Orthodoxe Perspektive-                                               Ein Online-Magazin für Gemeindekatechese

und Erwachsenenbildung

 

 

Gebieter Herr Jesus Christus, mein Gott, der Du wegen Deiner unaussprechlichen Menschenliebe am Ende der Zeiten Fleisch angenommen hast von der immerwährenden Jungfrau Maria, ich verherrliche Deinen heilbringenden Ratschluß über mich; ich, Dein Diener, o Gebieter, lobsinge Dir, denn durch Dich habe ich den Vater erkannt. Ich preise Dich, denn Deinetwegen ist auch der Heilige Geist in die Welt gekommen; ich verehre Deine dem Fleische nach allreine Mutter, die einem so furchtgebietenden Geheimnis gedient hat; ich lobe die Chöre der Engel, welche Deiner Majestät lobsingen und dienen; ich preise den Vorläufer Johannes, der Dich, o Herr, getauft hat; ich verehre auch die Propheten, die Dich vorhergesagt haben; ich lobpreise Deine heiligen Apostel; ich feiere die Märtyrer und verherrliche Deine Priester; ich verehre und preise all Deine Heiligen und Gerechten. Diese große und unaussprechliche göttliche Schar stelle ich, Dein Diener, im Gebet Dir, dem allbarmherzigen Gott, vor und um derentwillen bitte ich um Vergebung meiner Sünden, die Du mir gewähren mögest um aller Deiner Heiligen willen, vor allem aber wegen Deiner heiligen Barmherzigkeit, denn gepriesen bist Du in alle Ewigkeit. Amen.

 

 

Meine gütigste Königin, meine Hoffnung, Gottesgebärerin, Obhut der Waisen und Fürsprache der Heimatlosen, Freude aller Betrübten, Beschützerin aller Geschmähten. Sieh auf meine Not, sieh auf meinen Kummer. Hilf mir, dem Schwachen. Führe mich, den Heimatlosen. Du kennst meine Bedrängnis, löse sie nach Deinem Willen: denn ich habe keine andere Hilfe, außer Dir, keine andere Fürsprecherin, auch keine gütige Trösterin, nur Dich, o Gottesmutter. So bewahre und behüte mich in alle Ewigkeit. Amen.

 

 

Herr, hilf mir, dass ich mit innerer Ruhe allem begegne, was mir der bevorstehende Tag bringen mag. Hilf mir, mich ganz und gar Deinem heiligen Willen auszuliefern. Zu jeder Stunde dieses Tages unterweise und stütze mich. Welche Nachrichten ich immer im Verlauf des Tages erhalten mag, helfe mir, sie mit ruhiger Seele und in der festen Überzeugung aufzunehmen, daß in allem Dein heiliger Wille geschieht. In allen meinen Worten und Taten lenke meine Gedanken und Gefühle. Bei allen unvorhergesehenen Ereignissen lass mich nicht vergessen, daß alles aus Deiner Hand kommt. Lass mich aufrichtig und vernünftig mit einen jeden Mensvchen umgehen, dem ich heute begegnen werde, damit ich keinen von ihnen verwirre und betrübe. Herr, gib mir Kraft zum Durchhalten, wenn mich Müdigkeit und Erschöpfung überfallen, und lass mich alle Ereignisse im Verlauf des Tages durchstehen. Lenke meinen Willen  und lehre mich zu beten, zu glauben, zu hoffen, zu dulden, zu verzeihen und zu lieben. Amen.

 

Gebet der heiligen Starzen des Optina-Einöd-Klosters

 

 

Wunderbar ist Gott in Seinen Heiligen -

 

Die Bedeutung der Heiligen in der orthodoxen Kirche

 

Erzpriester Sergius Heitz

 

In der eucharistischen Liturgie ruft der Zelebrant vor der Brotbrechung: „Das Heilige den Heiligen!“ und die Glaubigen antworten: „Einer nur ist heilig, Einer nur Herr: Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters, Amen.“ Von Heiligen kann man in der Kirche also nur reden, weil der Herr der Kirche heilig ist und durch Seine Herrschaft die heiligt, die ER Sich auserwählt hat. Das aber bedeutet, daß grundsätzlich jeder Getaufte zur Heiligkeit berufen ist, weil er in der Taufe Christus angezogen hat und fortan IHM gehört. Denn nur in diesem Sinne ist Heiligkeit dem sündhaften Menschen überhaupt zuzuschreiben: nicht als eigene Qualitat, sondern als gnadenhaftes Anteilerhalten an der Heiligkeit des Dreieinigen Gottes.

 

Aber nicht alle Gläubigen lassen in gleicher Weise die Heiligung an sich geschehen; nicht alle vermögen gleichermaßen in dieser Heiligkeit ihres Herrn zu stehen und sie auszustrahlen. Diejenigen aber, die so von der Gemeinschaft und Heiligkeit Christi erfüllt sind, das sie diese ausstrahlen wie die Erde nach einem Sonnentag im Sommer die Warme, die werden in der Kirche als Heilige verehrt. Das aber heißt: ihrer wird in besonderer Weise gedacht, in Dank und Liebe zur Ermutigung der Gläubigen, die der „großen Wolke von Zeugen“ bedürfen, um „mit Ausdauer zu laufen in dem Wettkampf, der vor ihnen liegt“ (Hebräer 12:1).

 

Die orthodoxen Glaubigen kommen sich ohne die erfahrbare Gemeinschaft mit den Heiligen in der Kirche überfordert, allein und einsam vor. Sie sind daher dankbar für das Band der gegenseitigen Fürbitte im Leibe Christi, das sie nicht nur mit den lebenden, sondern auch mit den durch den Tod hindurchgegangenen Heiligen verbindet. Denn der Tod hat seit Christi Tod und Auferstehung nicht mehr die Macht, die Liebesgemeinschaft im Leibe Christi, wo die stärkeren für die schwächeren Glieder eintreten, zu unterbinden. In der Erfahrung dieses gegenseitigen vor Gott Einstehens wird sichtbar, das der Tod entmachtet ist.

 

 

Synaxis der heiligen Erzengel Michael und Gabriel und der übrigen körperlosen Mächte der Himmel

(Собор Архистратига Михаила и прочих Небесных Сил бесплотных)

 

8. November

 

Zum Beginn des liturgischen Jahres (01. September) brachte uns die Kirche in die Gegenwart des Kreuzes, d.h. des Geheimnisses unseres Heils durch das Leiden unseres Herrn Jesus Christus. Sie brachte uns in die Gegenwart der Allheiligen Jungfrau Maria, die den Höhepunkt menschlicher Heiligkeit darstellt. Nun bringt sie uns in die Gegenwart eines dritten Aspekts des geistlichen Lebens: die Hilfe der heiligen Engel. Sie lädt uns nun ein, am Fest der „Versammlung (griechisch Σύναξις = „Synaxis“, kirchenslawisch: Собор = „Sobor“) der Erzheerführer Michael und Gabriel und der übrigen körperlosen Mächte der Himmel“ über diesen Aspekt nachzudenken.


 

Die Engel sind reine Geister, aber geschaffene Geister, die dazu bestimmt sind die ewige göttliche Schönheit anzubeten und widerzuspiegeln und, in zweiter Linie, sind sie „ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen“ (Hebräer 1:14). Das Alte Testament zeigt uns, wie oft sie bei den Patriarchen und Propheten eingriffen; die Hebräer betrachteten Engel als die sichtbaren Zeichen Gottes, als Träger Seines Bildes und Seiner Macht. In den Evangelien treten sie auf, wenn sie die Geburt Jesu ankündigen, Ihm in der Wüste und bei Seiner Todesangst dienen und als Zeugen Seiner Auferstehung. Sie sind eng verbunden mit dem Leben der heiligen Apostel und dem Anfang der Kirche.

 

Der Glaube, das jeder einzelnen Seele ein Schutzengel als Führer und Beschützer zugeordnet ist, wurde nie als Glaubensartikel definiert, aber diese Vorstellung, die schon in der Bibel angedeutet und von den heiligen Vätern weiter entwickelt wird, passt sicher in den Geist der Kirche und kann in unserem geistigen Leben eine große Hilfe sein.

 

 

Die Heilige Schrift kennt nur drei Engel: Raphael, und Michael und Gabriel deren Fest wir am 8. November feiern und um die herum die Kirche das „Heer“ der Engel gruppiert. Der hebräische Name Michael bedeutet: „Der Gott ähnlich ist“. Michael ist einige Male beim Propheten Daniel (Daniel 10:13. 21 und 12: 1) erwähnt, im Judasbrief (Judas 1: 9), wo er „Erzengel“ genannt wird, und in der Offenbarung des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes (Offenbarung 12: 7).

 

Die Verehrung des heiligen Erzengels Michael begann wahrscheinlich in Phrygien und war besonders in Konstantinopel entwickelt. Vor allem betrachtet die christliche Tradition den heiligen Michael als den, der den Satan erfolgreich bekämpft hat. Der Hebräerbrief, den wir am selben Tag lesen (Hebräer 2: 2 -10), warnt die, an die er gerichtet ist, vor einer übertriebenen Verehrung der Engel. Diese Gefahr bestand in bestimmten judenchristlichen Kreisen. „Denn nicht Engeln hat er die zukünftige Welt unterworfen“, sondern Jesus Christus.

 

 

Die Apostellesung zeigt, wie nahe der Mensch den Engeln ist: „Du hast ihn nur für kurze Zeit unter die Engel erniedrigt“. Dann berichtet der Apostel auch, dass „das durch Engel verkündete Wort rechtskräftig war“. Dieses göttliche Wort bleibt an uns gerichtet durch die Engel – aber ist unsere persönliche Beziehung zu ihnen ausreichend eng um ihre Botschaft zu hören?

 

Die Apostellesung beschreibt die Freude der siebzig vom Herrn Ausgesandten, die bei ihrer Rückkehr zu Ihm sagten: „Sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir Deinen Namen aussprechen.“ Und Jesus selbst sagte zu ihnen, dass Er „den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen“ gesehen hatte. Die Jünger hatten die Erfahrung der Kraft gemacht, die die Engel dauernd und in unvergleichlich höherem Maße ausüben. Vielleicht wurde diese Perikope ausgewählt, weil Jesus zu ihnen sagte: „Freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.“

 

Das bedeutet, dass die Jünger Jesu nach ihrem irdischen Leben in den Himmel kommen werden, der der Wohnort der Engel ist und in die Freude des Himmels, die die Freude der Engel ist; und dann wird das menschliche Leben naher dem Leben der Engel rücken. Schließlich beginnt die Perikope mit den Worten: „Wer euch hört, der hört mich ...“.

 

Nicht nur durch die Lehre der Jünger und die apostolische Tradition, sondern auch durch die geheimnisvolle Botschaft der Engel in unserer Seele können wir das Wort des Heilandes vernehmen. Wenn wir wissen, wie wir den Engeln zuhören, dann hören wir Jesus zu. Anschließend singen wir ein Antiphon biblischen Ursprungs, das verkündet, das Gott „die Engel zu Winden und [seine] Diener zu brennendem Feuer [macht]“ (Psalm 103:4). Wind und Feuer: so sind die Engel eng verbunden mit Pfingsten und dem Heiligen Geist.

 

Quelle: A Monk of the Eastern Church,

The Year of Grace of the Lord, Crestwood,

N.Y. 1980

 

 

Troparion der Synaxis

 

Heerführer der himmlischen Scharen, wir Unwürdigen bitten euch immerdar: Beschirmt uns durch eure Fürbitten im Schatten der Flügel eurer unstofflichen Herrlichkeit. Demütig rufen wir ohne Unterlass: erfleht, dass wir befreit werden aus den Gefahren, ihr Fürsten der überirdischen Mächte.

 

Kondakion der Synaxis

 

Heerführer Gottes, Liturgen göttlicher Herrlichkeit, der Engel Führer und der Menschen Geleiter: das Zuträgliche erflehet für uns und das große Erbarmen als der Körperlosen Heerführer.

 

 

Heilige & Feste im Monat Oktober

 

 

Das sakramentale Verständnis der heiligen Eucharistie in der orthodoxen Kirche

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die Feier der heiligen Eucharistie (griechisch: Η Θεία Ευχαριστία oder ή Αγία Ευχαριστία) steht im Zentrum des geistlichen und gottesdienstlichen Lebens der orthodoxen Kirche. Sie ist Mittel und Ort der Heiligung der rechtgläubigen Christen und formt aus den orthodoxen Christen erst den mystischen Leib Christi auf Erden.

 

In der Feier der Göttlichen Liturgie treten die irdische und die himmlische Kirche in sakramentaler Gemeinschaft zusammen.  Dies wird besonders deutlich, wenn wir uns die Ikone der Apostelkommunion ansehen. Sie ist  entweder hinter dem Altar an der Apsiswand oder aber über den königlichen Türen des Ikonostas angebracht. Wir erblicken auf dieser Ikone Christus Selbst als den eigentlichen Liturgen der Liturgiefeier. Die Feier der Göttlichen Liturgie gleicht einer liturgischen Ikone; sie ist ein realitätsvermittelndes Abbild der himmlischen Wirklichkeit. Diese himmlische Herrlichkeit wird durch die sakramentale Feier inmitten der irdischen Kirche abgebildet und damit für uns geistlich zu einer erfahrbaren Wirklichkeit. Das liturgische Geschehen bildet die himmlische Wirklichkeit jedoch nicht nur als Abbild oder Typos ab, sondern durch die liturgische Widerspiegelung der himmlischen Liturgie in unserer irdischen Liturgie wird die gesamte Heilrealität Gottes inmitten Seiner Kirche sakramental-liturgisch erfahrbar.

 

In der Feier der Göttlichen Liturgie wird das Mysterion des Opfers Christi auf dem Altar sakramental vergegenwärtigt. Diese sakramentale Vergegenwärtigung bezieht sich auf jenes eine und einmalige Opfer, wie es sich einst auf Golgotha zugetragen und in der Feier des Heiligen Abendmahls am Großen und Heiligen Donnerstag (Gründonnerstag) durch Christus Selbst sakramental vorabgebildet wurde. Jedoch begann das Opfer Christi, des Logos, des Eingeborenen Sohnes Gottes, der aus dem Vater gezeugt wurde vor aller Zeit, bereits mit Seiner Kenosis, dem Herabstieg des »Einen aus der Heiligsten Dreieinheit« (vgl. Hymnus »O eingeborener Sohn«), der zu unserem Heile menschgeworden ist aus der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria. Deshalb versteht die orthodoxe Kirche die heilige Eucharistie, also die Feier der Göttlichen Liturgie, als ein großes und umfassendes Lob- und Dankopfer, durch dessen Feier alle Heilstaten Gottes, wie sie sich einst zu unserem Heile zugetragen haben und nun im priesterlichen Gebet der Anaphora liturgisch genannt und dadurch sakramental präsent werden, im Vollzug des eucharistischen Mysterions (Sakrament) nun wiederum auf dem Altar sakramental vergegenwärtigt werden und deren Heilswirkungen deshalb in der heiligen Kommunion von den Gläubigen real und wirklich empfangen werden. Im Gegensatz zur römischen Messauffassung feiert die orthodoxe Kirche die heilige Eucharistie als große Lob- und Danksagung, aber nicht für das Kreuzesopfer Jesu Christi allein, sondern für das gesamte in Jesus Christus vollendete  und zu unserem Heil, zum Empfang der Theosis, sakramental real gegenwärtige Heilswerk Gottes. Die Feier der Göttlichen Liturgie ist also sakramentale Danksagung für das gesamte göttliche Heilswerk und zugleich seine sakramentale Vergegenwärtigung. Deshalb wird die Feier der heiligen Eucharistie auch zu Recht die »Göttliche Liturgie« genannt.

 

Im Kontext des orthodoxen Eucharistieverständnisses wird die Opfertheologie des Römerbriefes mit der des Hebräerbriefes in einem unzertrennlichen doppelten Zusammenhang gesehen: die zeitlich-irdische und die überzeitlich-himmlische Dimension des Opfers Christi. Das auf Golgatha in der Zeit des Kaisers Tiberius »ein für allemal« dargebrachte Opfer Christi (vgl. Hebräer 7:27) hat als historisches Ereignis eine räumlich-zeitliche Dimension; der Sinn beziehungsweise die Bedeutung dieses Geschehens jedoch liegt jenseits von Zeit und Raum, denn die ewige Hohepriesterschaft Jesu Christi (vgl. Hebräer 9:11), die in der zeitlich bestimmbaren Hingabe Seines Blutes ihren ergreifenden Ausdruck fand, bezieht sich nicht auf das Opfer auf Golgatha allein, sondern verweist auf das himmlische Heiligtum, unter dem der Felsen von Golgatha steht: »Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt ... ist Er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit Seinem eigenen Blut, und so hat Er eine ewige Erlösung bewirkt« (vgl. Hebräer 9: 11 f.).

 

 

Deshalb ist Christus in der Feier der Göttlichen Liturgie der »Darbringende und der Dargebrachte« (vgl. priesterliches Gebet vor dem Großen Einzug). Die gesamte irdische und himmlische Liturgie ist ein Opfer des Lobes, das Gott, dem Vater, durch Christus, unserem Hohepriester und Liturgen dargebracht wird.

 

 

Unser irdischer Altar wiederum ist das liturgische Abbild des himmlischen Heiligtums. Er ist geistliche Ikone des himmlischen Thrones unseres erhöhten Herrn Jesus Christus, der zur Rechten des Vaters sitzt und für uns das Dank- und Lobopfer der Heiligen Himmlischen Liturgie, umringt von allen Engeln und Heiligen, Gott, dem Vater, darbringt und für uns eintritt: »Wir haben einen Hohepriester, der sich zur Rechten des Thrones der Majestät im Himmel gesetzt hat, als Diener des Heiligtums und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen.« (vgl. Hebräer 8:6).

 

 

 

Aufgrund dieses Abbildlichkeitscharakters der irdischen Eucharistiefeier kann ein irdischer Liturge niemals Nachfolger oder Stellvertreter Christi sein. Aber was der römische Patriarch (Papst) in der Feier der Göttlichen Liturgie nicht sein kann, das kann er auch nicht ekklesiologisch inmitten der Kirche sein, denn nach orthodoxem Verständnis manifestiert sich das Wesen der Kirche in der Feier der Göttlichen Liturgie. Der vorstehende Bischof oder Priester ist in seiner liturgischen Dienstfunktion nur »eine äußere Gestalt«, ein Abbild, gleichsam eine lebendige Ikone, des in der Kirche gegenwärtigen Herrn. So vergegenwärtigen der Bischof, oder der von ihm beauftragte Priester, gleich einer solchen lebendigen Ikone den Herrn Jesus Christus, wie die konzelebrierenden Priester die heiligen Apostel, die Diakone die heiligen Engel und die versammelten Gläubigen die himmlische Gemeinschaft, die Synaxis (Versammlung) der Heiligen symbolisieren und vergegenwärtigen.

 

Deshalb wird Christus auch auf den Ikonen, die die Feier der himmlischen Liturgie abbilden, als Hohepriester dargestellt. Er trägt sowohl die liturgischen Gewänder eines Bischofs, wie auch die Gewänder des Kaisers, denn Christus ist der himmlische König, der Pantokrator, und zugleich der Hohepriester Seiner Kirche. Er ist der menschgewordene Sohn Gottes; Er ist der im Alten Testament verheißene Christus (=Messias)-König, aber Er ist nicht in irdischer Macht und nur für das von Gott auserwählte Volk Israel, sondern in Demut und zum Heil aller Menschen in diese Welt gekommen. Ihm assistieren bei der Feier der himmlischen Liturgie wiederum nicht Priestern und Diakone, sondern die heiligen Engel, denn durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes wird alles miteinander wieder in schöpfungsgewollter Einheit zusammengebracht, was durch den Eintritt der Sünde in die Schöpfung einstmals zerrissen worden ist (»was im Himmel und auf Erden ist«, vgl. Epheser 1: 10).

 

Wir alle sind eine Synaxis der gesamten Kirche, wenn wir uns um unseren Bischof oder Priester versammeln, die für uns die Darbringung kraft des ihnen in der Handauflegung (griechisch: Cheirotenia) verliehen sakramentalen Priestertums vollziehen. Indem wie uns mit dem Gebet unseres Bischofs oder Priesters vereinen, sind auch wir Gläubigen Mitliturgen der himmlischen Herrlichkeit unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus, den wir Gläubigen mit dem priesterlichen Liturgen  durch unsere Gebete in der Göttlichen Liturgie verherrlichen und lobpreisen. Die um ihren Bischof oder Priester vereinte Gemeinde ist dabei nicht nur ein Teil der Heiligen Kirche, sondern in ihr ist die gesamte rechtgläubige Kirche Christi gegenwärtig (vgl. Alexej Chomjakov).

 

Zugleich bleibt im kirchlichen Bewusstsein der orthodoxen Kirche immer klar gegenwärtig, dass die Feier der Göttlichen Liturgie etwas ist, das wir nicht machen oder eigenwillig gestalten können, sondern das wir nur in Demut und Treue zur apostolischen Überlieferung empfangen dürfen. Hierher rührt die orthodoxe Skepsis gegenüber den heutigen liturgischen Experimenten, wie sie die römische Kirche seit dem Vatikanum II prägen. Wie das Heilige Evangelium, so ist auch die Göttliche Liturgie ganz Gabe Gottes, der wir zwar in Synergeia mit dem Heilshandeln Gottes begegnen, das aber deshalb noch lange nicht in unserer Verfügbarkeit nehmen dürfen, denn der eigentlich Handelnde und Darbringende im Himmel und auf Erden ist und bleibt Christus Selbst. Deshalb sagt uns auch der heilige Johannes Chrysostomos: »Die vorliegenden (Gaben) sind nicht das Werk menschlicher Kraft. Er, der sie damals bei jenem Mahl vollbrachte, verrichtet sie auch jetzt. Wir nehmen nur die Stelle von Dienern ein. Der sie aber heiligt und verwandelt, das ist Er.«

 

Der Bischof, Priester und Volk bringen ihrerseits ihre Danksagung (griechisch: Eucharistia) zum Ausdruck, indem sie in Anbetracht der Heils-Gaben des Auferstandenen an Seine Kirche die Göttliche Liturgie als Göttliche Eucharistia, als Danksagung für die empfangenen Heilstaten Gottes feiert.

 

 

Die gesamte Heilsökonomie Gottes wird in der Feier der Göttlichen Liturgie gegenwärtig, wie es die Gebete der Ansaphora beindruckend bezeugen: Schöpfung, Menschwerdung Gottes, Tod und Auferstehung des Herrn bis hin zur Ausgießung des Heiligen Geistes und Wiederkunft Christi in Herrlichkeit. Aber auch die bereits im Herrn Entschlafenen und unsere Bitten zu ihrem Heil werden in der Feier der Göttlichen Liturgie liturgisch-sakramental gegenwärtig. In der Proskomidie wurde ihre Namen genannt und ihre Seelen im Symbol der keinen Brotteilchen auf dem liturgischen Diskos als Abbild der Kirche um Christus, das wahre Opferlamm, versammelt. Hier sind aber bereits durch kleine und größere Brotteilchen die Allheilige Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria, alle Engel und Heiligen um Christus liturgisch-symbolisch in ihrem Lobpreis Gottes und in ihrer Fürbitte für uns versammelt. Auch die rechtgläubige Hierarchie der Kirche und schließlich die Gläubigen werden durch kleine Brotstückchen in Fürbitte vor Christus gebracht. So ist schon zu Beginn der Göttlichen Liturgie die gesamte himmlische und irdische Kirche um Christus, den »Darbringenden und Dargebrachten« versammelt, der ihr Lob- und Dankopfer auf den himmlischen Altar emporheben und vor das gnädige Antlitz Gottes bringen wird.

 

 

In diesem ersten Teil der Göttlichen Liturgie lässt sich bereits die sakramentale Identität und das damit verbundene Heilsverständnis unserer orthodoxen Kirche erkennen: Im Gebet und der hieraus entstehenden liturgischen Wirklichkeit; im Wirken des Heiligen Geistes an den vorgelegten Gaben und der versammelten Gemeinde sind alle in die göttliche Heilswirklichkeit mit hineingenommen: die Allheilige Gotttesgebärerin samt allen Engeln und Heiligen, die bereits verstorbenen und die noch lebenden Christgläubigen, aber auch der gesamte Kosmos, die belebte und unbelebte Natur sind in das von Christus hervorstrahlende, göttliche Gnadenlicht, das Er uns bei Seiner Verwandlung auf dem Berge Tabor offenbart hat, mit hineingenommen.

 

Als der Ort der geistlichen Erfahrung der göttlichen Gnadengaben, vor allem Seiner erlösenden Liebe, ist die orthodoxe Kirche deshalb Arche des Heiles, und fortdauernder mystischer Leib Christi auf Erden. Hier vollzieht sich die Feier der Danksagung für das Liebeshandeln Gottes an uns, die Feier der Göttlichen Liturgie. Hier ist das kommende Eschaton (das geheiligte Zeitalter der Wiederkunft Christi) für uns bereits liturgisch vorweggenommen und erfahrbar. Die Kirche ist der sakramentale Ort der Verwirklichung des bereits angebrochenen Heils, das uns seit dem Ostermorgen hell aus dem Grabe Christi entgegenstrahlt. Das Himmlische ist seitdem im Irdischen, das Unsichtbare im Sichtbaren, das Zeitlose im Zeitlichen, das Unendliche im Endlichen und das gedanklich Unfaßbare im durch den Glauben gnadenhaft Erlebbaren gegenwärtig. Hierin offenbart sich der sakramentale Erfahrungshorizont der Kirche, der sie von allen protestantischen Interpretationen des Evangeliums und der Kirche Christi wesensmäßig unterscheiden.

 

 

In der liturgischen Ikone der Göttlichen Liturgie erfahren wir heute bereits die kommende Herrlichkeit der Königsherrschaft Christi. In der Feier der Göttlichen Liturgie wird die Gegenwart Christi und Seines Heiles nicht einfach nur symbolisch abgebildet. Sie ist kein frommes Theaterstück aus frühchristlicher oder byzantinischer Zeit, kein prächtiges mittelalterliches Mysterienspiel, wie einige moderne nicht-orthodoxe Theologen in ihrer Fixierung auf ein protestantisches Gottesdienstverständnis heute meinen, sondern reale Vergegenwärtigung der gesamten Heilsökonomie Gottes und somit für den, der mit den Augen des orthodoxen Glaubens zu schauen vermag, der Anbruch und die Morgenröte der himmlische Wirklichkeit.

 

Diese eucharistische Erfahrung der Kirche findet ihren beredten Ausdruck bereits in den Schauungen des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes des Theologen auf Patmos: »Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Siehe da, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden Sein Volk sein; und Er, Gott, wird bei ihnen sein« (vgl. Apokalypse 21:3). Die Offenbarung des heiligen Johannes, der bezeichnenderweise »am Tag des Herrn vom Geist ergriffen« wurde (ebd. 1: 10) und dann diese prophetischen Worte aufschrieb, ist durchdrungen von der eucharistischen Heilserfahrung der Kirche, die in aller Bedrängnis und in den Unzulänglichkeiten dieses irdischen Lebens die reale Gemeinschaft mit Gott erlebt.

 

Aus diesem Grunde bezeichnen die Heiligen Väter die heilige Eucharistie als das »Sakrament der Sakramente«. Sie ist das liturgische Herz der Kirche, ihre geistliche Grundlegung, ihr mystisches Fundament. Ohne die Feier der heiligen Eucharistie in der Göttlichen Liturgie ist das christliche geistliche Leben und damit die Erlösung, die Darreichung des in Christi Heilshandeln gewirkten Heils undenkbar.

 

 

Das Abendmahlsverständnis in der orthodoxen Kirche

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Die eucharistische Darbringung, die Anaphora, ist nach orthodoxem Verständnis ein »Opfer des Lobes« (vgl. Beginn der Anaphora) für die Heilstaten Gottes vom Anbeginn der Schöpfung an. Im Gegensatz zur abendländischen Theologie, die wegen der Fokussierung ihrer Erlösungslehre auf die Rechtfertigung in der Anaphora vor allem das Kreuzesopfer Christi vergegenwärtigt wissen will, ist die orthodoxe Anaphora Opfer, Danksagung und sakramental-liturgische Vergegenwärtigung aller Heiltaten Gottes. Sie ist Gnadengabe und Heilswerk Christi. Deshalb begreift die orthodoxe Kirche nicht den Priester als den Hauptakteur des liturgischen Geschehens, wie es die abendländische mittelalterliche Mess-Theologie getan hat. Vielmehr ist Christus Selbst der  »Darbringende und der Dargebrachte«. Er ist der das Opfer der versammelten Kirche Empfangende, das Er wiederum als der alleinige Mittler Gott, dem Vater, darbringt. Und Er ist der die heilige Kommunion Austeilende und in ihr Empfangene. Nach dem Gebet des Priesters zum Cherubim-Hymnus ist unser Herr Jesus Christus Selbst der alleinige Vollzieher der heiligen Eucharistie.

 

 

Er ist unsichtbar, aber im liturgischen Vollzug des Sakramentes ganz und gar real in Seiner rechtgläubigen Kirche anwesend und wirkt sakramental durch den Priester. Nach den Gebetsworten der Heiligen Liturgie geschieht die Verwandlung sowohl an den vorgelegten Gaben wie auch an der versammelten Gemeinde, die dadurch aus göttlicher Gnade erst befähigt wird, das »Heilige den Heiligen« (vgl. Ausruf des Priesters vor der heiligen Kommunion) zu empfangen und die wiederum bekennt: »Einer ist Heilig, Einer ist der Herr, Jesus Christus, zur Verherrlichung Gottes des Vaters. Amen.«

 

 

Für orthodoxe Christen bleibt deshalb jedes rein symbolische Verständnis des Abendmahls aus ihrer kirchlichen Glaubenserfahrung heraus unverständlich. Die Feier der Göttlichen Liturgie ist keine einfache Symbolhandlung, die als bloße Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu verstanden und vollzogen werden könnte. In der Feier der Göttlichen Liturgie wird das Opfer Christi, das Er bereits in der Feier des Letzten Abendmahles Seinen heiligen Apostel und Jüngern sakramental zugänglich gemacht hat, nicht wiederholt, sondern liturgisch-sakramental vergegenwärtigt. Die Feier jeder Göttlichen Liturgie ist ein Gegenwärtig- und Realwerden jener ersten heiligen Kommunion, in der Christus Selbst Sein Heilshandeln durch die Teilhabe an Seinem letzten Heiligen Abendmahl Seinen Jüngern und Aposteln dargereicht hat. So ist die Feier der Göttlichen Liturgie, zu der nach genuin orthodoxem Verständnis deshalb auch immer die Teilhabe an der heiligen Kommunion (griechisch: Η Θεία Κοινωνία oder ή Αγία Κοινωνία) gehört, ein sakramental-liturgisches Gegenwärtigwerden jener heiligen Nacht, in der Christus Selbst mit Seinen Jüngern und Aposteln am Tisch saß und das Mysterion der heiligen Eucharistie vollzog.

 

 

Dieses heilige Mysterion der realen göttlichen Gegenwart und der sakramentalen Teilhabe am Heilshandeln Christi wird in der orthodoxen Kirche in der Feier der heiligen Eucharistie ununterbrochen fortgeführt. Deshalb beten wir vor dem Empfang der heiligen Gaben, wenn die Priester uns den Kelch des Heiles zeigt und ausruft: »Mit Glauben und Gottesfurcht tretet heran«, »Ich glaube, o Herr, und ich bekenne, dass Du bist Christus der Sohn des lebendigen Gottes …auch glaube ich, dass dies Dein Allreiner Leib Selbst und dies Dein Kostbares Blut Selbst ist…Des geheimnisvollen Gastmahls mache mich heute teilhaftig, o Sohn Gottes, Deinen Feinden will ich das Geheimnis (Mysterion) nicht verraten…«.

 

 

So glaubt die orthodoxe Kirche fest daran, dass sich in der Feier der heiligen Eucharistie Brot und Wein in den wahren Leib und in das kostbare Blut Christi verwandeln und nicht rein symbolische Darstellungen oder Bilder gleich den alttestamentlichen Bundeszeichen sind, wie es unsere reformierten und freikirchlichen Mitchristen meinen.

 

Ein solches ganz und gar sakramental-reales Verständnis der heiligen Eucharistie ist kennzeichnend für die Kirche Christi seit der Zeit der heiligen Apostel. So bezeugt uns der heilige Josephus Flavius  im 2. Jahrhundert: »Diese Speise ist der Leib und das Blut dieses fleischgewordenen Jesus«. Und der heilige Ignatius, der Gottesträger, ein Schüler des heiligen Johannes des Theologen, der im 2. Jahrhundert Bischof von Antiochien war und sein Christusbekenntnis mit dem Martyrium besiegelt hat: »Die Eucharistie der Leib unseres Heilandes Jesu Christi ist, der für unsere Sünden gelitten hat«. Auch die heiligen Apostel überliefern uns, was Christus Selbst über die heilige Eucharistie lehrte: »Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich in ihm« (Johannes 6:55-56).

 

 

Durch die heilige Kommunion vollzieht sich nach orthodoxem Glauben die Vereinigung des Gläubigen mit Christus Selbst; nicht symbolisch und bildlich, sondern wirklich, real und vollständig. So wie Christus Brot und Wein sakramental durchdringt und sie mit Seiner Göttlichkeit erfüllt, so geht Er auch in den Menschen ein und erfüllt seinen Leib und seine Seele mit Seiner lebensschaffenden Gegenwart durch die gnadenhafte Teilhabe an den ungeschaffenen göttlichen Energien. Die Teilhabe an der Heiligen Eucharistie vergöttlicht uns (vgl. die Vorbereitungsgebete vor dem Empfang der heiligen Kommunion), das heißt sie gibt uns wirklich Anteil an der göttlichen Gnadengabe der Erlösung.

 

Doch wie jedes der anderen heiligen Mysterien Christi wirkt  auch die heilige Eucharistie nicht dinglich-magisch an uns, sondern immer geistlich-sakramental. Damit der Empfang der heiligen Gaben zur göttlichen Kommunion für uns werden kann, müssen wir mit der uns darin geschenkten göttlichen Gnade zusammenwirken, das heißt, sie durch ein ernsthaftes geistliches Leben fruchtwirkend in uns werden lassen.

 

Im Empfang der heiligen Eucharistie werden wir, wie es die Heiligen Väter sagen, »des gleichen Fleisches« mit Christus. Er geht in uns ein wie er einst in den Schoß der Allheiligen Gottesgebärerin und Immerjungfrau Maria einging. Er nimmt in geistlich-realer Wohnung in uns mit dem Vater und dem Geiste. Wir werden dadurch zu geistlich-leiblichen Tempeln Gottes. Der heilige Symeon, der Neue Theologe, sagt darüber, dass Christus, indem Er sich mit uns vereinigt, alle Glieder unseres Körpers göttlich macht: »Du bist uns dem Fleisch nach verwandt und wir sind Dir verwandt nach Deiner Göttlichkeit. Du verbleibst mit uns jetzt und immerdar, Du nimmst in jedem Deine Wohnung, und Du wohnst in allen. Jeder von uns einzeln ist mit Dir, o Heiland, ganz mit dem Ganzen, und Du bleibst in jedem Einzelnen. So werden alle Glieder von jedem von uns zugleich Glieder Christi und wir gemeinsam werden zu Gott, da wir alle zusammen in Gott sind«. In diesen Worten des Heiligen Symeon, des  Neuen Theologen, leuchtet uns die geistliche Erfahrung unserer orthodoxen Kirche auf: Die enge Verbindung zwischen der heiligen Kommunion und der Erlangung des Heiles, der geistlich-organischen Verbindung des Empfangs der heiligen Eucharistie mit ihrer Wirkung der gnadenhaften  Vergöttlichung, die nach orthodoxen Verständnis das Ziel des christlichen Lebens ist. Deshalb spricht der heilige Irenäus von Lyon von der heiligen Eucharistie als der   »Arznei, die zur Unsterblichkeit führt«.

 

Nach orthodoxem Verständnis wurde der Mensch als eine Einheit aus Seele, Geist und Körper erschaffen. Deshalb verstehen wir Orthodoxen den christlichen Glauben und die damit verbundene die Erlösung immer ganzheitlich; niemals nur als eine Glaubenslehre oder religiöse Philosophie, die sich nur an unseren Geist richten würde, niemals nur als Rechtfertigung oder Gerechtsprechung vor Gott, die nur unsere Seele betreffen würde, sondern als Vergöttlichung, als eine vollständige Erlösung und Heiligung, die den gesamten Menschen ergreifen, verändern, heilen und heiligen soll. Hierin liegt, unter anderen, einer der Gründe für die besondere Hochschätzung der leiblichen Aspekte im Erlösungsprozess des Menschen, die sich in den sakramentalen Vollzügen unserer orthodoxen Kirche und ihrer Aneignung durch den geistlichen Glaubensweg der christlichen Askese im Leben des einzelnen Gläubigen ausdrückt.

 

 

Auch unser Leib erhält durch den Empfang der heiligen Kommunion so etwas wie einen Sauerteig der Unverweslichkeit. Nicht nur Seele und Geist, sondern auch der Leib wird durch den Empfang der heiligen Eucharistie vergöttlicht. Deshalb sind die Leiber vieler Heiliger, die sich schon in ihrem irdischen Leben in besonderer Weise der Vergöttlichung angenähert haben, auch nach ihrem irdischen Tod unverwest geblieben. Da sie bereits in ihrem irdischen Leben ein hohes Maß an Christusförmigkeit erlangt haben, gehen auch von ihren Reliquien gleich wie vom Leibe Christi selbst (vgl. Matthäus 9:18-22; Markus 5:25-34; Lukas 8:43-48) gnadenwirkende Kraft aus.

 

Aber auch diejenigen Gläubigen, die in ihrem Erdenleben nicht den Stand vollkommener Heiligkeit erreicht haben, gewährt der Empfang der heiligen Kommunion die Arznei der Unsterblichkeit und zwar nicht nur der seelisch-geistlichen, sondern auch der Unsterblichkeit ihrer Leiber. Auch wenn sie sterben und ihre Leiber danach verwesen, wird dieser »eucharistische Sauerteig« für ihre gesamte menschliche Person zum Unterpfand der zukünftigen Auferstehung. Hierin liegt im Übrigen auch der geistliche Sinn, warum die orthodoxe Kirche die mutwillige Verbrennung der verstorbenen Leiber konsequent ablehnt und in dieser Praxis eine gelebte Form der Apostasie sieht.

 

Wegen dieses besonderen, umfassenden Wirkcharakters der heiligen Kommunion schenkt die orthodoxe Kirche diesem Mysterion eine besondere geistliche und liturgische Beachtung, wenn auch die heilige Eucharistie in die Gesamtheit der übrigen Sakramente eingeordnet bleibt. So ist die Heilige Eucharistie Krönung und Abschluss der Sakramente, durch die wir zu Christen werden. In der heiligen Taufe erhalten wir die Vergebung der Sünden, in der heiligen Myronsalbung erhalten wir die Gnadengabe des Heiligen Geistes, die uns befähigt, in der bereits empfangenen Taufgnade zu leben. In der heiligen Eucharistie wird dieses neu empfangene Leben in Christus dann genährt und auferbaut.

 

 

Zugleich werden wir durch den Empfang der heiligen Kommunion in den mystischen Leib Christi auf Erden, die heilige Kirche, eingefügt und damit befähigt, den Weg zu unserer Erlösung, zur Theosis, in der Gemeinschaft alen übrigen Gläubigen zu beschreiten. Diese drei Mysterien verleihen einem jeden orthodoxen Gläubigen das allgemeine Priestertum, also die Fähigkeit der Welt die Frohe Botschaft von der Erlösung in Jesus Christus zu bezeugen und den Weg zur Heiligkeit zu beschreiten.

 

Ohne die Gnadengabe der göttlichen Gemeinschaft in der heiligen Kommunion und die damit empfangene geistliche Stärkung würden wir schnell durch den Bösen verführt und von ihm vom Wege des Heiles wieder abgebracht werden.

 

Auch alle übrigen Sakramente haben eine solche organische Beziehung zur heiligen Eucharistie. So verleiht uns die heilige Beichte oder Buße die Gnadengabe der Sündenvergebung, also die Wiederherstellung der Taufgnade und befähigt uns damit, segensreich die Heiligen Gaben zu empfangen. Die Handauflegung oder Chirotoneia verleiht dem Empfänger das sakramentale Priestertum, also die Gabe, die heiligen Mysterien für die Kirche zu vollziehen und die orthodoxe Glaubensbotschaft in der Mitte der Rechtgläubigen zu verkünden.

 

Auch die beiden christlichen Lebenswege des Ehestandes und des Mönchtums erwachsen nicht aus sich selbst heraus. Gleich einer zweiten Taufe sind sie sakramentale Grundlegung einer Vertiefung des christlichen Lebensweges, die immer wieder der Einwohnung Christi in uns durch den Empfang Seiner Heiligen Gaben bedarf, damit jeder dieser beiden Lebenswege zu einem Pfad, der zur Heiligkeit führt, werden kann.

 

Die besondere Heilsbedeutung der heiligen Eucharistie wird auch daran deutlich, dass das Mysterion der Krankensalbung, das Sakrament der geistlichen und körperlichen Heilung im Anschluss an den Empfang von Beichte und Kommunion gespendet werden soll (soweit es der Körperliche zustand des Erkrankten zulässt).

 

Aus all den hier Gesagten wird die mit nichts zu vergleichende geistliche Bedeutung der heiligen Kommunion in Bezug auf die Erlösung des ganzen Menschen mehr als deutlich. Denn  ohne die heilige Eucharistie gibt es weder Erlösung noch Vergöttlichung; weder wahres Leben noch Auferstehung und ewiges Leben.

 

 

Der heilige Apostel und Evangelist Johannes sagt uns dazu: »Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und Sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.« Und: »Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage« (Johannes 6:53-54).

 

Diese Worte Christi werden in der orthodoxen Kirche nicht symbolisch, sondern ganz real wortwörtlich verstanden. Aus diesem Grunde weist die orthodoxe Kirche ihre Gläubigen wieder und wieder auf diese Worte im heiligen Evangeliums hin. So wird den orthodoxen Gläubigen in allen orthodoxen Lokalkirchen empfohlen, nach würdiger Vorbereitung regelmäßig das Mysterion der heiligen Eucharistie zu empfangen. In der russischen Tradition sind die Gläubigen heute eingeladen und aufgerufen, wenn möglich jeden Sonntag die Heiligen Gaben zu empfangen.

 

Dabei verzichtet die orthodoxe Kirche jedoch nicht auf die notwendige Vorbereitung auf die Begegnung mit den Heiligen Gaben durch Fasten und Gebet. Deshalb werden in der russischen Kirche dem Kommunikanten in der Regel auch der Besuch der Nachtwache am Vorabend und die vorherige Beichte vorgeschrieben.

 

Manche orthodoxe Gläubige gehen deshalb nur einmal im Monat oder sogar nur einmal im Jahr zur heiligen Kommunion. Zur Zeit der Synodalepoche in der russischen Kirche vor 1917 traten die Frommen in den vier Fastenzeiten zum Empfang der heiligen Kommunion heran, andere jedoch oft nur einmal im Jahr in der Karwoche oder der österlichen Festzeit. Dieser Brauch entsprach aber nicht der ursprünglichen Lehre der orthodoxen Kirche, wie uns jeder Blick in die Schriften der heiligen Väter schnell zeigt. So weist uns der heilige Johannes Chrysostomos mit großer Ernsthaftigkeit darauf hin, dass sich derjenige, der ohne schwerwiegenden Grund nicht an der heiligen Kommunion teilnimmt, bereits selbst exkommuniziert hat, da er die heilige Gemeinschaft mit Gott und dem mystischen Leib Christi gering achtet.

 

In der russischen Kirche kehrte die Mehrheit der Gläubigen in der Zeit der atheistischen Verfolgungen zum häufigeren Empfang der Heiligen Gaben zurück.

 

 

In Bezug auf unsere Vorbereitung auf den Empfang der Heiligen Gaben und auf die damit verbundene notwendige Ausrichtung unseres geistlichen und asketischen Lebens lässt sich zunächst einmal grundsätzlich festhalten,  dass wir Menschen weder uns in der Heiligen Beichte wirklich so zu erkennen vermögen, wie wir vor dem allsehenden Auge Gottes wirklich mit unserem Leben stehen, noch dass auch nur einer von uns die große Heiligkeit dieses Göttlichen Sakramentes ganz erfassen könnte, geschweige denn mit all unseren asketischen und geistlichen Bemühungen je »würdig« werden könnten, das Sakrament aus dem Grunde »eigener Würdigkeit« empfangen zu dürfen. Als Menschen sind wir allzumal alle ohne jede Ausnahme Sünder; wir sind geislich und deshalb oft auch psychisch und physisch Kranke, die des göttlichen Arztes der Seele und des Leibes Christi, unseres menschenliebenden und erbarmenden Gottes und Seiner heilenden Gnade bedürfen. Die Göttliche Eucharistie ist von Christus gerade dazu eingesetzt worden, damit wir, wenn wir die Allheiligen Gaben empfangen und dadurch mit Christus vereinigen, immer reiner und so der gnadengewirkten Gemeinschaft mit Gott mehr und mehr würdig werden. Aber nicht wir sind von uns aus würdig, sondern durch die gnadengewirkte Vergöttlichung werden wir von Gott aus Gnade und Barmherzigkeit würdig gemacht. Unser geistliches Leben und unsere asketische Vorbereitung auf den Empfang der Heiligen Gaben durch Fasten und Gebet ist nur unsere vorauseilende Antwort und notwendige Vorbereitung auf unsere große Begegnung mit der unverdienten Liebe Gottes, die uns Christus offenbart hat und die Er uns im Empfang der heiligen Kommunion wieder und wieder von Neuem schenkt.

 

So betont unsere orthodoxe Kirche und erinnert die Gläubigen ernsthaft daran, dass jeder, der das Sakrament empfängt, zu dieser Begegnung mit Christus vorbereitet sein muss. Die wahrhaft orthodoxe Vorbereitung auf dem Empfang der heiligen Kommunion darf sich aber nicht auf das Lesen einer bestimmten Zahl von Gebeten und auf die Enthaltung vom Genuss bestimmter Speisen einschränkt werden. Die heiligen Väter, die Texte der Gottesdienste in der Großen Fastenzeit und die großen Seelsorger aller Zeiten werden nicht müde, uns wieder und wieder darauf hinzuweisen, dass die echte geistliche Vorbereitung auf den Empfang der Allheiligen Gaben in erster Linie in einer ernsthaften Läuterung des Gewissens, im Ablegen aller Feindseligkeit gegenüber unserem Mitmenschen und Nächsten und der konsequenten Überwindung jeglichen inneren Grolls und Verärgerung gegenüber unserem Nächsten besteht. Es geht deshalb in der Kommunionvorbereitung vor allem um eine aufrichtige Versöhnung mit allen Menschen.

 

Ob wir vor jedem Empfang der heiligen Kommunion zu Beichte gehen, oder ob wir in regelmäßigen Abständen beichten, hängt unter anderem von den historisch gewachsenen Regeln des kirchlichen Lebens ab, denen unsere eigene orthodoxe Lokalkirche folgt.

 

Generell aber gilt für alle orthodoxen Christen, dass es ein ernstes Hindernis für unsere Teilnahme an der heiligen Eucharistie darstellt, wenn wir durch schwere Sünden belastet sind. Diese müssen unbedingt vorher im Sakrament der Heiligen Beichte bekannt und durch den Priester vergeben werden.

 

In der orthodoxen Kirche ist es üblich, die heilige Kommunion nüchtern zu empfangen, weil der menschliche Körper durch dieses eucharistische Fasten gereinigt und vorbereitet werden soll, durch den Empfang der heiligen Gaben ein lebendiger Tempel Gottes zu werden.

 

Gesunde und erwachsene orthodoxe Christen enthalten sich deshalb ab Mitternacht des Vorabends aller Speisen und Getränke. Alte, Schwangere und kleine Kinder sind, wie auch sonst von der akribischen Strenge des asketischen Lebens ausgenommen. Wer unsicher ist, wie er sich im Einklang mit den kirchlichen Regeln verhalten soll, sollte seinen Priester vorher fragen.

 

Die heilige Kommunion auf nüchternen Magen zu empfangen ist eine altkirchliche Tradition. Sie geht bis auf die nachapostolische Zeit zurück, als die Göttliche Liturgie aufhörte, Fortsetzung des Agape - des altchristlichen Liebesmahles - zu sein und sich in einen feierlichen Gottesdienst verwandelte, der in den Morgenstunden gefeiert wurde.

 

Alle Vorschriften bezüglich der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Kommunion dienen aber niemals einem geistlosen Ritual, sondern sollen den Menschen darauf vorbereiten, dem lebendigen Gott im Sakrament wirklich begegnen zu können. Nicht Gott bedarf unseres Fasten und unserer Gebete, obwohl Er sich darüber freut, sondern wir bedürfen ihrer gleich des hochzeitlichen Gewandes, das Gott uns in der heiligen Kommunion verleiht. Wir müssen uns aber darauf vorbereiten, die unverdienbare Gnadengabe Gottes, Seine uns darin begegnende Liebe und erlösende Fürsorge erkennen zu können, damit wir das hochzeitliche Gewand Gottes nicht einfach achtlos beiseite werfen und uns lieber im schäbigen Kittel des alten Adams ins himmlische Hochzeitsmahl einzuschleichen versuchen.

 

Die Heilige Kommunion ist unsere große Begegnung mit Gott. Dieser heiligen und uns heiligenden Begegnung muss sich der das Sakrament empfangende Mensch ernsthaft bewusst werden, damit diese Begegnung zu einer ihn zur Heiligkeit verwandelnden Begegnung werden kann.

 

So gibt es in der Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Gaben gleichsam ein für uns Menschen nur schwer zu erfassendes Paradoxon, das uns aber das Geheimnis der Gottesbegegnung im Empfang der Heiligen Gaben  erschließt: Zum einen rufen uns die Vorbereitungsgebete dazu auf, uns der heiligen Eucharistie in einer Gesinnung der Buße und Umkehr zu nähern. Zum anderen aber rufen uns die gleichen Gebete dazu auf, uns dem Kelch des Heiles mit Gottesfurcht, geistlicher Freunde und Vertrauen auf Gottes großes Erbarmen und Seine unüberwindliche Liebe zu nähern. So sollen wir uns dem Empfang der heiligen Kommunion demütig wegen des Bewusstseins unserer eigenen Sündhaftigkeit und hierher rührenden Unwürdigkeit, aber zugleich auch  mit geistlicher Freude nähern, weil der Herr uns Menschen durch die innige Begegnung mit sich Selbst, im Empfang der heiligen Eucharistie, reinigt, heiligt und vergöttlicht. Er Selbst ist es nämlich, der uns so aus Gnaden würdig macht, Ihm in der heiligen Kommunion zu begegnen trotz all unserer eigenen Unwürdigkeit.

 

 

Grundzüge der geschichtlichen Entwicklung der Göttlichen Liturgie

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Das Sakrament der heiligen Eucharistie (slawisch: таинство святой евхаристии) oder auch das heilige Abendmahl genannt wurde von Christus Selbst bei Seinem letzten heiligen Abendmahl am Großen und Heiligen Donnerstag (Gründonnerstag) eingesetzt, als Er Brot und Wein in Seinen kostbaren Leib und Sein Allheiliges Blut verwandelte. Er ließ Seine Jünger daran teilhaben und sie dadurch in die heilige Kommunion, die geistliche sakramentale Gemeinschaft mit Ihm Selbst zu treten. Auch forderte der Herr Selbst Seine heiligen Jünger und Apostel auf, dieses große und heilige Mysterion zu Seinem Gedächtnis für alle Zukunft bis zu Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit zu feiern.

 

Deshalb versammelten sich die heiligen Apostel und Jünger auch nach Seinem Kreuzestod und Seiner Auferstehung am ersten Tag der Woche, dem Sonntag, an dem Christus glorreich von den Toten auferstand, um im »Brotbrechen« den Auftrag des Herrn zu erfüllen und Seine Heiltaten zu feiern und zu verkünden.

 

Schon zu den Lebzeiten der heiligen Apostel wurde der Kern der Göttlichen Liturgie, die Anaphora (griechisch: Η Αγία Αναφορά), in ihren Grundzügen festgelegt. Sie gehört zur Heiligen Apostolischen Tradition und wird seitdem in der orthodoxen Kirche treu und unverändert bewahrt.

 

Ursprünglich war die Anaphora, die Feier der heiligen Eucharistie ein Mahl, das durch Lesungen aus der Heiligen Schrift und Singen von Psalmen, durch Predigt der heiligen Apostel oder der von ihnen in den Ortsgemeinden eingesetzten Bischöfe und Gebete begleitet wurde. Manchmal dauerte diese Feier die ganze Nacht. Parallel zur Ausbreitung der christlichen Kirche wandelte sich die Feier der heiligen Eucharistie dann aus einer abendlichen und ganznächtlichen Mahlfeier zu den Frühformen unseres heutigen orthodoxen Gottesdienstes.

 

Bereits zur Zeit des heiligen Apostels Jakobus des Herrenbruders, der der erste Bischof in Jerusalem war, entstand die erste liturgische Ordnung für die Feier der Göttlichen Liturgie, die Jakobusliturgie. Sie wurde von den heiligen Aposteln in Jerusalem und im übrigen Heiligen Land, jedoch bereits auch in Antiochia, wo sich die erste große Christengemeinde außerhalb Palästinas bildete, gefeiert. Dort hat sie auch der heilige Johannes Chrysostomos gefeiert und später zum Vorbild seiner liturgischen Ordnung in Konstantinopel gemacht. Diese apostolische liturgische Ordnung wurde vom heiligen Apostel Petrus von Antiochien aus nach Rom gebracht, wo aus ihr unter dem heiligen Clemens und dem heiligen Gregor Dialogos (von dem auch die liturgische Ordnung der Liturgie der vorgeweihten Gaben stammt) die altrömische liturgische Ordnung entstand. Der Schüler des heiligen Apostels Petrus, der heilige Evangelist Markus, brachte die apostolische liturgische Ordnung nach Alexandrien in Ägypten, wo daraus die alexandrinische Ordnung der Markusliturgie entstand. Der heilige Apostel Paulus trug nach dem Zeugnis seiner Briefe (vgl. 1. Korinther 11: 23) die apostolische Ordnung der Anaphora, die er bei seinen Besuchen  bei den übrigen Aposteln in Jerusalem kennengelernt hatte, zu den Gemeinden, die er später in ganz Kleinasien und Griechenland gründete. Aus ihnen entstanden dann die liturgisch Ordnung in Kappadokien, die uns der heilige Basilius der Große in seiner Basilius-Liturgie überliefert hat. Die kappadokische liturgische Ordnung gelangte auch mit der Annahme des Christentums nach Armenien, woraus im Laufe der kommenden Jahrhunderte die heutige armenische Liturgie entstand.

 

Von Alexandrien aus gelangte die apostolische liturgische Tradition, wie sie der heiligen Evangelisten Markus dort eingeführt hatte, zusammen mit dem christlichen Glauben nach Äthiopien, woraus sich im Laufe der kommenden Zeit die Liturgie der äthiopischen und eretreaischen  Kirche entwickelte. Mit dem heiligen Aposteln Judas Thaddäus und Bartholomäus und ihren Gefährten gelangte die apostolische liturgische Ordnung aus Antiochien kommend nach Mesopotamien im heutigen Irak und von dort aus mit der Mission des heiligen Apostels Thomas zu den indischen Christen an der Keralaküste.

 

Der Grundaufbau der Anaphora, der apostolische Kern der liturgischen Ordnung, ist in all diesen altkirchlichen liturgischen Ordnungen gleich.

 

In der Zeit zwischen dem 3. und dem 9. Jahrhundert wurde diesem apostolischen liturgischen Kern der Eucharistiefeier in den einzelnen Kirchen jedoch weitere Elemente hinzugefügt, die jedoch die apostolische Grundstruktur nicht veränderten, sondern nur zur Förderung der Frömmigkeit der Gläubigen sinnvoll ergänzten. In der Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert entschlossen sich jedoch die orthodoxen Christen in den übrigen altkirchlichen Patriarchaten die Ordnung der Kirche von Konstantinopel zu übernehmen, so dass heute alle orthodoxen Kirchen dieser liturgischen Ordnung, die sich vor allem aus dem Gottesdienst an der Hagia Sophia in Konstantinopel entwickelte, folgen.

 

In der heutigen liturgischen Praxis der orthodoxen Kirchen kann die heilige Eucharistie, »Göttliche Liturgie« genannt, mit Ausnahme der Wochentage während der großen Fastenzeit täglich gefeiert werden. Hierfür werden in der modernen Praxis zwei eucharistische Gottesdienstordnungen verwendet: Die Liturgie unseres Vaters unter den Heiligen Basilius des Großen und die Liturgie unseres Vaters unter den Heiligen Johannes Chrysostomos.

 

Bei der »Liturgie« der Vorgeweihten Gaben unseres Vaters unter den Heiligen Gregor Dialogos, des Erzbischofs und Papstes von Alt-Rom handelt es sich nicht um eine Eucharistiefeier, sondern um eine, mit der Ordnung einer Kathedralvesper verbundene, Kommunionfeier. Die  Liturgie der Vorgeweihten Gaben besitzt deshalb werden Darbringung (Anaphora) noch Wandlung (Epiklese). Die vorgeheiligten Gaben entstammen bereits der Liturgiefeier des vorangegangen Sonntag und werden in diesem abendlichen Gottesdienst nur den Kommunikanten gespendet. Die Feier der Liturgie der vorgeweihten Gaben ist auf die Wochentage (in der Regel Mittwoch und Freitag) in der Zeit der Großen Fasten begrenzt, wenn wegen des Bußcharakters keine Göttliche Liturgie gefeiert werden kann. Sie soll in dieser Zeit den Gläubigen den Empfang der heiligen Kommunion ermöglichen, damit sie in ihren geistlich-asketischen Bemühungen gestärkt und unterstützt werden.

 

Die beiden Liturgieformulare des heiligen Basilius des Großen und des heiligen Johannes Chrysostomos unterscheiden sich nicht in ihrer liturgischen Struktur, sondern nur in den priesterlichen Gebeten, vor allem den Darbringungsgebeten der Anaphora. Die Formulierungen dieser Gebete sind in der Ordnung des heiligen Basilius des Großen ausführlicher, so dass die Feier der Basiliusliturgie mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Feier der Chrysostomusliturgie. Zur Zeit des heiligen Johannes Chrysostomus dauerte die Feier der Jakobusliturgie etwa 5 Stunden. Einige kirchliche Autoren überliefern uns deshalb, dass die Liturgie des heiligen Basilius eine Verkürzung der Jakobusliturgie und die Liturgie des heiligen Johannes Chrysotomos wiederum eine Verkürzung der Basiliusliturgie darstellt, um dem schwindenden geistlichen Vermögen und der abnehmenden Frömmigkeit der Gläubigen nach dem Ende der Christenverfolgungen Rechnung zu tragen.

 

Die Liturgie des Heiligen Basilius des Großen wird zehn Mal im Jahr gefeiert, hauptsächlich zu den großen Festen oder am Vorabend dieser Feste. Die Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomos wird an allen übrigen Tagen des Jahres, mit Ausnahme der Wochentage der großen Fastenzeit, gefeiert.

 

 

Über den Aufbau der orthodoxen Kirchenjahres

 

Das orthodoxe Kirchenjahr besteht aus einem Doppelkranz von Festen, von denen der erste Festkreis mit der Vorfastenzeit beginnt und in Ostern gipfelt – das ist der Kranz des Sonnenjahres –, und der andere Festkreis – der Kranz des Mondjahres – aus den datumsgebundenen Einzelfesten sich zusammensetzt und am 01. September anfangt.

 

Da jeder Tag grundsätzlich an beiden Festkreisen Anteil hat, machen erst beide Kranze ineinander verflochten die unverwechselbare Eigenart eines Jahres aus. Die liturgischen Texte des Osterfestkreises werden für die Vorfastenzeit, die Fastenzeit und die Heilige und Hohe Woche (Karwoche) aus dem Triodion (auch Fasten-Triod genannt) entnommen.

 

Von der Osternacht bis zum Allerheiligenfest am Sonntag nach Pfingsten ist das Pentekostarion (Blumen-Triod) zuständig. Danach finden sich die benötigten Wechsel-Texte für die Sonntage und die Wochentage im Oktoich (dem Acht-Töne-Buch).

 

Für die datumsgebundenen Feste des Mondjahres sind die Menaen (Monatsbücher) zuständig. Eine auszugsweise Sammlung der Menaen, angefangen mit dem September, bringt das Menologion.

 

Was die Zuordnung und Auswahl der Texte aus beiden Festkreisen für einen bestimmten Tag betrifft, so gibt es feste Regeln, die allerdings bei den Slawen etwas anders sind als bei den Griechen.

 

Da das Osterfest nicht immer auf dasselbe Datum fällt, ist die Zuordnung des Osterfestkreises und des Heiligenfestkreises in jedem Jahr anders. Darum ist es nötig, dass für jedes Jahr ein eigener Kalender herausgegeben wird.

 

Fragt man nach der Gliederung im Kirchenjahr, so muss man zunächst festhalten, dass aufs Ganze gesehen der Sonnenfestkreis dem Mondfestkreis vorgeordnet ist, so wie Christus Selbst, die Sonne der Gerechtigkeit, den Heiligen, die Sein Licht reflektieren, vorangeht. Das bedeutet im einzelnen: Von der Vorfastenzeit an regiert der Sonnenfestkreis, da von nun an die Gläubigen auf Ostern ausgerichtet sind und sich immer mehr dem Mysterium von Kreuz und Auferstehung Christi nähern, zunächst durch ein Wachsen in Sündenerkenntnis und Reue. Nur gerade das Fest der Verkündigung an die allheilige Gottesgebärerin am 25. Marz ragt aus dem Mondfestkreis in den österlichen Sonnenfestkreis herüber. Die Basilius-Liturgie am Heiligen und Hohen Sabbat (nicht etwa erst die Ostermetten, wie viele kirchlich nicht Gebildete meinen) ist das Herzstück des Kirchenjahres, denn hier verkündet die orthodoxe Kirche erstmals den Augenblick des Sieges Christi.

 

In den Metten und der folgenden Österlichen Festzeit wird diese Botschaft dann immer wiederholt und verkündet Auch die Zeit zwischen Ostern und Pfingsten, die 50-tägige Festzeit der Pentekoste, die bis zum Fest der allheiligen Dreieinheit und des Gedenkens an die Herabkunft des heiligen Geistes auf die allheilige Gottesgebärerin und die mit ihr versammelten Apostel gedenkt, wird vom Sonnenfestkreis beherrscht.

 

Bis zum Tag vor Himmelfahrt dauert die eigentliche österliche Festzeit, in der die persönliche Aneignung der Auferstehungswahrheit im Mittelpunkt unseres Glaubenslebens steht. Deshalb singen wir auch an Stelle des Troparions „Himmlischer König“ in dieser Zeit das Ostertroparion „Christus ist erstanden von den Toten“. Von Himmelfahrt bis Pfingsten bereitet sich die Kirche vor auf die Feier der Ausgießung des Heiligen Geistes und die damit verbundene volle Offenbarung der Dreieinheit Gottes vor. In dieser Zeit singen wir nicht mehr das Ostertoparion und auch noch nicht das Troparion auf den Heiligen Geist: „Himmlischer König“, dass wir mit den Gottesdiensten am Vorabend des Pfingstfestes erstmals wieder singen.

 

Die ganze Zeit zwischen Ostern und Pfingsten ist mit den Texten des orthodoxen Osterjubel im Blumen-Triod eine Zeit des Wachsens im Glauben und in der Gotteserkenntnis. Nach Pfingsten folgt dann eine Zeit der Heiligung und des Wachsens im Heiligen Geiste; jetzt geht gleichsam die Führung im Kirchenjahr wieder an das Mondjahr über: die Heiligengedächtnisse prägen diese Zeit und erinnern an die Vergöttlichung (Theosis), zu der jeder Gläubige aufgerufen ist.

 

Nur noch die Feier der Sonntage spiegeln in seinem Acht-Wochen-Zyklus den Ostertag und die Feier der Auferstehung des Herrn wieder.

 

Die wichtigsten Feste nach Pfingsten sind: am 24. Juni die Geburt Johannes des Taufers, am 29. Juni das Gedächtnis der Apostelfürsten Petrus und Paulus, am 20. Juli das Fest des Propheten Elia, am 01. August eine Kreuzesverehrung und das Gedächtnis der Makkabäischen Bruder, am 06. August das Hochfest der Verklärung Christi, am 15. August die Koimesis, das Fest der Entschlafung der allheiligen Gottesgebärerin, am 29. August die Enthauptung des heiligen Johannes des Täufers.

 

Am ersten September beginnt dann das neue orthodoxe Kirchenjahr und nicht wie in den westlichen Kirchen mit dem Beginn der Weihnachtsfastenzeit (Advent). Am 08. September wird die Geburt der allheiligen Gottesgebärerin gefeiert.

 

Das Hochfest der Kreuzerhöhung am 14. September ist eine Zeitenwende im orthodoxen Kirchenjahr. Denn hier wird die nachpfingstliche Zeit der Erfüllung erneut zur vorösterlichen Zeit der Erwartung. Zunächst ist es allerdings die Erwartung der Geburt und Erscheinung (Theophanie) Christi, die innerhalb des Mondjahres stehen. Bereits die Feier der Geburt der Gottesgebärerin war eine erste Hinführung zu diesem Mysterium. Die Vertiefung der Erwartung erfolgt durch das Hochfest der Einführung der allheiligen Gottesgebärerin in den Tempel und dann durch die vorweihnachtliche Fastenzeit mit den beiden großen Gedächtnis- Sonntagen: dem Herrntag der Gottesahnen und dem Herrntag der Väter, die beide bereits zum eigentlichen Weihnachtsfestkreis gehören.

 

Außer dem Fest der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christi dem Fleische am 25. Dezember und dem Fest der Theophanie, das der Erscheinung Christi als Sohn Gottes bei seiner Taufe im Jordan am 6. Januar gedenkt, (dem Höhepunkt des Mondjahres), bestimmt die eigentliche Weihnachtszeit eine Reihe weiterer Feste: am 26. Dezember das Mitfest der allheiligen Gottesgebärerin, am 27. Dezember das Gedächtnis des ersten christlichen Märtyrers Stephan, am 29. Dezember das Gedächtnis an das Martyrium der unschuldigen Kinder von Bethlehem, am 01. Januar das Fest der Beschneidung des Herrn und das Gedächtnis des heilihen Basilius des Großen, am 07. Januar das Mitfest des heiligen Johannes des Taufers, am 02. Februar das Fest der Begegnung (Hypapante) des Herrn mit den Heiligen Simeon und Anna im Tempel. Von da an beginnt schon wieder die Vorfastenzeit, die durch ihre liturgischen Texte die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf Kreuz und Auferstehung des Herrn auszurichten.

 

Überschaut man das orthodoxe Kirchenjahr als Ganzes, so fällt zunächst auf, dass die beiden Jahresfestkreise einander zugeordnet sind wie die beiden Naturen in Christus: ungetrennt und ungeschieden, unvermischt und unverwandelt, wobei das Sonnenjahr der göttlichen Natur und das Mondjahr der menschlichen Natur in Christus entspricht. Die Feste im orthodoxen Kirchenjahr deuten darauf hin, dass der innere Wachstumsprozess eines Gläubigen ohne Unterbrechung immer intensiver stattfinden soll. Denn der, der sich auf das Mitgehen mit der Kirche durch das orthodoxe Kirchenjahr einläßt, der den Wechsel der Feste und Fastenzeiten mit in sein leben integriert und der vor allem regelmäßig an der Vecernja (Vesper) und Utrenja (Morgengottesdienst) der Kirche teilnimmt und dort die Gebetstexte, die uns auf die Fasten und Festzeiten einstimmen hört, der sich also auf ein von der Beachtung der Regeln des  orthodoxen Glauben geprägtes Leben mit dem orthodoxen Kirchenjahr einlasst und es mit der Kirche in Gebet, in Fasten und Feiern mit- und nachvollzieht, der erfährt bald, dass er ganz natürlich und selbstverständlich mit hineingenommen wird in ein immer tieferes Verständnis der in Christus zu unserem Heil gewirkten Erlösung, das unsere orthodoxe Kirche vor unseren geistlichen Augen durch die Feste des Kirchenjahres ausbreitet.

 

Zusammengestellt von Thomas Zmija v. Gojan

unter Verwendung von Vater Sergius Heitz;

Christus in euch. Hoffnung auf Herrlichkeit,

Orthodoxes Glaubensbuch.

 

 

Die Verehrung der Heiligen

Erzpriester Alexander Schmemann

 

Das Christentum wird verschieden aufgefasst. Für die Einen ist es vor allen Dingen Moral, das ethische Gesetz; für die Anderen Philosophie oder Ideologie, die die so genannten „Probleme“ erklärt  und löst; für Dritte schließlich ist es eine Lebensweise, ein System von Bräuchen, Gewohnheiten und Gedenktagen, die das Leben verschönen und buchstäblich eine Lebenshilfe sein können. Natürlich schließt das Christentum all das ein. Aber es ist mehr, weiter und tiefer als all das.

 

Denn im Evangelium wird die christliche Lehre als Leben verkündet, als neue, das alte sündhafte Leben erneuernde Daseinskraft, als eine neue Realität. Und tatsächlich, für die Christen war der eigentliche Beweis für ihren Glauben sowohl für sich selbst wie für andere eben das konkrete Leben der Christen und nicht nur bloße Lehre oder Moral oder Gottesdienst.

 

Synaxis der heiligen Apostel.
Synaxis der heiligen Apostel.

 

Die Apostel haben nicht das Christentum, sondern Christus gepredigt, Sein Leben, Seine Leiden, Seinen Tod und Seinen Sieg über den Tod. Das bedeutet, ihre Predigt war Verkündigung einer konkreten, lebendigen Gestalt.

 

Es bedurfte Jahrhunderte, um die komplizierte, reiche christliche Lehre zu präzisieren, um diese Lehre in die nach Schönheit und Tiefe so erstaunlichen Formen des christlichen Gottesdienstes zu gießen und um schließlich die moralischen und sittlichen Grundsätze des Christentums im Einzelnen zu erarbeiten.

All dies jedoch hätte und hat keinen Sinn ohne Verwurzelung im Leben.Und daher hatten eine besondere, ja ausschließliche Bedeutung in der Christenheit die Heiligen, das heißt Menschen, die in sich, mit ihrem Leben den eigentlichen Inhalt des Christentums verkörperten. Und daher offenbart sich uns dieser Kern am besten, wenn wir zu diesen konkreten, lebendigen Menschen hinschauen.

 

Dies ist nützlich zumal jetzt, wo viele, selbst Gläubige oder religiöse Leute, abgeschnitten sind von der lebendigen Kenntnis der Heiligen. So seltsam es klingen mag, es geschah gerade wegen der Verehrung der Heiligen. Anstatt die Heiligen zu verstehen, ihre Erfahrungen nachzuempfinden und sich in sie hineinzuleben, begannen die Menschen einfach die Heiligen zu verehren, und so verwandelten sie sich gewissermaßen in abstrakter Verkörperung zu etwas Abstraktem, Übernatürlichem, Übermenschlichem, das uns, den einfachen Sterblichen, nicht zu Gebote steht.

 

Wir haben vergessen, dass Heilige in erster Linie Menschen wie wir sind. Das aber heißt, jeder von ihnen ist individuell, dem anderen nicht ähnlich, mit anderen Worten, jeder Heilige ist eine lebendige, einmalige Persönlichkeit und, was bei den Heiligen gerade besonders wichtig ist: Jeder geht seinen eigenen Weg in seinem Leben, unter den einmaligen und unwiederholbaren Bedingungen seines Lebens, damit er zur Heiligkeit gelangt, zu jener Verkörperung des Christentums in sich, das bis zur Stunde auch uns leuchtet.

 

Der heilige Großmärtyrer Georg der Siegeszeichenträger.
Der heilige Großmärtyrer Georg der Siegeszeichenträger.

 

Wir haben weiter die große Vielfalt der Heiligen vergessen, den Unterschied ihres Temperaments, ihre Berufe, Bildung, Interessen und Wege, welche sie genommen haben. Sie sind für uns Vollkommenheit ganz allgemein. Doch gerade jetzt und gerade wir müssen uns an Heilige wie an lebendige Menschen erinnern; weil in dem Kampf wider das Christentum, die Kirche und den Glauben bei uns, übrigens recht gekonnt, auf den abstrakten Charakter der Religion, auf den Nominalismus zurückgegriffen wird.

 

Das Christentum wird als Lehre bestritten, als Moral entlarvt, man verspottet uns als Kult. Ihr sagt, meint man, das eine, aber handelt anders, und folglich ist euer ganzer Glaube eine Lüge. Natürlich kann man endlos über solche Erklärungen streiten. Man kann und muss den Glauben als Wahrheit verteidigen, aber auch als Moral und Kult. Diese Apologie wird tatsächlich kaum überzeugen, wenn wir im Christentum nicht das Leben sehen, das heißt Wege, die Tausende und Abertausende gegangen sind, für die dieser Pfad zum Weg der vollkommenen Freude, des eigentlichen Lebenssinns, der Fülle des Lebens und der Menschlichkeit wurde.

 

Die Wahrheit des Christentums liegt in seiner Lebendigkeit, in der Fähigkeit Heilige hervorzubringen, und zwar in jedem Volk, in jeder Epoche und in jeder Kultur. Das Christentum hat wie alles auf der Erde Perioden des Aufschwungs und des Verfalls gehabt, Epochen großer und weniger großer Erfolge. Oft haben Christen, ja sogar zu oft, eben die Grundsätze verraten, die sie verkündigt haben. Und unter diesem Gesichtspunkt haben sie ihren Feinden nicht wenige Waffen geliefert.

 

Synaxis von vier heiliger Soldaten und Krieger.
Synaxis von vier heiliger Soldaten und Krieger.

 

Aber in dieser menschlichen, allzumenschlichen Geschichte ist stets das unverändert geblieben, worauf wir uns immer berufen müssen, was das Wesen des Christentums ausmacht. Das ist die Gestalt Christi. Und das ist daher die Gestalt für alle die, die nicht nur mit Worten, sondern in der Tat, mit ihrem ganzen Leben, Christus aufgenommen haben, Ihm nachfolgten in Dem das Christentum seine Berechtigung fand.

 

Zu oft haben wir Jahrhunderte hindurch in den Heiligen nur die Helfer, die Fürbitter und die Beschützer gesehen. Von ihnen wollte und erwartete man nur Wunder, nur die übernatürliche Hilfe. Ist es jetzt nicht an der Zeit, dass wir zurückfinden zu dem wahren Sinn der Heiligkeit im Christentum? Sein Sinn verkörpert sich am besten in dem Wort, mit dem die Christen ihre ersten heiligen Märtyrer benannten; es ist das Wort μάρτυς = „martys" auf Griechisch, zu Deutsch aber „Zeuge“.

 

Der Heilige ist vor allen Dingen ein Zeuge, das heißt ein Mensch, der durch seine Erfahrung Christus gesehen, erkannt und zu seinem Leben gemacht hat. Und daher braucht er als Zeuge keine Beweise und Erwägungen. Er sah, erkannte und akzeptierte als Augenzeuge, was für andere immer nur Lehre, nur Worte, nur Erwägungen sind. Wir begreifen, dass der Begriff Heiligkeit nichts anderes als Zeugentum meint.

 

 

Der heilige Bischof Ignatij (Brjantschaninov), wird in der russischen Kirche „der Erleuchter“ genannt, weil er sowohl ein sehr wichtiger Altvater (Starez) der monastischen Wiedergeburt im Russland des 19. Jahrhunderts als auch ein wichtiger spiritueller Berater für orthodoxe Christen, die ein am Glauben und dem kirchlichen Leben orientiertes Leben in der Welt führen, gewesen ist. Zu Beginn seiner eigenen geistlichen Entwicklung stand er in einem engen Kontakt zum heiligen Starez Leonid aus dem Optina-Einöd-Kloster. Seine Schriften bezeugen eine tiefgehende Kenntnis der Heiligen Schrift und der Werke der Heiligen Väter. Als ein wahrer Hüter der orthodoxen Tradition macht der heilige Ignatij das Wissen der Heiligen Väter für uns fruchtbar, indem er ihre Gedanken auf die geistlichen Anforderungen der modernen Zeit anwendet. So wurde er im Russland seiner Zeit zu einem hervorragenden Seelsorger im Geiste der orthodoxen Tradition.

 

Über die körperliche und die seelische Askese

 

Heiliger Ignatij Brjantschaninov. (святитель Игнатий Брянчанинов)

 

Der Retter der Welt besuchte während Seiner Wanderschaft auf der Erde, in unserem Tal der Vertreibung und Leiden, zwei fromme Frauen, Blutschwestern, Martha und Maria, die in Bethanien außerhalb Jerusalems wohnten. Sie hatten in Bethanien ihr eigenes Haus. Sie hatten einen Bruder – Lazarus, der gewürdigt wurde, als Freund des Gottmenschen und Seiner Apostel bezeichnet zu werden (Jo. 11, 11). Aus dem Evangelium ist ersichtlich, daß der Herr wiederholt das Haus der frommen Familie besuchte. Bei einem solcher Besuche erweckte Er Lazarus auf, der schon vier Tage im Grab gelegen hatte.

 

Der heilige Evangelist Lukas berichtet, daß sich Martha bei dem hier erwähnten Besuch des Herrn in diesem Haus um die Bewirtung des höchstverehrten Gastes mühte, während Maria Ihm zu Füßen saß und Seinen Worte lauschte. Martha sorgte sich einzig darum, daß die Bewirtung vollkommen zur Zufriedenheit ausfiele, bat den Herrn, Maria zu gebieten, daß sie ihr helfe. Der Herr aber entgegnete: Martha, Martha, du machst dir viele Mühen; eines aber ist vonnöten: Maria aber hat den guten Teil erwählt, der ihr nicht genommen wird (Lukas 10: 41 -42). Nach der Auslegung der heiligen Väter, wird mit Martha geheimnisvoll die körperliche Askese dargestellt, mit Maria die geistliche (Seliger Theophylakt und viele andere Väter). Der Bericht von diesem Besuch des Herrn bei den beiden Schwestern wird gemäß der Ordnung der Kirche an allen Feiertagen der Gottesmutter gelesen. Aus diesen beiden Gründen muß die Untersuchung des Ereignisses und der Lehre, die darin enthalten sind, besonders interessant sein.

 

 

Martha war die ältere Schwester und wird vom Evangelisten als Hausherrin dargestellt. Sie nimmt den Heiland ins Haus auf, sie wacht über die Bewirtung, bereitet Speise vor, räumt den Tisch auf, bringt die Speisen. Ihr Dienen ist ununterbrochene Tätigkeit. Und die körperliche Arbeit gemäß dem Altersvorrang nimmt im asketischen Leben eines jeden Jüngers Christi den ersten Platz ein. “Körperliche Tätigkeit, – sagte der heilige Isaak der Syrer, – geht der geistliche Tätigkeit voran, so wie die Schöpfung des Körpers Adams der Schaffung seiner Seele voranging. Wer körperliche Tätigkeit nicht erlangt hat, der kann auch keine seelische Tätigkeit haben: die letztere wird aus der ersteren geboren, wie die Ähre aus dem gesäten nackten Weizenkorn” (56. Rede). Die körperliche Askese besteht in der körperlichen Ausführung der Gebote des Evangeliums. Hierher gehört: das Geben von materieller Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, Mitgefühl mit den unterschiedlichen Nöten und Leiden der bedrängten und leidenden Menschheit. Hierher gehört die Keuschheit des Körpers, die Enthaltsamkeit von Zorn, von Luxus, von Vergnüglichkeiten und Zerstreuung, von Verhöhnung und Verurteilung, von allen Worten, die Bosheit und Unreinheit des Herzens zum Ausdruck bringen.

 

Hierher gehört Fasten, Nachtwachen, Psalmengesang, Knieverbeugungen, Stehen beim Gebet in der Kirche und im Kämmerlein.… Die körperliche Askese reinigt die Seele allmählich von Leidenschaften und macht sie mit dem Geist des Evangeliums vertraut. Die Gebote des Evangeliums übergeben bei ihrer Erfüllung in der Tat ihrem Erfüller allmählich die ihnen innewohnenden tiefen Gedanken und das tiefe Gefühl; sie teilen dem Erfüller Wahrheit, Geist und Leben mit. Die körperliche Askese hat ihre Grenze und ihr Ziel: diese Grenze und Ziel sind im entschiedenen Übergang des Asketen zur geistlichen Askese beschlossen. Durch den entschiedenen Übergang wird der allmähliche Übergang gekrönt. Das Dienen der Martha war abgeschlossen, als die Bewirtung des Herrn vollbracht war.

 

Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte auf Sein Wort (Lukas 10,:39). Die Stellung, die Maria einnahm, dient als Kennzeichnung des Zustandes der Seele, die des Eintritts in die geistliche Askese gewürdigt ist. … Wer das Dienen an Gott im Geist erreicht hat, läßt die äußerlichen Tätigkeiten hinter sich, verläßt die Sorge um andere Arten der Gottgefälligkeit, oder verwendet sie in Maßen und selten, in Fällen besonderer Not. Mit seinem Geist liegt er dem Heiland zu Füßen, hört einzig auf Sein Wort, erkennt sich als Geschöpf Gottes, und nicht als selbständiges Wesen (Psalm 99:3), erkennt sich als Objekt der Bearbeitung und Gott als Wirkenden (Johannes 15:11), überanwortet sich vollkommen dem Willen und der Lenkung des Heilands. Ganz offensichtlich erlangt die Seele einen solchen Zustand durch mehr oder weniger anhaltende Askese. Auch Maria hätte nicht dem Herrn zu Füßen sitzen und die ganze Aufmerksamkeit auf Seine Lehre lenken können, hätte nicht Martha die Sorge um die Bewirtung übernommen. Dienst und Verehrung Gottes im Geiste ist eben genau jenes gute Teil, ist dieser selige Zustand, das im irdischen Leben seinen Anfang nimmt und nicht aufhört, wenn die körperliche Askese mit dem Ende des irdische Lebens eingestellt wird. Das gute Teil bleibt ein unabdingbarer Bestandteil der Seele in der Ewigkeit, erhält in der Ewigkeit seine volle Entwicklung. Das gute Teil wird der Seele nicht genommen, die es erworben hat, sondern bleibt stets ihr Eigentum.

 

 

Die körperliche Askese wird sehr häufig durch einen durchaus wichtigen Mangel gestohlen. Dieser Mangel tritt dann in Erscheinung, wenn der Asket seine Askese unvernünftig betreibt, wenn er der Askese übermäßige Bedeutung beimißt, wenn er die körperlichen asketischen Übungen um ihrer selbst willen betreibt, fälschlicherweise in ihnen seine ganze Lebensweise, seine gesamte Gottgefälligkeit auf sie beschränkt und begrenzt. Mit einer solchen falschen Einstellung geht immer die Erniedrigung der geistlichen Askese einher, das Bestreben, die um sie Bemühten davon abzuhalten. Das war mit Martha geschehen. Sie hielt das Verhalten der Maria für falsch und ungenügend, ihr eigenes aber für wertvoller, achtenswerter. Der barmherzige Herr verwirft Marthas Dienst nicht, sondern bedeutet ihr liebevoll, daß in ihrem Dienen viel Überflüssiges und Nichtiges ist, daß das Tun Mariens das wesentliche Tun ist. Mit dieser Bemerkung reinigte der Herr die Askese Marthas von Überheblichkeit und lehrte den körperlichen Dienst in Demut zu vollbringen. Genau! Körperliche Askese, die noch nicht von geistlichem Verstand erleuchtet ist, enthält immer viel Eitles. Derjenige, der sich darin abmüht, auch wenn er sich um Gottes willen müht, müht sich doch im alten Menschen; auf seinem Acker wächst mit der Weizen auch Unkraut; er kann in seinen Gedankengängen und seiner Tätigkeit nicht frei sein vom Einfluß des fleischliche Sinnens. Wir alle müssen der vom Herrn gegebenen Belehrung die notwendige Aufmerksamkeit schenken, und unsere guten Werke, die wir mit Hilfe des Körpers vollbringen, mit äußerster Demut, wie Sklaven, ausführen, die verpflichtet sind, den Willen ihres Herrn zu erfüllen, da sie diesen Willen wegen ihrer Ohnmacht und sündigen Verwundung nicht richtig erfüllen können. Für diejenigen, die sich in körperlicher Askese üben, ist es sehr wertvoll zu wissen, daß es eine andere Askese gibt, die unvergleichlich höher steht, geistige Askese, die von der göttlichen Gnade überschattet ist. Wer kein geistliches Tun besitzt, sagte Isaak der Syrer, bleibt den Geistesgaben fremd (Belehrung 56), gleich wie seine körperlichen asketischen Übungen aussehen. Der große Lehrer der Mönche vergleicht das körperliche Tun, das für sich alleine steht, und dem das Tun des Geistes in der inneren Zelle nicht entspricht, mit einem unfruchtbaren Schoß und trockenen Brüsten: denn körperliches Tun kann dem Verstand Gottes nicht nahekommen (hl. Isaak der Syrer, 58. Rede, zit. nach hl. Nil Sorskij, Vorwort zur Überlieferung). Das sehen wir an Martha. Sie war so mit ihrer Arbeit beschäftigt, so überzeugt von deren Bedeutung, daß sie den Herrn nicht um Seine Anweisung bat, was Ihm wohlgefällig sei, sondern ihr eigenes Verständnis und ihre Anweisung einbrachte, sich um ihre Erfüllung einsetzte.

 

Warum ist die Lesung dieses Berichtes des Evangeliums von der heiligen Kirche für alle Feste der Gottesmutter angesetzt? Weil die Gottesmutter dem Gottmenschen den erhabensten körperlichen Dienst darbrachte und den erhabensten Dienst des Geistes, da sie in ihrem Herzen alle Seine Worte legte (Lukas 2: 51), indem sie alles, was mit Ihm von Kindheit an geschah, bewahrte und alles was Ihn betraf in ihrem Herzen zusammenlegte (Lukas 11: 27). Zur Erklärung dessen wird dem Bericht aus dem folgenden Kapitel des Evangeliums der Anruf einer Frau an den Herrn hinzugefügt, die die Lehre des Herrn gehört hatte: selig der Leib, der Dich getragen, und die Brüste, die du gesogen hast (Lukas 11: 27), und die Antwort des Herrn auf diesen Aufruf: dadurch sind selig die das Wort Gottes hören und es bewahren (Lukas 11: 28). Die Antwort Gottes auf menschliches Urteil! Menschliches Urteil erkannte die Gottesmutter als selig allein wegen der Geburt des Gottmenschen aus ihr: der Gottmensch erhöht die Würde der Gottesmutter, indem Er als besonders selig diejenigen bezeichnet, die das Wort Gottes hören und halten. Diese Seligkeit besaß die Gottesmutter über allen Menschen, da sie den Worten des Gottmenschen lauschte und sie mit solchem Mitgefühl bewahrte, welches keiner der Menschen hatte. Hier wird wiederum dem Dienst des Geistes Vorrang über den körperlichen Dienst eingeräumt, im Gegensatz zum menschlichen Urteil.

 

...Sowohl kalte als auch erhitzte körperliche Askese, die der geistigen fremd ist, fremd jenem geistlichen Sinnen, welches das Wort Gottes fordert, und welches die Seele der körperlichen Askese sein muß, ist verderblich. Sie führt zu Überheblichkeit, zu Verachtung und Verurteilung des Nächsten, führt zu Selbstverblendung, bringt den inneren Pharisäer hervor (Heiliger Gregor Sinait, 137 Kapitel, Kap. 19, Philokalie, Teil 1), entfremdet von Gott, vermählt dem Satan.

 

Wenn Gottes Gnade den Asketen reichlich überschattet: dann offenbart sich in ihm reiche geistige Askese, die zu christlicher Vollkommenheit führt. dann offenbart sich in der Seele ihre Sündhaftigkeit, die ihr bisher verborgen blieb! Dann... entsteht Gebet und Tränen in der tiefsten Tiefe der Seele, Geist und Herz artikulieren sie, während der Mund schweigt, sie streben dem Himmel zu, werfen den Betenden dem Herrn zu Füßen, halten ihn bei den Füßen des Heilands: die Seele, die ihre Sündhaftigkeit und die unendliche Größe Gottes bekennt, geht ein in die Vollkommenheit, wird von der Rechten des allgütigen Gottes, der den Menschen schuf und ihn auch wiedererschafft, zur Vollkommenheit geführt. Segne, meine Seele, den Herrn! Und vergiß nicht, was Er dir Gutes getan. Er vergibt dir all dein Unrecht, Er heilt all deine Krankheiten, Er erlöst dein Leben vom Verderben, Er krönt dich mit Erbarmen und Gnade. Wie ein Adler wird deine Jugend dir neu (Psalm 102: 2–5) durch die Allmacht des Heilands, der unsere Natur in Sich erneuerte und uns erneuert.

 

Amen.

 

 

Die Vita des heiligen Isidor, des Narren in Christo und Wundertäters von Rostow Velikij

 

Der heilige Isidor wurde in Germanien in der Gegend von Brennabor oder Brannibor (dem heutigen Brandenburg) in einer wohlhabenden slawischen Familie römisch-katholischen Bekenntnisses geboren. Schon von frühester Jugend an zeichnete sich der heilige Isidor durch Reinheit und Mildtätigkeit aus. So verteilte er all seinen Besitz unter die Armen und verließ sein Elternhaus um des Himmlischen Königreiches willen. Nachdem er sich für den schwierigen Weg des Narren in Christo entschieden hatte, unternahm er, in Lumpen gekleidet und mit einem Wanderstab in der Hand, eine lange Reise durch zahlreiche Städte und Länder, wobei er allerorten Hohn und Spott, manchmal sogar Schläge erduldete.

 

Letzte Station seiner langen Reise war Russland. Isidor nahm den Orthodoxen Glauben an und ließ sich in der Stadt Rostow (etwa 170 km nordwestlich von Moskau) nieder. Dort errichtete er eine kleine unüberdachte Reisighütte auf sumpfigem Brachland innerhalb der Stadtmauern und betete dort ganze Nächte lang zu Gott. Tagsüber hielt er sich auf den Straßen der Stadt auf und erduldete voller Demut jegliche Not sowie Erniedrigungen durch seine Peiniger, für die er aus ganzem Herzen betete. Zum Schlafen legte er sich nur für sehr kurze Zeit auf einen Misthaufen oder auf die kalte Erde.

 

Beseelt durch die in angespannter Askese angeeignete unermessliche Liebe zu Gott, vermochte er diese Demütigungen und jegliches Leid zu erdulden, wodurch er dem biblischen Hiob ähnlich wurde. So verherrlichte der Herr die ungeheuchelte Liebe Seines Dieners mit der Gabe der Wundertätigkeit. Bekannt ist die wundersame Errettung eines Kaufmannes aus stürmischer See. Dieser war mit seinen Gefährten in Seenot geraten, woraufhin sich die Passagiere dazu entschlossen, durch das Los zu ermitteln, wessen Sünden für die bedrohliche Lage des Schiffes ursächlich seien. Als das Los auf besagten Kaufmann fiel, wurde dieser, ähnlich wie der biblische Jonas, ins Meer geworfen. An einen umhertreibenden Balken geklammert und schon bar jeder Hoffnung auf seine Rettung, sah dieser Kaufmann plötzlich den heiligen Isidor wie über festes Land auf sich zukommen. Auf wundertätige Weise brachte der heilige Isidor den Kaufmann auf das Schiff zurück und pries die Barmherzigkeit Gottes. Bei einer zufälligen Begegnung in den Straßen Rostows verbot es der Heilige dem Kaufmann, von diesem Wunder zu verkündigen, damit dieser anstatt dem Heiligen Gott alleine den Ihm gebührenden Dank entgegenbringen möge.

 

Ebenfalls überliefert wurde, wie der heilige Isidor an den Hof des Fürsten von Rostow kam, als dieser gerade den Erzbischof bei sich zu Gast hatte. Auf die Bitte um etwas Wasser zum Trinken wurde der heilige Isidor auf brutale Weise von einem Wächter vom fürstlichen Hof vertrieben. Währenddessen saß man drinnen schon zu Tisch und stellte mit Erstaunen fest, dass alle eben erst aufgefüllten Wassergefäße plötzlich leer waren. Als dem Fürsten bekannt wurde, was sich kurz zuvor vor den Toren seiner Residenz zugetragen hatte, ließ er den Schuldigen bestrafen und schickte seine Soldaten auf die Suche nach dem Heiligen, um diesen flehentlich um Rückkehr an den Hof zu bitten. Kurz darauf erschien der heilige Isidor in den fürstlichen Gemächern mit einer geweihten Prosphore (Opferbrot in der Orthodoxen Kirche) in der Hand und überreichte diese dem Erzbischof mit den Worten: „Eminenz, nimm diese Prosphore entgegen, die ich soeben vom heiligsten Metropoliten von Kiew in der Sophienkathedrale erhalten habe“. In diesem Augenblick stellten alle Anwesenden fest, dass sich alle Wassergefäße wieder mit Wasser gefüllt hatten, womit deutlich wurde, dass die soeben gesprochenen Worte nicht der Phantasie des Heiligen entstammten, sondern dass dieser, ähnlich wie der Prophet Habakuk oder der Apostel Philippus tatsächlich von einem Engel des Herrn durch die Lüfte nach Kiew entrückt und wieder nach Rostow zurückgebracht worden war.

 

Ebenso wurde der heilige Isidor von Gott mit der Gabe der Weissagung gesegnet. So erschien er einst auf dem Höhepunkt der Feierlichkeiten aus Anlass der Vermählung des Fürsten Savva Obolensky mit der Fürstin Darja Gluchovskaya und überreichte dem frisch verheirateten Fürsten einen selbstgeflochtenen Kranz aus Feldblumen. Dabei sprach er zum Bräutigam: „Hier hast du, Fürst, auch gleich die Bischofsmütze“. Niemand wollte diesen Worten zunächst irgendwelche Bedeutung beimessen. Doch nach einigen Monaten verstarb die junge Fürstin völlig unerwartet, woraufhin der untröstliche Fürst Obolensky die Weltflucht antrat und als Mönch ins Feropontov-Kloster ging. Später wurde dieser zur Bischofswürde berufen und beendete seinen irdischen Lebensweg als Erzbischof Ioasaf von Rostow (+1489).

 

Wenige Tage vor seinem Lebensende wurde der heilige Isidor von seinem bevorstehenden Ableben auf wundersame Weise in Kenntnis gesetzt. Er verschied friedlich im Herrn am 14. Mai 1474. Die Bevölkerung Rostows erfuhr davon durch einen außergewöhnlichen Wohlgeruch, der aus der armseligen Hütte des Heiligen in alle Ecken der Stadt gedrungen war. Ein Passant, der sich gerade in der Nähe der Reisighütte aufhielt, fand den Körper des Heiligen auf der Erde liegend mit auf der Brust gekreuzten Armen, während das Antlitz gen Himmel gewandt war. Der Heilige wurde an der Stelle, wo seine Reisighütte stand, begraben, später wurde an dieser Stelle eine Holzkirche zu Ehren der Himmelfahrt Christi errichtet. Im Jahre 1566 wurde diese Holzkirche auf Geheiß des Zaren Ivan des Schrecklichen durch eine steinerne ersetzt. Im Jahre 1770 wurde diese Kirche durch ein Nebenschiff zu Ehren des inzwischen heiliggesprochenen Isidors von Rostow ergänzt, wo sich auch die Reliquien des Heiligen in einem Schrein befanden. Der hl. Dimitri von Rostow bezeugte später, dass sich in der Folgezeit zahlreiche Wunder am Reliquienschrein ereignet hatten, sobald sich nämlich Menschen mit reinem Glauben und Hoffnung auf Beistand an den heiligen Isidor wandten.

 

Gerechter Vater Isidor von Rostov bitte zu Gott für uns!

Блаженный Исидор Ростовский моли Бога о нас!

 

 

Der heilige Evangelist Lukas

 

18. Oktober

 

Thomas Zmija v. Gojan

 

Der heilige Evangelist Lukas (Άγιος Λουκάς ο Ευαγγελιστής) war ein unermüdlicher Zeuge Jesu Christi und ein zuverlässiger Freund und Begleiter des heiligen Apostel Paulus, mit dem er zusammen die Frohe Botschaft des Heils verkündete. In seinem Evangelium und dem Bericht über die Taten der heiligen Apostel (Apostelgeschichte) war es ihm besonders wichtig, die Ankunft des Heils in der Menschwerdung des Sohnes Gottes vor aller Welt zu bezeugen. So verkündet er in der Weihnachtsgeschichte, dass die Geburt des Erlösers sich genau zur Zeit ereignete als unter dem römischen Kaiser Augustus die Mittelmeerwelt mit ihrer antiken Zivilisation erstmals vereint war. Und der Bericht seiner Apostelgeschichte endet genau zu dem Zeitpunkt, an den die Botschaft des Evangeliums nach Rom, dem damaligen Zentrum dieser Welt, vorgedrungen war.

 

Der  heilige Lukas wird oft mit einem Stier (zuweilen geflügelt) als Symbol des von ihm verfassten dritten Evangeliums dargestellt. Einige Theologen schreiben diesem Symbol den Sinn des Opfers zu, weil die Erzählung des Lukasevangeliums mit dem heiligen Zacharias, dem Vater des heiligen Johannes des Täufers, beginnt, der ein Priester im Jerusalemer Tempel gewesen war.

 

 

Von allen Seiten holte sich der heilige Lukas zur Abfassung seines Evangeliums die notwendigen Informationen der Augenzeugen. So bekam er das Material zu einem wahrhaft getreuen und zuverlässigen Bericht über unseren Herrn Jesus Christus, Sein Leben und Sein erlösendes Wirken zum Heil der Menschen zusammen. Er erforschte die bereits vorhanden Schriften des Matthäus und Markus, horchte Augen- und Ohrenzeugen aus, und ließ sich ausführlich von der allheiligen Gottesgebärerin Maria erzählen. Seine klassisch-griechische Bildung leuchtet für uns deutlich aus seiner edlen Sprache hervor. Es ist wahrscheinlich, dass der gefangene Apostel Paulus der erste Leser des Evangeliums seines Freundes und Weggefährten war. Wenn wir den Tenor, die Grundstimmung dieses Evangeliums erfassen wollen, so fällt auf, dass das Evangelium des heiligen Lukas uns gleich einer Ikone der erbarmenden und menschenliebenden Gott in Seiner Güte vor Augen stellt. Das Evangelium des Lukas ist zugleich die ergreifende Schilderung der Mysterien (Geheimnisse) Gottes, die das Herz eines jeden Christgläubigen erreichen vermögen, wenn wir am Weihnachtsfest hören: „Es begab sich aber zur der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde…“. Der heilige Apostel Lukas verkündet uns in seinem  Evangelium die Menschwerdung unserer Errettung durch Gott, denn „des Menschen Sohn ist gekommen zu suchen und zu erretten, was verloren war“(Lukas 19:10).

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Lukasevangeliums ist, dass Lukas uns ausführlich und in vielen Einzelheiten das zustimmende Mitwirken der allheiligen Gottesmutter am Heilsplan Gottes beschreibt. So ist das Evangelium des Lukas für uns in ganz besonderer Weise auch ein Wegführer, ein Reiseplan, auf unserem eigenen Weg zur Theosis, zur Erlangung des Heiles. Zugleich bezeugt sein Evangelium uns die tiefe heilsgeschichtliche Verwurzelung des nie verstummenden Lobpreises der Allheiligen Gottesgebärerin in der christlich-orthodoxen Kirche.

 

Der heilige Evangelist Lukas war der erste Ikonenmaler und schrieb die ersten Ikonen der Allheiligen Gottesgebärerin in ihrem Beisein. Die Allheilige segnete die Ikonen in besonderer Weise, so dass sie wundertätig wurden.
Der heilige Evangelist Lukas war der erste Ikonenmaler und schrieb die ersten Ikonen der Allheiligen Gottesgebärerin in ihrem Beisein. Die Allheilige segnete die Ikonen in besonderer Weise, so dass sie wundertätig wurden.

 

Im Anschluss an das Evangelium verfasste der heilige Lukas sein zweites, ungemein fesselndes Buch: die „Taten der heiligen Apostel“ (griechisch: Πράξεις ποστόλων = Taten der Apostel, slawisch: Деяния святых апостолов; deutsch: Apostelgeschichte). Wir können sie gleichsam als Fortsetzung seines Evangeliums betrachten, denn wie das Evangelium des Lukas eine Frohe Botschaft vom Kommen des Heiles in Jesus Christus ist, so ist die Apostelgeschichte die Frohe Botschaft von der Ausbreitung dieser Heilsbotschaft. In seinem Evangelium berichtet uns Lukas vom Leben Jesu, des menschgewordenen Sohnes Gottes und beendet es mit der Himmelfahrt des leiblich auferstandenen Christus. In Anschluss daran beginnt er in der Apostelgeschichte das Leben der Apostel bis zum Tode des heiligen Paulus sowie die Ausbreitung der Glaubensbotschaft und der Heiligen Kirche von Jerusalem bis nach Rom zu schildern. Niemand war zur Abfassung der Apostelgeschichte geeigneter als der heilige Lukas, der ja als Begleiter des heiligen Apostels Paulus die meisten der erzählten Begebenheiten aus eigenem Erleben kannte. Gleichzeitig offenbart uns die Apostelgeschichte die demütig-geistliche Haltung des heiligen Lukas, denn obwohl er uns so ausführlich über das Leben der anderen Apostel zu berichten weiss, sowenig spricht der heilige Lukas über seine eigene Bedeutung. Nichts Detailliertes berichtet Lukas über sich selbst. Hierfür mag vor allem sprechen, dass der heilige Lukas sich in erster Linie als erzählender Berichterstatter und Helfer des heiligen Paulus sah und deshalb folgerichtig über sich selbst schweigt. Trotzdem hat die kirchliche Tradition viele Einzelheiten aus seinem Leben bewahrt, so dass wir das Lebensbild des heiligen Lukas wie folgt zeichnen können:

 

Der heilige Lukas (hebräisch: לוקא ; griechisch Λουκς; slawisch: Лука) stammte aus Antiochia, der Hauptstadt der römischen Provinz Oriens -  damals in Syrien, heute jedoch im Südosten der Türkei gelegen. Lukas war ein gebildeter, griechisch schreibender Stadtbewohner, entweder selber  ein Jude oder als Gottesfürchtiger ein der Synagoge nahe Stehender, was seine Vertrautheit mit dem Alten Testament und mit dem jüdischen Gottesdienst belegen. Sein Name „Lukas“ leitet sich vom lateinischen Wort „lux“, das  Licht bedeutet ab. Somit heißt der Name des Evangelisten Lukas ins Deutsche übersetzt „der Leuchtende“ (vgl.: Matthäus 5,14). Nach dem Zeugnis des Kolosserbriefes war er von Beruf Arzt. Der heilige Lukas besaß eine umfassende griechisch-hellenistische Bildung, sprach aber neben der griechischen Sprache - die er meisterhaft beherrschte, wie sein Evangelium zeigt - auch Hebräisch und Aramäisch.

 

 

Als er in Antiochia vom Wirken Christi im Heiligen Land hörte, begab er sich nach Galiläa und wurde dort zu einem eifrigen Jünger des Herrn. Die kirchliche Tradition berichtet uns, dass er zum Kreis der 70 Jünger gehörte, die der Herr jeweils zu zweit aussandte. Diese begaben sich in die Städte, die Jesus mit den zwölf Aposteln besuchen wollte, und bereiteten die Menschen auf das Treffen mit dem Heiland vor (Lukas 10,1 ff).

 

 

Der heilige Evangelis Lukas verfasst unter Amleitung des heiligen Erzengels Gabriel in seinem Evangelium die Berichte überr die Verkündigung an die Gottesmutter und die Geburt des Herrn.
Der heilige Evangelis Lukas verfasst unter Amleitung des heiligen Erzengels Gabriel in seinem Evangelium die Berichte überr die Verkündigung an die Gottesmutter und die Geburt des Herrn.

 

Laut dem Zeugnis der Evangelien floh der heilige Lukas während der Kreuzigung des Herrn nicht, sondern er war unter den wenigen Getreuen, die unter dem Kreuz beim Herrn standen.

 

Die Heiligen Lukas und Kleophas erkennen den Herr Jesus Christus am Brotbrechen.
Die Heiligen Lukas und Kleophas erkennen den Herr Jesus Christus am Brotbrechen.

 

Am dritten Tag nach der Kreuzigung befand er sich dann mit dem heiligen Kleopas auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus, traurig und niedergeschlagen über den Verlust des Herrn. Da trat der Auferstandene zu ihnen, ohne dass sie Ihn erkannten. Jedoch in ihren Herzen brannte es, als Er begann, ihnen die alttestamentlichen Schriftworte über den Erlöser zu erklären. Als Er sich ihnen schließlich beim Brechen des Brotes zu erkennen gab, wandelte sich ihre Trauer in unaussprechliche Freude (Lukas 24:13 f).

 

Nach dem Herabkommen des Heiligen Geistes am Pfingstfest bekam der heilige Lukas die Gabe, Krankheiten zu heilen und böse Geister auszutreiben. Er blieb, wie auch die anderen Apostel, noch eine Zeitlang in Jerusalem, dann kehrte er in seine Heimatstadt Antiochia zurück, wo sich bereits einige andere Jünger des Herrn befanden und sich eine christliche Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen gebildet hatte. Dort begegnete er dann um das Jahr 50 dem heiligen Apostel Paulus. Die flammende Begeisterung des Paulus für Christus bewog ihn schließlich, im Jahre 51 den Apostel Paulus auf seiner zweiten Missionsreise nach Makedonien und Griechenland zu begleiten. Lukas wurde zum Gefährten und treuen Mitarbeiter des Apostels Paulus, der ihn mit der Bemerkung „Lukas, der Arzt, der Geliebte“ auszeichnete (Kolosser 4:14). Der heilige Lukas ging mit dem Apostel Paulus von Troas nach Philippi und blieb mehrere Jahre in dieser Stadt, um die dortige junge Kirche zu stärken. Hier wurde er aus dem Arzt des Leibes zu einem wahren Arzt der Seelen für die dortigen Gläubigen. Als der heilige Apostel Paulus auf seiner dritten Missionsreise Philippi im Jahre 62 erneut besuchte, sandte er den heiligen Lukas nach Korinth, um die für Jerusalem gesammelten Spenden in Empfang zu nehmen.

 

Zusammen reisten sie danach in die Heilige Stadt Jerusalem. Während dieses Aufenthaltes verbrachte der heilige Lukas auch viel Zeit mir der Allheiligen Gottesgebärerin. Da er die aramäische Sprache beherrschte, konnten sie ohne Vermittlung miteinander sprechen. Auf diese Weise erfuhr der heilige Lukas von ihr viele Einzelheiten aus dem Leben des Erlösers, vor allem seinen frühen Jahren und aus der Vorgeschichte Seiner Geburt, die uns dann in seinem Evangelium überliefert hat. In dieser Zeit schrieb der heilige Apostel Lukas, der neben der Heilkunst auch die Malerei beherrschte, auch die Hodegetria-Ikone in Gegenwart der Allheiligen Gottesmutter.

 

 

Nach der Verhaftung des heiligen Apostels Paulus folgte ihm Lukas getreulich bis nach Rom. Später beschrieb er in der Apostelgeschichte die Einzelheiten jener abenteuerlichen Reise (Apostelgeschichte Kapitel 27 & 28). Der heilige Lukas hat diesen Bericht der Taten der heiligen Apostel, ebenso wie sein Evangelium mit Hilfe des heiligen Apostels Paulus in Rom verfasst. Beide Bücher widmete er dem Statthalter von Achaia, Theophilus (das griechische Wort Θεόφιλος = „Theophilos“ heißt übersetzt „der von Gott Geliebte“. Es könnte sich also sowohl um den Eigennamen des römischen Statthalters von Achaia, als auch um eine geistlich-seelsorgerliche Ansprache desselben handeln), der sich zu Christus bekehrt hatte. Unter Beifügung vieler Einzelheiten, die man in den beiden ersten Evangelien (Matthäus und Markus) nicht finden kann, erzählt der heilige Lukas uns das Leben des Erlösers, indem er besonders Seine Barmherzigkeit gegenüber der sündigen Menschheit hervorhebt. In der Apostelgeschichte schildert er zunächst die Ereignisse unmittelbar nach der Himmelfahrt des Herrn, das Leben in der Urkirche in Jerusalem und die Taten des heiligen Apostels Petrus. Danach berichtet er im Hauptteil des Buches über die Missionsreisen des heiligen Apostels Paulus, der mehr als alle übrigen Apostel für die Verkündigung des Evangeliums, und damit für die Ausbreitung des christlichen Glauben und der Kirche Christi getan hat.

 

In Rom wurde der heilige Apostel Paulus nach zweijährigem Hausarrest freigelassen. Von Rom aus nahm er zusammen mit dem heiligen Lukas sogleich wieder seine apostolischen Reisen auf (Apostelgeschichte 28:17–31). Nach der Überlieferung kam Paulus dabei bis in das südliche Gallien und nach Spanien.

 

Wenig später aber begann Kaiser Nero in Rom seine große und grausame Verfolgung der Christgläubigen. Unter Lebensgefahr kehrte der heilige Apostel Paulus damals in die Kaiserstadt zurück, um die römischen Christen in ihrer Bedrängnis zu stärken. Damals wurde der heilige Apostel Paulus erneut festgenommen, in Ketten gelegt, und unter schlimmen Umstanden im Mamertinischen Kerker zusammen mit dem heiligen Apostel Petrus gefangen gehalten, denn auch der  heilige Apostel Petrus hielt sich zu dieser Zeit in Rom auf. Der Apostel Petrus stand zu dieser Zeit der römischen Kirche vor, während Paulus in der Verkündigung des Evangeliums im Westen des römischen Reiches wirkte. Wo Andere die beiden Apostel damals aus Furcht verließen, hielt der heilige Lukas dem Apostel Paulus unverbrüchlich die Treue (2. Timotheus 4:11). Am 29. Juni des Jahres 67 wurde der heilige Apostel Petrus dann auf dem Vatikanischen Hügel kopfüber gekreuzigt, während der heilige Apostel Paulus als römischer Bürger am Ort, wo sich heute die Kirche „Alle tre Fontane“ erhebt, mit dem Schwert enthauptet. Es ist anzunehmen, dass der heilige Lukas seinem Märtyrertod beiwohnte, doch hinterließ er uns kein schriftliches Zeugnis hierüber.

 

Nach dem Märtyrertod des Völkerapostels kehrte der heilige Lukas in den Osten der römischen Reiches zurück. Er wurde Bischof von Theben in Bootien, weihte dort Priester und Diakone, erbaute Kirchen und heilte Kranke an Seele und Leib. Nach dem Zeugnis des heiligen Gregor von Nazianz wurde erlitt der heilige Apostel und Evangelist Lukas im Alter von 84 Jahren das Martyrium. Er wurde von den Heiden ergriffen, gehäutet und an einem Olivenbaum gekreuzigt.

 

Das Grab des heiligen Apostels Lukas in Theben in Boötien.
Das Grab des heiligen Apostels Lukas in Theben in Boötien.