, Euchologion) veröffentlichte. Seine geniale Beherrschung der deutschen Sprache setzte bis heute bleibend gültige Maßstäbe. Sie beeinflussten maßgeblich alle weiteren Bemühungen auf diesem Gebiet.

 

Auch in anderen Gemeinden fanden diese ersten deutschsprachigen Textangebote eine wohlwollende, ja begeisterte Aufnahme. Nun war es an der Zeit auch an die nun notwendige musikalische Bearbeitung der deutschsprachigen Liturgieübersetzungen zu gehen. Denn der liturgische Reichtum der orthodoxen Kirche bedurfte nicht nur einer sprachlichen, sondern gerade auch einer gesanglichen Brücke. Nur im Erklingen in aller Schönheit und Fülle werden das Gebet und die liturgischen Vollzüge zur Einheit des orthodoxen Gottesdienstes. Der zelebrierende orthodoxe Priester bedarf notwendig der mit ihm betenden und auf sein Gebet antwortenden Gemeinde. Die gemeinsame Stimme der Gemeinde wird im Gebet geleitet durch den Chor. Der Gesang ist nicht einfach verzierendes Beiwerk, sondern durch den Gesang wird die Fülle der dogmatischen Lehraussagen, die das gesamte liturgische Gebet gleichsam wie Goldfäden durchwirken mitgetragen. Auf der Ebene des kirchlichen Gesangs vollzieht sich der Übergang des gebeten Wortes der in heiligen Kirche in eine geistliche Realität die die Seele der Menschen zu erreichen vermag. Insofern war der nächste Schritt zum deutschsprachigen orthodoxen Gottesdienst der des übersetzten Wortes in das gesungene gebetete Wort.

 

In Wiesbaden bemühte sich Erzpriester Joan Janytschew bereits schon seit geraumer Zeit, den oft allzu monotonen Gesang der zwei Kirchensänger durch den ersten russischen orthodoxen Sängerchor in Deutschland zu ersetzen. Sein Nachfolger Erzpriester Sergi Protopopow, konnte daraufhin schon im Jahre 1891 erstmals vierstimmige Chorsätze zu deutschsprachigen Gesängen der Göttlichen Liturgie veröffentlichen. Erzpriester Joan Janytschew kam dann im Jahre 1858 an die Kirche in Berlin. Vater Joan Janyschew kam zwar nur für ein Jahr nach Berlin, doch brachte er als geistiges Gepäck seine ersten Erfahrungen im orthodoxen Kirchengesang in deutscher Sprache mit. Von diesen praktischen Chorerfahrungen profitierten die deutschsprachigen Gottesdienste in Berlin und Potsdam erheblich. Seine großen Erfahrungen, welche er aus Wiesbaden mitbrachte, sowie seine umfassende Bildung gaben weitere wesentliche Anstöße für den Fortschritt der Übersetzungen der liturgischen Texte.

 

Wenn orthodoxen Christen einen Gottesdienst in deutscher Sprache feiern, so verwenden sie bis heute vielfach noch immer Texte, die einem orthodoxen liturgischen Übersetzungswerk entnommen sind, das inzwischen rund 100 Jahre alt ist. Nicht nur die Textqualität dieser Übersetzung, sondern gerade auch die bis heute unübertroffene Vielfalt und Bandbreite der übersetzten liturgischen Bücher macht den ‚Maltzew‘ bis zum heute Tage fast unverzichtbar.

 

 

Wer aber war der Erzpriester an der Berliner Botschaftskirche, der hinter den deutschen Übersetzungen großer Teile der orthodoxen Gottesdienstbücher steht? Wer war dieser russische Geistliche, der durch seine unermüdliche Übersetzungsarbeit zu einem geistlichen Vater der orthodoxen Christen, die in deutscher Sprache beten wurde?

 

Sicherlich kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass der langjährige Berliner Gesandtschaftsgeistliche Erzpriester Aleksej Maltzew (1854-1916) zu denjenigen gezählt werden muss, denen eine Verwurzelung der Orthodoxie in Deutschland zu verdanken ist. Im Jahre 1886, vier Jahre nach seiner Priesterweihe, kam der damals 32-jährige Vater Alexej nach Berlin. Hier versah er seinen priesterlichen Dienst fast drei Jahrzehnte lang, ehe der Ausbruch des ersten Weltkriegs seinem Schaffen 1914 ein jähes Ende setzte.

 

Die russische Botschaftskirche blieb in den Jahren 1914 bis 1918 wie die meisten der russischen orthodoxen Kirchen in Deutschland geschlossen. In einem sich mehr und mehr chauvinistisch aufladenden politischen und geistigen Klimas wurde allein schon die Abhaltung orthodoxer Gottesdienste als subversiv und die Teilnahme an ihnen als unpatriotischer, ja geradezu feindlicher Akt betrachtet.

 

Priester Vasilij Göcken, der als deutscher Konvertit eine große Stütze für Erzpriester Aleksej Maltzew gewesen ist, konnte jedoch in Tegel und Potsdam bis zu seinem Tode im Jahre 1915 sporadisch orthodoxe Gottesdienste abhalten. Danach zerstreuten sich die verbliebenen Gläubigen unter dem anhaltenden ideologischen Druck mehr und mehr.

 

Wer war eigentlich dieser Vater Vasilij Göcken gewesen? Wie war er zur Orthodoxie gekommen? Vater Alexej Maltzew war, obwohl Priester an einer Botschaftskirche weniger der Typ geistlicher Angehöriger des russischen diplomatischen Personals als zuerst und vor allem orthodoxer Priester und Seelsorger für alle orthodoxen Christen in Berlin, die dies wünschten. Im Gegensatz zu manch anderen russisch-orthodoxen Geistlichen, auch vielen seiner Vorgänger in Berlin, kümmerte sich Vater Alexej nicht nur um die russischen Gläubigen, sondern ebenso intensiv auch um die übrigen Orthodoxen anderer Nationalitäten. Durch die teilweise auch deutschsprachigen Gottesdienste in Berlin hatten hier auch Deutsche ihren Weg in die orthodoxe Kirche gefunden. Wegen dieser Konversionen, aber auch wegen der seelsorgerlichen Arbeit in Potsdam, durch die Vater Alexej den Übertritt der Nachkommen des russischen Sängerchors zur evangelischen Kirche zum Erliegen brachte, gab es massive diplomatische Irritationen zwischen deutschen Behörden und der russischen Botschaft. Vater Alexej lies sich davon jedoch nicht beirren. Wie um alle übrigen Orthodoxen so kümmerte er sich in gleicher Weise um die deutschen Mitglieder der russisch-orthodoxen Gemeinden in Berlin und in Potsdam. Um diese besser seelsorgerlich betreuen zu können sorgte er dafür, dass sein Mitarbeiter Anton Ferdinand Goecken (1845-1915), ein in den Kriegen von 1864 und 1870/71 mehrfach ausgezeichneter Landwehroffizier und späterer Zivilbeamter im Jahr 1894 vom Erzbischof von Cholm und Warschau, Flavian (Gorodeckij), zum Priester geweiht wurde. Vater Vasilij war der Sohn eines preußischen Militärarztes jüdischer Abstammung, doch selbst bereits römisch-katholischer Konfession. Im Jahr 1890 war er zum orthodoxen Glauben konvertiert war und hatte bei der Myronsalbung den Namen Vasilij (Basilius) angenommen. Er war der erste gebürtige Deutsche, der zum orthodoxen Priester geweiht worden war.

 

Obwohl Vater Alexej Maltzew kompromisslos in seiner orthodoxen und priesterlichen Haltung war, war er in all den Jahren seines Dienstes in Deutschland ein kundiger und gefragter Gesprächspartner im Dialog mit anderen christlichen Kirchen. Mit evangelischen, römisch-katholischen und alt-katholischen Theologen trat er in einen fachkundiges theologisches Gespräch. Dabei scheute er sich auch nicht, mit den Heterodoxen in eine publizistische Auseinandersetzung einzutreten. Bemerkenswert dabei ist der theologische Stil von Vater Alexej: Sosehr er seine Positionen zu verteidigen weiß, sosehr vermeidet er stets konsequent jede billige Polemik. Dies gilt auch für jene kirchlichen Gemeinschaften, denen er wenig Sympathie entgegenbrachte, da sie seiner Ansicht nach urkirchliche liturgische Praktiken und Glaubensgüter leichtfertig und überflüssigerweise aufgegeben hatten, nämlich den Anglikanern und Protestanten. Auch die Bewegung der Altkatholiken, die sich damals erst als eigene Konfession richtig zu formieren begannen, brachte er eher Unverständnis entgegen, denn er sah in ihnen vor allem Abweichler von der gemeinsamen altkirchlichen liturgischen Tradition des Ostens und des Westens sah. Aus dem gleichen Denken heraus schätzte er gerade die römisch-katholische Kirche, als zwar nicht vollkommen mit der orthodoxen Kirche übereinstimmend, doch auch nicht unwiederbringlich von ihr getrennt.

 

Unzweifelhaft aber war Berlin zu dieser Zeit die bedeutendste orthodoxe Gemeinde in ganz Deutschland, wobei Vater Alexej Maltzew und Vater Vasilij Göcken alle orthodoxen Christen der Stadt ungeachtet ihrer Nationalität betreut. Seit dem Jahr 1905 bestand dann bis zum Weggang der beiden griechischen Geistlichen bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch die griechische Kirche Agia Sophia in der Oranienburger Straße. Den orthodoxen Friedhof mit der von Vater Alexej und Vater Vasilij ebenfalls betreuten Friedhofskirche zu Ehren der heiligen apostelgleichen Konstantin und Helena in Tegel besuchten und nutzen alle orthodoxen Christen der Stadt: Russen, Griechen, Serben, Bulgaren Rumänen und auch die deutschen Orthodoxen.

 

Von der Aufgeschlossenheit eines Erzpriesters Alexej Maltzew und eines Priesters Vasilij Göcken blieb nach dem Ersten Weltkrieg so gut wie nicht übrig. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war nicht nur eine ganze kulturelle Epoche zu Ende gegangen, sondern auch das orthodoxe kirchliche Leben in Deutschland erwachte unter vollkommen veränderten Vorzeichen. Die Revolutionsereignisse im Russland des Jahres 1917 und der daraufhin ausbrechende russische Bürgerkrieg (1918 bis 1922) veranlassten viele russische Christen ihre Heimat zu verlassen. Sie suchten in verschiedenen Nachbarländern Zuflucht. Diese russischen Emigranten reaktivierten auch in Berlin das orthodoxe kirchliche Leben, jedoch unter nun ausschließlich russischen Vorzeichen. So endete mit dem fast gleichzeitigen Tode von Vater Vasilij und Vater Alexej im Jahr 1915 eine erste historische Entwicklungsphase deutschsprachiger orthodoxer Gottesdienste.

 

Auch Vater Alexej musste wie das gesamte Personal der russischen Botschaft in Berlin unter demütigenden Begleitumständen Deutschland verlassen. Schon seit Jahren schwer an Diabetes leidend, hat er diesen Schicksalsschlag nicht mehr verkraftet. Zwar versuchte er in Moskau, wo er im September 1914 eine Wohnung fand, seine Publikationsarbeit fortzusetzen. Jedoch begrenzten Krieg und Krankheit seine Schaffenskraft, so dass diese Pläne ihm am Ende misslangen. Ende Januar 1915 musste sich Vater Alexej zur Kur nach Kislowodsk begeben. Dort entschlief er im Herrn in der Nacht vom 28. Zum 29 April 1915. Dies war fast auf den Tag genau einen Monat nachdem sein getreuer Mitstreiter Priester Vasilij Goecken zu Gott heimgekehrt war. Seine sterbliche Hülle wurde nach Petrograd überführt und dort auf dem Friedhof der Lawra des heiligen Aleksander Newskij beigesetzt. Sein Andenken, wie das aller übrigen orthodoxen Priester, die sich mit ihrer Arbeit und Mühe um die Feier der Göttlichen Liturgie in deutscher Sprache verdient gemacht haben, sollte unter den deutschsprachigen orthodoxen Christen auch in Zukunft bewahrt werden. Ewiges Gedenken!

 

 

Der selige Prokopius von Ustjug und Lübeck,

Narr in Christo

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

 Wenn in Norddeutschland orthodoxe Gemeinden ihre Kirchen dem Gedächtnis des seligen Prokopius, einem Narren in Christo, der in der Hansestadt Lübeck das Licht der Welt erblickte, weihen,  so bedeutet das nicht nur ein Gedenken an einen aus dieser Region stammenden Heiligen, sondern die orthodoxen Gläubigen versammeln sich damit zugleich um einen von der Gnade Gottes erleuchteten Menschen, an dessen Leben die verborgenen Wege Gottes für uns sichtbar werden.

 

Der selige Prokopius von Ustjug und Lübeck war ein Narr in Christo. Er wurde im 13. Jahrhundert in der deutschen Hansestadt Lübeck geboren und starb im Jahre 1303 in Weliki Ustjug). Der heilige Prokopius war ein Hansekaufmann. Sein westlicher Name war möglicherweise Jacob Potharst.

 

Es waren wirtschaftliche Interessen, die deutsche Hanse-Kaufleute, in eines der wichtigsten Handelszentren im Ostseeraums führten: Veliki Nowgorod, eine stolze Stadtrepublik freier Bürger mit einem riesigen Gebiet, das bis zum Weißen Meer reichte.

 

Zugleich war Nowgorod mit seinen zahlreichen Kirchen und Klöstern, die noch heute gleich Perlen an einer Schnur im Zentrum der Stadt zu finden sind, das Zentrum des orthodoxen Glaubens in hohen Norden. Von hier aus wurden die Karelier missioniert und damit die orthodoxe Kirche in Finnland gegründet. Die Kathedrale der Stadt ist der geheimnisvollen Göttlichen Weisheit (Sophia) geweiht. Vom Ruf der göttlichen Weisheit wurde auch das Herz dieses jungen Hansekaufmanns angerührt: „„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; und dann komm und folge Mir nach!“ (Matthäus 16:21)

 

Der Eindruck der heiligen Ikonen, die schlichte Eleganz der Nowgoroder Kirchen und die Gottesnähe der dortigen  orthodoxen Gottesdienste, die zuvor schon die Gesandten des heiligen Großfürsten Wladimir in Konstantinopel so sehr angesprochen haben, dass sie sich im Himmel wähnten und der Kiewer Rus dieses Christentum als den wahren Glauben empfahlen, zogen den jungen Mann unwiderstehlich an. Prokopius wiederfuhr aber nicht die Faszination des Exotischen, sondern Christus legte seine Hand auf sein Herz. Es widerfuhr dort etwas, das der Akathist zum seligen Prokop im 2.Kondakion mit den Worten ausdrückt, dass er „von der Liebe zum orthodoxen Glauben verwundet“ worden ist. Die Liebe Gottes die diesem jungen Mann begegnete ist eine Verwundung, die den Menschen wirklich in Mark und Bein trifft, oder wie die Heiligen sagen: die uns mitten ins Herz trifft und dadurch unser Leben unwiderruflich und für immer verändert.

 

So wandte er sich an den Igumen eines der Nowgoroder Klöster, einen Starez, den heiligen Varlaam Chutynski. Von ihm im orthodoxen Glauben und der christlichen Lebensweise unterwiesen empfing er die orthodoxe Taufe. Die Einladung des Herrn, um der Vollkommenheit willen den Reichtum zu verschenken und Ihm nachzufolgen, wurde diesem in der Stadt reich gewordenen Geschäftsmann zur persönlichen Anrede Gottes. Nach dem Tod seines Vaters verteilte der Lübecker Kaufmann den im Handelskontor Peterhof erworbenen Wohlstand und Reichtum unter den Armen und trat dann um das Jahr 1300 in das Kloster in der Stadt Nowgorod ein, dem der heilige Warlaam Chutynski als Abt vorstand und erhielt dabei den Mönchsnamen Prokopius in Erinnerung an Prokopius von Cäsarea.

 

Doch auch unter seinen klösterlichen Mitbrüdern blieb der zukünftige Heilige der Fremde mit einer anders gearteten Mentalität, eben der westliche Ausländer in Nowgorod, ein Zuwanderer aus Norddeutschland in die fremde russische Kultur. Der junge Mönch hatte das Ziel seines Lebens, die bedingungslose Gemeinschaft mit dem Dreieinigen Gott, noch nicht erreicht.

 

Das Problem jedes geistlich suchenden Menschen, die eigene Eitelkeit und den durch die Leidenschaften in uns eingewurzelten Egoismus zu überwinden, trieben den Mönch Prokopius noch weiter aus der vertrauten Lebenswelt hinaus. Er wollte die große Kluft zwischen dem gesunden Menschenverstand, der unseren Alltag prägt, und dem Hören auf die göttliche Weisheit, die durch das Evangelium Christi zu uns spricht, überwinden. So besann sich Prokopius auf die Predigt des heiligen Apostels  Paulus, der mit der Torheit des Kreuzes in der Nachfolge Christi die Klugen in der Gemeinde zu Korinth konfrontiert hatte: „„Wir sind Narren um Christi willen. Ihr dagegen seid kluge Leute in Christus.“ (1. Korinther 4:10). Prokopius verlies nun nach einigen Jahren das Kloster mit Erlaubnis des Abtes, erbat sich dafür drei schwere Schüreisen, um eine Last auf der Schulter tragen zu können nach dem Wort Jesu: "Wenn einer mir auf meinem Weg folgen will, verleugne er sich und nehme sein Kreuz auf sich" (Lukas 9:23).

 

Prokopius nahm die in Russland bis dahin unbekannte Lebensform eines Narren in Christo  an. Vorbilder für diesen besonderen Weg der Askese hatte es nur wenige in Byzanz gegeben. Der berühmteste unter den byzantinischen Narren in Christo ist der heilige Andreas Saloi,  der den verzweifelten Einwohnern Konstantinopels angesichts eines feindlichen Ansturms im 10. Jahrhundert mit einer Vision der Gottesmutter, die ihren Schleier schützend über die Gläubigen in der Blachernen-Kirche und über die ganze Stadt breitete, Trost und Zuversicht gespendet hatte. Die orthodoxe Kirche gedenkt der wunderbaren Rettung Konstantinopels durch die Hilfe der Gottesmutter mit dem Pokrow-Fest (Maria-Schutz-und-Fürbitte) am 01. Oktober.

 

Der heilige Prokopius führte nun das Leben eines Narren um Christi willen, das heißt, er lebte als Obdachloser verachtet am Rande der Gesellschaft. Damit verbunden war ein provokantes Auftreten jenseits gesellschaftlicher Konventionen: Ein völlig verwahrlostes Äußerliches, Missachtung der Fastentage, provokante Diebstähle an Marktständen, zweideutiges Verhalten gegenüber stadtbekannten Huren etc. Damit erregte er tagsüber den Ärger der Bevölkerung, während er die Nächte mit Gebet und Bußübungen verbrachte.

 

Diese öffentliche Wahrnehmung nahm der heilige Prokopius zum Anlass, seine innere asketische Emigration aus der Welt auch äußerlich konsequent fortzusetzen, indem er sich zu Fuß immer weiter nach Osten begab. Prokopius durchwanderte auf seinen Weg fast undurchdringliche Wälder und menschenleeres, unwirtliches Gelände. Über die Orte Tichwin, Belozwersk und Wologda gelangte er schließlich nach Welikij Ustjug im äußersten Osten des Nowgoroder Gebiets, rund 1000 km Luftlinie von der Handelsmetropol entfernt. Auch hier lebte er obdachlos auf einem Müllabladeplatz oder auf den Treppen einer Kirche schlafend. In Weliki Ustiug begann dann seine eigentliche Wirksamkeit als prophetische Existenz. Prokopius wirkte hier aber abgesehen  von seinen unablässigen und ungern gehörten Rufen zur Umkehr in Fasten und Beten, nicht mit Worten, sondern durch sein Leben, das als solches zum geistlichen Zeichen und zur beständigen Mahnung wurde.

 

In Weliki Ustjug prophezeite der heilige Propkopius, dass ein riesiger Meteorit drohe, die Stadt zu zerstören. Durch seine Fürbitten und Gebete hat er die Stadt Weliki Ustjug vor diesem Kometeneinschlag bewahrt. Der Himmelskörper schlug dann rund 30 Kilometer entfernt ein. Der Einschlagskrater ist noch heute zu sehen. Vor einem einfachen Mädchen fiel der Heilige  auf die Knie gefallen und weissagte ihr, sie werde die Mutter des künftigen Bischofs von Perm werden. Die Permjaken, ein finnisches Volk, war damals noch heidnisch. Tatsächlich wurde ihr Sohn, der heilige Stephan zum Erleuchter dieses Volkes in Nordrussland und zum ersten Bischof von Perm.

 

Als der heilige Prokop den Tod nahen fühlte, legte er sich in den Schnee und wurde erst bei der Schneeschmelze gefunden. Die Reliquien des heiligen Prokopius befinden sich in der im Jahre 1668 errichteten und ihm geweihten Kathedrale in Weliki Ustjug. Auch an der Fundstelle seines Leichnams steht ebenfalls eine ihm geweihte Kirche. Die Heiligkeit und rechtmäßige Verehrung des gerechten Prokopius, des Narren in Christo Prokopius wurde im Jahre 1547 von einer Synode in Moskau bestätigt.

 

Die orthodoxe Kirche verehrt die heiligen Ikonen als Bekenntnis zur Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Die heiligen Ikonen sind aber keine fotografischen Porträts mit innerweltlicher Sichtbarkeit wie es uns die Momentaufnahmen mit der Fotokamera vermitteln, sondern sie lassen für uns wesentlichen Züge des Heiligen im Zustand der Theosis, also in der gnadenhaften Verklärung durch den Heiligen Geist, aufscheinen. Hierbei können wir mit den geistlichen Augen unseres Herzens das besondere Charisma, also das eigene geistliche Profil des jeweiligen Heiligen, schauen.

 

Wegen dieses besonderen geistlichen Profils wurden dem heiligen Prokopius von Ustjug und Lübeck dann nach dem zweiten Weltkrieg auch verschiedene orthodoxe Kirchen in Deutschland geweiht. Denn als nach dem zweiten Weltkrieg erneut hunderttausende Flüchtlinge und Emigranten vor der stalinistischen Diktatur und dem Nachkriegselend in Osteuropa gen Westen flüchteten und unter anderem in Norddeutschland eine neue Heimat suchten, fanden sie in diesem deutschen Narren in Christo, der als Emigrant in umgekehrter Richtung alle Bindungen an weltliche Heilsversprechen aufgegeben hatte, eine sowohl die verschiedenen Völker verbindende, als auch eine geistlich Vorbildgestalt. Sie fühlten sich diesem Lübecker Kaufmannsohn, der Christus und Seine orthodoxe Kirche so sehr liebte, dass er dafür seine Heimat verlassen hatte, in besonderer Weise seelenverwandt und verbunden. Das heilige Leben des Prokopius war ihnen ein geistliches Wegzeichen, dass vor Gott nicht die geografische oder kulturelle Herkunft zählt, sondern nur das aufrichtige Herzensbekenntnis zu Seiner alles verändernden Herrlichkeit. Deshalb weihten sie dem heiligen Prokopius von Lübeck und Ustjug auch ihre neu erbauten oder in anderen Räumlichkeiten eingerichteten Kirchen und öffneten dann die dortigen orthodoxen Gemeinden auch für geistlich suchende andersgläubige Menschen. Die russischen Flüchtlinge fanden sich dort mit religiös suchenden deutschen Menschen zu orthodoxen Gemeinden zusammen, die aus der geistlichen Überzeugung heraus lebten, dass die  wahre Heimat der Christen das Reich Gottes ist.

 

So ist der heilige Prokopius gerade in einer Zeit, in der sich allzu viele in unserem Lande erneut vor heimatlosen und in Not geratenen Menschen  ängstigen, ein starker Fürbitter bei Gott. Zugleich ruft uns sein geistliches Beispiel zu echter Mitmenschlichkeit und Empathie auf.

 

Auf vielen Ikonen wird der heilige Prokopius zusammen mit dem heiligen Johannes von Ustjug dargestellt, der ebenfalls ein Narr in Christo war. Der Gedenktag des heiligen Prokopius ist der 8. Juli.

 

Troparion des heiligen Prokopius (4. Ton)

 

Von der Gnade Gottes erleuchtet, Gottweiser, hast Herz und Sinn du ganz von dieser Welt unwandelbar zum Schöpfer ausgerichtet. In Lauterkeit und großem Dulden, den Glauben unversehrt bewahrend, hast du den Lauf des Lebens gut vollendet. Deswegen erschien auch nach deinem Tod die Leuchtkraft deines Lebens, denn als unerschöpfliche Quelle von Wundern strömst du allen, die gläubig eilen zu deinem heiligen Grab. Allseliger Prokop, bitte Christus, unseren Gott, dass Er uns errette.

 

Kondakion des heiligen Prokopius (4. Ton)

 

Durch die Narrheit um Christi willen durchquertest du auf den Händen der Engel ungehindert die Zollstationen zwischen der Erde und dem Himmel, wurdest der Schau des Thrones gewürdigt, und Christus, der König aller, empfing dich und schenkte dir heilende Gnade. Durch deine vielen Wunder und seltsamen Zeichen Aber erstauntest du alle in deiner Stadt Welikij Ustjug. Da du deinem Volk Erbarmen erflehtest, ging aus dem kostbaren Bild der Allheiligen Gottesgebärerin durch dein Gebet Myron hervor, und die Kranken wurden geheilt. Daher bitten wir dich, wundertätiger Prokopius, erflehe von Christus, Gott, unablässig unserer Sünden Vergebung.

 

 

Über die Sünden

 

Metropolit Antony (Bloom) von Suroš

 

Für viele Menschen gehören Sünden nicht zum Alltagsleben der modernen Welt. Sie stellen in ihren Augen einen Anachronismus dar, sind nicht mehr zeitgemäß. Man will sich nicht vorschreiben lassen, wie man zu leben habe und schon gar nicht mit dem moralischen Zeigefinger gedroht bekommen. Nicht selten ruft die Erwähnung des Begriffes „Sünde“ sogar ein ironisches Lächeln hervor: „Von diesen moralin-sauren Vorschriften ist der heutige Mensch zum Glück frei“ scheint es auszudrücken und gleichzeitig schwingt dabei mit, dass die Sünde eine süße Verlockung ist und die Übertretung von Geboten dem persönlichen Genuss zu Gute kommt, ja dass gerade das Versuchen des Verbotenen besonders lustvoll ist. Brave Menschen kommen in den Himmel, böse überall hin.

 

In vielen Gebeten bitten wir um die Vergebung unserer Sünden, unserer Schuld. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ heißt es im Vaterunser, dem Gebet des Herrn. Folgende Fragen habe ich mir dazu oft gestellt: Welche Schuld habe ich denn schon groß auf mich geladen? Kann man überhaupt leben, ohne täglich eine der vielen „kleinen Sünden“ zu begehen? Reicht es nicht, sich an die Zehn Gebote zu halten? Wir alle machen doch Fehler. Ist das denn gleich „Sünde“? Das Leben fordert mir viel ab; warum soll ich mir das Leben noch schwerer machen, indem ich mich als Sünder begreife? Glaube soll doch aufbauen, die Auseinandersetzung mit meinen Sünden zieht mich aber runter.

 

Früher wusste ich nicht, was mit dem Begriff der Sünde überhaupt gemeint ist. Die kürzeste und zugleich umfassende Definition gab mir unser Priester: Sünde ist alles, was sich zwischen dich und Gott stellt und alles, was sich zwischen Dich und deine Mitmenschen stellt. Das erinnert stark an das Liebesgebot aus dem Neuen Testament „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte und aus allen deinen Kräften. Dies ist das erste und größte Gebot. Ein zweites aber ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matthäus 22:37-39)

 

Sünde ist, was dich von deinem Nächsten entfernt. Das ist unendlich viel. Die Aufmerksamkeit, die du dem anderen verwehrst. Wenn du ihn nicht ernst nimmst. Wenn du ihm etwas unterstellst. Wenn du nicht aufrichtig zu ihm bist. Wenn du mehr auf deinen eigenen Vorteil bedacht bist. Wenn du ihn verletzt oder traurig machst. Wenn du ihn in eine Notlage versetzt. Wenn du ihm Hilfe verwehrst.


Viele dieser Sünden begeht man jeden Tag. Manchmal willentlich, manchmal unabsichtlich. Mir wurde klar, dass Sünde nicht die eine große, böse Missetat ist, sondern sehr alltäglich. Wir begehen täglich Sünden, die uns von unseren Mitmenschen entfernen. Wie ist das denn auch zu schaffen, immer aufrichtig zu sein und jedem gerecht zu werden? Es ist für uns nicht zu schaffen. Aber Gott ist alles möglich. Durch unser Bemühen und die Gnade Gottes haben wir die Chance, unser Leben zu verbessern.

 

Mag sie auch noch so alltäglich sein, jede Sünde wiegt schwer. Und es ist nicht an uns, den Grad ihrer Schwere zu bestimmen. Jede Sünde haben wir sehr ernst zu nehmen. Und es ist nicht unser Recht, sie uns selbst zu verzeihen. Aber wir haben allen Anlass, auf die Gnade Gottes zu hoffen, dass er so barmherzig ist, uns die Vergehen nicht anzurechnen, obwohl wir es nicht wert sind.

 

Es heißt „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“. Wenn wir also, statt zu versuchen mit aller Kraft unseren Herrn zu lieben, uns hinreissen lassen, all unsere Energie ausschließlich in unseren Beruf, in Hobbies und Zerstreuung zu investieren, wenn unser Leben bestimmt ist von der Liebe zum Auto, zum Computer, zu Essen und Trinken, das ganze Jahr darauf ausgerichtet ist, einen schönen Urlaub zu machen, der Fußballclub, die Pop-Gruppe, das schöne Haus mit Garten unser Herz ausfüllen, machen wir uns schuldig. Denn es ist klar, dass wir uns dadurch von Gott entfernen. Und Sünde ist alles, was sich zwischen Gott und dich stellt.

 

Wenn wir es vorziehen, uns und unsere Wünsche in den Vordergrund zu stellen, werden wir sündig. Weil wir uns dadurch vom Mitmenschen entfernen und von Gott. Nur wenn wir versuchen, weniger uns selbst zu leben, können wir uns von der Sünde entfernen.

 

Es gibt Sünden, die Jesus selbst benennt: „Aus dem Herzen des Menschen kommen böse Gedanken und mit ihnen Unzucht, Diebstahl und Mord; Ehebruch, Habsucht und Niedertracht; Betrug, Ausschweifung und Neid; Verleumdung, Überheblichkeit und Unvernunft“ (Markus 7:21-22). Darüber hinaus kennen wir die Achtlasterlehre nach Evgarius Ponticus. In ihr werden Völlerei, Unzucht, Geiz, Zorn, Traurigkeit, Trägheit, Eitelkeit, Stolz als zentrale Sünden, die häufig andere Sünden nach sich ziehen, identifiziert. Diesen Sünden ist eins gemeinsam: Immer steht das Ich im Vordergrund, die eigenen Wünsche und Empfindungen.

 

Warum ist es nötig, sich mit seinen Sünden auseinander zu setzen? Wo es doch ein so quälender Prozess ist, dem man gerne aus dem Weg gehen möchte. Wo es mir doch so schwer fällt, mich wirklich auf Gottes Gebot einzulassen, vor dem meine Sünden auf einmal ganz klar werden. Und wo es so schnell passiert, wieder die richtige Sichtweise zu verlieren und großzügig mit seinen vermeindlich kleinen Vergehen umzugehen.

 

Wenn wir Jesus nachfolgen wollen, dann gibt es nur den einen Weg, den Er selbst beschreibt: „Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und hinter mir her gehen.“ (Markus 8:34-37). Wenn eben gerade dies Sünde ist, nur sich und seinen eigenen Wünschen zu leben, anstatt sie aufzugeben und für Gott und die Mitmenschen zu leben, dann ist es klar, warum der Weg, auf den Jesus uns ruft, nur über die Auseinandersetzung mit der Sünde führen kann. Ich glaube, der ernsthafte Kampf mit den eigenen Sünden ist ein Teil dessen, was „sein Kreuz tragen“ bedeutet. Zur Ernsthaftigkeit gehört dazu, nicht den Grad der Sünde ermessen zu wollen, sondern selbst anscheinend „kleine Sünden“ vollkommen wichtig zu nehmen und nicht eigene mit den Sünden anderer zu vergleichen.

 

Wie beichtet man?

Beichte so, als ob es das letzte Mal wäre und die Stunde deines Todes schon gekommen ist.


Beichte so, als ob es die letzte Möglichkeit sei, wo du auf dieser Erde deine Reue zeigen kannst für dein ganzes bisheriges Leben, bevor du in die Ewigkeit eintrittst. Denn danach wirst du vor dem Gesicht Gottes stehen. Betrachte es so, als ob es die letzte Stunde ist, in der du von deinen Schultern die Last deines langen unwahren Lebens und die Sünde abwerfen kannst und du die Möglichkeit hast, als freier Mensch in das Königreich einzugehen. Wenn wir so über die Beichte denken und so beichten werden, wissend und sich nicht nur vorstellend, sondern mit ganzer Entschlossenheit wissend, dass wir zu jeder beliebigen Zeit sterben können, würden wir keine sinnlosen (leeren) Fragen stellen. Dann könnte unsere Beichte eine aufrichtige und wahrhaftige Beichte sein. Wir würden nicht versuchen die schweren uns selbst anklagenden, uns demütigenden Worte zu umgehen.


Wir würden sie mit der ganzen Strenge der Wahrheit aussprechen.


Wir würden uns nicht überlegen, was wir sagen oder worüber wir zu sprechen haben oder worüber wir nicht zu sprechen brauchen.


Wir würden all das, was in unserem Bewusstsein Unwahrheit oder Sünde ist frei aussprechen, alles was in der menschlichen Natur eines Christen unwürdig macht. Es würden in unseren Herzen keine Gedanken der Selbstverteidigung aufkommen. Wir würden uns keine Frage stellen, ob wir dies oder jenes sagen sollten.


Wir würden uns bewusst sein und wissen, womit wir in die Ewigkeit eingehen dürfen und was uns daran hindert. So also lautet die Antwort, wie man beichten soll, und das ist einfach, es ist erschreckend einfach.


Wir tun es nicht, da wir uns vor der erbarmungslosen und der direkten Offenheit vor Gott und den Menschen ängstigen.


Vor 2000 Jahren ist Christus auf die Erde gekommen. Er lebte unter uns- der Erlöser ist gekommen, um uns zu finden, uns die Hoffnung zu geben, uns durch die göttliche Liebe zu überzeugen, dass alles möglich ist, wenn wir an Ihn glauben und an uns selber auch. Aber jetzt naht die Zeit, wo Er vor uns stehen wird in der Stunde unseres Todes oder der Stunde des letzten Gerichtes.

 

Er wird uns weiterhin vor Augen sein als der gekreuzigte Christus, mit angenagelten Füßen und Händen und verletzt von der Dornenkrone und wir werden sehen, dass Er gekreuzigt ist, weil wir gesündigt haben. Er starb, weil wir das Todesurteil verdient haben, weil wir die ewige Verdammnis verdient haben.


Er ist zu uns gekommen, wurde einer von uns, lebte unter uns und ist für uns gestorben. Was aber werden wir dann sagen? Das Gericht wird nicht darin bestehen, dass Er uns verurteilen wird. Das Gericht wird darin bestehen, dass wir Denjenigen sehen werden, den wir mit unseren Sünden getötet haben. Wir werden Den schauen, Der mit seiner ganzen Liebe vor uns stehen wird. Und damit wir das vermeiden konnten, müssten wir zu jeder Beichte so herantreten, als ob das die Stunde unseres Todes wäre, der letzte Augenblick unserer Hoffnung vor dem was wir sehen werden.

 

 

Über das Jesusgebet

 

Der Wortlaut des Jesus-Gebetes lautet:

 

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner des Sünders.

 

In der griechischen Bibel ist Herr (griechsch: Kyrios) die häufigste Bezeichnung für Gott. Wer sich der Herrschaft Gottes unterwirft, wird frei von der Abhängigkeit von Neid, Eifersucht, Kritiksucht, üble Nachrede, Bosheit, Groll, Zorn, Begierde, Genusssucht, Habsucht, Ehrsucht, Hochmut, Trägheit und Angst. Es gibt Menschen, die meinen, von all dem frei zu sein. Allerdings nehmen sie bei anderen diese Fehler deutlich wahr. Der Weg des Gebets hingegen öffnet die Augen für die eigenen Fehler, Vergehen, Nachlässigkeiten und Sünden.

 

Der Name Jesus bedeutet Heiland, Erlöser, Retter, Befreier. Er allein kann dem Menschen helfen, frei zu werden, wenn dieser bereit ist, an sich zu arbeiten. Christus bedeutet Gesalbter, Messias. Er hat den Menschen erlöst, Er ruft ihn im Tod zu sich, Er erscheint am Jüngsten Tag, an dem alles offenbar wird, was bisher verborgen war. Er ist der Sohn Gottes. Der Vater hat Ihm das Gericht übergeben, die Vollmacht, alles in Seinem Namen zu tun.

 

Die Heiligen Schrift sagt uns zum Jesusgebet

 

Das orthodoxe Jesusgebet geht auf Worte der Heiligen Schrift zurück. "Niemand kann sagen: Herr ist Jesus, außer im Heiligen Geist" (1. Korinther 12: 3). Der Heilige Geist ist in diesem Gebet gegenwärtig. Petrus bekennt: "Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes" (Matthäus 16: 16). Der erste Teil des Jesusgebets ist ein Glaubensbekenntnis sowie Lob Gottes und Dank.

 

Ein blinder Bettler ruft in der Nähe von Jericho: "Jesus, Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner" (Lukas 18: 38). Der Zöllner wagt nicht, seine Augen zum Himmel zu erheben, schlägt an seine Brust und sagt: "Gott, sei mir Sünder gnädig" (Lukas 18: 13).

 

In innerer und äußerer Not ruft der Mensch im zweiten Teil des Jesusgebets um Hilfe und bekennt seine Schuld. Der Zusatz "des Sünders" wird erstmals vom heiligen Altvater Nil Sorskij († 1508) bezeugt. Im 19. Jahrhundert findet sich in Briefen der Starzen von Optina Makarij (Ivanov), Amvrosij (Grenkov) und Anatolij (Zercalov) diese adaptierte Fassung. Der heilige Altvater Amvrosij teilt uns diesen Wortlaut mit: "erbarme dich unser der Sünder".

 

Wie wir das Jesusgebet einüben können

 

Das Gebet wird zunächst mündlich gesprochen. Wer allein ist, kann es hörbar beten. In der Heiligen Schrift finden sich unterschiedliche Körperhaltungen beim Gebet: Stehen, Knien, Liegen, Sitzen, Gehen. Dementsprechend kann auch das Jesusgebet in der Haltung geübt werden, die sich aus den jeweiligen Lebensumständen ergibt.

 

Wenn ablenkende Gedanken kommen, wird das Gebet trotzdem einfach ruhig wiederholt. Es ist wichtig, nicht gegen die Gedanken selbst anzukämpfen, sondern dem HERRN das Gebet zu übergeben. Geduld und Ausdauer sind notwendig, wenn der Friede nicht gleich eintritt. Die Welt kann diesen Frieden nicht geben (vgl. Johannes 14: 27).

 

Es gibt zahlreiche Missverständnisse; daher muss gesagt werden, was das Gebet nicht ist. Es ist kein Denkvorgang, keine intellektuelle Anstrengung oder gar Gedankenspielerei. Es ist keine Selbsthypnose. Es ist kein Talisman, der Glück bringt und vor allen Gefahren schützt. Es ist kein Mechanismus, der nach einer genau kalkulierbaren Zeit zum Erfolg führt.

 

Manche Menschen interessieren sich brennend für höhere Gebetsstufen, für das Herzensgebet und für das geistgewirkte Gebet. Sie sind aber nicht in der Lage, stillzusitzen und sich eine Zeitlang mit Hingabe dem mündlichen Gebet zu widmen. Sie können Kränkungen nicht verzeihen und kreisen nur um sich selbst. Sie wollen den hundertsten Schritt im Gebet vor dem ersten tun.

 

Beten bedeutet, sich der Hand Gottes zu überlassen (vgl. Psalm 30: 6 ). ER entscheidet, wie der Weg des Gebets verläuft. Wenn es viele Jahre dauert, bis sich Ruhe und Friede einstellen, ist dies Gottes Wille und deshalb Seine Sache. Der Mensch sollte allerdings dafür sorgen, soweit dies in seiner Verfügung steht, sein Leben so zu gestalten, dass das Gebet im Mittelpunkt steht.

 

Dies bedeutet nicht unbedingt, einen großen Teil des Tages dem Gebet zu widmen. Außerhalb der Klöster ist dies den meisten Menschen gar nicht möglich. Aber im Laufe des Tages kann jeder von uns immer wieder das Jesusgebet sprechen. Das Gebet ist wie unser Menschsein: Es geht von Gott aus und kehrt zu IHM zurück. Wenn wir das Jesusgebet einüben, so wird im Laufe der Zeit auch unser Alltag mehr und mehr vom Gebet geprägt werden.

 

Das Jesusgebet ist ein Gebet der heiligen Kirche

 

Wer betet, wird bald auf Schwierigkeiten treffen, die er allein nicht lösen kann. Hier sind der Rat und die Führung Erfahrener notwendig. Hier ist die Anleitung durch unseren Beichtvater notwendig.

Auch können uns Mönche und Nonnen auf unserem Weg ins geistliche Leben mit ihrem erfahrenen Rat begleiten. Wer aber niemanden findet, mit dem sich über seine geistliche  Situation besprechen kann, sollte orthodoxe Bücher lesen, in denen vom geistlichen Leben, von der Kirche und von der Einübung ins Gebet die Rede ist. Auch die Lebensbeschreibung der orthodoxen Heiligen sind hier für uns ein großer Schatz.

 

Wer nie oder nur selten zum Gottesdienst in die Kirche geht, wird auch nicht im Gebet vorwärtskommen können. Notwendig sind deshalb das gemeinsame liturgische Gebet in den Gottesdiensten der orthodoxen Kirche, der regelmäßige Empfang der Heiligen Sakramente, die geistliche Lesung (Heilige Schrift, geistliche Werke) und der dauerhafte Versuch, uns mit der Hilfe Gottes zu bessern und unsere Fehler Schritt für Schritt zu überwinden.

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

 

Die Večernja - der orthodoxe Abendgottesdienst

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Die orthodoxe Kirche betet das Stundengebet als Gebet der gesamten Kirche, das heißt, nicht nur Mönche und Nonnen vollziehen dieses Gebet in den Klöstern, sondern auch in den  Kirchengemeinden findet die Vesper zumindest am Samstagabend als dem Beginn der sonntäglichen Gottesdienste statt. Auch fromme orthodoxe Christen beten die Vesper als Lesegottesdienst zu Hause. Dabei folgen sie einer Ordnung, die auch in Skiten, die über keinen Priestermönch verfügen, Anwendung findet.

 

In vielen Kirchengemeinden ist die Vesper das Abendgebet der Gemeinde. Nach orthodoxer Tradition endet der Tag am Spätnachmittag mit der neunten Stunde. Mit dem Vespergebet beginnt dann ein neuer liturgischer Tag, denn in der Heiligen Schrift heißt es: Es wurde Abend und es wurde Morgen - erster Tag (Genesis 1:5b). Deshalb wird der Vespergottesdienst am Abend, das heißt liturgisch zum Sonnenuntergang, vor den Sonntagen oder Festtagen der Heiligen gefeiert.

 

Die Grundlage des kirchlichen Abendgebetes ist das abendliche Weihrauchopfer im Tempel in Jerusalem. Deshalb ist die Vesper der Gottesdienst in der orthodoxen Kirche, der am stärksten von alttestamentlichen Texten geprägt ist. Er stellt ein Gedächtnis des Heilswirken Gottes im Alten Bunde dar, das sich im Kommen Christi vollendet hat. Während des liturgischen Geschehen werden wir Zeuge der Schöpfung, der Vertreibung aus Paradies sowie des Hoffens und Betens der Gerechten Israels. Das theologisch- liturgische Hauptthema des kirchlichen Abendgebetes ist die "Anabasis". Dieses griechische Wort umschreibt den Vorgang der geistlichen Reifung des Menschen, den geistlichen Weg, der unsere Seelen zum Aufstieges zu Gott führt. Deshalb sprechen die Gebete, Psalmen und wechselnden geistlichen Texte und Lieder der Vesper über den Dank für die Schöpfung und das Leben, über die Spannung zwischen der zeitlichen Vergänglichkeit und der Ewigkeit und vom Aufstrahlen des ersehnten Heilandes in Jesus Christus.

 

Ursprünglich gab es zwei Formen der Vesper. Die eine Form wurde an den Kathedralen und in den Gemeinden gefeiert. Sie wurde Kathedralvesper genannt. Ihr besonders feierlicher Charakter strahlt heute noch in der Liturgie der vorgeweihten Gaben auf, die ja eine Große Vesper mit Spendung der heiligen Kommunion ist. In der Kathedralvesper wurden die Gesänge in antiphonale Gesangsweise vorgetragen, das heißt im Wechselgesang zwischen zwei Chören oder als Wechselgesang zwischen dem Chor und der Gemeinde. Die zweite Form der Vesper, die zur Grundlage unseres heutigen kirchlichen Abendgebetes geworden ist, ist die monastische Vesper. Da die Mönche in den Klöstern häufig nur in kleinen Gemeinschaften lebten, wurde die Vesperordnung so abgewandelt, dass neben dem Hymnengesang die einfache Rezitation von Psalmen auf einem Ton (Leserton) einen breiten Raum einnahm. Die heutige Ordnung der Vesper geht auf das Typikon des Mar Sabas Kloster in der judäischen Wüste zurück. Diese monastische Ordnung aus den Heiligen Land wurde später im Studionkloster in Konstantinopel übernommen. Von dort wurde dieses Typikon zur Grundlage des Gottesdienstes in den Klöster des Heiligen Berges Athos. Im 13. Jahrhundert übernahmen dann auch die Gemeinden diese Ordnung. 

 

Im orthodoxen Abendgottesdienst werden wir liturgisch in die Frühzeit des christlichen Gottesdienstes zurückversetzt. Das Zentrum des gottesdienstlichen Abendgebetes ist der Hymnus "Freundliches Licht". Dieser Gesang reicht bis in das 2. Jahrhundert zurück und wird bereits vom Heiligen Basilius dem Großen als aus der Frühzeit der Kirche stammender abendlicher Lobpreis bezeichnet. Dieser Hymnus zum Sonnenuntergang verweist uns Christen nicht auf das irdische Ende (des Tag), sondern auf den eschatologischen Anfang (in Christus). Schon der heilige Märtyrer Irenäus von Lyon sagt: „Gott wurde zeitlich, damit wir, zeitliche Menschen, ewig werden.“  In der liturgischen Feier und im abendlichen Gebet werden wir zu dem Punkt geführt, an dem sich in der kirchlichen Erfahrung Zeit und Ewigkeit, Erde und Himmel begegnen.

 

Die orthodoxe Vesper besteht in ihrem Aufbau aus zwei Teilen: einem Psalmenteil, der den Lobpreis auf den Schöpfer durch seine Schöpfung beinhaltet, und der abendlichen Feier des Entzünden der Lichter, an dem wir Christus als das Licht des gesamten Kosmos verherrlichen. Dieser zweite Teil hat sein auf Christus verweisendes typologisches Vorabbild im jüdischen Tempelritus des abendlichen Anzündens des siebenarmigen Leuchters im Kirchenschiff des Jerusalemer Heiligtums und dem damit verbundenen abendlichen Vollzug des Weihrauchopfers. Mit dem Untergang der Sonne und vor der hereinbrechenden Nacht werden die abendlichen Lichter entzündet und Christus Gott wird als das nie untergehende Licht besungen. (vgl.: Offenbarung 21:23: "Und die Stadt Gottes (das himmlische Jerusalem) bedarf keiner Sonne noch des Mondes, dass sie scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm (Christus)".  Mit diesem Abend-Hymnus korrespondiert dann auch der zweite Höhepunkt des Abendgebetes, der Lobgesang des Heiligen Simeon. Dem folgt das Unser Vater und die abendliche, darauf dann die inständige Fürbitte (Ektenija), die beide dann den Schlussteil des kirchlichen Abendgebetes mit dem Hauptbeugungsgebet und dem abschließenden Segen einleiten.

 

 Exarchat der orthodoxen Gemeinden

russischer Tradition in Westeuropa 

 

Diakon Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Exarchat der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa (Erzbistum der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa (Архиепископия Православных Русских Церквей в Западной Европе / Archevêché des Églises Orthodoxes Russes en Europe Occidentale) umfaßt heute rund 200 orthodoxe Gemeinden in fast allen Ländern Westeuropas und betreut dabei zwischen mindestens 25.000 bis 30.000 und höchstens 75.000 bis 80.000 Gläubigen (Diese Angabe basiert auf einer Einschätzung des Verfassers, der Zahlen, die S. E. Erzbischof Sergej (Konovaloff) im Jahre 2003 genannt hat, zugrunde liegen). Es untersteht der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel. Der amtierende Erzbischof ist Monsigneur Archevêque Jean von Charioupolis. Der Bischofsitz befindet sich an der Alexander-Newsky-Kathedrale in Paris. Das Erzbistum gliedert sich derzeit in mehrere Dekanate in Frankreich. Außerdem gibt es Dekanate für Belgien, die Niederlande, Italien, Deutschland, Spanien, Skandinavien sowie Großbritannien und Irland. 

 

Das Exarchat ist aus der im Jahr 1921 gegründeten westeuropäischen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche hervorgegangen. Infolge der politischen und kirchlichen Schwierigkeiten, die sich aus der kommunistisch-atheistischen Kirchenverfolgung in Russland ergaben, untersteht die Diözese seit dem Jahre 1931 der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen.

 

Die meisten Gemeinden des Exarchates befinden sich in Frankreich. In Deutschland gibt es Gemeinden in Düsseldorf (Orthodoxe Kirchengemeinde zu den Heiligen Erzengeln), in Stuttgart (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Alexander Newsky (Pragfriedhof), in Albstadt (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Sergej von Radonesch), in Balingen (Orthodoxe Kirchengemeinde Heiliger Martin von Tours) und in Krumbach (Synaxis der heiligen zwölf Apostel).

 

Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Außenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.
Innenansicht orthodoxe Kirche zu Ehren des Heiligen Martin von Tours in Balingen.

 

Die Gemeinden des Exarchates sind in der russischen Tradition der orthodoxen Kirche beheimatet, verstehen sich aber nicht erstrangig als russische Auslandsgemeinden, sondern als Heimat für alle orthodoxen Christen, die sich zu den jeweiligen Parrgemeinden (Paroisse) und eucharistischen Kommunitäten (Communauté eucharistique) zugehörig fühlen. Infolgedessen ist auch der Anteil von Gläubigen westlicher Herkunft in den Gemeinden des Exarchats vergleichsweise groß. Damit alle Gläubigen in der Gemeinde gleichermaßen mit ins Gebet hinein genommen werden können, stellt der Gottesdienst in der jeweiligen westeuropäischen Landessprache nicht eine Ausnahme, sondern die gewünschte Normalität dar, wobei gleichzeitig auch selbstverständlich immer Teile der Gottesdienste in den jeweiligen Heimatsprachen der anwesenden Gläubigen gebetet und gesungen werden können. Jedoch werden den Gläubigen im Exarchat außer den Vorschriften, die im christlich-orthodoxen Glauben und den daraus folgenden Regeln für das orthodoxe kirchliche Leben begründet sind, grundsätzlich keine weiteren Verhaltensnormen als verbindliche Leitkultur auferlegt. Jede Gläubige kann und darf sein sprachliche, nationale und kulturelle Identität selbst bestimmen und ihr jeweils einen eigenen Ausdruck verleihen. Unter Erzbischof Georgy (Tarassov, 1960-1988) wurde für das Exarchat die bis heute gültige Regelung beschlossen, dass jede Einzelgemeinde für sich und nach ihren pragmatischen Bedürfnissen entscheiden darf, in welcher Sprache sie ihr gottesdienstliches leben gestalten möchte. Dabei haben sich heute zwei Grundvarianten herausgebildet: Es bis heute im Exarchat neben vielen Gemeinden mit mehrheitlich landessprachlichem Gottesdienst und neuem (neujulianischem) Kalender genauso selbstverständlich auch Gemeinden mit vorwiegend kirchenslawischer Gottesdienstsprache und altem (julianischem) Kalender. Dabei versuchen die einzelnen Gemeinden in der jeweils zu ihnen passenden Art und Weise das russisch-kirchenslawische Vätererbe zu bewahren und die berechtigten Interessen der jungen Generation und der sich neu in der Orthodoxie beheimatenden Konvertiten nach einem vorwiegend landessprachlich geprägten Gottesdienst in gerechten Einklang zu bringen. Denn so wenig wie sich die heutige kirchliche Wirklichkeit im Exarchat einfach mit dem Begriff "russisch-orthodox" klassifizieren läßt, genau so verkürzend und der komplexen Fülle der gelebten Realitäten in den Gemeinden des Exarchates nicht gerecht werdend wäre es, beim Exarchat einfach von einer "Orthodoxie westeuropäischer Prägung, mit einer abendländischen Identität oder Mentalität" sprechen zu wollen. 

 

Ferner gehört zum Exarchat das Institut de Théologie Orthodoxe Saint-Serge in Paris, das die älteste und traditionsreichste orthodoxe theologische Bildungseinrichtung in Westeuropa ist. Vor allem in Frankreich unterstehen verschiedene orthodoxe Klöster und Skiten der Jurisdiktion des Exarchats, so zum Beispiel das Nonnenkloster Mariae Schutz in Bussy-en-Othe und das Kloster Sainte Silouane in Saint Mars de Locquenay.